Hört auf von „weißen Privilegien“ zu sprechen und nennt es lieber „White supremacy“

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Nachteile von Intersektionalität: Mit zu vielen Opfergruppen sinkt die Empathie

Eine interessante Studie behandelt den „Wettbewerb der Opfer“, also eine typische Folge der Art, wie gegenwärtig Intersektionalität vertreten wird:

Groups that perceive themselves as victims can engage in “competitive victimhood.” We propose that, in some societal circumstances, this competition bears on the recognition of past sufferings—rather than on their relative severity—fostering negative intergroup attitudes. Three studies are presented. Study 1, a survey among Sub-Saharan African immigrants in Belgium (N = 127), showed that a sense of collective victimhood was associated with more secondary anti-Semitism. This effect was mediated by a sense of lack of victimhood recognition, then by the belief that this lack of recognition was due to that of Jews‘ victimhood, but not by competition over the severity of the sufferings. Study 2 replicated this mediation model among Muslim immigrants (N = 125). Study 3 experimentally demonstrated the negative effect of the unequal recognition of groups‘ victimhood on intergroup attitudes in a fictional situation involving psychology students (N = 183). Overall, these studies provide evidence that struggle for victimhood recognition can foster intergroup conflict.

Quelle: Competition over collective victimhood recognition: When perceived lack of recognition for past victimization is associated with negative attitudes towards another victimized group (Volltext via scihub)

Aus der Studie:

Studies 1 and 2 investigated these processes among members of two minority groups (Sub-Saharan African immigrants and Muslims) focusing on their attitudes towards another minority group (Jews). In these two studies, the expected association between sense of collective victimhood and negative attitudes—secondary anti-Semitism in both studies and primary anti-Semitism only in Study 2—towards an out-group that was not involved in the historical victimization of the in-group was obtained. Further, these studies showed that this association was explained through a path involving a sense of lack of societal recognition for in-group victimhood, associated with the attribution of this lack of in-group recognition to out-group recognition. Competitive victimhood (over the severity of groups‘ sufferings) was positively associated with all the variables of interest in both studies and with both primary and secondary anti-Semitism. However, in Study 1, and in Study 2 when secondary anti-Semitism was measured, it did not contribute to mediate this link over and above these two variables bearing on recognition. Yet, in Study 2, when primary anti-Semitism was measured among Muslim participants, competitive victimhood proved to be a better mediator than the “recognition” causal path. However, this latter path, as well as other paths involving recognition variables, still significantly and independently mediated the effect. This suggests that the competition bore on the societal recognition of in-group victimhood rather than on the severity of the suffering itself. Moreover, these effects were obtained while controlling for the effect of in-group identification, and only for the out-group perceived as benefitting from more victimhood recognition.

Um so sehr man also um eine Opferstellung in Konkurrenz tritt um so weniger nimmt man Nachteile für andere Gruppen wahr.
Es wäre interessant diese Studie noch einmal in Bezug auf den Feminismus zu wiederholen, da gerade im intersektionalen Feminismus ja sehr viele verschiedene Opfergruppen zu beachten sind und gegenseitig um Aufmerksamkeit kämpfen. Und ein Anlass für Streitigkeiten scheint auch immer wieder zu sein, dass die eine Gruppe meint, dass ihr eigener „Struggle“ nicht hinreichend von den anderen Vertretern gewürdigt wird. Etwas abgefangen wird das vielleicht durch eine Form der „internen Hierarchie“, bei der mir Rassismus ganz oben zu stehen scheint, andere Beeinträchtigungen dann wieder tiefer.

Jedenfalls scheint es nachvollziehbar, dass in einem solchen Übermaß an konkurrierenden Opferstellungen keine zusätzlichen geduldet werden.

Aus einem anderen Text über die Studie:

The underpinnings of much the modern-day Oppression Olympics comes in the form of intersectionality, which argues that various forms of oppression against minority groups are interconnected. The intention was to create coalitions of people to understand where other people come from and how their experiences and their identity could help defeat The System. This creates various ghost-like figures, such as „The Patriarchy“ or „the Zionists,“ who are responsible for the oppression of others. However, intersectionality has forced people of different backgrounds to compete as to who has been oppressed more and for others to get in line if their identity could possibly result in someone else’s poor fortune.

Not only is this idea categorically stupid, but it has been clinically proven to create less empathetic individuals. Ask any conservative on a college campus if this makes sense and they would have a two-word answer: No s**t.

Insofern durchaus eine interessante Studie. Statt dafür zu sorgen, dass alle Diskriminierungen und ihre Auswirkungen aufeinander beachtet werden führt es eher zu einem Wettkampf und zu fehlender Empathie für alle, die man nicht als eigene oder wichtig ansieht.

Warum weiße Menschen böse sind

Ronin stellt die Grundlagen der Überzeugung, dass es die weißen Menschen, insbesondere der weiße Mann sind, die für das Übel dieser Welt verantwortlich sind:

1. Alles menschliche Verhalten ist allein durch die Kultur bestimmt, Umwelteinflüsse spielen keine Rolle (woher die Kultur kommt, darf nicht gefragt werden).

2. Weiße heterosexuelle Männer haben eine bösartige, aggressive Kultur und daher den Drang, andere Völker zu kolonisieren und auszubeuten.

3. Alle anderen haben friedfertige Kulturen und sind daher gegenüber den WHM im Nachteil.

Ich würde vielleicht noch ergänzen

4. Sollten sich in nichtweißen Kulturen Anzeichen für das Gegenteil finden lassen, dann gehen diese auf die Kolonisierung und Ausbeutung zurück

Grundlage ist natürlich auch hier die intersektionale Theorie in der im Feminismus praktizierten Form, also mit einer Einteilung in strikte Gruppen, von denen eine absolut gut (in dieser Kategorie) und die andere absolut schlecht (in dieser Kategorie) ist. Da der weiße, heterosexuelle Mann die meisten Kriterien der schlechten Gruppen erfüllt muss er auch für das Leid der anderen verantwortlich sein.

„Die einzig richtige Reaktion, wenn einen eine diskriminierte Minderheit eines Fehlverhaltens beschuldigt“

Ein Beitrag beleuchtet einen der vielen Fälle, bei denen ein Feminist von den eigenen Leuten wegen Kleinigkeiten fertig gemacht wird. Hier hatte es Wil Wheaton (bekannt aus Star Trek) erwischt.

Er schrieb in einem Tweet:

will-1

Also eine Distanzierung von Trump. Aber natürlich war das nicht gut genug:

will-2

Er kann sich als weißer Mann natürlich nicht einfach von so etwas distanzieren, denn er ist als weißer Mann Bestandteil der Gruppe, die Trump an die Macht gebracht hat und zudem eben privilegiert.

Muslims hingegen werden in diesem Zusammenhang immer als PoCs gesehen oder jedenfalls als wegen der Religion diskriminierte, so dass er aktiv handeln müsste um sie zu schützen.

Wheaton protestierte:

will-3

Und das ist natürlich falsch, denn so einfach entkommt man einer Gruppenschuld nicht

will-targetting

Was noch so folgt kann man unter dem Link oben nachlesen, ich will nicht alle Bilder von dort stehlen.

Der Artikel liefert dabei gleich auch die Analyse mit, was Wil eigentlich hätte machen sollen, und ich glaube damit hat er recht:

That’s when all hell broke lose.

Dammit Wil. Didn’t they teach you about the first rule of Feminism?

“NEVER DISAGREE WITH A MINORITY, AND IF YOU’RE BEING ACCUSED OF SOMETHING, JUST ACCEPT IT”:

Tatsächlich ist das wohl der einzige Weg, den die intersektionale feministische Theorie bietet: Striktes beachten der Deutungshoheit. Die eigene Schuld im Wege einer Form des Doppeldenks einsehen („ich meinte es zwar ganz anders und wollte da alles nicht, aber wenn die mir sagen, dass ich etwas falsch gemacht habe, dann wird es wohl so sein und ich bin schuldig“). Sich entschuldigen. Den Tweet löschen. Sich eine Weile ruhig verhalten. Dann wieder bis zum nächsten Fehler weitermachen.

Und das zeigt aus meiner Sicht gerade wie autoritär und wie hierarchisch diese Theorien aufgebaut sind. Und warum sie keine Diskussionskultur entwickeln können, warum sie ein Klima des gegenseitigen Belauerns und des heruntergeschluckten Ärgers mit sich bringen und einen Wettkampf in der Unterdrückungsolympiade.

 

Der „Frauenmarsch“ als weiteres Beispiel für die Schädlichkeit intersektionaler Theorien

Zuletzt hatte ich zum intersektionalen Feminismus in dem Artikel zum Emma Artikel geschrieben:

Es wäre ein interessantes Studienfeld die Art und Weise zu untersuchen, auf der es intersektionalen Feministen gelingt, solche Macht auszuüben und sich durchzusetzen. Eine Vermutung ist, dass viele andere Gruppen die Aufgabe an sich wesentlich wichtiger finden während die intersektionalen Feministinnen weit aus eher das Wie und das Warum kontrollieren wollen. Sie haben das perfektioniert, indem sie jede Kleinigkeit ungeheuerlich aufblasen können, über Punkte wie Mikroaggressionen oder andere Punkte, bei dem jede Kleinigkeit Teil des grossen Unterdrückungssystem ist und daher nicht geduldet werden kann und genau so schlimm ist wie eine große Unterdrückung.

Es fügt sich wahrscheinlich auch ganz gut in „prosoziale Dominanz“ ein: Wem es gelingt die Regeln des Wie und dessen, was nicht geht, anhand von Kleinigkeiten vorzugeben, der übernimmt die Gruppe. Während andere der Auffassung sind, dass es sinnlose Kleinigkeiten und unwichtige Punkte sind, ist es für die anderen die Welt und deswegen müssen die Nachgeben, für die es nur eine Kleinigkeit ist. Bis sie irgendwann entnervt aufgeben, weil es nie gut genug ist und die anderen zu dogmatisch sind.

Dieses „sich nicht mehr auf das Ziel konzentrieren, weil man auf dem Weg dahin keinerlei Kleinigkeiten duldet und sich darin verstrickt, diese zu bekämpfen, was zwangsläufig in einen Kampf gegeneinander ausarten muss“ wurde gerade mal wieder gut unter Beweis gestellt bei den Planungen zu dem „Million Women March“, wie er zuerst hieß, mit dem Frauen gegen Trump und seine potentiell schädliche Politik für Frauen protestieren wollten.

Natürlich gab es hier auch wieder erheblichen Terror der intersektionalen „Hetzfeministinnen“:

But the attempted hijacking of the march’s agenda and all the nasty tit-for-tat between white versus black/queer/Muslim/trans and other identities tells a very disturbing story about the divided state of feminism today. The separatist, inward-looking politics that helped drive Trump to power and Clinton into oblivion is not going away — in fact it is becoming more entrenched, and all for the better, say organizers bent on highlighting women’s differences rather than their commonality as American and international citizens.

Just go to the official Facebook page of the march and associated events, read the online discussions, and there amid the enthusiasm and excitement you will witness the unfiltered and unedifying spectacle of women going at each other not because of the content of their character but because of the color of their skin, their gender, ethnicity, or religion.

The New York Times reported on a white wedding minister from South Carolina, who is persecuted at home for marrying gays, but said she wasn’t attending the march. She was made to feel highly unwelcome and ridiculed for only allegedly waking up, since Trump’s win, to the racism that black women have always experienced. Others were also riled by constant suggestions they “check their privilege” or more offensive versions of the censorious catchphrase. Then in a story titled “The Activist divide over the Women’s March on Washington,”  Northeast Public Radio profiled a Black Lives Matter activist from Minnesota who said she was skeptical about going because “a lot of the stuff I was seeing on social media was really centered around white women being upset that they didn’t get their way.”

“And to me, you know, as a black queer woman navigating the world, it was really clear to me post-election that black folks, immigrants, LGBTQ folks like myself included, are at a higher risk of violence of targeted policies that are meant to take away our rights,” Lena Gardner said. “And I really wasn’t hearing those sorts of things from a lot of white women. Some were articulating that. And some were just like — it was almost like a temper tantrum.” On Twitter, a dissenter fumed, “So this should be called ‘White Womens March on Washington?” In a subsequent post, she added, “My solidarity detectors read ‘nah bruh.’ I’m not with a movement whose poster children are WW [White Women] who have directly shitted on BW [Black Women & WOC [Women of Color]. Bye.”

Überraschenderweise führt eine Ideologie, die beständig auf eine Unterdrückungsolympiade hinausläuft und bei der jede Identität meint, dass sie die wichtigste ist, auf die man alles abstellen sollte, zu Schwierigkeiten und dazu, dass letztendlich viele beleidigt sind und sich ungerecht behandelt fühlen.

Aus einem anderen Bericht:

The post, written by a black activist from Brooklyn who is a march volunteer, advised “white allies” to listen more and talk less. It also chided those who, it said, were only now waking up to racism because of the election. “You don’t just get to join because now you’re scared, too,” read the post. “I was born scared.”

A young white woman from Baltimore wrote with bitterness that white women who might have been victims of rape and abuse were being “asked to check their privilege,” a catchphrase that refers to people acknowledging their advantages, but which even some liberal women find unduly confrontational.

If your short-term goal is to get as many people as possible at the march, maybe you don’t want to alienate people,” said Anne Valk, the author of “Radical Sisters,” a book about racial and class differences in the women’s movement. “But if your longer-term goal is to use the march as a catalyst for progressive social and political change, then that has to include thinking about race and class privilege.”
“Now is the time for you to be listening more, talking less,” Ms. Rose wrote. “You should be reading our books and understanding the roots of racism and white supremacy. Listening to our speeches. You should be drowning yourselves in our poetry.”

“I needed them to understand that they don’t just get to join the march and not check their privilege constantly,”

Klassischer intersektionaler  Feminismus. Frauen schmeckt es eben auch nicht, wenn ihnen gesagt wird, dass sie ihre Privilegien checken sollen. Und sie wollen für Frauen protestieren und das nicht speziell schwarzen Belangen unterordnen. Aber das ist wiederum für eine schwarze intersektionale Feministin vollkommen egal, sie kann sich nicht als Teil des Ganzen sehen, für den mit protestiert wird, dass sie nicht im Vordergrund steht ist für sie unerträglich und eine Benachteiligung. Aus dieser Unwilligkeit sich als spezieller Teil eines Kollektivs zu sehen, dessen Anliegen nicht die wichtigsten sein müssen und dem Unwillen von „Allies“, also zB weißen Feministinnen auf ihr virtue Signalling in dem Bereich zu verzichten speist sich ein unglaubliches Spaltungspotential.

„Emma-Feminismus“ vs „Netzfeminismus“: EMMA bezeichnet Anne Wizorek, Jasna Strick, Teresa Bücker etc als Hetzfeministen

Die EMMA hat einen bemerkenswerten Artikel über den „Netzfeminismus“, dort als Hetzfeminismus bezeichnet, geschrieben:

Es gibt eine Welt, in der eine Minderheit agiert und von der die Mehrheit nichts ahnt. Das ist die Welt der so genannten Netzfeministinnen. Es ist gar nicht so leicht, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Denn dort spricht frau in Dogmen und Rätseln, Sternchen und Unterstrichen. Die Sprache dieser Netzfeministinnen ist so normiert und spezialisiert, dass auch Akademikerinnen kaum folgen können.

Es wundert mich immer wieder, wie wenig Feministinnen an der Darstellung der anderen Meinungen aus dem Feminismus interessiert sind. Der tatsächliche Unterschied in den jeweiligen Theorien wird kaum benannt, es werden eher die Folgen, die Begleitumstände genannt statt mal ganz deutlich die Unterschiede darzustellen:

Der Feminismus nach Schwarzer baut auf Beauvoir und später dann Dworkin und Co auf, er sieht Frauen und Männer als gleich an und meint, dass sie ich in einem Machtkampf befinden, bei dem die Frau gegenwärtig unterdrückt wird un aus dem sie sich befreien möchte. Agierende sind im wesentlichen Männer und Frauen, Transsexuelle oder Homosexuelle oder Hautfarben spielen für diesen Kampf nur sehr eingeschränkt eine Rolle.

Im intersektionalen Feminismus findet sich hingegen eine Einteilung in Privilegierte und Unterdrückte, wobei diese Einteilung in ihrer binären Form über alle Kategorien vollzogen wird und daher in einer Person in der Kategorie Geschlecht eine Unterdrückung vorliegen kann (etwa: Frau), in einer anderen Kategorie wie zB Rasse aber eine Privilegierung (etwa: Weiß). Diese verschiedenen Unterdrückungen können sich gegenseitig beeinflussen, eine schwarze Behinderte Frau kann also durch das Zusammentreffen der Nachteile noch anders betroffen sein als bei der Einzelbetrachtung der Merkmale.

Die Idee im Schwarzer Feminimus ist, dass man sich die Macht erkämpfen muss, die Idee im intersektionalen Feminismus ist, dass man die Gesellschaft so ändern muss, dass die Gesellschaft bestimmte Privilegierungen nicht mehr zuweist. Das soll unter anderem auch dadurch erreicht werden, dass man die Kategorien an sich angreift und etwas „Geschlechterverwirrung“ stiftet.

In der ersten Ausrichtung nach Schwarzer ist die Welt recht klar: Man gewinnt den Kampf gegen den Mann nicht, wenn man Sternchen und Unterstriche verwendet und es macht keinen Sinn sich gegenüber fremden Kulturen zurückzuhalten, wenn Männer sich dort schlecht gegenüber Frauen benehmen, weil der Kampf ja weltweit zwischen Männern und Frauen geführt wird.

In der zweiten Ausrichtung bringen Sternchen und Unterstriche hingegen eben Verwirrung, weil Sprache die Kategorien schafft und man ja umerziehen möchte, die Leute aus den Kategorien befreien möchte. Der Vorwurf in einer der anderen Kategorien selbst Schuld an einer Unterdrückung zu sein, gerade wenn man in dieser Privilegiert ist oder jemanden verletzt zu haben wiegt zudem schwerer, weil Leute mit Privilegien eben nichts zu sagen haben. Leute ohne Privilegien in der Kategorie hingegen geben sich der Identitätspolitik hin und stellen darauf ab, dass nicht sie sich ändern müssen, sondern die anderen eben ihre Privilegien abgeben müssen.

Es ist eine geschlossene und begrenzte Welt. Eine coole, hippe Welt. Doch die Regeln in dieser Welt sind uncool. „Sprachverstöße“ werden erbarmungslos geahndet. Wer Sprachverstöße „bei anderen“ auch nur ignoriert, wird zur „Mittäter_in“. Artikel werden mit „Triggerwarnungen“ versehen, um die „Leser_in“ darauf vorzubereiten, dass es gleich um etwas Heikles geht, wie zum Beispiel eine V*rg*w*lt*g*ng. Manchmal wird „Unangenehmes“ auch gar nicht erst erwähnt – um den Vorfall nicht zu „reproduzieren“.

Es ist schon amüsant, wenn die EMMA Leuten vorwirft zu radikal zu sein: Denn auch bei ihnen werden Verstöße gegen Regeln erbarmungslos geahndet, sie haben nur andere Tabus aufgestellt. Mit jemanden aus dem EMMA-Bereich wird man eben nicht darüber reden können, dass es „Sexarbeit“ gibt und das eine Frau sich für die Prostitution freiwillig entscheiden kann.

Vor allem, wenn es sich um „Rassismen“ gegen PoC bzw. WoC handelt (das ist die Abkürzung für „People of Colour“ bzw. „Women of Colour“), also Menschen, die „nicht-weiß“ sind. Im Gegensatz zu „weiß Positionierten“. Und weiß schreibt frau jetzt auch kursiv, „da gesellschaftlich wirkungsvolle Kategorien beschrieben werden sollen und keine äußerlichen Zuschreibungen“. Das weiß inzwischen sogar Wikipedia.

Das Thema „Rasse“ könnte in der momentanen Situation neben vielleicht noch der Transsexualität in der Tat das sein, welches diese beiden Arten des Feminismus am meisten spaltet. Denn über die anderen Kategorien macht es im intersektionalen Feminismus den Kampf gegen den Sexismus zu etwas anderem, bei dem man plötzlich selbst aufpassen muss nicht der Böse zu sein, weil man andere Kulturen nicht respektiert und seine eigene privilegierte Stellung nicht erkennt. Wo ein Schwarzer-Feminismus sagt, dass es doch ganz egal ist, ob ein Mann, der sich nicht richtig verhält, schwarz oder weiß ist, wirft der intersektionale Feminismus ein, dass dort doch irgendwie alles aufgrund des Zusammenspiels zweier Kriterien ganz anders sein und man als Weißer ja auch mit Schuld daran sei, dass der PoC sich so verhalte, weil diese toxische Männlichkeit eben nur Folge des Kolonialismus ist. Worauf der Schwarzer-Feminismus sagen würde, dass ihm doch egal ist, wo es herkommt, solange der Typ sich falsch verhält. Woraufhin der intersektionale Feminismus einschreiten muss, weil Kategorien mißachtet werden und der Vorwurf des Rassismus droht und so weiter.

Geht es in dieser kleinen – aber medial sehr präsenten – Welt also nur um Formalitäten? Oh nein! Es geht auch um Inhalte, um Politik. Es geht um Deutungshoheit, nicht nur gegenüber den Medien, sondern auch innerhalb der feministischen Szene.

Wenn man totalitäre Ideologien, die sich eine logischen Überprüfung verschließen, errichtet, dann ist es eben nicht verwunderlich, wenn dort verschiedene Strömungen entstehen, die beide jeweils keine Abweichungen vom richtigen Weg akzeptieren. Schwarzer verkennt aber, dass die intersektionale Szene nicht um Macht kämpft, sondern schlicht missachtet und ignoriert – hier gilt noch stärker als im eher streitbaren Schwarzer-Feminismus, dass man nicht mit den Schmuddelkindern spielt und ihnen daher auch keinen Raum gibt, indem man auf sie erwidert. In der Hinsicht sind intersektionale Feministen in der Tat noch ausgrenzender als Schwarzerfeministen, weil sie es nach ihrer eigenen Ideologie sein müssen.

Diesem „liberalen Feminismus“, der aus Amerika zu uns geschwappt ist, geht es in erster Linie um persönlichen Erfolg, Anti-Rassismus und die Vielfalt der sexuellen Identitäten. Die Klassenfrage, die heute so genannte soziale Frage, spielt in diesen Kreisen kaum eine Rolle. Zumindest in der Praxis nicht, auch wenn theoretisch gerne vom „Klassismus“ geredet wird.

Den intersektionalen Feminismus als „liberal“ zu bezeichnen hat etwas ironisches. Es muss dem Schwarzer-Feminismus vielleicht so vorkommen, weil er viele Beschränkungen ablehnt, doch eben nur in bestimmte Richtungen. In der Tat ist der intersektionale Feminismus liberaler, was den größten Feind des Schwarzer-Feminismus, die Prostitution angeht, aber das folgt eben daraus, dass er lediglich Verhaltensvorschriften für Frauen, was Sexualität angeht, ablehnt, es sei denn man propagiert so etwas wie eine monogame Beziehung mit einem Mann. In dem Bereich muss man sich dann schon bewußt machen, dass man privilegiert ist und andere es schwerer haben und sein Leben bitte darauf ausrichten, die eigene Privilegierung abzubauen und der Mann muss eben auch lernen, wie er sich da richtig verhält und auf wie viele Arten er dabei sexistisch sein kann.

Und wenn diese Netzfeministinnen finden, dass die anderen die falsche Position haben, dann verbieten sie ihnen eben einfach den Mund, mehr noch: Sie diskreditieren sie. Am liebsten als „Rassistinnen“. Die Femen zum Beispiel. Die haben die falsche Position. Und vielleicht haben sie in den Augen der Netzfeministinnen auch zu viel Aufmerksamkeit erregt.

„Die Blackfacing-Aktion der Femen hat uns endgültig gezeigt, dass wir keine Slutwalks mehr organisieren wollen.“

Zum Beispiel 2012 auf dem so genannten Slutwalk, diese aus Kanada herüber­geschwappte „Schlampen“-Demo gegen sexu­elle Gewalt. Die Proteste waren 2011 in Toronto gestartet. Ausgelöst von dem Polizeibeamten Michael Sanguinetti, der in einem Vortrag vor StudentInnen erklärt hatte: „Frauen sollten vermeiden, sich als Schlampen zu kleiden, um nicht zu Opfern zu werden.“ Aus Protest gingen am 3. April 2011 über 3.000 Frauen (und einige Männer) auf die Straße, Motto: „My dress doesn’t mean yes!“ Mein Kleid ist keine Einladung. Die Kanadierinnen hatten einen Nerv getroffen. In den folgenden Monaten : Slutwalks weltweit.

Bei dem Slutwalk am 15. September 2012 in Berlin marschierten mehrere Femen mit. Sie hatten sich das Gesicht und den bloßen Oberkörper schwarz angemalt, um so gegen die Verschleierung und Unterdrückung von Frauen in den islamistischen Ländern zu protestieren.

Als Fotos von dem Slutwalk auf Facebook erschienen, darunter die schwarz angemalten Femen, brach ein Sturm der Empörung, ein Shitstorm los. „Blackfacing!“ lautete der Vorwurf. Blackfacing. So nannte man das früher am Theater: Weiße Darsteller malten ihre Gesichter schwarz an und gaben so den – meist lächerlichen – Schwarzen. Diese Praxis ist heute geächtet.

Den Femen allerdings war es gar nicht um schwarze Frauen gegangen, sondern um schwarz verschleierte Frauen. Doch da die ­Organisatorinnen des Slutwalks den Femen-Auftritt „nicht verhindert“ hatten, folgte ­umgehend eine Abmahnung auf der Fünf-Jahres-Feier des Bloggerinnen-Kollektivs Mädchenmannschaft.

Doch auch bei diesem Tribunal hätten sich „die Organisator_innen von Slutwalk Berlin wiederholt rassistisch geäußert“ und „weiße Dominanz und Abwehr reproduziert“, rügte die Mädchenmannschaft. Im Januar 2013 schrieb EMMA, das Tribunal erinnere sie an „Schauprozesse in der stalinistischen und maoistischen Ära“.

Das war der letzte Slutwalk in Berlin. Im Sommer 2013 erschien auf der Slutwalk-­Facebook-Seite das reuige Statement: „Die ‚Blackfacing-Aktion‘ der Femen auf dem Slutwalk 2012, von der wir uns leider nicht rechtzeitig distanziert haben; die wir am Anfang sogar noch in Schutz genommen haben, weil wir sie nicht verstanden haben – obwohl wir Blackfacing jetzt erst recht schlimm finden! – und die zu Recht zu vielen Diskussionen und zu einer harschen Kritik auch am Slutwalk Berlin führte, hat uns endgültig gezeigt, dass wir keinen Slutwalk mehr organisieren wollen.“ Damit war der einzige organisierte, feministische Protest beerdigt. Von linken Rechtgläubigen.

Ach ja, dass war auch ein schöner Krieg, der mal wieder deutlich macht, dass intersektionaler Feminismus einfach nicht funktionieren kann, weil er dazu einlädt, dass Leute sich gegenseitig zerfleischen und sich vorhalten, dass sie Nicht gut genug sind.

Wiederum ist es aus der Sicht des intersektionalen Feminismus ganz klar: Das Gesicht schwarz anmalen geht als weißer nicht, was man auch immer damit bezwecken will, Denn ihr erster Augenmerk muss nicht auf einer potentiell anderen Aussage liegen, sondern darauf, ob es Gefühle Nichtprivilegierter verletzen kann und das ist aufgrund des Umstandes, dass mit Blackface früher Schwarze ausgeblendet und als Stereotype dargestellt worden sind, eben der Fall. Aus Sicht des Schwarzerfeminismus spielt das keine Rolle, viel wichtiger ist, dass man damit im Kampf um Frauenrechte weiterkommt, weil die Burka in der Hinsicht nicht hinzunehmen ist.

Und heute, vier Jahre später? Die derzeit medial präsenteste Netzfeministin heißt Anne Wizorek. Sie war beim Start der Slutwalks dabei, hat 2013 den Hashtag #aufschrei erfunden und gilt als „Gesicht des neuen Feminismus“ (Kölner Stadt-Anzeiger). Mit ihrem Buch „Weil ein #Aufschrei nicht reicht – für einen Feminismus von heute“ tourt die Studienabbrecherin, die auf ihrer Website als Beruf „Digital Media Consultant“ und „Speaker“ angibt, durch linke und liberale Medien und Parteiveranstaltungen: von der SPD, über den Deutschen Gewerkschaftsbund und die Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) bis hin zur Rosa-Luxemburg-Stiftung (Die Linke) und Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne).

Das muss Schwarzer schmerzen. Der Staat verrät sie und unterstützt großzügig eine andere, die aus ihrer Sicht nichts kann. Interessiert hat mich als ich das gelesen habe, was Schwarzer eigentlich für einen Abschluss hat:

Schwarzer besuchte die Handelsschule und arbeitete einige Jahre im kaufmännischen Bereich. 1963 ging sie nach Paris, wo sie die französische Sprache erlernte, und kehrte 1965 nach Deutschland zurück. Sie volontierte bei den Düsseldorfer Nachrichten und ging 1969 als Reporterin zur Zeitschrift Pardon. Von 1970 bis 1974 arbeitete sie in Paris als freie politische Korrespondentin für Radio, Fernsehen und Zeitschriften. Ihr Spezialgebiet waren „die Folgen von 68 im politischen, sozialen und kulturellen Bereich“. An der Universität Vincennes, die auch Studenten ohne Hochschulreife aufnahm,[2] studierte sie von 1970 bis 1974 ohne Abschluss Psychologie und Soziologie,[3] unter anderem bei Michel Foucault.

Also auch eine „Studienabbrecherin“, die dann Journalistin geworden ist. Sie sieht sich aber wahrscheinlich vollkommen anders.

„Rechtskonservative und einige Feministinnen nutzen die Geschehnisse von Köln für rassistische Hetze.“ (Anne Wizorek)

Was die 35-jährige Wizorek zu sagen hat? Über die Burka zum Beispiel das: „Ich finde es immer schwierig, wenn westliche Feministinnen ihre Vorstellung von Befreiung auf Frauen übertragen, von deren Lebensrealität sie wenig wissen (…) Kleidungsstücke sind eigentlich nicht der Punkt.“ (Stern, 2014). Und ein Burkaverbot? Das findet Wizorek einfach nur „kontraproduktiv“, denn das nähme den Frauen ja die Möglichkeit, „sich emanzipieren zu können“. Der Burkini, diese Bade-Burka, ist für Wizorek gar ein regelrechtes „Emanzipationswerkzeug“ (N24, 2016).

Da ist der intersektionale Feminismus in der Tat mit am schwächsten ausgestellt: Er schafft es nicht einheitliche Bewertungen anzustellen, verurteilt im Westen, dass man nicht nackt rumlaufen darf, in anderen Kulturen aber scheut er sich davor, wesentlich striktere Kleidungsvorschriften und deren kulturelle und religiöse zwangsweise Durchsetzung als Problem zu benennen, weil diejenigen Angst haben, dass sie damit rassistisch sein könnten. Eine einfache Abgrenzung wie „Jede Frau hat das Recht eine Burka zu tragen, man sollte aber gegen jeden, auch kulturellen oder religiösen Zwang vorgehen eine solche tragen zu müssen“ würde ihnen nie über die Lippen kommen. Das ist um so verwunderlicher, wenn sie ansonsten überall Unfreiwilligkeit annehmen, nur eben dann nicht bei anderen Kulturen, bei denen dann anscheinend internalisierte Frauenfeindlichkeit keine Rolle mehr spielt und man die Frauen nicht unterstützen darf.

Ähnlich tönte das #ausnahmslos-Bündnis, das Wizorek u.a. zusammen mit der orthodox-muslimischen Bloggerin Kübra Gümüşay im Januar 2016, ein paar Wochen nach der Kölner Silvesternacht, initiiert hatte. Motto: „Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus.“ Darin heißt es: „Sexualisierte Gewalt darf nicht nur dann thematisiert werden, wenn die Täter die vermeintlich ‚Anderen‘ sind: die muslimischen, arabischen, schwarzen oder nordafrikanischen Männer – kurzum, all jene, die rechte Populist_innen als ‚nicht deutsch‘ verstehen.“

Wie bitte? Ausgerechnet Feministinnen hätten bisher nichts gesagt über die sexuelle Gewalt der weißen oder gar eigenen Männer? Die 1981 in der DDR geborene Wizorek scheint wenig zu wissen von dem Kampf der Feministinnen im Westen gegen männliche Gewalt seit Mitte der 1970er Jahre. Oder weiß sie es besser und hat Gründe, es zu ignorieren?

Auch interessant: Die Autorin greift lediglich die Botschaft auf, dass man nicht genug protestiert hat. Die Unterscheidung, die eigentlich im Kern des Vorwurfs des intersektionalen Feminismus steht, nämlich das weiße Männer privilegiert werden und deren Taten verschwiegen werden, lässt man unangetastet. Natürlich darf aber auch der Schwarzer-Feminismus hier die Lage vorher nicht als unbedrohlich ansehen, denn auch dieser Feminismus arbeitet ja mit besonders hohen Opferzahlen, die seine Existenz rechtfertigen.

Das #ausnahmslos-Bündnis apropos Silvester belehrend weiter: Die sexuelle Gewalt dürfe „auch nicht nur dann Aufmerksamkeit finden, wenn die Opfer (vermeintlich) weiße Cis-Frauen sind“. Für Nicht-Eingeweihte: Cis-Menschen sind alle, bei denen das biologische Geschlecht und die Geschlechterrolle übereinstimmen, also Sex gleich Gender – im Gegensatz zu manchen Homosexuellen oder transsexuellen Menschen.

„Rechtskonservative, und leider auch einige Feministinnen, nutzen die Geschehnisse in Köln für rassistische Hetze“, erklärte Anne Wizorek in der Frankfurter Rundschau. Für alle, die noch nicht verstanden haben: Mit den „einige Feministinnen“ ist Alice Schwarzer gemeint, die laut Wizorek die „rassistische Grundstimmung anheizt“. Und das vor allem, seit sie gewagt hat, öffentlich eine Evidenz zu sahen: Nämlich, dass die Täter der Kölner Silvesternacht überwiegend Marokkaner und Algerier waren.

Und das ist im intersektionalen Feminismus eben bereits Rassismus (es kann auch abseits davon Rassismus sein, wenn man zB alle Marokkaner oder Algerier zu Vergewaltigern erklärt oder ähnliches). Im intersektionalen Feminismus muss eben immer der weiße Mann der Böse sein, über ihn dürfte man entsprechendes problemlos behaupten, im Schwarzer-Feminismus reicht es, wenn der Böse männlich ist.

„Ich muss sagen, dass mich Alice Schwarzer nicht beeinflusst hat“, erzählt die 35-Jährige JournalistInnen neuerdings gerne. Früher tönte das anders. Als der Kölner Stadt-Anzeiger im Januar 2013 auf dem Höhepunkt der #aufschrei-Debatte Wizorek gegen Schwarzer ausspielte, hatte Anne noch an die „liebe Alice“ geschrieben: „Über diesen unsäglichen Artikel habe ich mich bereits bei der Autorin beschwert. Sie hat Aussagen von mir verdreht und war ganz offensichtlich bereits mit einer fertigen Story im Kopf zum Interview gekommen. Bitte lass durch diesen Artikel keinen falschen Eindruck entstehen.“ Und weiter: „Mir liegt hier auch jeglicher Genera­tionsgrabenkampf fern, und ich finde es so unglaublich billig, dass einige ihn nun wieder herbei inszenieren wollen.“

Auch das wird innerhalb der Emma schwer verdaulich gewesen sein: Eine deutsche Feministin erklärt, dass Schwarzer sie nicht beeinflusst hat? Schwarzer, die im wesentlichen über lange Zeit alleine DER Feminismus in Deutschland war. Das muss undankbar und in der Sicht auch unvorstellbar wirken, als Angriff über eine Lüge, wie sie frecher nicht sein kann. Deswegen empfindet man dort auch die nachfolgenden Sätze als so falsch, weil sie ja hier erkennbar mit falschen Mitteln einen Generationsgrabenkampf führen möchte, indem sie die Verdienste von Schwarzer, die aus Emma-Sicht gar nicht nicht der wesentliche Einfluss sein können, leugnet. Das Beauvoir und Co, auf denen Schwarzer aufbaut, inzwischen im modernen Feminismus in der Tat kaum noch eine Rolle spielen, selbst der Einfluss Butlers, der bei Schwarzer schon keine Rolle spielt,  zugunsten anderer intersektionaler Theorien zurücktritt und damit diese Theorien tatsächlich kein wesentlicher Einfluss sind geht versteht man da wohl auch nicht.

„Der Schock“ von Alice Schwarzer ist eine rassistische Hass-Schrift“, ist Hatespeech im Feminismus-Mantel“. (Missy)

Ein erstaunlicher Gesinnungswandel. Was mag dahinter stecken?

Ähnlich verlief auch der Gesinnungswandel des Missy Magazine. Beim Start 2008 verstand sich das Blatt noch als Organ „feministischer Popkultur“; inzwischen hat es den Anspruch, auch die „Politik“ abzudecken und gilt als das Verlautbarungsorgan des „jungen Feminismus“.

Im Sommer 2016 bezeichnete Missy Online das von Alice Schwarzer apropos der Kölner Silvesternacht herausgegebene Buch „Der Schock“ als „rassistische Hassschrift“ und „Hatespeech im Feminismus-Mantel“. Gelesen haben kann die Missy-Autorin Mithu Sanyal das Buch nicht. Sonst könnte sie nicht übersehen haben, dass vier der acht AutorInnen in dem Buch MuslimInnen sind, darunter auch solche, deren Leben Islamisten mit Todes-Fatwas bedrohen. Und dass alle vier, ganz wie Herausgeberin Schwarzer, der Überzeugung sind, dass die islamistische Verhetzung der Männer – nicht der Islam! – an diesem Abend eine Rolle gespielt hat.

Der Vorwurf, dass sie das Buch nicht gelesen hat, mag richtig sein, aber die Autorin hat anscheinend auch nichts über den intersektionalen Feminismus gelesen: Denn natürlich kann ein Buch auch eine rassistische Hassschrift gegen Muslime sein, wenn es von Musliminen geschrieben wird, weil diese dann eben einer Gehirnwäsche unterliegen, leider nicht die Wurzel der Unterdrückung erkennen, was eben am kolonialen Einfluss oder an den Weißen oder an internalisierten Muslimenhass liegt. Den auch hier gilt, dass man nicht irgendwelchen Muslimen zuhören soll, sondern den ideologisch richtigen, die die kulturelle Eigenständigkeit betonen und anführen, dass Weiße (oder von diesen beeinflusste Leute) sich da nicht einzumischen haben.

Doch auch bei Missy hatte das schon mal ganz anders geklungen. „Liebe Frau Schwarzer“, hatte Missy-Gründerin Chris Köver anno 2008 geschrieben apropos der Hetze in den Medien über „Jung-Feministinnen versus Alt-Feministinnen“: „Das ist eine Scheindebatte, bei der es vor allem darum geht, feministisch denkende Frauen gegeneinander auszuspielen. Wir möchten da nicht mitspielen. Die EMMA und die gesamte zweite Welle des Feminismus hat uns stark geprägt. Wir sehen unseren Feminismus und unser Magazin als eine Fortsetzung Ihrer Arbeit, nicht als Gegenentwurf (…) Wir stehen auch in Kontakt mit zwei der Autorinnen des Buches ‚Wir Alphamädchen‘. Wir haben alle das Gefühl, dass es viele Missverständnisse gibt.“

2008 ist ja auch Ewigkeiten her. Gerade im Internetzeitalter. 2008 befand sich der intersektionale Feminismus noch in seinen Anfängen. Heute ist die diesbezügliche Theorie ganz anders aufgebaut und die Szene radikalisiert. Und demzufolge tritt man natürlich auch ganz anders auf: Wo man vorher noch der Underdog war ist man nunmehr der Favorit. Inzwischen haben sich die Theorien weiterentwickelt, die Fehler des „alten“ Feminismus gegenüber dem intersektionalen Feminismus sind dort deutlich geworden und der Vorwurf der Nichtbeachtung der anderen Kategorien hat wesentlich mehr Gewicht erhalten.

Es ist in Hinblick auf den Vorwurf, dass die EMMA längste veraltet und nicht mehr auf dem Stand der Zeit ist, nicht mehr maßgeblich für den Feminismus ist, interessant, dass die Verteidigung der EMMA im wesentlichen „Aber vor 8 (!) Jahren fandet ihr mich doch auch noch toll“ ist. Besser kann man eigentlich kaum betonen, dass man in der Vergangenheit lebt.

Das Gefühl hatte EMMA auch. Und schon bei den Alphamädchen, die die Medien nach den Girlies und vor den Netzfeministinnen gefeiert hatten, hatten auch wir die ­innerfeministischen Misstöne bedauert. Wir gaben den Missys also verlegerische Tipps und luden Chris Köver und Kolleginnen ein.

Irgendwann kamen die Missy-Macherinnen nach Köln. Das an diesem Tag geführte Gespräch schaffte es im März 2011 auf den EMMA-Titel, Schlagzeile: „Kein Bock auf Spaltung!“ Auf dem Cover: Chris Köver, Stefanie Lohaus und Katrin Rönicke (die damals noch für die Mädchenmannschaft bloggte). Schulter an Schulter mit den EMMAs.

Dazu hatte ich sogar etwas geschrieben. Da war es noch ein Komplott, mit dem die Feministinnen gegeneinander ausgespielt werden sollten. Ich fand damals (in einem Kommentar unter dem Beitrag) das mit dem Artikel verlinkte Bild interessant:

Ich finde in dieser Hinsicht auch das Foto recht interessant. Schwarzer natürlich in der Mitte, wie es ihrem Stand als ungekrönte Königin des Feminismus gebührt, lässig den Arm auf eine der anderen Frauen gestützt (übrigens auch eine nette Dominanzgeste). Die beiden Frauen links und recht sind auf sie bezogen, rahmen sie ein, weil sie ihr zugewandt sind, die unteren gucken bis auf die Linke (auch von der Emma) nicht in die Kamera, das ganze Foto ist auf Schwarzer zentriert. Hat sie gut gemacht/ausgesucht.

Auch damals war es eine Audienz bei der Königin, die jungen Feministinnen kamen zu ihr und sie gab huldvoll Tipps. So hätte es Schwarzer sicherlich gerne wieder. Denn das sind auch ihre Bedingungen dafür, dass man keinen Streit hat: Man erkennt ihren Status an. Da wird sie inzwischen schlechte Karten haben.

Wir EMMAs fanden das gut. Die Missys aber bekamen noch vor Erscheinen der EMMA-Ausgabe kalte Füße. Was war der Grund? Über die Facebook-Seite des Magazins ergossen sich Hasstiraden. Tenor: „Wie könnt ihr euch mit diesen Rassistinnen verbünden?“

Mit „Rassistinnen“ waren wir EMMAs gemeint. Grund: Unsere seit 1979 veröffentlichte Kritik am Islamismus, dem politisierten Islam. Doch die BefürworterInnen des Islamismus sind seit Jahrzehnten sehr präsent an den deutschen Universitäten und in der Internet-Szene, vor allem die KonvertitInnen. Jede Kritik am Islamismus wird von ihnen mit dem Rassismus-Hammer erschlagen. Das scheint Wirkung zu zeigen.

Ich habe es oben schon einmal angesprochen, dass ich es erstaunlich finde, dass die EMMA-Feministinnen anscheinend das Konzept, dass dahinter steckt, nicht verstehen oder nicht ansprechen können. Es sind nicht schlicht Islambefürworter und KonvertitInnen, die zuschlagen, der intersektionale Feminismus selbst hat es die Unfähigkeit, Leute aus nichtweißen, nichtwestlichen Staaten zu kritisieren, als festen Bestandteil seiner Theorien eingebunden, weil es als etwas verstanden wird, was weißen nicht zusteht und was PoCs nicht gegen sich selbst richten, weil sie ja schon Weiße als Sündenböcke haben. In diesen Theorien kann man virtue Signalling damit betreiben, dass man alle Kritik von Nichtweißen fernhält, also wird niemand selbst Kritik an Nichtweißen vorbringen (allenfalls an Nichtweißen, die Weiße Theorien vertreten).

Neulich hat Stefanie Lohaus von Missy, ebenfalls im #ausnahmslos-Bündnis, mal wieder jemand die „Alice-Schwarzer-Frage“ gestellt. Die bekommen „Feministinnen alle sehr häufig gestellt“, klagt die Interviewte in einem Video auf YouTube. Um sodann in aller Ausführlichkeit zu erklären, warum Schwarzer für sie „kein Vorbild“ sei: „Da ist zum einen ihre Haltung zum Kopftuch, auch ihre Haltung zur Sexarbeit, das sehe ich ganz anders als sie. Auch ihre Position zu Hausfrauen … Sie verfolgt eben einen sehr universalistischen Feminismus, wo sie ansagt, wie Frauen sich verhalten sollen. Und mein Ansatz ist eher, Frauen zu ermächtigen, eigene Entscheidungen zu treffen, freiwillig.“

Und auch dort kann man die Unterschiede nicht wirklich benennen. Denn auch der intersektionale Feminismus sagt ja Frauen und Männern, wie sie sich verhalten sollen, er hat nur in Teilen breitere Möglichkeiten korrekten Verhaltens. Mit universalistisch ist wohl der Punkt gemeint, dass man anderen Kulturen nicht vorschreiben darf, was richtig und falsch ist, was allerdings auch nur bei bestimmten Kulturen praktiziert wird, die „Nichtwestlich“ und „nichtweiß“ sein müssen. Die Idee, dass der intersektionale Feminismus Frauen ermächtigen will, eigene Entscheidungen zu treffen, ist auch ein Euphemismus, denn „eigene Entscheidung“ bedeutet dort ja, dass sie die Entscheidung treffen, die der Feminismus als einzige richtige Antwort einer freien Entscheidung anerkennt. Bei allem anderen gilt es „Privilegien zu hinterfragen“ oder „toxische Maskulinität“ oder „internalisierte Frauenfeindlichkeit“ oder was auch immer der passende Begriff ist.

Allerdings haben sie recht, wenn sie feststellen, dass Schwarzer in diesen Theorien schlicht keine Rolle spielt und sogar schädlich ist.

Ermächtigen. Freiwillig. Auch so Zauberformeln. Mit diesen Positionen weist Lohaus sich als Vertreterin des so genannten „liberalen Feminismus“ aus. Der besteht im Kern darin, dass alles, was eine Frau „freiwillig“ tut, gut ist. Die Analyse der Kausalität zwischen ­äußeren und inneren Zwängen, die zu Beginn der Frauenbewegung selbstverständlich war, scheint für diese Feministinnen verloren gegangen zu sein (siehe auch Meghan Murphy).

Diese Analyse hat der Feminismus immer willkürlich vorgenommen: Frei war, was ins Dogma passte, unfrei war alles andere. Aber andere Dogmen bedingen andere Vorstellungen des richtigen Verhaltens.

„Ich bin sicher: Einige dieser Musliminnen können Kaffee durch den Schleier trinken.“ (Stevie Schmiedel von Pinkstinks über die Burka)

Und dann ist da auch noch Stevie Schmiedel von Pinkstinks. Schmiedel hatte im Jahr 2012 die Initiative gegen sexistische Werbung aus Großbritannien nach Deutschland geholt. Inzwischen ist Schmiedel nicht nur Pro-Prostitution, O-Ton: „Es muss möglich sein, selbst zu entscheiden, ob man lieber als Escort oder als Putzhilfe sein Studium finanziert.“ Sie ist auch pro Vollverschleierung, O-Ton: „Ich bin sicher: Einige dieser Muslim*innen können Kaffee durch den Schleier trinken. Sie können sogar selbst entscheiden, handeln und bestimmen, wie Feminismus für sie aussieht und aussehen wird.“

Prostitution ist beispielsweise ein Beispiel dafür: In Schwarzers Welt ist eine freiwillige Prostitution unvorstellbar. In der Welt des intersektionalen Feminismus nicht. In der Welt des intersektionalen Feminismus muss auch der Schleier dem Grunde nach freiwillig sein, wäre er es nicht, dann müsste der intersektionale Feminist ja gegen ihn sein und das kann er nicht.

Im Jahr 2015 wurde Pinkstinks mit 64.000 Euro vom Frauenministerium gefördert. Anne Wizorek wurde in die „Sachverständigenkommission für den 2. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung“ berufen.

Und Schwarzer hat auch genug Geld vom Staat erhalten, man denke nur an den Frauenmediaturm:

Die Zuschüsse der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen für das Feminismus-Archiv betrugen ab 2008 210.000 Euro jährlich aus dem Etat von drei Ministerien. 2011 wurden sie auf 70.000 Euro gekürzt. Die rot-grüne Landesregierung begründete das unter anderem damit, dass ein öffentlich gefördertes Archiv „öffentlich zugänglich“ sein müsse.[11] 2012 sagte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Projekt-Förderung von 150.000 Euro jährlich für vier Jahre zu.[12] Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass 2014 sämtliche Zuschüsse des Landes Nordrhein-Westfalen für das Archiv gestrichen werden.[13]

Ich nehme an, dass Schwarzer ihre Forderung als hoch berechtigt ansieht, andere Projekte oder andere Einsetzungen in Kommissionen gerade dann, wenn das Geld an sie nicht mehr fließt, als falsch.

Wer in der politisch korrekten, häufig mit Posten und Subventionen bedachten Berliner Feminismus-Szene agieren darf und wer nicht, darüber herrscht in der Hauptstadt allerdings ein strenges Regiment. Zum Beispiel im Fall Gina-Lisa Lohfink, der im Sommer 2016 einen kleinen feministischen Frühling ausgelöst hatte. Alle, wirklich alle waren im #TeamGinaLisa. Sogar die Frauenministerin. Manche aber waren nicht erwünscht.

So sollte die „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“, die Prozessbeobachtung bei Vergewaltigungsfällen betreibt, nach Meinung dieser Wortführerinnen nicht mit von der Partie sein. Und das, obwohl diese Initiative die Solidaritäts-Aktion für Gina-Lisa überhaupt erst initiiert hatte. Die #ausnahmslos-Frauen waren erst später auf den bereits fahrenden Zug aufgesprungen.

Fünf Tage vor der Demo meldete sich ­Wizoreks „#ausnahmslos-Bündnis“ zu Wort: „Wir werden uns bei der Solikundgebung am 27. Juni vor dem Amtsgericht in Berlin be­teiligen, machen jedoch darauf aufmerksam, dass wir die Sexarbeiter_innen- und trans*feindlichen Positionen der Organisator_innen der ‚Intiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt‘ ebenso wie etwaiger weiterer Solidaritätsbekunder_innen ablehnen.“

Dieser Vorwurf war in den Tagen zuvor quasi wortwörtlich bei den Pro-Prostitu­tions-Lobbyistinnen von Hydra erschienen. Was wiederum Anne Wizorek auf Twitter wohlwollend zur Kenntnis nahm: „Wichtiges Statement von @hydra_berlin, die auch ihre Solidarität mit Gina-Lisa Lohfink aussprechen.“ Von da wanderte die gerechte Sicht auf die #ausnahmslos-Webseite. So läuft das.

Hydra ist quasi die Erfinderin der „Prostitution als Beruf wie jeder andere“. Seit nunmehr drei Jahrzehnten klüngeln die Hydra-Frauen mit der Berliner Politik, vornehmlich SPD und Grüne, für eine noch weitergehende Deregulierung der Prostitution in Deutschland – zur Freude von Menschenhändlern und Zuhältern und auf Kosten von hunderttausenden Armuts-Prostituierten. Hydra muss das nicht scheren. Sowohl der Berliner Senat als auch der Bund subventionieren die Pro-Prostitutions-Organisation seit Jahrzehnten mit Millionenbeträgen.

Auch interessant, dass sie hier den Fall Gina Lisa darstellen, ohne das sie Zweifel in irgendeiner Form an der damaligen Aktion anspricht, obwohl der Prozessverlauf nahe legt, dass es sich um eine Falschbeschuldigung handelte.

Und natürlich wird der intersektionale Feminismus alles ablehnen, was gegen seine Dogmen verstößt. Dass ist vielleicht sogar der Grund, aus dem heraus er groß geworden ist: Er hat die meisten Dogmen, die sich teilweise als Kampf für Freiheiten verkleiden: Als Kampf gegen Rassismus, gegen Abwertung von freier Sexualität, als Kampf gegen die Diskrimierung Behinderter. Tatsächlich ist es ein totalitäres Denken, welches aus Nichts (noch nicht einmal einer Mücke) einen Elefanten macht, der dann nicht im Raum geduldet werden kann. Der intersektionale Feminismus ist damit ideal für eine Verdrängung anderer Meinungen, weil er er die schärferen Bedingungen aufstellt, wofür er aber auch eine gewisse Anzahl an Handelnden braucht, damit man ihn selbst nicht ausbremst.

„Die innerfeministischen Angriffe hatten existenzgefährdende Auswirkungen für uns.“ (Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt)

Die „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“ dagegen setzt sich für die Freier-Bestrafung ein. Damit stehen sie für Anne, Stefanie, Kübra & Freundinnen auf der Abschuss-Liste. Die Folge: „Engagierte Personen aus der Orga-Gruppe zogen sich aus der Demo-Organisation heraus. Ihnen folgten Rednerinnen, die sie eingeladen hatten“, klagt die Initiative. „Hauptgrund für den Rückzug war, dass sie bei anderen feministischen Events bereits innerfeministische Angriffe und Shitstorms erfahren hatten und diese teils existenzgefährdende Auswirkungen auf sie gehabt hatten“.

Es wäre ein interessantes Studienfeld die Art und Weise zu untersuchen, auf der es intersektionalen Feministen gelingt, solche Macht auszuüben und sich durchzusetzen. Eine Vermutung ist, dass viele andere Gruppen die Aufgabe an sich wesentlich wichtiger finden während die intersektionalen Feministinnen weit aus eher das Wie und das Warum kontrollieren wollen. Sie haben das perfektioniert, indem sie jede Kleinigkeit ungeheuerlich aufblasen können, über Punkte wie Mikroaggressionen oder andere Punkte, bei dem jede Kleinigkeit Teil des grossen Unterdrückungssystem ist und daher nicht geduldet werden kann und genau so schlimm ist wie eine große Unterdrückung.

Es fügt sich wahrscheinlich auch ganz gut in „prosoziale Dominanz“ ein: Wem es gelingt die Regeln des Wie und dessen, was nicht geht, anhand von Kleinigkeiten vorzugeben, der übernimmt die Gruppe. Während andere der Auffassung sind, dass es sinnlose Kleinigkeiten und unwichtige Punkte sind, ist es für die anderen die Welt und deswegen müssen die Nachgeben, für die es nur eine Kleinigkeit ist. Bis sie irgendwann entnervt aufgeben, weil es nie gut genug ist und die anderen zu dogmatisch sind.

Und was hatten die Organisatorinnen der Gina-Lisa-Demo noch verbrochen, dass sie nicht nur als „sexarbeiter_innenfeindlich“, sondern auch als „trans*feindlich“ und als „Rassistinnen“ bezeichnet wurden? Sie hatten in ihren Texten das Venuszeichen verwendet, das seit Ende der 1960er Jahre international für die Frauenbewegung steht (und auch das Symbol von EMMA ist). Damit schließen sie angeblich „alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt aus, die sich nicht als Frauen definieren“ (so die Netzfeministin Cat vom „Kampagnenbündnis #NeinheißtNein“).

Das ist eigentlich ein gutes Beispiel dafür: Es ist eine vollkommene Übertreibung, die das Ziel der Gina-Lisa-Demo nicht voranbringt, aber es behindert die ganze Arbeit, wenn ein Teil der Gruppe es zu einem Problem macht. Da die anderen entsprechende Kleinigkeiten nicht in ihrer Theorie haben gewinnen die, die sich über so etwas aufregen die Oberhand. Es fehlt anscheinend der Mut oder sie sind zahlenmäßig zu stark um sie selbst auszuschließen. Der intersektionale Feminismus behindert damit jede konstruktive Arbeit, weil er sich in einer Abwärtsspirale, einem race to the bottom befindet, indem die großen Probleme immer unwichtiger werden, weil die Kleinigkeiten nicht übergangen werden dürfen.

Und: Sie hatten den EMMA-Appell unterzeichnet, in dem der international für Prostitution gebräuchliche Begriff „white slavery“ auftaucht. „An rassistischer Ignoranz“ sei das „kaum zu übertreffen“, beschied Mädchenmannschafts-Bloggerin Magda Albrecht.

Natürlich wird es dadurch unterstützt, dass die anderen Feministinnen nicht bereit sind, sich mit der intersektionalen Theorie zu befassen. Es scheint tatsächlich Unverständnis zu bestehen, warum „white slavery“ für eine intersektionale Feministin nicht hinzunehmen ist: Die Kombination von „weiß“ mit etwas was „Opfer“ bedeutet, ist eine Kategorievermischung: Weiß ist etwas, was privilegiert ist, damit kein Opfer. Sklaverei ist hingegen einer der wesentlichen Elemente auf denen sich historisch die Diskriminierung von Schwarzen begründete. Anzuführen, dass Weiße etwas erleiden, was mit dem Opferstatus der Schwarzen in Verbindung steht, ist nach dieser Vorstellung dann eine Auflösung dieser binären Einteilung in Gut und Böse und eine Aneignung eines Opferstatus in der falschen Kategorie. Natürlich ist das dort Sexismus. Hinzu kommt natürlich, dass damit „PoC-Prostituierte“ unsichtbar gemacht würden. Was – auch wenn Sexarbeit freiwillig ist – nicht geht.

Der Schwarzer-Feminismus sieht es natürlich anders: Um Prostitution ist das schlimmste, was einer Frau passieren kann, ein Sinnbild der Unterdrückung, so dass man dafür auch nur die stärksten Bilder verwenden kann, also eben die einer absoluten Unterordnung und damit der Sklaverei.

Im September 2016 schließlich fand im SchwuZ, ein lesbisch-schwuler Szenetreff in Berlin, eine Diskussion über „die Sichtbarkeit von lesbischen Frauen“ statt. „Es meldeten sich viele Frauen zu Wort. Doch die beschwerten sich vor allem darüber, dass keine Transsexuelle auf der Bühne saß“, erzählt Gudrun von der Feministischen Partei. Und keine Schwarze. Und keine Nicht-Akademikerin. Und keine Bisexuelle.

Bereits im Vorfeld hatte die sich als „queerfeministisch“ verstehende Rapperin Sookee ihre Teilnahme abgesagt, verschreckt durch einen Shitstorm im Netz. Sookee, Mitglied im #ausnahmslos-Bündnis, stehe „Transweiblichkeiten aktiv feindselig und abwertend“ gegenüber, hatte es da geheißen. Der Beweis: ihr Song „If I had a dick“.

Die Kritik las sich auf Facebook so: In dem Lied mache sich Sookee „Gedanken darüber, wie es wäre, wenn sie einen ‚Schwanz‘ hätte. Ihr imaginierter Penis wäre ein ‚guter, ein entspannter, kein aggressiver Schwanz‘.“ Aber Achtung: „Penisse (oder das, was allgemein darunter verstanden wird) mit dem Wort ‚aggressiv‘ zu beschreiben, ist transmisogyn, weil es unterstellt, dass Transfrauen und andere transweibliche Personen aufgrund ihrer (vermeintlichen) Genitalien aggressiv seien, was in einem feministischen Kontext unterschwellig bedeutet, dass sie männlich seien.“

Eingeschüchtert bekennt die Rapperin Sookee sich schuldig: „Dass ich als cisgeschlechtliche Person in den letzten 32 Jahren einen cisnormativen Habitus erworben habe, will ich mit keiner Silbe bestreiten. Ich bin seit geraumer Zeit daran, dies aktiv zu reflektieren und zu verlernen.“

Der intersektionale Feminismus ist in der Tat lustig, zumindest wäre er dass, wenn er nicht so viel Einfluss hätte. Und das Beispiel ist auch ein gutes, denn es zeigt seine Verrücktheit auch ganz gut. Einen Penis als aggressiv zu beschreiben ist nicht etwas männerfeindlich, aber transsexuellenfeindlich, aber nicht weil man ihnen Aggressivität mit einem Lied über einen Penis, der nicht aggressiv ist, unterstellt, sondern weil man M-F-Transsexuellen damit vorhält, dass sie männlich seien. Der intersektionale Transsexuellenfeminismus ist ohnehin einer der radikalsten, den es überhaupt gibt: Jede Behauptung, dass überhaupt irgendein Merkmal ein Kennzeichen für ein Geschlecht sei oder irgendwie typisch für ein Geschlecht sei, wird dort als Angriff verstanden, weil es die gewählte Identität anderer verletzt. Das ist in der Tat Wahnsinn, in seiner reinsten Form.

Wieviele junge Frauen an der Uni und in der Szene werden eigentlich von dem Dogmatismus dieser Netzfeministinnen abgeschreckt?

Sie können nicht folgen? Nicht schlimm, wir auch nicht. Was allerdings keine Generationenfrage ist. Denn es handelt sich hier um einen selbstreferentiellen Diskurs eines sektenartigen Milieus. Und es gibt zum Glück viele junge Feministinnen, die ganz anders drauf sind. Allerdings müssen wir uns fragen, wie viele engagierte junge Frauen an den Universitäten und in der Szene abgeschreckt sind und verstummen von der Rigidität und dem Terror dieser Politisch Korrekten?! Und so für die Sache der Frauen verloren sind.

Denn die Rechtgläubigen drücken ihre Dogmen inzwischen so rigoros durch – per Shitstorm, Tribunal oder Ausschluss –, dass Aktivistinnen zugeben, dass sie Angst vor ihnen haben, wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Dass sie gar nicht mehr wissen, was sie sagen dürfen und was nicht. Und deshalb in vorauseilendem Gehorsam lieber schweigen. Die von den Medien gehätschelten Netzfeministinnen sind dabei nur die öffentlichen Gesichter dieses rigiden Klimas. Hinter ihnen steht eine schwer fassbare Armee anonymer Gesinnungspolizist_*innen, die Frauen im Netz oder in der „real world“ mit Hohn überschütten.

Herrlich, da liegt die EMMA in der Tat mal richtig. Es ist etwas, was hier auch schon häufiger anhand von verschiedensten Beispielen aufgezeigt worden ist und was wirklich beängstigend ist.

Natürlich verkennt die EMMA, dass sie in vielen Fällen nicht besser ist und die dortigen Feministinnen häufig nur eine andere Form von Hass verbreiten, ihre eigenen Dogmas haben und auch ihre eigene Form der Gesinnungspolizei. Auch Schwarzer-Feministinnen können nicht wirklich diskutieren, kommen nicht mit anderen Meinungen zurecht und grenzen andere aus. Sie haben eine etwas offenere Form des Hasses hervorgebracht, in dem man eher anführt, dass  man Männer in Lager stecken muss oder sie alle kastrieren muss oder in dem man Männer vorwirft, dass jede Form des Geschlechtsverkehr eine Vergewaltigung ist. Schwarzer, die meines Wissens nach vieles von Dworkin übernommen hat und in deren Zeiten die politische Lesbe gefordert wurde, weil ein Zusammenleben mit einem Mann immer Unterdrückung sein muss, sollte sich sich da nicht zu einfach freisprechen.

Die einzige wahre Wahrheit wird vorgegeben. Diskussionen sind nicht erlaubt. Unabgesichertes Denken schon gar nicht. Jede noch so geringe Abweichung wird im Keim erstickt. Was bedeutet: Stagnation und Sterilität.

Sogar noch mehr: Ein Spirale nach unten, in der immer neue Mikroaggressionen gefunden werden müssen.

Das alles ist nicht neu. In den 1970er Jahren hieß diese Art von Stellvertreter-Politik „Klassenwiderspruch geht vor Geschlechterwiderspruch“ und lautete die ultimative Disqualifizierung „bürgerliche Feministin“ oder „Reformistin“. In den 1990er Jahren hießen dann die von Medien gegen die „Altfeministinnen“ in Stellung gebrachten „jungen Feministinnen“ zunächst Girlies (damit waren diverse Künstlerinnen gemeint, die sich entschieden gegen das Etikett wehrten). Dann kamen die Alphamädchen (ein Autorinnen-Team). In den Nullerjahren folgte die Mädchenmannschaft (ein Bloggerinnen-Kollektiv). Jetzt also die Netzfeministinnen.

Überraschung: Eine totalitäre Bewegung wird sich immer gegen sich selbst wenden und veränderte Zeiten bringen veränderte Ansichten.

Früher hieß es bei den linken Frauen: Klassenwiderspruch first! Jetzt heißen sie Netzfeministinnen und deklarieren: Rassismus first!

Das Phänomen ist nicht so kurzlebig, wie es auf den ersten Blick scheint. Es taucht nur immer wieder unter neuen Labeln auf. Erkennungszeichen: Gegen die Falschmeinenden und die „Altfeministinnen“. Und pro Pornografie, pro Prostitution, pro Kopftuch, ja pro Burka. Statt wie die Alt-Feministinnen „klassenkämpferisch“, sind die Jung-Feministinnen jetzt „intersektional“. Was damit gemeint ist? Dass sie sich angeblich nicht „nur“ für die Probleme von Frauen interessieren, sondern für die aller Geschlechter und Identitäten, aller Rassen und Klassen.

Geschenkt. Für die aus dem linken Aufbruch der 68er kommende Neue Frauenbewegung war und ist der konkrete Kampf gegen Sexismus, Rassismus und Antisemitismus eine Selbstverständlichkeit. Und ebenso das Eintreten für soziale Gerechtigkeit und gegen Machtmissbrauch.

Ich glaube dort erkennt man den Unterschied tatsächlich nicht. Sie erkennen das starre Gerüst, welches der intersektionale Feminismus aufgebaut hat nicht und erkennen damit auch nicht, dass es nicht darum geht, dass man sich auch für andere Sachen einsetzt, sondern dass man es auf eine ganz bestimmte Art und Weise macht, die strengen Formvorschriften genügen muss: In dem intersektionalen Feminismus ist Rassismus nicht etwas was man nebenbei auch bekämpft, es ist ein feines System voller Tretminen, zwischen welchen man einen festen Platz hat, bei dem man gleichzeitig Buße für seine Privilegien tun muss und von anderen Buße verlangen kann. Es ist ein fein ausgearbeitetes System, in dem man Benachteilungspunkte genauso sammelt wie Punkte für den Kampf in den verschiedenen Theorien und wo nur wer alles beachtet virtue signalling betreiben kann. Deswegen musste Sokee in dem Beispiel oben sofort ihre Schuld eingestehen und Besserung geloben, denn sie bewegte sich auf einem Gebiet, auf dem sie privilegiert war, also Buße tun musste.

In den (post)akademischen Kreisen der Hetzfeministinnen ist das aber leider nicht so. Zumindest nicht in der Praxis. Da üben sie mit Macht Bevormundung aus: für ihren – in der Regel eins zu eins aus Amerika übernommenen – Right-Feminism. Sie tun das zwar nur in ihrer kleinen Welt, die mit der realen Welt wenig zu tun hat, aber an den Universitäten und in der Szene spielen ihre Denkverbote eine bedrückende Rolle. Die Political Correctness hat auch im Feminismus längst groteske, reaktionäre Züge angenommen. Zeit, darüber zu reden.

„Zeit darüber zu reden“. Aber nicht mit dem intersektionalen Feminismus. Denn dort gilt mit einer Rassistin wie Schwarzer reden bereits als grober Verstoß. Punkte bringt es, sich von ihr abzugrenzen und die einzige erlaubte Form der Gesprächsführung wäre die Belehrung.

Der intersektionale Feminismus und der Schwarzer-Feminismus verfolgen nur scheinbar gleiche Ziele. Sie spielen noch nicht einmal wirklich das gleiche Spiel. Wo Schwarzer meint, dass man gemeinsam auf ein Tor schießen sollte, mit ihr als Stürmer und wichtigsten Teil der Mannschaft natürlich, um einen Punkt zu machen, bekommen die Spieler aus dem intersektionalen Team jeweils einen Punkt, wenn sie nicht zu einer Rassistin wie Schwarzer abspielen, sondern zu einem PoC, auch wenn der dann plant auf das eigene Tor zu schießen, oder wenn sie erklären, dass zu schnell mit dem Ball zu laufen unfair gegenüber Behinderten ist und die Mannschaftsaufstellung daraufhin kritisieren, dass sie zuviel Weiße enthält. Dass evtl jemand ein Gegentor schießt kann den intersektionalen Feministinnen egal sein, weil das in ihrer Zählweise gar keine Punkte gibt. Im Gegenteil, einen Spieler der Gegenmannschaft, der ein behinderter PoC ist, ein Tor schießen zu lassen, wäre auch ein Punkt für sie.

Für eine Schwarzer-Feministin erscheint das bizarr. Ebenso wie für eine intersektionale Feministin das Verhalten der Schwarzer-Feministin unverständlich und mannschaftsschädigend ist, weil sie sich beständig Minuspunkte verursacht.

Diese Erkenntnis, dass man nicht zusammenspielen kann, wird wohl noch etwas dauern, bis sie bei allen angekommen ist.