Darwin, Lamarckismus und „Geschlecht – wider die Natürlichkeit“

Ich lese gerade von Heinz-Jürgen Voss  „Geschlecht – Wider die Natürlichkeit“ eine interessante Passage zu Lamarckismus und Darwin:
Nun schreibt Voss:
Ein dritter Aspekt ist ebenfalls bedeutsam. So wurde Darwins Theorie in der heutigen Rezeption oftmals in dem Sinne gegen Lamarcks Evolutionstheorie gestellt, dass erworbene Eigenschaften nach Darwin angeblich nicht auf den Nachwuchs übergingen. Darwin schreibt aber ganz anderes, hier nun auch gleich bezüglich der Intelligenz: Soll das Weib dieselbe Höhe wie der Mann erreichen, so muss es mit beginnender Geschlechtsreife zur Energie und Ausdauer erzogen werden und Verstand und Einbildungskraft müssen bis zur höchsten Entfaltung geübt werden; es würde dann wahrscheinlich diese Eigenschaften größtenteils auf seine erwachsenen Töchter übertragen. Alle Frauen können aber nur dann derart in die Höhe gebracht werden, wenn viele Generationen diejenigen, die sich in jenen kräftigen Tugenden auszeichnen, heiraten und mehr Kinder zur Welt brachten als andere Frauen“ (Darwin 1951 (1871):  564) Darwin lässt also sehr wohl gesellschaftliche Wirkungen zu und beschreibt die Weitergabe auch erworbener Merkmale an die Nachkommen als möglich
Ich habe die Stelle gleich einmal bei Darwin nachgelesen, nur um sicher zu sein, weil ich sie so gar nicht mit seinen sonstigen Theorien in Einklang bringen kann: Sie klingt in der Tat recht lamarckisch. Aber – soviel muss man ihm natürlich zugestehen – Voss hat ihn richtig zitiert.
Was allerdings nichts daran ändert, dass Lamarckismus heutzutage allgemein als unwissenschaftliche, gerade in dem hier zitierten Sinn gibt und mir kein Biologe bekannt ist, der diese These heute noch vertritt.
Lamarckismus als Rettungsanker für Ideen aus dem Poststrukturalismus ist natürlich verlockend und ich kann verstehen, dass Voss sich auf dieses Zitat gestürzt hat – es bleibt aber unlauter es den Lesern seines Buches in dieser Form zu präsentieren, da man davon ausgehen kann, dass diese keine Ahnung haben, was Lamarckismus eigentlich ist und das man sich in der wissenschaftlichen Welt lächerlich macht, wenn man ihn ernsthaft und in dieser Form vertritt.
Darwins große Idee ist Mutation und Selektion. Und diese fehlt hier natürlich. Man müßte also oben ergänzen, dass man die Frauen entsprechend unterrichten müßte, um ihre Fähigkeiten zu ermitteln und dann diejenigen „selektieren“ müßte, die gute Fähigkeiten haben. Würde es eine genetische Grundlage der entsprechenden Fähigkeiten geben, dann könnte man damit Frauen mit besseren Fähigkeiten in dem Bereich schaffen – würde aber ein umfassendes Menschenexperiment ansetzen müssen, welches in dieser Form wohl kaum zumutbar und durchführbar ist.
Interessant dennoch Darwins Einstellung zum Lamarckismus:
Nach dem, was ich gefunden habe, stand er der Idee zumindest Anfangs eher kritisch gegenüber:
 I forget my last letter, but it must have been a very silly one, as it seems I gave my notion of the number of species being in great degree governed by the degree to which the area had been often isolated & divided;; I must have been cracked to have written it, for I have no evidence, without a person be willing to admit all my views, & then it does follow; but in my most sanguine moments, all I expect, is that I shall be able to show even to sound Naturalists, that there are two sides to the question of the immutability of species;—that facts can be viewed & grouped under the notion of allied species having descended from common stocks. With respect to Books on this subject, I do not know of any systematical ones, except Lamarck’s, which is veritable rubbish; but there are plenty, as Lyell, Pritchard, on the view of the immutability.
Später hat Darwin den Gedanken der Weitergabe von Eigenschaften aber wohl doch aufgenommen, in seinen Theorien zur Pangenesis:

Darwin entwickelte die Pangenesistheorie in seinen späten Werken als Konzession an Vertreterlamarckistischer Auffassungen wegen bestimmter Anpassungsphänomene bei Lebewesen, die er nicht mit seiner Selektionstheorie erklären zu können glaubte:

„Es wird fast allgemein zugegeben, dass die Zellen oder die Einheiten des Körpers sich durch Theilung oder Prolification fortpflanzen, wobei sie zunächst dieselbe Natur beibehalten und schliesslich in die verschiedenen Gewebe und Substanzen des Körpers verwandelt werden. Aber ausser dieser Vermehrungsweise nehme ich an, dass die Zellen vor ihrer Umwandlung in völlig passive oder ‚gebildete Substanz‘ kleine Körnchen oder Atome abgeben, welche durch den ganzen Körper frei circulieren und welche, wenn sie mit gehöriger Nahrung versorgt werden, durch Theilung sich verfielfältigen und später zu Zellen entwickelt werden können, gleich denen von denen sie herrühren. Diese Körnchen können der Deutlichkeit halber Zellenkeimchen genannt werden, oder da die Zellentheorie nicht vollständig begründet ist, einfach Keimchen … Endlich nehme ich an, daß die Keimchen in ihren schlummernden Zustande eine gegenseitige Verwandtschaft zueinander haben, welche zu ihrer Aggregation entweder zu Knospen oder zu den Sexualelementen führt. Um genauer zu sprechen, so sind es nicht die reproduktiven Elemente, auch nicht die Knospen, welche neue Organismen erzeugen, sondern die Zellen selbst durch den ganzen Körper. Diese Annahmen bilden die provisorische Hypothese, welche ich Pangenesis genannt habe.“ [1]

Das folgende Zitat zeigt eindeutig, dass Darwin weit lamarckistischer im Sinne einer Vererbung erworbener Eigenschaften gedacht hat, als wir dies heutzutage wahr haben wollen: „Bei Variationen, welche durch die directe Einwirkung veränderter Lebensbedingungen verursacht werden … werden die Gewebe des Körpers nach der Theorie der Pangenesis direct durch die neuen Bedingungen afficiert und geben demzufolge modificirte Nachkommen aus, welche mit ihren neuerdings erlangten Eigenthümlichkeiten den Nachkommen überliefert werden. …“

Die Idee der „Keinmchen“ ist heute ebenso widerlegt wie sonstige Lamarckische Theorien. Kein ernsthafter Wissenschaftler geht heute davon aus, dass die Ausbildung einer Frau in Mathe irgendwelche biologischen Einflüsse auf die Fähigkeiten ihrer Kinder hat.

Eine Berufung auf Lamarck kann Darwin nachgesehen werden, weil er noch nicht das heutige Wissen über Gene und Vererbung hatte.

Voss hingegen hätte, gerade weil er für Leser schreibt, die sich auf dem Gebiet nicht auskennen, doch zumindest eine Einordnung vornehmen sollen, dass diese Idee heute nicht mehr vertreten wird und Darwin hier daneben lag. Sich einfach so auf Darwin zu berufen und damit eine gewisse Autorität auf dem Gebiet zu nutzen erscheint mir unseriös

Männliche und weibliche Hormone

 Heinz-Jügen Voss hat auf meine Besprechung seines Buches „Making Sex revisited“  immerhin mit einem Kommentar in dem Artikel dazu, dass er zu der Besprechung keine Stellung nimmt , reagiert.

Dabei verweist er auf einen Artikel in seinem Blog , in dem es darum geht, dass die Hormone im Körper in einander umgewandelt werden können und zudem einige der „männlichen“ Hormone im weiblichen Körper an entscheidender Stelle wirken und einige „weibliche“ Hormone im männlichen Körper wirken. Genau dieses Argument führt auch Fausto-Sterling in ihrem Buch „Sexing the Body“ aus, was eigentlich damit allerdings bewiesen, belegt oder behauptet sein soll und was daran besonderes sein soll erschließt sich mir nicht.

Der Ansatz scheint mir eine Mischung aus mehreren typischen Gedanken aus den Gender Studies zu sein:

1. Umwandlungen und Ähnlichkeiten

Dass eine Umwandlungsmöglichkeit vorhanden ist ist richtig und auch die von Heinz-Jürgen Voss verwendeten Darstellungen sind so weithin akzeptiert und seit langem bekannt. Das angedichtete Element, welches meiner Meinung nach in den Darstellungen von Heinz-Jürgen Voss und Frau Fausto-Sterling hinzukommt, ist allerdings, dass dies kein kontrollierter Vorgang ist und eine Beliebigkeit aufweist, die die geschlechtliche Wirkung der Hormone aufhebt.

Es ist bei evolutionären Vorgängen erst einmal eher zu erwarten als verwunderlich, dass bestimmte Stoffe lediglich Abwandlungen von einander sind. Denn Evolution ist eine Veränderung in kleinen Schritten, die alle aufeinander aufbauen. Es handelt sich bei Körpern eben gerade nicht um Systeme, die einen Designer, einen Erschaffer haben, der neue Elemente auf dem Zeichenbrett kreiieren kann, sondern das Schaffen eines neuen Systems erfordert ein Aufbauen auf dem alten. Aber das bedeutet nicht, dass diese neue Abweichung von einem bisherigen Produkt nicht eine vollkommen neue Bedeutung erhalten kann, die in scharfer Abgrenzung zum vorherigen Produkt steht.

Das der Hormonhaushalt funktioniert und es schafft bestimmte Hormonkonzentrationen zu halten ist medizinisch meiner Meinung nach nicht zu bestreiten. Jede Frau, die einen regelmäßigen Zyklus, ja überhaupt einen Zyklus hat, sollte eigentlich Beleg genug sein. Eine spontane Umwandlung bestimmter „weiblicher Hormone“ in „männliche Hormone“ würde diesen Zyklus erheblich durcheinander bringen. Das gilt auf männlicher Seite ebenso: Bei einer „Spontanumwandlung“ des Testosterons in Östrogene würde der männliche Körper vollkommen durcheinander geraten.

Ein Mann, der plötzlich den Östrogengehalt einer Frau hätte wäre unfruchtbar. Eine Frau, die plötzlich den Testosterongehalt eines Mannes hätte ebenso.  Ich hatte dazu schon einmal was in dem Artikel „Unterschiedliche Hormonausschüttung der Geschlechter und gesellschaftliche Einflüsse“ geschrieben.

Auch die übrigen Ähnlichkeiten im Anfangsstadium der Genitalentwicklung ändern daran nichts. Denn wiederum ist darauf zu verweisen, dass Ähnlichkeiten innerhalb der anfänglichen Entwicklung zu erwarten sind, wenn Geschlechter durch Evolution entstanden sind. Nach der Fausto-Sterlingschen und Voss´schen Logik müßte man sagen:

„Ah, ein Affenembryo und ein Menschenembryo sind am Anfang nicht zu unterscheiden, die Anfänge der Ausbildung sind gleich, also (vorsicht, logischer Schluß) sind Affe und Mensch austauschbar und die Unterscheidung sinnlos, alles ist ein „Affen-Mensch-Gemenge“ welches nicht zu differenzieren ist. Der Affe wird erst durch die Bezeichnung zum Affen, der Mensch erst durch die Bezeichnung zum Mensch, die Unterscheidung ist gesellschaftlich gemacht, biologisch sind sie nicht zu unterscheiden.“

Affe und Mensch sind aber, wenn auch in vielen Punkten gleich, sehr verschieden.

Die biologischen Theorien berücksichtigen die Ähnlichkeiten in der Entwicklung und die Umwandlungsmöglichkeit natürlich auch bereits. Ich habe beispielsweise in meinem Artikel „Biologische Gründe für Homosexualität“ darauf verwiesen, dass an der Blut-Hirn-Schranke Testosteron in Östrogen umgewandelt wird und ein Fehler hierbei ebenfalls Homosexualität bewirken könnte. Zudem ist ein Fehler bei der Umwandlung auch eine mögliche Ursache für Frau->Mann-Transsexualität. Bei CAH-Mädchen wird als Ursache für ihr im Schnitt männlicheres Verhalten angesehen, dass ihre Nebennierenrinden zuviel Testosteron produzieren. Und Testosteron wird allgemein mit sexueller Lust bei beiden Geschlechtern in Verbindung gebracht. Auch bei CAIS geht es darum, dass Testosteron nicht erkannt wird, obwohl ein „männlicher Bauplan bzw. Wachstumsplan“ vorliegt. Da die Theorien zur Geschlechterherausbildung im Gehirn insbesondere auf pränatales Testosteron abstellen, wäre es sehr merkwürdig, wenn sie davon ausgehen würden, dass Testosteron von Frauen nicht produziert wird.

Das Heinz-Jürgen Voss dies alles nicht bekannt ist, verwundert, da er ja selbst in „Making Sex revisited“ (S. 232) darauf hinweist, dass die Theorien zu den pränatalen Hormonen und ihrem Zusammenhang mit dem Geschlecht den modernen wissenschaftlichen Diskurs bestimmen:

Die konkurierenden Theorien vertraten die Auffassung, dass ein neugeborenes Kind nicht geschlechtlich neutral sei. Androgene (als männlich betrachtete Geschlechtshormone) sollen bereits pränatal, zumindest sehr früh postnatal, vor allem im Gehirn wirksam sein, so dass eine geschlechtsspezifische (männliche) Konstituierung erfolgt. (…) Nun standen vermeintlich pränatal bzw. früh postnatal, insbesondere auf das Gehirn des Embryos wirkende Hormone im Mittelfeld der Betrachtungen. Heute (Ende des 20., Anfang des 21 Jhd.) dominieren in Diskursiven Postulaten binärer geschlechtsspezifischer Konstituierung des Gehirns.

Sollte er die diesbezüglichen Theorien nicht gelesen oder nicht verstanden haben? Auch später in dem Buch verweist er ja selbst noch einmal darauf, dass die Testosteronproduktion für die Geschlechtsentwicklung bedeutsam ist (S. 306):

Für die Geschlechtsentwicklung wurden Interaktionen zwischen Embryo und maternalen Einflüssen bereits zu Beginn dieses Kapitels angedeutet. So erfolgte die als geschlechtlich bedeutsam angenommene Testosteron-Produktion zunächst angeregt durch das maternale Hormon Choriongonadotropin (hGG) (vgl. S. 243) solche Interaktionen gehören zu den Bedingungen, die die Embryonalentwicklung erst ermöglichen, und sie sind auch für die Geschlechtsentwicklung bedeutsam.

Wenn die Hormone aber beliebig sind, dann wäre der obige Satz nicht nachvollziehbar.

2. Gibt es männliche und weibliche Hormone?

Die Antwort ist aus meiner Sicht ein klassisches „Jein“.

Wenn man es nach der „Ausschließlichkeits-Strohmann-Biologie“ vorgeht, nach der Testosteron rein männlich und Östrogen rein weiblich ist, dann wäre die Bezeichnung in der Tat falsch. Wenn man hingegen davon ausgeht, dass ein Körper, der viel Testosteron produziert und auch erkennt männlich(er) wird und ein Körper, der viel Östrogen produziert und erkennt weiblich(er) wird, dann kann man hingegen eine Bezeichnung als männlich und weiblich durchaus rechtfertigen.

Natürlich haben Hormone kein Geschlecht. Sie sind einfache Botenstoffe. Aber ihre Botschaften hinterlassen eben gewisse Wirkungen. Diese Wirkungen haben eine Richtung. Und die verläuft bezüglich des Körpers eben bei Testosteron in Richtung Mann und bei Östrogenen in Richtung Frau. Beim Gehirn könnte man dies schon wieder anders sehen. Aber die Veränderungen beruhen zum einen auf den Hormonen und zum anderen sieht man sie nicht so deutlich, wie die körperlichen Auswirkungen.

Ich halte die Bezeichnung daher für durchaus angebracht.

Daraus muss keine Geschlechtszuweisung der

3. Geschlechtszuweisung an Hormone im Diskurs

Der Gedanke, dass die Bezeichnung der Hormone als männlich oder weiblich Forscher auf die Schiene der Zweigeschlechtlichkeit zwingt ist meiner Meinung nach sehr naiv. Weil Sprache und Diskurs in dieser Hinsicht nicht tatsächlich nachvollzogen werden und lediglich die Strohmannbiologie innerhalb der Gender Studies und Teilen des Feminismus von einem essentialistischen Geschlechtermodell ausgeht. Würde man den wissenschaftlichen Diskurs hier tatsächlich nachvollziehen und nicht immer bei 1950 stehenbleiben, dann würde man sehen, dass die Rolle der Geschlechtshormone in der modernen Biologie gleitende Übergänge vorsieht und die Geschlechtszuweisung hier lediglich das Ziel betrifft.

Das Testosteron eine wichtige Rolle bei Frauen spielt und Östrogene bei Männern vorkommen überrascht keinen Biologen oder Mediziner, der sich auch nur etwas mit dem Thema befasst hat.

Heinz Voss will Kritik an seinem Buch „Making Sex revisited“ lieber nicht öffentlich besprechen

Ich hatte hier ja das Buch „Making Sex revisited“ von Heinz Voss besprochen. Und einiges an Kritik vorgebracht.

Das Buch hat meiner Meinung nach erhebliche Fehler, wie es bei einem Buch, dass Poststrukturalismus, Queertheorie, Feminismus und biologische Wissenschaft zusammenbringen will ja auch zu erwarten ist.

Ich war eigentlich gespannt auf die Erwiderung des Autors. Schließlich war dies seine Doktorarbeit, da sollte man meinen, dass er zu solcher Kritik etwas sagen kann. Schließlich sagte er ja auch in einem früheren Kommentar:

Vielleicht lohnt sich ja doch langsam ein Blick in das Buch. (…) Liebe Grüße und gern bereit für Diskussionen

Jetzt habe ich ihn auf seinem Blog mal darauf angesprochen, ob noch was kommt. Nunmehr heißt es von Heinz Voss:

Diskussion dann aber auch direkt, gebloggt mit Argumenten und Gegenargumenten und Gegengegenargumenten… haben wir doch vor einem Jahr ausreichend. (…) Mit ‚direkter Diskussion‘ meine ich einfach in einem Café, z.B. in Leipzig.

Kann ich verstehen. Wenn man keine Gegenargumente hat, dann ist es besser zu schweigen und seine Doktorarbeit nicht weiter zu beschädigen. Schließlich kann man dann immer noch sagen, dass man Gegenargumente hätte.

Schade dennoch.

Besprechung: Heinz-Jürgen Voss: Making Sex Revisited

Ich habe „Making Sex revisited“ von Heinz-Jürgen Voss durch. Einen ersten Eindruck hatte ich ja bereits in „Heinz Jürgen Voß zu pränatalen Hormonen“ mitgeteilt. Dieser ist nicht positiver geworden.

Es heißt, dass im wesentlichen Konzepte aus dem Poststrukturalismus angewendet werden und theoretischer Konstruktivismus, Dekonstruktion, Diskursanalyse, feministische Wissenschaftskritik und Systemorginasationstheorie den Hintergrund bilden. Es handelt sich damit im wesentlichen um ein ideologisches Buch.  Voss stellt gleich auf einer der ersten Seiten dar, dass er als wissenschaftliches Mittel die Diskursanalyse wählt und dabei die gesellschaftliche Ansicht, dass es strikt männlich und weiblich hinterfragen will.

Diese Annahme selbst ist allerdings, und das ist einer der großen Kritikpunkte, letztendlich ein klassischer Strohmann, denn auch in der Gesellschaft sind Transsexuelle und männliche Frauen und weibliche Männer bekannt. Es ist der Umstand, dass man bei wahrscheinlich 99,5% der Menschen recht problemlos dem Phänotyp nach einordnen kann, der dazu führt, dass man von Männern und Frauen ausgeht und die Zwischenfälle eben sehr selten sind und daher nicht so häufig besprochen werden, der dazu führt, dass diese Zwischenfälle im Alltag eine geringe Bedeutung haben. Wenn man allerdings einen nicht eindeutigen Fall präsentieren würde, dann würde ich vermuten, dass die meisten Menschen durchaus zugeben würden, dass dieser nur schwer einzuordnen ist und eine Mischung der Geschlechter darstellt.

Voss läßt auch unklar, was seine Diskursanalyse eigentlich genau ergeben soll. Da er ja davon ausgeht, dass „Geschlecht gemacht ist“ und anspricht, dass es darum geht, wie die Geschlechter auch biologisch entstehen, scheint er ermitteln zu wollen, wo die Trennlinien zwischen Mann und Frau eigentlich verlaufen und wo die Gesellschaft sie bildet. Er zieht dabei allerdings gemäß seinem Anspruch, Biologie und Philosophie in Einklang zu bringen, und das in dem Bereich des Poststrukturalismus, der keine Fakten akzeptiert und damit auch keine biologischen Ergebnisse, keine Linie zwischen Ansichten und biologischen Stellungnahmen und Theorien, so dass es ihm wohl durchaus darum geht, hier zu Ermitteln wie Geschlecht entsteht.

Das ist allerdings mit den Mitteln der Diskursanalyse nicht möglich, wenn Biologie tatsächlich einen biologischen Ursprung hat. Eine Diskursanalyse kann ermitteln, wie Leute Fakten präsentieren und welche sie Weglassen, wie sie trotz entgegenstehender Fakten eine Meinung erzeugen und wie ein Konsenz über ein Thema geschaffen wird. Sie kann aber Fakten nicht überprüfen und damit Ergebnisse über ein Thema ermitteln, dessen Fakten nicht durch den Diskurs hergestellt werden. Es kann also beispielsweise ermittelt werden, wodurch ein gesellschaftliches Konstrukt wie der Status einer Person durch diskursive Mittel geschaffen wird, indem zB eine Heldenlegende gestrickt wird oder das obligatorische Politker-küsst-Baby-Foto gemacht wird. Es kann ermittelt werden, wie beispielsweise Gerüchte um den Geburtsort eines Präsidenten geschaffen werden oder Zweifel hieran kommuniziert werden und welcher Effekt damit erreicht werden soll. Aber es kann die Frage, wo ein Präsident geboren ist, nicht beantworten, weil dieser Fakt außerhalb des Diskurses liegt.

Daran kranken die ersten zwei  Kapitel, die den Großteil des Buches ausmachen, und damit letztendlich das gesamt Buch. In diesen ersten zwei Kapiteln legt Voss verschiedenste Theorien zu den Geschlechtern dar, historische Überlieferungen solcher Theorien, die belegen sollen, dass es keineswegs so war, dass es immer zwei Geschlechter gab. Dabei reißt er die meisten Theorien nur kurz an, es erfolgt keine sehr tiefe Beschäftigung mit diesen. Es ist eher die Anzahl der Theorien, die zu dem Umfang des Buches beiträgt. Auch hierbei verkennt er, dass die Herleitung der Geschlechter zB die Auffassung, dass eine Frau nur ein minderbegabter Mann ist, nie dazu geführt hat, dass man die Unterteilung in Mann und Frau aufgegeben hat oder üblicherweise, also von Ausnahmefällen abgesehen, Probleme mit der Abgrenzung hatte.

Die modernen Theorien zu pränatalen Hormone und ihren Einfluss auf die Entwicklung der Geschlechter, die Stelle, an der es interessant geworden wäre, handelt er dann auf einer halben Seite ab (S. 232 ), er fasst sie so stark zusammen, dass jemand, der sich in diesem Bereich nicht auskennt, sich kein Bild von diesen Theorien machen kann, nicht verstehen kann, was sie eigentlich aussagen und auf welche Argumente sie sich stützen und warum sie den wissenschaftlichen Diskurs bestimmen. Ich hatte ihn hier bereits fast vollständig zitiert.

Würde man die Diskursanalyse von Voss auf ein anderes Gebiet, in dem es um naturwissenschaftliche Fakten geht, übertragen, dann würde sich das wie folgt lesen (leicht übertrieben):

„Was der Mond eigentlich ist, ist in der Geschichte umstritten gewesen. Ein Volk nahm an, dass es sich um die Göttin X handelt, die in eine Liebesgeschichte mit der Sonne verstrickt ist. Andere nahmen an, dass es der Hintern einer dicken Frau ist. Wieder andere sahen darin eine Riss im Himmelszelt, der das Licht des Paradises durchscheinen läßt, andere einen Käseleib, der von Mäusen angekabbert wird und sich beständig erneuert…. (232 Seiten später) Erst in neuerer Zeit trat aufgrund optischer Betrachtungen und einem aus dem USA stammenden Apolloprojekt die Meinung in den Vordergrund, dass es sich um einen Erdtrabanten aus Fels handelt.“

Wer mir mit Hilfe einer Diskursanalyse ohne Hinzuziehung von Fakten darstellen kann, dass die letzte Auffassung die richtige ist, der möge dies bitte in den Kommentaren tun.

Ich hingegen bin der Auffassung, dass über eine Diskursanalyse wie oben dargestellt eine Ermittlung der Fakten gerade nicht möglich ist. Der Mond ist nicht der Hintern einer dicken Frau, er ist ein Felsbrocken, der um die Erde kreist. Alle Diskurse dieser Erde können hieran nichts ändern. Dies ergibt sich daraus, dass wir den Mond mit Teleskopen beobachtet, mit Satelliten umflogen und auf ihm Gestanden und Proben zur Erde gebracht haben. Wir haben seine Gravitationskräfte gemessen und messen sie täglich und diese in eine schlüssige Theorie eingebunden. Eine Diskursanalyse käme allenfalls dann zum Zug, wenn man darstellen könnte, dass die Fakten gefälscht sind, also das Apolloprojekt eine Lüge ist und lediglich ein diskursives Mittel war um, um den Eindruck zu erwecken, dass der Mond ein Felsbrocken und nicht der Hintern einer dicken Frau ist. Dann aber müßte man auch die Fakten analysieren und nicht den Diskurs. Die Analyse der Fakten, die einem Diskurs zugrunde liegen erfolgt nicht im Diskurs, sondern außerhalb des Diskurses.

Das erste Kapitel kann daher seinen Zweck, die Geschlechterentstehung darzustellen, nicht leisten. Es kann allenfalls den Diskurs dazu wiedergeben, ohne das dies etwas über die Geschlechterentstehung aussagt.

 Voss folgert:

„Biologisch-medizinische Theorien über Geschlecht waren und sind in Gesellschaftliche Bedingungen eingebunden…. Herausgearbeitet wurde, dass die Merkmale, die in biologisch-medizinischen Theorien als kennzeichnend für Geschlecht angesehen werden, keineswegs fest und unveränderlich waren. Sie veränderten sich mit der Entwicklung von Wissenschaft und Gesellschaft und waren auch abhängig von der verfügbaren und eingesetzten technisch-wissenschaftlichen Instrumentarium“

Das sich die Forschung entwickelt hat ist richtig und fast eine Selbstverständlichkeit. Auch hier wird aber meiner Meinung nach ein falscher Eindruck erweckt.. Denn die Geschlechterzuordnung war keineswegs Problematisch, sofern es nicht um Sonderfälle ging. Die Unterscheidung „ein Penis=ein Mann, eine Scheide= eine Frau“ ist für den allergrößten Teil eine ausreichende Vorsortierung, die nur in wenigen Fällen falsch ist. Natürlich hat sich dies später verfeinert, wie es bei Wissenschaft nun einmal so ist und die Möglichkeit Chromosomen zu erkennen etc hat da sicherlich geholfen. Aber das bedeutet nicht, dass eine Grundeinteilung besonders viel Fachwissen erfordert – wir erkennen üblicherweise recht schnell, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, von Sonderfällen abgesehen.

Im dritten Kapitel möchte Voss den Blick auf Chromosomen und Gene lenken und die ihnen zugeschriebenen Anteile an der Ausbildung von Geschlecht in der Embryonalentwicklungdarstellen. Es geht hauptsächlich darum, wie die primären Geschlechtsorgane entstehen und er verweist dabei darauf, dass dies recht kompliziert ist. Es würden viele genetische Faktoren zusammenspielen, die keineswegs nur auf dem Y-Chromosom angesiedelt sind. Es wird das SRY-Gen behandelt und verschiedene andere Abschnitte. Dabei geht es auch um die Entwicklung des Hodens, die in der Wikipedia wie folgt dargestellt wird:

Der Hoden-determinierende Faktor (abgekürzt TDF, von engl. testis determining factor) ist ein Protein, welches von dem Gen Sex determining region of Y, kurz SRY-Gen, auf dem kurzen Arm des Y-Chromosom codiert wird. TDF bestimmt, ob sich aus der zunächst indifferenten Gonadenanlage ein Hoden zu entwickeln beginnt. Fehlt er, entsteht aus dieser ein Ovar. Seine Anwesenheit bzw. Funktionsfähigkeit ist – abgesehen von der Frage, ob eine Samenzelle mit einem Y-Chromosom oder eine solche mit einem X-Chromosom die Eizelle befruchtete – der primäre Auslöser für die Entwicklung zu einem männlichen Individuum.

Genau diese Darstellung kritisiert Voss allerdings. Es wird dargelegt, dass das SRY-Gen auch einmal nicht auf dem Y-Chromosom liegen kann und das als Beleg dafür gesehen, dass alles bei der Geschlechterherausbildung undeutlich ist. Er stellt dar, dass weitere Gene nach und vor dem SRY-Gen bei der Erstellung der Geschlechtsorgane tätig sind und diese auch bei Frauen nicht einfach passiv erfolgt, sondern bestimmte Schritte erfordert.

Hier setzt sich einer der großen Fehler aus dem ersten Kapitel fort, nämlich der Umstand, dass Voss nie darstellt, was eigentlich gegenwärtig vertreten wird. Wenn er dargestellt hätte, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern durch pränatale Hormone, insbesondere Testosteron herausgebildet werden, dazu aber erst einmal durch die Gene etwas erzeugt werden muss, was Testosteron produziert, nämlich die Hoden, dann wäre dem Leser einiges deutlicher (allerdings Voss´ Theorie schwerer zu vermitteln) gewesen. Wenn er dargelegt hätte, dass bei Personen mit einem Y-Chromoson, aber fehlerhaften Testosteronrezeptoren innenliegende Hoden gebildet werden, aber ansonsten weibliche Geschlechtsteile (mit einigen Einschränkungen), dann wäre es leichter zu verstehen gewesen, warum nur ein Teil der Geschlechtsorgane , aber nicht die gesamte Entwicklung der Geschlechtsorgane über das SRY-Gen erfolgt. Wenn er dargestellt hätte, dass die primären Geschlechtsorgane teilweise nur Umformungen von einander sind, dann wäre auch verständlich, warum bestimmte Gene bei beiden Geschlechtern in Kraft treten müssen. Voss stellt sogar in einem Nebensatz dar, dass bestimmte Gene Hormongesteuert sind, aber er will damit nur darauf verweisen, dass alles von äußeren Faktoren abhängt. Das diese Faktoren Hormone sind, die bei funktionierenden Hoden in dem einen Geschlecht in einer deutlich höheren Menge vorkommen und daher die Entwicklung bei einer Steuerung durch diese auch geschlechtsbezogen ist, verschweigt er. Er listet eine Vielzahl von Genen auf, denen eine Bedeutung bei der Geschlechtsentwicklung zugeschrieben werden, ohne die Systeme im Grundsatz zu erläutern. Häufig geht es darum, wann das SRY-Gen aktiv ist, aber was genau an dieser Stelle bewirkt wird oder wie sich dies auf seine Theorie auswirkt, ja welche Theorie er eigentlich hat und welche insgesamt noch vertreten werden, bleibt unklar. Voss scheint im wesentlichen Aufzeigen zu wollen, dass die Wege noch nicht hinreichend klar sind und das Zusammenspiel der Gene noch besser erforscht werden muss.

Er stellt dann fest, dass auch bei der Eierstockentwicklung bestimmte genetische Faktoren als notwendig erachtet werden. Aber wie sollen die Eierstöcke auch sonst entstehen? Bestimmte Gene müssen sie natürlich erstellen. Aber die Frage ist eben, wie diese aktiviert werden und ob es in diesem Zusammenhang wieder eine Steuerung durch andere Gene und Hormone gibt. Dies legt Forschung nahe, die aber von Voss nur kurz zitiert wird, weil er auf Hormone ja nicht eingeht: Bei Patienten mit CAH wurde zB nachgewiesen, dass die Gene, die Eierstöcke entwickeln nicht aktiv waren, sie war steril. CAH hat insbesondere den Effekt, dass mehr Testosteron vorhanden ist. Hier spricht also vieles für eine hormonelle Steuerung.

Voss folgert:

Für die zentrale Frage der Geschlechtsentwicklung ergeben sich die Folgerungen: Es reicht nicht aus, Chromosomen und Gene als beteiligt an der Geschlechtsentwicklung auszuweisen, sondern es gilt zu betrachten und zu untersuchen

  1. durch welche – auch äußere – Faktoren und Prozesse einzelne Gene im spezifischen Gewebe im bestimmten Maße exprimiert werden
  2. welchen Prozessabläufen die Produkte von Transkribtion und Translation unterliegen und
  3. welche Bedeutung anderen molekularen Komponenten als Genen zukommen. Außerdem ist
  4. die Abkehr von der Voraussetzung binärer Geschlechtlichkeit in Forschungsfragen und Methoden nötig
Bei dem ersten Punkt könnte es bereits helfen, wenn Voss sich mit Hormonen mehr beschäftigen würde. Bei dem letzten Punkt bin ich anderer Meinung: Es bringt nichts das Vorhandensein zweier Geschlechter zu leugnen.
Voss Abneigung gegen Hormone wird auch etwas in den folgenden Sätzen deutlich (S.306):
Für die Geschlechtsentwicklung wurden Interaktionen zwischen Embryo und maternalen Einflüssen bereits zu Beginn dieses Kapitels angedeutet. So erfolgte die als geschlechtlich bedeutsam angenommene Testosteron-Produktion zunächst angeregt durch das maternale Hormon Choriongonadotropin (hGG) (vgl. S. 243) solche Interaktionen gehören zu den Bedingungen, die die Embryonalentwicklung erst ermöglichen, und sie sind auch für die Geschlechtsentwicklung bedeutsam.
Die geschlechtlich bedeutsame Testosteronproduktion wird allerdings in dem Buch, wie bereits dargestellt, nicht weiter behandelt. Warum auch, wenn es um die Geschlechtsentwicklung geht?
Das neben der Mutter auch der männliche Fötus recht früh Testosteron produziert geht unter.Soweit ich weiß beginnt schon ab der achten Schwangerschaftswoche im Körper des männlichen Fötus die Produktion von Testosteron. Ab diesem Zeitpunkt ist der Testostonspigel bei männlichen Föten höher als bei weiblichen Föten und erreicht bis zum Zeitpunkt der Geburt den Testosteronwert eines 12-jähriger Jungen. Ein paar Monate später sinkt der Testosteronspiegel um etwa 80 Prozent ab und pendelt sich während der Kleinkindphase auf diesem niedrigen Niveau ein. Mit etwa vier Jahren verdoppelt sich dann der Testosteronspiegel wieder. All dies lässt Voss weg, geht nur auf äußere Einflüsse ein, weil das besser in seine Theorie passt. Ein männlicher Fötus ist pränatal einer wesentlich höheren Testosterondosis ausgesetzt. Und das hat seinen Einfluss auf die Geschlechtsentwicklung.

Voss führt zudem noch aus, welchen Einfluss die herrschende patriarchische Ideologie auf die Forschung hat. Dabei ist für ihn das Denken in zwei Geschlechtern an sich schon Beleg dafür, dass die Forschung ideologiegesteuert ist. Das damit die Forschung auf anderer Forschung aufbaut und diese Fakten dazu daher begründete Vorannahmen sind, blendet er aus. Er kritisiert sozusagen, dass man davon ausgeht, dass der Mond eine Felskugel, ein Erdtrabant ist, weil die Diskursanalyse doch ergeben hat, dass es auch der Hintern einer dicken Frau sein könnte.

Auch hier zeigt sich wieder, dass er die herrschenden Theorien hätte darstellen sollen, weil er sie kritisiert, ohne sie zu nennen. Die Wissenschaft gehe davon aus, dass die Entwicklung zur Frau passiv und automatisch, die Entwicklung zum Mann aber aktiv ablaufe. Das tut sie natürlich nicht. Sie geht davon aus, dass bestimmte Prozesse über Gene gesteuert sind und ein bestimmter Teil über Hormone. Ein Teil der Steuerung über Hormone erfolgt dabei so, dass bei dem Vorhandensein von Testosteron das „männliche Bauprogramm“ und bei dessen Nichtvorhandensein oder Nichtwirksamkeit das „weibliche Bauprogramm“ gewählt wird. Dies ist bei CAIS-Frauen auch gut nachzuvollziehen. Voss versucht jetzt über seine Darlegungen zu den nichthormongesteuerten GENEN nachzuweisen, dass die Steuerung bei den HORMONEN nicht passiv ist. Damit macht er aber allenfalls deutlich, dass er das System nicht verstanden hat und Äpfel mit Birnen vergleicht.

Zur Begründung verweist er des weiteren auf ein Einzelfallbeispiel, eine Studie von Nef. Da ich diese nicht vorliegen habe, kann ich zu den Einzelheiten nichts sagen, aber auch hier scheinen mir einfach die Ansätze auseinander zu gehen. Nef möchte nicht nachweisen, dass es keine Abweichung von Mann und Frau gibt. Er möchte bestimmte allgemeine Grundsätze bei Mann und Frau überprüfen.

Aus dem Umstand, dass eine komplexe Anzahl von Prozessen notwendig ist, um die primären Geschlechtsorgane zu errichten, schließt Voss, dass dies dann aufgrund der Komplexität ein nicht mehr gesteuerter, zufälliger Prozess ist. Der Schluß hat allerdings den Denkfehler, dass komplexe Abläufe gesteuert ablaufen können. Aus der Komplexität eines Vorganges läßt sich nur ableiten, dass dieser Komplex ist.

Im Folgenden wirft dann Voss ohen auf die Grundlagen näher einzugehen noch schnell ein paar Begriffe wie Epigenetik etc in den Raum und behauptet, dass diese ebenfalls eine Zufälligkeit hineinbringen. Wie diese Zufälligkeit aber aussieht und innerhalb welchen Spektrums sie sich bewegt erläutert Voss allerdings nicht. Er führt keine Studien oder zumindest Einzelfälle an, in denen ein epigenetischer Effekt statt zu einer männlichen Entwicklung zu einer weiblichen Entwicklung der Geschlechtsorgane geführt hat. Solche Effekte sind meines Wissens nach auch nicht bekannt, obwohl ansonsten entsprechende Fälle, etwa bei CAIS-Frauen etc nachhaltig untersucht werden.

Voss weist auch nicht nach, dass bestimmte gesellschaftliche Einflüsse zu einer Veränderung führen. Er behandelt eben nur einen sehr schmalen Bereich, die Geschlechtsorgane, und deutet Schwachstellen in biologischen Theorien, die aber aufgrund seiner Ausblendung der Hormone eher Strohmanntheorien sind und den tatsächlichen Forschungsstand nicht wiedergeben, an. Das biologisches Geschlecht „gemacht“ ist, gar gesellschaftlich gemacht ist, ist aus dem Buch nicht herzuleiten.

Dennoch heißt es in den Schlußfolgerungen auf Seite 313 dann:

Naturphilosophische und biologisch-medizinische Geschlechtertheorien sind eingebunden in gesellschaftliche Zusammenhänge zu betrachten. Sie werden gesellschaftlich hergestellt.

Es ist erstaunlich, dass Voss im Vorfeld bestimmte Genwirkungen darstellen kann, die er nicht in gesellschaftliche Zusammenhänge einbettet und dann ausführt, dass die Geschlechtertheorien gesellschaftlich hergestellt werden, also eine reine Konstruktion sind. Damit beraubt er seine Arbeit jedes Aussagegehalts, da sie ja auch nur einen gesellschaftlichen Herstellungsprozess abbilden. In gewisser Weise widerspricht er sich damit selbst.

Das Buch bespricht Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht. Es geht auf die wesentlichen Unterschiede weder in körperlicher noch in psychischer Hinsicht gar nicht ein. Es stellt lediglich die irgendwann einmal vertretenen Theorien zur Abgrenzung der Geschlechter dar und macht dann Ausführungen zur Entwicklung der primären Sexualorgane, die die dazu vertretenen Theorien nicht darstellen und fehlerhaft auf sie eingehen.

Weil Voss konsequent Hormone ausblendet, kann er die Entstehung der primären Geschlechtsorgane und insbesondere die Geschlechtsentwicklung nicht nachvollziehen

Heinz Jürgen Voß zu pränatalen Hormonen

Ich habe mir „Making Sex Revisited“ von Heinz-Jürgen Voß vorgenommen und der Anfang, indem er die verschiedenen Theorien zu den Geschlechtern darlegt, zieht sich ziemlich.

Auf Seite 232 kommt er dann immerhin zu aktuellen Thesen. Ausgehend von Money und David Reimer kommt er zu den Hormonen:

Die konkurierenden Theorien vertraten die Auffassung, dass ein neugeborenes Kind nicht geschlechtlich neutral sei. Androgene (als männlich betrachtete Geschlechtshormone) sollen bereits pränatal, zumindest sehr früh postnatal, vor allem im Gehirn wirksam sein, so dass eine geschlechtsspezifische (männliche) Konstituierung erfolgt. (…) Nun standen vermeintlich pränatal bzw. früh postnatal, insbesondere auf das Gehirn des Embryos wirkende Hormone im Mittelfeld der Betrachtungen. Heute (Ende des 20., Anfang des 21 Jhd.) dominieren in Diskursiven Postulaten binärer geschlechtsspezifischer Konstituierung des Gehirns.

Ich habe nicht viel ausgelassen. vielleicht 5 weitere Sätze, die aber auch nicht viel mehr zu der eigentlichen Theorie erklären. Immerhin gibt er damit zu, dass diese Auffassungen momentan in der Wissenschaft vorherrschend sind.

Das Buch hat 326 Seiten, hiernach geht er zu den genetischen Faktoren über, wenn ich es richtig gesehen habe. Ich bin gespannt, aber skeptisch, ob er die pränatalen Hormone noch mal erwähnt. Bisher hat er Theorien aus grauester Vorzeit wesentlich mehr Platz eingeräumt als den aktuellen Theorien, die ja eigentlich für ein Verständnis der aktuellen biologischen Theorie maßgeblich sind.

Die darauf folgende Zusammenfassung kommt zu dem erwarteten Schluß, dass “ Biologisch-medizinische Theorien über Geschlecht in gesellschaftliche Bedingungen eingebunden sind“, was sein mag, aber nichts darüber sagt, inwieweit sie wandelbar sind. Dass das Herz als Sitz der Gefühle angesehen wurde führt nicht dazu, dass wir heute eine Unsicherheit darüber haben, dass Gefühle mit dem Herzen nichts zu tun haben. Die damaligen Ansichten sind schlicht überholt und sagen nichts über die Richtigkeit heutiger Ansichten. Voß hält statt dessen fest, dass „herausgearbeitet wurde, dass die Merkmale, die in biologisch-medizinischen Theorien als kennzeichnend für Geschlecht betrachtet wurden, keinesfalls fest und unveränderlich waren“.

Aus meiner Sicht hat er, wenn er sich tatsächlich vorgenommen hat, die Geschlechterentstehung neu zu untersuchen („Making Sex revisited“) auf den ersten 232 Seiten das Thema verfehlt. Als geschichtliche Abhandlung mag es interessant sein, aber die aktuellen Theorien sind bisher so kurz abgefasst, dass man sich dazu eine tatsächliche Meinung nicht bilden kann.

Aber mal sehen, wie es weiter geht.

Die Scheinargumente in „Geschlecht. Wider die Natürlichkeit“

Der Mädchenblog hat eine Besprechung des zweiten Buches von Heinz Voss vorgenommen.  Diese fällt lobend aus. In den Kommentaren allerdings gibt es durchaus Kritik.

Es gibt von mir aus fünf/sechs Parameter (Chromosomen etc.), in denen sich der ideale Durchschnittsmann und die ideale Durchschnittsfrau unterscheiden. Diese Parameter geht man durch und bestimmt daraus das Geschlecht. In sagen wir 98 % der Fälle ist es recht eindeutig, bei 2 % ist es uneindeutiger, weil sich hier die Parameter bei 50/50 einpendeln. Die Naturwissenschaften argumentieren fast überall so, denn es sind im Gegensatz zur reinen Mathematik keine wirklich „exakten“ Wissenschaften.

Du argumentierst auf einer anderen Ebene, indem du herausarbeitest, dass es zu jeder Annahme auch ein Beispiel gibt, wo das nicht so ist. Das ist aber überhaupt nicht der Punkt und deshalb werfe ich dir eine Taschenspielertrick-Argumentation vor.

Wenn ich sage „In der Regel sind Panther schwarz“, dann kannst du mir zwar freudestrahlend den weltweit einzigen Albino-Panther zeigen, das widerlegt aber mein Argument nicht.

Bezogen auf das Geschlecht heißt das, die Biologie stellt fest, dass man in der Regel bei Menschen und Säugetieren die Population in zwei Gruppen unterteilen kann, in eine mit dem Potential des Kinderkriegens und in die andere mit dem Potential zum Zeugen. Beide kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit an ein paar Parametern unterscheiden.

(…)

Ich finde es ja überhaupt nicht falsch Wissenschaftskritik zu betreiben und da findet man bei der Biologie sicherlich mehr als genug Punkte. Mich stört an deiner Argumentation, dass du deine Biologie-Kritik so dermaßen ungeniert aus deiner politischen Ideologie ableitest, indem du die biologischen Argumente so verfremdest, dass du sie widerlegen kannst oder sie mit Scheinargumenten zu widerlegen versuchst.

Eine ähnliche Kritik hatte ich ja seinerzeit auch schon vorgetragen:

Heinz möchte aber die folgenden Fragen nicht beantworten: Bei ca. wieviel Prozent der Menschen liegt deiner Auffassung nach eine so deutliche Abweichung bei den Genitalien vor, dass die Grenzen zwischen Mann und Frau verwischt werden? Bei ca. wieviel Prozent ist die Einordnung in die beiden Geschlechter anhand der Genitalien hingegen kein Problem? Das würde nämlich meiner Ansicht nach dazu führen, dass er die Zahl von ca 2% Intersexuellen bestätigen müsste, was sich nicht gut mit seiner These verträgt, dass Geschlechtsorgane vollkommen individuell sind und daher „das Ende des Sex da ist“.

Ja, ich muss mir das Buch mal in der Bücherei ausleihen oder kaufen. Aber die Kernthesen sind so erkennbar falsch, dass man keine Lust mehr darauf hat.

Es ist schade, dass diverse Studenten und anderen Lesende sie für fundiert halten werden.

Das Ende des Sex revisited

Ich hatte „Sex revisited“ von Heinz-Jürgen Voss bereits hier kurz angesprochen. Es ist Feminismus mit Biologie vermischt, aber auf die zu erwartende Art.

Der Autor vertritt die These, dass das Geschlecht eines Menschen in der Biologie eher eine reine Zufälligkeit ist und das es keine Geschlechter mehr gibt, weil die  die Geschlechtsorgane beim Menschen vielfältig gestaltet sind und daher eine Zuordnung zum Geschlecht eigentlich sinnlos ist.

Ich führe gegenwärtig diverse Diskussionen mit ihm:

  • Hier konnte mir Heinz noch nicht erklären, warum zwar nur Menschen mit funktionierenden Geschlechtsorganen Gene weitergeben können aber dennoch die Geschlechtsorgane und ihre Funktion keine hohe Priorität bei der Entwicklung des Menschen gehabt haben sollen
  • Hier führt Heinz an, dass es keine sexuelle Selektion gibt (weil er sonst auch Probleme mit der Queer Theorie und seinen Thesen hätte). Auch auf die Frage, wie es ohne stabilisierende eingespeicherte Attraktivitätsmerkmale dazu kommt, dass sich die Menschheit nicht wesentlich weiter auseinander entwickelt hat wird offen gelassen (wenn Schönheit eine kulturelle Sache ist dann würden sich die jeweilig in der Kultur als schön empfundenen Merkmale im dortigen Genpool verbreiten (denn die schönen hätten, da sie kulturell begehrter sind mehr Nachwuchs) und es würde damit mehr Unterschiede geben als bei einem biologisch geregelten Schönheitsideal, dass darauf abstellt, dass eine bestimmte Eigenschaft abgespeichert wird, weil sie mehr Nachwuchs mit höheren Fortpflanzungsfähigkeiten produziert)
  • in dieser Diskussion geht es wieder darum, dass Genitalien vielfältig sind. Heinz möchte aber die folgenden Fragen nicht beantworten: Bei ca. wieviel Prozent der Menschen liegt deiner Auffassung nach eine so deutliche Abweichung bei den Genitalien vor, dass die Grenzen zwischen Mann und Frau verwischt werden? Bei ca. wieviel Prozent ist die Einordnung in die beiden Geschlechter anhand der Genitalien hingegen kein Problem? Das würde nämlich meiner Ansicht nach dazu führen, dass er die Zahl von ca 2% Intersexuellen bestätigen müsste, was sich nicht gut mit seiner These verträgt, dass Geschlechtsorgane vollkommen individuell sind und daher „das Ende des Sex da ist“.
    Zudem scheint Heinz auch die in der Wissenschaft vertretene Auffassung leugnen zu wollen, dass die Hormone ganz wesentlich sind für die Geschlechtszuordnung und insbesondere Testosteron hier bei der Entwicklung des Mannes eine erhebliche Rolle spielt (inbesondere auch bei der „Programmierung des Gehirns“, indem er darauf abstellt, dass „während etwa 2/3 der Schwangerschaft der größte Teil der Testosteronausschüttung des Embryos durch mütterliche Hormone angeregt wird und die Anregung unabhängig vom Geschlecht des Embryos erfolgt.“ Allerdings beginnt schon ab der achten Schwangerschaftswoche im Körper des männlichen Fötus die Produktion von Testosteron. Ab diesem Zeitpunkt ist der Testostonspigel bei männlichen Föten höher als bei weiblichen Föten und erreicht bis zum Zeitpunkt der Geburt den Testosteronwert eines 12-jähriger Jungen. Ein paar Monate später sinkt der Testosteronspiegel um etwa 80 Prozent ab und pendelt sich während der Kleinkindphase auf diesem niedrigen Niveau ein. Mit etwa vier Jahren verdoppelt sich dann der Testosteronspiegel wieder. Richtig ist, dass noch was von der Mutter hinzukommt um den Körper des Kindes zu entlasten, aber ein männlicher Fötus ist pränatal einer wesentlich höheren Testosterondosis ausgesetzt. Wozu der Körper des Jungen in dieser Phase Testosteron produzieren sollte, wenn er es nicht braucht, was ja bei dem Mädchen der Fall wäre, würde mich interessieren, blieb aber auch unbeantwortet
  • Eine weitere Diskussion gab es im „Streit-Wert-Blog„. Leider hat die Redaktion meinen letzten Kommentar nicht freigeschaltet, da es die Diskussion zu sehr ausfranzen würde. Es sind aber im wesentlichen die gleichen Argumente wie in den Diskussionen davor. Hier versteht Heninz nicht, dass es für die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht darauf ankommt, dass beide Geschlechter hart gearbeitet haben und schon gar nicht auf das 19. Jahrhundert, sondern dass sie in verschiedenen Bereichen gearbeitet haben und daher eine Optimierung für diese Bereiche eingetreten sind.
  • Beim Mädchenblog wurde dann Heinz Buch vorgestellt. Auch dort musste er sich nicht nur von mir sondern auch von anderen Kommentatoren vorhalten lassen, dass seine Sicht mit dem sonstigen Verständnis in der Biologie nicht kompatibel ist. Neue These ist das „Zweigeschlechtlichkeit im Tierreich nicht universell ist“ (welche Tiere mit etwas höherem Entwicklungsgrad pflanzen sich denn nicht zweigeschlechtlich fort?) und das Gorillas wohl wegen ihre Zweigeschlechtlichkeit aussterben (und ich dachte es liegt daran, dass sie sehr große Tiere sind, ihr Lebensraum stark eingeschränkt ist und sie stark bewildert werden). Außerdem wird deutlich, dass er den Vorteil von Sex, nämlich den Genpool, nicht verstanden hat, indem er meint, dass es für eine Art ausreicht, wenn etwa 2% Fortpflanzungsfähig sind (das sich die dann erst einmal finden müssten würde bereits dazu führen, dass die Art ausstirbt, er verwechselt denke ich, dass eine Art das Aussterben von 98% überleben kann, wenn die restlichen 2 Prozent alle Fortpflanzungsfähig ist, was als sog. Bottleneck durchaus vorkommt).

Ärgerlich daran ist, dass das Buch anscheinend gut läuft, die erste Auflage ist jedenfalls nach Heinz Informationen ausverkauft. Es wird also wahrscheinlich in den Kanon der Gender Studies eingebunden sein und dort bei Studien angeführt werden.