Humor und Ideologie

Bei der Mädchenmannschaft hat Lantzschi einen Artikel mit dem Titel „Du hast den Witz einfach nicht verstanden”. Es geht um diesen Werbespot

Falls jemand das Video nicht sehen kann:

Ein paar liegt im Bett, sie relativ sexy, sie murmelt leicht leidend „Ich kann nicht einschlafen“. Er beugt sich liebevoll wie zu einem Kuss zu ihr… um sie dann mit einem Headbutt in das Reich der Träume zu schicken. Message: Eine einfache Lösung, genau wie der Wechsel zu E wie einfach.

Der Humor soll hier – wie meist bei Humor – aus der Überraschung kommen und aus dem Gegensatz zu dem was man eigentlich erwartet. Statt Liebe gibt es Gewalt. Ein recht klassischer Ansatz, einen überraschenden Gegensatz zu konstruieren. Über diese Konstruktion als überraschender Gegensatz wird gerade deutlich, dass sie eben nicht normal ist – sonst wäre es nicht lustig.

Aber natürlich ist es sexistische Kackscheiße, denn Gewalt gegen Frauen kann nie lustig sein, sie beschönigt immer reale Gewalt, erzeugt sie, und ist damit sexistisch.

Lantzschi dazu:

Letztlich steckt immer der Wunsch dahinter nicht als schlechter Mensch zu gelten, der diskriminierende Inhalte lustig findet. Da die Sichtbarmachung von -Ismen in den meisten Fällen mit Tabus belegt wird, die zu durchbrechen angeblich den höchsten Frevel der Menschheit darstellt, werden Kritiker_innen mit allerlei rhetorischen Strategien beschäftigt gehalten, um ja nicht noch mehr Menschen vom diskriminierenden Inhalt des kritisierten Gegenstandes zu überzeugen. Eine Strategie neben Bildungsforderungen, Beschimpfungen und Alltagswissen ist die Degradierung der Kritiker_innen zu Menschen, die nicht mehr ganz bei Sinnen sind, mittels oben genannten Aussagen: Die Betroffenen haben einfach nicht verstanden, dass die sexistische Kackscheiße einfach nur witzig gemeint war.

Das ist in gewisser Weise lustig. Denn in der Tat wird hier die Gewalt gegen Frauen mit einem Tabu belegt, die Sichtbarmachung dieses Tabus gilt als hoher Frevel und es gibt allerlei rhetorische Strategien – Privilegien, heteronormative Matrix, hegemoniale Männlichkeit oder auch schlicht Rage und Snark – damit das nicht auffällt. Lantzsch Degradiert hier die Leute, die den Spott als nicht so schlimm ansehen zu hinterwäldlerischen Idioten, die einfach nicht erkennen, wie starkt der Sexismus ist. Die von dieser Kritik betroffenen haben einfach nur nicht verstanden, dass solche Werbung ein Kampfmittel der hegeominalen Männlichkeit ist.

Meine ich damit, dass man die Werbung gut finden muss? Nein, keineswegs. Natürlich kann man gegen jegliche Gewalt gegen Menschen sein und eine solche nicht lustig finden. Aber daraus gleich den Untergang des Abendlandes zu zimmern, eine Entschuldigung für häusliche Gewalt und was weiß ich noch alles, dass muss trotzdem nicht sein. Man kann sogar, wenn man den entsprechenden Humor hat, über den unerwarteten Sprung lachen und gleichzeitig etwas gegen häusliche Gewalt, welches Geschlecht sie auch immer erleidet, haben.

Die perfide Botschaft hinter Aussagen wie “Du hast den Witz nicht verstanden” ist: Ich nehme deine Kritik nicht zur Kenntnis (weil ich’s kann/weil ich nicht muss) und unterstelle dir, dass du eine Perspektive auf den Gegenstand legst, die nicht der objektiven/neutralen/realitätsnahen entspricht. Der Zynismus hinter der Aussage könnte deutlicher nicht sein, denn Betroffene von Sexismus und anderen -Ismen sind in einer Welt sozialisiert worden, die ihnen täglich zu verstehen gibt, dass Unterdrückung Normalität ist und daher Witze darüber oder über bestimmte Gruppen völlig akzeptiert sind. Sie haben gelernt ihre Umwelt immer durch zwei Brillen zu sehen: die eigene und die der Mehrheitsgesellschaft. Sie haben gelernt, dass die “Default-Brille” die der Mehrheitsgesellschaft ist.

Da sind wir wieder bei „Frauen sind von Gewalt betroffen, Männer hingegen privilegiert“. Diese „Default-Brille“ legt man sich nicht in der Mehrheitsgesellschaft zu, sondern im radikaleren Genderfeminismus. Denn hier ist eben alles Konstruktion von Macht. Auch diese Werbung. Und wenn man meint, dass sie nicht so schlimm ist, dann ist das schlimm, dann wertet man die Perspektive ab, denn kritische Perspektiven sind wichtig und die wichtigste ist die der Opfer, alles andere wäre Opferblaming.
Natürlich wertet man damit auch diejenigen ab, die eben nicht alles unter dem Machtaspekt sehen wollen, die nicht in jeder Grenzüberschreitung zu Lasten bestimmter Gruppen gleich eine Unterdrückung sehen.

Lantzschis Fazit:

Ergo ist “Gaslightening” keine Form der Argumentation, sondern eine Form der Degradierung des_der Gegenüber_s, der Versuch Unterdrückung wieder in die Unsichtbarkeit zu verbannen und Problemverlagerung auf Betroffene. “Du hast den Witz nicht verstanden” ist Gewalt, da die kritisierte Diskriminierung noch einmal auf die Betroffenen zurückfällt.

 Richtig: Wer nicht meint, dass jede Darstellung, die ich als problematisch ansehe, eine Degradierung ist, der übt Gewalt aus. Wie kommt Lantzschi eigentlich darum herum, die Darstellung, dass man es eben auch anders, entspannter, sehen kann, ebenfalls zudegradieren und damit dann wieder Gewalt gegen diese Menschen auszuüben? Naja, sie haben eben die falsche Opfergruppe, Humorvoll wird durch Frauen (unterdrückte Frauen) selbstredend getoppt.

Daher dann auch Lantzschis Schluß, mit dem sie noch einmal die eigene moralische Überlegenheit feiert:

Allerdings wird mit “Du hast den Witz nicht verstanden” deutlich, dass es nicht die Betroffenen sind, deren Weltsicht eingeschränkt ist. Denn wir beide haben den Witz verstanden, ich bin nur schon einen Schritt weiter als du.

Natürlich ist sie weiter, ideologisch weiter. Daran kann kein Zweifel bestehen. Sie schränkt nur Weltsichten ein, die noch nicht so weit sind, will den anderen insofern bei ihrer Horizonterweiterung helfen. Weg von ihrem Sexismus, hin zur feministischen Ideologie.

Deutlich wird das auch noch mal bei „Gender Trouble?„, der auf Lantzschis Text Bezug nimmt:

Was all diesen Reaktionen gemein ist, ist dass sie grundsätzlich missverstehen, was es bedeutet, auf Sexismus hingewiesen zu werden. Es geht nämlich (meist) nicht darum, auf persönliche Fehler hinzuweisen oder einzelnen Schuld zuzuweisen, sondern es geht darum, die Strukturen aufzuzeigen, die Sexismus hervorbringen und zur Reflektion darüber anzuregen, wie mensch selbst in diese Strukturen verstrickt ist.

Dieser Werbespot ist eine Struktur, die Sexismus hervorbringt. Denn jede Gewaltdarstellung gegen Frauen erleichtert über die daraus resultierenden Normen weitere Gewalt gegen Frauen. Dass dabei in allen Medien weit weit weitaus mehr Gewalt gegen Männer gezeigt wird, das ist dann wahrscheinlich nur eine Ablenkung von der Frauengewalt, eine neue Struktur, die man aufzeigen kann.

Dort weiter:

Wenn A einen “Witz” über Vergewaltigungen macht, dann ist das verwerflich. Auch, weil dieser eine spezielle “Witz” Menschen verletzt, aber vor allem, weil er nur deshalb vermeintlich witzig ist, weil wir in einer rape culture leben. Wenn die männliche Verfügungsgewalt über weibliche Körper nicht so selbstverständlich wäre, wie sie das leider immer noch ist, würde der “Witz” völlig seine Funktion (Aufrechterhaltung der rape culture) verlieren und aufhören “witzig” zu sein.

Hier ist es noch klassischer. Der Witz über eine Vergewaltigung (zB dieser gerade ergoogelte:  „Anruf bei der Polizei: „Hilfe, in unserem Nonnenkloster gab es eine Vergewaltigung!“ „Das ist ja schrecklich, wer wurde denn vergewaltigt?“ „Der Briefträger.“) dient dazu die Vergewaltigungskultur aufrechtzuhalten. Wer das nicht zugibt, der ist eben verblendet oder unterstützt die Vergewaltigungskultur. Wer zuviel Betonung dieser  Verschwörungstheorien Theorien kritisiert, der nimmt die Vergewaltigungskultur und damit den Sexismus in Schutz.

Ich denke es ist dieser ideologische Ansatz, nachdem bestimmte Themen per se nicht witzig sein können, sondern immer Ausdruck von Unterdrückung sind, der dem Feminismus seinen Ruf eingetragen hat, humorlos zu sein. Den gerade über Unterdrückung oder Missstände oder schreckliche Ereignisse wurden schon immer Witze gemacht. Das wird hier verboten und das ohne jede Diskussionsmöglichkeit. Weil jeder Humor hier Unterdrückung ist, wird alles humorlos.

Interessant dazu auch der Soup „Sexistische Kackscheiße, indem eifrige Feministinnen jedes Bild, was einen Geschlechterzusammenhang hat und bei 9gag,com etc läuft einstellen.

Beispiele wären:

Das Gamer Girl

Eine kleine Abgrenzung des Begriffs „Gamer Girl“: Eben nicht das Mädel, was irgendwie mal einen Controller in der Hand hat und damit possiert, sondern eine Mädchen, dass sich richtig in Games reinsteigert. Ich vermute mal, dass hier insbesondere die Abwertung „Slut“ diesen Titel der „Sexistischen Kackscheiße“ eingebracht hat. Hier würde mich auch interessieren, ob das Bild von einer Frau oder einem Mann gemacht wurde, die damit etwas In- und Put-Grouping betreiben wollte. Die Posergirls ohne Substanz gegen die wahren Fans.

Das Ballspiel:

Was hieran eine sexistische Kackscheiße ist, erschließt sich mir nicht. Es sei denn vielleicht man sieht es als einen essentialistischen Vorschlag an, nachdem jeder Mann und jede Frau so handeln würden. . Mir scheint es aber eine durchaus präzise, wenn auch überspitzte Darstellung der Realtität im Schnitt zu sein. Frauen reagieren eben eher als Männer mit emotionaler Unterstützung (Tend and Befriend) und können es sich eher leisten, Gefühle zu zeigen, während Jungs im Rahmen des „Rough and Tummble„-Play das ganze in einen Wettbewerb einordnen und sich daher eher ein paar Sprüche drücken.

Patriarchaler Feminismus

Auf dem Blog „Feminist Critics“ wird ein Fall dargestellt, indem es ein feministischer Blog gut fand, dass ein Mann den Männern, die Frauen schlagen, Gewalt androhte. Dazu schreibt man dort:

It seems to me that this is a classic example of what I’ll call “patriarchal feminism”: the easy and unprincipled embrace of patriarchal double standards so long as those double standards operate for women’s benefit.

Patriarchal feminism is not the same as gynocentric feminism, but is properly seen as a subset of it. It is a particularly glaring example of the inegalitarian tendencies of gynocentric feminism in that it deploys or endorses specifically patriarchal approaches in order to improve or sustain women’s quality of life, even though those approaches are often explicitly sexist.

Ich denke auch, dass sich Teile des Feminismus gerne diesem Doppelstandard bedienen (wenn ich auch die Bezeichnung als patriarchalischen Feminismus ironisch, aber dennoch unpassend finde).

Dass ist zB der Fall wenn Männern vorgehalten wird, dass sie Versager sind (was ja eine Betonung der Versorgerrolle und des Statusgedankens ist) oder „echte Männer“ dies oder das nicht tun.

Zum konkreten Fall heißt es dann zu einem besseren Ansatz:

If one wanted to formulate a non-sexist rule about violence, it seems to me it would have to be something along the lines of, “A physically stronger person should never strike a physically weaker person.” Perhaps some exception should be built in to allow for ‘outside of outrageous verbal or emotional provocation,’ but that would certainly open up a thorny can of worms (to torture a metaphor).

Of course, a rule that ‘the strong must never strike the weak’ would completely undercut the foundation of the violent male dominance hierarchy on which patriarchy is generally built.

Und ohne diese Dominanzhierarchie geht eben auch das Feindbild flöten. Da ist es besser sich den Mann als Aggressor zu erhalten und selbst sexistisch zu sein.

Machtmittel im Diskurs: Diskussionsbereitschaft

Kathrin schreibt auf ihrem Blog „The Leftist Elite“ dazu, wie man aus feministischen Kreisen darauf reagiert hat, dass sie mit mir eine Diskussion führen will und wie man allgemein zu wenig Diskussionswille in diesen Kreisen zeigt

Der zweite Grund warum das Netz kein „politisch“ kann, ist dieses ewige Rumgeflausche und Liebgehabe. Ich nehme mich da jetzt mal nicht aus: Es allen Recht machen wollen. Dorobaer und Schmidtlepp. Oder Stephan Urbach und Guttenberg. Das ist wie der fehlende Dislike-Button auf Facebook. „Hallo, ich sehe das komplett anders, als du! Wollen wir das mal in einer hitzigen Diskussion ausbattlen? Hätt ich voll Bock drauf.“ – habe ich fast noch nie gehört. Zuletzt kam so etwas Ähnliches von Christian, der Alles-Evolution-Schreiber. Und ja: ich setze mich gerne mit der „anderen Seite“ auseinander. Das ist nämlich politisch! Aber sofort kam über twitter die Maßregelung, dass ich „mit *dem*“ ernsthaft eine Auseinandersetzung führe – also nä…!

Das ist die neue Netzhygiene: Ich lasse niemanden in mein kleines Flauschi-Paradies, der meine Inhalte infrage stellt. Es ist auch völlig unmöglich, zumindest mancher-internet-orts, noch irgendeinen inhaltlichen Disput zu führen. Die Moralkeule hängt gleich drüber und *boing* hat‘se dich. Denn es gibt mittlerweile ganz schön viele etablierte Tabus. Blabla-ismen überall!

Ich stimme ihrer Meinung, dass man bei unterschiedlichen Auffassungen diskutieren sollte, um zu sehen, welche Gegenargumente es gibt und ob die eigene Meinung schlüssig ist, voll zu.

Mir scheint allerdings auch die Gegenauffassung innerhalb des dortigen Theoriegebäudes durchaus stimmig:

Zwei Grundannahmen des Poststrukturalismus sind:

  • es gibt keine obkjektive Wahrheit, sondern nur den Diskurs
  • im Diskurs geht es immer um Macht bezüglich des Diskurses

Nimmt man diese Einstellung, dann kann man vertreten, dass man mit jedem Diskurs mit der Gegenseite dieser Raum gibt, Einfluss im Diskurs zu gewinnen. Wer sich nicht auf einen Diskurs einläßt, der kann auch keinen Raum frei geben. Da es keine objektive Wahrheit gibt, wäre eh davon auszugehen, dass alle Argumente nur Ausdruck des Diskurses sind, in diesem entstanden sind und damit der Ideologie des jeweiligen Forschers entsprechen. Da die „biologische Geschlechterforschung“ nach dieser Auffassung dann eben patriarchalisch ist oder zumindest der hegemonialen Männlichkeit zuarbeitet (Beweis: Sie vertritt andere Auffassungen als der Genderfeminismus) ist das was dort vorgebracht wird egal, da die Meinung nicht in den Diskurs gelangen soll, muss man sie ausblenden.

Dagegen könnte man anführen, dass man mit der Eröffnung eines Diskurses ja wieder andere Schichten anspricht, die vorher vom „biologischen Diskurs“ vereinnahmt waren. Aber das würde natürlich die Auffassung verlangen, dass es in der Sache um Argumente geht, die eigene Auffassung die besseren Argumente hat und es darauf ankommt. Wenn man aber vertritt, dass es keine objektiven Fakten gibt, dann gibt es auch keine besseren Argumente. Es gibt nur besser konstruierte Wahrheiten. Was man anscheinend dem Patriarchat durchaus zutraut. Also bringt eine Debatte nichts, sondern ist sogar eher schädlich.

Schade eigentlich.

Ich biete noch einmal eine Debatte an und freue mich auch auf die mit Kathrin, die gerade „Gehirn und Geschlecht“ liest und danach darüber diskutieren möchte, was ich sehr begrüßenswert finde.

 

Gynozentrischer Feminismus

In einem Artikel auf dem Blog „Feminist Critics“ geht es in dem Artikel „Revised definition of Gynocentric Feminism“ darum, auf Gleichberechtigung ausgerichteten Feminismus von einem Feminismus abzugrenzen, der lediglich Fraueninteressen dienen soll:

The term actually gets at the principles, beliefs, attitudes, and assumptions of the feminist in question. Gynocentric views include

  • Men are universally privileged by gender and women are not
  • Women have inescapably or presumptively superior insights into questions of gender than men.
  • Women are entitled to define the terms of gender discussions and that men must “check” their gender privilege before entering into those discussions (and women don’t have to check theirs).
  • Men oppressing other men is an example of men ‘oppressing themselves’ (or other similar ‘men are Borg’ type notions).
  • Criticism of feminist misandry is presumptively invalid, illegitimate, or suspect.
  • Any similar beliefs or assumptions

Gynocentricity isn’t simple binary state. The more a particular feminist adheres to the above principles, the more gynocentric she is. The less she adheres to them, and the more she adheres to contrary notions, the less gynocentric and more egalitarian she is.

Ich finde diese Definition sehr gelungen, weil sie in der Tat viele Erscheinungen des „Gender- und Privilegienfeminismus“ in das richtige Licht setzt. Es geht insoweit um den Grad der Frauenbezogenheit, weil all diese Theorien und Ansätze tatsächlich unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden können, inwieweit sie Frauen in den Vordergrund rücken und Männer in den Hintergrund bzw. inwieweit sie in einem Diskurs die Position der Frau stärken  und es dem Mann erschweren, seine Position zu vertreten.

1. „Men are universally privileged by gender and women are not“

Zu den Privilegientheorien habe ich schon einiges geschrieben:

In der Tat zeugt eine Ansicht, dass nur die Männer privilegiert sind, davon, dass man die Geschlechter sehr einseitig wahrnimmt. Wer dann noch zu dem Kunstgriff greift alle Privilegierungen der Frauen als „wohlwollenden Sexismus“ anzusehen, aber nicht zu untersuchen, inwieweit dies auch bei den Männern der Fall sein könnte, der nimmt in der Tat eine sehr frauenbezogene Perspektive ein.

2. „Women have inescapably or presumptively superior insights into questions of gender than men.“

Auch das war schon häufiger Thema hier

Der Gedanke, dass Frauen die unterdrückte Gruppe sind und deswegen bei jedem Problem auch immer die besseren Einsichten haben führt über das „epistemische Privileg“ dazu, dass sie bei einem gynozentrischen Blickwinkel alle Probleme im Verhältnis der Geschlechter besser beurteilen können. Wer das epistimische Privileg kombiniert mit „Männer sind privilegiert“ und „Männer können nicht benachteiligt werden, was als Benachteiligung von Männern erscheint, ist lediglich ein wohlwollender Sexismus gegenüber Frauen“ kommt zu so gynozentrischen Ansichten wie Lantzschi in dem Artikel „„Es gibt keinen Sexismus, unter dem Hetencismänner zu leiden hätten

3. Women are entitled to define the terms of gender discussions and that men must “check” their gender privilege before entering into those discussions (and women don’t have to check theirs).

Das ist im Prinzip auch bereits oben behandelt worden. Da Frauen nicht privilegiert sein können, jedenfalls nicht als Frauen (allenfalls wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Klasse oder ihrer sexuellen Orientierung etc) können sie ihre Privilegien ignorieren, gleichzeitig aber das „Ablegen“ von Privilegien bei Männern fordern, damit diese sich überhaupt beteiligen können. Das führt dann zu solchen Listen, wie sie hier aufgestellt werden, unter denen bestimmte gynozentrische Feministen dann überhaupt eine Beteiligungsmöglichkeit für Männer sehen. Diese Liste schränkt aber Männer wieder so ein, dass letztendlich eine Gleichberechtigung nicht mehr vorhanden ist.

4. Men oppressing other men is an example of men ‘oppressing themselves’ (or other similar ‘men are Borg’ type notions).

Ein beliebtes Argument innerhalb einer Geschlechterdiskussion.

Beispielsweise in dieser Form:

  • Männer müssen ihre Privilegien ablegen und aktiv daran arbeiten Frauen in Führungspositionen zu bekommen
  • Wenn Männer häufiger als Frauen Obdachlos sind, dann liegt das am Patriarchat und die Männer müssen es selbst lösen, da sieht man mal wie schädlich das Patriarchat für Männer ist, Frauen haben mit der Gesellschaft nichts zu tun, selbst die nicht, die Führungsverantwortung haben
Sprich: Um so gynozentrischer der Blickwinkel um so eher sind Probleme, die eher Frauen betreffen, Probleme, die von allen, insbesondere den Männern zu lösen sind und um so eher sind Probleme, die typischerweise Männer betreffen, Probleme, die zumindest bezüglich der Männer von eben den Männern gelöst werden müssen.

5. Criticism of feminist misandry is presumptively invalid, illegitimate, or suspect.

Wenn der Blickwinkel auf Frauen bezogen ist, also gynozentrisch, dann steht Fehlverhalten gegenüber diesen im Vordergrund. Fehlverhalten von Frauen gegenüber Männern kann dann nur eine Ablenkung oder aber jedenfalls zu ignorieren sein. Die Backlash-Theorie geht ebenfalls in diese Richtung. Sie erlaubt es alle Kritik am Feminismus, eben auch solche, die Männerfeindlichkeit darstellt, bereits formell, also ohne Prüfung des Inhalts, abzuweisen, weil sie eben nur ein Versuch ist, den Feminismus einzuschränken. Der gynozentrische Feminismus hat bei solchen Vorhaltungen auch Slogans wie „What about the menz“ zur Abwertung entwickelt, mit denen Vorhaltungen direkt als Derailing abgewertet werden und demnach nicht weiter geprüft werden müssen.

6. Any similar beliefs or assumptions

Es ist vielleicht schon in den anderen enthalten, aber ich meine, dass hierzu auch die vielen Mittel gehören, mit denen ansonsten Diskussionen abgewürgt werden, weil die auf Frauen bezogene Perspektive bereits als nicht diskutabel angesehen wird, und man nicht diskutieren will, sondern Einsicht erwartet und Gegenargumente lediglich als Machtmittel im Diskurs ansieht. Ich habe einige unter dem Beitrag „Tipps für Diskussionen auf feministischen Blogs“ und „Machtmittel im Diskurs“ dargestellt.

Insgesamt scheint mir die Frage, inwieweit die Frau in den Mittelpunkt gerückt wird und Probleme des Mannes ausgeblendet werden durchaus einen interessanten Vergleich von Positionen zu ermöglichen.

Machtmittel im Diskurs: Backlash

Ein interessantes Konzept ist der „Backlash gegen den Feminismus“

Aus der Wikipedia:

Susan Faludi popularisierte den Begriff Backlash in ihrem gleichnamigen Buch (1991). Darin definiert sie die antifeministische Backlash-Bewegung als einen machtvollen Gegenangriff auf Frauenrechte, der es zum Ziel hat, die wenigen und schwer erkämpften Siege des Feminismus zunichte zu machen.[2] Faludi argumentiert darüber hinaus, dass ein antifeministischer Backlash Mitte des 19. Jahrhunderts, um die Jahrhundertwende, sowie in den 1940er und 1970er Jahren zu verzeichnen war und feministische Bestrebungen zum Erliegen brachte.[3] Dem Feminismus wurden die meisten sozialen Probleme, darunter auch die Unzufriedenheit von Frauen[4] sowie solche Mythen wie der „weibliche Burnout“, die „Krise der Unfruchtbarkeit“ und der „Mangel an heiratsfähigen Männern“, angelastet.[1][2]

bell hooks argumentiert, dass jegliche tiefgreifende Kritik an patriarchaler Maskulinität die bestehenden Herrschaftsstrukturen bedroht und einen antifeministischen Backlash hervorruft.[5]

Der Sozialwissenschaftler und Politologe Simon Möller argumentiert in seiner Studie, dass der Diskurs der deutschen Medien in den 90er Jahren durch einen antifeministischen Backlash gekennzechnet war. Dieser Backlash habe die Anti-Politische Korrektheits-(PC)-Rhetorik und insbesondere das medial konstruierte Feindbild eines angeblich übermächtigen, lustfeindlichen und „politisch korrekten“ Feminismus sowie das vermeintliche Phänomen einer „sexuellen Korrektheit“ (SC) instrumentalisiert. „Sexuelle Korrektheit“ fungiere dabei als Teil des Anti-PC-Diskurses mit dem speziellen Angriffsziel Feminismus. Bei diesem antifeministischen Backlash handele es sich um einen „hegemonialen Offensivdiskurs“, der versucht, emazipatorische Bestrebungen als „politisch korrekter“ Nonsens lächerlich zu machen oder zur Gefahr zu stilisieren und frauenfeindliche Positionen zu normalisieren. Die Anti-PC- und Anti-SC-Kampagnen seien männliche Legitimationsstrategien zur Wahrung materieller und sozialer Vorteile gegenüber Frauen. Dem Anti-SC-Diskurs komme dabei insbesondere die Funktion zu, „von dominanter Seite zur Festigung des patriarchalen Konsenses, d. h. zur Herstellung von Akzeptanz gegenüber strukturellen Machtasymmetrien im Geschlechterverhältnis“ beizutragen. Der antifeministische Backlash folgt laut Möller bestimmten Mustern:[6][7][8]

  • Sexismus und sexuelle Gewalt wird erotisiert, trivialisiert sowie singularisiert;
  • eine Täter-Opfer-Umkehr findet statt;
  • die Existenz sexistischer Dominanzverhältnisse wird bestritten;
  • eine feministische Hegemonie an den Universitäten, in den Medien und im Kulturbereich wird suggeriert; und
  • der Begriff „Feminismus“ wird stigmatisiert.

In seiner diskursanalytischen Untersuchung fand John K. Wilson ähnlich wie Simon Möller, dass es sich bei der Debatte über politische Korrektheit und insbesondere sexuelle Korrektheit in den Medien um einen Backlash gegen den Feminismus handelt.[9]

Als Machtmittel im Diskurs ist die Behauptung eines Backlash wirksam. Alle Gegenargumente, die die Gegenseite bringt sind in dem Moment keine Gegenargumente mehr, sondern lediglich Mittel um den Feminismus zurückzudrängen. Man muss sich dann nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen, sondern kann einfach auf das Ziel, nämlich die Diskreditierung des Feminismus verweisen.

Das zeigt sich auch schön an den von Möller aufgezeigten Mustern eines Backlash:

  • Sexismus und sexuelle Gewalt wird erotisiert, trivialisiert sowie singularisiert;
Das deckt bereits eine Vielzahl von Gegeneinwänden ab. Wenn man beispielsweise behaupten würde, dass Frauen Vergewaltigungsphantasien haben, dann ist das eine Erotisierung sexueller Gewalt, wenn man behauptet, dass sie dominante Männer anziehend finden, dann ist das eine Erotisierung sexueller Gewalt, gleichzeitig wird damit diese Gewalt auch trivialisiert. Wenn man anführt, dass es keine rape culture gibt, sondern einzelne Straftäter oder das die Vergewaltigungszahlen zu hoch sind singularisiert man dies.
  • eine Täter-Opfer-Umkehr findet statt;
Das alte Lied: Frauen können keine Täter sein. Allenfalls Opfer. Wer ihnen eine aktive Täterschaft zuspricht, der betreibt also Backlsh
  • die Existenz sexistischer Dominanzverhältnisse wird bestritten;
Das Patriarchat lebt. Zwar kann es keiner wirklich definieren und was es genau ausmacht und wie es arbeitet bleibt auch unklar, es zu bestreiten ist aber Backlash. Natürlich zählt hier nur das Bestreiten sexistischer Dominanzverhältnisse, die gegen Frauen gerichtet sind. Denn andere kann es im Prinzip auch nicht geben.
  • eine feministische Hegemonie an den Universitäten, in den Medien und im Kulturbereich wird suggeriert; und
Eine feministische Hegemonie kann nicht bestehen. Denn Frauen sind Opfer der hegemonialen Männlichkeit. Demnach sind Frauen immer unterdrückt. Zu behaupten, dass sie bereits etwas erreicht haben und sich eine Machtposition erarbeitet haben, kann nur bedeuteten, dass man ihnen den Opferstatus nehmen will. Das inzwischen Bemerkungen, die feministische Position in Frage stellen, einem Unipräsidenten den Job kosten können  und – gerade an US-Universitäten – die Position des Feminismus sehr stark ist – Backlash
  • der Begriff „Feminismus“ wird stigmatisiert.

Wer etwas gegen unsere Ideologie sagt, der betreibt Backlash. Auf die Argumente kommt es wohl auch hier nicht an.

Diese Seite ist also eine „Alles Backlash“-Seite, aber mir wurden ja eh schon diverse Namensänderungen angeraten.

Eine schöne Kritik des Buches von Susan Faludi finde sich in der Besprechung „The Feminist as Paranoid“ von Jean Bethke Elshtain:

Faludi’s Backlash is an amazing beast, a living, breathing monster possessing irresistible force. Thus: “Just when women’s quest for equal rights seemed closest to achieving its objectives, the backlash struck it down. Just when a ‘gender gap‘ at the voting booth surfaced in 1980, and women in politics began to talk of capitalizing on it, the Republican party elevated Ronald Reagan and both political parties began to shunt women’s rights off their platforms.” On and on in this vein. When Faludi touches on the rise in female poverty (directly correlated with the rise in female-headed households—there’s no doubt about this relationship), the rise in violence against women, the rise of eating disorders, she blames it all on The Backlash.

But suppose someone came along and blamed all these things on feminism—after all, didn’t these phenomena appear after the rise of the feminist movement?—and dredged up the relevant statistics to make the case. This would be the occasion for outrage on Faludi’s part and further evidence of Backlash. The point is that conspiracy theory, no matter in whose hands, is a monument to anti-intellectualism. For serious laborers in the vineyard of the human sciences understand that all social phenomena have very complex roots—they are, as we say, overdetermined—and it takes skill, real acumen, an eye both for detail and the big picture, and, above all, intellectual honesty to explore such matters.

Backlash, on the other hand, is social science manque. The apparatus of scholarship is there, but the book’s each and every claim represents a radical reduction of social reality and experience, particularly Faludi’s presumption that any rethinking undertaken by any feminist at any time, if the thinker in question comes out at some place Faludi dislikes, constitutes a prima facie case that the woman in question has become a backlash pawn. (…)

For Faludi the use of the intellect is a very dangerous thing indeed; it might lead to what she labels “declarations of apostasy,” by which she more or less means disagreement with some or all of her feminist agenda, guaranteed to be the one and only pure product. To deviate in the slightest is to fling oneself over a cliff into the arms of Backlash.

„Wenn sich das Andere dem Normalen gegenüber widerständig zeigt, muss es gewaltförmig zurückgestoßen werden“

 Nadine Lantzsch schreibt in ihrem Beitrag „Der Gaze Effekt und Feminismus“ das Folgende:

Wenn das Normale das Andere konstruiert und dem eigenen unterordnet, will es natürlich weiterhin Verfügungsmacht über das Andere haben, sich Gewissheit verschaffen, dass das, was da als Abweichung herunterdefiniert wurde, auch an dem Platz verbleibt, den es zugewiesen bekommen hat. Wenn sich das Andere dem Normalen gegenüber widerständig zeigt, muss es gewaltförmig zurückgestoßen werden, sonst könnte es die vermeintlich sichere Positionen gefährden

Das finde ich in der Geschlechterdebatte interessant, allerdings aus einer anderen Sicht als Lantzschi.

Heute gilt gerade im Politischen Gleichheit der Geschlechter und feministische Grundgedanken als normal und dem Mann oder „Der Männlichkeit“ ist die Unterdrückerrolle zugewiesen worden, zumindest innerhalb der feministischen Debatte. Der Unterdrücker wurde hier durch den Feminismus konstruiert.

An diesem Platz soll der Mann als Unterdrücker auch bleiben, denn sonst lassen sich die Überhöhungen der Frau und deren Opferstatus nicht mehr halten. Er muss also immer wieder auf diesen Platz zurückgestoßen werden, was man ja auch im Feminismus sehr gut beobachten kann: Alles kann auf den Mann als Unterdrücker, die Phallokratie, die hegemoniale Männlichkeit zurückgeführt werden.

Andere Erklärungen, die dieses Weltbild gefährden, werden ebenfalls zurückgestoßen, und das mit dem üblichen Mittel, sie als „Backlash“ oder patriarchalistische Theorie zu sehen. Vor diesem Hintergrund können beliebig viele biologisch-medizinische Studien zu einer Unlogik, zu einem Nichtargument, zu etwas, was allenfalls neben der eigenen Meinung steht und ausgeblendet werden kann, weil man einen anderen Blickwinkel hat, erklärt werden. Dabei verzerrt man das Bild, das die Biologie zeichnet am Besten noch soweit, dass man es einfacher abwerten kann, eben zu einem Essentialismus.

Es erinnert mich an einen Dialog in „Coupling“, indem es ebefalls um Macht einer Gruppe ging, die als Widerstand angesehen wurde:

 

Patrick: Oh, don’t be so PC.

Howard: Typical leftie puritan.

Sally: Typical what? Come the revolution.

Patrick: What revolution? You guys are in power! We’re the revolution now.

Sally: No… no, it can’t be right.

Patrick: You’re the evil empire.

Sally: No!

Howard: Yes! Like Star Wars! And Patrick and me are the Rebel Alliance!

Sally: No! You’re not the goodies! We’re the goodies. We’re lefties! We’re always goodies!

Patrick: (Darth Vader voice) No, Sally, you are the establishment!

(Video habe ich leider nicht gefunden, wenn einer einen Link hat…)

Die moralisch überlegende Gruppe zu sein, die aber leider nichts ändern kann, weil sie nichts in der Hand hat und daher nur Widerstand leisten kann, ist eine dankbare Position. Das zeigen diverse Parteien auch in der Opposition. Ihre Politik muss sich weniger am machbaren Orientieren und kann theoretischer sein. Sie müssen sich weniger Sachzwängen beugen und können negative oder unerwartete Folgen ihrer Theorien in der Praxis oder fehlende Umsetzungsmöglichkeiten besser ausblenden. Kommen sie tatsächlich an die Macht ergibt sich dann mitunter ein Praxisschock, wie man es auch bei der SPD gesehen hat, die ihren sehr linken Flügel, der nunmehr die tatsächliche Revolution wollte, nicht mehr vertrösten konnte.

Deswegen wird auch beim Feminismus der Umstand hochgehalten, dass man der Underdog ist, der gegen das Übermächtige Patriarchat ankämpft. Das erlaubt freie Ziele, Feindbild, Gruppenzusammenhalt. Eigene Ziele und Gestaltungsmöglichkeiten herunter zu spielen kann für solche Gruppen sehr sinnvoll sein.

Interessant sind auch die von ihr genannten Reaktionsmöglichkeiten:

1. Gleichgültigkeit

Das ist die bevorzugte Strategie der Maße, die davon ausgeht, dass sie feministische Theorien nicht betreffen und einfach weiterlebt wie bisher

2. Assimilation

Das ist eine Strategie (pro-)feministischer Männer, aber auch eine Strategie des „Equity-Feminismus“, indem er anführt, auch ein Feminismus zu sein, dem es aber auf Gleichberechtigung ankommt, nicht auf Gleichstellung. Diese Assimilation war bisher nicht erfolgreich, da sie erkannt wurde, ermöglicht aber immerhin eine Entkräftung von Vorwürfen aus dem Bereich der relativ gleichgültigen.

3. Differenzierung und Radikalisierung

Auch in diesem Bereich kann man gemäßigtere feministische Theorien, eben auch den Equity Feminimus und auch die – beim ersten Ansatz – gemäßigtere Männerbewegung und den Maskulismus einordnen. Die radikaleren Teile der Männerbewegung und des Maskulismus haben dann eben die Radikalisierung bereits durch.

4. Verwerfung/Dekonstruktion

Diesem Bereich sind insbesondere weite Teile der medizinischen und biologischen Wissenschaft zuzuordnen, die den Geschlechterbereich betreffen. Allerdings wird meist nur der Unterschied selbst nageführt, ohne den Widerspruch direkt anzusprechen. Steven Pinker beispielsweise mindert Kritik, indem er sie auf „radikale Feministen“ bezieht und sich selbst über den Equity Feminismus dem gemäßigteren Bereich zuordnet.

Auch Maskulismus und Männerbewegung sind natürlich in diesem Bereich tätig und behandeln feministische Theorien und Mythen wie etwa die Lohndiskriminierung, Falschbeschuldigung und Vergewaltigung etc.

Machtmittel im Diskurs: Disziplinverständnis

Die biologische und medizinische Forschung zu Geschlechterunterschieden und deren Ursachen wird im Feminismus und in den Gender Studies nahezu komplett ausgeblendet (und als Biologismus abgestempelt, der nicht diskutiert werden muss).

 Ein Mittel, mit dem dies gerechtfertigt werden soll, ist das Disziplinverständnis.

 Khaso.Kind hat dies als Argument bereits zweimal angeführt, einmal bei mir in der Diskussion um Gender Studies

Hier:

Warum schreib ich eigentlich, dass es sozialwissenschaftlich ausgelegt ist?

Natürlich ist dann nur vorwiegend die soziale Wirkmächtigkeit von Geschlecht relevant. (Und nicht etwa die biologische.)

Und hier:

Du hast es nicht verstanden, ganz einfach.

Soziolog/innenen forschen soziologisch und Biolog/innen forschen biologisch. Das in der Soziologie keine biologischen Ansätze berücksichtigt werden und in der Biologie keine soziologischen Ansätze berücksichtigt werden, macht die jeweiligen Ergebnisse nicht falsch.

Und wenn die GS in der Soziologie angesiedelt sind, wie in Wien, dann heißt das nur, dass sie keine Aussagen über biologische Komponenten des Geschlechter treffen sollten. Voss darf das, der ist studierter Biologe.

und einmal in einer Diskussion bei Onyx.

Philosophische Konzepte (von vor über 30 Jahren) müssen in ihre Darstellung nicht _heutige_ Biologieerkenntnisse einbinden. Muss es andersrum ja auch nicht und tut es auch nicht. Nennt sich nach wie vor Disziplinverständnis, das unterschiedliche Aspekte desselben Phänomens beleuchtet. Ihnen das vorzuhalten, finde ich ziemlich witzlos aber genau darauf schießt du dich ein.

 Grundlage ist also, dass jede Forschungsrichtung einen verschiedenen Blick auf ein Problem entwickelt, der seiner eigenen Fachkenntnis entspringt.

Das ist in der Tat häufig der Fall. Mit einem bestimmen Fach ist häufig eine bestimmte Denkweise verbunden und natürlich erscheinen einem Erklärungen aus seinem Fach, bei denen man die Theorien, Denkweisen und Einzelheiten umfassend kennt häufig überzeugender.

Ein Beispiel wäre zB die Frage, wie Europa die erste Welt wurde.

Ein Islamwissenschaftler mag darauf abstellen, dass Wissen aus dem Orient improtiert wurde, ein Student der römischen und griechischen Geschichte mag auf die dortigen Errungenschaften abstellen, ein Kenner der Militärgeschichte auf die diesbezüglichen vorherigen Entwicklungen, eine andere Betrachtung mag auf Geographie, vorhandene Plfanzenarten und Tierarten und deren Nutzung etc  abstellen, ein Afrikainteressierter auf die Unterdrückung afrikanischer Menschen durch Kolonisation und Sklavenhandel. Hier tragen die verschiedenen Facetten zu einem Gesamtbild bei und es wird von einem Geschichtler nicht erwartet werden, dass er sich schlau macht, welche Pflanzen wie kultiviert werden konnten.

Das kann sich auf die Sichtweise auswirken: Politikwissenschaftler sehen häufig die Handlungsspielräume der Poltik, Juristen hingegen häufig eher die Einschränkungen der Politik aus den Grundrechten heraus.

Aus der Disziplin kann auch ein anderes Verständnis menschlichen Verhaltens folgen. Sozialphädagogen neigen dazu, dass Gute im Menschen zu sehen, Wirtschaftswissenschaftler hingegen neigen eher dazu den Mensch als Egoisten zu sehen.

Und natürlich neigen Biologen eher dazu Verhalten als auf einem biologischen Ursprung beruhend anzusehen, Soziologen nehmen eher soziale Gründe an.

Aber bei letztern ergibt sich ein anderes Bild als bei der Betrachtung der Gründe für die erste Welt:

Sichtweisen können entweder ein großes Bild ergeben oder sie können sich ausschließen.

Hierzu hatte ich beim ersten Auftreten dieses Arguments das Autismusbeispiel genannt:

Ich bringe noch einmal ein anderes Beispiel:

Autismus wurde lange Zeit auf Erziehung zurückgeführt, die „Eisschrankmütter“ sollten schuld sein, die ihrem Kind nicht genug Liebe gaben. Die Sozialwissenschaften konnten es eben nicht anders erklären. Macht es dies für dich, jetzt da wir wissen, das es rein biologische Ursachen hat, zu einer neben der biologisch stehenden Erklärung für den Autismus? Oder würdest du sie aufgrund der neueren medizinisch-biologischen Studien ablehnen?

Hier können nicht beide Sichtweisen gegeneinander stehen, weil zumindest eine falsch ist. Auf seinem Disziplinverständnis zu bestehen bedeutet hier den Bereich der Forschung für ein „Na und, so sehen wir es eben nicht“ zu verlassen

In diesem Bereich steht das Disziplinverständnis dem wohl wichtigsten Prinzip der Wissenschaft entgegen:

Dem Anspruch, dass ein Verständnis für die tatsächlichen Vorgänge ermittelt werden soll.

Meiner Meinung nach kann eine wissenschaftliche Vorgehensweise bei sich widersprechenden Meinungen nur dazu führen, dass man die Argumente der Gegenseite aufgreift und sich mit ihnen auseinandersetzt. Der simple Verweis darauf, dass man eine andere Disziplin vertritt entbindet nicht von der Auseinandersetzung mit den Argumenten der Gegenseite.

Ich hatte dann bei Onyx noch weitere Beispiele angeführt, die dies verdeutlichen sollten:

  Wie will man denn verschiedene Aspekte vernünftig beleuchten, wenn man die andere Forschung komplett ignoriert.

Nach der These wäre es vollkommen okay in einem anderen Zweig weiter davon auszugehen, dass die Erde eine Scheibe und der Mittelpunkt des Universums ist – wir beleuchten das Erdkörperproblem nur aus unterschiedlichen Aspekten.

Und da soll man dann nicht einwenden können, dass sie eben eine Kugel ist und nicht der Mittelpunkt des Universums, weil es eben eine andere Disziplin ist?

Unter dem Gesichtspunkt ist Kreationismus dann immerhin eine ernst zunehmende Wissenschaft.

Würde mich interessieren, wie du dieses Verständnis am Beispiel Kreationismus durchziehst: „Sie dürfen ignorieren, dass Fossilien älter als 6000 Jahre sind, sie betreiben theologische Archäologie, dass ist ein anderer Gesichtspunkt, vollkommen seriöse Forschung“

In dem Bereich der Geschlechterdebatte verhält es sich ähnlich. Wenn die Geschlechter eine deutliche biologische Komponente haben und diese durch besondere biologische Fallkonstellationen (CAIS, CAH etc) nachgewiesen wird, dann ist eine Auffassung, nach der die Unterschiede zwischen den Geschlechtern allein durch die Gesellschaft hervorgerufen wird falsch.

Sie muss dann entweder erklären, warum die biologischen Fallkonstellationen gar kein sind, sondern allein auf der Gesellschaft beruhen oder aber es müssen die Theorien angepaßt werden, bis sie zumindest diese Fälle ebenfalls erklären können.

Der einfache Hinweis, dass man einen anderen Blickwinkel hat, ersetzt dies nicht. Er ist dann eine simple Ausrede um sich mit den Gegenargumenten nicht auseinander setzen zu müssen.

Dies gilt um so mehr, wenn die andere Auffassung nicht eine schlichte Meinung einiger Verwirrter ist, sondern innerhalb der Biologie und Medizin führend ist.

Vor diesem Hintergrund wäre der „wissenschaftliche Feminismus“ gehalten, auf diese Argumente zu reagieren.

Er kann sich nicht hinter seinem Disziplinverständnis verstecken.

Machtmittel im Diskurs: Themenbegrenzung

Die Themenbegrenzung ist ein gutes Mittel zur Machtsicherung im Diskurs.

Nehmen wir an, dass es einen Diskurs um das Wesen des Mondes gibt. Ein Teil vertritt hier die Auffassung, dass der Mond der Hintern einer dicken Frau ist. In dem Blog Mondmannschaft, ein Blog von Befürwortern dieser Eigenschaft betrieben wird, erscheint nun ein Artikel der sich mit der Frage beschäftigt, ob früher das Gesicht der Frau der Erde zugewandt war und diese nur das patriarische Treiben und die Objektifizierung durch männliche Teleskope nicht mehr ertragen konnte und der (patriarischen) Erde deswegen ihren Hintern zeigt oder ob sie der Erde schon immer den Hintern zeigte und was der Grund dafür sein könnte (ein galaktisches Schuhgeschäft in der Ferne?).

In den Kommentaren führt nunmehr ein Vertreter der Mond-als-Fels-These an, dass beides falsch ist, da der Mond eben ein Fels ist. Der Kommentar enthält Details zum Apolloprojekt und zu Gesteinsanalysen des Mondgesteins.

Sein Kommentar wird unter Hinweis darauf, dass man über die Objektifizierung von Frauen und Schuhe und nicht über Raketen und Gesteinsproben redet als nicht zum Thema gehörend abgelehnt.

Ein einfacheres Mittel wäre es dann, wenn man am Thema „Was ist der Mond?“ tatsächlich interessiert ist, einen Extra-Beitrag zu dem Thema zu machen, ggfs gelegentlich, und alle Kommentare in dieser Richtung darauf zu verweisen („Das ist eine Themeninterne Diskussion, diskutiere bitte in diesem Artikel weiter“).

Ganz bedenklich finde ich aber, wenn man den Extraartikel macht und dann dort die Gegenmeinung nicht zulässt.