Wie und warum bilden wir Gruppen?

Es war angesprochen worden, dass Gruppenbildung und evolutionäre Betrachtungen dazu interessant als Thema wären. Ich habe daher dazu einfach mal ein paar Gedanken heruntergeschrieben, quasi als Einstieg:

Gruppenbildung bei Menschen ist aus meiner Sicht stark mit dem Konzept von Geben und nehmen, do ut des, bzw reziproken Altruismus verknüpft.
Natürlich bildet eine Gruppe auch zunächst eine gewisse Sicherheit und dies einfach, weil sich mehr Menschen leichter gegen wilde Tiere oder andere Menschen verteidigen können. Zudem erhöhen Ansammlungen von wesentlicher Art natürlich auch Fortpflanzungschancen Dies mag beispielsweise Gruppen bei Herdentieren begünstigen, bei intelligenteren Tieren, die zu einer Kooperation fähig sind, kommen aber weitere Aspekte dazu. Umso mehr Kooperation zwischen Individuen besteht umso größer ist auch die Gefahr, dass ein Individuum die Arbeit für andere macht und insoweit ausgebeutet wird. Gerade dann, wenn es auch dazu kommen kann, dass ein Lebewesen über eine gewisse Zeit dem anderen hilft, ohne dass das andere Lebewesen sich revanchieren kann, ist es wichtig, dass sich der eine darauf verlassen kann, dass irgendwann auch der andere etwas für einen macht.
Verschiedene Experimente haben gezeigt, dass eines der einfachsten Mittel zur Erzielung einer dauerhaften Kooperation und Abwehr einer einseitigen Ausbeutung ist, dass man die eigene Kooperation davon abhängig macht, dass der andere ebenfalls kooperativ ist. Wenn Kommunikationsmöglichkeiten hinzukommen, dann kann zudem ein entsprechender Ruf aufgebaut werden bzw. schlechtes Verhalten an andere weitergegeben werden. Wenn jemand also ein anderen ausbeutet, dann kann dieser anderen abraten, mit ihm zu kooperieren bzw. diese können aus den Erzählungen eigene Schlussfolgerungen darüber vornehmen, ob sich eine Kooperation lohnt. Damit wird die Ausbeutung von jemanden, der dies an andere weitergeben kann, weniger attraktiv, so dass kooperatives Verhalten gefördert wird.

Dies ist allerdings bei Personen schwierig, die um eine Beschädigung ihres Rufes nicht fürchten müssen, weil sie üblicherweise nicht mit Person in Kontakt kommen, die ein Kontakt zu demjenigen haben, den sie reingelegt haben. Umso weniger Kontakt eine Person hat, und umso eher sie anonym bleibt, umso geringer ist insofern die Gefahr, dass sich ein schlechter Ruf entwickelt.

Es kann sogar ein gegenteiliger Effekt eintreten:
Wer etwas von jemanden günstig erhält, indem er dessen Kooperation ausnutzt und das Produkt dieser Kooperation dann an Leute weitergibt, die üblicherweise mit ihm kooperieren, dann können diese sogar dieses Verhalten begrüßen und als Unterstützung der Gruppe werten.

Geht man davon aus, dass in prähistorischen Zeiten keine Sesshaftigkeit vorlag und Menschen im wesentlichen Jäger und Sammler waren, die umherwanderten, dann ist dieses Szenario durchaus wahrscheinlich. Dann stellt eine Ansammlung anderer Personen erst einmal eine Ansammlung von Ressourcen dar, die man sich aneignen kann und für die eigene Gruppe und sich selbst verwenden kann. Unfair zu spielen kann sich hier wesentlich mehr lohnen als kooperativ zu spielen, wenn man es geschickt macht.

Damit wäre die Grundlage dafür gelegt, dass man zwischen einer eigenen Gruppe und den dort vorhandenen Personen, über die man einen schlechten Ruf verbreiten kann, und anderen Gruppen, bei denen ein Ausbeuten der eigenen Gruppe nutzen kann und die ein schneller Ausdruck ausbeuten können, weil sie einen schlechten Ruf durch einen selbst nicht fürchten müssten, differenziert. (In-Group und Out-Group)

Nimmt man hinzu, dass Ansammlung von Person eben auch um Ressourcen vor Ort konkurrieren und zudem eine Gefahr darstellen, weil sie bereits angesammelte Ressourcen wegnehmen wollten, dann erklärt sich die Attraktivität der Gruppenbildung, bei der die eigene Gruppe die „guten“ sind und die andere Gruppe die „schlechten“ oder jedenfalls potentiell gefährlichen. Hier liegt der Grund für Kriege, Feindschaften und Rassismus.

Dieses Bild ist aber natürlich noch zu einfach gehalten: Auch Gruppen, die mit einander konkurrieren können kooperieren und das passende Vertrauen aufbauen. Archäologische Funde zeigen, dass bereits in der Frühzeit viel Handel betrieben worden ist. Gruppen, die sich eher im Landesinneren aufhielten haben beispielsweise Steine oder dort vorhandene Früchte gegen Muscheln und Fische anderer Gruppen, die er am Meer bewanderten, eingetauscht. Handwerker aus einer Gruppe, die in einem Bereich besonders gut waren haben mit Handwerkern anderer Gruppen, die in einem anderen Bereich besonders gut waren, getauscht. Insofern handelt es sich nicht um ein striktes näheres Modell, bei dem wir nur unsere Gruppe als die Guten akzeptieren und jede andere Gruppe schlecht ist, sondern um ein vielschichtiges Modell, bei dem es von dem Zusammenwirken und den daraus entstehenden Vorteilen abhängt, ob wir eine Gruppe als vertrauenswürdig ansehen oder nicht.

Wenn das 1. Konstrukt Kriege und Rassismus ermöglichen, dann ermöglicht die weitergehende Betrachtung Völkerverständigung und weltweiten Handel. Um so eher eine Gruppe von einem kooperativen Handel zitiert und umso eher sich und kooperatives Verhalten auch auf die Kooperationsbereitschaft andere Gruppen auswirkt, umso eher lässt sich dies erreichen.

Dabei kommt uns die Neuentwicklung von Kommunikationstechniken und schnellen Beförderungen gegenwärtige sehr zugute. Wenn man weltweit nahezu alles produzieren kann und die örtlichen Gegebenheiten wie die Fruchtbarkeit des Bodens oder das Klima einen weit weniger einschränken, weil technische Produkte und Erfindungsreichtum weitaus eher die wichtigen Faktoren sind, dann kann eine weltweite Kooperation ermöglicht werden.
Wo früher die Wikinger aufgrund kargen Bodens Reichtum weit eher erreichen konnten, indem sie plündernd über andere hergefallen sind würde dieses Modell heute nicht mehr funktionieren, weil Kriege zu zerstörerisch geworden sind und Unterstützung von überall auf der Welt kommen kann, wenn ein anderes Land angegriffen wird. Wenn aufgrund der langen Handelswege Italien in jedem Fall mit Frankreich Handel treiben musste, dann konnte es Italien auch egal sein, ob Frankreich gleichzeitig Kriege gegen England führt. Es blieb nichts anderes übrig als auf diesem Wege zu kooperieren.

Es lohnt sich heute nicht ein Land tatsächlich zu bekriegen, wenn man es auch „ökonomisch besetzen“ kann, in dem man dort Produkte verkauft, Filialen oder Zweigstellen unterhält und anderweitig kooperiert.

Natürlich setzt dies allerdings immer noch voraus, dass das Gefühl besteht, dass man dem anderen vertrauen kann, dass er ebenfalls mit einem kooperieren will und dass man zumindest gewisse Werte miteinander teilt. Und natürlich kooperieren wir leichter mit Leuten, mit denen wir mehr teilen, mehr Gemeinsamkeiten entdecken, die uns nicht fremd und merkwürdig vorkommen, mit denen wir kommunizieren können etc. Gleichzeitig spielt auch hier eine Eingebundenheit in Recht und Gesetz in ihrem jeweiligen Staat eine entsprechende Rolle. So würden die meisten Leute bei einem Geschäft mit einem Japaner eher davon ausgehen, dass dieser sich an Recht und Gesetz halten wird, da man ihn zur Not vor einem japanischen Gericht zur Verantwortung ziehen kann. Bei einem Chinesen mag dies ganz anders sein,China ist im wesentlichen ein relativ rechtloses Land, in dem es durchaus als okay gilt, sich etwas mehr zu nehmen und die Fremden reinzulegen.  In einem afrikanischen Land mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen wird man noch vorsichtiger mit seiner Kooperation sein. Ebenso auch in einem beispielsweise muslimischen Land, bei dem teilweise Religion und Recht vermischt ist.

Also: Umso mehr Gemeinsamkeiten wir haben bzw. umso leichter Vertrauen besteht, dass Verstöße gegen Kooperation geahndet werden bzw. derjenige diese von vornherein unterlässt, umso eher fällt uns eine Einordnung in die (erweiterte) In-Group einfach. Umso eher eine Abgrenzung zu einer anderen Gruppe möglich ist, mit der keine Gemeinsamkeiten bestehen und zu der auch kein Vertrauen besteht, umso eher findet eine Einordnung in die Out-Group statt.

Dabei ist dies natürlich nicht lediglich an Gruppen gebunden, sondern findet auch auf einer persönlichen Ebene statt. Beispielsweise mag einer bestimmten Person vertraut werden, wenn man diese kennt, während man bei anderen Mitgliedern einer bestimmten Gruppe misstrauisch ist und umgekehrt.

Die Fähigkeit des Menschen zu Kooperation auch über seine Verwandtschaft und seinen Nächsten Bekanntenkreis hinaus ist eine der wesentlichen Eigenschaften, die das Erfolgsmodell Mensch begründet hat. Weil wir kooperative Wesen sind konnten wir uns weiterentwickeln und die Ergebnisse dieser Kooperationen nutzen. Grundsätzlich kann Ihre Kooperation nahezu unbegrenzt ausgeweitet werden. Dies wird umso leichter, wenn alle darum bemüht sind in sie gesetzte Vertrauen auch zu rechtfertigen und nicht andere Gruppen zu einer Out-Group erklären.

Orientierung an der Peer Group vs Orientierung an der Gesellschaft im intersektionalen Feminismus

In einer Diskussion zu Kathleen Kennedy, Star Wars und der Frage, ob man da nicht merkt, wie bestimmte Aussagen ankommen, schrieb Kommentator Jochen Schmidt:

Zumindest die höher gestellten Leute – Manager und so – orientieren sich nicht so stark an der Realität, sondern in erster Linie an den Werten und dem Status in ihrer Peer Group.

Dafür mal ein persönliches Beispiel: Früher hab‘ ich bei Washington Group Int. gearbeitet, einem Welt-Konzern. Dort hatte ich guten Kontakt zum Chef von Europa. Und der hat mir erzählt: Die großen Manager von Washington akquirieren nur wirklich große Projekte für ihre Ingenieur-Teams und so. Kleine Projekte (Budget unter 1 Mio) interessieren sie nicht.

Was machen die nun, wenn es in einer wirtschaftlichen Flaute bloß kleine Projekte gibt? Gar nichts. Sie warten einfach. Sie akquirieren auch in dieser schlechten Zeit keine kleinen Projekte für ihre Mitarbeiter, weil dies ihrem Ansehen in ihrer Peer Group – andere große Manager – abträglich wäre.

Das bedeutet natürlich, daß die Firma Verluste einfährt, über kurz oder lang müssen hochqualifizierte Leute entlassen werden. Völlig egal – es werden keine kleinen Projekte akquiriert! Sonst würde der Status der großen Manager Schaden nehmen.

Meine Vermutung wäre, daß eben auch Kathleen Kennedy sich nicht so sehr an der Realität orientiert, sondern an den Werten und dem Status in ihrer Peer Group. Und dort ist es eben verpflichtend, sich als Kämpfer für gesellschaftlichen Fortschritt, also für die Dominanz der Frauen, zu bewähren und dafür auch Millionen-Beträge in die Hand zu nehmen. Wenn das schief geht, müssen andere die Konsequenzen tragen.

Die Bedeutung der Peer Group wird denke ich gerne unterschätzt. Auch bei Kindern ist dieser Einfluss zB unglaublich stark.

Evolutionär würde das durchaus nachvollziehbar sein: Es ist wichtig in seinem Kreis von Verbündeten und einem Nahe Stehenden akzeptiert  zu werden, denn diese geben bzw gaben einem in evolutionär relevanten Zeiten die meiste Unterstützung oder eben Schutz. Wenn weiter entfernte Leute einen für schlecht hielten, die einem eh nichts brachten, dann konnte man das eher verschmerzen.

Ich kann mir vorstellen, dass das gerade bei einer so radikalen Gruppierung wie dem intersektinalen Feminismus mit seinem fast religiösen Charakter eine sehr starke Rolle spielt, denn die Peer-Group bekommt ja Punkte dafür, dass sie bei einem selbst abweichendes Verhalten feststellt und Fehler aufzeigt und die Folge ist schnell ein kompletter Ausschluss aus dem Zirkel. Damit besteht auch ein besonderes Bedürfnis bei einer passenden Peergroup in dieser Hinsicht „abzuliefern“ und das Richtige zu machen.

Das würde auch gut zum starken „Sendebewußtsein“ führen: Man kann mit dem passenden Produkt eben wunderbar Virtue Signalling betreiben und vergisst dann mitunter vielleicht, dass es die Kunden sind, die das Produkt kaufen und das man Geld verdienen soll oder man blendet es aus, weil die Rückmeldungen der eigenen PeerGroup so entzückt sind.

Was das auch noch verstärken könnte ist, dass gerade Männer in dem Bereich ja eh bereits eine Erbschuld abtragen müssen. Ein solches Produkt ist dann letztendlich ein großes „Schaut, ich bin einer der Guten, ich arbeite an der Befreiung der Frau von den weißen alten Männern, auch wenn ich vielleicht selbst einer bin“.

Natürlich gilt das  auch für viele andere Gruppen, in denen die Peer Group starke Ansichten vertritt und Abweichler ausschließt.

Die Wirkung von Appellen zur Hilfe anderer Gruppe vs die Betonung, dass andere bereits Teil der Gruppe sind

Ich lese gerade „Everybody Lies“, ein sehr interessantes Buch, welches hier auch schon mal Thema war, indem es um die Auswertung großer Daten , die gerade durch die Digitalisierung und das Internet, etwa Suchanfragen bei Google, zur Verfügung stehen.

Es hat viele interessante Stellen, diese hier beispielsweise, die ich hier aus einem Artikel zitiere, die aber auch so ins Buch gewandert zu sein scheint.

In the days following the San Bernardino attack, for every American concerned with “Islamophobia”, another was searching for “kill Muslims”. While hate searches were approximately 20% of all searches about Muslims before the attack, more than half of all search volume about Muslims became hateful in the hours that followed it. And this minute-by-minute search data can tell us how difficult it can be to calm this rage.

Four days after the shooting, President Obama gave a prime-time address to the country. He wanted to reassure Americans that the government could both stop terrorism and, perhaps more importantly, quiet this dangerous Islamophobia. Obama appealed to our better angels, speaking of the importance of inclusion and tolerance. The rhetoric was powerful and moving. The Los Angeles Times praised Obama for “[warning] against allowing fear to cloud our judgment”. The New York Times called the speech both “tough” and “calming”. The website ThinkProgress praised it as “a necessary tool of good governance, geared towards saving the lives of Muslim Americans”. Obama’s speech, in other words, was judged a major success. But was it?

Er hat also an das „Gute“ im Menschen appelliert und angeführt, dass man tolerant sein müsse und Inklusion betreiben müsse. Also im wesentlichen die Reden, die man auch gerade im Rahmen der Flüchtlingskrise kennt und die auch sonst im intersektionalen Bereich stark prägend sind.

Zum Erfolg:

Google search data suggests otherwise. Together with Evan Soltas, then at Princeton, I examined the data. In his speech, the president said: “It is the responsibility of all Americans – of every faith – to reject discrimination.” But searches calling Muslims “terrorists”, “bad”, “violent”, and “evil” doubled during and shortly after the speech. President Obama also said: “It is our responsibility to reject religious tests on who we admit into this country.” But negative searches about Syrian refugees, a mostly Muslim group then desperately looking for a safe haven, rose 60%, while searches asking how to help Syrian refugees dropped 35%. Obama asked Americans to “not forget that freedom is more powerful than fear”. Yet searches for “kill Muslims” tripled during his speech. In fact, just about every negative search we could think to test regarding Muslims shot up during and after Obama’s speech, and just about every positive search we could think to test declined.

Man sieht, dass die Rede eher den gegenteiligen Effekt hatte: Die Leute verhielten sich eher feindselig gegenüber der Auffoderung, meiner Vermutung nach, weil sie es als Aufforderung zu etwas, was ihnen nicht gefiel ansahen,  so dass sie nach Gründen suchten, mit denen sie es ablehnen konnten oder eben die eigene Gruppenidentität und das Gegeneinander der Gruppen hervorgehoben haben, damit sie ebenfalls Gründe für ihre eigene Haltung haben-

In other words, Obama seemed to say all the right things. But new data from the internet, offering digital truth serum, suggested that the speech actually backfired in its main goal. Instead of calming the angry mob, as everybody thought he was doing, the internet data tells us that Obama actually inflamed it. Sometimes we need internet data to correct our instinct to pat ourselves on the back.

Und das ist eben auch ein Effekt, der gerade dann entsteht, wenn man andere Leuten Opfer abverlangt, die anderen zu Gute kommen und diese keinen Grund dafür sehen. Nach außen hin mag man in solchen Fällen dann vielleicht Virtue Signalling betreiben und die Rede gut finden. Aber im Internet und auch ansonsten muss man das nicht, man kann seine Angst, dass hier eine feindliche Outgroup auf eigene Kosten stärker gemacht wird, ausleben.

(….)

The final – and, I think, most powerful – value in this data is its ability to lead us from problems to solutions. With more understanding, we might find ways to reduce the world’s supply of nasty attitudes. Let’s return to Obama’s speech about Islamophobia. Recall that every time he argued that people should respect Muslims more, the people he was trying to reach became more enraged. Google searches, however, reveal that there was one line that did trigger the type of response Obama might have wanted. He said: “Muslim Americans are our friends and our neighbours, our co-workers, our sports heroes and, yes, they are our men and women in uniform, who are willing to die in defence of our country.”

Also ein Appell bzw. eine Erinnerung daran, dass die betreffende Gruppe bereits Teil der In-Group ist und als solche produktiv ist. Also das genaue Gegenteil, was viele intersektionale Theorien machen, die darauf abstellen, dass sich in der Tat feindliche Gruppen in einem Nullsummenspiel gegenüberstehen und Beschuldigungen erheben. Die darauf abstellen, dass man die weißen heterosexuellen, männlichen etc Personen, die einen Großteil der In-Group bilden, angreifen darf, sie nicht diskriminieren darf, sie etwas abgeben müssen, sie die bösen sind. Statt dessen der Hinweis: Pauschalisiert nicht, die meisten sind ganz normale Teile unserer Gruppe, die hart arbeiten und genauso sind wie ihr.

After this line, for the first time in more than a year, the top Googled noun after “Muslim” was not “terrorists”, “extremists”, or “refugees”. It was “athletes”, followed by “soldiers”.” And, in fact, “athletes” kept the top spot for a full day afterwards. When we lecture angry people, the search data implies that their fury can grow. But subtly provoking people’s curiosity, giving new information, and offering new images of the group that is stoking their rage may turn their thoughts in different, more positive directions.

Die Leute können eben dieses Argument weitaus schwerer ablehnen, weil da die Gruppenbildung nicht mehr so einfach ist. Wer für das Land kämpft, wer die eigene Mannschaft zum Sieg bringt oder für das Land in Wettkämpfen auftritt, der hat einen anderen Status als Leute, denen man vorwerfen kann, dass sie einen umbringen wollen.

Obama spent little time insisting on the value of tolerance. Instead, he focused overwhelmingly on provoking people’s curiosity and changing their perceptions of Muslim Americans. Many of the slaves from Africa were Muslim, Obama told us; Thomas Jefferson and John Adams had their own copies of the Koran; a Muslim American designed skyscrapers in Chicago. Obama again spoke of Muslim athletes and armed service members, but also talked of Muslim police officers and firefighters, teachers and doctors. And my analysis of the Google searches suggests this speech was more successful than the previous one. Many of the hateful, rageful searches against Muslims dropped in the hours afterwards.

Also wieder ein stärkerer Appell an das „Wir-Gefühl“, an den Umstand, dass die Leute bereits Teil der eigenen Gruppe sind und produktiv dazu gehören. (das wird bei Flüchtlingen schwieriger, weil viele davon eben kaum deutsch sprechen und keine Ausbildung haben und von Sozialhilfeleistungen leben werden müssen). Es zeigt aus meiner Sicht aber, wie wichtig es sein kann, zu schauen, ob man Forderungen zu eigenen Anstrengungen zugunsten Dritter erhebt oder eben darstellen kann, dass die Gruppe bereits produktiver Teil der eigenen Gruppe ist. Es könnte auch darlegen, dass Parolen wie „Wir schaffen das“ eher Rassismus beflügeln, weil die Leute keinen Grund sehen es zu schaffen.

Und auch Aufforderungen seine Privilegien zugunsten anderer abzulegen wird eher die Gräben vertiefen statt zu einer Verbesserung zu führen. Im Geschlechterbereich ist ein Appell an die Gemeinschaft und die Ingroup ja ohne weiteres möglich. Dort gibt es allerdings insoweit auch keinen Hass, der ja eher von den radikalen Kreisen beschworen wird. Die meisten Menschen kommen gut mit dem anderen Geschlecht aus und finden den Umgang mit ihm sehr reizvoll. Hier künstliche Gräben zu errichten schadet dem eher.

Projektion des eigenen Verhaltens auf das andere Geschlecht

In den Kommentaren kam wiederholt die Anmerkung, dass viele Feministinnen Projektion betreiben würden, also ihre eigenen Gedanken auf die Männer übertragen würden.

Ein Beispiel wäre zB hier

Das ist ja die Wurzel des Feminismus: Die Projektion des eigenen Schattens auf den Mann. Frau könnte soo gut sein, wenn nur Männer nicht soo schlecht wären.

Die Wikipedia schreibt dazu:

Projektion bezeichnet in der Neurosenlehre allgemein − und von Schulen unabhängig − einen Abwehrmechanismus. Der Begriff Projektion umfasst das Übertragen und Verlagern eines innerpsychischen Konfliktes durch die Abbildung eigener Emotionen, Affekte, Wünsche und Impulse, die im Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen stehen können, auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt.

(…)

Der Begriff institutionelle Abwehr wurde von Stavros Mentzos vorgeschlagen. Als Synonyme für institutionelle Abwehr werden auch Begriffe wie psychosoziale Kompromisslösung und psychosoziales Arrangement gebraucht (s.a. Annelise Heigl-Evers). Als gleichbedeutend wird auch der von Jürg Willi geprägte Begriff Kollusion verwendet.

Die Autoren Hoffmann und Hochapfel verwenden den Begriff psychosoziale Abwehr. Er besagt, dass zivile Personen wie auch Institutionen Abwehr und kompensatorische Funktionen ausüben können. Die Bedeutung des Begriffs ist als in sich gegensätzlich zu verstehen. Einmal können die von der Institution angebotenen Rollen vom einzelnen zum Zweck der individuellen neurotischen Abwehr benutzt werden, andererseits übernehmen Institutionen sekundär die Befriedigung neurotischer Bedürfnisse. Interpersonelle und institutionelle Abwehr gehören zu den am häufigsten vertretenen und auch in der Öffentlichkeit eingenommenen Abwehrmechanismen (s.a. Stavros Mentzos). Es erscheint gerechtfertigt, die institutionelle und interpersonelle Abwehr als Unterformen der Projektion zu betrachten, da es sich bei diesen Abwehrformen um eine Externalisierung handelt: Ein innerseelischer Konflikt wird in eine reale zwischenmenschliche und zuweilen soziale oder institutionelle Beziehung verlagert.

Diese Ähnlichkeit und das Zusammenwirken von intraindividueller und interindividueller Balance wird insbesondere von Jürg Willi hervorgehoben. Erich Neumann spricht von einer Psychologie des Sündenbocks als eine ethische Primitivform. Sie deckt sich mit dem universalgeschichtlich zu verfolgenden Entwicklungsstadium der Gruppenidentität bzw. mit dem entwicklungsgeschichtlichen Stadium des Narzissmus.

Dabei kommt es zu einem Kreislauf der Gewalt als äußere Ausgrenzung in Form von Projektion auf der Objektstufe (z. B. Fremdenhass) und innerpsychischer Abspaltung (Schattenproblem). Dieser Schatten führt erneut zur Projektion auf die Politik bzw. auf extremistische politische Gruppierungen. Hierdurch werden alle mit dem wertidentischen Bewusstsein nicht übereinstimmenden Inhalte auf eine Person oder Personengruppe übertragen, die – möglicherweise im Umweg über politische Institutionen – nun zur Zielscheibe aller verdrängten destruktiven Affekte wird (z. B. Achse des Bösen).

Das scheint mir auf viele feministische Theorien durchaus zu passen, etwa wird intrasexuelle Konkurrenz unter Frauen komplett in eine Unterdrückung durch den Mann umgedeutet, alle Verantwortung der Frauen für alle Bereiche, in dem sie nach dem Feminismus schlechter abschneiden, beispielsweise Frauen in Führungspositionen ist die Schuld der Männer, der zum „Bösen“ ausgebaut wird, zum Privilegierten, der den Frauen etwas wegnimmt, während das eigene Handeln eben nicht böse ist, sondern schlicht Gegenwehr gegen diese Unterdrückung.

Der innere Konflikt, der etwa daraus besteht, dass man nicht hübsch ist oder hübsch sein anstrengend ist, dass man als jemand, der sich von der Geschlechterrolle abweichend verhält und deswegen häufiger aneckt etc, all das wird aus der eigenen Gruppe weg und damit auch von einem Weg auf den Mann übertragen.

Ein Beispiel für eine Anwendung auf den Feminismus habe ich auch hier gefunden:

Looking at the research, evidence suggests the following two things.

(1)Women have an ingroup bias which is significantly higher than men’s ingroup bias. In fact, men who do not conform with traditional ideals of masculinity, or men who have frequent and satisfying sexual encounters with women are biased in favour of women to an almost equal degree as women themselves.

(2) Research being done in the field of narcissism and self esteem related personality disorders has discovered a disturbing trend in the rise of narcissistic personality disorder across every demographic, but in particular girls and women are being the most significantly effected.

Knowing these two things, that women have an automatic preference for themselves, and women are more narcissistic than ever before with unprecedented numbers of women diagnosed with narcissistic personality disorder, we can make some pretty logical conclusions about feminism and many of it’s ideas, for example patriarchy theory.

Patriarchy is a psychological projection. Men do not have the ingroup bias that women have. Several scholarly experiments have confirmed that the ingroup bias that women possess is remarkably higher than men’s. The findings suggest that men do not automatically prefer their own gender and therefore the idea that men would create a system that gives other men automatic preference is not plausible. Giving your own gender automatic preference is the way women think, not the way men think.

A psychological projection is when you project your own faults or flaws onto others. It’s a common behavior of those suffering from narcissistic personality disorder. Coincidentally there are a growing number of studies showing that women are becoming increasingly narcissistic and that the rapid increase in NPD occurring in women is, at least partially, caused by feminism.

We as a society need to have an academic discussion on the merits of feminism and criticism of it’s theoretical foundation, it’s execution, and some of the unintended consequences.

Patriarchy theory is a psychological projection. It reflects the way the world would be, genders reversed, if women were the historically dominant gender, and the way the world will increasingly look as women gain more power to shape society.

Hier ginge es darum, dass Frauen eher ein Gruppengefühl aufbauen, indem sie andere Frauen unterstützen wollen, während Männer in einer solchen Situation eher davon ausgehen, dass Frauen und Männer entweder Verbündete oder Konkurrenten sind und ihnen das Geschlecht dabei nicht so wichtig für die Einordnung ist.

Die Projektion wäre, dass man selbst seine Geschlechtsgenossen eher unterstützen würde und daher auch davon ausgeht, dass andere das genauso machen. Man gesteht sich dabei diese „Parteinahme“ nicht in der Form ein und überträgt sie statt dessen auf die andere Seite.

Meint ihr Projektion spielt in der Geschlechterdiskussion eine große Rolle? Wo seht ihr sie bei Männerrechtlern? Wie wirkt sie sich im Feminismus aus?

Warum will die Linke die Wiederbelebung der Apartheid?

Matt Ridley schreibt etwas zu dem Trend innerhalb der linken Theorie im Rahmen der Intersektionalität auf Identitätspolitik zu setzen:

The student union at King’s College London will field a team in University Challenge that contains at least 50 per cent “self-defining women, trans or non-binary students”. The only bad thing Ken Livingstone could bring himself to say about the brutal dictator Fidel Castro was that “initially he wasn’t very good on lesbian and gay rights”. The first page of Hillary Clinton’s campaign website (still up) has links to “African Americans for Hillary, Latinos for Hillary, Asian Americans and Pacific islanders for Hillary, Women for Hillary, Millennials for Hillary”, but none to “men for Hillary”, let alone “white people for Hillary”.

Since when did the left insist on judging people by — to paraphrase Martin Luther King — the colour of their skin rather than the content of their character? The left once admirably championed the right of black people, women and gays to be treated the same as white, straight men. With only slightly less justification, it then moved on to pushing affirmative action to redress past prejudice. Now it has gone further, insisting everybody is defined by his or her identity and certain victim identities must be favoured.

Given the history of such stereotyping, it is baffling that politicians on the left cannot see where this leads. The prime exponents of identity politics in the past were the advocates of apartheid, of antisemitism, and of treating women as the legal chattels of men. “We are sleepwalking our way to segregation,” Trevor Phillips says.

Identity politics is thus very old-fashioned. Christina Hoff Sommers, author of Who Stole Feminism, says equality feminism — fair treatment, respect and dignity — is being eclipsed in universities by a Victorian “fainting couch feminism”, which views women as “fragile flowers who require safe spaces, trigger warnings and special protection from micro-invalidations”. Sure enough, when she said this at Oberlin College, Ohio, 35 students and a “therapy dog” sought refuge in a safe room.

It is just bad biology to focus on race, sex or sexual orientation as if they mattered most about people. We’ve known for decades — and Marxist biologists such as Dick Lewontin used to insist on this point — that the genetic differences between two human beings of the same race are maybe ten times as great as the average genetic difference between two races. Race really is skin deep. Sex goes deeper, for sure, because of developmental pathways, but still the individual differences between men and men, or women and women, or gays and gays, are far more salient than any similarities.

Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass Gruppenbildung der schlechteste Weg ist, um eine bessere Welt zu schaffen. Gruppen gegeneinander zu stellen und künstliche Graben zu errichten, in denen man darauf abstellt, dass eine Seite der anderen Seite etwas wegnimmt ist einer der sichersten Weg Hass und Mißtrauen zu errichten und Einigkeit und ein „Wir Gefühl“ zu verhindern. Wer einer Gruppe beständig vorhält, dass sie schlecht ist und die Leute von einander abgrenzt, der wird wenig Gutes erreichen. Genau das ist aber das Grundmodell intersektionaler Theorien: Gruppenidentitäten fördern und Gegenspieler (die Privilegierten und die Nichtprivilegierten) benennen. Dann noch eine Umumkehrbarkeit dieser Gruppen und eine Einteilung in Gut und Böse vornehmen und das Desaster ist perfekt. Die einen bauen eine Opferidentität auf, die anderen fühlen sich zu Unrecht als Täter dargestellt und beide Fronten verhärten sich.

Rassismus, rassistische Strukturen und Gruppentheorie

Die Flüchtlingswelle führt dazu, dass viele Menschen auf einmal untergebracht werden müssen und dies wiederum führt zu einem offen zu Tage tretenden Rassimus.

Aus meiner Sicht ist Rassismus zunächst erst einmal ein Outgrouping, dass die üblichen Effekte, die typischerweise damit verbunden sind, hervorrufen soll:

  • „Die sind anders, warum sollten die zu uns gehören?“ Einordnen in eine homogene möglichst einfache Gruppenidentität
  • „Wir sind besser als die“ Aufwertung der eigenen Gruppe
  • „Wir gegen die“ Stärkung des Gruppenzusammenhalts und Schaffung eines Sündenbocks
  • „Was haben wir von denen“ Anklage des Trittbrettfahrertums bzw des Aufkündigen von „do ut des“

Vielleicht ist das auch der Grund, warum gerade ländlichere Gegenden und auch gerade der Osten eher von Rassismus betroffen sind.

Gruppenidentität ist etwas, was alle Menschen bis zu einem gewissen Grad haben. Und natürlich ist es auch durchaus berechtigt, die eigenen Interessen im Auge zu behalten: Es ist so gesehen etwas ungewöhnliches, dass wir in diesem Bereich nicht egoistisch sind. Die menschliche Spezies ist insoweit eine sehr soziale Spezies. Das dieses soziale Wiederum seine Grenzen hat, ist dabei aus meiner Sicht nichts ungewöhnliches. Wo diese gezogen werden ist eine kulturelle Frage.

Ich glaube nicht, dass Deutschland da so schlecht abschneidet. Natürlich gibt es hier Rassismus und auch schreckliche Taten gegen Ausländer, aber die gibt es in anderen Ländern auch. Die meisten Menschen sehen es durchaus als ihre Pflicht an zu helfen und sind durchaus damit einverstanden, dass Flüchtlinge aufgenommen werden.

Es ist aber wohl schwer, das wahrzunehmen, wenn man nur in sehr groben Gruppen denken kann: Weiße gegen PoCs, Flüchtlinge  gegen Deutsche, Antideutsche gegen die „Nation“.

Die Flüchtlingskrise und die Vorfälle werden daher in das zu erwartende Schema eingeordnet zB

 

Ich frage mich, ob man sich bei diesen Ideologien überhaupt noch Gedanken darüber macht, ob die Strukturen wirklich so weit ausgeprägt sind oder ob man die Grenzen ganz automatisch zieht.

Natürlich ist es auch nicht ganz falsch: Gruppendenken ist eben ein wichtiger Bestandteil und wie stark man die Gruppenzugehörigkeit zieht ist graduell nach den Umständen.

Ein gutes Beispiel ist die in diesem Bereich vorhanden Gruppenidentität als Antideutsch, die recht undifferenziert in Hass umschlägt, wenn sie die Gruppe der Deutschen an sich sehen und bei einzelnen Mitgliedern der Gruppe, die sie persönlicher kennen oft hinter dem Individuum zurückstecken muss.

So gesehen ist der dortige Rassismus, definiert als Hass gegen eine ethnische Gruppe, keine andere Form des Outgroupings und erfüllt auch die gleichen Funktionen:

  • „Die sind anders, warum sollten die zu uns gehören?“ Hier ist die andere Gruppe eben die Deutschen
  • „Wir sind besser als die“ Aufwertung der eigenen Gruppe: „die sind eh alle Nazis, die einen mehr die anderen weniger“
  • „Wir gegen die“ Stärkung des Gruppenzusammenhalts und Schaffung eines Sündenbocks
  • „Was haben wir von denen“ Anklage des Trittbrettfahrertums bzw des Aufkündigen von „do ut des“. Hier ist das gemeinsame Ziel die Anerkennung als Nichtrassistisch, welches „die Deutschen“ verhindern

Ich glaube, dass die Taktik dazu zur Verhinderung von Rassismus auch nicht wirklich geeignet ist, sondern tatsächlich eher dazu geeignet ist, sich gut zu fühlen.

Wenn man Rassismus verhindern will, dann kann man natürlich versuchen, die anderen auszugrenzen, und dadurch Druck aufzubauen, damit sie in die eigene Gruppe wechseln. Aber dazu ist es wenig geeignet eine so undifferenzierte Schuldzuweisung vorzunehmen und als kleine Gruppe versuchen eine kleine Gruppe so heterogen wie Deutsche durch Beschämen zu einem Verhaltenswechsel zu bewegen.

Eine effektivere Taktik wäre es wohl eher, Rassisten innerhalb der Gruppe zu isolieren, indem man versucht eine positive Gruppenidentität zu fördern und rassistisches Verhalten zu ächten. Also letztendlich der „Pack“-Ansatz. Natürlich bewirkt auch dieser bei den passenden häufig einen Gruppeneffekt, sie machen sich diese Bezeichnung zu eigen und nutzen ihn zur Stärkung der eigenen Gruppenidentität. Aber eine gewisse Isolierung tritt dennoch ein. Der Kampf wird dabei letztendlich darüber geführt, ob es gelingt eine negative Gruppenidentität zu errichten, die Leute abschreckt und Unterstützung entzieht oder der Prozess als berechtigt dargestellt werden kann, der lediglich durch „political correctness“ verhindert werden soll. In dieser Hinsicht arbeitet die Antifa letztendlich den Gruppen eher zu, da sie eben die Gruppenidentität auf die restlichen Deutschen erweitert und so gerade ein anschließen erleichtert.

Whitepassing ist auch kein Privileg

Gestern wurde in den Kommentaren auf einen Artikel von Heng auf „Teariffic“ hingewiesen, in der diese sich über ihr „White Passing“ und die daraus folgenden Schwierigkeiten für sie als „Person of color“ beklagt.

Auf Twitter findet man folgendes Foto von ihr:

Hier war bisher das Profilbild von Heng bei Twitter, auf Wunsch von ihr entfernt (weitere Bilder: 1, 2)

Also mich wundert ihr „White Passing“ da jetzt nicht so.

Aber es ist vielleicht ein guter Anlass sich mal mit dem Begriff der „Person of Color“ zu beschäftigen. Die englische Wikipedia hat dazu das Folgende:

Person of color (plural: people of color, persons of color) is a term used primarily in the United States to describe any person who is not white. The term encompasses all non-white groups, emphasizing common experiences of racism. The term is not equivalent in use to „colored“, previously used in the US as a term for African Americans only.

People of color was introduced as a preferable replacement to both non-white and minority, which are also inclusive, because it frames the subject positively; non-white defines people in terms of what they are not (white), and minority frequently carries a subordinateconnotation.[1] Style guides for writing from American Heritage,[2] the Stanford Graduate School of Business,[3] Mount Holyoke College,[4] recommend the term over these alternatives. It may also be used with other collective categories of people such as students of color, men of color and women of color. Person of color typically refers to individuals of non-European heritage.[5]

The untranslated English term has also seen some limited usage among Germans of color, especially when stressing the postcolonial perspective,[6] but so far has not found entrance into general German language and is not necessarily known by the general populace.

In der deutschen Wikipedia heißt es:

Person of color (Plural: people of color) ist ein Begriff aus dem anglo-amerikanischen Raum für Menschen, die gegenüber der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß gelten und sich wegen ethnischer Zuschreibungen („Sichtbarkeit“) alltäglichen, institutionellen und anderen Formen des Rassismus ausgesetzt fühlen

Damit wäre die Definition eigentlich recht dehnbar, gerade durch das „fühlen“. „Non-White“ würde eigentlich Heng schon eher wieder aus den „People of Color“ rausnehmen, auch wenn sie als aufgrund ihrer Herkunft aus dem Iran einen gewissen „ethnischen Hintergrund“ hat. Sie selbst beschreibt sich als “ White-passing Hard Femme of Colour, queer, Studentin.

(Exkurs: Nach dieser Betrachtung bin ich dann mit einer PoC zusammen, Südland ist ja auch eine „ethnische Herkunft“. Gelegentlich werde ich auch mal als „Non-White“ gelesen, Norditaliener gar oder bei bestem Urlaubsbart auch als Nordgrieche, oder was südosteuropäisches, ich scheine da auf einige etwas unbestimmt zu wirken, auch wenn mich die allermeisten „Weiß“ lesen. In einem Französisch-Kurs an der Uni sollten wir beispielsweise jeder als einen der ersten Sätze angeben, welche Nationalität wir  haben, demnach sagte ich, als ich an der Reihe war „je suis allemand“ und brachte die Lehrerin zur Verzweifelung, weil ich auf ihren Vorhalt, dass es falsch sei, es immer wieder mit besserer Betonung versuchte. Bis sie mir dann offenbarte, dass ich doch gar nicht aus Deutschland kommen würde und (endlich) mein richtiges Land einsetzen solle. Naja, anscheinend bin ich auch ein PoC. Exkurs Ende)

Jetzt hätte ich etwas naiv gesagt, dass in diesem Gedankenmodell ja ein „white passing“ eine gute Seite sein muss, denn es eröffnet einem den Zugang zu allen Privilegien: Die Privilegien werden ja nach dem Erscheinungsbild zugewiesen und sie wird damit als privilegiert gelesen.

Bei Heng klingt es dennoch düster:

Zwei coole Middle-Eastern Queens steigt am Hermannplatz ein, die beiden Freundinnen sitzen in einem Viererblock mit mir und einer anderen Person, die ich als Middle-Eastern Mädchen lese. Die beiden Freundinnen unterhalten sich miteinander, die eine hat einen knallroten Lippenstift und lockiges Haar, die andere ein sehr schmales Gesicht und goldene Kreolen. Sie nehmen viel Raum ein, unterhalten sich laut, reclaimen sich den von weißen Yuppies gefüllten Space namens U-Bahnabteil. Ab und zu lächeln sie der vierten Person auf den Sitzbänken zu, es ist keine große Kontaktaufnahme, nur ein Zeichen von “Ich sehe, dass du da bist, Schwester!” Ich beobachte die beiden, bewundere sie. Sie wirken auf mich sehr selbstbewusst und erinnern mich an Töchter von Bekannten. Ich versuchte, nicht starrend auszusehen, also schaute ich immer nur für ein paar Sekunden hin und senkte meinen Blick schnell wieder. Ich lächelte, hätte ihnen gern zugelächelt. Hätte gerne auch ein “Ich sehe, dass ihr da seid und ich bewundere euch, Schwestern!”-Zeichen ausgesandt. Wie ich es oft auf der Straße versuche, wenn ich Muslimas und nicht-weißen Personen über den Weg laufe. Aber ich werde häufig nicht erkannt.

Erst einmal ist es natürlich interessant, dass man hier die Raumeinnahme nicht als Mackerhaft ansieht, sondern als toll, als „Raum zurückerobern“. Da würde sie gerne mitmachen, aber sie ist eben in der Hinsicht nicht privilegiert, kein Opfer, sondern muss Zurückhaltung zeigen. Warum sie sie nicht als Frauen, die hier anscheinend gegen die Männer Raum einnehmen, toll finden kann, erzählt sie leider nicht.

Neuer Raum, neues Glück. Um mich herum unterhalten sich weiße Queers. Sie reden über Feiertage, ihre Großeltern, deutsche Küche, Familienurlaub. Identifikationspotenzial: Null. Ich langweile mich. Einmal versuche ich mich ins Gespräch einzubringen und mache einen Scherz. Über deutsche Küche und seinen mangelnden Geschmack. “Ohne Kurkuma, ohne mich”, lache ich. Außer mir lacht keine_r. “Einmal habe ich Kurkuma über meinen Reis gemacht, das hat voll komisch geschmeckt”, sagt eine Person, die ich kaum kenne, aber sofort scheiße finde. Irgendwann wollen Leute wissen, wie genau mein Name nochmal geschrieben wird. Und woher er kommt. Ach so, Iran, wie exotisch!

Das sind Struggles als Person of Color mit white-passing-Privileg

Da nehmen die sie auch einfach nicht als Person of Color war und ihr kleiner Versuch, dass zu retten, indem sie über die deutsche Küche herzieht, scheitert auch noch. Die stimmen ihr nicht vorbehaltlos zu, sondern widersprechen sogar! Haben einen anderen Geschmack als sie! Widerlich, kein Wunder, dass sie sie nicht mag. Die Beachten eben ihren Opferstatus nicht genug, behandeln sie einfach als weißprivilegierte Person, der man sagen kann, dass einen persönlich Kurkuma nicht schmeckt, ohne dass sie dabei merken, dass das rassistisch ist. Ich kann die arme Heng verstehen. Interessanterweise hätte sie natürlich eine Person, die ihr zustimmt, dass Kurkuma auf Reis das beste ist, auch rassistisch finden können, denn die eignet sich dann ja deren Kultur an, was auch nicht geht. Insofern hätte man wohl allenfalls sagen dürfen, dass andere Küchen eben viel besser sind als die inländische und sie anbetend anschauen können.

In separatistischen BPOC-Räumen (Räume, die nicht für weiße Personen offen sind), fühle ich mich manchmal unwohl. Ich habe Angst, dass die anderen Personen denken, ich eigne mir ihre Struggles an und gehöre nicht dahin. Ich habe Angst, Raum einzunehmen, der mir nicht zusteht. Ich hinterfrage jede meiner Handlungen, bin verunsichert, weiß nicht, was angemessen ist. “Eigentlich sehe ich doch aus, wie eine random Person aus dem Middle-East. Wie aus dem Iran oder aus Israel oder der Türkei. Da sehen doch auch nicht alle gleich aus! Get over yourself!”, denke ich dann immer.
Wenn Menschen mich in diesen Räumen anschauen, werde ich sofort nervös. In Moscheen habe ich ein solches Gefühl nicht, sondern eher in politischen Räumen. In solchen Momenten verfalle ich in problematische Denkmuster wie: Ich wünschte, ich würde iranischer aussehen. Ich wünschte, ich würde mehr wie mein Vater aussehen. Warum wird meine Schwester immer richtig gelesen, wir sehen uns doch total ähnlich?

„BPOC“ sind übrigens „Black People of Color“. Da frage ich mich wirklich, warum sie da meint reingehen zu können. Sie ist eben nicht „Black“. Anscheinend ist sie sich ihrer Privilegierung nicht hinreichend bewußt.

Ich finde es insoweit schon faszinierend, dass sie erst die rassistischen Probleme darstellt und sich dann beklagt, dass sie weiß gelesen wird.

Ihre ganze Angst macht insofern aus meiner Sicht eher deutlich, dass sie insbesondere zur Gruppe dazugehören möchte, eine von den guten sein möchte, keine Weiße, die ihre Privilegien hinterfragen muss, sondern eine PoC, die voller Stolz sagen kann, dass sie diskriminiert wird und deswegen dazu gehört.

Wenn ich dann mit Menschen spreche und meine Daseinsberechtigung innerhalb diesen Raums nicht hinterfragt wird, entspanne ich mich ein bisschen. Weniges empowert mich so sehr, wie von anderen Personen of Color eine Art Anerkennung oder Zugehörigkeitsgefühl vermittelt zu bekommen. Ich kann es nicht richtig formulieren, aber ich fühle mich einfach sichtbar.

Da wird dieses In-Group-Gefühl noch einmal von ihr sehr deutlich ausformuliert. Sie möchte dazugehören, was bei jemanden, der einer Identitätspolitik, die Weißsein stark abwertet, angehört, ja durchaus verständlich ist. Es muss ein schrecklichers Gefühl sein, wenn die anderen einem dem Unterdrücker zuordnen

Die Erleichterung tritt auch ein, weil ich es total nachvollziehen kann, warum Menschen mich in diesen Räumen nicht haben wollen. Weil ich ganz andere Erfahrungen habe als sie, weil ich sehr leicht zu tokenisieren bin. (Aber auch: Alle Personen of Color haben unterschiedliche Erfahrungen. Und komplett andere Erfahrungen als Schwarze Personen. Ich behaupte auch nie, die Oppression Olympia zu gewinnen. Und wenn Personen als Tokens genutzt werden, dann sind die priviligierten Tokenizer das Hauptproblem. Es ist zwar auch eine Entscheidung, Quoten-Whatever zu sein. Aber eine Entscheidung, die mit vielen Faktoren zusammenhängt – im Zweifelsfall mit der Existenz.)

Tokenisierung ist übrigens etwas, bei dem man denjenigen als Vertreter seiner Gruppe sieht und nicht mehr als Individuum. Man sieht also etwa eine Frau, die sich in einem sonst überwiegend männlich besetzen Bereich aufhält, nicht mehr als individuelle Person, sondern lädt die Vorurteile bezüglich dieser Gruppe bei ihr ab und behandelt sie als Vertreter dieser Gruppe. Ob sie damit meint, dass sie dann als „Araberin“ tokenisiert wird bleibt mir etwas unklar. Wobei ich vermute, dass sie nicht als Weiße tokenisiert werden kann, denn das können nur in diesen Theorien üblicherweise nur Minderheiten (weswegen es auch okay ist, einen Mann als Vertreter der Männlichkeit oder der Männer zu sehen und damit im Feminismus nur das schlimmste von ihm zu denken, ohne sich den Vorwurf der Tokenisierung einzuhandeln).

Interessieren würde mich auch, ob der Satz “ Ich behaupte auch nie, die Oppression Olympia zu gewinnen“ nicht eigentlich angesichts ihrer Privilegien gegenüber BPOCs eine Leugnung ihrer Privilegierung ist.

Erst vor kurzem war ich in einer sehr merkwürdigen Situation. Meine Mutter und Schwester sagten am Tisch zu mir, ich sähe gar nicht iranisch aus. Das ist ein unsinniger Kommentar, wie sehen denn auch iranische Personen aus? (…) Ich wusste, dass es Kackscheisze war, die sie sagten. Aber es verletzte mich sehr, von meiner eigenen Familie geothert zu werden. Nicht mal in diesem Raum zu genügen. Nirgendwo reinzupassen.

Das typische Migrantengefühl, dass man nirgendwo reinpasst, kann ich nachvollziehen. Bei ihr kann ich auch nachvollziehen, dass es sie sehr ärgern muss, dass man sie aus der PoC-Kategorie aussortiert. „Othern“ als Unterdrücker. Dabei will sie doch selbst „Othern“, die PoC und nicht Nicht-PoCs, die Weißen.

Ich möchte mich mit diesem Text nicht als Special Snowflake inszenieren. Es sind einfach Gedanken, die in den letzten Monaten sehr aufdringlich in meinem Kopf herumspukten und die mich sehr beschäftigen. Es ist so vieles, bei dem ich mich zwischen zwei Stühlen fühle: Nicht dünn, nicht fett, sondern dick. Nicht cis, nicht binärtrans, sondern nicht-binär weiblich. Auch mit queerfemininer Performance wird eins aufgrund von Lookismus oft falsch gelesen. Community-Räume versetzen mich in Stress und Ängste, weil ich in wenigen das Gefühl habe, wirklich willkommen zu sein. Konkretes Beispiel: Wenn ich in einem Club “ganz natürlich tanze”, hab ich einerseits Anxiety davor, dass Menschen meine Performance für Aneignung halten, und andererseits (in weißen Räumen), dass ich dafür exotisiert_fetischisiert werde. Egal, was ich mache, es könnte problematisch enden. Es ist ein großer Identitätsstruggle, der mit Angst vor Aneignung, unangebrachter Raumeinnahme und Selbstzweifel verbunden ist.

Mit dem Feminismus und dem intersektionalen Feminismus wird alles besser. Jeder ist überall willkommen und keiner wird mehr ausgebremst. Man kann sich einfach verhalten wie man will, ganz ohne Angst davor, nicht akzeptiert zu werden. Alles ist abgeschafft und Gruppendenken, nein Gruppendenken gibt es nicht mehr. Es ist eine gemütliche Welt ohne Abschottung und ohne Grenzen.

Wie könnte man jemals etwas anderes denken?