Multiple Realisierbarkeit (Theorie des Geistes)

Ein Argument, welches in den philosophischen Theorie des Geistes häufiger auftaucht ist das Argument der „Multiplen Realisierbarkeit“. Ich verstehe nicht ganz, warum das überhaupt ein Argument sein soll, mit dem man etwas widerlegen kann, vielleicht kann es mir hier jemand erklären:

Aus der Wikipedia:

Der Verweis auf die multiple Realisierung verhilft zu einem klassischen Argument in der Philosophie des Geistes. Dieses Argument beschäftigt sich mit der Multirealisierbarkeit mentaler Zustände. Hier ist der entscheidende Auslöser für den Übergang von der Identitätstheorie zum Funktionalismus zu finden. Die klassische Formulierung des Arguments über die multiple Realisierung stammt von Hilary Putnam (Abschnitt 1). Jerry Fodor hat das Argument generalisiert und mit ihm gegen einen überzogenen Reduktionismus und für eine Eigenständigkeit der Einzelwissenschaften argumentiert (Abschnitt 2).

Die Identitätstheorie sagt, dass mentale Zustände mit neuronalen Zuständen identisch sind. Es ist insoweit eine reduktionistische Theorie, weil es eben die mentalen Zustände auf die neuronalen Zustände reduziert. Dagegen gehen „nicht-reduktionistische Zustände“ davon aus, dass es da irgendwie ein „Mehr“ gibt, welches aber natürlich kein Dualismus, also eine Unterscheidung von Körper und Geist sein darf, sondern üblicherweise doch wieder etwas materielles, aber eben irgendwie mehr.

Zum Funktionalismus nun das Folgende:

Lassen sie sich in ein materialistisches Weltbild integrieren oder nur durch einen immateriellen Geist erklären? Der Funktionalismus vertritt die These, dass es sich bei mentalen Zuständen um funktionale Zustände handelt. Da funktionale Zustände von materiellen Systemen realisiert werden können, wird der Funktionalismus allgemein als eine materialistische Position aufgefasst. Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass der Funktionalismus zunächst eine ontologisch neutrale Position einnimmt: Es spricht prinzipiell nichts dagegen, dass auch immaterielle Systeme – wenn es denn solche gibt – funktional charakterisiert werden können.

Ein funktionaler Zustand ist dadurch definiert, dass er auf einen bestimmten Input mit einem bestimmten Output reagiert und in einen anderen funktionalen Zustand übergeht. Man kann das Konzept eines funktionalen Zustandes anhand von einfachen Beispielen erörtern. Von dem Philosophen Ned Block kommt etwa das Beispiel eines Colaautomaten: Gegeben sei ein Automat, der nach einem Einwurf von einem Euro eine Coladose ausgibt. Dabei akzeptiert er 1-Euro- und 50-Cent-Stücke. Um funktionsfähig zu sein, muss der Automat verschiedene interne Zustände besitzen. Es muss einen Zustand geben, in dem der Automat einen Euro fordert, um eine Dose auszugeben, es muss aber auch einen Zustand geben, in dem der Automat nur noch 50 Cent fordert.
Der Automat besitzt zwei verschiedene Zustände, die jeweils auf zwei verschiedene Inputs reagieren und entweder im gleichen Zustand verbleiben können, oder in den anderen Zustand wechseln. Durch diese Tabelle sind die funktionalen Zustände definiert. Das Entscheidende an einer solchen funktionalen Charakterisierung eines Systems ist nun, dass sie unabhängig von der konkreten physischen Realisierung des Systems ist: Es ist etwa vollkommen irrelevant, ob der Automat aus Kunststoff oder Stahl gebaut ist.

Die These des Funktionalismus ist nun, dass auch mentale Zustände in einer solchen Weise definierbar sind. Wer in einem mentalen Zustand ist (etwa Kopfschmerzen hat oder denkt, dass heute Montag ist), wird auf einen bestimmten Input in bestimmter Weise reagieren und in einen anderen mentalen (funktionalen) Zustand übergehen. Dabei ist allen Funktionalisten klar, dass die Beschreibung des mentalen Innenlebens ungleich komplexer sein muss als die Beschreibung eines Colaautomaten. Das Entscheidende an dieser These ist nun, dass mit ihr auch das Verfügen über mentale Zustände unabhängig von der physischen Realisierung ist. So könnte ein Computer oder Roboter mentale Zustände haben, wenn er nur die gleichen funktionalen Zustände realisiert wie ein Lebewesen mit Bewusstsein.

Das klingt für mich wie: Ignorieren wir einfach mal das Problem, wie etwas entstehe, konzentrieren wir uns auf die schlichte Funktion. Das ist nur eine Problemverlagerung in meinem Augen, aber ich bin ja auch kein Philosoph. Jedenfalls ist das die Konstellation in der die multiple Realisierbarkeit eine Rolle spielen soll. Weiter in der Wikipedia:

Die Identitätstheorie
Die Identitätstheorie steht an einer gut lokalisierbaren Stelle in der Geschichte der Philosophie des Geistes: Sie ist die unmittelbare Reaktion auf das Scheitern des Behaviorismus, wie er etwa von Carl Gustav Hempel oder Gilbert Ryle vertreten wurde. Die Lehre, die aus diesem Scheitern gezogen wurde, war: Mentalen Zuständen ist nicht allein durch Verhaltensbeschreibungen beizukommen. Doch was können mentale Zustände sein?

Die nahe liegende Antwort der Identitätstheoretiker lautet: „Mentale Zustände sind mit Gehirnzuständen identisch.“ Für jeden mentalen Zustand M (also etwa Kopfschmerz) soll es einen Gehirnzustand G geben, mit dem M identisch ist. Dabei sind M und G als Typen zu verstehen. Der Typ „Kopfschmerz“ meint Kopfschmerz als generelles Konzept und nicht einen einzelnen Kopfschmerz (das sind die Token). Die These ist also, dass M-Typen mit G-Typen identisch sind.

Der Einwand
Hilary Putnam (1967) entwickelte erstmals das Argument der multiplen Realisierbarkeit, das zeigen sollte, dass ein mentaler Zustand nicht mit einem Gehirnzustand identisch sein kann: Die einzelnen, konkreten mentalen Zustände (die Token) können nämlich in verschiedenen Wesen durch ganz verschiedene Gehirnzustände realisiert sein. Man denke etwa an die Schmerzen eines Lurches und eines Menschen. Es ist einfach unwahrscheinlich, dass in ihnen die gleichen Gehirnprozesse ablaufen, wenn sie Schmerzen spüren. Es könnte sein, dass Schmerzen bei Menschen durch das Feuern von C-Fasern realisiert werden, bei Lurchen jedoch durch etwas völlig anderes. Dennoch können Lurche und Menschen Schmerzen haben. Sie haben also die gleichen mentalen Zustände, aber verschiedene Gehirnzustände. Also können mentale Zustände (M-Typen) nicht mit Gehirnzuständen (G-Typen) identisch sein.

Mit diesem Argument galt die klassische Identitätstheorie bei vielen als widerlegt. (Vergleiche jedoch Jaegwon Kim 1993.) Natürlich konnte man immer noch annehmen, dass M-Token mit G-Token identisch sind. Eine solche Theorie wurde etwa von Donald Davidson formuliert. Es bleibt jedoch die Frage offen, was die einzelnen M-Token zusammenhält, was sie zu verschiedenen Instanzierungen des gleichen Typen macht. Die orthodoxe Antwort auf diese Frage war der Funktionalismus: Alle gleichartigen M-Token werden durch den gleichen funktionalen Zustand (Typ) F realisiert.

Also wenn ich das richtig verstehe, dann streiten sie sich da so ziemlich um nichts. Denn „mentale Zustände sind mit Gehirnzuständen identisch“ steht aus meiner Sicht noch nicht einmal im Widerspruch zu „Die Mentalen Zustände können auf verschiedene Arten realisiert werden, sind aber dann mit den dortigen jeweiligen Gehirnzuständen identisch“.  Die Schmerzen eines Lurches und eines Menschen können verschieden sein, aber jeweils mit den Gehirnzustand identisch sein.

Tatsächlich wissen wir aber, dass das Rad nicht für jedes Wesen neu erfunden worden ist. Denn die wahrscheinlichste Theorie ist eben die Evolutionstheorie, die besagt, dass alle Lebewesen gemeinsame Vorfahren haben von denen aus sie sich entwickelt haben. Die Weiterleitung und Verarbeitung von Schmerzen hat sich natürlich auch in diesen Lebewesen dann unterschiedlich entwickelt und kann je nach Art bestimmte Eigenarten aufweisen, wird aber um so ähnlicher sein, um so näher die jeweiligen Tiere miteinander verwandt sind.

Dabei kann man in der Tat Schmerz nach seiner Funktion bestimmen. Es ist eben ein Signal, dass etwas nicht stimmt, ein Teil des Körpers beschädigt zu werden droht und man diesen nach Möglichkeit davor bewahren soll. Man kann dies auch in den verschiedenen Stationen nachweisen, indem man Sensoren, Leitungsbahnen und Signalverarbeitung im Gehirn näher betrachtet. Und das kann dann eben bei den verschiedenen Lebewesen auch vollkommen unterschiedlich ablaufen, aber jeweils mit dem mentalen Gehirnzuständen identisch sein.

Die Multirealisierbarkeit mentaler Zustände ist entscheidend für den Niedergang der Identitätstheorie, da sie dieser ihren empirischen Gehalt streitig macht. Es ist inzwischen bewiesen, dass nicht nur bei ungleichen Wesen sondern auch bei verschiedenen Personen ein bestimmter mentaler Zustand auch mit unterschiedlichen neuronalen Zuständen in Wechselbeziehung zueinander stehen kann. Dies lässt sich heutzutage mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) beobachten. Die PET wird u. a. verwendet, um die Funktionen des Gehirns zu untersuchen und zu erforschen. Eine Versuchsperson inhaliert hierzu einen radioaktiven Sauerstoff (oder auch Glukose). Danach wird die Konzentration des Stoffes in den unterschiedlichen Arealen des Gehirns gemessen. Ein größerer Verbrauch der Substanz lässt gleichzeitig auf eine höhere neuronale Aktivität schließen. In den aktiveren Teilen des Gehirns findet eine höhere Durchblutung statt. Aufgrund dieser Untersuchung konnte festgestellt werden, dass bei unterschiedlichen Personen, die dieselben Aufgaben lösen sollen, zwar häufig ähnliche, aber kaum identische Gehirnzustände beobachtet werden können. Auffällig ist hierbei auch der erhebliche Unterschied bei den Gehirnaktivitäten von Männern und Frauen.

Ich habe beim Suchen keine Studie dazu finden können. Weder in der deutschen noch in der englischen Wikipedia ist etwas dazu verlinkt. Aber auch das scheint mir schlicht die Vereinfachung zu stark zu sein und die Widerlegung nur nach dieser zu funktionieren.

Denn natürlich sind Menschen keine Massenware, die strikt aus einer Form kommt. Wir haben einen Genpool, der bereits Unterschiede ausweist. Wir werden nicht nach einem Bauplan gebaut, sondern wachsen nach einem Wachstumsplan, der von Ernährung und anderen Zuständen wie unterschiedlichen Hormonzuständen während des Aufwachsens betroffen wird. Und wir lernen und stellen interne Datenbanken auf, in der wir Erkenntnisse, Zusammenhänge, Vernetzungen aller Art festhalten. Und das machen wir auf der Basis ganz unterschiedlicher Lebenserfahrungen. Natürlich kann dann auch eine Erfahrung bei einem ansonsten recht gleichen Gehirnaufbau (den wir recht unstreitig haben) anders verarbeitet sein. Männer mögen beispielsweise in einer Situation jemanden als Konkurrenten wahrnehmen und Frauen als potentiellen Sexualpartner. Männer mögen vielleicht eher an sie gesprochene Sätze auf die sachliche Information analysieren, Frauen nebenher stärker auch auf andere Ebenen der Kommunikation, etwa was dies über das Verhältnis des Sprechers zu ihnen aussagt. Aber auch ansonsten können Informationen anders verarbeitet werden, etwa indem bei dem einen eine Assoziation zu X und bei dem anderen zu Y entsteht oder indem bestimmte Gedanken nach einem gleichen Muster an verschiedener Stelle verarbeitet werden.

Mal als vielleicht schlechtes Bild: Bei einem Mehrkernprozessor ist es auch egal, in welchem der Kerne eine konkrete Berechnung erfolgt, solange sie dann das Ergebnis an die richtige Stelle weitergeben können. Auch da wird man nicht „die Berechnungen können nicht mit Zuständen im Prozessor identisch sein, weil sie einmal im Kern 1 und einmal im Kern 4 verarbeitet worden sind.

Darüber hinaus kann man beobachten, dass sich die Korrelationen zwischen mentalen Zuständen und Gehirnzuständen sogar bei einzelnen Personen im Laufe ihres Lebens verändern. Dies kann z. B. die Folge einer Gehirnverletzung sein. Gesunde Teile des Gehirns übernehmen teilweise Funktionen, die der geschädigte Teil nicht mehr ausüben kann. Es klingt daher ziemlich unwahrscheinlich, dass jedem mentalen Zustand genau ein neurophysiologischer Zustand entsprechen soll. Es resultiert eine eher schwache empirische Grundlage für die Identitätstheorie, da die vorauszusetzende naturgesetzliche Korrelation fehlt.

Auch hier Frage ich mich immer, wie die sich das vorstellen. Ist das Magie oder ein Wunder? Oder eben einem genetisch festgelegten Reparaturprogramm geschuldet, welches darauf ausgerichtet ist, jemanden bestmöglich am Leben und funktionstüchtig zu halten?

Und selbst, wenn man davon ausgeht, dass andere Gehirnbereiche Berechnungen übernehmen können, für die sie eigentlich nicht vorgesehen waren: Warum soll das dann dazu führen, dass die dort vorgenommenen Denkvorgänge nicht auf die dortigen Neuronen zurückzuführen sind? Auch dann, wenn man auf einem Computer eine andere Software laufen lässt, sind es dennoch Einsen und Nullen, Strom an oder aus, und genau darauf ist alles, was dort passiert zu reduzieren. Natürlich ist auch dort das Ganze mehr als der Einzelvorgang. Aber die einzelne Berechnung setzt sich eben dennoch aus einzelnen Vorgängen von „Strom ein, Strom aus“ zusammen (sehr vereinfacht dargestellt).

Vielleicht hatte man hier das Bild, dass ein Denkvorgang fest eingeschrieben sein muss und daher dann eben nur an einer Stelle berechnet werden kann. Aber das scheint mir eben auch ein sehr einfaches Bild zu sein. Wir haben heute bereits Computer, die Daten überall auf der Welt verarbeiten können und an beliebiger Stelle speichern können. Wichtig ist nur, dass eine kompatible „Sprache“ vorhanden ist, worauf die Berechnungen dann durchgeführt werden ist nicht weiter wichtig. Die Verarbeitung der Daten könnte an verschiedenen Stellen stattfinden (je nach dem, wo in dem Rechenzentrum gerade Kapazitäten frei sind), aber das Ergebnis wäre gleich.

Oft wird angenommen, dass die multiple Realisierung nicht nur ein Argument gegen die Identitätstheorie bietet, sondern reduktionistische Positionen allgemein unbefriedigend macht. Es ist insbesondere Jerry Fodor (1974) gewesen, der das Argument der multiplen Realisierbarkeit generalisiert hat. Er ist der Meinung, dass das Argument zeigt, dass den Einzelwissenschaften (etwa Psychologie oder Ökonomie) ein autonomer Status gegenüber der Physik einzuräumen ist. Die Gesetze der Einzelwissenschaften seien nämlich prinzipiell nicht auf Gesetze der Physik zurückzuführen.

Dies begründet Fodor wie folgt:

Es lassen sich ohne weiteres Generalisierungen über Ereignisse formulieren, ohne dass deren physikalische Beschreibungen irgendwelche Gemeinsamkeiten dazu aufweisen müssen.
Die Frage nach den physikalischen Beschreibungen ist häufig sogar irrelevant für die Wahrheit und Interessantheit der Generalisierungen oder auch für ihre epistemologisch wichtigen Eigenschaften.
Größtenteils beschäftigen sich die Einzelwissenschaften dazu auch mit Generalisierungen der o.g. Art.
Denken wir an ein triviales psychologisches Gesetz: „Wenn X Y hasst, dann wird X Y nicht küssen – es sei denn X verspricht sich irgendwelche Vorteile davon.“ Wenn das Argument der multiplen Realisierbarkeit stimmt, so gibt es kein physikalisches Gesetz, auf den sich das psychologische Gesetz reduzieren ließe: Denn „hassen“ kann in verschiedenen Personen ganz verschieden realisiert sein, so dass die Fälle in physikalischer Sprache nicht mehr als zusammengehörig erkannt werden können.

Ein vielleicht noch offensichtlicheres Beispiel bietet die Ökonomie. Dies lässt sich anhand von Greshams Gesetz verdeutlichen. Wird das Wertverhältnis zwischen mehreren Währungen gesetzlich festgelegt, so verdrängt die stärkere Währung die schlechtere. Dieses Gesetz gilt unabhängig davon, woraus das Zahlungsmittel besteht bzw. gemacht ist (Gold, Nickel, Muscheln,…), es ist also unabhängig von den einzelnen physischen Realisierungen. Würden wir also nur das physische Geschehen beschreiben, so würden wir gar nicht erkennen, was all die verschiedenen Fälle zusammenhält. Fodor meint hierzu daher, dass jeder Austausch von Zahlungsmitteln zwar physikalisch beschrieben werden kann. Alle diese Ereignisse können jedoch kaum unter ein und denselben physikalischen Artbegriff fallen. Demnach können verschiedene Arten des Zahlungsverkehrs interessante Gemeinsamkeiten besitzen. Diese lassen sich jedoch sicherlich nicht auf eine einzige physikalische Beschreibung zurückführen.

Demnach folgt nach Fodor, dass vernünftigerweise nicht angenommen werden kann, dass jedem einzelwissenschaftlichen Artbegriff ‚F‘ genau ein physikalischer Artbegriff ‚P‘ derart zugeordnet werden kann, dass sich zu jedem einzelwissenschaftlichen Gesetz

(1) Für alle x: Wenn x F hat, hat x auch F‘

aus der Physik das Bildgesetz

(2) Für alle x: Wenn x P hat, hat x auch P‘

ableiten lässt. (→ siehe hierzu: Beckermann, S. 140)

Es ist somit weitaus wahrscheinlicher, dass verschiedene Ereignisse auf sehr unterschiedliche Weise physikalisch realisiert sind.

Auch da scheint mir das Modell sehr simpel. Denn auch hier gilt, dass nur weil eine bestimmte Informationsverarbeitung nicht nur auf einem ganz bestimmen „Neuronencluster“ stattfinden kann, die mentalen Zustände dennoch mit den Gehirnzuständen identisch sein können. Das gilt eben dann nicht, wenn man nicht die Informationsverarbeitung selbst sieht, die auf eine bestimmte Weise stattfindet, die komplett auf Gehirnzustände zurückgeführt werden kann, sondern als „identischen Gehirnzustand“ nur eine absolut gleiche Verarbeitung ansieht, als müssten Gedanken in einer nur einmal vorhandenen Form gegossen werden und nicht das Ergebnis einer fließenden Informationsverarbeitung sein.

Also mir erschließt sich nicht, warum die multiple Realisierbarkeit so ein bestechendes Argument gegen einen Reduktionismus sein muss, ebenso wenig wie sich mir erschließt, was letztendlich ein nichtreduktiver Ansatz als anderes Element haben soll, was nicht in einem Dualismus mündet.

Vielleicht kann es mir hier jemand erklären.

Biologischer Naturalismus

John Searle, der hier schon mit dem chinesischen Zimmer Thema war, vertritt einen „biologischen Naturalismus“ zur Lösung des Mind-Body-Problems.

Aus der Wikipedia dazu:

Biological naturalism is a theory about, among other things, the relationship between consciousness and body (i.e. brain), and hence an approach to the mind-body problem. It was first proposed by the philosopher John Searle in 1980 and is defined by two main theses:

1) all mental phenomena from pains, tickles, and itches to the most abstruse thoughts are caused by lower-level neurobiological processes in the brain; and

2) mental phenomena are higher-level features of the brain.

This entails that the brain has the right causal powers to produce intentionality. However, Searle’s biological naturalism does not entail that brains and only brains can cause consciousness. Searle is careful to point out that while it appears to be the case that certain brain functions are sufficient for producing conscious states, our current state of neurobiological knowledge prevents us from concluding that they are necessary for producing consciousness. In his own words:

„The fact that brain processes cause consciousness does not imply that only brains can be conscious. The brain is a biological machine, and we might build an artificial machine that was conscious; just as the heart is a machine, and we have built artificial hearts. Because we do not know exactly how the brain does it we are not yet in a position to know how to do it artificially.“ (Biological Naturalism, 2004)

Eine biologische Maschine, die das Bewußtsein erzeugt und die man nachbauen könnte, dass finde ich aus der Philosophie ganz erfrischend.

Weiter heißt es zu seiner Ansicht:

Searle denies Cartesian dualism, the idea that the mind is a separate kind of substance to the body, as this contradicts our entire understanding of physics, and unlike Descartes, he does not bring God into the problem. Indeed, Searle denies any kind of dualism, the traditional alternative to monism, claiming the distinction is a mistake.

Dualismus dürfte abseits religiöser Kreise auch keine großen Anhänger mehr haben, wobei teilweise die Philosophie letztendlich auch abseits von Gott andere Punkte hinzunimmt, die für „Das was wir nicht erklären können und irgendwie nicht Materie ist“ stehen und bei denen man eben auch von einem Dualismus sprechen könnte („die Zustände supervenieren über dem materiellen“)

He rejects the idea that because the mind is not objectively viewable, it does not fall under the rubric of physics.

Searle believes that consciousness „is a real part of the real world and it cannot be eliminated in favor of, or reduced to, something else“ [1] whether that something else is a neurological state of the brain or a computer program. He contends, for example, that the software known as Deep Blue knows nothing about chess. He also believes that consciousness is both a cause of events in the body and a response to events in the body.

Es wäre interessant, da noch mehr Klarheit reinzubringen. Anscheinend hält er einen Vergleich mit einem Computerprogramm der üblichen Art für eine unzulässige Reduktion (was angesichts seines Beharrens auf das Chinesische Zimmer auch nicht verwunderlich ist), weil dieses eben nur über Routinen Daten verarbeitet, hält aber gleichzeitig das Gehirn für eine Form von „Bio-Maschine“. Aus meiner Sicht wäre es damit eben kein heutiger Computer, aber dennoch könnte Denken eine Form der Datenverarbeitung sein, die eben zusätzlich bestimmte Zusammenhänge erfasst und als solche abspeichert etc.

On the other hand, Searle doesn’t treat consciousness as a ghost in the machine. He treats it, rather, as a state of the brain. The causal interaction of mind and brain can be described thus in naturalistic terms: Events at the micro-level (perhaps at that of individual neurons) cause consciousness. Changes at the macro-level (the whole brain) constitute consciousness. Micro-changes cause and then are impacted by holistic changes, in much the same way that individual football players cause a team (as a whole) to win games, causing the individuals to gain confidence from the knowledge that they are part of a winning team.

Das scheint mir auch wieder eine Form von Kunstgriff zu sein, der im Endeffekt den Übergang zwischen Microlevel und bewußten Denken verschleiert. Genauso wenig, wie ein Schaltkreis in einem Computer ein heutige Programm ablaufen lassen kann, können einzelne Neuronen Bewußtsein erzeugen. Dass kann in gewisser Weise nur das Zusammenspiel aller, was er hier als das „ganze Gehirn“ bezeichnet.

He articulates this distinction by pointing out that the common philosophical term ‚reducible‘ is ambiguous. Searle contends that consciousness is „causally reducible“ to brain processes without being „ontologically reducible.“ He hopes that making this distinction will allow him to escape the traditional dilemma between reductive materialism and substance dualism; he affirms the essentially physical nature of the universe by asserting that consciousness is completely caused by and realized in the brain, but also doesn’t deny what he takes to be the obvious facts that humans really are conscious, and that conscious states have an essentially first-person nature.

Auch hier wieder ein Gegensatz, der aus meiner Sicht künstlich erzeugt wird. Das Gehirn kann etwas, was Computer nicht können. Aber bei dem es aus meiner Sicht auch nicht unmöglich ist, dass Computer dies irgendwann können werden. Es ist zum Teil ein Problem der Rechenleistung, zum anderen aber auch ein Problem einer sehr komplizierten Software. Die Evolution des Gehirns dauerte, wenn man bei recht einfachen Nervenverbindungen anfängt ca. 400 Millionen Jahre, ab 235 Millionen Jahren gab es immerhin schon Dinosaurier. Jeder Schritt ist eine kleine Mutation, die selektiert wird. Irgendwann wird ein Wesen eine gewisse Mutation erlebt haben, die den Übergang zu den Vorläufern des Bewußtseins darstellte oder einfache Formen davon, die dann immer mehr verfeinert worden sind.

It can be tempting to see the theory as a kind of property dualism, since, in Searle’s view, a person’s mental properties are categorically different from his or her micro-physical properties. The latter have „third-person ontology“ whereas the former have „first-person ontology.“ Micro-structure is accessible objectively by any number of people, as when several brain surgeons inspect a patient’s cerebral hemispheres. But pain or desire or belief are accessible subjectively by the person who has the pain or desire or belief, and no one else has that mode of access. However, Searle holds mental properties to be a species of physical property—ones with first-person ontology. So this sets his view apart from a dualism of physical and non-physical properties. His mental properties are putatively physical.

Er scheint mir letztendlich auch nicht mehr zu sagen als „Das Gehirn erzeugt alles und daraus ergibt sich dann im Ganzen unsere Art zu denken, zu fühlen und das Bewußtsein, wie wissen wir aber nicht“. Was etwas nichtssagend ist, aber mehr kann ein Absatz außerhalb der Biologie letztendlich auch nicht bringen.

Biologie des Denkens und Verstehens

Es überrascht mit immer wieder mit welcher Selbstverständlichkeit „Denken“ „Lernen“ und „Sozialisierung“ zugestanden werden und diese als Gegenpart zur Biologie des Menschen ausgebaut werden.

Mit einer Selbstverständlichkeit wird davon ausgegangen, dass diese klar abzugrenzen sind. Das eine ist sozial und damit beliebig komplex, dass andere ist biologisch und muss damit simple sein.

Dabei dürfte den meisten, sofern sie nicht davon ausgehen, dass diese Prozesse von einer „Seele“ übernommen werden, durchaus einleuchten, dass diese Vorgänge eine Art von „Hardware“ und eine Programmierung brauchen, die dies ermöglichen müsste.

Dabei sind „Lernen“ und „Sozialisierung“ sehr komplexe Vorgänge, die unser Gehirn in vielen Bereichen stark beanspruchen können. Ein gutes Beispiel ist der Spracherwerb.

Kleinkindern müssen dabei aus Schallwellen, die auf ihr Ohr treffen ohne weitere Informationen abseits derer, die sie genetisch erhalten haben, einen Code entwickeln, der diese zu einer Information macht, die man sinnvoll verwenden kann. Das ist eine erhebliche Leistung, die einem Erwachsenen nicht möglich ist. Die meisten Leute brauchen aktives Sprachtraining mit der Darlegung eines Schemas um eine Sprache zu erlernen, weil wir für das Erlernen einer Sprache nur eine gewisses Zeitfenster haben, in denen das entsprechende Programm aktiv ist.

Das soll aber nur ein Beispiel sein, es gibt viele andere Punkte bei denen Muster erkannt werden müssen, ob sie aufgrund von Lichtimpulsen, die auf Sehzellen oder aufgrund von Schallwellen bei uns eingehen.

Naive Vorstellungen gehen anscheinend davon aus, dass das Gehirn da schlicht ein reines „Logikprogramm“ fährt, welches ganz ohne Programmierung einfach so, quasi magisch, Regeln erkennen kann. Wie das gehen soll bleibt davon vollkommen offen. Dass eine Programmierung, die allgemein und vollkommen abstrakt Regeln aus sozialen Verhalten herleitet, durchaus ein beachtliches Wunderwerk wäre, wird schlicht damit abgetan, dass man eben denkt.

Es kommt noch ein weiterer Schritt dazu: Wenn ein Denkvorgang eine Regel erkannt hat, dann muss sie in irgendeiner Form in unserem Gedächtnis oder in unser Vorhaltung von Regeln gespeichert werden, damit sie später abgerufen werden kann, wenn man nicht schlicht auf „Magie“ abstellen möchte. Unser Gehirn muss also in der Lage sein, eine erkannte Regeln in eine Form von speicherbarer Information umzusetzen und diese im Gehirn zu hinterlegen, also in Form einer vom Gehirn abrufbaren Datenspeicherung festzulegen.

Das allein ist schon unglaublich faszinierend: Alles was wir Wissen und alles, was wir an Wissen über die Welt haben muss in in eine biologische Form von „Einsen und Nullen“ übersetzt worden sein. Wir müssen eine Einheit haben, die es schafft, alltägliche Informationen und Regeln in Daten zu übersetzen und als solche abzulegen. Wir dürfen dabei davon ausgehen, das diese nicht als Worte abgelegt werden, sondern in einem gänzlich anderen Datenformat, vielleicht sogar eher bilderähnlich.

Wir müssen des weiteren eine „Suchfunktion“ haben, die uns erlaubt Daten, die wir empfangen mit den in unserem Kopf abgespeicherten Regeln zu vergleichen und die dafür geltenden Verhaltensweisen zu aktivieren. Auch dies wird abstrakt mit „Lernen“ und „Verstehen“ bezeichnet und nicht weiter hinterfragt, was dafür überhaupt erforderlich wäre. Es wird vielmehr ein eigenständiger Raum geschaffen, in dem „Lernen“ und „verstehen“ stattfindet, und der die dafür erforderlichen Prozesse ausblendet.

Das bringt mich zu folgenden Thesen:

  • jedes Lernen erfordert das unterbewußte Übersetzen von Daten in einen abspeicherbaren Datensatz und deren biologische Hinterlegung im Gehirn und dessen biologische Einbindung in einen „Suchindex“ erfordert, um überhaupt funktionieren zu können
  • Damit muss es einen Mechanismus geben, mit dem passende Situationen erkannt, Regeln zugeordnet und diese als mögliche Handlungswege, die ggfs zu modifizieren sind, in eine Abwägung einstellt.

Desweiteren möchte ich die folgende These aufstellen:

  • Evolutionäre Vorgänge können über Mutation und Selektion unglaublich komplexe Konstrukte erzeugen (beispielsweise das Gehirn)
  • Verhaltensweisen, die biologische Ursprünge haben sind bei allen Tieren, von einfachen Reizen bis zu komplexeren Verhaltensweisen vorhanden und es wird davon ausgegangen, dass diese biologische Ursachen haben

Kombiniert man beides, dann ergibt sich:

  • Eine Regel, die biologisch abgespeichert ist, kann auch über evolutionäre Vorgänge entstehen, da durch Mutation und Selektion die entsprechenden Gehirnstrukturen enstehen könne, die auch beim Abspeichern der Daten vorliegen.
  • Es ist kein Grund ersichtlich, warum auf diese Weise entstandene Regeln nicht auch in den den „Suchindex“ aufgenommen sein sollten und insofern als „Handlungsvorschlag“ für bestimmte Situationen abgerufen werden. Damit kann Biologie unser Handeln in gleicher Weise bestimmen, wie erlernte Regeln.

Es ist sogar denkbar, dass entsprechende Regeln in „Vorrangregelungen“ eingebunden sind und zumindest dem Kern nach mit einem „Überschreibschutz“ verbunden sind oder anderweitig assoziativ auf eine bestimmte Weise eingebunden ist.

Das bedeutet in der Anwendung:

  • Wenn ein Mensch erlernen kann, was hübsch ist und die dazu gehörenden Regeln aus seiner Umwelt aufnehmen kann, dann muss er diese abspeichern können, was wiederum bedeutet, dass diese auch evolutionär entstehen können
  • Wenn ein Mensch erlernen kann, was Gerecht (zB ich bekomme für eine Arbeit eine Kartoffel, ein anderer für die gleiche Arbeit zwei Kartoffeln, wir sollten beide das gleiche bekommen) ist, dann muss er die dazu gehörenden Regeln aufnehmen und abspeichern können, was bedeutet, dass sie auch evolutionär entstehen könnte
  • etc

Dieses Modell erlaubt auch die unterbewußte Verarbeitung von Daten: Diese würde nach genau der gleichen Methode erfolgen und dann einfach nur in ein bestimmtes Signal an unser Bewußtsein übersetzt werden, etwa Angst, Hunger, Lust. Die Regel würde damit nicht in ihrer vollen Länge in unserer Bewußtsein gelangen „Kohlenhydrate sind wenig, suche Quellen für mehr“, sondern lediglich mit dem Gefühl Hunger, welches dann wiederum mit Problemlösungen verknüpft sind, etwa „Dort gibt es Essen“ oder „Das kann man Essen“.

Richtig ist, dass wir noch nicht wissen, wie das genau geht. Aber es damit abzulehnen ist ein „Argument, welches an Nichtwissen appeliert„. Vor nicht all zu langer Zeit hätte niemand geglaubt, dass man nahezu alles in Nullen und Einzen übersetzen kann und das man „Denkmachinen“ aus Silikon etc bauen kann, die damit komplexe Problem lösen. Wir sind was das Gehirn und seine genaue Arbeitsweise angeht schlicht auf dieser Stufe. Das bedeutet aber nicht, dass dies nicht geht.

Was mir in Betrachtungen zu unserem Denken insoweit oft zu kurz kommt, ist das anscheinend mit einer sehr beschränkten Komplexität gearbeitet wird. Ein Gedanke muss nicht direkt mit einer bestimmten neurolen Verknüpfung übereinstimmen. Es können verschiedene Daten auf verschiedene Weise und gleichzeitig aufgerufen, unterbewußte Berechnungen angestellt, mit anderen abgespeicherten Erfahrungen verglichen, Gemeinsamkeiten oder Assoziationen dazu ermittelt werden und dabei verschiedene Veränderungen eingeleitet werden. In einer dunklen Macht mag unsere Mustererkennung aktiver nach Augen und Gesichtern, Geräuschen von potentiellen Feinden suchen und uns ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit und Vorsicht beschleichen, dass dazu führt, dass wir unseren Kopf einziehen, den Hals schützen, möglichst wenig Angriffsfläche bieten wollen und gleichzeitig mögen Gehirnvorgänge eingeleitet werden, die Überbewertung potentieller Gefahrenquellen bevorzugen und uns schreckhafter machen.

Das wären noch recht einfache Programmierungen, die nicht per se dazu führen, dass wir nicht gleichzeitig über die Lösung hochkomplexer Probleme, die unser Frontalhirn erfordern nachdenken, wobei wir vielleicht spezielle Mathematikroutinen aktivieren um enthaltene Probleme zu lösen. Diese Lösungen werden vielleicht bewußt „Die Tragkraft der Brücke beträgt X Tonnen, die Belastung Y Tonnen“ ausgegeben werden, vielleicht auch nur unterbewußt „Träger dieser Dicke sollten eigentlich reichen“.

Aus der Fülle verschiedenster Denkoperationen kann dann an anderer Stelle ein Bild entstehen, evtl in einer Einheit, die eben die Unterberechnungen analysiert und in „bewußte Logik“ übersetzt.

Das so etwas mit Rechnenoperationen zu simulieren ist, ist uns in Anfängen auch schon bewußt. Ein sehr einfaches Beispiel wären „intelligente Computergegner“, bei denen ebenfalls eine gewisse Unberechenbarkeit und eine Reaktion auf bestimmte Handlungen simuliert wird. Dies geschieht mit einem im Vergleich zu unserem Gehirn geradezu mickrigen Code und einer noch mickrigeren Rechenleistung. Aber es ist gut vorstellbar, dass wir irgendwann Tiere damit simulieren können und irgendwann auch eine künstliche Intelligenz.

Mich würde an dieser Stelle interessieren, ob etwas so einfaches wie ein Computerspielgegner in einem modernen Egoshooter mit den Begriffen der Philosophie erklärt werden kann, wenn man ihnen nur den Computer und Szenen aus dem Spiel zur Verfügung stellt. Wäre es ein Dualismus aus Software und Hardware oder ist nicht letztendlich die Software über die Abspeicherung auf einer Festplatte auch Hardware? Wäre es die Identitätstheorie? Würde man darauf Abstellen, dass die Zustände in dem Prozessor und der Zugriff auf Festplatte und Arbeitsspeicher eine Identität zu den Handlungen enthält? Stellt sich hier ein Problem des Reduktionismus? Oder ist die Erkenntnis, dass der Umstand, dass aus Speichern zwar Nullen und Einsen abgelesen werden, aber diese in sich tiefere komplexe Regeln haben können schon eine Form der Emergenz? Wäre diese dann letztendlich nichts anderes als die simple Erkenntnis, dass komplexe Regeln gespeichert und verarbeitet werden können? Das wäre ja ein vergleichsweise banale Erkenntnis.

 

Evolutionäre Theoriewoche: Das Gehirn und damit unser Denken als Ergebnis evolutionärer Vorgänge (2. Tag)

Dieser Beitrag ist Teil der evolutionären Theoriewoche

Das heutige Thema ist:

Das Gehirn und damit unser Denken als Ergebnis evolutionärer Vorgänge

Während die Evolutionstheorie von vielen zumindest was die Entstehung des Menschen an sich angeht akzepiert wird, erwacht Widerstand, wenn es darum geht, das Gehirn und damit unser Denken ebenfalls als evolutionär entstanden anzusehen.

Dass das tierische Verhalten und deren „Natur“ ein Ergebnis evolutionärer Vorgänge ist erzeugt bis hin zu unseren nächsten Verwandten wenig Widerstand, das dies aber beim Menschen auch der Fall sein soll, entrüstet trotz unzähliger Forschung dazu immer noch.

Nach wie vor hat der Blank Slate erstaunlich viele Anhänger, immer wieder erstaunt es Leute, dass man überhaupt Auswirkungen evolutionärer Biologie im Verhalten finden soll.

Veränderungen in der Neuzeit werden als Beleg gesehen, dass wir frei von unserer Biologie sind und es wird auf abweichende kulturelle Praktiken verwiesen, die gerade mal ein paar (oder nur ein paar hundert) Generationen alt sind.

Körper-Geist-Problem (Philosophie des Geistes)

Das Körper-Geist-Problem ist in der Wikipedia wie folgt beschrieben:

Der Kern der Philosophie des Geistes ist das Leib-Seele-Problem, das manchmal auch „Körper-Geist-Problem“ genannt wird. Es besteht in der Frage, wie sich die mentalen Zustände (oder der Geist, das Bewusstsein, das Psychische, die Seele) zu den physischen Zuständen (oder dem Körper, dem Gehirn, dem Materiellen, dem Leib) verhalten. Handelt es sich hier um zwei verschiedene Substanzen? Oder sind das Mentale und das Physische letztlich eins? Dies sind die zentralen Fragen der Philosophie des Geistes. Jede Antwort wirft jedoch zahlreiche neue Fragen auf. Etwa: Sind wir in unserem Denken und Wollen frei? Könnten Computer auch einen Geist haben? Kann der Geist auch ohne den Körper existieren? Die Philosophie des Geistes ist daher mittlerweile ein enorm differenziertes Projekt. Bereits Platon hat dies in seinem DialogPhilebos (30a) thematisiert: „Sokrates: Unser Leib, wollen wir nicht sagen, der habe eine Seele? Protarchos: Offenbar wollen wir das. Sokrates: Woher aber, o lieber Protarchos, sollte er sie erhalten haben, wenn nicht auch des Ganzen Leib beseelt wäre, dasselbe habend wie er und noch in jeder Hinsicht trefflicher?“

Mit leuchtet das tatsächliche Problem dahinter aber nicht wirklich ein. Ich kann verstehen, dass Sokrates und Co das Problem beschäftigt, gerade weil es auch schnell einen religiösen Bezug hat. In heutiger Zeit leuchtet es mir aber nicht wirklich ein.

Wenn man immer kompliziertere Computer mit immer höherer Rechenkraft kennt, dann ist einem zumindest klar, dass auch vollkommen unbelebte Materie mit der Hilfe von bestimmten Regeln bestimmte Probleme lösen kann. Das muss man sich letztendlich nur komplizierter und ausgereifter vorstellen.

Wir sehen ja auch die langsamen Übergänge der „Biocomputer“ von Quallen, die auf Lichteinfall eine bestimmte Bewegung durchführen, über Insekten mit recht einfachen Entscheidungsmöglichkeiten bis hin zu den intelligenteren Tieren, und schließlich über die Primaten zu uns. Dabei ist unser Gehirn genauso aufgebaut wie ein sonstiges Primatengehirn, wir haben keinen Bereich, der sich wesentlich in der grundlegenden Funktion unterscheidet, sie sind insoweit lediglich ausgebauter.

Und unser Gehirn ist unglaublich leistungsfähig und die Evolutionhatte ein paar Milliarden Jahre Zeit an der passenden Software zu schreiben.

Die Vorstellung eines „Chinesischen Raums“ geht insofern an der Sache vorbei: Wir haben es eben nicht mit einer solch simplen Befolgung von Regeln zu tun, sondern einem hoch komplexen Rechenzentrum, dass assoziative Verbindungen herstellen kann und Regeln daraus herleiten kann.

Insofern ist es aus meiner Sicht klar, dass mentale Zustände auch immer materielle Zustände sind, aber eben eingeordnet in eine komplexe „biologische Software“, die auf abgespeicherte Erfahrungen und (vermeintlich) erkannte Regeln zurückgreift.

Insofern wäre Bewußtsein nur eine Illusion, aus meiner Sicht so etwas wie eine Benutzeroberfläche, auf der bestimmte Rechenoperationen dargestellt werden, wobei wir teilweise deren Limitierungen nicht mitbekommen.

Hier scheint mir teilweise auch einfach ein „Argument aus Nichtwissen“ mit hereinzuspielen: „Weil wir das Gehirn und seine genaue Arbeitsweise noch nicht verstehen, lassen sich mentale Zustände Gehirnzustände oder funktionale Zustände zurückführen“. Dabei kann es auch schlicht auf eine Weise funktionieren, die wir noch nicht verstehen bzw. wir stellen uns ein falsches Bild davon vor, was wir eigentlich für ein Bewußtsein, den Geist oder die Seele halten.

Im Wikipediaartikel heißt es dann zu einer der dort vertretenen Theorien:

Daraus ergibt sich die Frage, ob es einen nichtreduktiven Materialismus geben kann (…) Oft wird die Idee mit dem Begriff der Supervenienz formuliert: Mentale Zustände supervenieren über physischen Zuständen, sind aber nicht auf sie zurückführbar. „Supervenieren“ beschreibt dabei eine Abhängigkeitsbeziehung: Das Mentale kann sich nicht verändern, ohne dass sich das Physische verändert.

Das scheint mir die Vorstellung zu sein, dass sich der Computer ändern muss, wenn ein neuer Software-Programmteil aufgerufen wird. Warum man das dann nicht über die Aktivierung von bestimmten neuronalen Netzwerken und dem Abrufen bestimmter assoziativer Vorgänge einordnen kann und daraus etwas so besonderes macht verstehe ich wiederum nicht. Sicherlich verändert sich auch das Gehirn mit jedem Denken und jedem lernen. Eben indem Informationen abgespeichert und neue Verbindungen in bestimmten Bereichen hergestellt werden. Aber das scheint ja nicht wirklich gemeint zu sein.

Was sich mir ebenfalls nicht erschließt ist, was diese Theorien in der praktischen Anwendung bedeuten sollen. Wenn also das Mentale das Psychische verändert, zu was führt das? Eine absolute Plastizität des Gehirns? Dazu, dass es keine biologisch festen Regeln geben kann? Zu einer Anfälligkeit für Sozialkonstruktivismus?

Auch Supervenienz scheint mir da wenig praktische Anhaltspunkte zu geben, etwa in welchem Umfang was verändert werden kann oder wie diese Veränderung von statten geht. Es bleibt für mich ein sehr abstraktes Konzept, aus dem man erst einmal nichts herleiten kann.

Vielleicht kann es mir aber jemand erklären