#nohatespeech und der Sexismus

Gefördert vom Bund startet auch in Deutschland eine von der EU angedachte Kampagne gegen Hatespeech, die „No Hate Speech“-Kampagne. (Homepage / Twitter)  In Deutschland folgt diese anscheinend stark den klassischen Theorien aus den intersektionalen Theorien und richtet sich strikt gegen „Hass“, der sich gegen „diskriminierte Gruppen“ richtet und die anderen Gruppen innerhalb der gleichen Theorie als „Unterdrücker“ ansieht, die sich diskriminiert sein können und daher mehr oder weniger der „Feind“ sind.

Auf ihrer Seite findet sich dazu unter „Wissen – Was ist Hatespeech“ das Folgende:

 

Hate Speech ist, wenn man Worte und Bilder als Waffe einsetzt, bewusst, gezielt und voll auf die Zwölf. Wenn Menschen abgewertet, angegriffen oder wenn gegen sie zu Hass oder Gewalt aufgerufen wird, dann nennt man es Hate Speech. Oft sind es rassistische, antisemitische oder sexistische Kommentare, die bestimmte Menschen oder Gruppen als Zielscheibe haben.Die Online-Hetze richtet sich im Moment insbesondere gegen geflüchtete Menschen, Sinti*ze und Rom*nija, Menschen mit Behinderungen oder Homo- und Transpersonen. In der Zukunft sind es vielleicht Dän*innen, weiße Männer oder Facebook-User*innen.Definitionen von Hate Speech
Es gibt keine einheitliche Definition von Hate Speech, weder in Deutschland noch international. Im Gesetzbuch wird Hate Speech (noch) nicht spezifisch erwähnt – verurteilt werden Beleidigungen oder Volksverhetzung. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass online haten erlaubt ist…, falls jemand auf die Idee käme.EuroparatDer Europarat, der das No Hate Speech Movement ins Leben gerufen hat, fasst den Begriff sehr weit.
Amadeu Antonio Stiftung

Die Amadeu Antonio Stiftung beschreibt Hate Speech aus politischer und sprachwissenschaftlicher Sicht; und erklärt hier die rechtliche Einordnung von Hate Speech.
Wie groß ist das Problem eigentlich?

Es ist schwierig, das genau zu sagen. Denn Hate Speech hat viele verschiedene Facetten und nicht alles kann dokumentiert werden. Drei ausgewählte Beispiele zeigen, wie häufig Hasskommentare sind und wer davon betroffen ist.

2015 hat der Europarat (Abteilung Jugend) eine Online-Meinungsumfrage gemacht: 83% der Befragten gaben an, dass sie online Erfahrungen mit Hate Speech gemacht haben. LGBTI-Jugendliche, Muslim*innen und Frauen waren die drei Haupt-Zielgruppen der Hasskommentare.

Rechtsextreme nutzen das Internet und Soziale Medien, um ihre Propaganda zu verbreiten und Anhänger*innen für ihre Ideologie zu gewinnen. Jugendschutz.net beobachtet diese Strategie und veröffentlicht die Ergebnisse jährlich im Bericht „Rechtsextremismus online“.

Die britische Zeitung The Guardian hat 70 Millionen Kommentare untersuchen lassen, die seit 2006 auf ihrer Website hinterlassen wurden. Das Ergebnis: Von den zehn am stärksten von Hate Speech betroffenen Autor*innen waren acht Frauen und nur zwei Männer, sie sind beide schwarz.

Die Definition des Europarats ist, wenn ich sie dem langen Text richtig entnommen habe:

Hate speech for the purpose of the Recommendation entails the use of one or more particular forms of expression – namely, the advocacy, promotion or incitement of the denigration, hatred or vilification of a person or group of persons, as well any harassment, insult, negative stereotyping, stigmatization or threat of such person or persons and any justification of all these forms of expression – that is based on a non-exhaustive list of personal characteristics or status that includes “race”, colour, language, religion or belief, nationality or national or ethnic origin, as well as descent, age, disability, sex, gender, gender identity and sexual orientation.

Das ist in der Tat eine sehr weitgehende Definition, die allerdings Männer unproblematisch miterfasst und negative Abwertungen von Männern oder ihre Darstellung als „Die Bösen“ ablehnt.

Es geht allerdings auch noch weiter, es werden ein paar Ausnahmen genannt:

At the same time, the Recommendation specifically excludes from the definition of hate speech any form of expression – such as satire or objectively based news reporting and analysis – that merely offends, hurts or distresses. In doing so, the Recommendation reflects the protection for such expression which the European Court of Human Rights has found is required under Article 10 of the European Convention on Human Rights12
.
Nonetheless, it is recalled that the European Court has also recognised that incitement to hatred can result from insulting, holding up to ridicule or slandering specific groups of the population where such forms of expression are exercised in an irresponsible manner – which might entail being unnecessarily offensive, advocating discrimination or using of vexatious or humiliating language or might involve an unavoidable imposition on the audience13 – and these forms would also come within the scope of the
Recommendation’s definition.

Die Amadeu Antonio Stiftung beruft sich auf einen Text von Anatol Stefanowitsch, der ähnliches anführt, und Privilegien nur kurz erwähnt. Er zitiert als Ausgangspunkt im Endeffekt eine sehr ähnliche Definition.

Der Verweis auf die Studie des Guardian ist interessant, weil dort nicht erwähnt wird, dass die Artikel, die sehr kontroverse Meinungen erhalten haben, eben beispielsweise solche von Jessica Valenti waren, die sich über Männer auslässt oder die sonst sehr beleidigende Positionen hatten. Unter dem Artikel ist ein „Test“ bei dem man abgleichen kann, ob man bestimmte Kommentare durchgehen hätte lassen. Unter denen, die als „Hate“ in die Statistik eingehen ist beispielsweise:

“THERE IS NO GENDER PAY GAP! Just more feminist crap portraying women as victims and men as perpetrators. Even worse is the lie we live in a rape culture with one in five women raped over a lifetime. Sure if you re-define what constitutes a rape including a drunk girl gives consent but regrets it next day.”

Finde ich nicht als „Hass“, sondern als sehr berechtigten Kommentar. Wenn die Artikel der Schwarzen zB „Black Life Matter“ betrafen und Hass auf Weiße gepredigt haben, dann finde ich das auch wenig verwunderlich, dass dort Kritik zurück kam.

Eine andere interessante Studie wird dort nicht erwähnt:

A new Demos social media study has mapped the thousands of aggressive and abusive tweets being sent from UK Twitter accounts – by both men and women.

The study, which specifically monitored the use of the words ‘slut’ and ‘whore’ by UK Twitter users over a three-week period, found 6,500 unique users were targeted by 10,000 explicitly aggressive and misogynistic tweets.(…)

The study builds on Demos’ previous research in 2014, which found that ‘slut’ and ‘whore’ dominate misogynistic language on Twitter, and that both male and female users are responsible for the abuse. In this 2016 research, 50 per cent of the propagators were found to be women.

Wobei man zu dieser Studie noch anführen muss, dass bei der Suche nach „Slut“ und „Whore“ Hate GEGEN Männer auch kaum feststellbar ist.

Die Kampagne empfiehlt zu „kontern“ und führt dazu aus:

Counter Speech (engl. für Gegenrede) ist, wenn User*innen mit der Tastatur und ihren Gedanken etwas gegen Hass und Hetze im Netz tun. Viele Menschen wollen die Diskriminierungen, die Generalisierungen und die Herabwürdigungen nicht einfach ertragen und benennen das auch laut und deutlich. Oft reagieren sie auf Hasskommentare nicht mit Hass, sondern mit Argumenten, mit Humor und mit Geschichten aus einer anderen, oft überraschenden Perspektive.

Counter Speech ist ein wichtiges Signal. Denn sie setzt ein Gegengewicht zu Hass und Hetze im Netz. Sie zeigt Betroffenen, dass sie nicht allein sind. Und sie bietet eine andere Sicht auf die Dinge für all diejenigen, die schweigen und die sonst nur die Hasskommentare lesen oder hören würden.

Counter Speech gibt es in vielen Formen, zum Beispiel hat der Verein Mensch Mensch Mensch e.V. im Projekt „Search racism. Find truth.“ in Videos mit Statements von Geflüchteten gezeigt, wie Vorurteile widerlegt werden.

#organisierteliebe ist eine Initiative gegen Hetze, die das Positive im Netz zelebriert. Sie fordert uns auf, die Kommentarspalten zu fluten und Danke zu sagen. Wir alle sollen zeigen, dass Liebe uns näher ist, als Hass.

Wer laut und deutlich seine Meinung kundtut, muss aber mit Gegenwind rechnen. Counter Speech kann die Hetze kurzzeitig verstärken und man sieht sich einem Shitstorm ausgesetzt. Wenn das der Fall ist, weiß man allerdings, dass die Counter Speech genau ins Schwarze getroffen hat!

Das ist auch eine sehr simple Sicht:

Wenn man sich aufregt und Hass kontert und der andere kontert dann auch, dann ist das der Beweis, dass man Recht hatte

Warum das eine sehr simple Betrachtung ist, wird man dort wohl nicht verstehen, weil Hass aus deren Sicht entgegen des obenstehenden eben nur anhand der üblichen Linien verlaufen kann.

Zum Kontern werden dann Memes bereit gestellt, die schon für einiges an Kritik gesorgt haben. Ich will die aus dem Bereich des Sexismus einfach mal durchgehen:

 

nohatespeech_sexismus-weltgendern

„Die Welt“ muss aus meiner Sicht erst einmal gar nichts. Es hat aber etwas ironisches bei dem Hinweis darauf, dass sich die „Welt gendern“ muss ein Symbol mit einer binären Geschlechterzusammensetzung zu verwenden. Ich verweise insofern hier einfach nur auf meine beiden Übersichtsartikel zur Biologie der Geschlechter 1, 2 und auf meinen Artikel zu Geschlechterrollen

nohatespeech_sexismus-stillfabulous

Als Witz und eine „mir doch egal“-Haltung okay.

 

nohatespeech_sexismus-slowclap

Auch jetzt nicht in irgend einer Form besonders.

nohatespeech_sexismus-selber

Das passt gut zu meinem Artikel „Beleidigungen und evolutionärer Partnerwert„. Die Gleichsetzung eines Kritikers mit einem kleinen Kind, welches noch von der Mutter die Sachen herausgelegt bekommt und nichts kann, also noch kein selbständiger Mann ist.

nohatespeech_sexismus-privileg

Das ist klassische feministische Privilegientheorie. Hat irgendwer eigentlich das Bild schon mit einer Frau gemacht? Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass man gleichzeitig behaupten kann, dass derjenige, der Privilegien hat, sich dieser nicht bewußt ist und gleichzeitig als Feministin für Frauen kategorisch auszuschließen, dass man in vielen Bereichen Privilegien hat.

nohatespeech_sexismus-mensrights

Dieses Bild ist wohl das mit umstrittenste Bild der Sammlung, es wurden auf Twitter schon erhebliche Diskussionen mit „nohatespeech“ dazu geführt. Ich verlinke mal eine von mir:

Die Aussage „Es geht um Macht“ macht auch deutlich, dass sie da die klassischen Theorien vertreten: Männer haben die Macht, weil Vorstandsposten. Also können sie nicht diskriminiert werden, also ist das Einsetzen für Männerrechte bizarr, allenfalls eine Verteidigung von Privilegien und damit eine Beeinträchtigung der Rechte der Frau. Immerhin wurde angekündigt, sich das noch mal anzuschauen, aber ich vermute es wird schlicht dabei bleiben.

nohatespeech_sexismus-kitchen

Als konter gegen eine tatsächliche Aussage, dass Frauen in die Küche sollen, würde ich es sogar noch okay finden. Ansonsten ist es natürlich etwas, was man auch ansonsten auf der Gegenseite nicht wirklich gut finden würde. Was wäre da wohl ein „Gegenbild“? Etwas, wo sie zB eine finanzielle Versorgung anfordert und er lieber das Geld für sich ausgibt?

nohatespeech_sexismus-inthesnow

Hat einen gewissen Humor.

nohatespeech_sexismus-hername2

Klassischer Antihumor mit dem „Anti Joke Chicken

 

nohatespeech_sexismus-hername

Auch vollkommen okay als Reaktion auf „Slutshaming“

nohatespeech_sexismus-Haters-gonna-hate-chloe-moretz

Eine recht belanglose Reaktion

nohatespeech_sexismus-hatersgonnahate

Ebenso

nohatespeech_sexismus-genderequality

Auch eher in Richtung Ideologie, aber je nach dem, was der andere sagt, durchaus passend.

 

nohatespeech_sexismus-feminism

Ah. ein feministischer Klassiker. Auch gut im Antifeminismus zu verwenden. Denn die meisten Feministen wissen anscheinend tatsächlich nicht, dass es nicht mehr mit „Gleichberechtigung“ gleichzusetzen ist. Üblicherweise wird einem da dann die Definition aus einem Wörterbuch entgegengehalten, ich hatte hier schon mal einen Artikel dazu. Und noch einen, weil es ein häufiger Einwurf ist.

Die beste Erwiderung in Bildform ist aus meiner Sicht dieses Bild:

Da ist aus meiner Sicht gut erklärt, was man eigentlich kritisiert.

 

nohatespeech_sexismus-careerwoman

Die Aussagen, die mit „I need Feminism“ beginnen sind in der Regel wenig durchdacht. Hier ist es eigentlich auch eine recht klassische Position, die ebenfalls darunter leidet. Denn zum einen gibt es durchaus den Karrieremann, zum anderen liegt die Unterscheidung darin, dass Männern die Position des Hausmanns und ein echtes Wahlrecht zwischen Kinderbetreuung und Karriere oder Abstufungen davon quasi entzogen ist: Ein Mann muss berufstätig sein, eine Frau kann es sich hingegen eher auch anders ausrichten. Ein Mann ohne passenden Beruf gilt hingegen als Versager, jedenfalls als jemand, der suspekt ist, auch wenn er die Kinder versorgt.

nohatespeech_sexismus-batman

Eine vollkommen veraltete Aussage, gekontert mit im wesentlichen Blödsinn.

nohatespeech_sexismus-awkward

Ah, da wird es schon wieder interessanter – ein Bekenntnis zur Privilegientheorie. Ist aber eigentlich ganz einfach zu verstehen: Alles was Männer irgendwie Vorteile bringt ist Privileg, weil sie die Macht haben (alle Männer, auch die Bettler, weil sie zur Gruppe der Männer gehören). Alles was Männern Nachteile bringt, ist auch irgendwie Privileg der Männer, denn damit erhalten sich zumindest bestimmte Männer ihre Privilegien. Allen was Frauen Vorteile bringt ist aber kein Privileg, es ist nur wohlwollender Sexismus, mit dem sie von Männern unterdrückt werden. Alles, was Frauen Nachteile bringt ist hingegen Privileg der Männer. Und bei der Frage, wer die Macht hat, darf man immer nur an die Spitze schauen, aber auch das nur in bestimmten Bereichen, also nicht etwa „Macht über Kinder“ oder „Macht in der Beziehung“ oder „Verfügungsmacht über das Haushaltseinkommen“.

Dazu auch:

Generell finde ich diese Art über Memes ohne echte Argumente zu diskutieren, die man ja im Feminismus gern antrifft, eher reichlich bescheuert. Gerade Bilder wie das letzte gehen einfach davon aus, dass man Recht hat und die eigene Theorie gut ist, obwohl sie eigentlich keine rationale Basis hat. Man kann so natürlich gut überspielen, dass man keine Argumente hat und Diskussionen ins lächerliche ziehen. Aber das hat aus meiner Sicht nichts damit zu tun, dass man etwas gegen Hate Speech macht. Eher provoziert man und zeigt sich absolutistisch und diktatorisch und mit dem Bekenntnis zur intersektionalen Gruppentheorie macht man letztendlich deutlich, dass man nicht gegen Hate Speech ist, sondern einen Gruppenkampf Männer gegen Frauen führt, in dem man die Männer als die Unterdrücker ansieht.

Das ist wohl demnach auch der häufigste Vorwurf, der gegen diese Art der Kampagne erhoben wird: Sie stellt sich nicht gegen Hass, sie verbreitet ihn mit ihrer einseitigen Positionierung selbst. Sie kann damit keine befriedende oder aufklärerische Wirkung haben und damit auch wenig erreichen.

Dog’n’Cat hat auch einen guten Comic dazu:

#nohatespeech

#nohatespeech

Sie werden es wahrscheinlich eher so darstellen, dass die Kritik an ihnen zeigt, dass sie dringend benötigt werden. Wir werden sehen, ob Kritik etwas bewirkt oder zumindest Leute darauf aufmerksam macht, dass da etwas schief läuft.

vgl. auch:

Zu Expertinnen, Hate Speech, und Männern als bessere Feministen

Frau Dingens beschwert sich, dass sie und andere Feministinnen nicht mehr Achtung im Netz als Expertinnen für Hatespeech erhalten. Zuerst werden die Erfolge und die Wichtigkeit dargestellt:

Nachdem viele Expertinnen* in den letzten Jahren wiederholt über Hate Speech und Freiheit im Netz sprachen, sich politisch und aktivistisch engagierten, verschiedene Interessensgruppen aus Wirtschaft, Politik, öffentlicher Verwaltung, Bildung und Medien zusammen brachten, überzeugten und mit ihnen diskutierten – alles ohne nenneswerte Unterstützung, Empathie oder überhaupt Interesse von weiten Teilen der männlichen Netzgemeinde – kommt das Thema Hate Speech so langsam auch in Blogs eurer Nähe an. Das ist erst mal erfreulich, würde man meinen. In einer Szene, die Wertigkeit viel zu häufig nur noch in Aufmerksamkeit, Reichweite und Durchdringung misst, muss eine Sichtbarkeit des Themas doch gut sein, oder?

Ich nehme mal an, damit meint sie die Vortragsreihen, die einige Feministinnen zu Hate Speech gehalten haben und in denen alle, die anderer Ansicht sind als sie, permanent Hate Speech verwenden, sie hingegen trotz „All men must die“ oder diversen anderen Ausfällen der ironischen Männerfeindlichkeit und trotz des Vertretens einer Ideologie, in der der Mann nur dann nicht ein ganz so schlimmer Unterdrücker sein kann, wenn er sich ganz besonders anstrengend und seine Privilegien beständig hinterfragt, hingegen nie.

Bekommen sie aber im Netz die verdiente Aufmerksamkeit:?

Das Problem ist, dass es oft nicht strukturell um die Wirkungsweisen und vor allem den unterliegenden Strukturen von Hate Speech geht. Das merkt man auch am Nerdcore Text sehr schön, der sich nicht verkneifen kann, immer wieder in „beide Seiten“ Rhetorik zu verfallen, und somit organisierten Hass von Hate Groups wie Gamergate mit den individuellen Kompensationshandlungen Betroffener gleichsetzt.

Die Struktur aus feministischer Sicht ist einfach: Sie sind unterdrückt, also sind die anderen böse, sie hingegen machen nur „individuelle Kompensationshandlungen“. Wenn man das nicht so sieht, also eher der Auffassung, dass beide Seiten hier teilweise in ihren extremeren Lagern entsprechend handeln, dann kann das eben gar nicht sein, man erkennt dann einfach die „Strukturen“. Strukturen ist dabei letztendlich ein Begriff, mit dem im Feminismus alles gerechtfertigt wird: Weil die Struktur Männern per se Macht gibt, können sie nicht unterdrückt werden, Punkt. Weil Frauen in der Struktur die unterdrückte Gruppe sind, können sie keine Hate Speech machen. Belegt ist diese Struktur aber gar nicht, im Gegenteil, mit Nerdcore kann man eben durchaus auch ganz andere Strukturen sehen, was aber im Feminismus aus ideologischen Gründen gar nicht möglich ist. Die Realtität zu erkunden ist uninteressant, wenn man das Ergebnis schon kennt.

Das tut er, in dem er „differenziert“ – so ein schönes Wort, damit kann man so viel abwehren – also sich „beide Seiten“ vorknöpft. Doch er differenziert nicht. Er bedient sich rhetorischer Gleichsetzung, vergraben unter fünf Tonnen Text, die anscheinend nur wenige komplett und verstehend gelesen haben. Es ist eine besonders perfide Art der Gleichmacherei, denen Feministinnen immer wieder ausgesetzt sind. (Andere Beispiele: Das Blocken von Menschen, die sie online belästigen, wird mit den Belästigungen gleichgesetzt. Der Versuch, sich gegen Diffamierungen zu wehren, wird als Hetze bezeichnet. Und so weiter. Und so fort.) Er, selbst erklärter Feminist, könnte das wissen, würde er den Diskurs verfolgen.

Diverse Shitstorms, diverse Theorien, die insbesondere Männer angehen, all das ist eben nur berechtigte Interessenwahrnehmung. Und blocken an sich ist keine Belästigung, aber jemanden Sperren zu lassen, indem man ihn blockt und als Spammer meldet und die über Listen oder Aufrufe, dass ist natürlich ein Form des Hate.

Wie sie die Struktur sieht:

Strukturell sind wir momentan in folgender Situation: ein Großteil der männlichen Blogger, politisch Aktiven oder einfach der Netzaktivisten haben jahrelang die Arbeit von Expertinnen zu Hate Speech ignoriert. Unsere Texte werden von ihneneuch nicht geteilt. Unsere Stimmen werden nicht zu Podcasts oder Veranstaltungen eingeladen. Mit einer Ausnahme: wenn es darum geht, zu begaffen, wie schlecht es den armen Frauen im Internet geht. So werden Artikel groß mit „Verreck du Schlampe“ überschrieben, um dann über Hate Speech zu sprechen. Medien fragen bei uns nicht an, um unser Fachwissen zum Thema abzugreifen, sondern um medial wirksame „edgy“ Themen wie „hey du triffst deinen Hater, mal sehen was passiert“** zu pushen, das Opfer-Narrativ immer im Blick. Aufmerksamkeit mit Sensationen. Wie bei einem Autounfall stehen dann alle da und gaffen. Bis der nächste passiert. Mit Fachleuten über verbesserte Sicherheit zu sprechen? War lange Zeit zu langweilig, weil alle diese Fachleute Frauen waren. Jetzt, wo sich langsam Männer zum Thema äußern, dürfen sie zum Beispiel auf Podien mit Politikerinnen sitzen, auch wenn sie noch Monate zuvor starkes Victim Blaming betrieben, sich wiederholt nicht als Ally sehen möchten und eigentlich mit diesem ganzen „feministischen Gedöns“ nichts zu tun haben wollen. Die Perlen rauspicken, ohne die blöde Arbeit drum rum.

„Expertinnen“ ist da immer ein großes Wort. Denn viele, die sich da Expertinnen nennen, sind einfach nur Bloggerinnen, die meinen, dass sie besonders viel Hate Speech erleben, dabei aber auch keineswegs neutral sind.

Und deren Texte einfach nur eine sehr „unterkomplexe“ Erklärung geben: Das Patriarchat, die männlichen Privilegien, Männer sind böse und bedrohen Frauen. Da ist nicht viel Raffinesse drin, da wird nicht viel ausgewertet, da werden schlicht ein paar Tweets herausgegriffen und sich beschwert.

Damit ist man nicht per se ein Experte und viele dieser „Expertinnen“ wären bei gleichen Erlebnissen als Mann ebenfalls nicht geladen worden. Es freut mich aber, das anscheinend auch andere es durchaus so sehen, dass man sich nicht unbedingt eine radikale Feministin zu einem solchen Thema einladen möchte, denn sie wird nicht diskutieren wollen, sie wird bestimmte Erklärungen feststellen und bei Kritik daran beleidigt sein. Insofern werden sie vielleicht gerade eingeladen, weil sie nichts mit „feministischen Gedöns“ zu tun haben wollen, denn dieses Gedöns ist häufig das Ende jeder Diskussion. Vielleicht äußern sich die Männer insofern einfach allgemeiner zum Thema, geben fundiertere Stellungnahmen ab und sind weniger die Beteiligten eines Kampfes. Vielleicht ist es nicht einfach nur Unterdrückung und Benachteiligung, sondern es liegt daran, dass sie sich besser verkaufen können. Vielleicht möchte man sich keine „Experten“ einladen, der selbst mit „All Men must die“ sehr angreifbar ist oder zickig ist, wenn man nicht alles so macht, wie er das will.

Für Männer ist, sich als „feministisch aware“ zu labeln, etwas Positives. Einige haben das erkannt, und nutzen das – bewusst oder unbewusst sei mal dahingestellt – zu ihrem Vorteil. Sie schmücken sich mit ihrem Quest für Diversität, für vielleicht den einen oder anderen Retweet einer Frau, mit dem Teilen feministischer Texte von außerhalb Deutschlands, mit der Aufmerksamkeit, der sie auf die Opfer von Hasskampagnen lenken (obwohl das letzte, was diese Personen oft brauchen, Aufmerksamkeit ist, aber das ist ein anderes Thema) um zu zeigen, wie sehr sie sich all den schlimmen Dingen bewusst sind, die Frauen(tm) passieren.

Ich glaube ja in einer typischen Variante des „Nicht gut genug-Aktivismus“ mag sie diejenigen, die sich „feministisch labeln“ aber sich dennoch nicht in ihre Rolle der Unterordnung als Ally einfügen noch weniger als echte Gegner, die man ja eh besser ignoriert. Solche „falschen Allys“ wollen doch tatsächlich selbst vorankommen, statt ihre eigenen Interessen zurückzustellen und sich ganz auf die Förderung (der teilweise arbeitslosen) Feministinnen zu konzentrieren, dass ist natürlich eine ausserordentliche Frechheit, und die fühlen sich auch noch gut dabei.

Sie fühlen sich gut dabei, denken, sie tun doch was. Vor allem aber kratzen sie nicht an Macht, Positionen oder Privilegien. Sie werden automatisch auf der nächsten Konferenz sprechen, auch wenn es zwei Dutzend besser qualifizierte Frauen zum Thema gibt.

Es gibt allerdings meist nicht zwei Dutzend besser qualifizierter Frauen. Weil die Kompetenz anders bewertet wird als im Feminismus, wo man zum einen als Feministin per se neutral (=auf der Seite der Guten)  und im Recht ist und zum einen das Opfer Deutungshoheit hat.

Sie werden keine Reichweite abgeben und sich in die zweite Reihe verziehen. Sie werden Konferenzen organisieren, die sich mit Diverstität schmücken, aber nur 10% nicht-weiße-Männer sprechen lassen. Sie werden auf feministischen Veranstaltungen die Speakerinnen belästigen und online beschimpfen und danach weiter steif und fest behaupten, dass sie Feministen sind. Sie werden sich von Frauen das alles erklären lassen, mit den Schultern zucken und dann ehrfürchtig staunen wenn ein Mann das alles wiederholt. Und ihr lasst sie. Ihr lasst sie gewähren. Ihr applaudiert ihnen. Ihr feiert sie für ihre Reflektiertheit, teilt ihre Texte, dankt ihnen. Und silenct damit all die Expertinnen, verbannt sie in den Schatten eurer Helden, wo sie wieder, ohne dass es jemanden kümmert, sich mit all dem Abuse und Hass alleine auseinandersetzen müssen.

Nemmt – mich – und – meine  – Freundinnen – statt – denen! Das sind MÄNNER, die darf man doch nicht zu Wort kommen lassen! Es muss muss muss mehr qualifizierte Frauen geben, weil wir hier über HASS reden, also über Opfer!

Es ist ja schon an sich eine naive Haltung, dass Leute, die davon Leben, dass sie zu solchen Themen im Netz angehört werden, großartig zurückstecken, wenn sie eingeladen werden. Ich würde vermuten, dass Marthadear Anne Wizorek auch ihre intersektionalen Grundlagen vergessen hat und nicht darauf bestanden hat, dass man statt ihrer Person eine PoC  zum Thema Feminismus befragt. Oder dass sie den Anteil der PoC am Aufschrei verwiesen hat und dort an eine Tweeterin verwiesen hat, die man lieber interviewen sollte als sie. Jeder schaut auf seinen Vorteil, wenn er damit Geld verdienen muss.

Und dann applaudieren die Leute denen auch noch, obwohl sie Männer sind und buhen sie nicht deswegen von der Bühne.Skandalös.

Das Ding ist: niemand will euer Mitleid. Gestern, nachdem ich all das hier in wenigen Tweets anriss, wurde mir geantwortet, dass wir uns ja alle wünschen würden, dass der Hate aufhöre. Wie auch dort geantwortet sage ich das hier noch mal (andere Frauen werden das ggf. anders sehen, was genauso legitim ist!): das sind Wünsche für den Ponyhof. Natürlich möchten alle, dass Hass aufhört. Alles andere wäre auch soziopathisch. Aber wenn ich mir hier ne Stunde nehme, um das alles – mal wieder – runter zu reißen, in dem Bewusstsein, dass die meisten Männer das ohnehin ignorieren werden, dann geht es mir nicht um einen kindlichen Wunsch dass ein Held aufm weißen Pferd kommt und mich magisch beschützt.

Das hat schon was lustiges. Da wirft eine Anhängerin der Ideologie, dass alle Probleme dieser Welt aufhören, wenn es endlich kein Patriarchat mehr gibt, den anderen vor, dass sie gefälligst realistisch bleiben sollen. „Wünsche sind kein Ponyhof“ das ist ja gerade das, was man vielen Feministinnen in ihrer (Alb-)Traumwelt der Unterdrückung gerne einmal zurufen würde.

Hier wird es einmal anders herum benutzt: Ihr dürft nicht hoffen, ihr müsst die Benachteiligung beseitigen. Denn hier ist es eine Aufforderung an Männer und da darf man eben eine Gruppenschuld und damit auch eine Pflicht zum beseitigen errichten, während jede Aufforderung an die Frauen selbst, etwa sich etwas angepasster geben, damit man besser in die Medien passt, oder differenziertere Positionen einnehmen, damit man vermittelbarer ist, schlicht viktimblaming wäre

Werdet erwachsen. Es geht schlicht und einfach um Respekt gegenüber der Arbeit, die so viele seit so langer Zeit leisten, und die immer und immer wieder ignoriert und durch Texte und Verbreitung von Texten wie der Nerdcores boykottiert werden. Das muss nicht absichtlich geschehen, das glaube ich nicht – und deswegen auch dieser lange Text – aber jetzt könnt ihr nicht mehr sagen, ihr hättet es nicht besser gewusst.

„Werdet erwachsen“ – es wäre lustig, wenn es nicht so bizarr wäre. Frau Dingens führt jedenfalls erst einmal die Bösgläubigkeit herbei – jetzt kann keiner mehr sagen, er hätte es nicht gewußt. Und brav den Job an eine Frau abgeben, das Ally sein erfordert eben harte Opfer „werde erwachsen“ in Richtung von Frau Dingens kommt einen da erneut in den Sinn. Erkenne mal, warum die anderen eingeladen werden und was du machen musst, damit sich das ändert. Aber das ist natürlich alles leugnen der sexistischen Strukturen.

Ihr schadet uns. Ihr macht uns müde, zeigt uns, dass egal wie sehr wir uns anstrengend und arbeiten, es reicht ein zusammen gepappter Text in Palast der Winde Länge, um all das unsichtbar zu machen. Ihr zeigt uns, dass wir das nicht mal kritisieren können, weil der Autor selbsterklärter Feminist ist und drölfzig Links verbastelt hat, und dann wird er es schon wissen („Male privilege comes in many different ways, and one of them is that men will always have more credibility attached to them than women“). Ihr zeigt uns, dass unsere Mühen umsonst sind, und wir nur als Projektionsflächen für die weibliche Unterlegenheit dienen können, als eure Vorzeigeopfer. Ihr sprecht uns damit unsere Expertise ab, und zwängt uns in genau nur diese eine Rolle: die armen Feministinnen, oder, falls dem Thema gegenüber kritischer eingestellt: die kalkulierenden Radikalfeministinnen.

Die Männer hauen einfach ein paar Texte zusammen, die bei Frauen keine Beachtung finden würden. Alles ganz einfach. Das Nerdcore sich eine umfangreiche Basis mit seiner Seite geschaffen hat, bei der viele Beiträge erscheinen und Diskussionen stattfinden und das seine Zugriffszahlen die von „Frau Dingens“ und den anderen Expertinnen problemlos in den Schatten stellen und das Leute vielleicht differenziertere Texte aus einem gewissen Grund lieber lesen, dass kommt Frau Dingens nicht in den Sinn. Es ist eben einfach alles ungerecht. Das der Text seriöser sein könnte als der ihre oder der anderer Feministinnen, weil er die Erklärung nicht per se einfach so vorgibt und beide Seiten betrachtet kommt ihr nicht in den Sinn: Es ist mal wieder das männliche Privileg, doh! Lustig auch, dass sie sich beschwert, dass hier Frauen zu opfer gemacht werden, wenn ihre gesamte Theorie genau darauf aufbaut und sogar ihre Anschuldigungen Nerdcore gegenüber genau diesen Inhalt haben, sie sind dort eben Opfer der Privilegien der Männer.

Wenn ihr lange und hart über diesen Text und die Implikationen nachdenkt, würde das schon was bringen. Die verlinkten Texte lest, die verlinkten Videos guckt. Andere Stimmen featured, hört und darüber nachdenkt. Entschuldigungen an alle Frauen und Betroffenen, die ihr durch euer Handeln in die beschriebenen Strukturen gepresst habt, sind auch immer ein guter Schritt, auch wenn das schon ziemlich viel Reflektion erfordert.

Was auch helfen würde und im Feminismus deutlicher angesprochen werden sollte, ist die Büßerpeitsche, die sie sich bitte über den Rücken ziehen sollen. Aber immerhin erwähnt sie, dass man sich Entschuldigen sollte. Was wohl beinhaltet, dass man in Zukunft Frauen in den Mittelpunkt rückt