„Wenn du ein Mann* bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn dir die nichtmännlichen Leute um dich rum erklären, welche Privilegien du besitzt“

Franziska von Anarchie und Lihbe war auf einem Seminarwochenende zum Thema Körper – Geschlecht – Kapitalismus, (Teilnahme übrigens ab 15 Jahren) bei dem natürlich ganz feministisch vorgegangen wurde.

Interessant fand ich die Reaktion einiger männlicher Teilnehmer:

Männer* schilderten:

Sie haben sich angespannt gefühlt, hatten Angst, etwas falsches zu sagen oder zu tun, fühlten sich durch das als aggressiv empfundene Vorstellen des Definitionsmacht-Verfahrens vorverurteilt oder als Mann unter Generalverdacht gestellt. Die Definitionsmacht am ersten Abend und während der Begrüßung zu erklären, habe einen negativen Ausblick hergestellt, stattdessen hätte man sich vorfreudig auf die schöne gemeinsame Zeit berufen sollen. Dass der Umgang mit einer Grenzüberschreitung teilweise innerhalb der ganzen Gruppe stattfand, wurde als störend und bedrückend für das Gruppenklima empfunden. Manche Männer* und eine Frau* äußerten, dass sie das gesamte Wochenende über einen Zwang zu Political correctness und zu Harmonie empfunden haben und sich dadurch nicht frei fühlen konnten.

Kann ich gut nachvollziehen. Wenn gleich erstmal klargestellt wird, dass die Definitionsmacht beim Opfer liegt und man davon ausgehen kann, dass Frauen eh nur Opfer sein können, Männer hingegen wohl weniger und kleinste Fehler direkt vor der ganzen Gruppe besprochen werden, dann klingt das schon etwas anstrengend. Aber ich bin ja auch ein Mann und möchte nur nicht mit der Wahrheit konfrontiert werden um meine Privilegien nicht hinterfragen zu müssen.

Deswegen verkenne ich auch, dass es damit Männern nur so geht, wie es Frauen eh immer geht:

Ich füge hinzu: „Willkommen in unserer Welt.“

Wenn du mackerisch bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dein Mackerverhalten angreifen. Wenn du sexistisch handelst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere deinen Sexismus thematisieren. Wenn du Grenzen verletzt, muss es sich scheiße anfühlen, wenn die andere Person dir deine Grenzverletzung spiegelt. Wenn du ein Mann* bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn dir die nichtmännlichen Leute um dich rum erklären, welche Privilegien du besitzt. Wenn du breitbeinig dasitzt und mit deiner Stimme einen Raum beherrschst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dir schildern, wie ohnmächtig und verloren sie deine Dominanz machen kann.

Ich nehme an, dass der Hinweis darauf, dass möglicherweise auch Frauen Privilegien haben könnten und das Privilegienkonzept eh erhebliche Fehler hat wäre dort auch nur als Ausdruck der Privilegsverteidigung aufgenommen worden. Sitz gefälligst vernünftig und verstelle deine Stimme. Frauen fühlen sich bei einer solchen Stimme und einer Sitzhaltung (!) bereits ohnmächtig und verloren (!). Man möchte solche Punkte einmal in eine Diskussion um Vorstandspositionen einführen. Aber das Seminar war ja eh auch kapitalismuskritisch, da wird das nicht zählen.

Jedenfalls: Es muss sich scheiße anfühlen für dich als Mann, den Leid bringt Läuterung. Sitz einfach da, hör gut zu, und akzeptiere, dass deine Sitzhaltung Frauen unterdrücken kann. Halt aber bloß die Klappe, denn sonst störst du den Feminismus bei der Verbesserung der Welt. Ich wüsste wirklich gerne wie alt die Teilnehmer waren (das Mindestalter war ja 15 Jahre). Man kann einem Jungen schließlich nicht früh genug beibringen, dass er ein potentieller Vergewaltiger ist.

Ein Genosse antwortete zum Ende der Reflektionsrunde auf die Schmerzensschmerzen, worüber ich sehr froh war. Er sagte (sinngemäß), dass es ein Unwohlgefühl ist, wenn das eigene Geschlecht/Gender sichtbar gemacht wird, wenn das Verhalten in der eigenen Geschlechterrolle diskutiert wird, wenn Unterdrückungsmechanismen, an denen man selbst aktiv beteiligt ist, aufgezeigt und kritisiert werden. Dass das ein Gefühl von Unfreiheit, Anspannung, Unsicherheit und vielleicht sogar Angst hervorruft, ist normal. Frauen* und genderqueere Menschen sind fast immer und fast überall in genau dieser Situation. Sie müssen jederzeit damit rechnen, dass ihr Verhalten als Geschlechterrolle wahrgenommen und ggfs. abgewertet wird.

Ja, bei Männern ist das natürlich ganz anders. Ihr Verhalten wird nie als Geschlechterrolle wahrgenommen und abgewertet. ZB wenn sie zu breitbeinig sitzen, dass wird dann nicht als unterdrückendes Mackertum gewertet. Oder wenn sie mit einem Kind spazierengehen, da hat keiner abwertende Gedanken. Und allgemein ist der Vergleich männlichen Verhaltens mit Schweinen zum einen höchstens diskriminierend für Schweine und zum anderen auch verdient und damit kein Grund sich aufzuregen. Leben Frauen wirklich in einem beständigen Gefühl der Unfreiheit, Anspannung und Unsicherheit? Vielleicht kenne ich zu selbstbewußte Frauen, aber mir kommt es nicht so vor. Denn viele Frauen fühlen sich in ihrer Geschlechterrolle durchaus wohl, genau wie Männer sich in ihr wohlfühlen, andere Frauen fühlen sich unwohl, genauso wie bestimmte Männer sich unwohl fühlen. Dieses beharren auf der Opferrolle kommt mir insgesamt sehr gynozentrisch vor.

Immerhin folgt ein guter Rat: Eine Männergruppe gründen und in dieser dann gemeinsam lernen Privilegien abzubauen und zu verstehen, dass Mackertum und Mannsein an sich scheiße ist. Aber bitte strikt unter Männern, damit man Frauen mit deren Problemen nicht aufhält

Machtmittel im Diskurs: „Ich will nicht über Grundlagen diskutieren“

Eine Argumentationsfigur, die einem in einer Diskussion mit einigen Feministen gerade aus dem poststrukturalistischen Bereich immer wieder begegnet ist:

 „Ich will jetzt nicht über Grundlagen diskutieren“

Gerade auch in der noch dogmatisch korrekteren Verwendung:

„Ich will dir jetzt nicht die Grundlagen erklären“

(Der Unterschied ist, falls es nicht deutlich geworden ist, dass im zweiten Beispiel die Meinung als absolut gesetzt wird, wie es sich zur Abschottung des Diskurses ja auch gehört)

Das man keine Lust hat über Grundlagen zu reden kann natürlich berechtigt sein, aber es führt auch schnell dazu, dass andere Meinungen ausgeschlossen werden. Um es an einem Beispiel zu erläutern.

A: „X hat Y gemacht, das ist schlecht und muss geächtet werden“

B „Aber X hat Y gar nicht gemacht“

A: „Ich will jetzt nicht über Grundlagen diskutieren, sondern darüber, wie das Verhalten geächtet werden kann. Andere Gespräche werde ich nicht zulassen“

 Jetzt ist unschwer zu erkennen, dass die Auffassung, dass X die Handlung Y gar nicht gemacht hat, sich auch auf die Ächtung auswirken muss (es ist dann eben keine Ächtung erforderlich).

Übertragen auf den Feminismus wäre das zB:

Feministin: „Das Patriarchat führt dazu, dass Frauen nicht in gleicher Anzahl wie Männer in Führungspositionen vertreten sind. Wir müssen es ächten“

Diskutant: „Aber das Patriarchat gibt es so ja gar nicht oder man müßte es erst einmal definieren. Es spielen auch viele biologische Faktoren hinein, die es für eine höhere Anzahl von Männern als Frauen interessant machen, mehr Gewicht auf Karriere zu legen als auf andere Bereiche. Ein abstraktes Konstrukt zu ächten, was so gar nicht besteht, hilft da nicht

Feministin: „Ich will jetzt nicht über Grundlagen diskutieren, sondern darüber, wie das Verhalten geächtet werden kann. Andere Gespräche werde ich nicht zulassen“

Letztendlich ist es ein Fall der Themenbegrenzung, auf die ich bereits eingegangen bin. Der Unterschied liegt darin, dass hier nicht zwei Themen nebeneinander stehen, sondern die Diskussion zur Grundlage von der Diskussion zur Folge abgetrennt und die Grundlage damit vorausgesetzt wird. Das kann sinnvoll sein, wenn man sich Gedanken machen will, welche Folgen bei Zugrundelegung der von einem angenommenen Grundlage eintreten und wie man diese in den Griff bekommt.

Wenn man aber nie eine Diskussion über Grundlagen zulässt, wie es bei vielen feministischen Blogs wie etwa auch bei der Mädchenmannschaft oder dem Mädchenblog der Fall ist, dann wird daraus ein Machtmittel im Diskurs.

Machtmittel im Diskurs: Sexismus und „Definitionsmacht des Betroffenen“

Auf dem Blog „Elitemedium“ setzt sich der Autor in dem Artikel „Sexismus? Bitte keine Logik“ mit Forderungen aus dem Feminismus auseinander, dem Betroffenen die Definitionsmacht darüber zu geben, ob er diskriminiert ist.

Die Theorie der Definitionsmacht kommt, wenn ich es richtig verstehe, aus dem epistemischen Privileg, also der Theorie, dass eben gerade nur der Betroffene richtig erkennen kann, dass er diskriminiert ist. Man trifft diese Theorien bei Diskriminierungen, aber etwa auch bei der Vergewaltigung (vgl. Falschbeschuldigung und Vergewaltigung II)

Der Artikel legt dabei den Finger in die Wunde:

Hier beginnt nun ein logisches Problem, denn wenn Betroffen schon derjenige ist, der sich selbst als Betroffen fühlt und damit bereits die alleinige Definitionsmacht über die Verletzung erhält, die ihn erst zum Betroffenen macht (und dafür auch noch Solidarität einfordern kann), haben wir einen uferlosen Sexismusbegriff. Motto:

“Wenn ich mich durch eine Handlung diskriminiert fühle, dann liegt damit eine objektiv Diskriminierung vor, denn mir als Betroffener steht schließlich das Definitionsrecht darüber zu.”

Und später noch mal in einem Kommentar unter dem Artikel:

Wer hat die Definitionsmacht? Der Betroffene. Wer soll keine Definitionsmacht haben? Der Nichtbetroffene. Wie unterscheide ich die beiden? Kann man nicht, da sich jeder selbst als Betroffener deklarieren kann, ohne das man es ihm absprechen dürfte.

Wenn also jetzt z.B. jemand behaupten würde die Mädchenmannschaft hätte ihn sexistisch, rassistisch etc. diskriminiert wäre derjenige nach diesem System automatisch Betroffener und damit allein definitionsberechtigt über seine Betroffenheit. Er könnte dann Solidarisierung verlangen, wogegen es der Mädchenmannschaft nicht einmal erlaubt wäre sich gegen diesen Vorwurf zu verteidigen, denn als Nichtbetroffener steht ihr keine Definitionsmacht zu.

Und das ist eben in der Tat das Problem. Wenn man selbst definieren kann, ob man Betroffener ist, dann ist alles reine Willkür. In der internen Gedankenwelt vieler Feministinnen wird sich das Problem denke ich einfach dadurch lösen, dass man ja nicht willkürlich ist, sondern Recht hat, auf der Seite der Guten ist, bereits deswegen es ein schlichtes Scheinproblem ist. „Aber ich BIN ja Betroffener“ bzw. „Aber Frauen SIND ja betroffen“. Der Glaube, dass ein „Opfer“ niemals zum eigenen Vorteil seine Position über die eigentliche Opferstellung hinaus erweiteren würde (genau wie der Gedanke „eine Frau würde niemals eine Vergewaltigung erfinden“) ist eigentlich hoffnungslos naiv.

Es sei denn man sieht ihn als reines Machtmittel im Diskurs.

Humor und Ideologie

Bei der Mädchenmannschaft hat Lantzschi einen Artikel mit dem Titel „Du hast den Witz einfach nicht verstanden”. Es geht um diesen Werbespot

Falls jemand das Video nicht sehen kann:

Ein paar liegt im Bett, sie relativ sexy, sie murmelt leicht leidend „Ich kann nicht einschlafen“. Er beugt sich liebevoll wie zu einem Kuss zu ihr… um sie dann mit einem Headbutt in das Reich der Träume zu schicken. Message: Eine einfache Lösung, genau wie der Wechsel zu E wie einfach.

Der Humor soll hier – wie meist bei Humor – aus der Überraschung kommen und aus dem Gegensatz zu dem was man eigentlich erwartet. Statt Liebe gibt es Gewalt. Ein recht klassischer Ansatz, einen überraschenden Gegensatz zu konstruieren. Über diese Konstruktion als überraschender Gegensatz wird gerade deutlich, dass sie eben nicht normal ist – sonst wäre es nicht lustig.

Aber natürlich ist es sexistische Kackscheiße, denn Gewalt gegen Frauen kann nie lustig sein, sie beschönigt immer reale Gewalt, erzeugt sie, und ist damit sexistisch.

Lantzschi dazu:

Letztlich steckt immer der Wunsch dahinter nicht als schlechter Mensch zu gelten, der diskriminierende Inhalte lustig findet. Da die Sichtbarmachung von -Ismen in den meisten Fällen mit Tabus belegt wird, die zu durchbrechen angeblich den höchsten Frevel der Menschheit darstellt, werden Kritiker_innen mit allerlei rhetorischen Strategien beschäftigt gehalten, um ja nicht noch mehr Menschen vom diskriminierenden Inhalt des kritisierten Gegenstandes zu überzeugen. Eine Strategie neben Bildungsforderungen, Beschimpfungen und Alltagswissen ist die Degradierung der Kritiker_innen zu Menschen, die nicht mehr ganz bei Sinnen sind, mittels oben genannten Aussagen: Die Betroffenen haben einfach nicht verstanden, dass die sexistische Kackscheiße einfach nur witzig gemeint war.

Das ist in gewisser Weise lustig. Denn in der Tat wird hier die Gewalt gegen Frauen mit einem Tabu belegt, die Sichtbarmachung dieses Tabus gilt als hoher Frevel und es gibt allerlei rhetorische Strategien – Privilegien, heteronormative Matrix, hegemoniale Männlichkeit oder auch schlicht Rage und Snark – damit das nicht auffällt. Lantzsch Degradiert hier die Leute, die den Spott als nicht so schlimm ansehen zu hinterwäldlerischen Idioten, die einfach nicht erkennen, wie starkt der Sexismus ist. Die von dieser Kritik betroffenen haben einfach nur nicht verstanden, dass solche Werbung ein Kampfmittel der hegeominalen Männlichkeit ist.

Meine ich damit, dass man die Werbung gut finden muss? Nein, keineswegs. Natürlich kann man gegen jegliche Gewalt gegen Menschen sein und eine solche nicht lustig finden. Aber daraus gleich den Untergang des Abendlandes zu zimmern, eine Entschuldigung für häusliche Gewalt und was weiß ich noch alles, dass muss trotzdem nicht sein. Man kann sogar, wenn man den entsprechenden Humor hat, über den unerwarteten Sprung lachen und gleichzeitig etwas gegen häusliche Gewalt, welches Geschlecht sie auch immer erleidet, haben.

Die perfide Botschaft hinter Aussagen wie “Du hast den Witz nicht verstanden” ist: Ich nehme deine Kritik nicht zur Kenntnis (weil ich’s kann/weil ich nicht muss) und unterstelle dir, dass du eine Perspektive auf den Gegenstand legst, die nicht der objektiven/neutralen/realitätsnahen entspricht. Der Zynismus hinter der Aussage könnte deutlicher nicht sein, denn Betroffene von Sexismus und anderen -Ismen sind in einer Welt sozialisiert worden, die ihnen täglich zu verstehen gibt, dass Unterdrückung Normalität ist und daher Witze darüber oder über bestimmte Gruppen völlig akzeptiert sind. Sie haben gelernt ihre Umwelt immer durch zwei Brillen zu sehen: die eigene und die der Mehrheitsgesellschaft. Sie haben gelernt, dass die “Default-Brille” die der Mehrheitsgesellschaft ist.

Da sind wir wieder bei „Frauen sind von Gewalt betroffen, Männer hingegen privilegiert“. Diese „Default-Brille“ legt man sich nicht in der Mehrheitsgesellschaft zu, sondern im radikaleren Genderfeminismus. Denn hier ist eben alles Konstruktion von Macht. Auch diese Werbung. Und wenn man meint, dass sie nicht so schlimm ist, dann ist das schlimm, dann wertet man die Perspektive ab, denn kritische Perspektiven sind wichtig und die wichtigste ist die der Opfer, alles andere wäre Opferblaming.
Natürlich wertet man damit auch diejenigen ab, die eben nicht alles unter dem Machtaspekt sehen wollen, die nicht in jeder Grenzüberschreitung zu Lasten bestimmter Gruppen gleich eine Unterdrückung sehen.

Lantzschis Fazit:

Ergo ist “Gaslightening” keine Form der Argumentation, sondern eine Form der Degradierung des_der Gegenüber_s, der Versuch Unterdrückung wieder in die Unsichtbarkeit zu verbannen und Problemverlagerung auf Betroffene. “Du hast den Witz nicht verstanden” ist Gewalt, da die kritisierte Diskriminierung noch einmal auf die Betroffenen zurückfällt.

 Richtig: Wer nicht meint, dass jede Darstellung, die ich als problematisch ansehe, eine Degradierung ist, der übt Gewalt aus. Wie kommt Lantzschi eigentlich darum herum, die Darstellung, dass man es eben auch anders, entspannter, sehen kann, ebenfalls zudegradieren und damit dann wieder Gewalt gegen diese Menschen auszuüben? Naja, sie haben eben die falsche Opfergruppe, Humorvoll wird durch Frauen (unterdrückte Frauen) selbstredend getoppt.

Daher dann auch Lantzschis Schluß, mit dem sie noch einmal die eigene moralische Überlegenheit feiert:

Allerdings wird mit “Du hast den Witz nicht verstanden” deutlich, dass es nicht die Betroffenen sind, deren Weltsicht eingeschränkt ist. Denn wir beide haben den Witz verstanden, ich bin nur schon einen Schritt weiter als du.

Natürlich ist sie weiter, ideologisch weiter. Daran kann kein Zweifel bestehen. Sie schränkt nur Weltsichten ein, die noch nicht so weit sind, will den anderen insofern bei ihrer Horizonterweiterung helfen. Weg von ihrem Sexismus, hin zur feministischen Ideologie.

Deutlich wird das auch noch mal bei „Gender Trouble?„, der auf Lantzschis Text Bezug nimmt:

Was all diesen Reaktionen gemein ist, ist dass sie grundsätzlich missverstehen, was es bedeutet, auf Sexismus hingewiesen zu werden. Es geht nämlich (meist) nicht darum, auf persönliche Fehler hinzuweisen oder einzelnen Schuld zuzuweisen, sondern es geht darum, die Strukturen aufzuzeigen, die Sexismus hervorbringen und zur Reflektion darüber anzuregen, wie mensch selbst in diese Strukturen verstrickt ist.

Dieser Werbespot ist eine Struktur, die Sexismus hervorbringt. Denn jede Gewaltdarstellung gegen Frauen erleichtert über die daraus resultierenden Normen weitere Gewalt gegen Frauen. Dass dabei in allen Medien weit weit weitaus mehr Gewalt gegen Männer gezeigt wird, das ist dann wahrscheinlich nur eine Ablenkung von der Frauengewalt, eine neue Struktur, die man aufzeigen kann.

Dort weiter:

Wenn A einen “Witz” über Vergewaltigungen macht, dann ist das verwerflich. Auch, weil dieser eine spezielle “Witz” Menschen verletzt, aber vor allem, weil er nur deshalb vermeintlich witzig ist, weil wir in einer rape culture leben. Wenn die männliche Verfügungsgewalt über weibliche Körper nicht so selbstverständlich wäre, wie sie das leider immer noch ist, würde der “Witz” völlig seine Funktion (Aufrechterhaltung der rape culture) verlieren und aufhören “witzig” zu sein.

Hier ist es noch klassischer. Der Witz über eine Vergewaltigung (zB dieser gerade ergoogelte:  „Anruf bei der Polizei: „Hilfe, in unserem Nonnenkloster gab es eine Vergewaltigung!“ „Das ist ja schrecklich, wer wurde denn vergewaltigt?“ „Der Briefträger.“) dient dazu die Vergewaltigungskultur aufrechtzuhalten. Wer das nicht zugibt, der ist eben verblendet oder unterstützt die Vergewaltigungskultur. Wer zuviel Betonung dieser  Verschwörungstheorien Theorien kritisiert, der nimmt die Vergewaltigungskultur und damit den Sexismus in Schutz.

Ich denke es ist dieser ideologische Ansatz, nachdem bestimmte Themen per se nicht witzig sein können, sondern immer Ausdruck von Unterdrückung sind, der dem Feminismus seinen Ruf eingetragen hat, humorlos zu sein. Den gerade über Unterdrückung oder Missstände oder schreckliche Ereignisse wurden schon immer Witze gemacht. Das wird hier verboten und das ohne jede Diskussionsmöglichkeit. Weil jeder Humor hier Unterdrückung ist, wird alles humorlos.

Interessant dazu auch der Soup „Sexistische Kackscheiße, indem eifrige Feministinnen jedes Bild, was einen Geschlechterzusammenhang hat und bei 9gag,com etc läuft einstellen.

Beispiele wären:

Das Gamer Girl

Eine kleine Abgrenzung des Begriffs „Gamer Girl“: Eben nicht das Mädel, was irgendwie mal einen Controller in der Hand hat und damit possiert, sondern eine Mädchen, dass sich richtig in Games reinsteigert. Ich vermute mal, dass hier insbesondere die Abwertung „Slut“ diesen Titel der „Sexistischen Kackscheiße“ eingebracht hat. Hier würde mich auch interessieren, ob das Bild von einer Frau oder einem Mann gemacht wurde, die damit etwas In- und Put-Grouping betreiben wollte. Die Posergirls ohne Substanz gegen die wahren Fans.

Das Ballspiel:

Was hieran eine sexistische Kackscheiße ist, erschließt sich mir nicht. Es sei denn vielleicht man sieht es als einen essentialistischen Vorschlag an, nachdem jeder Mann und jede Frau so handeln würden. . Mir scheint es aber eine durchaus präzise, wenn auch überspitzte Darstellung der Realtität im Schnitt zu sein. Frauen reagieren eben eher als Männer mit emotionaler Unterstützung (Tend and Befriend) und können es sich eher leisten, Gefühle zu zeigen, während Jungs im Rahmen des „Rough and Tummble„-Play das ganze in einen Wettbewerb einordnen und sich daher eher ein paar Sprüche drücken.

Patriarchaler Feminismus

Auf dem Blog „Feminist Critics“ wird ein Fall dargestellt, indem es ein feministischer Blog gut fand, dass ein Mann den Männern, die Frauen schlagen, Gewalt androhte. Dazu schreibt man dort:

It seems to me that this is a classic example of what I’ll call “patriarchal feminism”: the easy and unprincipled embrace of patriarchal double standards so long as those double standards operate for women’s benefit.

Patriarchal feminism is not the same as gynocentric feminism, but is properly seen as a subset of it. It is a particularly glaring example of the inegalitarian tendencies of gynocentric feminism in that it deploys or endorses specifically patriarchal approaches in order to improve or sustain women’s quality of life, even though those approaches are often explicitly sexist.

Ich denke auch, dass sich Teile des Feminismus gerne diesem Doppelstandard bedienen (wenn ich auch die Bezeichnung als patriarchalischen Feminismus ironisch, aber dennoch unpassend finde).

Dass ist zB der Fall wenn Männern vorgehalten wird, dass sie Versager sind (was ja eine Betonung der Versorgerrolle und des Statusgedankens ist) oder „echte Männer“ dies oder das nicht tun.

Zum konkreten Fall heißt es dann zu einem besseren Ansatz:

If one wanted to formulate a non-sexist rule about violence, it seems to me it would have to be something along the lines of, “A physically stronger person should never strike a physically weaker person.” Perhaps some exception should be built in to allow for ‘outside of outrageous verbal or emotional provocation,’ but that would certainly open up a thorny can of worms (to torture a metaphor).

Of course, a rule that ‘the strong must never strike the weak’ would completely undercut the foundation of the violent male dominance hierarchy on which patriarchy is generally built.

Und ohne diese Dominanzhierarchie geht eben auch das Feindbild flöten. Da ist es besser sich den Mann als Aggressor zu erhalten und selbst sexistisch zu sein.

Machtmittel im Diskurs: Diskussionsbereitschaft

Kathrin schreibt auf ihrem Blog „The Leftist Elite“ dazu, wie man aus feministischen Kreisen darauf reagiert hat, dass sie mit mir eine Diskussion führen will und wie man allgemein zu wenig Diskussionswille in diesen Kreisen zeigt

Der zweite Grund warum das Netz kein „politisch“ kann, ist dieses ewige Rumgeflausche und Liebgehabe. Ich nehme mich da jetzt mal nicht aus: Es allen Recht machen wollen. Dorobaer und Schmidtlepp. Oder Stephan Urbach und Guttenberg. Das ist wie der fehlende Dislike-Button auf Facebook. „Hallo, ich sehe das komplett anders, als du! Wollen wir das mal in einer hitzigen Diskussion ausbattlen? Hätt ich voll Bock drauf.“ – habe ich fast noch nie gehört. Zuletzt kam so etwas Ähnliches von Christian, der Alles-Evolution-Schreiber. Und ja: ich setze mich gerne mit der „anderen Seite“ auseinander. Das ist nämlich politisch! Aber sofort kam über twitter die Maßregelung, dass ich „mit *dem*“ ernsthaft eine Auseinandersetzung führe – also nä…!

Das ist die neue Netzhygiene: Ich lasse niemanden in mein kleines Flauschi-Paradies, der meine Inhalte infrage stellt. Es ist auch völlig unmöglich, zumindest mancher-internet-orts, noch irgendeinen inhaltlichen Disput zu führen. Die Moralkeule hängt gleich drüber und *boing* hat‘se dich. Denn es gibt mittlerweile ganz schön viele etablierte Tabus. Blabla-ismen überall!

Ich stimme ihrer Meinung, dass man bei unterschiedlichen Auffassungen diskutieren sollte, um zu sehen, welche Gegenargumente es gibt und ob die eigene Meinung schlüssig ist, voll zu.

Mir scheint allerdings auch die Gegenauffassung innerhalb des dortigen Theoriegebäudes durchaus stimmig:

Zwei Grundannahmen des Poststrukturalismus sind:

  • es gibt keine obkjektive Wahrheit, sondern nur den Diskurs
  • im Diskurs geht es immer um Macht bezüglich des Diskurses

Nimmt man diese Einstellung, dann kann man vertreten, dass man mit jedem Diskurs mit der Gegenseite dieser Raum gibt, Einfluss im Diskurs zu gewinnen. Wer sich nicht auf einen Diskurs einläßt, der kann auch keinen Raum frei geben. Da es keine objektive Wahrheit gibt, wäre eh davon auszugehen, dass alle Argumente nur Ausdruck des Diskurses sind, in diesem entstanden sind und damit der Ideologie des jeweiligen Forschers entsprechen. Da die „biologische Geschlechterforschung“ nach dieser Auffassung dann eben patriarchalisch ist oder zumindest der hegemonialen Männlichkeit zuarbeitet (Beweis: Sie vertritt andere Auffassungen als der Genderfeminismus) ist das was dort vorgebracht wird egal, da die Meinung nicht in den Diskurs gelangen soll, muss man sie ausblenden.

Dagegen könnte man anführen, dass man mit der Eröffnung eines Diskurses ja wieder andere Schichten anspricht, die vorher vom „biologischen Diskurs“ vereinnahmt waren. Aber das würde natürlich die Auffassung verlangen, dass es in der Sache um Argumente geht, die eigene Auffassung die besseren Argumente hat und es darauf ankommt. Wenn man aber vertritt, dass es keine objektiven Fakten gibt, dann gibt es auch keine besseren Argumente. Es gibt nur besser konstruierte Wahrheiten. Was man anscheinend dem Patriarchat durchaus zutraut. Also bringt eine Debatte nichts, sondern ist sogar eher schädlich.

Schade eigentlich.

Ich biete noch einmal eine Debatte an und freue mich auch auf die mit Kathrin, die gerade „Gehirn und Geschlecht“ liest und danach darüber diskutieren möchte, was ich sehr begrüßenswert finde.

 

Gynozentrischer Feminismus

In einem Artikel auf dem Blog „Feminist Critics“ geht es in dem Artikel „Revised definition of Gynocentric Feminism“ darum, auf Gleichberechtigung ausgerichteten Feminismus von einem Feminismus abzugrenzen, der lediglich Fraueninteressen dienen soll:

The term actually gets at the principles, beliefs, attitudes, and assumptions of the feminist in question. Gynocentric views include

  • Men are universally privileged by gender and women are not
  • Women have inescapably or presumptively superior insights into questions of gender than men.
  • Women are entitled to define the terms of gender discussions and that men must “check” their gender privilege before entering into those discussions (and women don’t have to check theirs).
  • Men oppressing other men is an example of men ‘oppressing themselves’ (or other similar ‘men are Borg’ type notions).
  • Criticism of feminist misandry is presumptively invalid, illegitimate, or suspect.
  • Any similar beliefs or assumptions

Gynocentricity isn’t simple binary state. The more a particular feminist adheres to the above principles, the more gynocentric she is. The less she adheres to them, and the more she adheres to contrary notions, the less gynocentric and more egalitarian she is.

Ich finde diese Definition sehr gelungen, weil sie in der Tat viele Erscheinungen des „Gender- und Privilegienfeminismus“ in das richtige Licht setzt. Es geht insoweit um den Grad der Frauenbezogenheit, weil all diese Theorien und Ansätze tatsächlich unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden können, inwieweit sie Frauen in den Vordergrund rücken und Männer in den Hintergrund bzw. inwieweit sie in einem Diskurs die Position der Frau stärken  und es dem Mann erschweren, seine Position zu vertreten.

1. „Men are universally privileged by gender and women are not“

Zu den Privilegientheorien habe ich schon einiges geschrieben:

In der Tat zeugt eine Ansicht, dass nur die Männer privilegiert sind, davon, dass man die Geschlechter sehr einseitig wahrnimmt. Wer dann noch zu dem Kunstgriff greift alle Privilegierungen der Frauen als „wohlwollenden Sexismus“ anzusehen, aber nicht zu untersuchen, inwieweit dies auch bei den Männern der Fall sein könnte, der nimmt in der Tat eine sehr frauenbezogene Perspektive ein.

2. „Women have inescapably or presumptively superior insights into questions of gender than men.“

Auch das war schon häufiger Thema hier

Der Gedanke, dass Frauen die unterdrückte Gruppe sind und deswegen bei jedem Problem auch immer die besseren Einsichten haben führt über das „epistemische Privileg“ dazu, dass sie bei einem gynozentrischen Blickwinkel alle Probleme im Verhältnis der Geschlechter besser beurteilen können. Wer das epistimische Privileg kombiniert mit „Männer sind privilegiert“ und „Männer können nicht benachteiligt werden, was als Benachteiligung von Männern erscheint, ist lediglich ein wohlwollender Sexismus gegenüber Frauen“ kommt zu so gynozentrischen Ansichten wie Lantzschi in dem Artikel „„Es gibt keinen Sexismus, unter dem Hetencismänner zu leiden hätten

3. Women are entitled to define the terms of gender discussions and that men must “check” their gender privilege before entering into those discussions (and women don’t have to check theirs).

Das ist im Prinzip auch bereits oben behandelt worden. Da Frauen nicht privilegiert sein können, jedenfalls nicht als Frauen (allenfalls wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Klasse oder ihrer sexuellen Orientierung etc) können sie ihre Privilegien ignorieren, gleichzeitig aber das „Ablegen“ von Privilegien bei Männern fordern, damit diese sich überhaupt beteiligen können. Das führt dann zu solchen Listen, wie sie hier aufgestellt werden, unter denen bestimmte gynozentrische Feministen dann überhaupt eine Beteiligungsmöglichkeit für Männer sehen. Diese Liste schränkt aber Männer wieder so ein, dass letztendlich eine Gleichberechtigung nicht mehr vorhanden ist.

4. Men oppressing other men is an example of men ‘oppressing themselves’ (or other similar ‘men are Borg’ type notions).

Ein beliebtes Argument innerhalb einer Geschlechterdiskussion.

Beispielsweise in dieser Form:

  • Männer müssen ihre Privilegien ablegen und aktiv daran arbeiten Frauen in Führungspositionen zu bekommen
  • Wenn Männer häufiger als Frauen Obdachlos sind, dann liegt das am Patriarchat und die Männer müssen es selbst lösen, da sieht man mal wie schädlich das Patriarchat für Männer ist, Frauen haben mit der Gesellschaft nichts zu tun, selbst die nicht, die Führungsverantwortung haben
Sprich: Um so gynozentrischer der Blickwinkel um so eher sind Probleme, die eher Frauen betreffen, Probleme, die von allen, insbesondere den Männern zu lösen sind und um so eher sind Probleme, die typischerweise Männer betreffen, Probleme, die zumindest bezüglich der Männer von eben den Männern gelöst werden müssen.

5. Criticism of feminist misandry is presumptively invalid, illegitimate, or suspect.

Wenn der Blickwinkel auf Frauen bezogen ist, also gynozentrisch, dann steht Fehlverhalten gegenüber diesen im Vordergrund. Fehlverhalten von Frauen gegenüber Männern kann dann nur eine Ablenkung oder aber jedenfalls zu ignorieren sein. Die Backlash-Theorie geht ebenfalls in diese Richtung. Sie erlaubt es alle Kritik am Feminismus, eben auch solche, die Männerfeindlichkeit darstellt, bereits formell, also ohne Prüfung des Inhalts, abzuweisen, weil sie eben nur ein Versuch ist, den Feminismus einzuschränken. Der gynozentrische Feminismus hat bei solchen Vorhaltungen auch Slogans wie „What about the menz“ zur Abwertung entwickelt, mit denen Vorhaltungen direkt als Derailing abgewertet werden und demnach nicht weiter geprüft werden müssen.

6. Any similar beliefs or assumptions

Es ist vielleicht schon in den anderen enthalten, aber ich meine, dass hierzu auch die vielen Mittel gehören, mit denen ansonsten Diskussionen abgewürgt werden, weil die auf Frauen bezogene Perspektive bereits als nicht diskutabel angesehen wird, und man nicht diskutieren will, sondern Einsicht erwartet und Gegenargumente lediglich als Machtmittel im Diskurs ansieht. Ich habe einige unter dem Beitrag „Tipps für Diskussionen auf feministischen Blogs“ und „Machtmittel im Diskurs“ dargestellt.

Insgesamt scheint mir die Frage, inwieweit die Frau in den Mittelpunkt gerückt wird und Probleme des Mannes ausgeblendet werden durchaus einen interessanten Vergleich von Positionen zu ermöglichen.