Umfrage zum #Aufschrei und Sexismus

Im Nachklang zum #Aufschrei (und Himmelreich und Brüderle) findet sich in der Zeit ein interessanter Bericht über die Meinung zu Sexismus gegen Männer:

Eine sehr große Mehrheit von 72 Prozent ist der Meinung , dass in der Sexismus-Diskussion die Männer zu kurz kommen, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag von ZEIT ONLINE ergab.

Frauen sehen dies mit 75 Prozent sogar noch häufiger als Männer (68 Prozent). Bei dieser Wahrnehmung spielt das Alter der Befragten kaum eine Rolle. Es gibt also keine Anzeichen dafür, dass zum Beispiel die jüngere Generation sensibilisierter gegenüber der Situation von Männern ist.

Das ist doch ein sehr erfreulicher Ausblick (also nicht, dass sie zu kurz gekommen sind, sondern die Meinung dazu). Es lässt auch ein gewisses Potential für einen Antiradikalfeminismus erkennen, denn die Übertreibungen kamen eben gerade aus diesem Lager.

Gefragt wurde natürlich auch nach den Sexismus-Erfahrungen von Frauen. Wir wollten wissen: Leben wir in Deutschland in einer männlich dominierten Gesellschaft, in der Frauen immer wieder Erfahrungen mit Sexismus machen?

Das ist schon erst einmal eine merkwürdige Frage, da sie ja eigentlich aus zwei Teilen besteht, der männlich dominierten Gesellschaft und der Frage von Sexismus gegenüber Frauen. Und dann auch noch „Erfahrungen“, also ein butterweicher Begriff. Klar werden Frauen je nach Definiton Erfahrungen mit Seximus machen. Ebenso wie Männer. Zählt man die ausgesetzte Wehrpflicht dazu, dann wäre das bei Männern sogar sehr einfach in hoher Zahl möglich. Aber auch Männer erleben Alltagssexismus, den sie aber vielleicht gar nicht als solchen bemerken. Gerade wegen dieser merkwürdigen Fragestellung ist allerdings dann die Antwort umso interessanter:

Die Deutschen sind an diesem Punkt unentschlossen. 44 Prozent sind dieser Ansicht, 47 Prozent sagen, sie können einer solchen Annahme eher nicht zustimmen. Frauen (55 Prozent) glauben deutlich eher an eine männlich dominierte Gesellschaft als Männer (33 Prozent).

Dabei ist interessant, dass Befragte im Alter von 35 bis 44 Jahren mit 38 Prozent am wenigsten daran glauben, dass die Gesellschaft männlich dominiert ist. Dabei ist dies das Alter, in dem Bürger normalerweise Karriere machen und eine Familie gegründet haben, also womöglich vermehrt Erfahrungen mit Sexismus machen.

Männer sehen sich zu einem recht großen Teil nicht in einer männerdominierten Gesellschaft (immerhin 67%) und auch bei Frauen widersprechen 45%. Allerdings sehen immerhin 55% der Frauen eine solche männlich dominierte Gesellschaft. Würde man sie auf bestimmte Punkte ansprechen, würde sich wahrscheinlich ein anderes Bild ergeben, etwa zu der Frage, wieviel Frauen in Beziehungen zu sagen haben, wie die meisten Ausgabenentscheidungen treffen oder ob sie ihre Lebensplanung in Bezug auf Aufgabenteilung in ihrer Beziehung umsetzen konnten. Hier werden viele schlicht vor Augen gehabt haben, dass Männer eher in Führungspositionen kommen, was aber wenig aussagt.

Was hat die Debatte schließlich bezüglich des eigenen Verhaltens gebracht:

udem war die heftig und emotional geführte Sexismus-Debatte des vergangenen Jahres nur für die wenigsten ein Anlass, das eigene Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht zu überdenken. Lediglich 24 Prozent der Befragten geben dies an. 70 Prozent sagen, sie hätten nicht über sich nachgedacht. Dabei ist der Anteil unter Frauen (71 Prozent) und Männern (70 Prozent) fast gleich hoch.

Also immerhin 1/4 der Befragten und auch wohl ca. 1/4 der Männer gaben an, dass sie ihr eigenes Verhalten überdenken wollten. Das ist gar nicht mal so wenig, es wäre interessant in welche Richtung: Wollen sie vorsichtiger mit Äußerungen sein, damit sie zB Frauen respektvoller behandeln oder wollen sie vorsichtiger sein, weil ihnen bewußt geworden ist, dass so etwas gefährlich sein kann und sie es insofern nur  noch bei Frauen verwenden, deren Reaktion sie einschätzen können?

Rainer Brüderle, Laura Himmelreich und sexuelle Belästigung

Im Stern soll über sexuelle Belästigung durch Politiker berichtet werden, insbesondere anhand eines Vorfalls der Journalistin Laura Himmelreich mit Rainer Brüderle. Frau Himmelreich sollte Brüderle vor etwa einem Jahr interviewen und schildert dies wie folgt:

„Brüderles Blick“, schreibt Laura Himmelreich, wandert auf meinen Busen. „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. „Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen.“ „Herr Brüderle“, sage ich, „Sie sind Politiker, ich bin Journalistin.“ „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen“, sagt er. Ich sage: „Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.“ „Am Ende sind wir alle nur Menschen.“

Gegen ein Uhr nachts tippt ihm seine Sprecherin an die Schulter. Brüderle verabschiedet sich von den umstehenden Männern. Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran: „Herr Brüderle!“, ruft sie streng. Sie führte ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie:“Das tut mir leid.“ Zu ihm sagte sie: „Zeit fürs Bett.“

Ein Bild im Dirndl von Laura Himmelreich war nicht zu finden, bereits ein Ganzkörperfoto ist schwer zu finden.

Laura Himmelreich

Laura Himmelreich

Hier zum Vergleich ein Foto von Rainer Brüderle:

Rainer Bruederle

Rainer Bruederle

Aber hier geht es natürlich nicht um aussehen. Man darf davon ausgehen, dass Politiker aufgrund ihres Status für viele Frauen durchaus attraktiv sind und in soweit häufiger auch mit blöderen Anmachen Erfolg haben, einfach weil Status attraktiv macht. Das kann dann natürlich auch zu unangemessenen Verhalten führen, welches belästigend ist.

Ich finde es bei der Schilderung oben erstaunlich, dass ihre Reaktionen nahezu vollkommen ausgeblendet werden:

„Brüderles Blick“, schreibt Laura Himmelreich, wandert auf meinen Busen. „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“

Hier wäre es natürlich interessant zu sehen, wie das Dekollete des Dirndls aussah und wie sie sich präsentiert hat:

Dirndl Dekollete

Darf man auf ein prächtiges Dekollete einen entsprechenden Kommentar geben? Es ist ja immerhin ein sexuelles Signal (Victim Blaming), welches sich eigentlich auch nicht für ein Interview gehören würde. Es kann natürlich auch sein, dass sie etwas züchtigeres anhatte, aber eine weitergehende Information wäre schon interessant gewesen.

Auch dann stellt sich natürlich die Frage, welche Reaktion er hier noch bringen konnte. Bei entsprechender Präsentation ihrerseits finde ich es keinen absolut unvorstellbaren Kommentar.

Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. „Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen.“

Auch hier erfährt man nicht, wie sie auf seinen ersten Spruch reagiert hat: Verschämtes Schweigen und umlegen eines Schals? Ungläubiges Entsetzen mit offenen Mund? Verschmitztes Grinsen und ein bestätigendes Nicken? Wie lief das Gespräch weiter? Wenn sie hier „Indicators of Interest“ gesendet hätte finde ich seine Reaktion nach diesem Spruch keineswegs schlimm. Ein Handkuss ist eher alte Schule und wenn sie auf den Busenkommentar passend reagiert hätte, dann konnte er wohl davon ausgehen, dass er einen Handkuss wagen kann zumal man auch hier langsam die Hand nehmen und zum Mund führen kann und erst dann, wenn sie es zulässt einen Kuss aufdrückt. Wir erfahren auch hier wieder sehr wenig über den gesamten Vorgang oder ihre Reaktion. Wie hat er ihre Hand genommen, wie hat er reagiert, war sie in einer Schockstarre und merkte er das? Es fehlt jegliche Schilderung, die den Handkuss abschätzbar macht.

„Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen.“

Wenn wir einmal von der vorteilhaftesten Version für Brüderle ausgehen, dann hat sie den Spruch über ihren Busen akzeptiert, den Handkuss akzeptiert, es spricht nichts dagegen sie um einen Tanz zu bitten. Wenn sie natürlich jeweils mit Abscheu reagiert hat, dann wäre es etwas anderes.

„Herr Brüderle“, sage ich, „Sie sind Politiker, ich bin Journalistin.“ „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen“, sagt er.

Finde ich auch erst einmal einen unverdächtigen Dialog – ihr Argument ist ja in der Tat nicht zwingend. Joschka Fischers 3 und 4 Frau waren Journalistinnen (ebenfalls mit starken Altersunterschied),  Auch Gerhard Schröders vierte Frau war Journalistin. Christian Lindners Frau ist ebenfalls Journalistin. Sieht man es als reinen Shittest, dann reframed er ihn eigentlich ganz okay als Argument für eine Entscheidung für ihn. Auch hier erfahren wir nicht, ob sie es mit einem verschmitzten Lächeln und einem leichten Augenaufschlag sagt oder eher ablehnend.

Ich sage: „Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.“ „Am Ende sind wir alle nur Menschen.“

Hier wird sie immerhin deutlicher. Und er bringt es in dieser Interaktion okay zu Ende.

Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper.

Hier wäre natürlich die Frage, wie nahe er ihr gekommen ist. Ihr einfach so ohne weitere Vorzeichen einen Kuss auf den Mund drücken zu wollen wäre ein absolutes No-Go. Aber auch hier erfährt man eigentlich zu wenig über konkrete Nähe oder überhaupt die näheren Umstände.

Im Ganzen wäre also sein Eingangsspruch wahrscheinlich über die Grenzen hinaus, sofern sie nicht ihrerseits Interesse signalisiert und ihren Busen besonders betont hat. Auch am Ende scheint er etwas viel gewollt zu haben. So richtig erfährt man aber auch nichts über die Einzelheiten, so dass ich an seiner Version interessiert wäre.

Bleibt noch die Frage, warum sie es gerade jetzt so darstellt:

Klar kann man da anführen, dass gerade weil er wieder mehr ins Rampenlicht geht die Bevölkerung auch ein Anrecht darauf hat, ihn entsprechend kennen zulernen. Aber es wirkt eben auch wie eine politisch motivierte Kampagne und ein sich ins Rampenlicht rücken.

Der Artikel schildert, dass auch ansonsten die Politiker wohl eifrig hinter den Frauen her sind:

Es fängt an bei einem bieder-braven CDU-Ministerpräsidenten, der vor den beiden jungen Journalistinnen, die ihn begleiten, plötzlich den Hirsch macht und angeberisch in der Tempo-30-Zone den Rennfahrer gibt; ein Testosteroneinschuss und ein Verhalten wie bei einem 14-jährigen Pubertanten. Es geht weiter beim Parteihäuptling, der zu vorgerückter Stunde auf einem Fest einer Mitarbeiterin so auf die Pelle rückt, dass die von Kolleginnen in Sicherheit gebracht werden muss. Und es hört auf bei einem ehemaligen Wirtschaftsminister, der bei seinen Besuchen im Ausland den Frauen in den jeweiligen Botschaften nachstellte – so impertinent, dass eine Order rausging, junge Frauen nicht mit diesem Mann alleine zu lassen.

Also klassisches Imponiergehabe, Statusaufbau, den starken Mann markieren. Würde mich interessieren, wie hoch da die Erfolgsquoten sind.

Auch interessant, dass wohl das Verhalten von Journalistinnen auch nicht immer einwandfrei ist:

Zur vollen Wahrheit gehört allerdings auch, dass in manchen Redaktionen junge, attraktive Frauen strategisch eingesetzt werden. Dabei geht es nicht nur um einen anderen, weiblichen Blick. Sondern darum, eine größere Nähe zu Politikern herzustellen, eine anders geartete Nähe. Offenherzigkeit gegen tiefes Dekolleté und klimpernde Wimpern. So einfach ist das manchmal wirklich, leider. Und auch das ist Sexismus, nur anders herum. Ein Spiel mit den Trieben.

Ein tiefes Dekollete und klimpernde Wimpern. Inwieweit Laura Himmelreich diese eingesetzt hat um als relativ junge Journalistin einen hohen Politiker besser interviewen zu können, lässt ihre Version schon aus meiner Sicht noch offen.

Die Forderungen daraus:

Ja, es ist ein schmaler Grat. Nein, es geht nicht um das gemeinsame Weinchen in entspannter Atmosphäre. Das sei allen gegönnt, auch Rainer Brüderle. Aber es geht darum, auf welcher Basis sich Journalistinnen und Politiker begegnen. Auf Augenhöhe, wie das etwa der verstorbene Peter Struck mit rauem Charme beherrschte? Oder auf Brusthöhe, wie Brüderle und die anderen schamlosen Böcke in Nadelstreifen. Es ist eine Frage des Respekts, den man sich gegenseitig entgegenbringen sollte, egal welchen Alters, egal welchen Geschlechts. Es geht schlicht um ein Mehr an Zivilisation.

Interessant auch, dass man die Journalistinnen, die Politiker anflirten, hier außen vorlässt. Auf ihr Verhalten dürfte ein Teil des Verhaltens der Politiker ja durchaus zurückzuführen sein, weil sie dort Erfolgserlebnisse abholen, die sie annehmen lassen, dass ihr Verhalten erfolgreich ist.

Hier noch ein paar Stimmen von Twitter: