Delusions of Gender: Wenn man negatives als männlich darstellt, dann fühlen sich Frauen abgeschreckt

Ich habe Delusions of Gender von Cordelia Fine angefangen. Einige Stellen werde ich bereits während des Lesens kurz besprechen.

Gerade ist mir die folgende Passage aufgefallen (S. 44)

Female business school students were given one of two fabricated newspaper articles to read. One described entrepreneurs as creative, well-informed steady and generous – and claimed that these qualities are shared equally between men and women. The other article, however, depicted the prototypical entrepreneur as aggressive, risk taking and autonomous, all traits that belong firmly in the male stereotype. The women were then asked how interested they were in beeing self-employed, and owning a small or high-growth business. For women who scord low on a proactive measure (the tendency to „show initiative, identify opportunities, act on them, and persevere until they meet their objectives) it made no differences which article they read. But what about the highly proactive women? As you might expect of these go-getting women, their interest in an entrepreneurial career was high but significantly reduced after reading the entrepreneurship-equals male news article.4

Hier noch die Original Studie:

In this study, the impact of implicit and explicit activation of gender stereotypes on men’s and women’s intentions to pursue a traditionally masculine career, such as entrepreneurship, was examined. On the basis of stereotype activation theory, it was hypothesized that men and women would confirm the gender stereotype about entrepreneurship when it was presented implicitly but disconfirm it when it was presented explicitly. Hypotheses were tested by randomly assigning 469 business students to one of 6 experimental conditions and then measuring their entrepreneurial intentions. Results supported the hypothesis when entrepreneurship was associated with stereotypically masculine characteristics but not when it was associated with traditionally feminine characteristics. Men also had higher entrepreneurial intention scores compared with women when no stereotypical information about entrepreneurship was presented, suggesting that underlying societal stereotypes associating entrepreneurship with masculine characteristics may influence people’s intentions. However, men and women reported similar intentions when entrepreneurship was presented as gender neutral, suggesting that widely held gender stereotypes can be nullified. Practical implications and directions for future research are discussed.

Quelle: The Effect of Gender Stereotype Activation on Entrepreneurial Intentions (PDF, Volltext)

Welch überraschendes Ergebnis! Vielleicht mal ein Vergleich:

Wenn man Leuten erzählt, dass Basketballprofis aufgrund des hohen Einkommens finanzielle Sicherheit haben, viel Teamarbeit stattfindet, man beim Sport etwas für die Gesundheit tut und man die Trainingszeiten flexibel mit der Kindererziehung kombinieren kann (weibliche Eigenschaften) dann wollen viele Frauen Basketballprofis werden. Wenn man ihnen sagt, dass man mindestens 1,95 m groß sein sollte, der Sport viel Kraft erfordert und ein sehr hoher Wettbewerb stattfindet, den die wenigsten für sich entscheiden (männliche Eigenschaften) dann wollen wenige Frauen Basketballprofis werden. Demnach wirken sich auf den Spitzensport die Stereotype entscheidend aus und die Basketballprofis sind deswegen eher männlich, den Frauen bleibt nur eine eigene, weniger profitable Liga. Merkwürdigerweise sind die unsportlichen Frauen weniger davon betroffen, welche Version man ihnen erzählt.

Es ist natürlich einfach, einen Stereotyp Thread zu konstruieren, wenn man positive Sache weiblich benennt und die negativen männlich. Wenn das Vorhalten der männlichen Eigenschaften gleichzeitig die unangenehmen Seiten eines Jobs vorhält, dann schrecken nicht die sogenannten männlichen Eigenschaftszuweisungen, sondern schlicht die negativen Seiten des Jobs ab.

Zudem wird eine weitere Funktion vergessen: Selbst wenn man männliche Eigenschaften korrekt benennt muss zunächst nachgewiesen werden, dass tatsächlich lediglich die Geschlechtszuweisung und das darin enthaltende Stereotyp abschreckt.

Wenn beispielsweise die Angabe „Basketballer müssen groß sein“ und „Männer sind groß“ vorliegen, dann liegt es nahe, dass eine Frau um die 1,70 m nicht deswegen ablehnt, weil sie nicht männlich ist, sondern, weil sie nicht hinreichend groß ist. Genauso kann der Umstand, dass es im Buisness einen harten Wettbewerb gibt und gerade Männer dabei untereinander kämpfen, sie einfach zu dem Schluss bringen, dass sie keinen Job mit einem solchen Kriterien möchte, unabhängig von ihrem Geschlecht, sondern auf der Grundlage ihrer Persönlichkeit. Das Frauen einen solchen Schluß bei der Erinnerung an eine bestimmte Fähigkeit, die im Schnitt bei Frauen geringer ausgebaut ist, häufiger treffen, liegt dann nicht daran, dass sie sich als Frauen sehen, sondern, dass sie ihre Wünsche und Fähigkeiten besser und zutreffend einordnen.

Welches feministische Buch sollte man im Original lesen?

Judith Butler „Die Macht der Geschlechternormen“ hat sich zwar etwas hingezogen, aber ich komme dem Ende näher.

Das Lesen von Judith Butler hat mir auf alle Fälle etwas gebracht, genau wie das Lesen von Beauvoir. Denn man kann nun aus erster Hand etwas zu diesen Büchern sagen, kennt ihre Art zu schreiben, das Sich-Niemals-Festlegen, kann was mit ihrere Sprache und ihren Begrifflichkeiten anfangen und merkt, dass sie wenig in die Tiefe geht und das noch auf der Basis von doch eher veralteten Ansätzen aus der Psychoanalyse. Ich würde jedem empfehlen feministische Literatur im Original zu lesen.

Die große Frage aber: Welches Buch sollte ich als nächstes Lesen?

Mir geht es dabei darum, die Kerntheorien, die im „Mainstreamfeminismus“ von Bedeutung sind, einmal im Original zu lesen, um sie besser einschätzen zu können. Natürlich sind Bücher aus dem Equityfeminismus oder dem Individualfeminismus sehr interessant und ich habe auch schon ein Buch von Hoff Sommers bei mir liegen, mir geht es in dieser Frage, aber eben genau darum, den Feminismus besser nachvollziehen zu können. Ich möchte daher weniger in die Randbereiche und mehr in die feministischen Hauptrichtungen.

Bücher, die in diesem Zusammenhang immer wieder in Diskussionen aufgetaucht sind wären Mary Daly (aber ja eigentlich sehr extrem, bei der es aber heißt, dass noch recht viel von ihren Schriften gedanklich weiterbesteht) oder Raewyn Connell, wobei mich interessieren würde, welches Buch dabei in Hinblick auf das Verstehen des gegenwärtigen Feminismus das geeigneste ist.

Ist Kate Millet noch aktuell oder hatte sie nur Ansätze, die aufgegriffen und woanders besser behandelt sind? Was ist mit kulturellen Feministinnen wie Iris Young oder Dorothy Smith? was ist mit Betty Friedan? Oder welche anderen Autoren haben die feministische Theorie aus eurer Sicht in bestimmten Büchern besonders nachhaltig bis heute geprägt?

Ich würde mich über Empfehlungen freuen.

Judith Butler

Der poststrukturalistische Genderfeminismus und die Queertheorie sind gegenwärtig die vorherrschenden theoretischen Ansätze im Feminismus. Judith Butlers Theorien spielen in diesem Bereich eine große Rolle, so dass es Zeit wird, sich mit diesen näher zu beschäftigen.
Judith Butler

Judith Butler

1. Grundsätzliche Einordnung

Judith Butler ist dem Poststrukturalismus zuzuordnen. Sie ordnet den Bereich Geschlecht und Gender in eine Diskursanalayse ein, indem insbesondere performative Handlungen das Geschlecht hervorrufen.

Sie bedient sich dabei stark bei Sigmund Freud, Michel Foucault, Jaques Derrida, Jaques Lacan und Lous Althusser.

2. Foucault

Den Grundgedanken, dass Geschlecht ein Ausdruck der Machtverhältnisse innerhalb der Gesellschaft ist und die zur Erhaltung der Macht errichtenen Geschlechternormen die Geschlechter hervorrufen, hat sie von Foucault.
Dieser geht ebenfalls davon aus, dass unsere Gesellschaft über den Umgang mit Wissen und Macht hervorgerufen wird. Foucault geht davon aus, dass die Mächtigen innerhalb einer Gesellschaft diese so umgestalten, dass sie ihre Macht sichert. Dazu nutzen sie die Möglichkeit Wissensvorsprünge auszubauen und Diskurse zu lenken, indem sie das Wissen kontrollieren. Aus diesem Wissen heraus wird zudem das Gerüst der Gesellschaft aufgebaut. Indem bestimmte Regeln für die Gesellschaft aus der Vergangenheit heraus legitimiert werden, wird den Leuten ein richtiges Verhalten vorgegeben, dass dann von ihnen einzuhalten ist. Dabei stabilisieren sich die Regeln selbst, wenn es gelingt, einen Verstoß gegen die Regeln mit einem gesellschaftlichen Malus zu versehen, eine Befolgung der Regeln aber mit einem Bonus. Sobald das System hinreichend eingerichtet ist, versucht jeder innerhalb dieser Regeln möglichst gut darzustehen und einen Malus nach Möglichkeit zu vermeiden. Dadurch will letztendlich jeder innerhalb der Regeln leben, erkennt dabei aber nicht, dass diese eben reine Kultur sind, keine Basis haben, weil die Zuweisung, was richtig und was falsch ist, beliebig nach den Vorstellungen der Mächtigen gestaltet werden kann. Hier wird der Diskurs wichtig, der bestimmt, was überhaupt vertreten werden darf. Foucault sieht Wissenschaft insofern nicht als objektiv, sondern eben als Teil des Diskurses an: Die Gesellschaft bestimmt, was vertretbar ist und was nicht und was als Meinung präsentiert werden darf und was nicht.

2. Judith Butlers Übertragung

Butler überträgt diesen Gedanken, wie Foucault bereits vor ihr auf das Geschlechterverhältnis, wo nach ihrer Auffassung ebenfalls bestimmte Geschlechternormen errichtet worden sind, die die Errichtung der Geschlechter und deren Verhalten bewirken. Diese knüpfen an die unterschiedlichen Körper von Mann und Frau an, die aber insoweit lediglich das Unterscheidungsmerkmal bilden, dass dann über verschiedene kulturell geschaffene Regeln zur Errichtung der Geschlechterrollen führt. Körper materialisieren sich nie unabhängig von ihrer kulturellen Form, sind also immer an ihre kulturspezifische Wahrnehmung gebunden.
Diese kulturspezifischen Merkmale der Geschlechterrollen werden dann durch beständige Wiederholung gleichsam eingeübt.
Nach dieser Vorstellung gibt es ersteinmal keine Frau als Subjekt, sondern das was als Frau definiert wird ist beständig einer kulturellen Betrachtung und Veränderung unterworfen. Eine „Frau“ mit einem männlicheren Körper ist in dieser Hinsicht teilweise schon wieder den männlichen Regeln unterworfen, ist also nicht per se Frau, sondern irgendwo dazwischen. Ein Transsexueller wäre nach erfolgter Operation über seinen Körper neuen Geschlechternormen unterworfen, die aber wiederum im Fluss sind und wer welchen Normen unterworfen ist, ist ebenso im Fluss, was die Abgrenzung der Geschlechter schwierig macht. Allein der Diskurs kann nach diesen Vorstellungen festlegen, was eigentlich eine Frau und was ein Mann ist. Denn der Diskurs hätte nach diesen Theorien etwa die Macht, einem Mann mit einem zB geringen Bartwuchs die Männereigenschaft abzusprechen und ihn den Frauen zuzuordnen (wenn ich es richtig verstehe). Darauf, dass die Abgrenzung dennoch in den meisten Kulturen abgesehen von den geringen Zahlen der Intersexuellen und Transsexuellen unproblematisch ist, geht sie meines Wissens nach nicht ein.

Für Butler schafft der Diskurs damit auch gleichzeitig den Körper -durch die Sprache materialisert sich das Geschlecht, Diskurs und Materie sind insofern miteinander verbunden. Die Sprache und der Diskurs stehend damit auf einer Stufe mit der Materie. Das Sprache und Diskurs die Materie nicht verändern und die Materie unterschiedlich bleibt ist nicht relevant, weil das übergeordnete Subjekt aus den drei Elementen, Diskurs, Sprache und Materie, eben durch diese alle drei geschaffen wird. Eine Frau kann nicht Frau sein, wenn die Eigenschaft Frau nicht durch den Diskurs in seiner gerade gültigen Form geschaffen, dies durch Sprache vermittelt wird und die Unterscheidung zu anderen Geschlechtern anhand körperlicher Faktoren, an denen diese Normen ansetzen können, erfolgen kann. (vgl auch „Butler zur Konstruktion der Geschlechter“)

Genau wie bei Foucault ist dabei Wissen über diese Normen, dass über Machtfaktoren zu einer Wahrheit erklärt wird (die es aber nicht gibt, sondern nur Diskurse) ein wesentlicher Faktor. Wenn also an bestimmten Merkmalen die Eigenschaft Frau festgemacht wird und das Wissen diskursiv hergestellt wird, dass Frauen schlechter in räumlichen Denken sind und dies noch durch eine entsprechende Geschichtsschreibung historisch abgesichert wird, dann konstituiert dieses Wissen gleichzeitig, was Frauen tatsächlich können. Ein Verstoß gegen dieses Wissen, etwa dadurch, dass eine Frau in einem Bereich tätig sein will, der mit räumlichen Denken zu tun hat, wird dann als Verstoß gegen eine Geschlechternorm verstanden.

Dabei scheint mir Butler die Macht, die die Geschlechternormen konstruiert, als denzentrales, System von Normen zu verstehen, das übersubjektiv aufgebaut wird.

3. Psychoanalyse

Hier greift sie dann auch auf Freud und Lacan sowie weitere zurück, deren Theorien sie zur Bildung der Geschlechternormen heranzieht. So wird in ihren Werken diskutiert, inwieweit das Freudsche Konzept der Geschlechterherausbildung, diese Normen errichtet. Das wären dann insbesondere der Ödipuskomplex, nachdem der heranwachsende Junge seine Mutter begehrt und seinen Vater ersetzen will sowie das Inzestverbot und das Verbot der Homosexualität
4. Sigmund Freud

Freud setzt bei der Urhorde an, deren Stammesvater ein Despot ist, der von den Söhnen verehrt und gehasst wird, insbesondere weil der Despot alle Frauen der Horde besitzen will. Deswegen haben diese den Despoten umgebracht. Die neue Gemeinschaft habe dann neue gesellschaftliche Regelungen geschaffen, die verhindern sollen, dass so etwas noch einmal passiert. Diese sehen vor, dass die Männer nur außerhalb ihrer Sippe heiraten dürfen, was also das Inzestverbot begründet hat (abenteuerliche Just so Geschichte, aber was soll man sagen).
Im Ödipuskonflikt geht Freud davon aus, dass Jungen einen Hass auf den Vater entwickeln, die Mutter aber ebenso wie diese Begehren. Wegen dieses Begehrens wiederum entwickeln sie Schuldgefühle gegenüber dem Vater sowie eine Angst vor Bestrafung, insbesondere durch Kastration (weswegen der Penis in unserer Phallokratie auch eine so enorme Bedeutung hat). Sie verlagern ihr Begehren der Mutter dann aus Angst vor der Kastration durch den Vater auf andere Frauen.
Die Mädchen wiederum begehren die Mutter, Wechseln dann aber zum Vater, weil sie in ihrem Penisneid die Mutter, die ja ebenfalls keinen Penis hat, für das Fehlen des eigenen Penis verantwortlich machen. Den der Penis wird, warum auch immer, vielleicht auch nur, weil man ihn sehen kann, als Normalfall gesetzt. Und da das Mädchen einen Penis will, ihrer aber „kastriert“ ist, begehrt sie den Penis des Vaters und dies überträgt sich auf ihre Vorliebe für Männer. Tata, Heterosexualität!
Butler wirft meinem Verständnis nach diese Figuren aber mehr in den Raum, macht anhand dieser deutlich, wie Normen enstehen können, die sich dann im Diskurs verfestigen, ohne sich (wie so oft) tatsächlich einer Meinung anzuschließen.

5. Jacques Lacan

Lacan hebt diese Situation aus dem konkreten (also der jeweilige Vater und die jeweilige Mutter) in das Abstrakte. Es komme nicht mehr darauf an, dass der Vater selbst die Kastrationsangst erzeuge, diese könne über eine Stellvertretung durch andere als „Gesetz des Vaters“ auch von anderen ausgesprochen werden. Diese Stellvertretung wiederum wirke sich dann auf die gesellschaftlichen Normen aus, die dann an die Stelle des Vaters treten. Aus der Angst vor der Kastration durch den vater wird die Angst vor einer symbolischen Kastration durch eine paternalistische Gesellschaftsnorm.

Dies fügt sich gut in die oben dargestellt Theorie ein, weil damit das Inzesttabu und die Heterosexualität über das Gesetz des Vaters zu einer gesellschaftlichen Norm ausgebaut wird, die aufgrund der Angst vor Kastration zugleich zu einer Überbewertung des Phallus, einer Phallokratie führt, in der eben gerade das besonders männliche, phallische bewahrt und zum höchsten Gut erklärt wird und Homosexualität zum Abweichen von der Norm erklärt wird, was dann wieder mit den bereits dargestellten Abzügen belegt wird.

Im Gegensatz zu Freud stellt Lacan allerdings darauf ab, dass das Kind sich in einem gewissen Stadium über Spiegel selbst entdeckt. über dieses Studium im Spiegel entsteht nach Lacan letztendlich das Ich. Weil es aber gleichzeitig im Spiegel etwas fremdes erkennt, nämlich etwas, was sich im Spiegel befindet und von seiner sonstigen, nicht Spiegelgestützten Wahrnehmung abweicht, verkennt es sich gleichzeitig selbst, weil es das Spiegelbild nicht gänzlich mit seinem Selbstbild in Einklang bringen kann, es spaltet sich in ein „imaginäres Ich“ und ein „soziales Ich“. Diese Spaltung kann erst durch die Sprache überwunden werden, die das Subkjekt formt. Hier greift das oben genannte ein, die Mutter spricht zuerst mit dem Kind, der Vater nimmt hingegen die verbietende Rolle ein und errichtet das angesprochene „Gesetz des vaters“ und die Kastrationsangst, die dann über Dritte die Gesellschaftsnorm des Begehrens errichtet.

Hier sind wir also schon etwas dichter an der eigentlich Theorie, nachdem das Kind zunächst versucht, sich selbst zu erkennen, dann aber über Diskurs und Sprache konstruiert wird und dabei in das sozial über das Gesetz des Vaters vorgegebene Begehren gepresst wird.

6. Jacques Derrida

Hinzu kommen die Theorien von Jacques Derrida, nach denen man die Geschlechterrollen wieder dekonstruieren kann, ermitteln kann, worauf sie beruhen um sich dann von ihnen zu lösen. Hierauf baut dann letztendlich auch bei Foucault der Versuch auf, diese errichteten Geschlechternormen und die Teile der Gesellschaft, die sie errichten, herauszufinden und wieder zu verändern.

Da bei Butler alles aufgrund immer wiederkehrender Wiederholung bestehen bleibt und dadurch die durch Inzestverbot und das Verbot der Homosexualität errichtete Normengebäude, folgend aus dem Gesetz des Vaters, hergestellt werden, müssen ihrer Auffassung nach neue Performitäten entgegengesetzt werden, die helfen, diese Gesetze wieder abzubauen. Es versteht sich, dass man nach diesem Aufbau insbesondere die Rolle des gesetzgebenden Vaters als Oberhaupt der Familie und die Phallokratie, also die Überbetonung der im Penis verkörperten Männlichkeit abbauen muss, da diese den Grundpfeiler des Gerüstes bildet.

7. Louis Althusser

Louis Althusser steuert diesem Mix noch den marxistischen Überbau bei. Durch diesen wird näher dargestellt, wie die Phallokratie ihre Geschlechternormen weiter absichert. Sie bedient sich dabei besonderen Akteuren, denen jeweils eine bestimmte Rolle zugewiesen ist. Ziel der Gesellschaft ist es eine obligatorische Ideologie der herrschenden Klasse (hier: phallokratische Penisträger) zu errichten. Diejenigen mit Macht versuchen die Herrschaft des Penis abzusichern (vermutlich um ihre Kastrationsangst zu bekämpfen) und das Gesetz des Vaters strikt zu befolgen. Das geschieht mit Hilfe eines Staatsapparates, der über aufgezwungene Rituale und durch die Anrufung der Subjekte durch Institute des großen Anderen, hier also wieder der Phallokratie (oder auch der hegemonialen Männlichkeit). Dabei wird nicht nur repressiv vorgegangen, sondern die Subjekte erhalten die Möglichkeit, sich als Subjekt innerhalb einer Gesellschaft zu konstituieren. Deswegen empfinden sich diese innerhalb ihrer Unterwerfung als frei. Hieraus entwickelte Foucault seine Diskurstheorie, in der die Mächtigenüber die Beherrschung des Diskurses dieses Verhältnis herstellen.

Die Normen stellen eine Unterdrückung dar, werden aber von allen akzeptiert, weil sie ihnen einen Platz vorgeben.
Erkennt man aber, dass es eigentlich nur sich verselbständigte Kastrationsängste sind, die zu gesellschaftlichen Regeln gemacht worden sind, dann kann man – quasi erwacht – aus diesem Zustand ausbrechen und bessere Regeln machen.
Dazu muss man aber die Phallokratie und damit auch die hegemoniale Männlichkeit abbauen.

Der Genderfeminismus nach Butler will genau dies.

Sein Gerüst klingt aus meiner Sicht – wenn ich es richtig verstanden habe – aber überaus wackelig.

MacKinnon: „Ein Gender zu haben bedeutet bereits in eine heterosexuelle Beziehung der Unterordnung eingetreten zu sein“

Aus Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen:

Gender ist folglich eine regulatorische Norm, die aber auch im Dienste anderer Formen von Regulierung steht. Den Darlegungen von von Catharine MacKinnon zufolge wird beispielsweise im Zusammenhang mit den Regelungen zum Schutz gegen sexuelle Belästigungen üblicherweise angenommen, bei der Belästigung handele es sich um eine systematische Unterordnung von Frauen am Arbeitsplatz, in der Männer im Allgemeinen belästigen und Frauen belästigt werden.

Für MacKinnon scheint diese Rollenverteilung die Konsequenz einer grundsätzlicheren sexuellen Unterordnung von Frauen zu sein. Wiewohl diese Regelungen sexuell erniedrigendes Verhalten am Arbeitsplatz einzuschränken suchen, führen sie gleichfalls bestimmte, unausgesprochene Normen über Gender mit sich. In gewisser Hinsicht wird die implizite Regulierung von Gender durch die explizite Regulierung von Sexualität herbeigeführt.

Für Mac Kinnon ist es die hierarchische Struktur der Heterosexualität, der zufolge Männer Frauen unterordnen, die Gender erzeigt: „Stillgelegt als ein Attribut der Person, nimmt die Ungleichheit der Geschlechter die Form von Gender an; als eine Beziehung zwischen Menschen in Bewegung nimmt sie die Form der Sexualität an. Gender entsteht als die geronnene Form der Sexualisierung der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen.

Wenn Gender die geronnen Form ist, die die Sexualisierung der Ungleichheit annimmt, dann geht die Sexualisierung der Ungleichheit dem Gender voraus und Gender ist deren Wirkung. Aber können wir uns ohne eine vorausliegende Vorstellung von Gender überhaupt einen Begriff machen von der Sexualisierung der Ungleichheit? Ist es sinnvoll zu behaupten, dass Männer Frauen sexuell unterordnen, wenn wir nicht zunächst eine Idee davon haben, was Männer und Frauen sind? MacKinnon vertritt indess nicht die Ansicht, dass es außerhalb dieser Form von Sexualität, und somit implizit außerhalb dieser unterordnenden und ausbeuterischen Form von Sexualität, keine Konstituierung von Gender gibt. Indem ihr Vorschlag zur rechtlichen Regelung sexueller Belästigungen auf diese Art von Analyse des systematischen Charakters sexueller Unterordnung zurückgreift, richtet Mac Kinnon eine Regulierung eigener Art ein: Ein Gender zu haben bedeutet bereits in eine heterosexuelle Beziehung der Unterordnung eingetreten zu sein. Es scheint keine geschlechtlich geformten Menschen zu geben, die außerhalb solcher Beziehungen leben, es scheint keine unterordnungsfreien heterosexuellen zu geben, es scheint keine nichtheterosexuellen Beziehungen zu geben, und es scheint keine gleichgeschlechtliche sexuelle Belästigung zu geben

MacKinnon sieht also in einem klassischen sexnegativen Feminismus heterosexuellen Sex als Versuch der Unterdrückung der Frau. Durch das zuweisen eines weiblichen Genders unterdrückt der Mann die Frau, die sich ihm innerhalb und durch dieses Gender unterordnen muss.

Das werden viele Frauen, die gerne Frauen sind, anders sehen denke ich. Wohl auch einer der Gründe, warum ihr Butler dann entgegenhält, dass sie damit andere Beziehungen, in denen es sowohl das weibliche Gender gibt als auch die Formen der Belästigung ohne weibliches Gender.

Dennoch interessant einen so klassischen Ansatz zu sehen, von dem sich Butler letztendlich auch nicht klar abgrenzt, eher andere Aspekte mit einfließen lassen möchte, wenn ich sie richtig verstehe.

Butler zur Konstruktion der Geschlechter

In „Körper von Gewicht“ sagt  Butler etwas zur Konstruktion der Geschlechter:

„Die Kategorie des ‚sex’ ist von Anfang an normativ; sie ist, was Foucault ein ‚regulierendes Ideal’ genannt hat. In diesem Sinne fungiert das ‚biologische Geschlecht’ demnach nicht nur als Norm, sondern ist Teil einer regulierenden Praxis, die die Körper herstellt, die sie beherrscht, das heißt, deren regulierende Kraft sich als eine produktive Macht erweist, als Macht, die von ihr kontrollierten Körper zu produzieren – sie abzugrenzen, zirkulieren zu lassen und zu differenzieren. Das ‚biologische Geschlecht’ ist demnach also ein regulierendes Ideal, dessen Materialisierung erzwungen ist, und zu dieser Materialisierung kommt es (oder kommt es nicht) infolge bestimmter, höchst regulierender Praktiken. Anders gesagt, das ‚biologische Geschlecht’ ist ein ideales Konstrukt, das mit der Zeit zwangsweise materialisiert wird. Es ist nicht eine schlichte Tatsache oder ein statischer Zustand eines Körpers, sondern ein Prozeß, bei dem regulierende Normen das ‚biologische Geschlecht’ materialisieren und diese Materialisierung durch eine erzwungene ständige Wiederholung jener Normen erzielen. Daß die ständige Wiederholung notwendig ist, zeigt, daß die Materialisierung nie ganz vollendet ist, daß die Körper sich nie völlig den Normen fügen, mit denen ihre Materialisierung erzwungen wird. Es sind sogar die durch den Prozeß hervorgebrachten Instabilitäten, die Möglichkeiten der Re-Materialisierung, die einen Bereich kennzeichnen, in dem die Kraft des regulierenden Gesetzes gegen dieses selbst gewendet werden kann, um Neuartikulationen hervorzutreiben, die die hegemoniale Kraft eben dieses Gesetzes in Frage stellen.“

(Butler: Körper von Gewicht, S. 21)

In „Das Unbehagen der Geschlechter“ hatte  Butler noch auf das Verbot der Homosexualität und das Inzestverbot abgestellt.

Da sie davon ausgeht, dass ständige Wiederholung notwendig ist, wäre immerhin verständlich, dass sie davon ausgeht, die Geschlechterrollen aufheben zu können. Das allerdings in der Praxis Umerziehungsversuche immer wieder scheitern, sei es im Kibbuz oder bei der geschlechtsneutralen Erziehung spricht hiergegen. Auch die (teilweise) Unwirksamkeit dieser Vorgänge bei CAH, CAIS, Transsexualität, David Reimers etc spricht hiergegen.

Zu den wirkenden Maßnahmen bei Butler aus der Wikipedia:

Der Prozess ihrer Materialisierung funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Butler betrachtet insbesondere die Verschränkung von

  • Sprache und Materie
  • die psychische Dimension der körperlichen Gestalt bei Individuationsprozessen
  • die Wirkungsweise von Diskursen zur körperlichen Geschlechterdifferenz.

In Bezug auf die Materialität des Geschlechtskörpers oder „biologischen Geschlechts“ (sex) wendet sie sich gegen die Annahme eines faktischen, materiellen körperlichen Geschlechts, das mit einem sozialen Konstrukt (gender) überschrieben wird. Sie geht davon aus, dass der Begriff des „biologischen Geschlechts“ (und der damit zusammenhängende Rekurs auf Naturalität) selbst „eine kulturelle Norm, die die Materialisierung von Körpern regiert“ ist.

Butler zur Entstehung der Geschlechteridentität

Aus: Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter,S. 199

Doch was bestimmt den manifesten und latenten Text der Körperpolitik? Wie haben bereits das Inzesttabu und das vorgangige Tabu gegen die Homosexualität als generativen Momente der Geschlechteridentität betrachtet, d.h. als Verbote, die die Identität gemäß den kulturell intelligiblen Rastern einer idealisierten Zwangsheterosexualität hervorbringen. Diese Disziplinarproduktion der Geschlechteridentität bewirkt eine falsche Stabilisierung der Geschlechteridentität im Interesse der heterosexuellen Konstruktion und Regulierung der Sexualität innerhalb des Gebietes der Fortpflanzung. Die Konstruktion der Kohärenz verschleiert jede Diskontinuitäten der Geschlechteridentität, wie sie umgekehrt in den hetero-, bisexuellen, schwulen und lesbischen Zusammenhängen wuchern, in denen die Geschlechtsidentität nicht zwangsläufig aus dem Geschlecht folgt und das Begehren oder die Sexualität im allgemeinen nicht aus der Geschlechtsidentität zu folgen scheinen; d.h. in denen keine dieser Dimensionen der signifikanten Leiblichkeit die anderen ausdrückt oder widerspiegelt.

Eigentlich müsste ja dann die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare zu einer deutlichen Änderungen der Geschlechteridentität führen, denn in diesen Familien wird ja das Tabu der Homosexualität entkräftet. Das scheint aber gerade nicht der Fall zu sein. Auch das Inzesttabu scheint mir keine wesentliche Rolle zu spielen. In all diesen Punkten könnte man bezüglich der Ansichten Butlers also Test durchführen. Ich nehme auch an, dass diese bereits erfolgt sind, sie aber in der Diskussion um Butler einfach ignoriert werden.

Beauvoir vs Butler

Aus „Das Unbehagen der Geschlechter“ von Judith Butler:

Beauvoir behauptet , dass der weibliche Körper für die Frauen Situation und Instrument der Freiheit sein müsse und nicht eine definierende und einschränkende Wesenheit. Ihre Analyse wird von einer Theorie der Leiblichkeit geprägt, die eindeutig durch die unkritische Reproduktion der Cartesianischen Unterscheidung zwischen Freiheit und Körper eingeschränkt wird. Trotz meiner früheren Versuche, das Gegenteil zu beweisen, scheint Beauvoir den Geist-Körper-Dualismus beizubehalten, auch wenn sie eine Synthese der beiden der beiden Termine beabsichtigt. Die Aufrechterhaltung dieses Unterschiedes kann als symptomatisch für den Phallogozentrismus gelesen werden, den Beauvoir unterschätzt.