Schwules Coming Out

Adrian setzt sich mit einer Kritik an der Art,. wie der Apple CEO Tim Cook sein Coming Out hatte auseinander.

Die oben verlinkte FAZ gibt diesen wie folgt wieder:

Apple-Chef Tim Cook hat sich öffentlich über seiner Homosexualität geäußert. „Ich bin stolz, schwul zu sein“, schrieb der 53 Jahre alte Manager in einem Beitrag für das amerikanische Wirtschaftsmagazin „Businessweek“. Viele Kollegen von Apple wüssten das bereits, schrieb er. Allerdings hatte er sich bisher nie öffentlich dazu geäußert. „Während ich meine sexuelle Orientierung nie bestritten hatte, habe ich sie auch nie öffentlich bestätigt, bis jetzt“, schreibt er in dem Artikel. Er hoffe, dass sein Schritt anderen helfen oder sie inspirieren könne.

Die Kritik von Prof Buchholz lautete dabei wie folgt:

Na und? Und was soll das? Sollen jetzt aus Gründen der Parität alle Heterosexuellen erklären, sie seien stolz darauf, heterosexuell zu sein und eigene Kinder zu haben? Oder gibt es demnächst Pressekonferenzen darüber, dass sich jemand als Marzipanliebhaber outet? Oder als Weinliebhaber? Oder als Schnapstrinker? Verschiedene Menschen haben eben verschiedene Präferenzen und leben danach. Kein Problem. Jeder solle auf seine Weise selig werden, meinte dazu mal trocken der seinerzeitige, recht bekannte preußische Monarch. Leben Sie Ihr Privatleben,  ich lebe das meine. Und das geht niemanden etwas an. Und noch etwas: ich möchte mit Ihren privaten Angelegenheiten bitte nicht belästigt werden! Könnten Sie die zukünftig bitte für sich behalten?

Adrian kritisiert dazu, dass Buchholz ebenfalls seine Sexualität darstellt, eben in dem er angibt, dass er verheiratet ist uns eine Tochter hat. Wenn die Homosexualität so privat ist, warum sollte man dann andere mit seinem heterosexuellen Familienleben belästigen? Das ist letztendlich ja nur der Hinweis darauf, dass Heterosexuelle ebenfalls ihre Sexualität darstellen, es eben nur nicht so auffällt, weil diese der Normalfall ist.

In den Kommentaren bei Adrian war bereits darauf hingewiesen worden, dass das „Stolzsein“ in Amerika anders zu lesen ist als in Deutschland, dort eben ein üblicherer Begriff ist und eher für die Abwesenheit vom Scham steht. Also zu einem dazu stehen und es als Teil seine selbst sehen.

Adrian selbst führt in den Kommentaren aus:

“Stolz” ist ein sehr breit zu definierender Begriff. Stolz ist oftmals das Gegenteil von Scham. Viele Homos, die sagen, sie seien stolz homo zu sein, meinen damit, dass sie sich dessen nicht (mehr) schämen, dass sie endlich zu sich selbst stehen (können). Als Hetero gibt es keinen Grund, auf seine Heterosexualität in diesem Sinne stolz zu sein, weil keinem Hetero suggeriert, Heterosexualität sei etwas, dessen man sich schämen müsse.

Das ist aus meiner Sicht auch relativ leicht nachzuvollziehen: Homosexualität und Heterosexualität haben eben noch nicht die gleiche Akzeptanz. Und das noch viel weniger in Amerika mit seinem Biblebelt etc.

Ich verweise noch einmal auf diese Grafik:

Homosexualität Deutschland Akzeptanz

Homosexualität Deutschland Akzeptanz

Wie man dort sieht finden immerhin 37% der Amerikaner Homosexualität unakzeptabel, 23% finden die akzeptabel und 35% finden, dass es nichts mit Moral zu tun hat. Wer sich als in der Öffentlichkeit stehend zu einem Verhalten bekennt, welches 37% seiner Landsleute unakzeptabel finden, der hat eben auch durchaus berechtigte Sorgen, wie dies angenommen wird und er wird andere Worte wählen um deutlich zu machen, dass er sich ganz bewusst dafür entscheidet, dies nach außen zu tragen.

Ein Heterosexueller muss sich wohl allenfalls outen, wenn er in einer sehr starken Schwulen-Community aufwachsen und Leben würde und dazu noch eher klischeehafte Anzeichen dafür, dass er homsoexuell sein könnte. Er muss sich aber eben nicht fragen, wie Leute darauf  reagieren.

Einem Homosexuellen vorzuhalten, dass er also eine entsprechende Mitteilung dieser Art hat und der Presse vorzuhalten, dass sie darüber auch berichtet, dass finde ich wiederum recht unverständlich. Ich finde es gut, wenn Leute zu ihrer Homosexualität stehen und dies nicht länger verstecken müssen. Es ist schade, dass viele Leute dies, gerade wenn sie in der Öffentlichkeit stehen, immer noch herauszögern und ein Versteckspiel spielen müssen. Aber das diesen Leuten dann vorzuhalten erscheint mir tatsächlich etwas als arrogant und „privilegiert“. Sicherlich gibt es auch andere Beispiele, die einfach ein schwules Leben gelebt haben als deswegen eine Presseerklärung abzugeben – diese waren vielleicht aber auch in anderen Situationen.

Es ist aus meiner Sicht auch keine Belästigung, wenn man so etwas verlautbart. Der Vorhalt, dass es eine Belästigung sei, hat eher selbst einen homophoben Beigeschmack: Denn was ist genau die Belästigung daran, dies festzustellen, wenn es nach der Aussage des Autors ganz alltäglich ist? Bei der Meldung „Wasser ist nass“ würde man wohl auch nicht davon sprechen, dass man dadurch belästigt wird, man würde es wohl gelangweilt überblättern.

Und welche Details sollen da die Belästigung darstellen? Er hat schlicht mitgeteilt, dass er schwul ist, mehr hat er nicht gemacht. Es folgten keine Schilderungen sexueller Praktiken oder andere Details, die man als belästigend empfinden könnte.

Ich begrüße es, dass Leute auch in hohen Positionen, sich „outen“, auch wenn es sicherlich schön wäre, wenn sie nicht das Gefühl hätten, dies erst mit ziemlicher zeitlicher Verzögerung machen zu können. Ich hoffe für jeden, dass er danach positive Erfahrungen macht in dem Sinne, dass die Leute ihn nicht anders behandeln als vorher. Natürlich wäre es schön, wenn diese Erklärungen nicht mehr abgegeben werden müssten. Aufgrund des Umstandes, dass Heterosexualität aber einfach wesentlich verbreiteter ist, wird es denke ich – wenn nicht in der Person desjenigen besondere Umstände vorliegen, die einem eher glauben lassen, dass er homosexuell ist – immer eine Art von Norm bleiben.

„Homo-Lobby“

Die „Homo-Lobby“ wird gerne als Kampfbegriff gebraucht, um eine aus dieser Sicht übertriebene Interessenvertretung von Homosexuellen zu beanstanden.

Dabei wird dieser Verbindung eine überaus starke Bedeutung innerhalb der Politik nachgesagt, ein sehr starker Einfluss, der gleichsam anderen Schreckgespenstern wie dem Kulturmarxismus anscheinend nahezu die gesamte Poltik durchzieht.

Die dabei vorgebrachten Belege scheinen mir dabei durchaus relativ dünn zu sein, es wird häufig ein großer Einfluss behauptet, aber eigentlich nicht konkret dargelegt.

Zunächst erst einmal ist gegen eine Interessenvertretung für Homosexuelle natürlich auch nichts einzuwenden: Als Gruppe innerhalb der Gesellschaft haben sie natürlich das Recht, ihre Interessen auch zu vertreten und deutlich zu machen. Dagegen wird häufig eingewendet, dass sie lediglich einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft ausmachen (ich würde den Anteil auch bei unter  4% ansetzen). Dafür sei die Aufmerksamkeit, die Ihnen zukommt, zu groß.

Allerdings ist die notwendige Aufmerksamkeit für ein Anliegen eben nicht nur von dem Anteil der betroffenen Gruppe an der Bevölkerung abhängig, sondern auch von dem Ausmaß der Beeinträchtigung.

Und auch wenn Deutschland ein sehr tolerantes Land ist, was Homosexualität angeht, gibt es natürlich immer noch Leute, die Homosexualität falsch finden und sich gegen Homosexualität richten. Zudem berühren Fragen wie das Recht Homosexuelle zu heiraten oder Kinder zu adoptieren eben auch grundlegende Fragen und weitgehende Rechte.

Gleichzeitig spielt Homosexualität auch in viele andere Bereiche hinein, feministischen Strömungen sehen in einem Kampf für die Rechte Homosexueller auch einen Kampf gegen das Patriarchat. Denn in der Tat gibt es in diesem Bereich Vorstellungen, dass Heterosexualität nur ein Machtmittel des Patriarchats zur Unterdrückung und Bindung der Frau ist. 

Das rechtfertigt aus meiner Sicht allerdings nicht die Aufregung um eine „Homo-Lobby“. Die Politik beherrschen aus meiner Sicht gänzlich andere Themen. Es ist eher so, dass gerade wegen der Umstrittenheit des Themas dieses besonders in die Schlagzeilen gerät, wenn es einmal hoch kommt.

Dabei müssen einem die theoretischen Ansätze beispielsweise des Aktionsplans für Toleranz nicht gefallen. Das rechtfertigt aus meiner Sicht aber noch nicht die damit verbundenen Angriffe gegen eine Rechtevertretung von Homosexuellen, die zum Kampfbegriff ausartet.

Leider versteckt sich dahinter dann eben häufig einfach eine konservative Ansicht, die sich unter dem Vorwand einen übertriebenen Angriff abzuwenden gegen Homosexuelle richtet.