Ideengeschichtliche Ursprünge des Konzepts binärer Oppositionen und dualistischer Hierarchien in der postmodernen Political Correctness (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Leszek

Im Folgenden soll eine Darstellung der ideengeschichtlichen Linie gegeben werden, die zu der Idee binärer Oppositionen und dualistischer Hierarchien in der postmodernen Political Correctness geführt hat, also zu den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich.

Die postmoderne Political Correctness beruht, wie schon häufiger erwähnt, auf einer falsch angelegten, einseitigen und unwissenschaftlichen (Anti-)Diskriminierungstheorie, die so funktioniert, dass stets einer Gruppe der Status der Norm und einer anderen Gruppe der Status der Abweichung oder Ableitung von dieser Norm zugewiesen wird. Jene Gruppen, denen der Status der Norm zugeordnet wurde, wird dann pauschal abgesprochen Bezugspunkt von Diskriminierungen sein zu können.

Anstatt also ergebnisoffen auf allen Seiten zu prüfen, ob und inwieweit Diskriminierungen vorhanden sind und dann zu versuchen alle realen Diskriminierungen auf allen Seiten zu beseitigen, wird einfach dogmatisch vorausgesetzt, Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben.

Auf diese Dinge bin ich in früheren Kommentaren schon häufig eingegangen und hatte mir auch Gedanken darüber gemacht wie eine tatsächlich wissenschaftliche, humanistisch-universalistische und integral-antisexistische Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung jenseits der postmodernen Political Correctness aussehen könnte, die im Gegensatz zur postmodernen PC keine Menschengruppe per se ausschließt.
Graublau hatte aus einigen solcher Kommentare Artikel auf Geschlechterallerlei gemacht, ich verlinke sie an dieser Stelle, um ausführlichere Wiederholungen hierzu an dieser Stelle zu vermeiden:

 

In diesem Beitrag soll es um eine Rekonstruktion der ideengeschichtlichen Linie gehen, die zu der Idee der hierarchischen Anordnung, die den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“ zugrundeliegt, geführt hat.

Ich beginne mit einigen längeren Zitaten hierzu aus dem m.E. ausgezeichneten Buch des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt „Multikulturalismus und Political Correctness in den USA“.
Das genannte Buch ist das wissenschaftliche Standardwerk zur Entstehung von Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, es ist mit großer Sachkenntnis geschrieben, enthält Belegquellen, ist pc-kritisch, aber sachlich und beschreibt ausführlich wie die postmoderne Political Correctness im Zuge einer US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus in Verbindung mit einigen US-amerikanischen Quellen entstanden ist. (Das Buch hat absolut nichts zu tun mit der unwissenschaftlichen antisemitischen rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie oder anderem rechten Propagandamüll.)

Hildebrandt geht in dem Unterkapitel 5.6. „Binäre Oppositionen und dualistische Hierarchien“ ausführlich auf die Entstehung der Idee dualistischer Hierarchien in der postmodernen PC ein, beginnend mit dem klassischen Strukturalismus des französischen Ethnologen Claude Levi-Strauss, der mittels strukturalistischer Methoden schriftlose, kleinräumige Gesellschaften besser zu verstehen versuchte:

„Vereinfacht formuliert, bestand das Resultat dieser strukturalistischen Analyse darin, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit der untersuchten Gesellschaften als ein binäres System erschien, (Levi-Strauss 1992: 249), das „sich mit Hilfe von Gegenüberstellungen und Wechselbeziehungen (…), anders ausgedrückt mittels logischer Beziehungen“ (Levi-Strauss 1991: 81) aufbaut (…). Auf der Basis dieser theoretischen Voraussetzung führte die Analyse vielfältiger Verwandtschaftsstrukturen Levi-Strauss zu der Annahme eines grundlegenden, wenn auch nicht universellen Dualitätsprinzips, das durch seine Dichotomien (130f.) die untersuchten Gesellschaften als dualistische Gesellschaften mit dualistischer Organisation und dualistischen Institutionen erscheinen ließ (Levi-Strauss 1991: 36f). Für die vielfältigen Mythen anthropologischer Gesellschaften gilt nach Levi-Strauss Analoges. Die Mythen sind durch ein „Bündel differentieller Elemente“ (Levi-Strauss 1992: 158) strukturiert, die in Form binärer Oppositionen und Gegensatzpaaren auftreten, wie z.B.: Mutter/Tochter, älter/jünger, flussabwärts/flussaufwärts, Westen/Osten, Süden/Norden, unten/oben, Erde/Himmel, Mann/Frau, Endogamie/Exogamie, Erde/Wasser etc. (182 f.) „Die Mythen organisieren sich also zu einem dichotomischen System mit mehreren Etagen, auf denen Korrelations- und Gegensatzbeziehungen vorherrschen“ (237). Der Mythos strukturiert die verschiedenen Wirklichkeitsdimensionen einer Gesellschaft auf der „geographischen, ökonomischen, soziologischen und sogar kosmologischen“ Ebene in binären Dichotomien. Die menschliche Welt erscheint damit vollständig durch das Prinzip der Differenz zwischen Gegensatzpaaren strukturiert.“

(aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 198)

„Dieses Strukturprinzip (…) übernahm (Jaques) Derrida von Levi-Strauss und übertrug es auf die Analyse der westlichen Ideen- bzw. Metaphysikgeschichte (…).“

(aus: ebd. S. 198)

„Zum zweiten beraubt Derrida die binären Oppositionspaare ihrer herrschaftspolitischen Unschuld, die sie bei Levi-Strauss besaßen, der sie im wesentlichen als gleichberechtigte Elemente eines Paares behandelte und die Betonung stärker auf den Ausgleich als die Konfrontation beider Elemente legte, weil nach ihm „das mythische Denken ausgeht von der Bewusstmachung bestimmter Gegensätze und hinführt zu ihrer allmählichen Ausgleichung“ (Levi Strauss 1991: 247). Im Gegensatz zu Levi-Strauss geht Derrida nun prinzipiell von der hierarchischen Anordnung dieser Elemente in einem Gegensatzpaar aus. „Sehr schematisch: eine Opposition metaphysischer Begriffe (zum Beispiel Sprechakt/Schrift, Anwesenheit/Abwesenheit usw.) ist nie Gegenüberstellung zweier Termini, sondern eine Hierarchie und die Ordnung einer Subordination.“ Durch diese Hierarchie und Subordination des einen Begriffs unter den anderen erscheint immer ein Terminus gegenüber dem anderen privilegiert und strukturiert damit die Textur der metaphysischen Tradition des Abendlandes als eine Abfolge hierarchischer Systeme aus unter- und überprivilegierten Termini.“

(ebd. S. 199)

„Der amerikanische Multikulturalismus rezipiert dieses strukturalistische Theorem der binären Oppositionen, die dualistische Hierarchien bilden und wendet es nicht nur auf die Analyse der abendländischen Tradition an, sondern auch auf die Analyse der Struktur der amerikanischen Gesellschaft an. Durch die in der metaphysischen Grundlage des amerikanischen Selbstverständnisses vorfindlichen binären Oppositionspaare, fände sich nicht nur in der dominanten Kultur der Vereinigten Staaten ein System hierarchischer Dichotomien, sondern diese schlügen sich auch in der Struktur der sozio-politischen Wirklichkeit nieder.
Diese Strukturanalyse wird aus der Perspektive der „Rainbow Coalition“ all jener Gruppen vorgenommen, die Iris M. Young als „Oppressed Minorities“ bezeichnete und die zu den Neuen Sozialen Bewegungen der „Politics of Identity“ und der „Politics of Difference“ gerechnet werden.“

(ebd. S. 199)

Soweit Mathias Hildebrandt.
Also, gehen wir den von Mathias Hildebrandt beschriebenen Ablauf noch einmal mal in drei Schritten durch, um die Sache genauer zu verstehen.

1. Schritt:

Der französische Ethnologe/Anthropologe Claude Levi-Strauss, Hauptvertreter der strukturalen Anthropologie bzw. des ethnologischen Strukturalismus, gelangte im Rahmen seiner strukturalistischen Analysen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften zu der Auffassung, dass die kulturelle Weltsicht bzw. das kulturelle Bedeutungs- und Wertesystem, einschließlich der Mythen dieser Gesellschaften wesentlich von Dualismen bzw. Gegensatzpaaren geprägt sei.

Claude Levi-Strauss war m.E. durchaus ein bedeutender Ethnologe, (er glaubte übrigens im Gegensatz zu vielen Poststrukturalisten an eine universelle menschliche Natur). Ich vermute, dass Levi-Strauss mit seiner Analyse über die Relevanz von Gegensatzpaaren für ein besseres Verständnis der kulturellen Weltsicht und der Mythen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften wohl nicht völlig falsch lag, habe aber den Eindruck, er übertreibt diese Erkenntnis etwas zu stark.
Dies ist allerdings natürlich eine Diskussion, die von Fachleuten im Bereich Ethnologie und Mythologie geführt werden muss. Gestehen wir Levi-Strauss aber ruhig erstmal zu, diesbezüglich einen diskussionswürdigen Beitrag zur Ethnologie und Mythologie geleistet zu haben.

2. Schritt:

Der französische poststrukturalistische Philosoph und Begründer der Philosophie und geisteswissenschaftlichen Methode der Dekonstruktion Jaques Derrida überträgt Claude Levi-Strauss Idee der Strukturierung von kulturellen Weltsichten durch Dualismen/Gegensatzpaare nun von den schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften, mit denen sich die Ethnologie beschäftigt, auf den geographischen Raum des sogenannten Abendlandes und dessen philosophische Ideengeschichte. Derrida meint eine Strukturierung durch Gegensatzpaare auch als ein wesentliches Element westlichen philosophischen Denkens erkennen zu können. Im Unterschied zu Claude Levi-Strauss Analyse der Mythen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften meint Derrida nun allerdings bei der philosophischen Ideengeschichte des Abendlandes zu erkennen, dass die Dualismen/Gegensatzpaare in der Regel hierarchisch gegliedert aufgefasst würden. Ein Gegensatzpol würde auf diese Weise stets einen höheren Rang erhalten, der andere würde hingegen abgewertet.

In der m.E. lesenswerten Einführung in den Poststrukturalismus von Stefan Münker & Alexander Roesler geben diese folgendes Beispiel für diese Auffassung Derridas:

„Der Ausgangspunkt von Derridas (1930 – 2004) Überlegungen ist das Verhältnis der gesprochenen Sprache zur Schrift. In der gesamten abendländischen Philosophiegeschichte sieht er eine Diskriminierung am Werk, welche die Schrift der gesprochenen Sprache gegenüber abwertet. Das geschriebene Zeichen wird dem Lautzeichen gegenüber als sekundär angesehen, als bloße Verschriftlichung des vorangegangenen Lautzeichens. (…) Egal ob Platon, Aristoteles, Rousseau, Hegel oder Husserl, alle diskriminieren die Schrift zugunsten des gesprochenen Worts. In dieser abwertenden Geste sieht Derrida ein wiederkehrendes Muster der Philosophiegeschichte, das er identifizieren und kritisieren wird.“

(aus: Stefan Münker & Alexander Roesler – Poststrukturalismus, 2. Auflage, J.B. Metzler, 2012, S. 39)

Ob Derrida mit seiner Annahme in der westlichen Philosophiegeschichte würde die Schrift gegenüber dem Wort diskriminiert, Recht hat oder nicht, mögen Philosophiehistoriker diskutieren und entscheiden.

Allerdings halte ich Derridas Annahme, dass die westliche Philosophiegeschichte grundsätzlich von solchen hierarchisch gegliederten Dualismen/Gegensatzpaaren durchzogen sei, doch für fragwürdig und zumindest schwer begründbar und belegbar.

Ich vermute, dass diese Sichtweise übertrieben ist und eher eine einseitige dogmatische Annahme darstellt. Ich würde eher vermuten, dass sich bestimmte hierarchisch gegliederte Dualismen in manchen Phasen der Philosophiegeschichte nachweisen lassen, in anderen Phasen nicht (dafür vielleicht andere) und dass sich in jeder Phase der Philosophiegeschichte auch viele Dualismen/Gegensatzpaare ohne hierarchische Gliederung finden lassen.

Eine umfassende und um Objektivität bemühte Überprüfung und kritische Analyse dieser Sichtweise Derridas im Hinblick auf die westliche Philosophiegeschichte zu leisten, wäre sicherlich eine interessante Aufgabe für Philosophiehistoriker, (vielleicht gibt es ja solche kritischen Analysen auch bereits). Ich bin bei dieser Annahme von Derrida jedenfalls skeptisch und vermute, dass es sich hier eher um einen schwächeren Teil seines Werks handelt.

Für eine fundierte kritische Analyse der postmodernen Political Correctness ist es unvermeidbar, auch die Anknüpfungspunkte der postmodernen Political Correctness im französischen Poststrukturalismus zu analysieren, denn die postmoderne Political Correctness ist ja aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus hervorgegangen.

Und daher kann man es auch der Philosophie von Derrida nicht ersparen, die spezifischen Anknüpfungspunkte und ideengeschichtlichen Linien im Hinblick auf die postmoderne Political Correctness analysieren, denn auch wenn Jaques Derrida selbst nichts dafür kann, dass sein Werk von US-amerikanischen PC-Ideologen geplündert wurde und Aspekte seines Werkes für die postmoderne Political Correctness instrumentalisiert wurden, so ist für ein genaueres Verständnis der theoretischen und ideengeschichtlichen Grundlagen der postmodernen Political Correctness eine solche ideengeschichtliche kritische Analyse doch unerlässlich.

Mir geht es dabei jedoch nicht darum, in jene pauschale, von wenig oder keinerlei Kenntnis geprägte und manchmal antisemitisch unterfütterte Derrida-Ablehnung einzustimmen, wie sie sich in einem Teil des Lagers der rechten PC-Kritiker findet.

So wird Jaques Derrida z.B. als einziger poststrukturalistischer Theoretiker in einer von dem antisemitischen Verschwörungstheoretiker und bekannten Vertreter der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie William S. Lind herausgegeben Schrift ausführlicher erwähnt. Die Berücksichtigung von Derrida in der antisemitischen rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie erklärt sich dabei sicherlich aus Derridas jüdischer Herkunft.

Die linke und links-maskulistische PC-Kritik, um die es mir geht, wendet sich hingegen entschieden sowohl gegen die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie (die ein besonders verlogenes und abstoßendes Beispiel für das darstellt, was ich als „Political Correctness von rechts“ bezeichne) ebenso wie gegen die postmoderne Political Correctness.

Dass es leider auch antisemitischen Kritiken an Derridas Philosophie gibt, bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass jede Kritik an Derridas Philosophie antisemitisch wäre.

Und des Weiteren muss Kritik an Derridas Philosophie zu üben, natürlich auch nicht zwangsläufig bedeuten, sein Werk völlig abzulehnen. Zwar geht es mir in diesem Beitrag nicht um eine ausführliche Analyse von Teilwahrheiten und Fehlern in der Philosophie Derridas, dennoch möchte ich an dieser Stelle auch noch einen Aspekt von Derridas Werk kurz erwähnen, den ich als bleibende Leistung ansehe.

Eine Leistung von Derrida liegt m.E. z.B. darin, mit der Dekonstruktion eine neue Methode der Textinterpretation entwickelt zu haben, mit der philosophische Texte auf neue Weise erschlossen werden können. In einer aktuellen Einführung zu Derrida wird dieser Aspekt folgendermaßen auf den Punkt gebracht:

„Das „Durchsprechen“ (…) ist, gemäß einer Einsicht Jaques Derridas, eine Form des Erbens, das heißt eine Form der Aneignung und Weitergabe von Überliefertem. Seinem Ruf (…) zum Trotz hat niemand so oft wie Derrida betont, dass wir Erben sind, Erben einer philosophischen und politischen Tradition, für die wir die Verantwortung zu übernehmen haben. Dieses Erbe ist jedoch niemals einfach lesbar, es ist heterogen, in sich widersprüchlich und zerklüftet.
„Ein Erbe versammelt sich niemals“, heißt es (…). „Es ist niemals eins mit sich selbst. Seine vorgebliche Einheit, wenn es sie gibt, kann nur in der Verfügung bestehen, zu reaffirmieren, indem man wählt. Das heißt: Man muß filtern, sieben, kritisieren, man muss aussuchen unter den verschiedenen Möglichkeiten, die derselben Verfügung innewohnen. (…) Wenn die Lesbarkeit eines Vermächtnisses einfach gegeben wäre, natürlich, transparent, eindeutig, wenn sie nicht nach Interpretation verlangen und diese gleichzeitig herausfordern würde, dann gäbe es niemals etwas zu erben.“

(aus: Susanne Lüdemann – Jaques Derrida zur Einführung, Junius, 2013, S. 12)

Dass die dekonstruktive Art zu lesen für Vertreter anderer philosophischer Traditionen anfangs sehr irritierend sein kann, beschreibt der Marxist David Harvey in einer amüsanten Passage in seinem m.E. lesenswerten Buch „Marx Kapital lesen“. Harvey, der Seminare zu Marx „Kapital“ abhielt, geriet einmal unverhofft an eine Gruppe von Derrida-Anhängern:

„In einem Jahr versuchte ich, das „Kapital“ mit einer Gruppe aus dem Romanistik-Seminar an der John Hopkins zu lesen. Ich war äußerst frustriert, weil wir uns fast das ganze Semester mit dem ersten Kapitel aufhielten. Ich sagte immer wieder: „Schaut mal, wir sollten im Text weitergehen und wenigstens bis zum politischen Streit um den Arbeitstag kommen“, woraufhin sie sagten, „Nein, nein, nein, wir müssen das noch klar kriegen. Was ist der Wert? Was meint er mit Geld als Ware? Worum geht es beim Fetisch?“ und so weiter. Sie schleppten sogar die deutsche Ausgabe an, um die Übersetzung zu prüfen. Es stellte sich heraus, dass sie alle in der Tradition von jemandem standen, von dem ich noch nie gehört hatte und von dem ich dachte, dass er ein politischer oder sogar intellektueller Idiot sein müsse, weil er diese Herangehensweise ausgelöst hatte. Es handelte sich um Jaques Derrida, der Ende der 1960er Jahre, Anfang der 1970er Jahre, eine zeitlang an der Hopkins gewesen war. Als ich im Nachhinein über diese Erfahrung nachdachte, wurde mir klar, dass mir diese Gruppe beigebracht hatte, wie unerlässlich es ist, sorgsam auf die Sprache (…) zu achten (…).“

(aus: David Harvey – Marx Kapital lesen, VSA, 2011, S. 13)

Lesen im Sinne der Dekonstruktion ist also alles andere als oberflächlich.

Machen wir weiter mit dem eigentlichen Thema – 3. Schritt:

Im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus wird nun Jaques Derridas Annahme von der Strukturierung der westlichen Philosophiegeschichte durch hierarchisch gegliederte Dualismen/ Gegensatzpaare auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen. Nicht nur die westliche Metaphysik, sondern vor allem das Verhältnis verschiedener Menschengruppen zueinander innerhalb der kulturellen Weltsicht bzw. des kulturellen Bedeutungssystems, die sich auf die sozialen Strukturen auswirke, wird nun als streng hierarchisch gegliedert interpretiert.
Daraus wird abgeleitet, dass es Diskriminierungen immer nur auf einer Seite geben könne, dass eine Seite stets privilegiert, die andere Seite stets diskriminiert sei. Diese undifferenzierte Sichtweise erhält innerhalb der sich herausbildenden PC-Ideologie den Status eines dogmatischen Glaubenssatzes und wird nicht mehr hinterfragt.
Im Zusammenhang mit der ebenfalls aus dem französischen Poststrukturalismus übernommenen Idee der Ausschlussfunktion, die von Normen ausgehen kann, entstehen nun die uns bekannten politisch korrekten „Norm-Feindbilder“:

– Norm: weiß, Abweichung: nicht-weiß
– Norm: männlich, Abweichung: weiblich
– Norm: heterosexuell, Abweichung: homosexuell
– Norm: cissexuell, Abweichung: transsexuell
– Norm: westlich, Abweichung: nicht-westlich

Mit diesem einseitigen Modell im Hinterkopf wird es nun für politisch korrekte postmoderne Linke schwierig sich vorzustellen, dass es viele Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen geben kann, die nicht in dieses dualistische Schema passen.

Übersehen werden dabei meiner Ansicht nach unter anderem:

– die zahlreichen Diskriminierungen und sozialen Problemlagen, von denen Jungen und Männer betroffen sind:

http://www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

https://manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

– die sozialen Problemlagen der weißen Unterschicht in den USA:

http://www.jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

– Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen in mehreren nicht-westlichen Ländern (auch, aber nicht nur in islamischen Ländern), denn „christlich“ wird in der PC-Ideologie mit „westlich“ assoziiert. (Allerdings interessieren sich nicht nur politisch korrekte postmoderne Linke, sondern auch die christlichen Kirchen selbst leider nicht besonders für dieses Thema.)

– Diskriminierende und autoritäre Werte, Normen und Gesetze im orthodoxen und islamistischen Scharia-Islam und die innerislamischen Betroffenen islamischer Unterdrückungspraxis jederlei Geschlechts (denn der Islam wird in der PC-Ideologie mit „nicht-westlich“ assoziiert).

Kurz auf den Punkt gebracht – das politisch korrekte Konzept der „Norm-Feindbilder“ bewirkt nun genau das, was der ursprüngliche französische Poststrukturalismus eigentlich kritisieren wollte: ungerechte Ausschlüsse.

Nach dieser etwas längeren Darstellung der ideengeschichtlichen Linie, die zu der Idee der hierarchischen Anordnung, die den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“ zugrundeliegt, geführt hat, zum Abschluss noch einmal eine kurze Zusammenfassung:

– Der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss vertritt die Ansicht die kulturelle Weltsicht und die Mythen in schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften seien stark von Dualismen/Gegensatzpaaren geprägt.

– Der französische poststrukturalistische Philosoph Jaques Derrida überträgt diese Idee auf die westliche Philosophiegeschichte und meint außerdem, dass die Dualismen/Gegensatzpaare in der westlichen Metaphysik grundsätzlich hierarchisch gegliedert seien.

– Im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus wird Derridas Idee hierarchisch gegliederter Dualismen/Gegensatzpaare auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen.

– Im Zusammenhang mit der ebenfalls aus dem französischen Poststrukturalismus übernommen Idee der Ausschlussfunktion, die von Normen ausgehen kann, entsteht aus der Vorstellung hierarchisch gegliederter Beziehungen zwischen Menschengruppen im kulturellen Bedeutungssystem, das Dogma Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben sowie die politisch korrekten „Norm-Feindbilder“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich.

– Die politisch korrekten „Norm-Feindbilder“ produzieren neue Ausschlüsse und bewirken, dass reale Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen übersehen werden, wenn diese nicht der dogmatisch vorausgesetzten einseitigen und empirisch nicht überprüften politisch korrekten theoretischen Konstruktion entsprechen.

Leszek zu „Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus“

Leszek schreibt in einem Kommentar:

Ich mache mir gerade ein paar Gedanken zum Thema „Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus“.

Das Resultat eines ersten kleinen Brainstormings (nach längerer Recherche zum Thema) kann unten gelesen werden. Über Ergänzungen würde ich mich freuen.

An dieser Stelle sei nochmal darauf hingewiesen, dass man – wenn man eine wissenschaftlich fundierte kritische Analyse des Poststrukturalismus anstrebt – m.E. zwischen dem ursprünglichen französischen Poststrukturalismus (der noch nicht politisch korrekt war) und dem späteren US-amerikanischen Poststrukturalismus/Postmodernismus, der die postmoderne Political Correctness hervorgebracht hat, unterscheiden muss.

Den in den USA entstandenen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus halte ich für eine autoritäre Ideologie, die man ruhig neben Faschismus, Stalinismus und Neoliberalismus stellen kann.

Hingegen sehe ich beim ursprünglichen französischen Poststrukturalismus, der noch antiautoritär motiviert und nicht politisch korrekt war, durchaus auch originelle Erkenntnisse und zu bewahrende Teilwahrheiten.
Diese Teilwahrheiten werden aber falsch, wenn sie maßlos aufgebläht und überdehnt werden.

Zum Teil finden sich kritikwürdige Übertreibungen bereits in unterschiedlichen Ausprägungen bei den französischen Poststrukturalisten, zum Teil haben sie dies aber in späteren Phasen ihres Werkes selbst erkannt und diese Übertreibungen mehr oder weniger stark abgeschwächt und relativiert. Insofern lässt sich diesbezüglich von einem unreiferen und reiferen Poststrukturalismus sprechen.

Im Zuge jener einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus, aus der die postmoderne Political Correctness hervorging, wurden mehrere solche Fehler und Übertreibungen, wo vorhanden, hingegen fröhlich übernommen und anstatt sie abzuschwächen wurden sie z.T. weiter aufgebläht. Dies hat m.E. leider einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass aus dem ursprünglich antiautoritär motivierten französischen Poststrukturalismus in den USA eine autoritäre Ideologie gebastelt wurde, die heute – gefördert von neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten und ihren gekauften politischen Handlangern in verschiedenen politischen Parteien – dazu instrumentalisiert wird eine Teile-und Herrsche-Politik zu betreiben, die politische Linke mit Blödsinn zu zersetzen und als ernsthaften Gegenspieler der herrschenden Eliten lahmzulegen und einen autoritären Staatsumbau voranzutreiben:

Gastartikel: Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten?

Insofern dient eine Analyse der Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus u.a. zwei unterschiedlichen Zwecken:

– Die Teilwahrheiten des ursprünglichen französischen Poststrukturalismus bewahren.

und

– Den in den USA entstandenen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus – also die postmoderne Political Correctness – fundiert kritisch zu analysieren, um sie umso wirksamer zurückschlagen zu können.

Trennen wir also beim Poststrukturalismus die Spreu vom Weizen.
Im Folgenden geht es um allgemeine, verbreitete theoretische Grundlagen poststrukturalistischen Denkens, nicht um einzelne poststrukturalistische Denker im Besonderen. Außerdem wurde aus Gründen der Einfachheit die Form einer idealtypischen Gegenüberstellung gewählt, in der Realität finden sich natürlich auch viele graduelle Ausprägungen irgendwo dazwischen.

Hier meine ersten kurzen stichwortartigen Reflektionen zum Thema. Ergänzungen sind willkommen.

Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus/Postmodernismus

Teilwahrheit:

– Erkenntnis der Relevanz von Interpretation für das Verstehen der Wirklichkeit. Die Welt kann nicht durch empirische Forschung allein erschlossen und verstanden werden, manche Dinge können nur durch Interpretation verstanden werden. Selbst bei empirisch zu erforschenden Dingen kann es u.U. sozial konstruierte Anteile geben, die man mitreflektieren muss.

Übertreibung:

– Die Annahme, es gebe keine soziale Wirklichkeit außerhalb von Interpretationen und diskursiv-kulturellen sozialen Konstruktionen. Die ganze Welt (oder zumindest die ganze soziale Welt) sei quasi wie ein Text. Daraus folgt eine irrationale Geringschätzung empirisch-wissenschaftlicher Forschung.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis, dass Bedeutungen kontextabhängig sind und nicht endgültig festgelegt werden können.

Übertreibung:

– Verweigerung klarer Definitionen, Leugnung der Sinnhaftigkeit von zeitweiligen und kontextuellen Festlegungen von Bedeutungen.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis des Wertes der Vielfalt von Perspektiven.

Übertreibung:

– Verzicht auf qualitative Unterscheidungen zwischen Perspektiven: alles soll gleichermaßen gültig sein. Das führt zu Wahrheitsrelativismus, Moralrelativismus, Kulturrelativismus und ähnlichem Irrsinn.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis, dass allgemeine Prinzipen und auf Synthese ausgerichtetes Denken stets ein Risiko beinhalten, das Einzelne, Besondere, Partikulare nicht angemessen zu berücksichtigen und dies ungerechte Ausschlüsse und Diskriminierung begünstigen kann.

Übertreibung:

– Verzicht auf allgemeine Prinzipien und auf Synthese ausgerichtetes Denken, das Resultat kann dann leider nur gedankliche Zersplitterung, das Fehlen von begründeten Maßstäben für Gerechtigkeit und die Produktion anderer ungerechter Ausschlüsse sein.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis der Relevanz sprachlicher und kulturell-diskursiver Hintergrundkontexte für das Erleben und Verhalten des Menschen und für geisteswissenschaftliche Analysen zu bestimmten Fragen.

Übertreibung:

– Die bedeutungsgenerierende Kraft kultureller Diskurse wird zum absolut zentralen Einflussfaktor auf das Erleben und Verhalten von Menschen überhöht, alle anderen soziologischen, psychologischen und biologischen Einflüsse werden massiv unterschätzt – es kommt zu einer Variante von Theorien des „Fanatismus eines Faktors“.

Teilwahrheit:

– Wichtige Beiträge zu soziologischen Konflikttheorien: Klare Erkenntnis des konflikthaften, antagonistischen Aspekts des Sozialen, der niemals ganz zu befrieden ist, niemals völlig in einen Konsens aufgelöst werden kann. Macht-Konflikte durchziehen bis zu einem gewissen Grad alle gesellschaftlichen Bereiche und die Konflikte währen ewig, eine weitgehend konfliktfreie, harmonische Gesellschaft ist nicht zu erreichen.

Übertreibung:

– Das menschliche Streben nach Konsens und Kooperation wird in ihrer Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen im Poststrukturalismus z.T. zu gering gewichtet, die Machtperspektive wird z.T. stark übertrieben.
U.a. gerade weil die menschliche Sozialität einen konflikthaften und antagonistischen Aspekt enthält, der niemals völlig aufgelöst werden kann, ist außerdem die Sublimierung, Einhegung und konstruktive Kanalisierung dieser konflikthaften Tendenzen wichtig. Auch wenn jeder gesellschaftliche Konsens immer nur teilweise und vorläufig ist, sichert das Streben nach Kompromiss und Konsens doch ein funktionierendes Zusammenleben.

Teilwahrheit:

– Entwicklung von geisteswissenschaftlichen Methoden, die sich für bestimmte Fragestellungen und Erkenntnisinteressen bewährt haben (Diskursanalyse, Dekonstruktion, genealogische Analyse).

Übertreibung:

– Anwendung von poststrukturalistischen Methoden außerhalb ihres Geltungsbereichs. Werden Diskursanalyse, Dekonstruktion und genealogische Analyse auf empirisch-wissenschaftlich zu behandelnde Fragen angewendet, dann produzieren sie schnell Unsinn.
Eine Diskursanalyse kann z.B. gut dafür geeignet sein, um die Konstruktion von Bedeutungen in Texten zu analysieren, aber sie kann uns z.B. nichts wissenschaftlich Gesichertes darüber sagen, ob und inwieweit durchschnittliche psychologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern von sozialen Einflüssen oder genetischen Dispositionen verursacht werden, denn das ist eine Frage, die in den Geltungsbereich empirisch-wissenschaftlicher Methoden fällt.

Soweit erstmal.

Wie man sieht, sind die (in meinen Augen) Übertreibungen und Fehler des Poststrukturalismus relativ trivial und es ist keineswegs besonders schwer sie zu analysieren und von den Teilwahrheiten abzugrenzen.
Die Trivialität der ersten Ergebnisse meiner Analyse ist aber pragmatisch betrachtet durchaus ein Vorteil. Umso leichter kann es nämlich in gut begründeten Argumentationen vermittelt werden.

Anmerkungen:

Etwas anders geordnet ergibt das:

Teilwahrheiten:

  •  Erkenntnis der Relevanz von Interpretation für das Verstehen der Wirklichkeit. Die Welt kann nicht durch empirische Forschung allein erschlossen und verstanden werden, manche Dinge können nur durch Interpretation verstanden werden. Selbst bei empirisch zu erforschenden Dingen kann es u.U. sozial konstruierte Anteile geben, die man mitreflektieren muss.
  • Erkenntnis, dass Bedeutungen kontextabhängig sind und nicht endgültig festgelegt werden können.
  • Erkenntnis des Wertes der Vielfalt von Perspektiven.
  • Erkenntnis, dass allgemeine Prinzipen und auf Synthese ausgerichtetes Denken stets ein Risiko beinhalten, das Einzelne, Besondere, Partikulare nicht angemessen zu berücksichtigen und dies ungerechte Ausschlüsse und Diskriminierung begünstigen kann.
  • Erkenntnis der Relevanz sprachlicher und kulturell-diskursiver Hintergrundkontexte für das Erleben und Verhalten des Menschen und für geisteswissenschaftliche Analysen zu bestimmten Fragen.
  • Wichtige Beiträge zu soziologischen Konflikttheorien: Klare Erkenntnis des konflikthaften, antagonistischen Aspekts des Sozialen, der niemals ganz zu befrieden ist, niemals völlig in einen Konsens aufgelöst werden kann. Macht-Konflikte durchziehen bis zu einem gewissen Grad alle gesellschaftlichen Bereiche und die Konflikte währen ewig, eine weitgehend konfliktfreie, harmonische Gesellschaft ist nicht zu erreichen.
  • Entwicklung von geisteswissenschaftlichen Methoden, die sich für bestimmte Fragestellungen und Erkenntnisinteressen bewährt haben (Diskursanalyse, Dekonstruktion, genealogische Analyse).

Übertreibungen:

  •  Die Annahme, es gebe keine soziale Wirklichkeit außerhalb von Interpretationen und diskursiv-kulturellen sozialen Konstruktionen. Die ganze Welt (oder zumindest die ganze soziale Welt) sei quasi wie ein Text. Daraus folgt eine irrationale Geringschätzung empirisch-wissenschaftlicher Forschung.
  • Verweigerung klarer Definitionen, Leugnung der Sinnhaftigkeit von zeitweiligen und kontextuellen Festlegungen von Bedeutungen.
  • Verzicht auf qualitative Unterscheidungen zwischen Perspektiven: alles soll gleichermaßen gültig sein. Das führt zu Wahrheitsrelativismus, Moralrelativismus, Kulturrelativismus und ähnlichem Irrsinn.
  • Verzicht auf allgemeine Prinzipien und auf Synthese ausgerichtetes Denken, das Resultat kann dann leider nur gedankliche Zersplitterung, das Fehlen von begründeten Maßstäben für Gerechtigkeit und die Produktion anderer ungerechter Ausschlüsse sein.
  • Die bedeutungsgenerierende Kraft kultureller Diskurse wird zum absolut zentralen Einflussfaktor auf das Erleben und Verhalten von Menschen überhöht, alle anderen soziologischen, psychologischen und biologischen Einflüsse werden massiv unterschätzt – es kommt zu einer Variante von Theorien des „Fanatismus eines Faktors“.
  • Das menschliche Streben nach Konsens und Kooperation wird in ihrer Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen im Poststrukturalismus z.T. zu gering gewichtet, die Machtperspektive wird z.T. stark übertrieben.
    U.a. gerade weil die menschliche Sozialität einen konflikthaften und antagonistischen Aspekt enthält, der niemals völlig aufgelöst werden kann, ist außerdem die Sublimierung, Einhegung und konstruktive Kanalisierung dieser konflikthaften Tendenzen wichtig. Auch wenn jeder gesellschaftliche Konsens immer nur teilweise und vorläufig ist, sichert das Streben nach Kompromiss und Konsens doch ein funktionierendes Zusammenleben.
  • Anwendung von poststrukturalistischen Methoden außerhalb ihres Geltungsbereichs. Werden Diskursanalyse, Dekonstruktion und genealogische Analyse auf empirisch-wissenschaftlich zu behandelnde Fragen angewendet, dann produzieren sie schnell Unsinn.
    Eine Diskursanalyse kann z.B. gut dafür geeignet sein, um die Konstruktion von Bedeutungen in Texten zu analysieren, aber sie kann uns z.B. nichts wissenschaftlich Gesichertes darüber sagen, ob und inwieweit durchschnittliche psychologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern von sozialen Einflüssen oder genetischen Dispositionen verursacht werden, denn das ist eine Frage, die in den Geltungsbereich empirisch-wissenschaftlicher Methoden fällt.

Die Aufteilung in „Teilwahrheiten“ kann aus meiner Sicht dabei helfen, dass man den Aufbau der Theorie und wo sie herkommt besser versteht. Aber es macht die Theorie nicht „teilweise richtig“, sofern man sie nicht auf diese „Teilwahrheiten“ reduzieren kann. Sie bleibt dann insgesamt falsch.

Insofern mag es versöhnlich klingen, wenn man „Teilwahrheiten“ sucht, tatsächlich muss man aber letztendlich den Poststrukturalismus als Theorie schlicht verwerfen und allenfalls schauen, ob die Aspekte, die man als zutreffend ansieht, auch in besseren Theorien berücksichtigt werden.

Wenn man mit „Teilwahrheiten“ und „Übertreibungen“ als Untersuchungskriterien arbeitet, dann sollte man insofern vielleicht noch „Reduzierbarkeit“ hinzunehmen um zu überprüfen, was von der ganzen Theorie übrig bleibt. ich vermute, dass da letztendlich nicht viel übrig bleibt.

 

Feministische Strömungen und der Umgang mit männlicher Diskriminierung (nach Leszek)

Leszek zur Anerkennung männlicher Diskriminierungen

Da ich zum Thema der Beurteilung feministischer Strömungen hinsichtlich ihres Potentials zur Anerkennung männlicher Diskriminierungen mal einen Beitrag geschrieben hatte, sei dieser an dieser Stelle wiederholt:

Man muss bei diesem Thema m.E. drei Feminismus-Varianten unterscheiden:

1. Feminismus, der von seinen weltanschaulichen Grundlagen her keine Thematisierung von gegen Jungen und Männer gerichteten Sexismus zulässt, z.B. klassischer Radikalfeminismus oder (vulgär-)poststrukturalistischer Gender/Queer-Feminismus (noch einige andere könnten genannt werden, auch solche Feministinnen, die einen radikalen Feminismus im liberalen, marxistischen oder anarchistischen Gewand vertreten, anstatt tatsächlich an diese Traditionen anzuknüpfen, fallen darunter.)
Gegen Männer gerichteten Sexismus kann es im Radikal- und Gender/Queer-Feminismus schon per Definition nicht geben:

http://feminismus101.de/was-ist-sexismus/

Diese erstgenannte Feminismusvariante (von Emma bis Mädchenmannschaft bis Femen) ist in Bezug auf Männer selbst sexistisch, zur Zeit aber leider diskursprägend.

Aus meiner Sicht können diese Strömungen des Feminismus quasi nicht reformiert werden, weil eine Zuweisung einer Opferposition von Männern ganz tief in das System eingreifen würde und damit dessen Zusammenbruch bewirken würde. Der wichtigste Grund ist, dass man jedem Opfer Macht zuweist, in Form von Definitionsmacht und dem Recht, die Abschaffung der Diskriminierung verlangen zu können bei einseitiger Schuldzuweisung. Männer als Opfer anerkennen zu müssen wäre schlicht der Untergang für diese Form des Feminismus.

Was allerdings möglich ist, ist die Zuweisung einer „Opferstellung durch Selbstverschulden“. Also die Ansicht, dass Männer auch unter dem Patriarchat leiden und sich insofern mit dessen Aufrechterhaltung selbst schaden. Das Heil liegt dann im Feminismus (und der Akzeptanz der Schuld).

2. Feminismus, der von seinen weltanschaulichen Grundlagen her eine Thematisierung von gegen Jungen und Männer gerichteten Sexismus prinzipiell zulassen würde, solches aber gegenwärtig nicht praktiziert, entweder, weil die entsprechenden Feministinnen sich dafür zu wenig interessieren oder weil sie über männliche Diskriminierungen zu wenig informiert sind. Unter diese Kategorie fallen meiner Erfahrung nach viele untheoretische Alltagsfeministinnen, aber auch einige zeitgenössische liberale, marxistische und anarchistische Feministinnen. Bei ECHTEM liberalen, marxistischen oder anarchistischen Feminismus, die authentisch an diese politischen Traditionenen anknüpfen, wäre es prinzipiell möglich diese mit männerrechtlichen Anliegen in Einklang zu bringen.

Diese zweitgenannte Feminismusvariante ist in Bezug auf Männer nicht sexistisch, aber auch nicht antisexistisch.

In der Tat können untheoretische Feministinnen hier entsprechendes zugestehen, verstehen aber meist gar nicht, warum das der Rest des Feminismus als großes Problem sieht und was daraus für deren Theorie folgt. In IHREM Feminismus geht es eben. Warum das der Fall ist, dafür müssen sie sich nicht interessieren, auch nicht darum, warum das im Rest des Feminismus nicht geht.

3. Feminismus, der von seinen weltanschaulichen Grundlagen her eine Thematisierung von gegen Jungen und Männer gerichteten Sexismus prinzipiell zulässt und dies auch mehr oder weniger stark praktiziert. Findet sich heutzutage in westlichen Gesellschaften primär bei einigen Vertreterinnen des liberalen Feminismus (z.B. Christina Hoff Sommers, Daphne Patai, Cathy Young, Wendy McElroy, Elisabeth Badinter, Astrid von Friesen), vereinzelt auch schon mal bei Alltagsfeministinnen. Wäre prinzipiell auch im marxistischen und anarchistischen Feminismus möglich, wird dort aber m.W. zur Zeit leider nicht praktiziert.

Diese drittgenannte Feminismus-Variante ist leider noch selten und bei Feministinnen der erstgenannten Kategorie wenig beliebt. Sie ist auch in Bezug auf Männer antisexistisch und daher ein Beispiel für eine feministische Annhäherung an das, was ich als “Integralen Antisexismus” bezeichne.

Ich behaupte übrigens explizit nicht, dass die meisten Feministinnen männerfeindlich seien. Meiner Erfahrung nach handelt es sich bei vielen Feministinnen um nicht-theoretische Alltagsfeministinnen, die nicht männerfeindlich aber auch keine Kritikerinnen von Männerfeindlichkeit sowie nicht diskursprägend sind.

Hiermit verlassen wir, wenn man die oben genannten Namen sieht, meist den Bereich dessen, was Feministinnen noch als Feminismus betrachten würden. Die meisten der dort genannten sind aus meiner Sicht bereits „exkommuniziert“ und werden von Feministinnen nicht als Feministen gesehen. Das wesentliche Element des Feminismus ist eben die Unterdrückung der Frau durch Männer. Nur wer einen Befreiungskampf für die Frau führt ist nach dieser Ansicht eine echte Feministin. Wer ihn nicht führt, der wird entsprechend ausgegrenzt werden