Kulturmarxismus

Zurecht verweist Neuer Peter darauf, dass hier immer mehr Diskussionen in einer Diskussion darüber enden, ob es einen Kulturmarxismus gibt oder nicht. Also scheint es angebracht hier einmal einen Artikel zu bieten, in dem das Thema ausdiskutiert werden kann und auf den man Leute verweisen kann, wenn dazu wieder eine Diskussion aufkommt.

Der 1. Mai bietet sich für ein solches Thema natürlich an, ebenso wie seinerzeit schon bei dem Artikel zu Kritik am Kommunismus.

Der Wikipedia-Eintrag zum Kulturmarxismus gibt das Folgende her:

Cultural Marxism ist ein politisches Schlagwort der amerikanischen Rechten, das eine angebliche Verschwörung der „Linken“ beschreibt.

Laut dem Politikwissenschaftler Thomas Grumke habe die amerikanische neue extreme Rechte eine Umdeutung des Feindbildes vorgenommen, da die klassische Red Scare nicht mehr funktioniere. Teil dieser Strategie ist es, Kampfbegriffe wie „Cultural Marxism“ in die Debatte einzuführen. Als Kampfbegriff der amerikanischen neuen Rechten beschreibt „Cultural Marxism“ einen angeblichen konspirativen Versuch der „Linken“, durch Angriffe auf den American Way of Life die Kultur und Moral der USA zu zerstören. Nach der Legende sei der Ausgangspunkt des Kulturkrieges auf die 1930er Jahre zurückzuführen, als eine kleine Gruppe jüdischer Philosophen aus dem Deutschen Reich in die Vereinigten Staaten flüchteten. Diese Vertreter der Frankfurter Schule wurden an der Columbia University tätig, wo sie eine Form des Marxismus entwickelt hätten, der sich nicht mit dem Wirtschaftssystem, sondern mit der Kultur auseinandersetze. Diese Gruppe habe sich seitdem zum Ziel gesetzt, den weißen Amerikanern den Stolz auf ihre europäische Abstammung und Ethnie auszureden, sowie „christliche“ Familienwerte als reaktionär und rückständig darzustellen. Auch werde aus diesem Grund sexuelle Befreiung gelobt. William Sturgiss Lind definiert neben den Philosophen der Frankfurter Schule auch Feministinnen, Homosexuelle, Multikulturalisten, Migranten und Umweltschützer als feindliche „Kulturkrieger“. [1]

Die Anschläge in Norwegen 2011 wurden von dem Norweger Anders Behring Breivik unter anderem damit begründet, Norwegen gegen den Islam und den „Kulturmarxismus“ verteidigen zu wollen.

Eine andere Erklärung für den Kulturmarxismus habe ich hier gefunden:

Relativ unbeachtet vom syndikalistischen und libertär-klassenkämpferischen Lager hat sich in den letzten Jahren eine von der politischen Rechten in den USA ausgehende Verschwörungstheorie entfaltet, die einen angeblichen, immer einflussreicheren, „Kulturmarxismus“ ausmacht. Dabei handelt es sich um eine Verschwörungstheorie, die, kurz gesagt, postuliert, dass mächtige neo-marxistische Kräfte unter dem Deckmantel der Politischen Korrektheit versuchen Ehe, Familie und die gesamte traditionelle westliche Kultur zu zerstören, um dadurch die Bedingungen für eine soziale Revolution zu schaffen. Als Ursprung dieser Strategie zur Zerstörung der gesamten westlichen Zivilisation gelten für die Anhänger dieser Verschwörungstheorie insbesondere die Theoretiker der Frankfurter Schule.

Nimmt man diese Definition des Kulturmarxismus, dann haben wir folgende Elemente

  1. Theoretiker, die neo-marxistischen Theorien anhängen
  2. besonders auf politische Korrektheit achten
  3. das Ziel haben, damit Ehe, Familie und die gesamte traditionelle westliche Kultur zu zerstören
  4. dies aber nicht aus Gründen der politischen Korrektheit wollen, sondern auf diesem Weg die Bedingungen für eine soziale Revolution schaffen wollen

Dafür, dass tatsächlich ein Kulturmarxismus handelt ist also maßgeblich, dass die genannten Ziele nur Mittel zum Zweck sind und eigentlich nur die Basis für eine Revolution schaffen sollen.

Und da ist aus meiner Sicht der größte Haken an der ganzen Sache, der es sehr unwahrscheinlich macht, dass dies im größeren Umfang tatsächlich passiert. Denn die meisten, die hinreichend überzeugt von diesen Ideen sind, werden sie aus meiner Sicht eben auch als solche vertreten und der Nachweis, dass sie eigentlich etwas ganz anderes wollen, erscheint mir kaum möglich.

Ich kann mit durchaus vorstellen, dass es

  1. Personen gibt, die sich stark mit marxistischer Theorie befasst haben
  2. meine, dass zu einer gleichen Gesellschaft dann eben auch eine aus ihrer Sicht möglicht diskriminierungsfreie Gesellschaft gehört und daher auch die Theorien zur politischen Korrektheit bzw. die Privilegierungsgtheorien gut und richtig finden
  3. vieles an einer konservativen Gesellschaft schlecht finden und damit auch ein Kritik an Ehe und Familie im klassischen Sinne und auch an westlicher Kultur verbinden

All dies wäre aber kein Beweis für einen Kulturmarxismus, denn dieser erfordert eben nicht, dass man an beidem interessiert ist, sondern, dass man das eine nur als Mittel zum Zweck sieht.

Wenn man also beispielsweise feministische Strömmungen als Kulturmarxismus sieht, dann fehlt es aus meiner Sicht gerade an diesem Element. Es gibt natürlich feministische Theorien, die auch eine Kapitalismuskritik enthalten und insoweit auch Marxistische Elemente haben (zu Unterschieden und Kommunismus und Feminismus an sich verweise ich auf diesen Artikel mit einem Kommentar von Leszek), aber sie verfolgen doch auf der Ebene der Theorie und der Aktivstinnen eine starke auf Frauen bezogenene Ausrichtung, die sich zwar entsprechenden kommnunistischen Theorieelementen bedienen mag oder sich sogar vorstellen könnte, dass ein sozialistisch ausgerichtete Welt frauenfreundlicher ist („Konkurrenz und Wettbewerb ist Patriarchat, Frauen kooperieren friedlich“ oder so), dass bedeutet aber nicht, dass sie den Feminismus zwangsläufig als Mittel zum Zweck sehen.

In einem Artikel zu Feminismus und Kommunismus zitierte ich aus der Wikipedia wie folgt:

Patriarchat und Kapitalismus

Ein Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus und den Geschlechterverhältnissen wurde innerhalb des Feminismus diskutiert, und zwar ob die Unterdrückung und Benachteiligung der Frauen ein „Nebeneffekt“ (Nebenwiderspruch) oder eine notwendige Voraussetzung des Kapitalismus seien. Sozialistische und marxistische Feministinnen betrachten die Frauenunterdrückung als immanentes Element des Kapitalismus. Sie beziehen neben der Produktions- auch die Reproduktionssphäre geschlechtliche Arbeitsteilung in ihre Analysen mit ein. Nach Frigga Haug gehe es um eine „Kritik der Produktionsweise des Kapitalismus, die auf Frauenunterdrückung in Form der Aneignung unentlohnter Arbeit basiert und des Fraueneinsatzes in geschlechtstypischer Arbeitsteilung bedarf.“ (zitiert nach Carstensen u.a.: S.3) Von feministischer Seite wurde kritisiert, dass die Unterdrückung der Frau zu einem Nebenwiderspruch der Produktion degradiert würde.

Das ist letztendlich eine Frage der eigenen Prioritäten, zeigt aber aus meiner Sicht durchaus, dass man bestimmte Theorien verbinden kann und damit beide Ziele verfolgen kann, ohne das man eines eigentlich gar nicht will, was ja letztendlich eine Theorie des Kulturmarxismus ist.

Mir erscheint insofern auch die Theorie des Kulturmarxismus eine Verschwörungstheorie zu sein, die über die in Amerika gern genutzte Angst vor dem Kommunismus einen Kampf auch Widerstand gegen andere ungeliebte Theorien errichten will.

Was es letztendlich bringen soll erschließt sich mir, abgesehen von diesem Anschlußeffekt, dem an die Wand malen des Kommunismus, nicht wirklich, denn letztendlich ist es eine sehr billige Weise, gegen bestimmte Ideologien vorzugehen. „Du willst eigentlich etwas ganz anderes, nämlich eine marxistische Gesellschaft“ ist aus meiner Sicht ein Argument, welches eine Diskussion blockiert, denn es vermeidet schlicht eine Auseinandersetzung mit dem, was der andere als sein Ziel angibt. Wenn dessen Theorien insoweit aber schlüssig sind (was sie aus meiner Sicht weder für einen Kommunismus noch einen Genderfeminismus sind) dann kommt es darauf schlicht nicht an.

Zudem ist es schlicht nervig, wenn Leute einem erzählen, dass man etwas ganz anderes will, was mit dem eigenen Thema schlicht nichts zu tun hat und noch nicht einmal die Folge davon ist

Insofern ist die These vom Kulturmarxismus aus meiner Sicht nicht sehr plausibel und wenig geeignet, tatsächlich etwas zu klären.

Wer das Gegenteil darlegen will, der muss einen Beweis dafür bringen, dass die anderen Theorien nur Mittel zum Zweck sind. Einen solchen habe ich bisher noch nicht gelesen, auch wenn ich teilweise entsprechende Kommentare nur überflogen habe.

 

 

Hauptwiderspruch, Nebenwiderspruch und Feminismus

In Teilen des Feminismus ist die Auffassung verbreitet, dass die Welt als ganzes besser wird, wenn endlich das Patriarchat / die hegemoniale Männlichkeit / die Phallokratie beseitigt worden ist. Alle anderen Probleme, auch solche, die Männer betreffen, hängen letztendlich eben an diesem Umstand, was es stark in die Nähe der Theorien von Hauptwiderspruch und Nebenwiderspruch rückt, wenn ich das richtig verstehe:

Das Begriffspaar Hauptwiderspruch und Nebenwiderspruch wurde von Vertretern und Strömungen des Marxismus geprägt. Die marxistische Theorie hat mehrere Widersprüche herausgearbeitet (z. B. Lohnarbeit und Kapital). Diese stehen allerdings nicht unabhängig, sondern ein Widerspruch kann durch einen anderen bestimmt oder bedingt sein. Erster würde dann Neben- letzterer Hauptwiderspruch heißen. Wie schon bei Hegel, wird dabei nicht zwischen „Widerspruch“ (vergleiche den Satz vom Widerspruch) und „Gegensatz“ unterschieden, sondern beide Begriffe auswechselbar gebraucht.

Deswegen ist die Beseitigung des Patriarchats / der hegemonialen Männlichkeit / der Phallokratie das vordringlichste Ziel, weil es alle anderen Schwierigkeiten beseitigt. Wenn einige Feministen davon sprechen, dass der Feminismus letztendlich die Befreiung aller will, indem das Patriarchat etc bekämpft wird, dann steckt denke ich zu einem gewissen Teil diese Annahme der Bedingtheit dahinter.

In der Wikipedia steht auch etwas zu der Diskussion dazu:

Patriarchat und Kapitalismus

Ein Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus und den Geschlechterverhältnissen wurde innerhalb des Feminismus diskutiert, und zwar ob die Unterdrückung und Benachteiligung der Frauen ein „Nebeneffekt“ (Nebenwiderspruch) oder eine notwendige Voraussetzung des Kapitalismus seien. Sozialistische und marxistische Feministinnen betrachten die Frauenunterdrückung als immanentes Element des Kapitalismus. Sie beziehen neben der Produktions- auch die Reproduktionssphäre geschlechtliche Arbeitsteilung in ihre Analysen mit ein. Nach Frigga Haug gehe es um eine „Kritik der Produktionsweise des Kapitalismus, die auf Frauenunterdrückung in Form der Aneignung unentlohnter Arbeit basiert und des Fraueneinsatzes in geschlechtstypischer Arbeitsteilung bedarf.“ (zitiert nach Carstensen u.a.: S.3) Von feministischer Seite wurde kritisiert, dass die Unterdrückung der Frau zu einem Nebenwiderspruch der Produktion degradiert würde.

Hier sieht man meiner Meinung nach auch wieder, dass eifrig um die beste Opferposition gekämpft wird und es jedem wichtig ist, dass seine Position diejenige ist, die am bedeutsamsten ist und für die daher am meisten gekämpft werden muss. Wer darlegen kann, dass seine Position den Hauptwiderspruch betrifft, der sagt damit gleichzeitig, dass alle anderen Probleme verschwinden, wenn man nur genug für seine Sache kämpft – keine schlechte Position.

Wie so etwas aussieht, dass sieht man hier:

Da der Forschung- und Arbeitszusammenhang vieler Frauenforscherinnen in den 1970er und 1980er Jahren marxistisch und sozialistisch geprägt war, war es nahe liegend, dass sie zunächst vor allem die Verschränkung von Kapitalismus und Patriarchat 3 analysierten. Die zentrale Frage lautet dabei, welcher Ausbeutungsmechanismus der zentrale ist, d.h. ob Frauenunterdrückung nur ein Nebeneffekt oder die notwendige Voraussetzung des Kapitalismus ist. Sozialistische und marxistische Feministinnen 4 gehen davon aus, dass Geschlechteregalität im Kapitalismus nicht möglich ist. Die Unterdrückung von Frauen wird als grundlegendes Merkmal des Kapitalismus betrachtet. Kapitalismus und Patriarchat müssen notwendigerweise ko-existieren und stützen sich gegenseitig. An marxistischen Theorien wird kritisiert, dass Fragen der Produktion zu stark im Vordergrund stehen und die Unterdrückung von Frauen zum so genannten Nebenwiderspruch ‚verharmlost’ wird. Feministische Perspektiven auf die marxistische Theorie beziehen dagegen neben der Produktions- auch die Reproduktionssphäre sowie die geschlechtliche Arbeitsteilung in ihre Analysen mit ein. Marxistische Begriffe, insbesondere der Arbeitsbegriff, werden neu gedacht, um die Rolle von Frauen in der Reproduktion zu begreifen. 5 Dabei geht es nach Frigga Haug um eine „Kritik der Produktionsweise des Kapitalismus, die auf Frauenunterdrückung in Form der Aneignung unentlohnter Arbeit basiert und des Fraueneinsatzes in geschlechtstypischer Arbeitsteilung bedarf; dies um eine Gesellschaft zu reproduzieren, die sich einer Produktionsweise nach Profitlogik verschrieben hat, in der praktisch die Wiederherstellung der Gattung ebenso wenig vorgesehen ist wie diejenige der sonstigen Naturressourcen“ (Haug 2004: 49). Auch Ursula Beer (1991) geht davon aus, dass es ohne die Existenz von Geschlechtern kein Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital geben kann. Patriarchale Strukturen greifen deshalb so gut, weil sie ökonomisch und privat verankert sind. Das Grundprinzip kapitalistischer Gesellschaften folgt einer geschlechtshierarchischen Logik: Frauen sind für reproduktive, d.h. gebä- rende, versorgende, sorgende und emotionale Arbeiten zuständig und Männer für produktive. Dies spiegelt sich nicht nur in der Zuständigkeit der Frauen für Haus- und Sorgearbeit und der Männer für bezahlte Arbeit, sondern auch innerhalb der Lohnarbeit: So sind für erwerbstätige Frauen diejenigen Tätigkeiten vorgesehen, die reproduktiv sind: Krankenschwester, Lehrerin, Kindergärtnerin etc. Die Individuen sind dem Lohnarbeitsverhältnis damit immer als Frauen oder Männer unterworfen, nie nur als ‚geschlechtsneutrale’ Lohnabhängige. Lohnarbeiterinnen sind damit in doppelter Weise ausgebeutet und ohnmächtig, zum einen als Lohnabhängige und zum anderen aufgrund ihres Geschlecht

Meiner Meinung nach ist das falsch: Arbeitsteilung erlaubt Spezialisierung und damit eine höhere Produktivität. Die geschlechtsspezifische Aufteilung entspricht dabei eher bei dem Schnitt der Geschlechter vorhandener Vorlieben und Fähigkeitsausprügungen als einem Plan zur Unterdrückung.

Nepotismus in China und Verwandtenselektion

In China zeigt sich, das auch im Kommunismus Blut dicker als Wasser ist. Die Führungsstäbe lassen ihren Kindern keineswegs kommunistisch gerecht die normale Zuwendung des Staates zukommen, sondern fördern sie, so gut sie können, schicken sie ins Ausland, damit sie eine bessere Ausbildung erfahren, versorgen sie mit Posten und Staatsaufträgen

Die Karriere von Kindern hoher chinesischer Parteikader verläuft häufig äußerst erfolgreich: Zum einen können es sich ihre Eltern leisten, sie ordentlich ausbilden zu lassen: Deshalb studierten die meisten an Elite-Universitäten in den USA oder Europa. Aufgewachsen in komfortablen Funktionärswohnungen, ausgebildet in den besten Schulen, ausgestattet mit Dienstwagen und gepflegt in Sonderkrankenhäusern des Militärs haben die Prinzlinge bessere Startchancen als ihre Altersgenossen. Nicht selten besitzen sie zudem einen ausländischen Pass oder zumindest eine amerikanische Green Card.

Die Prinzlinge werden von Firmen aus dem In- und Ausland gerne angeheuert: Die Unternehmen erhoffen sich von ihnen nicht nur Insider-Wissen über Vorgänge in den oberen Etagen der Pekinger Macht, über Ausschreibungen und bevorstehende Börsengänge, sondern sie versprechen sich auch Verbindungen und Kontakte, die den Geschäften dienen.

Aus evolutionsbiologischer Sicht ein zu erwartendes Verhalten, weil der Mensch eben ein Produkt egoistischer Gene ist und die Verwandtenselektion ein guter Weg ist, diese Gene zu fördern. Ein paar Millionen Jahre später hat dieser Effekt wenig überraschend ein Lebewesen hervorgebracht, dem die Förderung seiner Kinder am Herzen liegt und das es als richtig ansieht, seine Kinder gegenüber anderen Kindern zu unterstützen.
Es ist auch wenig verwunderlich aus dieser Sicht, dass sich in einem kommunistischen System Korruption zeigt. Wenn der Staat alles in der Hand hält, dann kann man sich Eigenes nur über die Ausnutzung des Staates aufbauen. Das wird um so verlockender, um so mehr Umverteilungsmacht man hat und um so weniger man einer Kontrolle unterworfen ist. Kontrolle sinkt gleichzeitig, wenn die, die kontrollieren ebenfalls Macht haben und auch für sie Umverteilung interessant ist. Kommunismus ist in diesem Sinne sehr anfällig für klassisches Top Down Management, bei dem dann Einzelinteressen unter dem Vorwand von Gruppeninteressen einfliessen.
Und natürlich wissen das alle, wie der steigende Aktienkurs der Firma zeigt. Auch für sie ist es günstiger einfach in diesem Spiel mitzuspielen. Sind die Machtpostionen erst einmal in dieser Weise etabliert ist es schwer aus ihnen auszubrechen. Denn der Vorteil, der sich aus einem Widerstand ergibt, würde sich für die Gemeinschaft ergeben und sich auf den einzelnen damit in sehr abgeschwächter Form niederschlagen. Strafen der Mächtigen, die nicht durch einen Rechtsstaat oder entsprechende Kontrollen verhindert werden, treffen aber ungefiltert denjenigen, der sich gegen dieses System stellt (es ist eine Tragik des Allgemeingutes)

Die Tragik des Allgemeinguts

Durch Mark Ridleys Buch „The Origin of Virtue“ bin ich auf drei interessante Konzepte gekommen, die meiner Meinung nach für das Verständnis moderner Gesellschaften interessant sind.

Die „Tragik des Allgemeinguts“ wird klassischerweise an Vieh, dass auf einer öffentlichen Wiese grast, dargestellt. Grundlage ist eine Wiese, an der keine Eigentums oder Nutzungsrechte einzelner Personen bestehen. Alle Viehhalter können ohne Einschränkungen ihr Vieh auf dieser Wiese grasen lassen. Die Wiese kann aber nachhaltig nur von einer bestimmten Anzahl von Tieren genutzt werden. Eigentlich haben alle den besten, lang anhaltensten Vorteil, wenn die Wiese von sagen wir 100 Tieren genutzt wird. Das Problem ist aber, dass es sich für jeden einzelnen Nutzer der Wiese lohnt ein weiteres Tier auf die Wiese zu stellen. Er hat dann den Vorteil des weiteren Tiers, der Nachteil der Überweidung verteilt sich aber auf alle Nutzer, trifft ihn also geringer als der Zusatznutzen durch das weitere Tier. Zudem muss er befürchten, dass alle anderen Nutzer ebenso verfahren werden (weil es ihnen am meisten bringt) und er daher die Nachteile eh haben würde. Dieses Problem löst sich, wenn entweder das Eigentum oder das ausschließliche Nutzungsrecht an der Wiese einer bestimmten, überschaubaren Anzahl von Personen gehört. Denn diese Personen können miteinander verhandeln und Nutzungen ausschließen oder beschränken. Sie können sich unter Hinweis auf kontrollierbare Absprachen auf eine Weidenutzung beschränken, die die Wiese optimal langfristig ausnutzt, weil sie sich darauf verlassen können, dass auch die anderen sich entsprechend verhalten und daher für sie ein greifbarer langfristiger Vorteil entsteht. Dieser Vorteil besteht aber nur, wenn ein Regulationssystem greift und durchgesetzt werden kann. Greifen zu viele Personen auf eine Ressource zurück, dann ist eine Regelung, die alle berücksichtigt nicht mehr vorteilhaft, da dann zu kleine Stücke übrig bleiben. Dabei soll die Zahl, die noch eine vernünftige Aushandlung erlaubt bei ca. 150 Personen liegen (Dunbars Zahl).

Dieses Prinzip findet auf viele Bereiche Anwendung:

Bei dem Schutz wilder Tiere lohnt es sich für einen Jäger, dem das Gebiet nicht gehört und der an diesem auch keine ausschließlichen, durchsetzbaren langfristigen Nutzungsrechte hat, nicht, sich zu beschränken. Wer ein Tier ziehen läßt, damit es sich fortpflanzt und die Art erhält, muss damit rechnen, dass es der nächste Jäger erlegt und damit sein Verzicht keine Auswirkungen hat. Ähnliche Gedanken dürften in der Steinzeit zur Ausrottung nahezu allen Großwilds jeweils nach Eintreffen der Menschen in dem jeweiligen Gebiet geführt haben.

Weitere Beispiele Ridleys sind:

  • Lobsterfang an der Amerikanischen Küste: Bestimmte Streifen sind in einem inoffiziellen System bestimmten Fischergruppen zugewiesen, die eine Fremdnutzung unterbinden (zB durch Abschneiden fremder Fangkörbe) und deswegen ein langfristiges Interesse an einem nachhaltigen Fang haben. Es werden daher nur soviele Lobster entnommen, dass die Bestände stabil bleiben
  • Bewässerungsabsprachen: Ein Fluss wird von den Bauern zur Bewässerung anliegender Felder benötigt. Die Bauer weiter oben am Fluss könnten soviel Wasser entnehmen, dass für die Bauern unten nicht genug verbleibt. Sie benötigten allerdings die Hilfe der Bauern stromarbwärts bei der Errichtung bestimmter Dämme und Schleusen. Es wurden daher Absprachen über die Entnahme getroffen. Als dann staatlicherseits moderne, dauerhafte Dämme gebaut wurden, war die Mithilfe der Bauern stromabwärts nicht mehr erforderlich. Die Bauern stromaufwärts entnahmen daher mehr Wasser, dass jetzt ein öffentliches Gut war, und die Absprachen wurden zu Lasten der Bauern unten nicht mehr eingehalten.

Das Problem der „Commons“ sind insofern die „Freerider“ bzw. „Trittbrettfahrer“. Also die, die die Beschränkungen, die Einzelne sich bei der Nutzung öffentlicher Ressourcen aus Gründen der Nachhaltigkeit auferlegen, nicht für sich akzeptieren, aber die Vorteile der Beschränkungen nutzen. Mit zu vielen Freeridern oder „Ausnutzern“ bricht das System zusammen. Gleichzeitig ist es günstig Freerider bzw. Ausnutzer zu sein, da man so am meisten Vorteile erhält, sofern der vorteil in einem gewissen Verhältnis zu zum einen der Wahrscheinlichkeit steht, dass man als Ausnutzer erkannt wird und zum andern zur Höhe der Strafe der Gemeinschaft. Damit stehen sich zwei Gesichtspunkte mit jeweils Selektiven Vorteilen gegenüber:

  1. Erkenne Freerider möglichst umfassend und sorge dafür, dass sie Nachteile haben
  2. Versuche so viel wie möglich für dich rauszuholen, wenn es keiner mitbekommt.

Das wirkt sich so aus, dass wir eine Abneigung gegen jeden haben, der sich nach unserer Meinung ein zu großes Teil vom Kuchen abschneidet, wenn er in unserer Gruppe ist und es zu unseren Lasten geht, aber nicht dagegen haben, wenn wir uns selbst oder (aufgrund der Verwandtenselektion) unseren Verwandten unbemerkt ein größeres Stück vom Kuchen abschneiden können.

Ich kann mir vorstellen, dass dies zum einen den Kommunismus so interessant und zum anderen so unerfolgreich macht.

Interessant weil uns der Gedanke gefällt, dass jeder in der Gruppe „Nation“ ein gleiches Stück vom Kuchen bekommt und niemand mehr als der andere, sofern er nicht aus nachvollziehbaren Gründen mehr braucht („Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“). Unerfolgreich, weil staatliche Leistungen und Steuereinnahmen öffentliche Güter sind und daher sehr anfälig für die Tragik des Allgemeinguts sind. Da das Volk zu groß ist für ein Interesse an echte Nachhaltigkeit ist jeder geneigt Ausnutzer des Systems zu sein und sich einen möglichst großen Teil der öffentlichen Mittel abzuzweigen. Wir sehen keinen Grund außer der Entdeckung, der uns hindert, Mittel abzuzweigen. Und wir sehen auch keinen Grund warum andere das nicht machen. Um so mehr verteilt wird, um so eher kann man sich etwas abzweigen. Wer nicht etwas für seine Familie oder Freunde von diesem öffentlichen Gut abzweigt wird bei geringen Entdeckungsrisiko nicht als gewissenhaft, sondern als geizig gelten. Wer seinen Verwandten keine Posten zuschachert oder andere Vorteile verschafft, der gilt bei einem reinen Verteilungssystem als dumm, weil er sein Freeriderpotenzial nicht ausnutzt. Den der auf den einzelnen entfallende Vorteil eines solchen Verhaltens ist zu gering. Und das Entdeckungsrisiko schwindet, wenn auch alle anderen, die verteilen, wenig Interesse an einer Entdeckung des eigenen Abzweigens haben.

Dieser Vorteil besteht natürlich auch im Kapitalismus. Allerdings haben hier mehr Personen einen Nachteil durch hohe Staatseinnahmen und zudem die Möglichkeit, sich über eigene Leistungen Vorteile zu verschaffen. Das verbessert das Interesse an einer Überwachung und effektiven Verwaltung und erhöht damit das Risiko einer Entdeckung.