Was will man mit Diversity erreichen?

 Nach dem gestrigen Artikel hier ein kleines Brainstorming dazu, was man mit Diversity erreichen, wobei hier unter Diversity die „woke“-Definition verstanden wird, also mehr Frauen, mehr andere Ethnien, möglichst mit nichtweißer Hautfarbe, mehr andere „Sexualitäten“

1. Diversity bringt andere Positionen und Ideen in die Gruppe

Dazu wäre zunächst anzuführen, dass die Unterschiede zwischen Gruppen üblicherweise kleiner sind als die Unterschiede innerhalb der Gruppe. Eine Frau ist eben nicht alle Frauen, ein Schwarzer hat nicht per se die Erfahrungen besonders benachteiligter Menschen oder auch nur die Durchschnittserfahrungen der Gruppe der Schwarzen. Wenn etwa einem wissenschaftlichen Team in Deutschland ein Schwarzer, der in Deutschland in sagen wir eine Mittelschichtfamilie geboren wurde, dann studiert hat und im wesentlichen unter Studierten gelebt hat, dann steht er nicht für den benachteiligten „African-American“, der in einem schwarzen Ghetto aufgewachsen ist und aus diesem keinen Ausweg hatte. Und eine Frau, die stark ihre Karriere verfolgt, etwa dafür auf Kinder verzichtet, wird zu dem Design eines Kinderwagens auch keine so große andere Perspektive haben als ein Mann. Und auch sagen wir die Erfindung eines sagen wir besser arbeitenden Prozessors für eine neue Mobiltelefongeneration scheint mir hinsichtlich Geschlecht und Hautfarbe  wenig ergiebig zu sien. 

2. Beteiligung der Gruppen als Machtfrage

Eine andere Einstellung wäre, dass bestimmte Ideen oder Fähigkeiten nicht das wesentliche für Diversität wäre, sondern die Beteiligung an sich, selbst wenn diese erst einmal keinen Unterschied für das Ergebnis macht. 

Es kommt darauf an, dass gerade Positionen, die Macht und Einfluss haben „gleichberechtigt“ besetzt sind, weil so Macht anders verteilt wird und eine Rollenveränderung entsteht (Geschlecht) bzw Vorurteile abgebaut werden (PoCs als Wissenschaftler bewirken weitere PoCs als Wissenschafter)

Dazu wäre anzuführen, dass Macht durch solche Positionen sehr relativ ist. Weder müssen sich Angehörige einer Gruppe für andere Mitglieder dieser Gruppe einsetzen  noch müssen solche Positionen eine Position einräumen, Macht für eine Gruppe auszuüben. Vielleicht hat derjenige eher das Gefühl, dass er ein Individuum ist, vielleicht wertet er andere Gruppenzugehörigkeiten höher, etwa seine Zugehörigkeit zur Oberschicht, vielleicht will er sich sogar von anderen Mitglieder der „Diversen Gruppe“ abgrenzen, weil er meint, dass sie es so machen sollten wie er und ihr Scheitern ihnen zuzurechnen ist. 

Bezüglich der Vorbildfunktion könnte man auch seine Zweifel haben, immerhin hat Merkel als Bundeskanzlerin auch nicht bewirkt, dass wir besonders viele Frauen in den politischen Parteien haben und bei den meisten Positionen werden die Leute die Handelnden eh nicht kennen. 

 

„Was haben Unternehmen von Diversity?“

Titat Scriptor hat einen interessanten Thread zu Studien über die Wirkung von Diversity:

Es kam eine Anfrage: ob ich in einem lokalen Diversity-Gremium mitwirken wolle? Weil dazu gute Kenntnisse der Materie sinnvoll sind, habe ich in die Forschung geschaut: Was haben Unternehmen von Diversity? Ich muss sagen, das lief überhaupt nicht wie erwartet. Hier die Daten |1

2| Meine Kenntnisse der Thematik beschränkten sich bisher auf Beiträge wie diesen (Q1). Die verheißenen Vorteile der Vielfalt wollte ich jetzt in der Fachliteratur erkunden, spezifisch diese Frage: Wie wirkt sich Diversity auf Teamperformance aus? Macht Vielfalt ein Team besser?

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3| Erster Eindruck: So eine wilde Literatur sieht man nicht jeden Tag. 10 große Meta-Studien hatte ich am Ende gelesen. Klare Resultate? Fehlanzeige. Dafür Korrelationen jeder Art, Richtung und Signifikanz, und immer neue Fragezeichen. Oder um es akademisch-höflich zu sagen (Q2):

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4| Besser wird es erst, wenn man (wie im Zitat gefordert) Diversity in einzelne Aspekte aufteilt und separat betrachtet, z.B. so: 1. biodemografisch (Geschlecht, Ethnie, Alter) 2. persönlich (Persönlichkeit, Werte, Einstellungen) 3. fachlich (Berufserfahrung, Ausbildung)
5| „Biodemografische“ Vielfalt ist, was sich die meisten Leute landläufig unter Diversity vorstellen dürften: nach Geschlecht, Herkunft oder Generation bunt gemischte Teams. Dieser Diversity-Begriff steht auch im Fokus, wo (repräsentative) Vielfalt per Quote vorgeschlagen wird.
7| Einzig Q7 ergibt positive Einflüsse auf Kreativität und Zufriedenheit, die aber durch andere negative Folgen (z.B. Teamkonflikte) wieder kaputtgemacht werden. Insgesamt scheint dieses Zitat die wohlwollendste Deutung der Lage zu bieten (Q4). Kein schlagendes Verkaufsargument.
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8| Nicht viel besser sieht es bei Nr. 2 aus: Vielfalt bei Persönlichkeit, Werten und Einstellungen. Q8 ergibt, dass Vielfalt dieser Art systematisch mehr Konflikte generiert und Prozesse erschwert (ähnlich auch Q7), besonders bei komplexen Aufgaben und in Teams im Topmanagement.
Hier die Studien noch einmal als Abstracts:
The authors revisited the demographic diversity variable and team performance relationship using meta-analysis and took a significant departure from previous meta-analyses by focusing on specific demographic variables (e.g., functional background, organizational tenure) rather than broad categories (e.g., highly job related, less job related). They integrated different conceptualizations of diversity (i.e., separation, variety, disparity) into the development of their rationale and hypotheses for specific demographic diversity variable—team performance relationships. Furthermore, they contrasted diversity with the team mean on continuous demographic variables when elevated levels of a variable, as opposed to differences, were more logically related to team performance. Functional background variety diversity had a small positive relationship with general team performance as well as with team creativity and innovation. The relationship was strongest for design and product development teams. Educational background variety diversity was related to team creativity and innovation and to team performance for top management teams. Other variables generally thought to increase task-relevant knowledge (e.g., organizational tenure) and team performance were unrelated to team performance, although these variables were almost never studied as the variety conceptualization (i.e., the conceptualization that can reflect the breadth of knowledge that can be applied to the task). Team mean organizational tenure was related to team performance in terms of efficiency. Race and sex variety diversity had small negative relationships with team performance, whereas age diversity was unrelated to team performance regardless of diversity conceptualization. Implications for staffing teams and future research are discussed.
A meta-analysis of the data from empirical investigations of diversity in work groups was used to examine the impact of two types of diversity attributes, highly job-related and less job-related, on work group cohesion and performance. This distinction was used to test the proposition that different types of diversity will differentially impact work group cohesion and performance. In addition, type of team was examined as a possible moderator of the relationship between diversity and performance. Results showed that neither type of diversity had a relationship with cohesion or performance. Explanations and directions for future research are offered.
This study attempts to open the black box of top management team (TMT) diversity research by examining the following research questions: (a) how TMT diversity has effects on emergent team processes, (b) when those effects are shaped by key environmental contingencies, and (c) whether emergent team processes mediate the TMT diversity and firm performance relationship. To address these issues, we conduct a series of meta-analytic examination. First, using a sample of 208 effect sizes from 51 studies covering multiple industries across 10 countries, we test how two distinct types of diversity (task- and relations-oriented diversity) are differentially associated with two types of emergent team processes (information elaboration and social categorization) in TMTs. Second, meta-analytic regression analyses are conducted to examine how national culture (power distance and collectivism) and industry characteristics (munificence and dynamism) influence the diversity effects on emergent team processes. Third, we conduct a structural equation modeling analysis to examine the relationships among diversity (input)–information elaboration and social categorization–based processes (mediators)–firm performance (output), incorporating additional 895 effect sizes from 152 studies. Our findings indicate that while relations-oriented diversity has apparent relationships with social categorization–based processes, task-oriented diversity is strongly associated with both information elaboration and social categorization–based processes. Industry munificence and dynamism as well as collectivism in national culture moderate the diversity–social categorization relationships. The result of structural equation modeling also confirms the mediating paths of the TMT diversity–information elaboration/social categorization–performance links.
The impact of gender diversity on team performance has become a central topic in the field of human resource management for researchers and practitioners alike. Extant research provides conflicting evidence on the relationship between gender diversity and team performance. To resolve these contradictory findings, we meta-analyze the relationship between gender diversity and two performance outcomes, namely task performance and contextual performance. Grounded in categorization-elaboration model, we simultaneously consider the positive and negative aspects of gender diversity. We further examine the effect of cultural context as a moderator on the relationship between gender diversity and team performance. Based on 71 independent samples from 68 studies published between 1996 and 2013, we find a significant negative relationship ( − 0.10) between gender diversity and contextual performance. Additionally, we find that the cultural dimensions gender egalitarianism and collectivism have significant moderating influences on the relationship between gender diversity and task performance.
Previous research on the role of cultural diversity in teams is equivocal, suggesting that cultural diversity’s effect on teams is mediated by specific team processes, and moderated by contextual variables. To reconcile conflicting perspectives and past results, we propose that cultural diversity affects teams through process losses and gains associated with increased divergence and decreased convergence. We examine whether the level (surface-level vs deep-level) and type (cross-national vs intra-national) of cultural diversity affect these processes differently. We hypothesize that task complexity and structural aspects of the team, such as team size, team tenure, and team dispersion, moderate the effects of cultural diversity on teams. We test the hypotheses with a meta-analysis of 108 empirical studies on processes and performance in 10,632 teams. Results suggest that cultural diversity leads to process losses through task conflict and decreased social integration, but to process gains through increased creativity and satisfaction. The effects are almost identical for both levels and types of cultural diversity. Moderator analyses reveal that the effects of cultural diversity vary, depending on contextual influences, as well as on research design and sample characteristics. We propose an agenda for future research, and identify implications for managers.
To reconcile the inconsistencies and complexities in the relationship between team diversity and performance, our meta-analysis takes a more nuanced approach to the relationship between team deep-level diversity and team performance. We examine the type of deep-level diversity (personality, values, culture), task complexity, and executive team status as moderators of the relationship between team deep-level diversity and positive emergent states, positive team processes, and team conflict. In addition, we examine the mediating role of positive team emergent states, positive team processes, and team conflict in explaining how team deep-level diversity relates to team performance. We test our hypotheses with a meta-analytic database of 94 papers reporting 280 effect sizes based on 24,425 teams. Findings show that team deep-level diversity is associated with fewer positive emergent states and positive team processes and more team conflict. There is an indirect relationship between team deep-level diversity and team performance through each of the mediators: positive emergent states, positive team processes, and team conflict. Implications for theory and practice are discussed.
Integrating macro and micro theoretical perspectives, we conducted a meta-analysis examining the role of contextual factors in team diversity research. Using data from 8,757 teams in 39 studies conducted in organizational settings, we examined whether contextual factors at multiple levels, including industry, occupation, and team, influenced the performance outcomes of relations-oriented and task-oriented diversity. The direct effects were very small yet significant, and after we accounted for industry, occupation, and team-level contextual moderators, they doubled or tripled in size. Further, occupation- and industry-level moderators explained significant variance in effect sizes across studies.
Over the past few decades, a great deal of research has been conducted to examine the complex relationship between team diversity and team outcomes. However, the impact of team diversity on team outcomes and moderating variables potentially affecting this relationship are still not fully answered with mixed findings in the literature. These research issues were, therefore, addressed by quantitatively reviewing extant work and provided estimates of the relationship between team diversity and team outcomes. In particular, the effects of task-related and bio-demographic diversity at the group-level were meta-analyzed to test the hypothesis of synergistic performance resulting from diverse employee teams. Support was found for the positive impact of task-related diversity on team performance although bio-demographic diversity was not significantly related to team performance. Similarly, no discernible effect of team diversity was found on social integration. The implications of the review for future research and practices are also discussed.
Background
Research on the effects of increasing workplace diversity has grown substantially. Unfortunately, little is focused on the healthcare industry, leaving organizations to make decisions based on conflicting findings regarding the association of diversity with quality and financial outcomes. To help improve the evidence-based research, this umbrella review summarizes diversity research specific to healthcare. We also look at studies focused on professional skills relevant to healthcare. The goal is to assess the association between diversity, innovation, patient health outcomes, and financial performance.
Methods
Medical and business research indices were searched for diversity studies published since 1999. Only meta-analyses and large-scale studies relating diversity to a financial or quality outcome were included. The research also had to include the healthcare industry or involve a related skill, such as innovation, communication and risk assessment.
Results
Most of the sixteen reviews matching inclusion criteria demonstrated positive associations between diversity, quality and financial performance. Healthcare studies showed patients generally fare better when care was provided by more diverse teams. Professional skills-focused studies generally find improvements to innovation, team communications and improved risk assessment. Financial performance also improved with increased diversity. A diversity-friendly environment was often identified as a key to avoiding frictions that come with change.
Conclusions
Diversity can help organizations improve both patient care quality and financial results. Return on investments in diversity can be maximized when guided deliberately by existing evidence. Future studies set in the healthcare industry, will help leaders better estimate diversity-related benefits in the context of improved health outcomes, productivity and revenue streams, as well as the most efficient paths to achieve these goals.

Kimberlé Crenshaw

Wikipedia:

Crenshaw introduced the theory of intersectionality in 1989 in her paper written for the University of Chicago Legal Forum, „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics“.[3][32][33][34] The main argument of this black feminist paper is that the experience of being a black woman cannot be understood in terms of being black and of being a woman considered independently, but must include the interactions between the two, which frequently reinforce each other.[35]

The paper attempted to mitigate the widespread misconception that the intersectional experience is solely due to the sum of racism and sexism. According to Crenshaw, the concept of intersectionality predates her work, citing „antecedents“ as old as 19th century American black feminists Anna Julia Cooper and Maria Stewart, followed by Angela Davis and Deborah King in the 20th century: „In every generation and in every intellectual sphere and in every political moment, there have been African American women who have articulated the need to think and talk about race through a lens that looks at gender, or think and talk about feminism through a lens that looks at race. So this is in continuity with that.“[3] Her inspiration for the theory started during her college studies, when she realized that the gender aspect of race was extremely underdeveloped, although the school she was attending offered many classes that addressed both race and gender issues. In particular, women were only discussed in literature and poetry classes while men were also discussed in serious politics and economics.

Crenshaw’s focus on intersectionality is on how the law responds to issues that include gender and race discrimination. The particular challenge in law is that antidiscrimination laws look at gender and race separately and consequently African-American women and other women of color experience overlapping forms of discrimination and the law, unaware of how to combine the two, leaves these women with no justice.[3]

Crenshaw realized the idea of racialized sexism and sexualized racism. She broke down intersectional analysis into three forms, 1. Structural, which addresses racism and patriarchy in association with violence against women. 2. Political, which addresses the intersection of anti-race organizing  and feminist organizing. And 3. Representational, which addresses the intersection of racial and gender stereotypes. Crenshaw’s participation in paradigms of identity which are mutually exclusive is one of rethinking identity politics from within, in general through systemic legal exclusions.[36]

Crenshaw often refers to the case DeGraffenreid v. General Motors as an inspiration in writing, interviews, and lectures. In DeGraffenreid v. General Motors, Emma Degraffenreid and four other African-American women argued they were receiving compound discrimination excluding them from employment opportunities. They contended that although women were eligible for office and secretarial jobs, in practice such positions only were offered to white women, barring African-American women from seeking employment in the company. The courts weighed the allegations of race and gender discrimination separately, finding that the employment of African-American male factory workers disproved racial discrimination, and the employment of white female office workers disproved gender discrimination. The court declined to consider compound discrimination, and dismissed the case.[3]

Crenshaw also discusses intersectionality in connection to her experience as part of the 1991 legal team for Anita Hill, the woman who accused then-US Supreme Court Nominee Clarence Thomas of sexual harassment.[37] The case drew two crowds expressing contrasting views: white feminists in support of Hill and the opposing members of the African-American community that supported Clarence Thomas. The two lines of argument focused on the rights of women and Hill’s experience of being violated as a woman, on the one hand, and on the other the appeal to forgive Thomas or turn a blind eye to his conduct due to his opportunity to become only the second African American to serve on the United States Supreme Court.

Crenshaw argued that with these two groups rising up against one another during this case, Anita Hill lost her voice as a black woman. She had been unintentionally chosen to support the women’s side of things, silencing her racial contribution to the issue. „It was like one of these moments where you literally feel that you have been kicked out of your community, all because you are trying to introduce and talk about the way that African American women have experienced sexual harassment and violence. It was a defining moment.“ „Many women who talk about the Anita Hill thing,“ Crenshaw adds, „they celebrate what’s happened with women in general…. So sexual harassment is now recognized; what’s not doing as well is the recognition of black women’s unique experiences with discrimination.“

Crenshaw’s theory of intersectionality has been adopted fairly quickly worldwide, both as a concept and a research approach. In Gender & Society, published in 2012 by Christine E. Bose, she expands on how Crenshaw’s theory of intersectionality has and still is being applied on a global level. According to Bose, „U.S. scholars should not be surprised that an Intersectional approach is useful to European, Asian or African scholars studying inequalities in nations with diverse native populations or polarized class structures, or with increasing numbers of migrants and contract workers from other countries“ (Bose 68). In the United States, intersectionality is rarely thought of as a policy issue, however, „feminists in European Union (EU) countries, where gender mainstreaming is common and where cross-national equality policies are being developed, view intersectionality as directly useful for such policies and considerably better than approaches that tend to foster a sense of competing oppressions“ (Kantola and Nousiainen 2009). The problem now, according to Choo and Ferree, is how an intersectional analysis should be carried out. In 2010, they identified „three different understandings of intersectionality that have been used in sociological research, with each producing distinct methodological approaches to analyze inequalities. Their typology of group-centered, process-centered, and system-centered practices provides a useful framework for examining the global usage of intersectionality, and a way of thinking intersectionally about variations in political approaches to gender“. Since then, studies surrounding Crenshaw’s original theory of intersectionality, combined with the frameworks outlined by Choo and Ferree, have continued to develop on a global level.[

Gwi Boll

In ihrem bahnbrechenden Aufsatz „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“ (1989) entwickelt Kimberlé Crenshaw eine tiefgreifende Kritik an der US-Amerikanischen Antidiskriminierungsrechtsprechung. Anhand von drei Entscheidungen des Supreme Courts arbeitet sie Mechanismen heraus, die verhinderten, dass die spezifischen Diskriminierungen von Schwarzen Frauen gerichtlich anerkannt wurden. Im Fall DeGraffenreid vs. General Motors negierte das Gericht die Anerkennung einer spezifischen Diskriminierungserfahrung Schwarzer Frauen durch den Konzern mit der Begründung, die Kategorie „Schwarze Frau“ sei kein anerkannter eigenständiger Diskriminierungsgrund.[2] Im Fall Moore vs. Hughes Helicopter wurde es Schwarzen Frauen verwehrt, die Kategorie „Frau“ für sich zu beanspruchen, da sie nicht „alle Frauen“ repräsentieren könnten.[3] Im Fall Payne vs. Travenol wurde zwar die rassistische Diskriminierung anerkannt, jedoch auf die Besonderheit der Klägerinnen hingewiesen.[4] Wiederum wurde Schwarzen Frauen abgesprochen, “repräsentativ” zu sein.

Mit ihrer Analyse gelang es Kimberlé Crenshaw, die spezifische Diskriminierung von Schwarzen Frauen zu benennen und bestehende Rechtslücken aufzudecken. Darüber hinaus betonte sie, dass es nicht ausreiche, Rassismus und Sexismus zu addieren. Stattdessen fordert sie eine strukturelle Überarbeitung sowohl der antirassistischen als auch feministischen Arbeit.

“Black women [remain] excluded from feminist theory and antiracist policy discourse because both are predicated on a set of experiences that does not accurately reflect the interaction of race and gender. These problems of exclusion cannot be solved simply by including Black women within an already established analytical structure: (…) any analysis that does not take intersectionality into account cannot sufficiently address the particular manner in which Black women are subordinated.“ (Demarginalizing the Intersection of Race and Sex, 1989)

VOX.com

 Crenshaw first publicly laid out her theory of intersectionality in 1989, when she published a paper in the University of Chicago Legal Forum titled “Demarginalizing the Intersection of Race and Sex.” You can read that paper here.

The paper centers on three legal cases that dealt with the issues of both racial discrimination and sex discrimination: DeGraffenreid v. General MotorsMoore v. Hughes Helicopter, Inc., and Payne v. Travenol. In each case, Crenshaw argued that the court’s narrow view of discrimination was a prime example of the “conceptual limitations of … single-issue analyses” regarding how the law considers both racism and sexism. In other words, the law seemed to forget that black women are both black and female, and thus subject to discrimination on the basis of both race, gender, and often, a combination of the two.

For example, DeGraffenreid v. General Motors was a 1976 case in which five black women sued General Motors for a seniority policy that they argued targeted black women exclusively. Basically, the company simply did not hire black women before 1964, meaning that when seniority-based layoffs arrived during an early 1970s recession, all the black women hired after 1964 were subsequently laid off. A policy like that didn’t fall under just gender or just race discrimination. But the court decided that efforts to bind together both racial discrimination and sex discrimination claims — rather than sue on the basis of each separately — would be unworkable.

As Crenshaw details, in May 1976, Judge Harris Wangelin ruled against the plaintiffs, writing in part that “black women” could not be considered a separate, protected class within the law, or else it would risk opening a “Pandora’s box” of minorities who would demand to be heard in the law:

“The legislative history surrounding Title VII does not indicate that the goal of the statute was to create a new classification of ‘black women’ who would have greater standing than, for example, a black male. The prospect of the creation of new classes of protected minorities, governed only by the mathematical principles of permutation and combination, clearly raises the prospect of opening the hackneyed Pandora’s box.”

Crenshaw argues in her paper that by treating black women as purely women or purely black, the courts, as they did in 1976, have repeatedly ignored specific challenges that face black women as a group.

“Intersectionality was a prism to bring to light dynamics within discrimination law that weren’t being appreciated by the courts,” Crenshaw said. “In particular, courts seem to think that race discrimination was what happened to all black people across gender and sex discrimination was what happened to all women, and if that is your framework, of course, what happens to black women and other women of color is going to be difficult to see.”

But then something unexpected happened. Crenshaw’s theory went mainstream, arriving in the Oxford English Dictionary in 2015 and gaining widespread attention during the 2017 Women’s March, an event whose organizers noted how women’s “intersecting identities” meant that they were “impacted by a multitude of social justice and human rights issues.” As Crenshaw told me, laughing, “the thing that’s kind of ironic about intersectionality is that it had to leave town” — the world of the law — “in order to get famous.”

She compared the experience of seeing other people talking about intersectionality to an “out-of-body experience,” telling me, “Sometimes I’ve read things that say, ‘Intersectionality, blah, blah, blah,’ and then I’d wonder, ‘Oh, I wonder whose intersectionality that is,’ and then I’d see me cited, and I was like, ‘I’ve never written that. I’ve never said that. That is just not how I think about intersectionality.’”

She added, “What was puzzling is that usually with ideas that people take seriously, they actually try to master them, or at least try to read the sources that they are citing for the proposition. Often, that doesn’t happen with intersectionality, and there are any number of theories as to why that’s the case, but what many people have heard or know about intersectionality comes more from what people say than what they’ve actually encountered themselves.”

 

Combahee River Collective

Deutsche Wikipedia

Das Combahee River Collective war eine US-amerikanische Gruppe, die vom Standpunkt schwarzer lesbischer Feministinnen den Diskurs um Mehrfachunterdrückung mitprägte. Sie wurde 1974 in Boston gegründet.

Gründerin war Barbara Smith, die auch den Namen gab. Benannt wurde die Gruppe nach dem Combahee River, an welchem 1863 750 schwarze Sklaven unter der Führung von Harriet Tubman befreit wurden.

Die Gruppe vertrat die Strategie des strategischen Essentialismus, der ihnen eine multiple Identitätspolitik erlaubte. Sie forderten eine Diskussion um Rassismus in der US-amerikanischen feministischen Bewegung ein.

Das Combahee River Collective prägte den Begriff Identitätspolitik.[1] Identitätspolitik sei, so heißt es im Manifest des Kollektivs vom April 1977, das beste Mittel, um gegen „rassische, sexuelle, heterosexuelle und Klassenunterdrückung“ und deren vielfache Überlagerungen anzukämpfen[2]

Englische Wikipedia:

The Combahee River Collective Statement was separated into four separate chapters: The Genesis of Contemporary Black Feminism; What We Believe; Problems in Organizing Black Feminist; and Black Feminist Issues and Projects.

Genesis of Contemporary Black Feminism
The Genesis of Contemporary Black Feminism chapter of the CRC statement traces the origin and trajectory of Black feminism. This chapter serves to situate the CRC within the larger Black feminist movement. The CRC presented themselves as rooted in the historical activism of Sojourner Truth, Harriet Tubman, Frances E. W. Harper, Ida B. Wells Barnett, and Mary Church Terrell, as well as many unknown activists „who have a shared awareness of how their sexual identity combined with their racial identity to make their whole life situation and the focus of their political struggles unique.„[27] The CRC framed contemporary Black feminism as a genesis built upon the work of these activists. The Black feminist presence in the larger second wave American feminist movement resulted in the formation of separate Black feminist groups such as the National Black Feminist Organization as the needs of Black feminists were not being met by mainstream organizations. The CRC also stated that it was the involvement of Black feminists in the Black Liberation movement of the 1960s and 1970s which impacted CRC members‘ ideologies and led to disillusionment with those movements.

This chapter also introduced the CRC’s belief that the oppression that Black women endured was rooted in interlocking oppressions. As Black women, the Collective argued that they experience oppression based on race, gender, and class. Further, because many of the women were lesbians, they also acknowledged oppression based on sexuality as well. The Collective states its basis and active goals as „committed to struggling against racial, sexual, heterosexual and class oppression“ and describe their particular task as the „development of integrated analysis and practice based upon the fact that the major systems of oppression are interlocking. The synthesis of these oppressions creates the conditions of our lives.“[7][18]

What We Believe
The What We Believe chapter of the CRC statement detailed their definition of Identity Politics and how it functions. What the CRC believed by the term Identity Politics, is that Black women had a right to formulate their own agenda based upon the material conditions they faced as a result of race, class, gender, and sexuality.[28]

We realize that the only people who care enough about us to work consistently for our liberation are us. Our politics evolve from a healthy love for ourselves, our sisters and our community which allows us to continue our struggle and work.
This chapter also details the CRC’s belief that the destruction of capitalism, imperialism, and patriarchy is necessary for the liberation of oppressed peoples.[28] The CRC identified as socialists and believed that work must be organized for the collective benefit of all people, not for the benefit of profit.[28] To this end, the CRC was in agreement with Marx’s theory as it was applied to the material economic relationships he analyzed.[28] The CRC did not advocate for lesbian separatism as they felt it left out others who were valuable to the movement.[28]

Problems in Organizing Black Feminists
The Problems in Organizing Black Feminists chapter traced the problems and failures surrounding organizing around Black feminism. The CRC believed that the fact that they were fighting to end multiple forms of oppression simultaneously rather than just one form of oppression was a major source of difficulty.[28] The CRC also believed that because of their position as Black lesbian women, they did not have access to racial, sexual, heterosexual, or class privilege to rely on.[28]

The CRC also believed that they experienced the psychological toll of their fight differently because of the „low value placed upon Black women’s psyches in this society.“[28] In this view, the members of the CRC saw themselves as being at the bottom of the social hierarchy. Because of this positioning, the CRC wrote that, „if Black women were free, it would mean that everyone else would have to be free since our freedom would necessitate the destruction of all the systems of oppression.„[28] Their belief in this statement also relies on their previous contention that the liberation of all peoples will be delivered with the destruction of capitalism, imperialism, and patriarchy.[28]

The CRC’s focus on the liberation of Black women also led to negative reactions of Black men. The CRC believed that because of this focus, Black men felt that „they might also be forced to change their habitually sexist ways of interacting with and oppressing Black women.“[28] This reaction of Black men also proved problematic in organizing Black feminists.

Black Feminist Projects and Issues
The final chapter of the CRC statement, Black Feminist Projects and Issues demonstrated that they were committed to making the lives of all women, third world, and working people better.[28] The CRC stated, „We are of course particularly committed to working on those struggles in which race, sex, and class are simultaneous factors in oppression.“[28] The chapter details how this may look in many types of application around the world.

This chapter also detailed how the CRC had started to publicly address the racism inherent in the white women’s movement. The CRC believed that white women involved in the feminist movement had made little effort to combat or understand their own racism. Moreover, the CRC believed that these women must have „a more than superficial comprehension of race, color, and Black history and culture.[28] While the CRC acknowledged that this work was the responsibility of white women, they would work by demanding accountability of these white women toward this end.

Portal Intersektionalität:

Migration und Minderheitenbildung ist heute ein internationales politisch und pädagogisch relevantes Thema mit länderspezifischen Ausformungen. In den USA wurde die Frage nach dem kollektiven Ausschluss aufgrund der „Rassenzugehörigkeit“, womit zunächst nur Afro-Amerikaner gemeint waren, verstärkt in den 1970er Jahren zum Thema akademischer Auseinandersetzung. Gleichzeitig entstand eine neue feministische Bewegung, die sich im akademischen Feld als feministische oder Frauen-Forschung etablierte. Das Manifest des „Combahee River Collective“ (1982, zuerst 1977), das heute als der klassische und exemplarische Text schwarzer und feministischer Identität gilt, verband erstmals die Einsichten und Forderungen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung mit denen der Frauenbewegung. Wie ihre berühmten Nachfolgerinnen4 kritisierten die Autorinnen die Androzentrik der schwarzen Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegung, die die spezifischen Exklusionserfahrungen schwarzer Frauen nicht wahrnehme, sowie die Frauenbewegung, die sich an den Bedürfnissen weißer Mittelschichtsfrauen orientiere. Einige Jahre später fassten Gloria Hull, Patricia Bell Scott und Barbara Smith (1982) diese Kritik in einem Satz pointiert zusammen: „All the women are white, All the blacks are men, But some of us are brave.“

Das Manifest des „Combahee River Collective“ verstand sich als erster Versuch, die Erfahrungen schwarzer Frauen „sichtbar“ zu machen. Das Kollektiv widersetzte sich der Eindimensionalität von Analysen, die sich entweder nur auf die Kategorie Frau oder auf die Kategorie „Rasse“ bezogen, womit damals der Widerstand gegen Sexismus oder Rassismus gemeint war. Stattdessen wiesen sie auf die Vielschichtigkeit ihrer Erfahrungen hin:

„The major source of difficulty in our political work is that we are not just trying to fight oppression on one front or even two, but instead to address a whole range of oppressions“ (Combahee River Collective 1982, S. 13).5

Dieses Zitat spiegelt die (politische) Sprache ihrer Zeit, in der die kollektive Erfahrung als Ausgangspunkt von Bewusstwerdung und politischer Aufklärungsarbeit gesehen wurde. Als Referenzpunkt dieser Erfahrung galt der Begriff Unterdrückung, in dem die Differenz schwarzer weiblicher Existenz zum Ausdruck gebracht wurde. Der Terminus Unterdrückungserfahrung unterscheidet zwischen den Positionen der Opfer und der Täter. Als Täter werden hier nicht nur weiße und schwarze Männer benannt, sondern auch weiße Frauen, die als Mit-Täterinnen oder zumindest als Nutznießerinnen von Kolonialismus und Neo-Kolonialismus betrachtet wurden.6 Dieser Diskurs, im Englischen als „triple-oppression-theory“ (Race, Class, Gender) und im Deutschen später als „Mehrfachunterdrückungsthese“ bezeichnet, war historisch gesehen zwar nicht der erste, der die Differenzen zwischen Frauen innerhalb der Frauenbewegung zum Gegenstand der Betrachtung machte,7 er war und blieb jedoch ein besonders umstrittener und emotional besetzter. An der Mehrfachunterdrückungsthese, die bald auch Eingang in die wissenschaftliche Debatte fand, wurde kritisiert, dass sie Unterdrückung lediglich als die Summe verschiedener Aspekte betrachte und dabei spezifische Momente der Unterdrückung schwarzer Frauen aus dem Blickfeld gerieten, wie etwa das Zusammenspiel sexistischer und rassistischer Exklusion. Zudem würden Rassismus und Sexismus oft in einem Atemzug genannt und ihre Funktions- und Wirkungsweisen würden leichtfertig auf ein einheitliches Muster reduziert (siehe dazu auch Lutz 1992).

Was ist Intersektionaler Feminismus?

UN Women:

Ein intersektionaler Ansatz zeigt, wie sich soziale Identitäten von Menschen überlappen. Dabei sammeln sich diskriminierenden Erfahrungen an und verstärken sich.

„Wir neigen dazu, über Ungleichheit aufgrund von Rassifizierung zu sprechen, als sei sie getrennt von Ungleichheit aufgrund von Geschlecht, Gesellschaftsschicht, Sexualität oder Einwanderungsgeschichte. Was dabei fehlt ist das Verständnis, dass manche Menschen all diesen Ungleichheiten ausgesetzt sind. Die Erfahrung dieser Menschen ist nicht einfach die Summe ihrer Teile”, sagt Crenshaw.

Ein intersektionaler Feminismus konzentriert sich auf die Stimmen derjenigen, die überlappende, gleichzeitige Formen der Unterdrückung erleben, um die Tiefen der Ungleichheiten und die Beziehungen zwischen ihnen in jedem Kontext zu begreifen.

(…)

Die berühmte brasilianische Frauenrechtlerin Valdecir Nascimento sagt: „Der Dialog über die Stärkung der Rechte von Schwarzen Frauen sollte sie ins Zentrum rücken.“ Seit 40 Jahren kämpft Nascimento für Gleichberechtigung. „Schwarze Frauen aus Brasilien haben nie aufgehört zu kämpfen“, sagt sie und weist darauf hin, dass Schwarze Frauen Teil waren der feministischen Bewegung, der Schwarzen Bewegung und anderer progressiver Bewegungen. „Wir wollen nicht, dass andere Menschen für Schwarze Feministinnen reden, weder weiße Feministinnen noch Schwarze Männer. Es ist unerlässlich, dass junge Schwarze Frauen diesen Kampf übernehmen“, sagt sie. „Wir sind die Lösung in Brasilien, nicht das Problem.“

Eine intersektionale Herangehensweise bedeutet auch, die historischen Kontexte, in die Probleme eingebettet sind, zu erkennen. Lange Vorgeschichten von Gewalt und systematischer Diskriminierung haben tiefe Ungerechtigkeiten geschaffen, die einige Menschen von vornherein benachteiligen. Diese Ungleichheiten überschneiden sich gegenseitig, wie zum Beispiel Armut, Kastensysteme, Rassismus und Sexismus, und sie verweigern Menschen ihre Rechte und Chancengleichheit. Die Auswirkungen erstrecken sich über Generationen hinweg.

(…)

Wenn wir durch eine intersektionale feministische Linse blicken, sehen wir, wie verschiedene Gemeinschaften unterschiedliche, miteinander verbundene Probleme gleichzeitig bekämpfen. In Solidarität miteinander zu stehen, Machtstrukturen in Frage zu stellen und sich gegen die Ursachen von Ungleichheiten auszusprechen, sind entscheidende Maßnahmen, um eine Zukunft zu erschaffen, die niemanden im Stich lässt.

„Wenn du Ungleichheit als ein Problem von „denen“ oder den „bedauerlichen Anderen“ ansiehst, dann ist das ein Problem“, sagt Crenshaw. „Wir müssen offen dafür sein, all die Arten und Weisen zu betrachten, wie unsere Systeme diese Ungleichheiten reproduzieren, und das schließt sowohl die Privilegien ein als auch das Leid.“

CFD

Was ist Intersektionalität?

Keine der verschiedenen gesellschaftlichen Strukturkategorien wie Geschlecht, Rassifizierung, Klasse, Nationalität, sexuelle Orientierung, Alter etc. steht für sich alleine. Diese Kategorien wirken sowohl für sich, als auch im Zusammenspiel an der Gestaltung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse mit. Sie müssen in ihren Verschränkungen und Wechselwirkungen betrachtet werden, wollen wir ihre Dynamik verstehen und Diskriminierungen und Ausschluss verhindern.

Intersektionalität geht auf das englische Wort intersection, also Strassenkreuzung, zurück. Die Schwarze US-amerikanische Juristin und Aktivistin Kimberlé Crenshaw benutzte diesen Begriff erstmals Ende der 1980er-Jahre, um mit dem Bild der Strassenkreuzung die Gleichzeitigkeit, das Zusammentreffen, Kreuzen und Überschneiden von Machtverhältnissen zu benennen. Und um damit die Verwobenheit sozialer Ungleichheiten sichtbar zu machen und diese Machtverhältnisse zu dekonstruieren.

Intersektionalität bezeichnet die Überschneidung verschiedener Kategorien, die Ungleichheiten verursachen. Der Begriff Intersektionalität ist in einem wissenschaftlichen Kontext relativ jung. Das Wissen und Verständnis von Intersektionalität sind sehr alt. Im Prinzip gibt es Intersektionalität seit es die Schwarze Frauenbewegung gibt. Es ist zentral, Intersektionalität in diesem Kontext und aus dieser Perspektive heraus zu verstehen. Im deutschsprachigen Raum wurde sie aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen und fehlinterpretiert. (vgl. Natasha A. Kelly: „Intersektionalität ist die Grundidee des Schwarzen Feminismus“ (Interview auf editionf)

Die Frauenrechtlerin, Abolitionistin (Sklavereigegnerin) und ehemals versklavte Schwarze Frau Sojourner Truth wies bereits 1851 auf die Überschneidung von race und Geschlecht hin und wie sich diese mehrfache Diskriminierung auf sie auswirkte. An einem Frauenkongress in Ohio hielt sie ihre berühmte Rede «Ain’t I a Woman?» (Bin ich keine Frau?). Darin sagt sie, dass sie nicht als Frau anerkannt und ernstgenommen werde, weil sie Schwarz ist. Und prangert so gleichzeitig Rassismus und Sexismus an.

Das Konzept der Intersektionalität ermöglicht es, die verschiedenen und komplexen Positionen in Machtverhältnissen sichtbar zu machen. Es ermöglicht zu sehen, wie diese miteinander verwobenen Machtstrukturen wirken und wie jede* und jede*r sich in ihnen verorten kann. Dies bedeutet für weisse Menschen, eine selbstkritische Perspektive einzunehmen sowie die eigenen weissen Privilegien, und wie diese genutzt werden können, zu reflektieren.

Amazedmag

Intersektionalität beschreibt die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen in einer Person. Eine intersektionale Diskriminierung tritt auf, wenn eine Person aufgrund bestimmter Persönlichkeitsmerkmale Opfer verschiedener Diskriminierungsformen wird – beispielsweise nicht nur von Sexismus, sondern auch von Rassismus oder Homophobie. Diese Diskriminierungsformen addieren sich nicht nur auf, sondern führen in Kombination zu komplett eigenständigen Diskriminierungserfahrungen. Soll heißen: Eine schwarze Frau erlebt einen anderen Sexismus als eine weiße Frau. Denn Sexismus und Rassismus werden in Kombi zu einer ganz neuen, noch giftigeren Mixtur. Ein intersektionaler Feminismus möchte in erster Linie eines: diese Tatsache anerkennen.

Seinen Ursprung hat der Begriff in der feministischen Bewegung der 1960er-Jahre in den USA, als schwarze Feministinnen ihre besondere Situation aufgrund rassistischer Diskriminierung betonten. Sie warfen der feministischen Bewegung vor, sie würde sich lediglich mit den Belangen weißer Mittelschichtsfrauen befassen. Denn während weiße Frauen immer öfter angehört wurden, wurden die Interessen von nicht-weißen Frauen unter den Teppich gekehrt – und das passiert bis heute. Es äußert sich nicht zuletzt in Lena Dunhams komplett weißem Cast in Girls, in feministischem Sweatshop-Merchandise bei H&M oder im Fehlen weißer Personen bei #BlackLivesMatter-Demonstrationen.

1991 benutzte die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw zum ersten Mal den Begriff Intersectionality, der daraufhin Eingang in unterschiedliche Forschungsfelder und Politikbereiche fand – auch, wenn die Idee dahinter nicht neu war. Seit ungefähr 20 Jahren gehört er fest zum feministischen Diskurs in der ganzen Welt und sorgt nach wie vor für Uneinigkeit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Begriff schwer zu definieren ist: Denn es ist quasi unmöglich, Diskriminierungsformen zu kategorisieren. Neben Geschlecht, Race und sozialer Schicht könnte man ohne Weiteres noch endlose weitere Kategorien aufzählen, die zu einer Benachteiligung führen: Gesundheit, Aussehen, Alter, Religion, Nationalität, usw. Judith Butler hat dazu mal gesagt, dass dieses Projekt der Klassifizierung zum Scheitern verurteilt ist: „Theorien feministischer Identität, die eine Reihe von Prädikaten wie Farbe, Sexualität, Ethnie, Klasse und Gesundheit ausarbeiten, setzen stets ein verlegenes ‚usw.‘ an das Ende ihrer Liste (…), doch gelingt es ihnen niemals, vollständig zu sein.“ Ihr merkt: Vor dem „verlegenen usw.“ bin auch ich nicht sicher.

Das macht den intersektionalen Ansatz allerdings nicht weniger wichtig, denn es geht um mehr als nur darum, Mehrfachdiskriminierung sichtbar zu machen und anzuerkennen, dass es neben Sexismus auch noch andere Themen gibt, die den Feminismus betreffen. Es geht auch um Konsequenz und Solidarität: Denn es wirkt widersprüchlich und paradox, an einer Stelle mehr Rechte einzufordern und die eigenen Privilegien an anderer Stelle selbst nicht an Benachteiligte abgeben zu wollen. Das ist der Vorwurf gegen den sogenannten White Feminism. Er scheint zu sagen: „Ja, wir wollen gleiche Rechte. Auch wenn das nur für weiße, mittelständische, heterosexuelle Frauen gilt. Der Rest ist nicht mein Problem!“

Der intersektionale Feminismus der Gegenwart hat verstanden, dass es ohne Solidarität nicht möglich ist, Ungerechtigkeit zu beenden. Denn Geschlecht ist nicht die einzige Kategorie, die in unserer Gesellschaft Machtdifferenzen generiert. Und all diese Arten von Herrschaftsverhältnissen bedingen sich gegenseitig: Sie bilden ein komplexes Ganzes, das nicht zum Einsturz gebracht werden kann, wenn man bloß einzelne Bausteine herausnimmt. Will man soziale Ungerechtigkeit für alle beenden, dann muss man am Fundament rütteln.

Die US-amerikanische Soziologin Kathy Davis hat das mal folgendermaßen zusammengefasst:

„Intersektionalität thematisiert das zentrale (…) Problem in der feministischen Wissenschaft – die Anerkennung von Differenzen zwischen Frauen. Es berührt das drängendste Problem, dem sich der Feminismus aktuell gegenübersieht – die lange und schmerzliche Geschichte seiner Exklusionsprozesse.“

Kurz könnte man auch sagen: Intersektionaler Feminismus meint einen Feminismus für alle. Das bedeutet nicht, dass er für alle sprechen will: Gerade die Erkenntnis, dass das überhaupt nicht möglich ist, gehört zu seinen Errungenschaften. Es ist der Versuch, Unterschiede anzuerkennen und uns nicht trotz, sondern wegen diesen Unterschieden zu einen. Das ist eine riesige Chance: Wenn man bereit ist, eigene Privilegien anzuerkennen und sie für jene einzusetzen, die weniger Ressourcen haben, dann rüttelt das tatsächlich ein bisschen am Fundament. Denn es ist nicht im System vorgesehen, dass man im Sinne der Gerechtigkeit bereit ist, für die Abschaffung der eigenen Vorteile zu kämpfen.

Auf das Wesentliche herunter gebrochen meint der intersektionale Feminismus einfach Solidarität. Und es gibt nichts Bestärkenderes als Solidarität. Leider gibt es kein Handbuch dafür, wie man diese „richtig“ übt. Aber es ist die halbe Miete, anzuerkennen, dass andere Menschen oftmals eine andere Diskriminierungserfahrung haben, die wir selbst niemals nachvollziehen werden können. Ich werde niemals wissen, wie es sich anfühlt, in Deutschland schwarz zu sein. Ich weiß auch nicht, wie es sich anfühlt, offen lesbisch zu sein. Ich wurde nie aufgrund meiner Herkunft diskriminiert. Deswegen sollte man nicht versuchen, für die zu sprechen, die es besser wissen. Sondern sollte lieber das Mikro abgeben, zuhören, lernen – und so am Fundament rütteln.

Hannah Wettig: „Von identitätspolitischen Strebern, die Professorinnen gefallen wollen“

Leser PG13 wies in den Kommentaren auf einen interessanten Artikel von Hannah Wettig, früher bei der Mädchenmannschaft aktiv, zu den intersektionalen Theorien hin

Es gibt viele Namen: „Identitätspolitik“, „intersektionaler Feminismus“, „Critical Whiteness“, „Woke“ – und abwertend „Cancel Culture“ oder „Islam-Linke“. Davon war viel in den vergangenen Wochen in den Medien zu lesen. Die Begriffe werden in den Medien mehr oder weniger synonym verwendet. Das sind sie zwar nicht, aber auch ich werde das erst einmal tun und später differenzieren.

Als Grüne sind wir schon etwas früher mit dem Phänomen konfrontiert worden, zumindest in einigen Landesverbänden. In Berlin stellten etwa ältere Semester bei der letzten Frauenvollversammlung erstaunt fest, dass sie sich dem intersektionalen Feminismus verschreiben sollten und fragten, was das denn überhaupt sei.

Dass eine neue Ideologie so wirkmächtig auftritt und unbedingtes Mitmachen einfordert, während die Masse der Bevölkerung und sogar ein Großteil der politisch Tätigen noch gar nichts davon gehört hat, gehört zu den Besonderheiten dieser Strömung. Das führt zu den meist diskutierten Problemen dieser Entwicklung: Immer wieder werden Menschen aufs Schärfste attackiert für etwas, was sie gesagt haben, haben aber nicht den blassesten Schimmer, was daran eigentlich schlimm war.

Das ist in der Tat sicherlich für viele ein plötzliches Problem, weil die Basis, gerade die Älteren, von den Theorien gar nichts mitbekommen haben, es gar nicht so einfach ist, dass plötzlich zu verstehen, um was es eigentlich geht, aber für Fehler plötzlich aufs schärfste angegriffen zu werden.

Ich war damit zum ersten Mal vor neun Jahren konfrontiert. Damals schrieb ich für den feministischen Blog Mädchenmannschaft. Zur Feier des fünfjährigen Jubiläums waren alle Berliner Mitstreiterinnen aufgefordert, Workshops anzubieten. Ich bot an, etwas über Frauen in der ägyptischen Revolution zu machen. Das wurde begrüßt. Als ich aber zu der Veranstaltung kam, spürte ich Abweisung: Andere Bloggerinnen schnitten mich. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und meinen Workshop durchgeführt. Keine der anderen Bloggerinnen nahm daran teil. Vier bis fünf Tage später nahm mich eine Bloggerin, die nicht in Berlin wohnte, also nicht auf der Veranstaltung gewesen war, in Kopie auf den internen Verteiler. Sie schrieb: Was ihr mit Hannah macht, ist Stalinismus. Ihr habt sie nicht einmal informiert, geschweige denn angehört zu den Vorwürfen. Deshalb leite ich das jetzt an sie weiter.

Ich las eine ellenlange hitzige Diskussion der letzten Tage. Daraus erfuhr ich, dass ich auf der Website in einem großen Artikel angeprangert wurde. Ich sollte mich öffentlich entschuldigen und meine weiße Position reflektieren. Mein Haupt-Vergehen: Ich hatte als weiß Positionierte über People of Color gesprochen. Sprich: ich hatte genau das getan, was ich angekündigt hatte und was sie begrüßt hatten: über Frauen in der ägyptischen Revolution berichtet.

Außerdem wurden mir noch ein paar andere Kleinigkeiten vorgeworfen, die auf Hören-Sagen beruhten – wie gesagt: Keine war bei dem Workshop gewesen. Meine Verteidigung, die Diskussion im Workshop sei ganz anders verlaufen, als sie es behaupteten, wurde beantwortet mit: „Du willst Dich also nicht kritisch mit Deinem Verhalten auseinandersetzen.“

In der Folge verließ die Hälfte der Bloggerinnen das Kollektiv, weil sie den Umgang mit mir einfach nur verrückt fanden. Die taz und die Jungle World berichteten darüber. Sie interpretierten das Ganze als Richtungsstreit. Ich hatte aber etwas anderes erlebt. Es ging nicht um unterschiedliche politische Positionen. Wir hatten gar keine politische Debatte geführt. Das Ganze war ein kafkaesker Prozess. Es ging um Macht, nicht um Inhalte.

Ich hatte diese Streitigkeiten in der Mädchenmannschaft schon mal aufgegriffen:

Die „Gegensicht“ der intersektionalen Feministinnen zwar nicht genau zu ihrem Vortrag aber zu Vorfällen aus dem Jubiläum findet sich hier und ich wollte sie eigentlich schon immer mal besprechen. Ich zitiere aber einfach mal aus dem Text:

Auf dem Podium saßen Julia Brilling für Hollaback!BLN, Dr. Daniele G. Daude für Bühnenwatch und Sandra Steinitz für Sl*twalk Berlin (im Folgenden benannt mit SW bzw. SW Berlin). Moderiert werden sollte das Podium von Anna-Sarah von der Mädchenmannschaft (MM).

Nach der Vorstellung der Initiativen durch die Podiumsteilnehmerinnen äußerten Dr. Daniele G. Daude und Julia Brilling mehrfach Kritik am Umgang der SW-Organisator_innen mit den aktuellen Blackface- und Niqab-Vorfällen auf dem SW Berlin 2012, bezogen sich dabei auch konkret auf die Debatte bei Facebook, die am Tag der MM-Veranstaltung ein besonderes Ausmaß an Zurschaustellung weißer Überlegenheitsgesten und Rassismusverharmlosung erreichte (eine entsprechende Contentwarnung gilt für den verlinkten Facebook-Thread). Kritik wurde von beiden auch am Umgang der SW-Orga mit den Kritiken aus dem vergangenen Jahr geäußert, es ging z.B. um die Problematik der Aneignung des Wortes ‚Sl*t‘ (‚Schl*mp*‘), weiterhin um produzierte Ausschlüsse und die Ignoranz diesen gegenüber.

Sandra Steinitz verstrickte sich in Rechtfertigungsversuche und derailte die von Dr. Daniele G. Daude und Julia Brilling geäußerte Kritik, Unmut von Teilnehmer_innen of Color und von wenigen weiß positionierten Teilnehmer_innen aus dem Publikum folgte, sowie weiterhin Kritik von Julia Brilling und Dr. Daniele G. Daude an konkreten Aussagen von Sandra Steinitz.

Im Publikum gaben sich vier bis fünf weiß Positionierte als Organisator_innen von SW Berlin zu erkennen und skandalisierten den Diskussionsverlauf, ebenfalls mit Rechtfertigungen, Abwehrhaltung und Derailing, zum Teil mit Umkehrungsrhetoriken. Julia Brilling und Dr. Daniele G. Daude reagierten, ebenso Teilnehmer_innen of Color und wenige weiß positionierte Teilnehmer_innen.

Anna-Sarah lenkte die Debatte auf ein neues Thema, doch die anwesenden SW-Organisator_innen kommentierten weiter das zuvor Gesagte und unterbrachen mehrfach. Sabine stand auf und wies eine der Organisator_innen zurecht.

Die Organisator_innen von SW Berlin äußerten sich wiederholt rassistisch und reproduzierten weiße Dominanz und Abwehr. Einige Teilnehmer_innen of Color verließen den Raum.

Nach einem Signal von und Verständigung mit Sabine stoppte Magda den Verlauf der Podiumsdiskussion mit dem Verweis, dass gerade Women of Color den Raum verlassen haben und ein Weitermachen keinen Sinn ergäbe. Ein_e Teilnehmer_in kritisierte, dass Betroffene den Raum verlassen müssen und nicht die Sl*twalk-Organisator_innen. Nach der Beendigung der Podiumsdiskussion verließ die SW-Orga den Raum besonders sicht- und hörbar, indem sie sich zudem gegenseitig Mitleid aussprachen für die „schlimme Situation“.

Hintergrund waren ua (spätere?) Femen-Aktivistinnen, unter anderem Zana Ramadami, die schwarz angemalt am Slutwalk teilgenommen hatten:

Die intersektionalen Feministinnen fanden das natürlich fürchterlich, die restlichen Feministinnen anscheinend nicht so bewegend, insbesondere wollten sie über ganz andere Sachen reden und haben gar nicht verstanden, warum sich darüber so aufgeregt wird. Sie wollten darüber reden, wie man das Patriarchat besiegt, die intersektionalen Feministinnen wollten ihnen vorhalten, warum ihr Aktivismus „Nicht gut genug“ ist und damit falsch. Die damaligen Feministinnen dachten wahrscheinlich „Warum greifen die uns so an, wir wollen doch die Welt besser machen und sollten alle zusammen halten“ oder etwas in der Art. Aber das intersektionale Programm hätte Demutsgesten erfordert, Einsicht falsch gehandelt zu haben, Distanzierung und die Mitteilung, dass man aus den Fehlern lehren wird und in Zukunft solche Sachen unterbinden wird und auf PoCs hören wird, wenn diese Kritik üben. Dann hätte man den PoCs die Bühne geben müssen, damit sie sagen was richtig ist.

Dazu dienten neue Sprach- und Verhaltensregeln des politisch Korrekten. Da wurden Wörter gebraucht, die ich überhaupt nicht kannte. Und das, obwohl ich immer politisch aktiv war und das genau in diesen Subkulturen. Immerhin war ich Teil dieses feministischen Kollektivs gewesen, hatte mich aber in den Monaten zuvor nicht an Diskussion beteiligt, weil ich in den arabischen Revolutionen unterwegs gewesen war. In nur wenigen Monaten hatte eine Clique das Kollektiv übernommen, die nun einforderte, dass wir uns an neue Regeln hielten und die bestimmten, wie Feminismus zu sein habe.

Das man sich dort so einfach hat vertreiben lassen finde ich immer noch faszinierend. Immerhin war die Mädchenmannschaft ja das „Kind“ der älteren Feministinnen und sie hätten auch klarstellen können, dass die intersektionalen Feministinnen zu gehen haben und ihre eigene Seite aufmachen können, wenn ihnen das nicht passt.
Aber meine Vermutung ist, dass die andere Seite einfach viel zu aggressiv aufgetreten ist und man dem wenig entgegen zu setzen hatte und die intersektionalen Feministinnen auch gar nicht eingesehen hätten, dass man sie rauswirft.
Letztendlich hat das gleichzeitig dem Blog Mädchenmannschaft nachhaltig geschadet, dort erscheinen quasi keine interessanten Artikel mehr und der Blog dürfte – vermutlich zu Gunsten des Missy Magazins – erheblich an Leserschaft verloren haben.

Ich begann mich im Freundeskreis umzuhören, ob jemand schon mal etwas von dieser neuen Strömung gehört hatte. Und hörte viele dramatische Geschichten. Damals handelte es sich aber eindeutig noch um eine Strömung in kleinen linken Subkulturen. Linke Subkulturen hatten in ihrer Geschichte häufig Sprachregeln, die man nicht unbedingt von außen nachvollziehen konnte. Sie hatten auch häufig einen rigiden Umgang mit Abweichlern. Trotzdem fiel mir schon damals auf, dass es ein paar bemerkenswerte Unterschiede zu vorherigen Praxen gab.

Die Umstellung damals war auch aus meiner Sicht deutlich, aber immerhin hat sie indirekt auch diesen Blog ins Leben gerufen, denn erst mit dem Auftreten der intersektionalen Theorien ging die Diskussionskultur bei der Mädchenmannschaft vollends den Bach runter. Vorher war da – wenn auch eingeschränkt – durchaus noch kritisches erlaubt, aber mit dem Erstarken der intersektionalen Theorien wurde immer mehr geblockt bis man quasi keine Möglichkeit zum diskutieren mehr hatte.

Es findet gar keine Debatte mehr statt

Auch wir Grünen kennen aus unserer Geschichte denunziatorische Attacken auf den politischen Gegner und auch auf die eigenen Mitstreiter. Die erste Bundestagsfraktion der Grünen soll sich geradezu zerfleischt haben in Richtungskämpfen. Junge Menschen, die die Welt verändern wollen, gehen zuweilen gnadenlos gegen die Altvorderen vor, die das nicht wollen. Wir können das falsch finden. Aber es ist nun mal so und es war schon immer so. Aber hier ist etwas anders. Darum will ich zunächst auf die Praxis eingehen – und dann erst auf die Probleme mit der Theorie.

Es findet gar keine Debatte mehr statt. Es wird mit größter Vehemenz angegriffen: Die Attacke wird oft gegen etwas Symbolisches geführt. Es geht um Wörter, aber auch um Kleidung, Haarstil, Essen, Karnevalskostüme, Dreadlocks, das Zubereiten von exotischen Speisen durch Weiße.

In der Tat ist es eines der Probleme der intersektionalen Theorien, dass nicht mehr diskutiert wird. Das ist gleichzeitig seine Stärke. Denn sein Auftreten als dogmatische und fanatische Religion, die alle Ketzer angreift erlaubt eben nur ein Dafür oder ein Dagegen sein, und wer dagegen ist, der fliegt raus.

Wer damit in solchen Gefilden überleben will, der muss sich anpassen – mit Gegenwehr kommt er nicht sehr weit, wenn erst einmal diese Theorien genug Fuß gefasst haben. Er wird als Rassist und Sexist beschimpft werden und jeder, der ihm zur Seite steht gleich mit. Die Angriffe sind dabei in der Tat oft an Kleinigkeiten aufgehangen, wenn man es nicht aus dogmatischer Sicht sieht, es gibt dort eben kein Leben und Leben lassen, wer das zulässt ist ebenfalls Feind.

Ich habe große Sympathien für rebellierende junge Menschen. Darum habe ich in den vergangenen Jahren, wenn mich solche jungen Menschen bei Vorträgen angriffen, immer das Gespräch mit ihnen gesucht – und sie gebeten, mir zu erklären, warum das Wort, was ich verwendet hatte oder meine Position problematisch beziehungsweise rassistisch seien. Es kamen Phrasen und Glaubenssätze, viele Gefühle oder behauptete Gefühle von irgendjemand anderem, aber keine Argumente, jedenfalls keine, die der logischen Struktur meiner Argumente ähnelten. Ich finde das sehr anstrengend. Ich muss sagen, ich diskutiere lieber mit einem Betonkopf-Marxisten-Leninisten, obwohl ich deren Positionen furchtbar finde, aber sie bringen wenigstens Argumente, die man kontern kann.

Das ist eine nette Zusammenfassung, an der sicherlich einiges Wahres ist, wobei es interessant wäre, was sie selbst als logische Struktur ansieht. Aber in der Tat können viele dort überhaupt nicht diskutieren, weil Glauben keine Diskussion erfordert, ja dadurch sogar erschwert wird. Es ist ein Costly Signal einfach zu glauben und zu akzeptieren und eine gewisse Unlogik macht dieses Signal der Gruppenzugehörigkeit sogar stärker.

Vor ein paar Jahren habe ich für die Emma junge Feministinnen interviewt, die sich gegen diese Art der Identitätspolitik wenden. Sie erzählten mir von ihren Erfahrungen in der Szene. Was ich besonders bemerkenswert fand: Sie erzählten, dass viele jungen Feministinnen vor allem Modemagazine lesen und politische Diskussionen langweilig finden. Darüber musste ich lange nachdenken: Dieselben Frauen, die Professoren wütend wegen angeblich rassistischer Äußerungen niederbrüllen, interessieren sich gar nicht für Politik in ihrer Freizeit? Wie kann das sein?

Das wäre ja durchaus eine interessante Sache: Intersektionale Theorien als Lifestyle, der eine wirkliche Auseinandersetzung gar nicht mehr erforderlich macht. Wer glaubt, der muss nicht diskutieren. Wenn Rassismus und Sexismus allmächtig sind und die Privilegierten die Verantwortung dafür tragen diese Mißstände zu beseitigen, dann kann man als Frau auch Modemagazine lesen. Wenn alles, jeder Bereich, auch politisch ist, dann ist auch die Mode politisch und Modemagazine, etwa mit Unisexartikeln oder woken Modeln sind auch Politik

Dazu müssen wir uns die Herkunft dieser Ideologie anschauen; nicht die originäre Herkunft, sondern den Weg, wie sie in unsere Gesellschaft gekommen ist. Es sind Theorien, die in der Universität gelehrt werden, insbesondere in den Gender Studies. Dort werden sie zuweilen als rigide Glaubenssätze gelehrt. So erzählte mir etwa eine junge Feministin, die an der Humboldt-Universität in Berlin studiert hat, dass sie in ihrem ersten Semester scharf von der Dozentin zurechtgewiesen wurde, als sie auf die Frage, ob man einen Text von Roland Barth lesen dürfe, in dem das Wort „Neger“ vorkam, mit „ja“ geantwortet und das auch begründet hatte. Die Art, wie sie heruntergeputzt wurde, hat auch den anderen im Seminar Eindruck gemacht. Sie erzählte mir: „Du musst Dir vorstellen, da kommen einige aus der deutschen Provinz. Die wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Die kuschen oder gehen in die innere Emigration.“ Es wird also eingebimst und auswendig gelernt, nicht diskutiert. Keineswegs sind die Glaubenssätze, die hier in Deutschland von Vertreterinnen dieser Theorien vorgebracht werden, Ergebnis eines zivilgesellschaftlichen Prozesses, wie behauptet wird. Sondern sie sind von oben oktroyiert. Darum vermisst man auch zuweilen einen Bezug zur Realität.

Es bleibt auch nichts anderes als auswendig zu lernen, eine Diskussion kann allenfalls über Feinheiten aufkommen, aber auch dort ist es schwierig, weil Diskussion gerade Zweifel und Unstimmigkeit bedeutet.

Das spielt auch eine Rolle für unsere Arbeit als Grüne. Ein Beispiel aus einem Kreisverband: Einige junge Mitglieder hatten für das Wahlprogramm ein ganzes Kapitel zu Postkolonialismus geschrieben, unter anderem forderten sie, dass umgehend alle Straßennamen mit kolonialem Bezug umbenannt werden müssten. An sich ist das ein absolut unterstützenswertes Anliegen, was wohl jede grüne Fraktion gern umsetzen würde. Die Fraktion ist also sämtliche Straßennamen des Ortes durchgegangen. Sie hat keinen einzigen mit kolonialem Bezug gefunden. Die Autor*innen des Kapitels kannten auch keinen.

Das ist eine nette Anekdote. Was muss das frustrierend gewesen sein, dass da tatsächlich kein Name vorhanden war, etwas was man einfach vorausgesetzt hatte. Dabei wäre es so ein schön vorzeigbarer Aktivismus gewesen, mit dem man super seine woke Einstellung hätte darlegen können.

Aus solchen Erfahrungen lässt sich der böse Schluss ziehen: Die jungen Leute, die hier so scharfe Attacken führen, sind überhaupt keine rebellierende Jugend, die wütend darüber ist, dass echte Probleme immer noch nicht behoben sind. Es sind vielmehr Streber, die die Lehrsätze ihrer Professorinnen nachplappern. Deshalb wohl kommt es zu teilweise völlig absurd anmutenden Angriffen. Wenn etwa Menschen mit Dreadlocks attackiert werden oder eine grüne Spitzenkandidatin dafür, dass sie als Kind Indianerhäuptling werden wollte, dann liegt das nicht daran, dass die politische Linke in Deutschland keine Themen mehr hat, wie das konservative Feuilleton behauptet. Sondern es liegt mitunter daran, dass eifrige Schüler eine 1 bekommen wollen.

Das ist eine schöne Darstellung der „Call Out Culture“. Ich hatte ja hier schon einmal anhand einer Fußballmetapher dargestellt, dass sich im intersektionalen Feminismus die Spielregeln geändert haben: Wo es vorher auf das Torschiessen angekommen ist gibt es jetzt eben Punkte dafür, dass man darauf hinweist, dass der eigene Mitspieler zu wenig zu schwarzen Mitspielern abspielt, und das unabhängig davon, ob damit eher ein Tor erzielt wird oder nicht.

Es gibt eben Virtue Signalling Punkte für solche Aktionen, und gerade dafür, dass man auf Fehler anderer hinweist.

Hintergründe der Identitätspolitik: Zugrundeliegende Theorien

Aber es gibt auch die, die darüber Macht ausüben. Dafür sind solche Glaubenssätze, vor allem wenn ihre Auslegung willkürlich ist, besonders gut geeignet. Professorinnen können so andere Professorinnen wegbeißen, Politikerinnen andere Politikerinnen usw.

Macht ist über die intersektionalen Theorien in der Tat recht einfach auszuüben. Es gibt bestimmten Personen eben das Recht herablassend von oben die Wahrheit zu verkünden und das mit einer gewissen Unangreifbarkeit. Es ist kein Wunder, dass einige das ausnutzen.

Die Theorien, auf denen das ganze fußt, sind hingegen teilweise gar nicht so dumm. Und es gibt auch viele junge Menschen, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen, Bücher lesen und darüber nachdenken. Die sollten wir nicht in einen Topf schmeißen. Solche kenne ich auch. Die sind allerdings in der Lage zu argumentieren und meist finden wir, dass wir gar nicht so weit auseinander liegen wie bei anderen Begrifflichkeiten.

Die Identitätspolitik geht zurück auf TheoretikerInnen der 1980er und 90er Jahre. Dem Philosophen Michel Foucault ging es um die Anerkennung sexueller Identitäten. Er selbst war schwul. Viele postkoloniale AutorInnen zeigten sehr richtig die Marginalisierung anderer Kulturen und Wissensproduktion auf. Dabei gingen sie davon aus, dass Identitäten konstruiert sind – durch Fremd- und Eigenzuschreibungen. Einiges davon kann essentialistisch interpretiert werden, als sei Identität statisch, wie es heute geschieht. Aber nur, wenn man Sätze aus dem Kontext greift, also das Buch nicht gelesen hat.

Die Philosophin Judith Butler wiederum behauptete, dass die Binarität der Geschlechter konstruiert sei, die Unterscheidung von Männern und Frauen durch ständige Performance, also das erlernte Verhalten, aufrechterhalten wird. Als ich das als Studentin gelesen habe, habe ich das nicht so verstanden, dass es keine Geschlechtsunterschiede gibt, sondern dass die Bedeutung, die wir ihnen zumessen, in Frage steht. Inzwischen muss man allerdings sagen, dass Judith Butler ihre eigene Theorie ad absurdum führt, wenn sie die Burka verteidigt.

Das sind die Anfänge, die allerdings im Laufe der Zeit immer unwichtiger wurden und von denen allenfalls noch Grundkonzepte übernommen worden sind. Es ist eine „ideologische Reduzierung“ eingetreten, die den Unterbau weitestgehend uninteressant in der täglichen Praxis macht, weil die Reduzierung weitaus simplerer Regeln bereit stellt, auf die man sich berufen kann.

Zum gleichen Zeitpunkt, aber in Deutschland damals relativ unbeachtet, entwickelte die Juraprofessorin Kimberly Crenshaw den Ansatz der „Critical Race Theory“ und des Intersektionalismus. Die Idee dafür beruht auf einem realen Fall: Bei General Motors klagten schwarze Frauen dagegen, dass sie bei Einstellungen diskriminiert würden. Das Gericht wies die Klage ab. Es argumentierte, dass bei General Motors viele Frauen arbeiten und daher offensichtlich Frauen nicht diskriminiert würden. Auch arbeiteten dort viele Schwarze, also würden auch Schwarze nicht diskriminiert. Tatsächlich waren aber alle Frauen, die dort arbeiteten, weiße, zum Beispiel Sekretärinnen. Die Schwarzen waren alle Männer, die in der Fabrik arbeiteten.

Kimberly Crenshaw befand, dass sich Diskriminierungen also nicht einfach addierten. Von der einfachen Addition von Diskriminierungen geht etwa der Triple-Oppression-Ansatz aus, der damals in der Linken en vogue war. Crenshaw zeigte, dass schwarze Frauen nicht einerseits als Schwarze und andererseits als Frauen diskriminiert würden, sondern dass sie spezifisch als schwarze Frauen diskriminiert wurden.

Der ursprüngliche intersektionale Ansatz wurde ebenfalls stark reduziert. Ging es ursprünglich noch darum, dass man hinterfragen musste, wie bestimmte mögliche Diskriminierungen zusammen spielen gibt es jetzt ein relativ einfaches Schema, in dem in jeder Kategorie bestimmte Gegensatzpaare von Unterdrückt und Privilegiert gebildet werden und verlangt wird, dass in allen Kategorien alle „Diskriminierungen“ unterlassen werden. Das Zusammenspiel dieser ist inzwischen keine große Sache mehr.

Das ist zweifellos eine wichtige Erkenntnis. Und auch die Methode, die daraus hervorging, nämlich in jeder Situation zu schauen, wie sich Mehrfach-Diskriminierungen auswirken, ist in den Sozialwissenschaften absolut sinnvoll. Aber es ist eben nur eine Methode für die Sozialwissenschaften, die Sozialpädagogik oder was auch immer. Es ist keine politische Theorie, keine Gesellschaftsanalyse. Es eignet sich anders als beispielsweise der Marxismus nicht, um daraus politische Gesamtkonzepte abzuleiten. Es wird aber heute so eingesetzt, und das führt zu den vielen Absurditäten, die wir erleben.

Ich habe etwas den Eindruck als hat sie die intersektionalen Theorien noch nicht ganz verstanden. Vermutlich hat sie versucht Grundlagentexte zu lesen, aber die ideologische Reduzierung dieser eben außen vor gelassen.

Die soziale Frage spielt eine untergeordnete Rolle

Warum es keine Gesellschaftsanalyse ist und wenn es als solche eingesetzt wird, in keinster Weise progressiv ist, lässt sich am Beispiel der sozialen Frage am deutlichsten zeigen. Es gilt aber für andere Bereiche genauso. Die soziale Frage spielt in der Identitätspolitik und im Intersektionalismus eine untergeordnete Rolle. Das ist auch nicht verwunderlich, denn dafür sind sie nicht entwickelt worden. Viele Poststrukturalisten, zu denen etwa auch Foucault gehörte, sahen sich als Marxisten oder Post-Marxisten. Aber politische Ökonomie war nicht ihr Untersuchungsgegenstand. Für den Intersektionalismus und die Critical-Whiteness-Theorie gilt, dass sie in den USA entwickelt wurden. Und in den USA tut man sich generell schwer mit der sozialen Frage.

Das ist ja in der Tat auch ein häufiger Vorwurf: Die Klassenfrage spielt in der Tat keine Rolle mehr. Dies eben, weil Klasse etwas wäre, was die anderen Bereiche durchbrechen würde und die ideologische Reduzierung erschweren würde.

Es geht gerade darum, dass man eine einfache Einteilung nach Gruppen hat: Wer Schwarz, weiblich, Homosexuell etc ist, der ist unterdrückt. Deswegen geht es ihm schlechter. Die weiße Unterschicht aufgrund von Klasse aus dieser klaren Welt herausnehmen zu müssen würde vieles erschweren. Das Bild würde an Klarheit verlieren, ohne das man davon einen ideologischen Vorteil hätte. Dazu ist Klasse auch zu wenig greifbar, das weiße Arbeiterkind zu wenig eindeutig einzuordnen. Klasse stört schlicht die so schön aufgebauten Feindbilder.

Das verweist übrigens auf ein weiteres Problem, das ich kurz ansprechen möchte: Viele der Glaubenssätze, die nun kursieren, kommen aus den USA und sind, da es eben keine Debatten gibt, eins zu eins übernommen worden. Sie passen aber gar nicht für unsere Gesellschaft. Ein Beispiel ist etwa der Indianerhäuptling. Es gibt wohl kaum eine Kultur, die natürlich wie die meisten Kulturen absolut konstruiert ist, die in Deutschland so positiv gesehen wird wie die Indianer-Kultur. Ob daher die Verwendung des Wortes in gleicher Weise zu verurteilen ist wie in den USA, darüber müsste erst einmal diskutiert werden.

Auch das ist in der Tat richtig und auch hier schon diskutiert worden. Es wurden amerikanische Probleme übernommen, die hier nur schwer zu übertragen sind. In Deutschland beispielsweise gibt es eine Tradition polnischer und rumänischer Niedriglohnarbeiter, die aber weiß sind. Zudem gibt es auch bereits vieles, was man in Amerika erst fordert, beispielsweise ein funktionierendes Sozialsystem, Krankenkassen, freien Zugang zu Universitäten, weit weniger private Schulen (wenn auch „Problemschulen“) etc.

Manches macht Sinn vor dem Hintergrund der amerikanischen Geschichte, wie der Begriff der Cultural Appropriation, der kulturellen Aneignung, wenn man sich etwa die Geschichte des amerikanischen Blues anschaut. In Deutschland aber hat niemand den Schwarzen den Blues geklaut und damit viel Geld gemacht. Im Gegenteil. Das Spielen von sogenannter „Negermusik“ war Widerstand gegen die Nazis und später auch in der DDR subversiv. Das sollte wohl anders bewertet werden.

In der Tat gab es in Deutschland zwar eine gewisse Kolonialgeschichte, aber eben keine Sklaverei in dem Sinne, wie es sie in Amerika gab. Es gab weitaus eher freiwillige Zuwanderung, etwa aus Italien, Griechenland und der Türkei. Die Rassenkonflikte verlaufen gänzlich anders als in den USA.

Da nun aber diese Theorien wie Gesellschaftsanalysen gehandelt werden, gab es immer wieder Kritik daran, dass die soziale Frage nicht auftaucht. Die Vertreterinnen dieser Theorien führen nun die Kategorie des Klassismus auf. Also es gibt Sexismus, Rassismus, Klassismus, Ableismus und viele andere Diskriminierungen.

Klassismus beschreibt die Diskriminierung von Menschen unterer Schichten. Diese Diskriminierung soll aufgehoben werden wie die anderen Diskriminierungen auch. In der Konsequenz heißt das, dass das Arbeiterkind dieselben Chancen haben soll Millionär zu werden wie das Millionärskind. Aber dass es Arbeiter gibt und Millionäre, wird in diesem Ansatz nicht kritisiert und auch gar nicht analysiert.

Identitätspolitik und Intersektionalismus können Diskriminierungen nur beschreiben. Damit können sie zu ihrem Abbau beitragen. Aber gesellschaftliche Strukturen, dahinterliegende materielle Verhältnisse, fassen sie nicht an. Darum sind sie politisch nur bedingt brauchbar.

Da werden die intersektionalen Feministen widersprechen, sie sehen ihre ideologische Reduzierung eben als ein alles erklärendes Modell an, welches keine weitere Aufklärung benötigt. Es ist in sich geschlossen und die Ermittlung weiterer Gründe als „Die sind Priviligiert und die nicht, also müssen die nur ihre Privilegien abgeben“ braucht man nicht um die Strukturen zu ändern. Im Gegenteil: In der Aufklärung weiterer Faktoren steckt dann ein Angriff auf die eigentlichen Thesen und vielleicht sogar eine Schuldzuweisung an die Unterdrückten.

Brauchbar ist die Methode zur Überprüfung der eigenen Position. Wir sollten uns als politische Menschen immer fragen, ob wir etwas überhaupt beurteilen können und was die Basis unserer Erkenntnis ist. Ich weiß nicht, wie Eltern ohne Hochschulabschluss jetzt mit dem Digitalunterricht klarkommen. Ich kann es mir vorstellen, kann Studien darüber lesen, aber es bleibt immer ein Rest, die Ängste, die Ohnmacht, die damit einhergehen, den ich nicht erfassen kann.

Dass der Diskriminierte seine Situation besser erfassen kann, beschreibt schon Hegel in seiner Dialektik von Herr und Knecht. Es ist daher richtig, dass die Änderung der Verhältnisse damit beginnen muss, die Betroffenen zu hören und ernst zu nehmen. Es ist aber eine Verballhornung dieser Erkenntnis, wenn man nun meint, Weiße dürften gar nichts mehr dazu sagen. In der Konsequenz würde es übrigens dazu führen, dass die Chancen, Rassismus und Ungerechtigkeiten abzubauen, deutlich sinken dürften.

Das ist in der Tat wenig durchdacht, was hier auch schon Gegenstand von Artikeln war

Ich glaube übrigens, dass es einigen Protagonistinnen genau darum geht: Sie wollen Rassismus nicht bekämpfen, sondern präservieren. Wozu sollten sie denn sonst forschen? Aber das ist ein anderes Thema.

Hehe. Netter Seitenhieb und durchaus richtig.

Crumar und Mark zu den Identitätstheorien im intersektionalen Feminismus

Ich fand diese Diskussion zwischen  Mark und Crumar in den Kommentaren interessant und möchte sie daher für einen Artikel verwenden:

Mark:

Vielleicht müsste man halt mal schon mal als Vorbedingung sagen: Rassismus ist das, was gewisse Menschen als Rassismus definieren. Nach der mutmasslichen Definition von Alice Hasters wird wohl jede Abweichung von Ergebnisgleichheit zwischen verschiedenen „Ethnien“ in Bezug auf gewisse Ressourcen, Positionen etc. als Rassismus deklariert werden. Das kann man machen, ich halte dies jedoch für eine falsche Definition von Rassismus, zumal die fehlende Ergebnisgleichheit überhaupt nicht durch Diskriminierung zustande kommen muss, sondern unterschiedliche Präferenzen oder unterschiedliche „Kulturen“ bzw. Sozialisationen erklärbar ist. Ausserdem ist nicht einzusehen, weshalb nicht auch nichtweisse Personen, die ja in eine rassistische Gesellschaftsstruktur verstrickt sind, selbst diese Strukturen reproduzieren. Und auf der Handlungsebene auch ganz rassistisch sein können. Das Problem scheint mir hier also zu sein, dass es wieder einmal in einem identiätspolitischen Duktus analysiert wird und sie nicht sieht, dass die verschiedenen Identitäten vollständig austauschbar sind.

Crumar:

Fangen wir noch einmal von vorne an: „Erstmal mag das nach einer progressiven Haltung klingen, wenn jemand behauptet: ,Hautfarben spielen für mich überhaupt keine Rolle‘ – in der Theorie mag das stimmen. Aber wir schauen hier auf eine Geschichte von 500 Jahren Versklavung, 250 Jahre Rassentheorien, Kolonialismus – alles Dinge, die nicht wirklich aufgearbeitet und auch nicht in unserem kollektiven Gedächtnis verankert sind. Sagen wir mal so: Ich hab noch Redebedarf (lacht).“
https://editionf.com/alice-hasters-rassismus-interview/

LACHT finde ich immer gut! 🙂

Es gab keine Sklaverei in Deutschland, die Geschichte des deutschen Kolonialismus dauerte ca. 30 Jahre und war in Afrika faktisch 1915 beendet, als die deutschen Truppen im Rahmen des 1 WW vernichtend geschlagen worden waren.
Von „500 Jahren“, nicht einmal „250 Jahren“ kann gar keine Rede sein.
Der Profit dieses deutschen Kolonialismus hat nie existiert; es war ein ganz mieses Geschäft.
Es gab nach 1918 – auch offiziell – keine deutschen Kolonien mehr, denn die wurden unter den Siegermächten verteilt.

Wenn in Deutschland jemand mit (post-) kolonialen Theorien betteln und hausieren geht, hab ich in der Tat ebenfalls „Redebedarf“.
Sie versucht eine angelsächsische Theorie copy&paste 1:1 auf Deutschland zu übertragen und muss damit scheitern. Sie sucht mit ihrer Mitleidslenkung an einer „progressiven Haltung“ anzusetzen, die sie moralisch erpressen, die hier aber mangels historischer Voraussetzungen schlicht nicht existieren kann.
Sie ist eine Kopistin, die ich nicht weiter ernst nehmen muss – wichtig ist nur ihr zu spiegeln, sie ist eine Kopistin ohne Verankerung in der historischen Realität.

Das ist ja ein altes Problem der intersektionalen Theorien bei der Anwendung in Deutschland: Letztendlich haben diese einen US-Amerikanischen Hierarchiekonflikt gelöst indem sie verschiedene Opferkategorien ausgemacht haben („Männer sind Privilegiert, Frauen benachteiligt“ und „Weiße sind privilegiert und Schwarze bzw PoCs benachteiligt“). Das ist ein Konflikt, der in den USA sehr bedeutsam ist, in Deutschland aber letztendlich eine wesentlich geringere Rolle spielt, schon weil der Anteil der PoCs weitaus geringer ist. In den USA besteht auch eine ganz andere Situation, da dort eben die Sklavenhaltung einen erheblichen Umfang hatte und zu erheblichen Spannungen führte, die so in Deutschland eben nie praktiziert worden ist. Natürlich hat Deutschland ebenfalls eine rassistische Vergangenheit, aber die richtet sich weit eher gegen andere Weiße, eben Juden, als speziell gegen Schwarze. Die größte Ausländergruppe, die Türken waren in der Hinsicht noch nicht einmal wirklich Gegner im zweiten Weltkrieg. Insofern ist die Situation aus den USA schwerer zu übertragen.

Mark:

@crumar
Das Problem ist m.E. wie folgt: Rassismus, Sexismus, Klassismus und viele andere Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen mit Abwertungen, Diskriminierungen, Kriegen, Genoziden, Völkermorde, Massaker etc. gibt es doch seit Beginn der Menschheit und zwar überall auf der Welt. Sicherlich gibt es Unterschiede, aber schlussendlich unterscheiden sich die Menschen nur sehr graduell. Soll heissen: Für das allgemeine Verständnis von Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die ab und an damit einhergehenden Kriegen, Massenmorden, Genoziden etc. bringt es überhaupt nix, wenn man irgendwie eine Identität (hier beispielsweise die Hautfarbe) hervorhebt und so tut, wie ein Täterkollektiv nun speziell mit einer Hautfarbe assoziiert werden kann. Zentral wäre doch mal anzuerkennen, dass Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die damit einhergehenden Abwertungen, Diskriminierungen, Massakern, Genozide etc. nix mit einer besonderen Identität zu tun haben, sondern jede Identität (ob Schwarze, Weisse, Männer, Frauen, Deutsche, Schweizer, Bayern, Schwule, Heterosexuelle etc.) kann zu Tätern und Opfern werden.

In der Tat sind Ingroup und Outgroup Konflikte eine fast zwangsläufige Folge unser ansonsten kooperativen Natur, weil man sich zwangsläufig bei Leuten, mit denen man seltener zu tun hat, eher absichern muss und wir mit relativ kleinen Gruppen innerhalb unserer evolutionär wirksamen Vergangenheit zu tun hatten.

 

Ausserdem muss man gerade beim Rassismus zwischen Handlungs- und Strukturebene unterscheiden. Ein Individuum kann in einem Land leben, wo es strukturellen Rassismus gibt, aber das heisst noch lange nicht, dass dieses Individuum auf der Handlungsebene rassistisch wäre und für die rassistische Struktur kann es vielfach auch nichts, zumal es überhaupt nicht die Macht hat, alleine an der Struktur etwas zu ändern. Und wie ich schon vorher gesagt habe: Es ist nicht einzusehen, weshalb Schwarze in Deutschland, sollte es einen strukturellen Rassismus gegen Schwarze geben, diese Struktur nicht mitreproduzieren, wenn es ja angeblich auch alle Weisse tun. Wenn es alle Weisse tun, dann müssten es m.E. auch alle Schwarze tun. Also, m.E. ist die Argumentation von Alice Hasters nicht plausibel und widersprüchlich.

Finde ich eine wichtige Unterscheidung, die natürlich für das Gruppendenken der Identitätstheorien nicht praktikabel ist. Dort wird die Struktur ja immer von der Gruppe getragen und ein Individuum gibt es quasi nicht, man ist immer Zugehöriger verschiedener Gruppen – „alter weißer Mann“ ist eine berechtigte Schuldzuweisung und eine individuelle Betrachtung wird direkt als Versuch der unzulässigen Exculpierung angesehen -#Notallmen

 

Crumar:

Ich versuche kurz den historischen Rahmen zu verlassen und auf die linksidentäre Theorie und deinen Kommentar, speziell die Etablierten-Aussenseiter-Konstellation einzugehen:

„Für das allgemeine Verständnis von Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die ab und an damit einhergehenden Kriegen, Massenmorden, Genoziden etc. bringt es überhaupt nix, wenn man irgendwie eine Identität (hier beispielsweise die Hautfarbe) hervorhebt und so tut, wie ein Täterkollektiv nun speziell mit einer Hautfarbe assoziiert werden kann.“

So aber funktioniert ihre bizarre Denkweise und ich halte sie für ausgesprochen nützlich.
In der konkreten politischen Situation in D bspw. verdienen die Menschen in den 5 neuen Bundesländern objektiv weniger als in den alten Bundesländern und zwar stimmt hier ausnahmsweise der Befund: Für die gleiche Arbeit.

Als die Linksidentäre Ferda Ataman zum ersten Mal mit diesem Fakt konfrontiert wurde, reagierte sie in ihrer Spon-Kolumne ungläubig, das könne doch wohl nicht heißen, eine türkische Putzfrau im Westen verdiene weniger als eine im Osten.

Sie meinte implizit natürlich – in ihrer subjektiven, der identitären Logik – eine weißenicht „POC“. Während es sich eben objektiv genau so verhält.
D.h. die Linksidentären insistieren darauf, bevor man auch nur einen Blick auf die empirische Realität wirft, stehen „Opfer- und Täterkollektive“ – in ihrem Sinne – bereits fest.
Sagt die empirische Realität das Gegenteil, dann wird sie schlicht geleugnet.

Ihr Bemühen, das „allgemeine Verständnis“ identitär zu beeinflussen, läuft zwangsläufig darauf hinaus zu behaupten, die Menschen in den 5 neuen Bundesländern könnten gar nicht benachteiligt werden, weil sie weiß, Alemans, Kartoffeln usw. usf. sind (das wird man doch wohl noch sagen dürfen!)

Politisch läuft identitäre Logik zwangsläufig darauf hinaus festzustellen, bei den Menschen in den 5 neuen Bundesländern handelte es sich um den „Basket of deplorables“:
Mit der gleichen Volte, die auch für Männer gilt führt die Unterstellung von Privilegien dazu festzustellen, sie hätten aus ihren Privilegien eben nichts gemacht und seien daher selbst Schuld an ihrer miserablen Lage. In neoliberalem Mantra wird ihnen das Scheitern individuell übereignet, zugleich werden sie der Verachtung preisgegeben. Und Widerstand gegen diese miserable Lage zeigt in der bizarren Logik der Identitären immer nur den (natürlich nur unterstellten) Kampf um den Erhalt von Privilegien. Also wie und dass sie völlig im Recht sind.

In dieser Logik können gesellschaftliche Ausschlüsse für beliebige „Identitäten“ und „Täter-Kollektive“ konstruiert werden, man kann dabei ein gutes Gewissen haben und sich „progressiv“ fühlen, während objektiv eine neoliberale, reaktionäre, spalterische Politik verfolgt und eine Hetz- und „Hass“-Sprache etabliert wird.

„Zentral wäre doch mal anzuerkennen, dass Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die damit einhergehenden Abwertungen, Diskriminierungen, Massakern, Genozide etc. nix mit einer besonderen Identität zu tun haben, sondern jede Identität (ob Schwarze, Weisse, Männer, Frauen, Deutsche, Schweizer, Bayern, Schwule, Heterosexuelle etc.) kann zu Tätern und Opfern werden.“

Zentral wäre m.E. erstens vorab, dass uns die Identitären ihre Sicht auf uns aufdrücken wollen.
Ihr Narzissmus besteht zweitens daraus, sie unterstellen mir und uns, wir müssten eine „Identität“ gemäß eines biologistischen Determinismus entwickeln.

Die Denkweise und „Theorie“ ist drittens eine vormoderne und scheitert politisch spätestens, wenn ein als homogen halluziniertes Kollektiv „Männer“ sich nicht einmal auf ein einheitliches Wahlverhalten verabreden kann.
Eine entwickelte „Identität“ gemäß eines sozialen Milieus, in der Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen nicht einheitlich sind und keiner binären Logik folgen stellt eine Überforderung dieser Theorie dar, sie wird – zwangsläufig – einer modernen Gesellschaft nicht gerecht.
Mit einer Jugend-Subkultur wie „Punk“ wird auch eine „Etablierten-Aussenseiter-Konstellation“ fragwürdig, denn die subkulturelle Logik besteht eben gerade darin, sichtbar Aussenseiter zu sein.

Das biologistische fundierte Stammes- und Clan-Denken unterstellt viertens jedem Individuum, Entwicklungsmöglichkeiten nur in den engen Grenzen eines Konzepts von „Identität“ zu haben, welches jedoch immer schon vorausgesetzt ist und dem es sich unterzuordnen hat.
Die Idee einer individuellen Wahlfreiheit in Sachen individueller Identität ist vor dem Hintergrund dieser Vorstellung absurd.
Umgekehrt ist jedoch das „Kollektiv“ der „People of Colour“ (s. Männer) eine Schimäre, denn eine gemeinsame kulturelle Identität haben bspw. Japaner und Nigerianer nicht.

Diese Theorie ist auch nicht „kollektivistisch“, denn ihre Konstruktion eines Kollektivs erfolgt nicht gemäß gemeinsamer Interessen oder einer gemeinsamen sozialen Lage, sondern unterstellt diese auf der Basis biologischer Merkmale. Das ist eine insgesamt von der empirischen Realität völlig entkoppelte Theorie.

Mein Verdacht ist, dass die US-Linke und Linksliberale diese unterkomplexe, vormoderne „Theorie“ angenommen haben, weil sie an den gesellschaftlichen/sozialen Differenzierungsprozessen in ihrer Heimat gescheitert sind.

Abschließend: Kriege, Massenmorde, Genozide sind historisch durchgängig bei allen Kulturen anzutreffen. Die identitäre Verkürzung der Weltgeschichte auf die Kolonialgeschichte muss „POC vs. POC“ Grausamkeiten jedoch leugnen/herunterspielen und erzeugt einen Kollateralschaden: Die wahre Geschichte der Menschheit begann erst mit dem Auftritt der Weißen! 😉

Warum man mit SJWs nicht diskutieren kann

Im wesentlichen ist seine Idee, dass die radikale Linke zu weit aus dem normalen Rahmen fährt um gemeinsame Ziele zu haben, die man nur auf verschiedenen Wegen umsetzt.

Ich würde sagen, dass man natürlich gemeinsame Ziele benennen könnte.

Wenn er sagt, dass man zB diskutieren kann, wie viel Zuwanderung es geben soll, dass das aber nicht möglich ist, wenn die radikale Linke schlicht für offene Grenzen ist, dann hat nennt er erst mal nur eine sehr weite Differenz.  Es kommt dann darauf an, auf welches Ziel man abstellt:

Während man die Frage der Einwanderung unter dem Ziel diskutieren kann, was gut für das jeweilige Land ist (wie viele Arbeitskräfte brauchen wir/ wen lassen wir mit welchen Qualifikationen rein) kann man sie natürlich auch unter dem Gesichtspunkt diskutieren „Warum sollen wir Wohlstand haben und andere nicht, wir müssen sie zu uns kommen lassen, für eine bessere Welt“

Dann diskutiert man über Verantwortung für die Welt und „Egoismus der Leute in den bereits reichen Ländern“.

In der Tat ist das dann eine neue Debatte.

„Der Feminismus ist wie eine absurde Schlacht mit Ameisen“

Lucas Schoppe schreibt wie meist interessantes:

So aber sind Gender Studies in dieser Form eben kein Sozialkonstruktivismus, sondern eher ein Anti-Sozialkonstruktivismus. Sie befeuern die Illusion einer irgendwie echten, authentischen, reinen Wirklichkeit, die sich freilegen ließe, wenn die Konstruktionen der allumfassenden Herrschaftsordnung erst einmal hinreichend entlarvt und bewusst gemacht wären.

Das ist ja das fatale an „Dekonstruktion“ und „kritischer Theorie“, sie weigert sich, sich selbst auch kritisch zu betrachten und ist insofern nur darauf ausgerichtet, alles, was nicht ins eigene Weltbild passt, zu kritisieren, niemals aber die eigenen Ideologien.

Dass sich solch eine Reinheitssehnsucht in Reinigungsphatasien niederschlägt, ist ebenso verständlich wie die das irritierend gute Gewissen der Reinigungsunternehmer. (…)

Die vierte Welle, die der dritten gender-feministischen Welle heute folgt, ist noch besser für Reinigungsphantasien geeignet. Der intersektionale Feminismus kombiniert verschiedene Formen der Diskriminierung, hat sich neben dem Geschlechterverhältnis besonders auf rassische Zuschreibungen konzentriert und stellt regelmäßig fest, dass Menschen in einer Hinsicht privilegiert (Mann! Weiß! Hetero! Cis!), in anderer diskriminiert oder marginalisiert sein können.

Das füttert nicht nur die Illusion, soziale Herrschaft könne jederzeit anhand von Gruppenzugehörigkeiten analysiert und jeweils zweifelsfrei zugeordnet werden – es befeuert auch einen unendlichen Diskriminierungswettlauf. Ist eine lesbische weiße Cis-Frau oder ein heterosexueller schwarzer Trans-Mann eher durch Diskriminierungserfahrungen geprägt – also auch weniger durch den Anteil an Herrschaftsstrukturen verunreinigt?

Für eine linke Politik sind solche Reinheitssehnsüchte ganz besonders katastrophal. Da die Gesellschaft flächendeckend von „Herrschaftsstrukturen“ geprägt scheint, sind es zunehmend immer kleinere Gruppen, die noch ein positives Gegenbild entwerfen könnten. Die linken Kämpfe richten sich schließlich so engagiert gegen immer subtilere Unterdrückungsmechanismen, dass sie von außen betrachtet nicht einmal wie ein Kampf gegen Windmühlen, sondern wie eine absurde Schlacht mit Ameisen erscheinen müssen.

Das er sich in immer kleineren Scharmützeln um die noch bessere Sicht, die noch diskriminierungsfreiere Wirklichkeit verlieren muss, ist in der Tat Fluch und Segen der intersektíonalen Theorien:

Fluch, weil er eben zu Kriegen führt, bei denen das tatsächliche Ziel nicht mehr erreicht werden kann, bei dem sich der Kampf fast automatisch auch nach innen richten muss, bei der mehr Hass entsteht ohne das es produktiv wird.

Aber eben auch Segen, weil man immer ein Opfer hat, für das man sich einsetzen kann, immer signallisieren kann, wie viel einem der Kampf bedeutet und wie nachhaltig man ihn führt und in dem man Wetteifern kann und sich über andere erheben kann.