Crumar und Mark zu den Identitätstheorien im intersektionalen Feminismus

Ich fand diese Diskussion zwischen  Mark und Crumar in den Kommentaren interessant und möchte sie daher für einen Artikel verwenden:

Mark:

Vielleicht müsste man halt mal schon mal als Vorbedingung sagen: Rassismus ist das, was gewisse Menschen als Rassismus definieren. Nach der mutmasslichen Definition von Alice Hasters wird wohl jede Abweichung von Ergebnisgleichheit zwischen verschiedenen „Ethnien“ in Bezug auf gewisse Ressourcen, Positionen etc. als Rassismus deklariert werden. Das kann man machen, ich halte dies jedoch für eine falsche Definition von Rassismus, zumal die fehlende Ergebnisgleichheit überhaupt nicht durch Diskriminierung zustande kommen muss, sondern unterschiedliche Präferenzen oder unterschiedliche „Kulturen“ bzw. Sozialisationen erklärbar ist. Ausserdem ist nicht einzusehen, weshalb nicht auch nichtweisse Personen, die ja in eine rassistische Gesellschaftsstruktur verstrickt sind, selbst diese Strukturen reproduzieren. Und auf der Handlungsebene auch ganz rassistisch sein können. Das Problem scheint mir hier also zu sein, dass es wieder einmal in einem identiätspolitischen Duktus analysiert wird und sie nicht sieht, dass die verschiedenen Identitäten vollständig austauschbar sind.

Crumar:

Fangen wir noch einmal von vorne an: „Erstmal mag das nach einer progressiven Haltung klingen, wenn jemand behauptet: ,Hautfarben spielen für mich überhaupt keine Rolle‘ – in der Theorie mag das stimmen. Aber wir schauen hier auf eine Geschichte von 500 Jahren Versklavung, 250 Jahre Rassentheorien, Kolonialismus – alles Dinge, die nicht wirklich aufgearbeitet und auch nicht in unserem kollektiven Gedächtnis verankert sind. Sagen wir mal so: Ich hab noch Redebedarf (lacht).“
https://editionf.com/alice-hasters-rassismus-interview/

LACHT finde ich immer gut! 🙂

Es gab keine Sklaverei in Deutschland, die Geschichte des deutschen Kolonialismus dauerte ca. 30 Jahre und war in Afrika faktisch 1915 beendet, als die deutschen Truppen im Rahmen des 1 WW vernichtend geschlagen worden waren.
Von „500 Jahren“, nicht einmal „250 Jahren“ kann gar keine Rede sein.
Der Profit dieses deutschen Kolonialismus hat nie existiert; es war ein ganz mieses Geschäft.
Es gab nach 1918 – auch offiziell – keine deutschen Kolonien mehr, denn die wurden unter den Siegermächten verteilt.

Wenn in Deutschland jemand mit (post-) kolonialen Theorien betteln und hausieren geht, hab ich in der Tat ebenfalls „Redebedarf“.
Sie versucht eine angelsächsische Theorie copy&paste 1:1 auf Deutschland zu übertragen und muss damit scheitern. Sie sucht mit ihrer Mitleidslenkung an einer „progressiven Haltung“ anzusetzen, die sie moralisch erpressen, die hier aber mangels historischer Voraussetzungen schlicht nicht existieren kann.
Sie ist eine Kopistin, die ich nicht weiter ernst nehmen muss – wichtig ist nur ihr zu spiegeln, sie ist eine Kopistin ohne Verankerung in der historischen Realität.

Das ist ja ein altes Problem der intersektionalen Theorien bei der Anwendung in Deutschland: Letztendlich haben diese einen US-Amerikanischen Hierarchiekonflikt gelöst indem sie verschiedene Opferkategorien ausgemacht haben („Männer sind Privilegiert, Frauen benachteiligt“ und „Weiße sind privilegiert und Schwarze bzw PoCs benachteiligt“). Das ist ein Konflikt, der in den USA sehr bedeutsam ist, in Deutschland aber letztendlich eine wesentlich geringere Rolle spielt, schon weil der Anteil der PoCs weitaus geringer ist. In den USA besteht auch eine ganz andere Situation, da dort eben die Sklavenhaltung einen erheblichen Umfang hatte und zu erheblichen Spannungen führte, die so in Deutschland eben nie praktiziert worden ist. Natürlich hat Deutschland ebenfalls eine rassistische Vergangenheit, aber die richtet sich weit eher gegen andere Weiße, eben Juden, als speziell gegen Schwarze. Die größte Ausländergruppe, die Türken waren in der Hinsicht noch nicht einmal wirklich Gegner im zweiten Weltkrieg. Insofern ist die Situation aus den USA schwerer zu übertragen.

Mark:

@crumar
Das Problem ist m.E. wie folgt: Rassismus, Sexismus, Klassismus und viele andere Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen mit Abwertungen, Diskriminierungen, Kriegen, Genoziden, Völkermorde, Massaker etc. gibt es doch seit Beginn der Menschheit und zwar überall auf der Welt. Sicherlich gibt es Unterschiede, aber schlussendlich unterscheiden sich die Menschen nur sehr graduell. Soll heissen: Für das allgemeine Verständnis von Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die ab und an damit einhergehenden Kriegen, Massenmorden, Genoziden etc. bringt es überhaupt nix, wenn man irgendwie eine Identität (hier beispielsweise die Hautfarbe) hervorhebt und so tut, wie ein Täterkollektiv nun speziell mit einer Hautfarbe assoziiert werden kann. Zentral wäre doch mal anzuerkennen, dass Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die damit einhergehenden Abwertungen, Diskriminierungen, Massakern, Genozide etc. nix mit einer besonderen Identität zu tun haben, sondern jede Identität (ob Schwarze, Weisse, Männer, Frauen, Deutsche, Schweizer, Bayern, Schwule, Heterosexuelle etc.) kann zu Tätern und Opfern werden.

In der Tat sind Ingroup und Outgroup Konflikte eine fast zwangsläufige Folge unser ansonsten kooperativen Natur, weil man sich zwangsläufig bei Leuten, mit denen man seltener zu tun hat, eher absichern muss und wir mit relativ kleinen Gruppen innerhalb unserer evolutionär wirksamen Vergangenheit zu tun hatten.

 

Ausserdem muss man gerade beim Rassismus zwischen Handlungs- und Strukturebene unterscheiden. Ein Individuum kann in einem Land leben, wo es strukturellen Rassismus gibt, aber das heisst noch lange nicht, dass dieses Individuum auf der Handlungsebene rassistisch wäre und für die rassistische Struktur kann es vielfach auch nichts, zumal es überhaupt nicht die Macht hat, alleine an der Struktur etwas zu ändern. Und wie ich schon vorher gesagt habe: Es ist nicht einzusehen, weshalb Schwarze in Deutschland, sollte es einen strukturellen Rassismus gegen Schwarze geben, diese Struktur nicht mitreproduzieren, wenn es ja angeblich auch alle Weisse tun. Wenn es alle Weisse tun, dann müssten es m.E. auch alle Schwarze tun. Also, m.E. ist die Argumentation von Alice Hasters nicht plausibel und widersprüchlich.

Finde ich eine wichtige Unterscheidung, die natürlich für das Gruppendenken der Identitätstheorien nicht praktikabel ist. Dort wird die Struktur ja immer von der Gruppe getragen und ein Individuum gibt es quasi nicht, man ist immer Zugehöriger verschiedener Gruppen – „alter weißer Mann“ ist eine berechtigte Schuldzuweisung und eine individuelle Betrachtung wird direkt als Versuch der unzulässigen Exculpierung angesehen -#Notallmen

 

Crumar:

Ich versuche kurz den historischen Rahmen zu verlassen und auf die linksidentäre Theorie und deinen Kommentar, speziell die Etablierten-Aussenseiter-Konstellation einzugehen:

„Für das allgemeine Verständnis von Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die ab und an damit einhergehenden Kriegen, Massenmorden, Genoziden etc. bringt es überhaupt nix, wenn man irgendwie eine Identität (hier beispielsweise die Hautfarbe) hervorhebt und so tut, wie ein Täterkollektiv nun speziell mit einer Hautfarbe assoziiert werden kann.“

So aber funktioniert ihre bizarre Denkweise und ich halte sie für ausgesprochen nützlich.
In der konkreten politischen Situation in D bspw. verdienen die Menschen in den 5 neuen Bundesländern objektiv weniger als in den alten Bundesländern und zwar stimmt hier ausnahmsweise der Befund: Für die gleiche Arbeit.

Als die Linksidentäre Ferda Ataman zum ersten Mal mit diesem Fakt konfrontiert wurde, reagierte sie in ihrer Spon-Kolumne ungläubig, das könne doch wohl nicht heißen, eine türkische Putzfrau im Westen verdiene weniger als eine im Osten.

Sie meinte implizit natürlich – in ihrer subjektiven, der identitären Logik – eine weißenicht „POC“. Während es sich eben objektiv genau so verhält.
D.h. die Linksidentären insistieren darauf, bevor man auch nur einen Blick auf die empirische Realität wirft, stehen „Opfer- und Täterkollektive“ – in ihrem Sinne – bereits fest.
Sagt die empirische Realität das Gegenteil, dann wird sie schlicht geleugnet.

Ihr Bemühen, das „allgemeine Verständnis“ identitär zu beeinflussen, läuft zwangsläufig darauf hinaus zu behaupten, die Menschen in den 5 neuen Bundesländern könnten gar nicht benachteiligt werden, weil sie weiß, Alemans, Kartoffeln usw. usf. sind (das wird man doch wohl noch sagen dürfen!)

Politisch läuft identitäre Logik zwangsläufig darauf hinaus festzustellen, bei den Menschen in den 5 neuen Bundesländern handelte es sich um den „Basket of deplorables“:
Mit der gleichen Volte, die auch für Männer gilt führt die Unterstellung von Privilegien dazu festzustellen, sie hätten aus ihren Privilegien eben nichts gemacht und seien daher selbst Schuld an ihrer miserablen Lage. In neoliberalem Mantra wird ihnen das Scheitern individuell übereignet, zugleich werden sie der Verachtung preisgegeben. Und Widerstand gegen diese miserable Lage zeigt in der bizarren Logik der Identitären immer nur den (natürlich nur unterstellten) Kampf um den Erhalt von Privilegien. Also wie und dass sie völlig im Recht sind.

In dieser Logik können gesellschaftliche Ausschlüsse für beliebige „Identitäten“ und „Täter-Kollektive“ konstruiert werden, man kann dabei ein gutes Gewissen haben und sich „progressiv“ fühlen, während objektiv eine neoliberale, reaktionäre, spalterische Politik verfolgt und eine Hetz- und „Hass“-Sprache etabliert wird.

„Zentral wäre doch mal anzuerkennen, dass Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die damit einhergehenden Abwertungen, Diskriminierungen, Massakern, Genozide etc. nix mit einer besonderen Identität zu tun haben, sondern jede Identität (ob Schwarze, Weisse, Männer, Frauen, Deutsche, Schweizer, Bayern, Schwule, Heterosexuelle etc.) kann zu Tätern und Opfern werden.“

Zentral wäre m.E. erstens vorab, dass uns die Identitären ihre Sicht auf uns aufdrücken wollen.
Ihr Narzissmus besteht zweitens daraus, sie unterstellen mir und uns, wir müssten eine „Identität“ gemäß eines biologistischen Determinismus entwickeln.

Die Denkweise und „Theorie“ ist drittens eine vormoderne und scheitert politisch spätestens, wenn ein als homogen halluziniertes Kollektiv „Männer“ sich nicht einmal auf ein einheitliches Wahlverhalten verabreden kann.
Eine entwickelte „Identität“ gemäß eines sozialen Milieus, in der Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen nicht einheitlich sind und keiner binären Logik folgen stellt eine Überforderung dieser Theorie dar, sie wird – zwangsläufig – einer modernen Gesellschaft nicht gerecht.
Mit einer Jugend-Subkultur wie „Punk“ wird auch eine „Etablierten-Aussenseiter-Konstellation“ fragwürdig, denn die subkulturelle Logik besteht eben gerade darin, sichtbar Aussenseiter zu sein.

Das biologistische fundierte Stammes- und Clan-Denken unterstellt viertens jedem Individuum, Entwicklungsmöglichkeiten nur in den engen Grenzen eines Konzepts von „Identität“ zu haben, welches jedoch immer schon vorausgesetzt ist und dem es sich unterzuordnen hat.
Die Idee einer individuellen Wahlfreiheit in Sachen individueller Identität ist vor dem Hintergrund dieser Vorstellung absurd.
Umgekehrt ist jedoch das „Kollektiv“ der „People of Colour“ (s. Männer) eine Schimäre, denn eine gemeinsame kulturelle Identität haben bspw. Japaner und Nigerianer nicht.

Diese Theorie ist auch nicht „kollektivistisch“, denn ihre Konstruktion eines Kollektivs erfolgt nicht gemäß gemeinsamer Interessen oder einer gemeinsamen sozialen Lage, sondern unterstellt diese auf der Basis biologischer Merkmale. Das ist eine insgesamt von der empirischen Realität völlig entkoppelte Theorie.

Mein Verdacht ist, dass die US-Linke und Linksliberale diese unterkomplexe, vormoderne „Theorie“ angenommen haben, weil sie an den gesellschaftlichen/sozialen Differenzierungsprozessen in ihrer Heimat gescheitert sind.

Abschließend: Kriege, Massenmorde, Genozide sind historisch durchgängig bei allen Kulturen anzutreffen. Die identitäre Verkürzung der Weltgeschichte auf die Kolonialgeschichte muss „POC vs. POC“ Grausamkeiten jedoch leugnen/herunterspielen und erzeugt einen Kollateralschaden: Die wahre Geschichte der Menschheit begann erst mit dem Auftritt der Weißen! 😉

Identitätstheorien und die Freude daran, seinen Ressentiments freien Lauf lassen zu können

In einem Artikel über die Wähler der AfD heißt es:

In Wirklichkeit macht die AfD ihren Wählern ein ganz anderes, kostenloses Geschenk: Wer AfD wählt, wählt das Versprechen, von moralischen Zwängen der sogenannten politischen Korrektheit befreit zu sein. Das ist ihre vorpolitische Energie, erst danach entsteht daraus ein Weltbild. Gruppenbezogene Vorurteile sind in der AfD grundsätzlich erlaubt, solange es um Muslime, Asylbewerber, Linke, Berufspolitiker und Journalisten geht. Einzige Ausnahme: Vorurteile über AfD-Anhänger. Da wird von Parteifunktionären eine übergenaue Betrachtung angemahnt.

Unsere Gesellschaft hat engmaschige Normen, Affektkontrolle ist für viele Menschen ein täglicher Kampf. Niemand sollte unterschätzen, welchen Rausch es bedeutet, seinen Ressentiments freien Lauf lassen zu dürfen. Entsprechend aussichtslos ist es, auf AfD-Wähler einzureden, sie sollten aus moralischen Gründen auf die Befreiung von ebensolchen Zwängen verzichten. Der Effekt ist gleich null. Wenn AfD-Politiker nun gezwungen sind, moralischen Zwang anzuwenden, um ihre Partei vor dem Extremismus zu bewahren, brechen sie ein zentrales Versprechen. Sie könnten deshalb versucht sein, nichts zu tun. Aber dann driftet die AfD eben weiter ab.

Das scheint mir ein Vorteil vieler weiterer Identitästheorien zu sein: Weil sie so simpel auf Gruppen ausgerichtet sind kann man unter dem Deckmantel, dass diese Gruppenvorurteile zutreffend sind, wunderbar über die anderen herziehen.

Man hat einen wunderbaren Sündenbock, man darf alles negative sagen, es befreit von dem Druck, dass man bestimmte Sachen nicht sagen darf.

In den recht einfachen rassistischen Theorien ist das noch weniger gut durchdacht, in etwas akademischeren Theorien gibt es eine Vielzahl von Versatzstücken, die einem erlauben den Vorwurf zu entkräften, dass man gerade schlicht über andere herzieht.

Im Feminismus beispielsweise dienen dazu Theorien, dass man die „privilegierten“ Gruppen gar nicht diskriminieren kann, dass man sich nicht beschweren kann, wenn Benachteiligte ihrem Ärger über die Benachteiligung Luft machen, dass es gar nichts im Vergleich ist zu dem, was andere erleiden.

Insofern ist Political Correctness auch nur die nach innen gerichtete Norm, die Befreiung von dieser tritt bei diesen Theorien ein, wenn man über Weiße, Männer, Heterosexuelle etc herziehen darf. Wenn man alle anderen für das Leid dieser Welt verantwortlich machen darf und eine Gruppe beschimpfen darf und sich dabei noch gut fühlt.

Steven Pinker zu Identitätspolitik

Steven Pinker hat ein neues Buch geschrieben und scheint sich da auch deutlich zu Identitätspolitik geäußert zu haben. Aus einem Interview:

Steven Pinker: Identity politics is the syndrome in which people’s beliefs and interests are assumed to be determined by their membership in groups, particularly their sex, race, sexual orientation, and disability status. Its signature is the tic of preceding a statement with “As a,” as if that bore on the cogency of what was to follow. Identity politics originated with the fact that members of certain groups really were disadvantaged by their group membership, which forged them into a coalition with common interests: Jews really did have a reason to form the Anti-Defamation League.

But when it spreads beyond the target of combatting discrimination and oppression, it is an enemy of reason and Enlightenment values, including, ironically, the pursuit of justice for oppressed groups. For one thing, reason depends on there being an objective reality and universal standards of logic. As Chekhov said, there is no national multiplication table, and there is no racial or LGBT one either.

This isn’t just a matter of keeping our science and politics in touch with reality; it gives force to the very movements for moral improvement that originally inspired identity politics. The slave trade and the Holocaust are not group-bonding myths; they objectively happened, and their evil is something that all people, regardless of their race, gender, or sexual orientation, must acknowledge and work to prevent in the future.

Even the aspect of identity politics with a grain of justification—that a man cannot truly experience what it is like to be a woman, or a white person an African American—can subvert the cause of equality and harmony if it is taken too far, because it undermines one of the greatest epiphanies of the Enlightenment: that people are equipped with a capacity for sympathetic imagination, which allows them to appreciate the suffering of sentient beings unlike them. In this regard nothing could be more asinine than outrage against “cultural appropriation”—as if it’s a bad thing, rather than a good thing, for a white writer to try to convey the experiences of a black person, or vice versa.

To be sure, empathy is not enough. But another Enlightenment principle is that people can appreciate principles of universal rights that can bridge even the gaps that empathy cannot span. Any hopes for human improvement are better served by encouraging a recognition of universal human interests than by pitting group against group in zero-sum competition.

Wer also meint, dass andere bestimmte Gedanken nicht nachvollziehen können, weil sie nicht zu einer bestimmten betroffenen Gruppe gehören, der entwertet damit Empathie als wesentliches Element für die Verständigung von Menschen untereinder und behindert die Findung universeller Rechte, die allgemein von jedem verstanden werden können zugunsten von Rechten, die nur eine bestimmte Gruppe verstehen kann.

Pinker weiter:

How high are the stakes in universities? Should we worry?

SP: Yes, for three reasons.

One is that scholars can’t hope to understand the world (particularly the social world) if some hypotheses are given a free pass and others are unmentionable. As John Stuart Mill noted, “He who knows only his own side of the case, knows little of that.” In The Blank Slate I argued that leftist politics had distorted the study of human nature, including sex, violence, gender, childrearing, personality, and intelligence.

Wer seine Seite und seine Sicht absolut setzt, dem entgehen eben wichtige Puzzleteile, aus denen sich das ganze Bild zusammen setzt. Und wer Gedankenverbote errichtet, der behindert das Denken.

The second is that people who suddenly discover forbidden facts outside the crucible of reasoned debate (which is what universities should be) can take them to dangerous conclusions, such as that differences between the sexes imply that we should discriminate against women (this kind of fallacy has fueled the alt-right movement).

Wer bestimmte Fakten aus der Diskussion aussondert, der überlässt die Einordnung dieser eben Randgruppen, die sich außerhalb des allgemeinen Diskurses bewegen und damit diese Fakten unwidersprochen mit ihren eigenen Theorien belegen können. Es bilden sich Filterblasen, deren Denken man dann auch nicht mehr korrigieren kann, weil die Fakten außerhalb dieser ja nicht diskutiert werden dürfen.

The third problem is that illiberal antics of the hard left are discrediting the rest of academia, including the large swaths of moderates and open-minded scholars who keep their politics out of their research. (Despite the highly publicized follies of academia, it’s still a more disinterested forum than alternatives like the Twittersphere, Congress, or ideologically branded think tanks.) In particular, many right-wingers tell each other that the near-consensus among scientists on human-caused climate change is a conspiracy among politically correct academics who are committed to a government takeover of the economy. This is sheer nonsense, but it can gain traction when the noisiest voices in the academy are the repressive fanatics.

Wenn in bestimmten Bereichen Zensur herrscht, dann erweckt das schnell den Eindruck, dass auch in anderen Bereichen Zensur herrscht und wenn man entdeckt hat, dass bestimmte Tabus auf falschen Fakten beruhen, dann ist man auch eher bereit in anderen Bereichen davon auszugehen, dass hier die Wahrheit verborgen wird.

 

Männer als Feindbild in der Identitätspolitik und das Interesse an Personen, die dagegen argumentieren als Folge

In einem hier in den Kommentaren schon stark besprochenen Interview des Fernsehsenders Channel 4 des BBC  soll Peterson die Frage beantworten, warum seine Zuschauer überwiegend männlich sind. Meine Vermutung ist, dass die Interviewerin es eigentlich in die Richtung drehen wollte, dass Frauen ihn nicht interessant finden oder er zu frauenfeindlich ist, aber Peterson sieht einen anderen Grund:

JP: well it’s about 80 percent on on YouTube which is – YouTube is a male domain primarily so it’s hard to tell how much of it is because YouTube is male and how how much of it is because of what I’m saying. But  what I’ve been telling young men is that there’s an actual reason why they need to grow up which is that they have something to offer you know  that people have within them this capacity to set the world straight and that’s necessary to manifest in the world and that also doing so is where you find the meaning that sustains you in life

BBC: so what’s gone wrong then

JP oh god, all sorts of things have gone wrong. I don’t think that young men hear words of encouragement. Some of them never in their entire lives as far as I can tell.  That’s what they tell me and the fact that the words, that I’ve been speaking, the YouTube lectures that I’ve done and put online for example, have had such a dramatic impact, is indication that young men are starving for this sort of message because like why in the world would they have to derive it from a lecture on YouTube now they’re not being taught that they that it’s important to develop yourself

Sicherlich hören auch viele Männer Unterstützungen und Ermutigungen, etwa von Freunden oder von der Familie. Aber gleichzeitig werden sie eben auch gerade zum Buhmann ernannt, sie bemerken deutlich, dass SJWs und die gegenwärtige Poltik keine Probleme damit haben, wenn man über „weiße heterosexuelle Männer“ herzieht und man kann immer wieder in der Mainstreampresse Abwertungen lesen oder hören und das eben genau wegen dieser Gruppenzugehörigkeit.

Es wäre da durchaus verständlich, wenn gerade Männer jemanden, der Fakten dagegen hält, der den Gender Pay Gap und die Schuldzuweisung an Männer sachlich hinterfragt, der ihnen diese Last nimmt, die Schuld an allem zu haben.  Der gegen eine Identitätspolitik vorgeht, in der die Männer schuld an allem sind, ohne etwas gemacht zu haben und denen nun vorgehalten wird, sie lebten ein Leben auf Rosen gebettet und Kaviar essend, während Frauen sich geschlagen und belästigt und mit wenig Lohn durchs Leben quälen müssen, während sie gleichzeitig in ihrem Leben Frauen wahrnehmen, die diesem Bild gar nicht entsprechen, die weit weniger mit Abweisung leben müssen als die jeweiligen Männer, die durchaus glücklich zu sein scheinen etc.

Lucas Schoppe schrieb in einem Beitrag:

Das ist eben das Gegenteil der Logik, die Williamson beschreibt. Anstatt selbst Raum zu beanspruchen und andere damit zu ermutigen, dasselbe zu tun, können Frauen bei den Grünen Männern eben dadurch ihren Raum nehmen, indem sie selbst keinen Raum besetzen.

Das allerdings hilft niemanden, und mehr noch, es kaschiert ein deutlich größeres Problem als das der raumgreifenden Männlichkeit: dass sich nämlich Männer aus wichtigen Bereichen stillschweigend zurückziehen. Dramatisch wird dies im Bereich der Bildung, sowohl in den Kindergärten als auch in den Grundschulen, und immer mehr auch in den weiterführenden Schulen.

(…)

In den einzelnen Fällen gibt es natürlich verschiedene Gründe, warum Männer sich zurückziehen – aus egoistischer Bequemlichkeit, aus dem Gefühl der Vergeblichkeit, oder weil sie zermürbt sind. Insgesamt aber trägt es sicherlich zum männlichen Rückzug bei, dass Männer in öffentlichen Debatten entweder lächerlich gemacht oder als aggressiv hingestellt werden, wenn sie ihre Position behaupten. Männer, die auf männliches Leid offen hinweisen, werden als „Jammerlappen“ oder als Produzenten von „Male Tears“beschämt – oder sie werden als rückwärtsgewandte potentielle Gewalttäter hingestellt, wenn sie offen Positionen vertreten, die von feministischen Positionen abweichen.

Das Interessante an Leuten wie Peterson ist, dass sie sich gegen diese Aggressionen stellen und ihnen Sachinformationen entgegensetzen. Sie kontern Gefühlspositionen der Unterdrückung, die nicht begründet werden und eher wie eine Religion aufgebaut sind – glaube oder sei ein Ketzer – mit Fakten, versehen einen mit Argumenten, die man Leuten (und sich selbst, wenn man mit Positionen hadert) entgegenhalten kann.  Das gibt ein gutes Gefühl, es macht deutlich, dass man sich gegen diese Vorhaltungen wehren kann und man fühlt sich eben nicht mehr so allein mit einer Position, die man sonst nur mit engen Freunden teilt, weil sie eben nicht „Korrekt“ ist.

 

 

Die Postmoderne und ihre Auswirkungen auf die Politik

Im Tagesspiegel findet sich ein Interview mit dem Professor Andreas Rödder, der etwas zur Politik und Postmoderne sagt:

Die These Gabriels lautet: Die Wähler rechtspopulistischer Parteien sind keine Anti-Modernisierer, sondern enttäuscht von der Postmoderne, die Zusammenhänge auflöst. Trifft er damit einen Punkt?

Gabriel trifft nicht den einzigen, aber er trifft einen wichtigen Punkt. Was die Postmoderne bewirkt hat, nannte der Historiker Zygmunt Baumaneinmal die „Zerschlagung der Gewissheit“. Nun stellt sich aber die Frage: Was gilt, wenn das Alte nicht mehr gilt? Gabriel hat genau auf diese grundlegenden Orientierungsprobleme aufmerksam gemacht.

Da fängt es schon an: Denn zunächst stellt sich eben die Frage, was man genau alles Zerschlagen kann. Bis zu welchem Grad ist etwas eine soziale Konstruktion und zu welchem Grad gibt es zb biologische Grundlagen, die eine Dekonstruktion nur eingeschränkt zulassen.

Was tritt an die Stelle des überwundenen Alten?

Das ist die entscheidende Frage. In den 80er Jahren haben viele die Auflösung der Gewissheit als Befreiung empfunden. Lyotard stellte die These auf, die Postmoderne habe nicht nur die Ganzheit zugunsten von Pluralisierung überwunden, sondern auch die Sehnsucht nach Ganzheit überwunden. Das war sein entscheidender Irrtum.

Warum?

Man könnte frei nach Sepp Herberger sagen: Nach der Dekonstruktion ist vor der Konstruktion. Aus der Auflösung der Ordnungsvorstellung der Moderne ist nämlich ein neuer Hunger nach Ganzheit entstanden. Diesen Hunger stillt eine neue Kultur, die ich als Kultur des Regenbogens bezeichne. Dabei geht es um Ziele wie Anti-Diskriminierung, Diversität, Inklusion und Gleichstellung.

Ich halte es für wesentlich interessanter, wenn man zunächst erst einmal von verschiedenen Prinzipien ausgeht:

  • Auf der einen Seite ergibt sich der Wunsch nach einer Ordnung, die ein soziales Zusammenleben ermöglicht und innerhalb der ein gewisser Grundkonsens gefunden wird, wie man miteinander umgeht, der auf einem „Wir-Gefühl“ beruht, eine Gemeinschaft
  • Auf der anderen Seite gibt es ein Bedürfnis danach, dass man so leben kann, wie man will, dass man nicht zu stark eingeengt wird und das man auch seine eigenen Interessen wahrt.

Diese Prinzipien entstehen fast zwangsläufig aus dem ewigen Problem, dass wir als kooperative Gruppentiere nur innerhalb einer Gemeinschaft die Vorteile dieser kooperativen Spiele ernten können, dass wir aber gleichzeitig natürlich auch gegen Trittbrettfahrer und Ausnutzung vorgehen wollen.

Um so wohlhabender eine Gesellschaft ist, um so mehr Freiraum kann sie dem Individuum geben, weil jeder auch auf sich selbst gestellt leben kann und den anderen nicht in eine Zusammenarbeit zwingen muss. Die Liberalität der heutigen Zeit liegt gerade darin begründet und aus meiner Sicht weniger in einer Dekonstruktion. Eher führen die Umstände dazu, dass sich die Vor- und Nachteile im Verhalten verschieben und damit andere Lösungen attraktiver werden.

Vielfalt und Toleranz bedeutet, dass jeder so leben kann, wie er will. Um so eher er das auf eigene Kosten macht, um so eher muss sich ein Hinderer eben auch vorhalten lassen, dass es ihn schlicht nichts angeht, wie der andere lebt.

Gabriel argumentiert, viele Menschen würden das Versprechen der Vielfalt nicht als Bereicherung empfinden. Sie hätten den Eindruck, ihre eigenen Bedürfnisse würden durch die Aufmerksamkeit der Politik für die neuen Themen missachtet. Ist das so?

Es gibt ein schlagendes Beispiel für die Richtigkeit dieser These – nämlich die Flüchtlingskrise und die Willkommenskultur nach dem Herbst 2015 in Deutschland. In der öffentlichen Debatte dominierte die Kultur des Regenbogens, der ungesteuerte Zuzug wurde als moralisch unabweisbar und gesellschaftlich bereichernd gefeiert. Gleichzeitig gaben die Wortführer dieser Kultur einen engen Rahmen des Sagbaren vor: Wer sich – egal mit welcher Begründung – gegenüber einem ungeregelten Zuzug skeptisch zeigte, wurde schnell als Fremdenfeind ausgegrenzt. Das hatte Züge einer repressiven Toleranz. In der Breite der Gesellschaft stieß die Willkommenskultur dagegen keineswegs auf ungeteilte Zustimmung. Vielmehr hat sie ganz erhebliche Gegenbewegungen provoziert, die mit dem Erstarken der AfD unser politisches System verändert haben. Denn Menschen, denen man bestimmte Denk- oder Sprachweisen vorgeben will, fordern ihre Freiheit oft umso vehementer ein.

Wendet man das obige Schema an, dann ist es verständlich, dass Leute mit dem Zuzug nicht einverstanden waren: Sie hatten das Gefühl, dass hier Leute in das Land gebracht werden, die nicht in das „Wir-Gefühl“ passten und bei denen sie für etwas zahlen sollten, was der Gemeinschaft nichts brachte.
Andere waren wiederum der Meinung, dass eben damit keine Einschränkung verbunden ist, schlicht weil Deutschland als Land reich genug sei, um Leuten zu helfen und es sich damit nicht auf andere auswirkt bzw. nur in einer Weise die hinzunehmen ist,  weil es sie nicht über Gebühr belastet.

Für die erste Gruppe ist der Slogan Merkels „wir schaffen das“ nichts anderes als blanker Hohn, weil es ihnen zunächst um die Frage geht, warum man das überhaupt schaffen sollte.
Wo die eine Seite Menschen in Not sieht, die aus einem Kriegsgebiet fliehen, und die man deswegen unterstützen muss oder eben Leute, die aus benachteiligten Ländern kommen, die auch aufgrund unseres Reichtums arm sind, und die man bereits deswegen unterstützen muss, sehen die anderen Wirtschaftsflüchtlinge, die sich noch dazu schlecht verhalten und damit klassische Trittbrettfahrer, die von außerhalb kommend das System ausnutzen

Sie sehen damit eine Überreizung des Solidaritätsprinzips und betonen die – aus ihrer Sicht bestehenden Auswirkungen auf ihr Freiheiten: Das Geld das Ausgegeben wird, die Kriminalität, die steigt und Angriffe auf schutzwürdige Personen aus dem eigenen Umfeld: Deswegen ist gerade die Auflistung sexueller Übergriffe auf Mädchen und Frauen ein so beliebtes Mittel, auch ungeachtet der Prozentzahlen von Handelnden Flüchtlingen, weil damit deutlich gemacht werden kann, dass man Leute aushält, die der Gemeinschaft nicht nur nicht nutzen, sondern sogar schaden und andere in ihren Freiheiten einschränken („Unsere Frauen trauen sich nicht mehr auf die Straße weil dort Flüchtlingshorden warten“).

„Wir schaffen das“ ist damit nicht etwa eine vorgegebene Wahrheit, sondern eine Aussage, die irrelevant in deren Augen ist: Es mag sein, dass wir es schaffen können, aber das wäre so wie zu sagen, dass man es schafft, die Million für einen Erpresser aufzubringen, statt ihn einzusperren.

Diese beiden Konstruktionen, der arme Kriegsflüchtling, der gleichzeitig neue Impulse gibt und später die Rente zahlt, der aber jedenfalls Hilfe braucht und der Ausnutzer, dem man wegen seines schlechten Benehmens aus dem Haus schmeißen muss, ringen dann eben miteinander – jedenfalls als die Tendenzen, daneben gibt es natürlich viele vermittelnde Positionen.

Dass die Politik glaubte, dass sie tatsächlich nur die eine Position lang genug vermitteln braucht, um die andere klein zu bekommen, ist in der Tat enorm. Es hängt vielleicht auch damit zusammen, dass viele glauben, dass man Wirklichkeit schlicht konstruieren kann, obwohl der Konflikt vorhanden ist und angesprochen werden muss.

Eine Folge der Postmoderne ist die Genderdebatte. „Gender Mainstreaming“ ist Ziel internationaler Abkommen. Sie sind einer der wenigen renommierten Gesellschaftswissenschaftler, der diese Entwicklung kritisch sieht. Was stört Sie daran?

Grundsätzlich hat die Postmoderne völlig Recht: Die Nation ist genau so wenig eine naturgegebene Kategorie wie die bürgerliche Geschlechterordnung des 19. oder 20. Jahrhunderts. Beides sind kulturelle Konstrukte, beides sind auch Ordnungen von Macht. Jetzt aber kommt mein Einwand. Die Postmoderne sagt, dass alle Ordnungen diskursiv erzeugte Machtkonstrukte sind. Wenn das so ist, dann geht es auch bei den Forderungen nach Anti-Diskriminierung, Diversität und Gleichstellung um Macht.

Und das ist in der Tat eine Einsicht, die so einfach wie logisch ist, dennoch aber in dem Bereich fast beständig ausgeblendet wird: Die Vertreter dieser Theorien glauben sie könnten das Problem dadurch ausblenden, dass sie ja die Machtlosen vertreten und deswegen keine Macht haben können. Dass ist aber eine Illusion, denn über die Politik erhalten sie ja gerade die Macht und greifen in das Leben der Anderen ein. Regeln zum Schutz einer kleinen Minderheit aufzustellen und dabei das Verhalten der Mehrheit zu etwas Falschem zu erklären, erfordert Macht und gesellschaftlichen Druck.

Wo begegnet Ihnen Macht in der Gender-Debatte?

Denken Sie an die geschlechtergerechte Schreibweise mit großem Binnen-I für ProfessorInnen und ManagerInnen. Haben Sie jemals die geschlechtergerechte Schreibweise für MörderInnen und MenschenhändlerInnen gelesen? Über die Gender-Studies sind neue diskursive Ordnungen von aggressiver Männlichkeit und guter Weiblichkeit aufgekommen. Zugleich ist eine neue Hierarchie von ausgleichsbedürftigen Benachteiligungen entstanden. Der ehemalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger, seinerzeit selbst ein Förderer von Gender Mainstreaming, hat es so formuliert: An der Spitze stehen Frauen, am Ende stehen Behinderte.

Es ist ja immerhin etwas, dass das mal so deutlich ausgesprochen wird: Es werden schlicht neue Hierarchien errichtet, diesmal sogar noch autoritärer als vorher und außerordentlich starr.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Die Frauenquote für Aufsichtsräte von börsennotierten Unternehmen führt dazu, dass eine kinderlose Unternehmertochter aus München-Bogenhausen den Vorzug vor einem dreifachen Familienvater mit Migrationshintergrund und Behinderung aus Berlin-Neukölln erhält. Der Soziologe Talcott Parsons hat schon in den 50er Jahren die Einsicht formuliert, dass jede Inklusion neue Exklusionen nach sich zieht. Leider verweigern sich viele AktivistInnen von Gender Mainstreaming oder der „Queer Theory“ dieser Einsicht, sondern erheben einen unreflektierten, verbindlichen Geltungsanspruch für ihren eigenen Ordnungsentwurf. Mit dieser moralischen Aufladung und Ideologisierung entzieht sich die Kultur des Regenbogens der Debatte – und löst die Gegenbewegung aus, auf die Gabriel hinweist.

Meine Vermutung ist, dass die Aktivistinnen dazu eher in typischer Weise die Augen verdrehen würden und anführen würden, dass sie selbstverständlich einen intersektionalen Feminismus vertreten, in dem Migrationshintergrund und Behinderungen erst recht eine Rolle spielen. Wenn es nach ihnen gehen würde, dann würden alle Vorstandspositonen mit schwarzen behinderten, lesbischen Transsexuellen besetzt und nicht mit Männern. Wenn aber Männer, dann jedenfalls schwule Männer, die nicht weiß sind.

Aber das wird auch keine Verbesserung sein, gerade weil es solche eben noch weniger in ausreichender Zahl für Vorstandspositonen gibt und zumindest das wohl auch den Aktivistinnen bekannt ist, so dass es nur in dem rein theoretischen Bereich gefordert wird.

Begrüßen Sie, dass Menschen heute ihre sexuelle Orientierung frei leben dürfen und sich der Staat nicht mehr am dualen Geschlechtermodell von Mann und Frau orientiert, wie das Bundesverfassungsgericht entschieden hat?

Absolut. Ich würde immer sagen, dass die Kultur des Regenbogens ganz erhebliche Emanzipationsgewinne mit sich gebracht hat. Wer die Ideologisierung und moralische Aufladung der Debatte kritisiert, sollte diese Fortschritte nicht geringschätzen.

Gegen was die meisten Leute etwas haben, sehr völkisch denkende ausgenommen, ist ja nicht, dass Schwule und Lesben heiraten dürfen oder das sie entsprechend als Schwule und Lesben leben. Sie haben etwas dagegen, dass damit einher eine Abwertung der nichtqueeren Lebensverhältnisse einhergehen soll und das Abwertungen nach Rasse, Geschlecht und sexueller Orientierung nun eben in eine andere Richtung erfolgen. Sie wollen also mehr Liberalität, bei der auch die „klassischen“ Lebensformen gleich akzeptiert sind und man sie nicht abwerten darf. Die Identitätspolitik geht aber in eine andere Richtung: weiß, heterosexuell, Mann, das ist das Böse und sollte eingeschränkt werden, ist toxisch und schuld an allem.

Gabriel scheint ja eine Rückkehr zu den Versprechungen der Moderne vorzuschweben. Ist das überhaupt möglich?

Als Historiker kann ich nur sagen, es kommt nichts zurück. Die zentrale These der Postmoderne, dass nämlich die großen Ordnungsentwürfe der klassischen Moderne ihre Verbindlichkeit verloren haben, halte ich für eine nicht mehr umkehrbare Einsicht. Das hat zwei Konsequenzen. Erstens: Auf diese Einsicht folgen nicht herrschaftsfreie Diskurse, sondern neue vermachtete Ordnungskonflikte. Und zweitens: Ordnungsvorstellungen müssen immer wieder neu begründet werden.

Und genau darum drücken sich viele Postmoderne gegenwärtig: Sie begründen ihre Vorstellungen nicht, sie setzen sie als Dogma. Sie werben nicht darum, sondern wollen von oben herab durchsetzen.

Und damit spaltet man die Gesellschaft.

Die unausweichliche Endphase von Identitätspolitik: Kannibalismus

Vergleiche auch:

3. Grievance Jockeying (Competitive Victimhood)

Psychologist David Ley outlined the feature of victimhood culture known as „competitive victimhood,“ which has been called (by Gad Saad) „The Oppression Olympics.“ I prefer the term „grievance jockeying.“ These terms explain the phenomenon pretty clearly: groups and individuals compete for the limited resource of human compassion extended to victims–the natural moral currency of victimhood–by attempting to paint themselves or their charges as bigger victims than other people. That is, victimhood culture is self-accelerating, with all of its attendant problems.