Lucas Schoppe zu Macht im linken Selbstverständnis

Schoppe schreibt in einem Kommentar unter einem auch ansonsten wie immer lesenswerten Beitrag interessantes zu Macht im linken Selbstverständnis:

Die sich als revolutionär verstehenden Linken, die den Marsch durch die Institutionen überaus erfolgreich hinter sich gebracht haben (was ja auch kein Wunder war – sie kamen ja in aller Regel aus Milieus, in denen ihnen dieser Weg vorgebahnt war): Die haben niemals die Konsequenz daraus ehrlich akzeptiert, dass nun eben SIE diejenigen sind, die politische HERRSCHAFT repräsentieren und ausüben.

Ja, den Eindruck habe ich auch. Natürlich darf man diesen Theorien nach ja auch keine Macht haben, denn Macht haben die bösen. Mich erinnert das, wie auch hier schon einmal angegeben, immer an einen Dialog aus der Serie „Coupling“:

Patrick: Oh, don’t be so PC.

Howard: Typical leftie puritan.

Sally: Typical what? Come the revolution.

Patrick: What revolution? You guys are in power! We’re the revolution now.

Sally: No… no, it can’t be right.

Patrick: You’re the evil empire.

Sally: No!

Howard: Yes! Like Star Wars! And Patrick and me are the Rebel Alliance!

Sally: No! You’re not the goodies! We’re the goodies. We’re lefties! We’re always goodies!

Patrick: (Darth Vader voice) No, Sally, you are the establishment!

Mit einer Frau als Bundeskanzlerin und noch wichtiger, mit einer Mehrheit bei der mächtigsten Institution in einer Demokratie, den Wählern, stehen Frauen in der Tat nicht schlecht dar. Frauenfeindliche Äußerungen oder Herabsetzungen können Karrieren vernichten und einen politisch ins Abseits befördern. Radikale Feministinnen werden von der Presse hofiert und in „Expertengruppen“ eingeladen, um ihre Sicht der Dinge in die Politik einzubringen.

Die Akteure nutzen durchaus ohne Skrupel die Machtmöglichkeiten, die ihre Positionen mit sich bringen, bleiben aber in ihrem Selbstverständnis bei der Vorstellung hängen, sie würden eigentlich noch immer Kämpfer gegen die herrschenden Zustände sein, zu einer humanen Änderung beitragen.

Das aber bedeutet: Sie brauchen Feinde, die diese alten reaktionären Strukturen repräsentieren. Da sie selbst in den staatlichen Institutionen angekommen sind, finden sie diese Feinde nicht im Staat, sondern in der „Gesellschaft“, die dann als „patriarchal“, „heteronormativ“ etc. imaginiert wird.

Das dürfte auch der Grund sein, warum der Feminismus einen Wandel von dem Geschlecherkampf hin zum Intersektionalismus vollzogen hat: Man brauchte neue Problemfelder, aus dem sich eine Unterdrückung konstruieren ließ.

Es ist interessant, wie sich dabei das Staatsverständnis ändert. Anstatt dass der Staat etwas ist, das beständiger demokratischer Kontrolle bedürfe, ist der Staat der gute, humane Super-Akteur, der die irgendwie immer rückständige Gesellschaft kontrollieren und transformieren muss. Am Ende ihres Marsches angekommen, bauen die Anti-Autoritären einen autoritären Staat auf.

 

Auch das ist in der Tat eine interessante Sache: Es gibt geradezu eine Doppelnatur des Staats. Er ist zum einen immer noch das Patriarchat und zum anderen wird er genutzt, um Regeln durchzusetzen, die den eigenen Zielen dienen. In gewisser Weise wird die Schuld eben auf „die Gesellschaft“ verlagert, deren sexistische, rassistische Ansichten und Regeln eben durch Gegenmaßnahmen gebrochen werden müssen.

Es ist eine Form von „wer ein gutes Ziel verfolgt, der kann nichts böses machen“ und „Wir machen das ja, damit es allen besser geht“. Zusammen mit den im Feminismus entwickelten Figuren, mit denen man jede Kritik ersticken kann, lässt sich da nahezu alles rechtfertigen.

Kritik von Männern, dass man das nicht wolle ist eben Ausdruck von deren Privilegien und es ist kein Wunder, dass sie sie nicht aufgeben wollen, es zeigt eher, dass noch mehr Druck erforderlich ist.

Kritik von Frauen ist Ausdruck internalisierter Frauenfeindlichkeit und ein Zeichen dafür, wie unterdrückt Frauen sind, so dass noch mehr Druck erforderlich ist.

Wenn etwas nicht klappt, dann zeigt das wie stark diese alten Regeln noch sind, so dass noch mehr Druck erforderlich ist.

Alles kann also als Signal gesehen werden, dass die eigenen Maßnahmen wichtig sind und verstärkt werden müssen.

„Gaslighting“ und die Weigerung Fakten überhaupt zu prüfen

Ein beliebtes Gegenargument im Feminismus ist der Vorwurf, man würde sogenanntes „Gaslighting“ betreiben.

Der Begriff ist an ein Theaterstück angelehnt, in dem ein Mann heimlich Schätze im Keller des Hauses sucht und dabei Gaslichter im Keller anzündet. Dadurch kommt es zu einem leichten Dimmen der sonstigen Lichter im Haus, welches der Frau, vor der Mann dies geheim hält, abtut und sie so darstellt, als würde sie sich das alles nur einbilden, sie sei verrückt.

Es beschreibt danach den Versuch jemanden einzureden, dass er sich etwas nur einbildet um diesen dazu zu bringen, seine eigene Wahrnehmung in Zweifel zu ziehen.

Aus der englischen Wikipedia:

Gaslighting or gas-lighting is a form of mental abuse in which information is twisted or spun, selectively omitted to favor the abuser, or false information is presented with the intent of making victims doubt their own memory, perception, and sanity.[1][2] Instances may range simply from thedenial by an abuser

Ein anderes Beispiel findet sich hier:

Gas lighting ist eine Art psychologische Kriegsführung, die beabsichtigt ist, und sich mit der Zeit steigert. Menschen, die Gas lighting betreiben, beginnen mit subtiler psychologischer Kriegsführung, um das Selbstbewusstsein des Opfers zu vermindern, um dessen Sinn für die Realität durcheinander zu bringen, und um es an sich selbst zweifeln zu lassen. Sie wollen das Opfer erst klein machen, bevor sie die direkteren Attacken starten. So ist das Opfer geschwächt, weniger in der Lage zu erkennen, was vor sich geht, und kann sich deshalb nicht schützen.

Es kann zum Beispiel sein, dass du etwas erwähnst, was der Psychopath gesagt hat, und dieser streitet ab, es jemals gesagt zu haben. Oder du kannst dein Portemonnaie nicht finden, und der Psychopath hilft dir beim Suchen. Schlussendlich stellt sich heraus, dass es im Kühlschrank gelegen hat. Der Psychopath lacht und umarmt dich liebevoll. Dabei sagt er dir, dass du ziemlich gestresst sein musst. Dann, eine oder zwei Wochen später, suchst du deinen Autoschlüssel, und bist dir sicher, dass du ihn auf den Computertisch gelegt hast, weil du ihn immer dorthin legst. Nach schier unendlich langer Suche findest du ihn: Er steckte die ganze Zeit über im Zündschloss deines Autos. Der Psychopath ruft aus: „Meine Güte, jemand hätte den Wagen direkt von der Auffahrt stehlen können! Und alles nur wegen deiner Unvorsichtigkeit und Vergesslichkeit!“ Du kratzt dich am Kopf und denkstHhhmm, vielleicht werde ich vergesslich. Denn es muss ja an dir liegen, oder? Wer würde jemals jemanden, der einem seine Liebe bekräftigt, verdächtigen, einem diese Dinge mit Absicht anzutun? Psychopathen sind Meister des Gas lighting.

Die Figur an sich ist natürlich durchaus real und ein guter Hinweis darauf, dass unser Gehirn eben nicht schlicht rational arbeitet, sondern schlicht eine „Fehlerkontrolle“ über die allgemeine soziale Wahrnehmung vornimmt, die ihrerseits Möglichkeiten der Manipulation eröffnet. Und gerade Psychopathen können dies ausnutzen, aber auch andere Personen nutzen entsprechendes, von Partnern, die eine Affaire haben („Was du wieder denkst, es ist ganz normal mit einem Kollegen/einer Kollegin etwas essen zu gehen / Ich arbeite lang, um uns das alles zu ermöglichen und du verdächtigst mich, dich zu betrügen“)

„Gaslighting“ (kennt jemand ein deutsches Wort?) ist aber auch ungekehrt möglich, quasi „reverse Gaslighting“ und dürfte in dann eines der Lieblingsargumente aller Verschwörungstheoretiker sein:

„Die WOLLEN, dass wir denken, wir hätten uns geirrt, das ist ja gerade der BEWEIS dafür, dass sie hinter allem stecken. Ihr SEHT nur nicht, wie sie uns täuschen. Aber ich durchschaue es“

Ich würde sogar vermuten, dass eine gehäufte Verwendung des Gaslighting-Arguments heutzutage, insbesondere bezogen auf ein Thema an sich und nicht auf eine bestimmte Person, ein Zeichen dafür ist, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handelt und man bei den Fakten besonders vorsichtig sein sollte.

Insofern steht es allerdings in einer gewissen Verbindung zu einer „Moralischen Panik„, bei der bestimmte Anzeichen übertrieben werden und bezüglich der Faktoren, die eigentlich  ein realistischeres Bild abgegeben würden eine Form von „Gaslighting“ betrieben wird. Deswegen bietet es sich an, weil es bei moralischen Paniken ja gerade darum geht, bestimmte Anzeichen zu übertreiben und selektiv in das Blickfeld zu rücken und die Folgen zu übertragen, hier bei allen Versuchen die moralische Panik als solche darzustellen, den Vorwurf des Gaslighting zu erheben:

Er will eben die eindeutigen Zeichen und ihre Zusammenhänge, die man ermittelt hat, kleinreden und durch Ablenkungen („Derailing“) und blöde „Fakten“ (die entweder von der Regierung, dem Patriarchat oder dem Staatsfeminismus gefälscht worden sind) die eindeutigen Anzeichen dafür, dass die moralische Panik gerechtfertigt ist, unter den Tisch kehren.

Es verwundert demnach nicht, dass dieser Vorwurf gerade bei stark emotional besetzen Themen, die von ideologisierten Gruppen diskutiert werden, eine große Rolle spielt.

„Gaslighting“ ist das perfekte Gegenargument für alle, die nur eine schwache Faktenbasis haben oder sich zumindest mit diesen nicht wirklich auseinandersetzen wollen, selbst wenn sie bestehen würde, sondern Emotionalität und Gefühle in den Vordergrund setzen wollen bzw. ein Tabu um ihre Position herum errichtet haben, dass eine Diskussion verbietet.

„Umgedrehtes Gaslighting“ ist daher auch in der Geschlechterdebatte sehr beliebt und natürlich gerade in einer mit schwacher Faktenlage ausgestatteten Ideologie wie dem poststrukturalistischen Feminismus stark verbreitet.

Das Gegenmittel muss sein, sich die Fakten tatsächlich anzuschauen und eigene Argumente und Studien dagegen zu stellen. Wer seine Position in einem abstrakten Thema nicht mit Argumenten und Studien belegen kann und sich auf „Umgekehrtes Gaslighting“ zurückziehen muss, der hat eben schlicht eine schwache Position und sollte diese überdenken bzw. sich die Grundlagen und Belege bewußt machen, auf die diese Meinung und die Gegenmeinung sich stützen können und diese bewerten.

(Was allerdings meist durch die dann offensichtlich werdenden „versunkenen Kosten“ verhindert wird)

„Feld und Festung“ als Argumentationsstruktur im Feminismus und anderswo

Auf Meinungen und Deinungen wird ein interessantes Bild diskutiert: Das von Feld und Festung

Die Idee hinter dem Bild ist ein Feld, fruchtbares Ackerland und Wälder, in dessen Mitte eine Festung steht. Das Feld ist, wo du dich normalerweise aufhältst. Sobald du aber angegriffen wirst, ziehst du dich in die Festung zurück, bis der Angriff abgewehrt ist und kehrst dann unbehelligt ins Feld zurück.

Ein Beispiel wäre eine Diskussion mit einem religiösen Menschen, der behauptet, dass Gott der Schöpfer ist, der Menschen aus den Rippen anderer Menschen erschafft und Kranke heilt, wenn man nur an ihn glaubt und nett fragt (Feld). Wenn dann ein Atheist kommt und sagt, das mit der Rippe könne so nicht stimmen, zieht sich der Religiöse in seine Festung zurück und sagt: “Aber Gott ist doch nur ein Begriff dafür, dass in der Welt Schönheit und Ordnung sind! Du willst doch nicht sagen, dass es keine Schönheit gäbe, oder?”. Kaum ist der Atheist weg, können wieder Leute, die um ein goldenes Kalb tanzen,, abgeschlachtet werden. Natürlich nur metaphorisch 😉

Ein anderes Beispiel sind Feministinnen, die Frauenquoten und Rape Hysterie predigen (Feld), bis jemand kommt, der anmerkt, dass Feminismus damit direkt gegen das Grundgesetz und Rechtsstaatlichkeit verstößt. Schwupps sind alle in der Festung, dass Feminismus nur Gleichberechtigung will und nicht mehr sagt, als dass auch Frauen Menschen sind.

In dem von MundD verlinkten Text steht das folgende Beispiel:

3. The feminists who constantly argue about whether you can be a real feminist or not without believing in X, Y and Z and wanting to empower women in some very specific way, and who demand everybody support controversial policies like affirmative action or affirmative consent laws (bailey). Then when someone says they don’t really like feminism very much, they object “But feminism is just the belief that women are people!” (motte) Then once the person hastily retreats and promises he definitely didn’t mean women aren’t people, the feminists get back to demanding everyone support affirmative action because feminism, or arguing about whether you can be a feminist and wear lipstick.

Das ist in der Tat ein interessantes Modell, das dem ganzen Struktur gibt.

  • Man legt sich eine Grundaussage zu, die schwer angreifbar ist („Feminismus will nur Gleichberechtigung“)
  • Man baut ungehindert dieser Aussage weitere Forderungen und Thesen auf, die mit dieser Aussage evtl allenfalls entfernt etwas zu tun haben („die Gleichberechtigung wird behindert, indem Männer mittels der Zwangsheterosexualität Frauen in Abhängigkeit halten und zudem mittels einer Kultur, in der Vergewaltigungen von Frauen nicht bestraft werden, Frauen Angst einjagen um sie in Abhängigkeit zum Mann zu bringen„)
  • Wird eine der Aussagen angegriffen, dann dreht man diesen Angriff, indem man vorgibt lediglich für die Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen.

Das ist im Feminismus in der Tat ein häufiges Phänomen, dass beispielsweise hier durchaus eine Rolle spielen könnten:

Da wird auch deutlich, dass es teilweise weniger ein Rückzug ist, als eine Gleichsetzung: „Wer gegen Maßnahme X ist, ist gegen Gleichberechtigung, ist gegen Frauen, hasst Frauen“

Der Angriff auf das schlecht zu verteidigende Feld wird insofern als Angriff auf die Festung reframt und darüber dann der Feind als der „Böse“ ausgewiesen.

Interessant wäre dann noch eine Diskussion dazu, wie man dieses Dilemma auflöst und das Reframen verhindert: Hier scheint mir der einfachste Weg zu sein, deutlich anzusprechen, was Feld und was Festung ist: Eben deutlich zu machen, dass man für Gleichberechtigung ist, aber gegen zB Männerfeindlichkeit, die in diesem Feld-Bereich deutlich wird. Es bietet sich an gegebenenfalls zu kontern und seinerseits eine „Festung“ ins Spiel zu bringen, die auf der „Gegenseite“ vielleicht schwerer zu besetzen ist. Vielleicht bietet sich an, hier auf „Tatsächliche Gleichberechtigung“ „Abwehr von Verteufelung“ oder eben „Humanismus“ abzustellen.

Vielleicht auch ein Grund, warum viele Feministinnen den Begriff des „Humanismus“ als Angriff verstehen: Er bietet für sie weit weniger eine Festung, für andere aber schon.

Das gibt es natürlich nicht nur im Feminismus, sondern in vielen anderen Bereichen auch. Sicherlich kann man auch eine biologische Argumentation in der Art aufbauen, wenn man zu wilde Spekulationen über evolutionäre Gründe anstellt und sich bei Angriffen etwa darauf zurückzieht, dass die Leute die Evolutionstheorie leugnen. Wobei das aus meiner Sicht abzugrenzen wäre von Theorien, die sich aus evolutionären Betrachtungen ergeben können und über die man als solche diskutieren kann. Auch die Gegner sollten sich dann bewußt sein, dass sie entsprechende Festungen haben, etwa wird gerne mit „niemand weiß wie es damals war“ überdeckt, dass es dennoch angesichts der allgemeinen Theorien durchaus sehr plausible Theorien sein können. Eine Sonderform praktiziert auch Elmar, wenn er einerseits schon unumstößliche Wahrheiten zu diversen Themen verkündet (Feld), bei Nachfragen oder dem Hinweis auf Unstimmigkeiten aber darauf verweist, dass er eigentlich noch nicht einmal Theorien hat, sondern diese erst entwickelt und alles später erklärt und bewiesen werden wird (Festung).

Insgesamt also ein sehr interessantes Modell, mit dem man einige Strukturen besser verstehen kann.

„Warum sprechen wir nicht über weibliche Diskursmacht?“

Marlen Hobrack stellt in einem Artikel im Freitag eine sehr berechtigte Frage: Warum sprechen wir nicht über weibliche Diskursmacht?

Denn eine patriarchale, sexistische Kultur würde über Brüderles Äußerungen hinwegsehen. Kaum eine Frau würde einen Aufschrei wagen, aus Angst, womöglich als verklemmte Spaßbremse zu gelten.

Im Sinne einer Diskursanalyse muss man feststellen, dass Feminismus-Debatten an einem gerade nicht leiden: an Aufmerksamkeitsmangel. Auch Emma Watsons vielbeachtete UN-Rede und die Kampagne „He For She“ zeigt diese mediale Machtdimension. Männliche Stars sprangen Emma Watson beiseite, als Internet-Trolle einen heftigen Shitstorm in Reaktion auf ihre Rede entfachten.

Warum sprechen wir also nicht über weibliche Diskursmacht? Sie sollte uns Mut machen. Und die Augen dafür öffnen, dass unsere Gesellschaft (deren Teil wir Frauen ja sind) eben nicht blind gegenüber Ungerechtigkeiten ist. Doch wir erleben das Gegenteil: Wir schreien, obwohl eine ruhige Debatte vonnöten wäre. Wir stürmen auf scheinbar verschlossene Vorstandstüren zu, obwohl sie längst geöffnet sind. Wir ziehen uns auf die Position wehrloser Opfer zurück, obwohl wir längst zur Selbstermächtigung fähig wären. Und wir sehen Feinde in jenen, die kein geringeres Interesse an Gleichheit (die auch gleiche Pflichten einschließt!) haben, als wir selbst: Männer.

Die Antwort in Bezug auf den Feminismus ist einfach: Weil es nicht in die Opferrolle passt, Diskursmacht zu haben. Da würde man ja Raum einnehmen, und das in einem Patriarchat. Im Feminismus dürfen Frauen keine Diskursmacht haben, selbst wenn sie sie haben.

Machtmittel im Diskurs: Derailing durch Differenzierung (DdD)

Lucas Schoppe hat in einem Artikel auf einen interessanten Vorwurf aufmerksam gemacht, der in der Geschlechterdebatte häufiger auftaucht:

so war es auch kein Zufall, dass eine der effektivsten Gruppenempörungen der neueren Zeit, die Aufschrei-Kampagne, dort ihre Heimstatt hatte. Die Knappheit der 140 Zeichen verhindert jedes Hin- und Herreden, arbeitet klar das Wesentliche heraus und räumt damit eines der größten Hindernisse aus dem Weg, dem die aufrechte Erhebung des reinen inneren Menschen begegnen kann: dem Derailing durch Differenzierung (DdD).

Ob nun ein Spruch über die Brüste einer Frau, ein patriarchal-paternalistisches Türaufhalten, eine Vergewaltigung oder ein Mann, der mehr öffentlichen Raum einnimmt, als ihm von Rechts wegen zusteht: Die Knappheit der Empörung arbeitet die gemeinsame Struktur dieser Phänomene mühelos heraus und hält sich nicht mit irritierenden Unterscheidungen auf.

Derailing durch Differenzierung tritt dann ein, wenn man darauf hinweist, dass es eben nicht unbedingt so klar ist mit der einfachen Struktur, wenn man auf Unterschiede hinweist und wenn man zu starke Verallgemeinerungen als solche benennt.

Das kommt natürlich auf beiden Seiten vor. Wer Aussagen wie die, dass alle Feministen Männerhasserinnen sind oder alle Frauen Männer ausbeuten wollen gerne verwendet, wird eine Differenzierung auch häufig als Derrailing empfinden, ebenso wie eine radikale Feministin den Hinweis darauf, dass man bei dem Gender Pay Gap von 23% schon etwas drauf schauen muss, was die jeweilige Frau genau macht, wie viel sie arbeitet und ob sie überhaupt Karriere will oder wenn man darauf verweist, dass „Männer sind privilegiert, Frauen nicht“.

Sprich: Differenzierung ist etwas, was man in vielen Punkten beachten muss. Wer zu wenig differenziert, wird sich die Welt meist zu einfach machen.

Man sollte sich insofern den vorschnellen Verweis darauf, dass durch die Differenzierung nur Derailing betrieben wird gründlich überlegen.

Sonst verwendet man es als reines Machtmittel im Diskurs.

Die gängigsten Ausreden im radikalen Feminismus und im radikalen Maskulismus zur Rationalisierung frauen- oder männerfeindlicher Aussagen

Kommentator Leszek schlug ein interessantes Thema vor:

Die gängigsten Ausreden im radikalen Feminismus und im radikalen Maskulismus zur Rationalisierung frauen- oder männerfeindlicher Aussagen

Er fängt mit der Sammlung solcher Ausreden schon einmal wie folgt an:

  • Das ist doch nur Satire. Satire darf alles.
  • Ich halte der anderen Seite damit ja nur den Spiegel vor.
  • Das ist doch nichts gegen das, was wir regelmäßig von der Gegenseite zu hören kriegen.
  • Die andere Seite macht es doch auch.
  • Das Geschlecht, für das wir eintreten, ist das unterdrückte Geschlecht, das andere Geschlecht dagegen ist allgemein privilegiert, daher sind feindliche Aussagen dem privilegierten Geschlecht gegenüber als weniger schlimm zu beurteilen.
  • Das andere Geschlecht ist allgemein privilegiert, daher kann es Sexismus gegenüber diesem Geschlecht nicht geben.
  • Das ist eben der Ausgleich für die Diskriminierung unseres Geschlechtes (in Vergangenheit oder Gegenwart), daher hat das privilegierte Geschlecht dies hinzunehmen.
  • Das sind doch nur Worte, unser Geschlecht wird dagegen strukturell diskriminiert.
  • Hinter diesem Lamentieren über angeblich feindliche Aussagen und Einstellungen dem anderen Geschlecht gegenüber stehen in Wahrheit ganz andere reaktionäre Beweggründe.
  • Sowas hat für mich eben einen “therapeutischen Effekt”.
  • Ich kann dieses Lamentieren über angeblich feindliche Aussagen und Einstellungen dem anderen Geschlecht gegenüber nicht mehr hören. Es gibt doch so viel Schlimmeres auf der Welt. Warum sich dann über sowas aufregen?
  • Die sollen sich mal nicht so anstellen.

Kommentator David ergänzt dazu:

Ich finde aber solche Derailing-Listen eher kritisch bis Diskussionsfeindlich. Zum einen mögen Versionen dieser Argumente im einen oder anderen Kontext ihre Berechtigung haben, zum anderen dienen solche Listen ganz schnell als Totschlag-Totschlagargumente, unter derer Zuhilfename jedes Argument aussieht wie ein Nagel. Das gibt Definitionsmacht und kürzt Diskussionen einfach ab, vor allem für die nicht vorgebildeten sehr frustrierend, die sich auf vermintem Gelände wiederfinden.

Gut zu beobachten vor allem auf feministischen Blogs (Derailing 101), aber auch bei Nahost-Diskussionen, wo heute oft schon allein das Berufen auf israelkritische Juden, oder das Beklagen von Tabus als hinreichendes Merkmal eines Antisemiten gilt.

  •  Ich halte der anderen Seite damit ja nur den Spiegel vor.
  • Das ist doch nichts gegen das, was wir regelmäßig von der Gegenseite zu hören kriegen.
  • Das sind doch nur Worte, unser Geschlecht wird dagegen strukturell diskriminiert.
  • Sowas hat für mich eben einen “therapeutischen Effekt”.(?)
  • Die sollen sich mal nicht so anstellen.

Das würde ich schon mal rausnehmen, will man Diskussionen zwischen Maskulisten und Feministen überhaupt ermöglichen.

Alle diese Aussagen hört man in der Tat häufiger. Wie steht ihr zu Ihnen? Welche haltet ihr in bestimmten Situationen oder generell für angemessen, welche gehen euch am meisten auf die Nerven, welche weiteren würdet ihr ergänzen?

Machmittel im Diskurs: Sexistische Kackscheisse

German Psycho hat einen interessanten Beitrag zu dem Begriff der „sexistischen Kackscheiße„:

Er ermittelt deren Sinn wie folgt:

Ich verstehe nicht ganz, was der Ausdruck eigentlich bedeuten soll. Und genau darin liegt auch seine Beliebtheit. Er sagt nämlich eigentlich überhaupt nichts aus. Er vermeidet es, auf das wirkliche Problem hinzuweisen. Wenn es darum geht, daß es Frauen diskriminiert werden, dann kann das eben mit „Diskriminierung“ bezeichnet werden. Das ist keinesfalls weniger, äh, „griffig“. Genau darum geht es aber: Eine Handlung oder Sichtweise irgendwie nebulös als „sexistisch“ zu bezeichnen, ohne widerlegbar zu sein.

Das ist meiner Meinung nach sehr treffend. Es geht dabei um ein Wort, welches hauptsächlich Ablehnung ausdrücken soll, indem es durch die Doppelung ganz besonders betont, dass eben diese Kackscheisse außerhalb jeder Wertung steht.

Er erläutert dies an dem Beispiel einer Werbung, auf der ein Musikinstrument damit verkauft werden soll, dass es in eine Verbindung mit Sex gebracht wird. Würde dies lediglich als sexistische Kackscheisse bezeichnet, dann bliebe die eigentlich Kritik eben unklar, was zu folgenden führt:

Jemand, der sich nicht besonders für dieses ganze Thema Genderdings und Feminismus interessiert (…) hat ein Problem, zu erkennen, was die (gutmeinenden) Aktivisten so negativ an einer solchen Werbung empfinden. Er wird also letztlich: sich von jeglicher Darstellung weiblicher Köprer in sexuellen Anspielungen oder Darstellungen fernhalten. (…) Zurück bleiben Menschen, die verunsichert sind, was sie überhaupt noch schön finden dürfen. Dadurch, daß man ihnen nicht genau sagt, was die klare, eindeutige Definition von „sexistischer Kackscheiße“ sein soll, ist jeder angreifbar. Und das ist keine Grundlage für einen ernsthaften, nicht von Böswilligkeit getriebenen Diskurs, wie er in unserer Gesellschaft notwendig ist

In der Tat: Mit der unbegründeten Bezeichnung als sexistische Kackscheisse spart man sich die Begründung und muss auch nicht weiter hinterfragen, was nun eigentlich sexistisch ist und was nicht. Es drückt dann einfach eine Wertung aus, die dann per Deutungshoheit richtig zu sein hat.

Das ist in der Tat keine Grundlage für einen Diskurs: Aber der ist ja auch gar nicht erwünscht