Schwache Männer für (zu) starke Frauen? Beziehungen im Zeitalter der Emanzipation (Gastartikel)

Kürzlich saß ich einmal mehr mit meinen Freundinnen in trauter Runde zusammen. Wir redeten über dieses und jenes – und irgendwann ging es natürlich um die großen Themen. Beziehungen, um genau zu sein. Und wie sie sich verändert hatten. „Männer sagen mir oft, dass sie Angst vor mir haben“, beklagte sich eine Freundin, die bis heute nach ihrem Prinzen sucht.. „Sie trauen sich häufig gar nicht erst, mich anzusprechen. Oder die Beziehung scheitert über kurz oder lang“. „Wie gut ich Dich verstehen kann!“, fiel eine andere ein. „Mein letzter Freund warf mir vor, dass ich die Hosen anhätte. Und dass er damit einfach nicht klar komme.“

Das Gespräch ließ mich nicht los. Beschäftigte mich noch eine ganze Weile. Und ich dachte über alles nach – über die moderne Frau, den modernen Mann. Unsere Rollen in der derzeitigen Gesellschaft. Ist der Feminismus etwa schuld daran, dass unsere Beziehungen immer kürzer werden? Dass es früher oder später unweigerlich zur Trennung kommt? Doch erst einmal „Hallo“. Mein Name ist Veronika Zintl! Und ich arbeite als Autorin für das Ex zurück Team (hier zu finden)! Wo eben auch genau diese Themen behandelt werden.
Studiert habe ich Politikwissenschaften. Und Themen wie diese beschäftigen mich schon seit längerem! Eigentlich schon immer!

Wer ist eigentlich die „Frau von heute“?

An dieser Stelle eine kleine Vorbemerkung: Ich würde mich nicht als militante und offensive Feministin betrachten. (und auch die Verwendung des Binnen-I ist mir jetzt nicht sonderlich wichtig.)
Ja, ich bin für gleiche Bezahlung, gleiche Rechte, … für Männer und Frauen. Welcher Mensch mit gesundem Verstand wäre das nicht?!? Doch finde ich es falsch, alles auf die Biologie und die (angeblichen) Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu schieben.

Damit macht man sich die Sache zu einfach, denke ich.

Ja also zum Feminismus – im Prinzip. Aber bitte mit Augenmaß! Zumal sich jede( r) erst einmal an der eigenen Nase packen sollte, bevor er (zu) generell wird. Meine Meinung zumindest.

Doch kommen wir nun zur Frage: Wer ist sie eigentlich, die „moderne Frau“? An dieser Stelle muss schon mal eingeschränkt werden: Wir sprechen hier mit allergrößter Wahrscheinlichkeit von einer Dame, die in einer westlichen Industrienation lebt, die sich eine gewisse (materielle) Unabhängigkeit aufgebaut hat. Die intelligent ist (hoffentlich). Und über eine gewisse Weitsicht verfügt. Was viele, viele (den Großteil?) der Frauen dieser Welt also schon einmal ausschließt. Dennoch wird die „Frau von heute“ als quasi übermächtig, als überall präsent angesehen. Vielleicht, weil sie sich oftmals lauter Gehör verschafft als ihre vielen, vielen schweigenden Geschlechtsgenossinnen? Das würde erklären, warum vor allem Stimmen wie Alice Schwarzer (ja, immer noch), Judith Butler, Femen und Co. (von Männern?) als Maßstab gesehen werden.

DIE Frau von heute gibt es jedoch nicht. Ebenso wenig, wie es DEN Mann von heute gibt.
Vielmehr ist jeder Einzelne ein Individuum, mit eigener Prägung, eigenen Bedürfnissen,
seiner ganz persönlichen Entwicklungsgeschichte. Deshalb sollte man auch in Beziehungssicht stets auf den Einzelfall schauen. Bevor man dem Feminismus die Schuld an der (erneuten) Trennung gibt.

Welche Rollen übernehmen wir heute in Beziehungen?

Aber: Wir sind eben doch geprägt durch die Gesellschaftsstrukturen, in denen wir aufwachsen. Diese bestimmen auch, wie „weiblich“ oder „männlich“ wir uns geben. Wie
sich unsere Rollen in der Beziehung gestalten.
Hinzu kommen andere Faktoren: wie etwa das Bild, das uns unsere Eltern vorgelebt haben. Mama blieb brav zu Hause, während Papa sich nur spät abends und am Wochenende blicken ließ? Nicht mit uns, wir machen das anders! Und wir haben solch eine Angst davor, in diese Rollenfalle zu tappen, dass wir uns gar nicht wirklich auf die Beziehung einlassen können. (Diesen Mechanismus habe ich bei mir selbst entdeckt.)

Oder wir meinen, uns nach einem bestimmten Bild richten zu müssen: Eine Freundin von mir wollte unbedingt eine „Traumbeziehung“ führen, eine Beziehung, in der der Himmel voller Geigen hängt. Deshalb verleugnete sie sich selbst. Stellte die Wünsche ihres Partners über die eigenen. (Obwohl sie in beruflicher Hinsicht sehr erfolgreich war.) Und was tat er? Er verließ sie – weil ihm die Beziehung zu langweilig wurde.
Und da ist meine Schwester, die nicht in eine andere Stadt ging, um zu studieren. Weil sie ein Jahr zuvor ihren Freund kennengelernt hatte. Der bereits studierte, in seiner Heimatstadt (was anderes wäre ihm auch niemals in den Sinn gekommen.). Sie blieb – seinetwegen. Und auch später, als das Studium beendet war und es an die Jobsuche ging, blieb sie bei ihm. Er wollte nicht weg – sie also ebenfalls nicht. Das machte das Finden einer Arbeitsstelle für sie nicht unbedingt einfacher (für ihn kein Problem als Maschinenbauer in einer wirtschaftlich prosperierenden Großstadt). Sie „löste“ das Problem schließlich, indem sie schwanger wurde. Ohne jemals wirklich gearbeitet zu haben.

Frauen machen eine Beziehung eher zum Mittelpunkt ihres Lebens

Das sind meine bisherigen Erfahrungen in dieser Hinsicht. Sie lassen sich intensiver auf den Partner, auf die Beziehung ein. Sie investieren mehr – nicht nur, was den Abwasch und das Putzen betrifft. Sie denken intensiver und länger darüber nach, wie sie die persönlichen Bedürfnisse und Wünsche des Anderen erfüllen können.
Sie neigen eher dazu, ihr Leben zugunsten der Beziehung aufzugeben. Auch hier möchte ich ein Beispiel anführen, stellvertretend unter vielen: Meine beste Freundin lernte nach langen Jahren des Single Daseins ihren (damaligen) Traumpartner kennen. Sie war so verliebt in ihn, dass sie sich immer weniger bei ihren Freundinnen blicken ließ. Sie ging nicht mehr zum Handball, hörte mit dem Singen im Chor auf – es hätte weniger Zeit mit IHM bedeutet.

Stattdessen war sie bei ihm. Ging mit ihm zum Segeln (obwohl sie das nicht mal mal besonders mochte). Unternahm etwas mit ihm und seinen Freunden (mit den meisten wurde sie nicht so recht warm). Weil es ihr in diesem Moment das wert war. Und weil sie dachte, es gehöre eben zu einer funktionierenden Beziehung mit dazu. Wie wenig er zurücksteckte, wie wenig er von seinem bisherigen Leben aufgab, das sah sie nicht.

Bis die Sache auseinander ging. Und sie vor dem vermeintlichen Nichts stand. Zurück in ihr altes Leben konnte sie nicht mehr so einfach: Denn alle waren weg. Alle, bis auf eine: ich.

Gut, das war jetzt ein Beispiel von Milliarden. Ich könnte noch viele weitere anführen. Von meiner Cousine, die bis heute, vier Jahre nach Beginn der Beziehung, darauf wartet, dass ER sich zu ihr wirklich bekennt. Mit ihr zusammen zieht. Stattdessen spricht er davon, ins Ausland zu gehen – ohne sie.
Oder die Bekannte, die studiert hat. Einen guten Abschluss vorweisen kann. Während des Studiums ihren jetzigen Mann kennenlernte. Nach der Heirat zwei Kinder bekam, um die sie sich hauptsächlich kümmert. Er fährt hingegen weiter mit seinen Kumpels in den Urlaub – alte Tradition und so.
Eine weitere Bekannte, die seit drei Jahren eine Affäre mit ihrem Chef hat. Darauf wartet, dass er sich endlich darüber klar wird, was er will. Sich entscheidet. Stattdessen lässt sie sich weiter vertrösten. Wider besseren Wissens. (Warum auch sollte er sich entscheiden? Schließlich hat er ja alles…)

wie feministisch sind die „Frauen von heute“? (m)ein vorläufiges Fazit

Was lässt sich also zu diesem Thema sagen? Der Feminismus ist mit Sicherheit NICHT schuld daran, dass die Beziehungen eine immer kürzere Halbwertszeit haben. Da spielen einfach zu viele andere Faktoren eine Rolle:

  • die Angst, dass da draußen noch jemand Besseres sein könnte
  • eine generelle Scheu, sich gefühlsmäßig auf jemanden einzulassen
  •  individuelle Prägungen und Verhaltensweisen
  • Verletzungen aus bisherigen Beziehungen, die ein bestimmtes Verhalten
    hervorrufen
  • externe Faktoren (wie etwa finanzielle Schwierigkeiten, Umfeld ist gegen die Beziehung, kulturelle Unterschiede, Unterschiede in Bildung und Gesellschaftsschicht,…)
  • etc.

Ja, wir jungen, gebildeten, meist weißen Frauen von heute sind Feministinnen – im Grunde genommen. In dem Sinne, dass wir für gleiche Bezahlung, Rechte und Co sind. Doch wenn es ans Eingemachte geht, sieht die Sache oftmals ganz anders aus. Und so rutschen wir sehr häufig in die „Frauenfalle“. In die schon unsere Mütter und Großmütter tappten. Wir richten uns stärker nach den Launen und (vermeintlichen) Wünschen des Partners, als dieser es tut. Wir neigen dazu, uns mehr aufzugeben, unsere eigenen Interessen und Bedürfnisse zugunsten der Beziehung hintenan zu stellen. Weil wir einfach nur glücklich sein wollen – mit jemandem an unserer Seite.
… ein Ausblick – für erfüllte(re) Beziehungen Sind wir wirklich so unemanzipiert? Nicht unbedingt. Nicht, wenn wir uns dessen bewusst werden. (und natürlich ist nicht jede gleich stark davon betroffen.) Nicht, wenn wir uns klar machen: Eine Beziehung sollte auf Augenhöhe geführt werden. Sie besteht aus zwei gleichwertigen Menschen. Die sich lieben, weil sie sich gegenseitig etwas geben. Und nicht deshalb zusammen bleiben, weil sie Angst vor dem Alleinsein haben. Weil sie das Gefühl haben, den Anderen zu brauchen, ohne diesen nichts zu sein. Wenn wir uns dies immer mal wieder vor Augen führen, wäre schon so viel gewonnen. Wir können unser bisheriges Verhalten überdenken. Es besser verstehen. Über Lösungen nachdenken – am besten gemeinsam mit dem Partner. Und wir können vieles für zukünftige Beziehungen lernen. Die dann umso erfüllter werden. Und die nicht deshalb auseinander brechen, weil der Feminismus in die Quere kam. Denn dies ist meist ein vorgeschobener Grund.

Der die wahren Ursachen überdeckt.

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Ideengeschichtliche Ursprünge des Konzepts binärer Oppositionen und dualistischer Hierarchien in der postmodernen Political Correctness (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Leszek

Im Folgenden soll eine Darstellung der ideengeschichtlichen Linie gegeben werden, die zu der Idee binärer Oppositionen und dualistischer Hierarchien in der postmodernen Political Correctness geführt hat, also zu den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich.

Die postmoderne Political Correctness beruht, wie schon häufiger erwähnt, auf einer falsch angelegten, einseitigen und unwissenschaftlichen (Anti-)Diskriminierungstheorie, die so funktioniert, dass stets einer Gruppe der Status der Norm und einer anderen Gruppe der Status der Abweichung oder Ableitung von dieser Norm zugewiesen wird. Jene Gruppen, denen der Status der Norm zugeordnet wurde, wird dann pauschal abgesprochen Bezugspunkt von Diskriminierungen sein zu können.

Anstatt also ergebnisoffen auf allen Seiten zu prüfen, ob und inwieweit Diskriminierungen vorhanden sind und dann zu versuchen alle realen Diskriminierungen auf allen Seiten zu beseitigen, wird einfach dogmatisch vorausgesetzt, Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben.

Auf diese Dinge bin ich in früheren Kommentaren schon häufig eingegangen und hatte mir auch Gedanken darüber gemacht wie eine tatsächlich wissenschaftliche, humanistisch-universalistische und integral-antisexistische Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung jenseits der postmodernen Political Correctness aussehen könnte, die im Gegensatz zur postmodernen PC keine Menschengruppe per se ausschließt.
Graublau hatte aus einigen solcher Kommentare Artikel auf Geschlechterallerlei gemacht, ich verlinke sie an dieser Stelle, um ausführlichere Wiederholungen hierzu an dieser Stelle zu vermeiden:

 

In diesem Beitrag soll es um eine Rekonstruktion der ideengeschichtlichen Linie gehen, die zu der Idee der hierarchischen Anordnung, die den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“ zugrundeliegt, geführt hat.

Ich beginne mit einigen längeren Zitaten hierzu aus dem m.E. ausgezeichneten Buch des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt „Multikulturalismus und Political Correctness in den USA“.
Das genannte Buch ist das wissenschaftliche Standardwerk zur Entstehung von Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, es ist mit großer Sachkenntnis geschrieben, enthält Belegquellen, ist pc-kritisch, aber sachlich und beschreibt ausführlich wie die postmoderne Political Correctness im Zuge einer US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus in Verbindung mit einigen US-amerikanischen Quellen entstanden ist. (Das Buch hat absolut nichts zu tun mit der unwissenschaftlichen antisemitischen rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie oder anderem rechten Propagandamüll.)

Hildebrandt geht in dem Unterkapitel 5.6. „Binäre Oppositionen und dualistische Hierarchien“ ausführlich auf die Entstehung der Idee dualistischer Hierarchien in der postmodernen PC ein, beginnend mit dem klassischen Strukturalismus des französischen Ethnologen Claude Levi-Strauss, der mittels strukturalistischer Methoden schriftlose, kleinräumige Gesellschaften besser zu verstehen versuchte:

„Vereinfacht formuliert, bestand das Resultat dieser strukturalistischen Analyse darin, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit der untersuchten Gesellschaften als ein binäres System erschien, (Levi-Strauss 1992: 249), das „sich mit Hilfe von Gegenüberstellungen und Wechselbeziehungen (…), anders ausgedrückt mittels logischer Beziehungen“ (Levi-Strauss 1991: 81) aufbaut (…). Auf der Basis dieser theoretischen Voraussetzung führte die Analyse vielfältiger Verwandtschaftsstrukturen Levi-Strauss zu der Annahme eines grundlegenden, wenn auch nicht universellen Dualitätsprinzips, das durch seine Dichotomien (130f.) die untersuchten Gesellschaften als dualistische Gesellschaften mit dualistischer Organisation und dualistischen Institutionen erscheinen ließ (Levi-Strauss 1991: 36f). Für die vielfältigen Mythen anthropologischer Gesellschaften gilt nach Levi-Strauss Analoges. Die Mythen sind durch ein „Bündel differentieller Elemente“ (Levi-Strauss 1992: 158) strukturiert, die in Form binärer Oppositionen und Gegensatzpaaren auftreten, wie z.B.: Mutter/Tochter, älter/jünger, flussabwärts/flussaufwärts, Westen/Osten, Süden/Norden, unten/oben, Erde/Himmel, Mann/Frau, Endogamie/Exogamie, Erde/Wasser etc. (182 f.) „Die Mythen organisieren sich also zu einem dichotomischen System mit mehreren Etagen, auf denen Korrelations- und Gegensatzbeziehungen vorherrschen“ (237). Der Mythos strukturiert die verschiedenen Wirklichkeitsdimensionen einer Gesellschaft auf der „geographischen, ökonomischen, soziologischen und sogar kosmologischen“ Ebene in binären Dichotomien. Die menschliche Welt erscheint damit vollständig durch das Prinzip der Differenz zwischen Gegensatzpaaren strukturiert.“

(aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 198)

„Dieses Strukturprinzip (…) übernahm (Jaques) Derrida von Levi-Strauss und übertrug es auf die Analyse der westlichen Ideen- bzw. Metaphysikgeschichte (…).“

(aus: ebd. S. 198)

„Zum zweiten beraubt Derrida die binären Oppositionspaare ihrer herrschaftspolitischen Unschuld, die sie bei Levi-Strauss besaßen, der sie im wesentlichen als gleichberechtigte Elemente eines Paares behandelte und die Betonung stärker auf den Ausgleich als die Konfrontation beider Elemente legte, weil nach ihm „das mythische Denken ausgeht von der Bewusstmachung bestimmter Gegensätze und hinführt zu ihrer allmählichen Ausgleichung“ (Levi Strauss 1991: 247). Im Gegensatz zu Levi-Strauss geht Derrida nun prinzipiell von der hierarchischen Anordnung dieser Elemente in einem Gegensatzpaar aus. „Sehr schematisch: eine Opposition metaphysischer Begriffe (zum Beispiel Sprechakt/Schrift, Anwesenheit/Abwesenheit usw.) ist nie Gegenüberstellung zweier Termini, sondern eine Hierarchie und die Ordnung einer Subordination.“ Durch diese Hierarchie und Subordination des einen Begriffs unter den anderen erscheint immer ein Terminus gegenüber dem anderen privilegiert und strukturiert damit die Textur der metaphysischen Tradition des Abendlandes als eine Abfolge hierarchischer Systeme aus unter- und überprivilegierten Termini.“

(ebd. S. 199)

„Der amerikanische Multikulturalismus rezipiert dieses strukturalistische Theorem der binären Oppositionen, die dualistische Hierarchien bilden und wendet es nicht nur auf die Analyse der abendländischen Tradition an, sondern auch auf die Analyse der Struktur der amerikanischen Gesellschaft an. Durch die in der metaphysischen Grundlage des amerikanischen Selbstverständnisses vorfindlichen binären Oppositionspaare, fände sich nicht nur in der dominanten Kultur der Vereinigten Staaten ein System hierarchischer Dichotomien, sondern diese schlügen sich auch in der Struktur der sozio-politischen Wirklichkeit nieder.
Diese Strukturanalyse wird aus der Perspektive der „Rainbow Coalition“ all jener Gruppen vorgenommen, die Iris M. Young als „Oppressed Minorities“ bezeichnete und die zu den Neuen Sozialen Bewegungen der „Politics of Identity“ und der „Politics of Difference“ gerechnet werden.“

(ebd. S. 199)

Soweit Mathias Hildebrandt.
Also, gehen wir den von Mathias Hildebrandt beschriebenen Ablauf noch einmal mal in drei Schritten durch, um die Sache genauer zu verstehen.

1. Schritt:

Der französische Ethnologe/Anthropologe Claude Levi-Strauss, Hauptvertreter der strukturalen Anthropologie bzw. des ethnologischen Strukturalismus, gelangte im Rahmen seiner strukturalistischen Analysen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften zu der Auffassung, dass die kulturelle Weltsicht bzw. das kulturelle Bedeutungs- und Wertesystem, einschließlich der Mythen dieser Gesellschaften wesentlich von Dualismen bzw. Gegensatzpaaren geprägt sei.

Claude Levi-Strauss war m.E. durchaus ein bedeutender Ethnologe, (er glaubte übrigens im Gegensatz zu vielen Poststrukturalisten an eine universelle menschliche Natur). Ich vermute, dass Levi-Strauss mit seiner Analyse über die Relevanz von Gegensatzpaaren für ein besseres Verständnis der kulturellen Weltsicht und der Mythen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften wohl nicht völlig falsch lag, habe aber den Eindruck, er übertreibt diese Erkenntnis etwas zu stark.
Dies ist allerdings natürlich eine Diskussion, die von Fachleuten im Bereich Ethnologie und Mythologie geführt werden muss. Gestehen wir Levi-Strauss aber ruhig erstmal zu, diesbezüglich einen diskussionswürdigen Beitrag zur Ethnologie und Mythologie geleistet zu haben.

2. Schritt:

Der französische poststrukturalistische Philosoph und Begründer der Philosophie und geisteswissenschaftlichen Methode der Dekonstruktion Jaques Derrida überträgt Claude Levi-Strauss Idee der Strukturierung von kulturellen Weltsichten durch Dualismen/Gegensatzpaare nun von den schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften, mit denen sich die Ethnologie beschäftigt, auf den geographischen Raum des sogenannten Abendlandes und dessen philosophische Ideengeschichte. Derrida meint eine Strukturierung durch Gegensatzpaare auch als ein wesentliches Element westlichen philosophischen Denkens erkennen zu können. Im Unterschied zu Claude Levi-Strauss Analyse der Mythen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften meint Derrida nun allerdings bei der philosophischen Ideengeschichte des Abendlandes zu erkennen, dass die Dualismen/Gegensatzpaare in der Regel hierarchisch gegliedert aufgefasst würden. Ein Gegensatzpol würde auf diese Weise stets einen höheren Rang erhalten, der andere würde hingegen abgewertet.

In der m.E. lesenswerten Einführung in den Poststrukturalismus von Stefan Münker & Alexander Roesler geben diese folgendes Beispiel für diese Auffassung Derridas:

„Der Ausgangspunkt von Derridas (1930 – 2004) Überlegungen ist das Verhältnis der gesprochenen Sprache zur Schrift. In der gesamten abendländischen Philosophiegeschichte sieht er eine Diskriminierung am Werk, welche die Schrift der gesprochenen Sprache gegenüber abwertet. Das geschriebene Zeichen wird dem Lautzeichen gegenüber als sekundär angesehen, als bloße Verschriftlichung des vorangegangenen Lautzeichens. (…) Egal ob Platon, Aristoteles, Rousseau, Hegel oder Husserl, alle diskriminieren die Schrift zugunsten des gesprochenen Worts. In dieser abwertenden Geste sieht Derrida ein wiederkehrendes Muster der Philosophiegeschichte, das er identifizieren und kritisieren wird.“

(aus: Stefan Münker & Alexander Roesler – Poststrukturalismus, 2. Auflage, J.B. Metzler, 2012, S. 39)

Ob Derrida mit seiner Annahme in der westlichen Philosophiegeschichte würde die Schrift gegenüber dem Wort diskriminiert, Recht hat oder nicht, mögen Philosophiehistoriker diskutieren und entscheiden.

Allerdings halte ich Derridas Annahme, dass die westliche Philosophiegeschichte grundsätzlich von solchen hierarchisch gegliederten Dualismen/Gegensatzpaaren durchzogen sei, doch für fragwürdig und zumindest schwer begründbar und belegbar.

Ich vermute, dass diese Sichtweise übertrieben ist und eher eine einseitige dogmatische Annahme darstellt. Ich würde eher vermuten, dass sich bestimmte hierarchisch gegliederte Dualismen in manchen Phasen der Philosophiegeschichte nachweisen lassen, in anderen Phasen nicht (dafür vielleicht andere) und dass sich in jeder Phase der Philosophiegeschichte auch viele Dualismen/Gegensatzpaare ohne hierarchische Gliederung finden lassen.

Eine umfassende und um Objektivität bemühte Überprüfung und kritische Analyse dieser Sichtweise Derridas im Hinblick auf die westliche Philosophiegeschichte zu leisten, wäre sicherlich eine interessante Aufgabe für Philosophiehistoriker, (vielleicht gibt es ja solche kritischen Analysen auch bereits). Ich bin bei dieser Annahme von Derrida jedenfalls skeptisch und vermute, dass es sich hier eher um einen schwächeren Teil seines Werks handelt.

Für eine fundierte kritische Analyse der postmodernen Political Correctness ist es unvermeidbar, auch die Anknüpfungspunkte der postmodernen Political Correctness im französischen Poststrukturalismus zu analysieren, denn die postmoderne Political Correctness ist ja aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus hervorgegangen.

Und daher kann man es auch der Philosophie von Derrida nicht ersparen, die spezifischen Anknüpfungspunkte und ideengeschichtlichen Linien im Hinblick auf die postmoderne Political Correctness analysieren, denn auch wenn Jaques Derrida selbst nichts dafür kann, dass sein Werk von US-amerikanischen PC-Ideologen geplündert wurde und Aspekte seines Werkes für die postmoderne Political Correctness instrumentalisiert wurden, so ist für ein genaueres Verständnis der theoretischen und ideengeschichtlichen Grundlagen der postmodernen Political Correctness eine solche ideengeschichtliche kritische Analyse doch unerlässlich.

Mir geht es dabei jedoch nicht darum, in jene pauschale, von wenig oder keinerlei Kenntnis geprägte und manchmal antisemitisch unterfütterte Derrida-Ablehnung einzustimmen, wie sie sich in einem Teil des Lagers der rechten PC-Kritiker findet.

So wird Jaques Derrida z.B. als einziger poststrukturalistischer Theoretiker in einer von dem antisemitischen Verschwörungstheoretiker und bekannten Vertreter der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie William S. Lind herausgegeben Schrift ausführlicher erwähnt. Die Berücksichtigung von Derrida in der antisemitischen rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie erklärt sich dabei sicherlich aus Derridas jüdischer Herkunft.

Die linke und links-maskulistische PC-Kritik, um die es mir geht, wendet sich hingegen entschieden sowohl gegen die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie (die ein besonders verlogenes und abstoßendes Beispiel für das darstellt, was ich als „Political Correctness von rechts“ bezeichne) ebenso wie gegen die postmoderne Political Correctness.

Dass es leider auch antisemitischen Kritiken an Derridas Philosophie gibt, bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass jede Kritik an Derridas Philosophie antisemitisch wäre.

Und des Weiteren muss Kritik an Derridas Philosophie zu üben, natürlich auch nicht zwangsläufig bedeuten, sein Werk völlig abzulehnen. Zwar geht es mir in diesem Beitrag nicht um eine ausführliche Analyse von Teilwahrheiten und Fehlern in der Philosophie Derridas, dennoch möchte ich an dieser Stelle auch noch einen Aspekt von Derridas Werk kurz erwähnen, den ich als bleibende Leistung ansehe.

Eine Leistung von Derrida liegt m.E. z.B. darin, mit der Dekonstruktion eine neue Methode der Textinterpretation entwickelt zu haben, mit der philosophische Texte auf neue Weise erschlossen werden können. In einer aktuellen Einführung zu Derrida wird dieser Aspekt folgendermaßen auf den Punkt gebracht:

„Das „Durchsprechen“ (…) ist, gemäß einer Einsicht Jaques Derridas, eine Form des Erbens, das heißt eine Form der Aneignung und Weitergabe von Überliefertem. Seinem Ruf (…) zum Trotz hat niemand so oft wie Derrida betont, dass wir Erben sind, Erben einer philosophischen und politischen Tradition, für die wir die Verantwortung zu übernehmen haben. Dieses Erbe ist jedoch niemals einfach lesbar, es ist heterogen, in sich widersprüchlich und zerklüftet.
„Ein Erbe versammelt sich niemals“, heißt es (…). „Es ist niemals eins mit sich selbst. Seine vorgebliche Einheit, wenn es sie gibt, kann nur in der Verfügung bestehen, zu reaffirmieren, indem man wählt. Das heißt: Man muß filtern, sieben, kritisieren, man muss aussuchen unter den verschiedenen Möglichkeiten, die derselben Verfügung innewohnen. (…) Wenn die Lesbarkeit eines Vermächtnisses einfach gegeben wäre, natürlich, transparent, eindeutig, wenn sie nicht nach Interpretation verlangen und diese gleichzeitig herausfordern würde, dann gäbe es niemals etwas zu erben.“

(aus: Susanne Lüdemann – Jaques Derrida zur Einführung, Junius, 2013, S. 12)

Dass die dekonstruktive Art zu lesen für Vertreter anderer philosophischer Traditionen anfangs sehr irritierend sein kann, beschreibt der Marxist David Harvey in einer amüsanten Passage in seinem m.E. lesenswerten Buch „Marx Kapital lesen“. Harvey, der Seminare zu Marx „Kapital“ abhielt, geriet einmal unverhofft an eine Gruppe von Derrida-Anhängern:

„In einem Jahr versuchte ich, das „Kapital“ mit einer Gruppe aus dem Romanistik-Seminar an der John Hopkins zu lesen. Ich war äußerst frustriert, weil wir uns fast das ganze Semester mit dem ersten Kapitel aufhielten. Ich sagte immer wieder: „Schaut mal, wir sollten im Text weitergehen und wenigstens bis zum politischen Streit um den Arbeitstag kommen“, woraufhin sie sagten, „Nein, nein, nein, wir müssen das noch klar kriegen. Was ist der Wert? Was meint er mit Geld als Ware? Worum geht es beim Fetisch?“ und so weiter. Sie schleppten sogar die deutsche Ausgabe an, um die Übersetzung zu prüfen. Es stellte sich heraus, dass sie alle in der Tradition von jemandem standen, von dem ich noch nie gehört hatte und von dem ich dachte, dass er ein politischer oder sogar intellektueller Idiot sein müsse, weil er diese Herangehensweise ausgelöst hatte. Es handelte sich um Jaques Derrida, der Ende der 1960er Jahre, Anfang der 1970er Jahre, eine zeitlang an der Hopkins gewesen war. Als ich im Nachhinein über diese Erfahrung nachdachte, wurde mir klar, dass mir diese Gruppe beigebracht hatte, wie unerlässlich es ist, sorgsam auf die Sprache (…) zu achten (…).“

(aus: David Harvey – Marx Kapital lesen, VSA, 2011, S. 13)

Lesen im Sinne der Dekonstruktion ist also alles andere als oberflächlich.

Machen wir weiter mit dem eigentlichen Thema – 3. Schritt:

Im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus wird nun Jaques Derridas Annahme von der Strukturierung der westlichen Philosophiegeschichte durch hierarchisch gegliederte Dualismen/ Gegensatzpaare auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen. Nicht nur die westliche Metaphysik, sondern vor allem das Verhältnis verschiedener Menschengruppen zueinander innerhalb der kulturellen Weltsicht bzw. des kulturellen Bedeutungssystems, die sich auf die sozialen Strukturen auswirke, wird nun als streng hierarchisch gegliedert interpretiert.
Daraus wird abgeleitet, dass es Diskriminierungen immer nur auf einer Seite geben könne, dass eine Seite stets privilegiert, die andere Seite stets diskriminiert sei. Diese undifferenzierte Sichtweise erhält innerhalb der sich herausbildenden PC-Ideologie den Status eines dogmatischen Glaubenssatzes und wird nicht mehr hinterfragt.
Im Zusammenhang mit der ebenfalls aus dem französischen Poststrukturalismus übernommenen Idee der Ausschlussfunktion, die von Normen ausgehen kann, entstehen nun die uns bekannten politisch korrekten „Norm-Feindbilder“:

– Norm: weiß, Abweichung: nicht-weiß
– Norm: männlich, Abweichung: weiblich
– Norm: heterosexuell, Abweichung: homosexuell
– Norm: cissexuell, Abweichung: transsexuell
– Norm: westlich, Abweichung: nicht-westlich

Mit diesem einseitigen Modell im Hinterkopf wird es nun für politisch korrekte postmoderne Linke schwierig sich vorzustellen, dass es viele Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen geben kann, die nicht in dieses dualistische Schema passen.

Übersehen werden dabei meiner Ansicht nach unter anderem:

– die zahlreichen Diskriminierungen und sozialen Problemlagen, von denen Jungen und Männer betroffen sind:

http://www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

https://manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

– die sozialen Problemlagen der weißen Unterschicht in den USA:

http://www.jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

– Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen in mehreren nicht-westlichen Ländern (auch, aber nicht nur in islamischen Ländern), denn „christlich“ wird in der PC-Ideologie mit „westlich“ assoziiert. (Allerdings interessieren sich nicht nur politisch korrekte postmoderne Linke, sondern auch die christlichen Kirchen selbst leider nicht besonders für dieses Thema.)

– Diskriminierende und autoritäre Werte, Normen und Gesetze im orthodoxen und islamistischen Scharia-Islam und die innerislamischen Betroffenen islamischer Unterdrückungspraxis jederlei Geschlechts (denn der Islam wird in der PC-Ideologie mit „nicht-westlich“ assoziiert).

Kurz auf den Punkt gebracht – das politisch korrekte Konzept der „Norm-Feindbilder“ bewirkt nun genau das, was der ursprüngliche französische Poststrukturalismus eigentlich kritisieren wollte: ungerechte Ausschlüsse.

Nach dieser etwas längeren Darstellung der ideengeschichtlichen Linie, die zu der Idee der hierarchischen Anordnung, die den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“ zugrundeliegt, geführt hat, zum Abschluss noch einmal eine kurze Zusammenfassung:

– Der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss vertritt die Ansicht die kulturelle Weltsicht und die Mythen in schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften seien stark von Dualismen/Gegensatzpaaren geprägt.

– Der französische poststrukturalistische Philosoph Jaques Derrida überträgt diese Idee auf die westliche Philosophiegeschichte und meint außerdem, dass die Dualismen/Gegensatzpaare in der westlichen Metaphysik grundsätzlich hierarchisch gegliedert seien.

– Im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus wird Derridas Idee hierarchisch gegliederter Dualismen/Gegensatzpaare auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen.

– Im Zusammenhang mit der ebenfalls aus dem französischen Poststrukturalismus übernommen Idee der Ausschlussfunktion, die von Normen ausgehen kann, entsteht aus der Vorstellung hierarchisch gegliederter Beziehungen zwischen Menschengruppen im kulturellen Bedeutungssystem, das Dogma Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben sowie die politisch korrekten „Norm-Feindbilder“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich.

– Die politisch korrekten „Norm-Feindbilder“ produzieren neue Ausschlüsse und bewirken, dass reale Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen übersehen werden, wenn diese nicht der dogmatisch vorausgesetzten einseitigen und empirisch nicht überprüften politisch korrekten theoretischen Konstruktion entsprechen.

Leszek zu „Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus“

Leszek schreibt in einem Kommentar:

Ich mache mir gerade ein paar Gedanken zum Thema „Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus“.

Das Resultat eines ersten kleinen Brainstormings (nach längerer Recherche zum Thema) kann unten gelesen werden. Über Ergänzungen würde ich mich freuen.

An dieser Stelle sei nochmal darauf hingewiesen, dass man – wenn man eine wissenschaftlich fundierte kritische Analyse des Poststrukturalismus anstrebt – m.E. zwischen dem ursprünglichen französischen Poststrukturalismus (der noch nicht politisch korrekt war) und dem späteren US-amerikanischen Poststrukturalismus/Postmodernismus, der die postmoderne Political Correctness hervorgebracht hat, unterscheiden muss.

Den in den USA entstandenen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus halte ich für eine autoritäre Ideologie, die man ruhig neben Faschismus, Stalinismus und Neoliberalismus stellen kann.

Hingegen sehe ich beim ursprünglichen französischen Poststrukturalismus, der noch antiautoritär motiviert und nicht politisch korrekt war, durchaus auch originelle Erkenntnisse und zu bewahrende Teilwahrheiten.
Diese Teilwahrheiten werden aber falsch, wenn sie maßlos aufgebläht und überdehnt werden.

Zum Teil finden sich kritikwürdige Übertreibungen bereits in unterschiedlichen Ausprägungen bei den französischen Poststrukturalisten, zum Teil haben sie dies aber in späteren Phasen ihres Werkes selbst erkannt und diese Übertreibungen mehr oder weniger stark abgeschwächt und relativiert. Insofern lässt sich diesbezüglich von einem unreiferen und reiferen Poststrukturalismus sprechen.

Im Zuge jener einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus, aus der die postmoderne Political Correctness hervorging, wurden mehrere solche Fehler und Übertreibungen, wo vorhanden, hingegen fröhlich übernommen und anstatt sie abzuschwächen wurden sie z.T. weiter aufgebläht. Dies hat m.E. leider einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass aus dem ursprünglich antiautoritär motivierten französischen Poststrukturalismus in den USA eine autoritäre Ideologie gebastelt wurde, die heute – gefördert von neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten und ihren gekauften politischen Handlangern in verschiedenen politischen Parteien – dazu instrumentalisiert wird eine Teile-und Herrsche-Politik zu betreiben, die politische Linke mit Blödsinn zu zersetzen und als ernsthaften Gegenspieler der herrschenden Eliten lahmzulegen und einen autoritären Staatsumbau voranzutreiben:

Gastartikel: Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten?

Insofern dient eine Analyse der Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus u.a. zwei unterschiedlichen Zwecken:

– Die Teilwahrheiten des ursprünglichen französischen Poststrukturalismus bewahren.

und

– Den in den USA entstandenen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus – also die postmoderne Political Correctness – fundiert kritisch zu analysieren, um sie umso wirksamer zurückschlagen zu können.

Trennen wir also beim Poststrukturalismus die Spreu vom Weizen.
Im Folgenden geht es um allgemeine, verbreitete theoretische Grundlagen poststrukturalistischen Denkens, nicht um einzelne poststrukturalistische Denker im Besonderen. Außerdem wurde aus Gründen der Einfachheit die Form einer idealtypischen Gegenüberstellung gewählt, in der Realität finden sich natürlich auch viele graduelle Ausprägungen irgendwo dazwischen.

Hier meine ersten kurzen stichwortartigen Reflektionen zum Thema. Ergänzungen sind willkommen.

Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus/Postmodernismus

Teilwahrheit:

– Erkenntnis der Relevanz von Interpretation für das Verstehen der Wirklichkeit. Die Welt kann nicht durch empirische Forschung allein erschlossen und verstanden werden, manche Dinge können nur durch Interpretation verstanden werden. Selbst bei empirisch zu erforschenden Dingen kann es u.U. sozial konstruierte Anteile geben, die man mitreflektieren muss.

Übertreibung:

– Die Annahme, es gebe keine soziale Wirklichkeit außerhalb von Interpretationen und diskursiv-kulturellen sozialen Konstruktionen. Die ganze Welt (oder zumindest die ganze soziale Welt) sei quasi wie ein Text. Daraus folgt eine irrationale Geringschätzung empirisch-wissenschaftlicher Forschung.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis, dass Bedeutungen kontextabhängig sind und nicht endgültig festgelegt werden können.

Übertreibung:

– Verweigerung klarer Definitionen, Leugnung der Sinnhaftigkeit von zeitweiligen und kontextuellen Festlegungen von Bedeutungen.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis des Wertes der Vielfalt von Perspektiven.

Übertreibung:

– Verzicht auf qualitative Unterscheidungen zwischen Perspektiven: alles soll gleichermaßen gültig sein. Das führt zu Wahrheitsrelativismus, Moralrelativismus, Kulturrelativismus und ähnlichem Irrsinn.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis, dass allgemeine Prinzipen und auf Synthese ausgerichtetes Denken stets ein Risiko beinhalten, das Einzelne, Besondere, Partikulare nicht angemessen zu berücksichtigen und dies ungerechte Ausschlüsse und Diskriminierung begünstigen kann.

Übertreibung:

– Verzicht auf allgemeine Prinzipien und auf Synthese ausgerichtetes Denken, das Resultat kann dann leider nur gedankliche Zersplitterung, das Fehlen von begründeten Maßstäben für Gerechtigkeit und die Produktion anderer ungerechter Ausschlüsse sein.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis der Relevanz sprachlicher und kulturell-diskursiver Hintergrundkontexte für das Erleben und Verhalten des Menschen und für geisteswissenschaftliche Analysen zu bestimmten Fragen.

Übertreibung:

– Die bedeutungsgenerierende Kraft kultureller Diskurse wird zum absolut zentralen Einflussfaktor auf das Erleben und Verhalten von Menschen überhöht, alle anderen soziologischen, psychologischen und biologischen Einflüsse werden massiv unterschätzt – es kommt zu einer Variante von Theorien des „Fanatismus eines Faktors“.

Teilwahrheit:

– Wichtige Beiträge zu soziologischen Konflikttheorien: Klare Erkenntnis des konflikthaften, antagonistischen Aspekts des Sozialen, der niemals ganz zu befrieden ist, niemals völlig in einen Konsens aufgelöst werden kann. Macht-Konflikte durchziehen bis zu einem gewissen Grad alle gesellschaftlichen Bereiche und die Konflikte währen ewig, eine weitgehend konfliktfreie, harmonische Gesellschaft ist nicht zu erreichen.

Übertreibung:

– Das menschliche Streben nach Konsens und Kooperation wird in ihrer Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen im Poststrukturalismus z.T. zu gering gewichtet, die Machtperspektive wird z.T. stark übertrieben.
U.a. gerade weil die menschliche Sozialität einen konflikthaften und antagonistischen Aspekt enthält, der niemals völlig aufgelöst werden kann, ist außerdem die Sublimierung, Einhegung und konstruktive Kanalisierung dieser konflikthaften Tendenzen wichtig. Auch wenn jeder gesellschaftliche Konsens immer nur teilweise und vorläufig ist, sichert das Streben nach Kompromiss und Konsens doch ein funktionierendes Zusammenleben.

Teilwahrheit:

– Entwicklung von geisteswissenschaftlichen Methoden, die sich für bestimmte Fragestellungen und Erkenntnisinteressen bewährt haben (Diskursanalyse, Dekonstruktion, genealogische Analyse).

Übertreibung:

– Anwendung von poststrukturalistischen Methoden außerhalb ihres Geltungsbereichs. Werden Diskursanalyse, Dekonstruktion und genealogische Analyse auf empirisch-wissenschaftlich zu behandelnde Fragen angewendet, dann produzieren sie schnell Unsinn.
Eine Diskursanalyse kann z.B. gut dafür geeignet sein, um die Konstruktion von Bedeutungen in Texten zu analysieren, aber sie kann uns z.B. nichts wissenschaftlich Gesichertes darüber sagen, ob und inwieweit durchschnittliche psychologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern von sozialen Einflüssen oder genetischen Dispositionen verursacht werden, denn das ist eine Frage, die in den Geltungsbereich empirisch-wissenschaftlicher Methoden fällt.

Soweit erstmal.

Wie man sieht, sind die (in meinen Augen) Übertreibungen und Fehler des Poststrukturalismus relativ trivial und es ist keineswegs besonders schwer sie zu analysieren und von den Teilwahrheiten abzugrenzen.
Die Trivialität der ersten Ergebnisse meiner Analyse ist aber pragmatisch betrachtet durchaus ein Vorteil. Umso leichter kann es nämlich in gut begründeten Argumentationen vermittelt werden.

Anmerkungen:

Etwas anders geordnet ergibt das:

Teilwahrheiten:

  •  Erkenntnis der Relevanz von Interpretation für das Verstehen der Wirklichkeit. Die Welt kann nicht durch empirische Forschung allein erschlossen und verstanden werden, manche Dinge können nur durch Interpretation verstanden werden. Selbst bei empirisch zu erforschenden Dingen kann es u.U. sozial konstruierte Anteile geben, die man mitreflektieren muss.
  • Erkenntnis, dass Bedeutungen kontextabhängig sind und nicht endgültig festgelegt werden können.
  • Erkenntnis des Wertes der Vielfalt von Perspektiven.
  • Erkenntnis, dass allgemeine Prinzipen und auf Synthese ausgerichtetes Denken stets ein Risiko beinhalten, das Einzelne, Besondere, Partikulare nicht angemessen zu berücksichtigen und dies ungerechte Ausschlüsse und Diskriminierung begünstigen kann.
  • Erkenntnis der Relevanz sprachlicher und kulturell-diskursiver Hintergrundkontexte für das Erleben und Verhalten des Menschen und für geisteswissenschaftliche Analysen zu bestimmten Fragen.
  • Wichtige Beiträge zu soziologischen Konflikttheorien: Klare Erkenntnis des konflikthaften, antagonistischen Aspekts des Sozialen, der niemals ganz zu befrieden ist, niemals völlig in einen Konsens aufgelöst werden kann. Macht-Konflikte durchziehen bis zu einem gewissen Grad alle gesellschaftlichen Bereiche und die Konflikte währen ewig, eine weitgehend konfliktfreie, harmonische Gesellschaft ist nicht zu erreichen.
  • Entwicklung von geisteswissenschaftlichen Methoden, die sich für bestimmte Fragestellungen und Erkenntnisinteressen bewährt haben (Diskursanalyse, Dekonstruktion, genealogische Analyse).

Übertreibungen:

  •  Die Annahme, es gebe keine soziale Wirklichkeit außerhalb von Interpretationen und diskursiv-kulturellen sozialen Konstruktionen. Die ganze Welt (oder zumindest die ganze soziale Welt) sei quasi wie ein Text. Daraus folgt eine irrationale Geringschätzung empirisch-wissenschaftlicher Forschung.
  • Verweigerung klarer Definitionen, Leugnung der Sinnhaftigkeit von zeitweiligen und kontextuellen Festlegungen von Bedeutungen.
  • Verzicht auf qualitative Unterscheidungen zwischen Perspektiven: alles soll gleichermaßen gültig sein. Das führt zu Wahrheitsrelativismus, Moralrelativismus, Kulturrelativismus und ähnlichem Irrsinn.
  • Verzicht auf allgemeine Prinzipien und auf Synthese ausgerichtetes Denken, das Resultat kann dann leider nur gedankliche Zersplitterung, das Fehlen von begründeten Maßstäben für Gerechtigkeit und die Produktion anderer ungerechter Ausschlüsse sein.
  • Die bedeutungsgenerierende Kraft kultureller Diskurse wird zum absolut zentralen Einflussfaktor auf das Erleben und Verhalten von Menschen überhöht, alle anderen soziologischen, psychologischen und biologischen Einflüsse werden massiv unterschätzt – es kommt zu einer Variante von Theorien des „Fanatismus eines Faktors“.
  • Das menschliche Streben nach Konsens und Kooperation wird in ihrer Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen im Poststrukturalismus z.T. zu gering gewichtet, die Machtperspektive wird z.T. stark übertrieben.
    U.a. gerade weil die menschliche Sozialität einen konflikthaften und antagonistischen Aspekt enthält, der niemals völlig aufgelöst werden kann, ist außerdem die Sublimierung, Einhegung und konstruktive Kanalisierung dieser konflikthaften Tendenzen wichtig. Auch wenn jeder gesellschaftliche Konsens immer nur teilweise und vorläufig ist, sichert das Streben nach Kompromiss und Konsens doch ein funktionierendes Zusammenleben.
  • Anwendung von poststrukturalistischen Methoden außerhalb ihres Geltungsbereichs. Werden Diskursanalyse, Dekonstruktion und genealogische Analyse auf empirisch-wissenschaftlich zu behandelnde Fragen angewendet, dann produzieren sie schnell Unsinn.
    Eine Diskursanalyse kann z.B. gut dafür geeignet sein, um die Konstruktion von Bedeutungen in Texten zu analysieren, aber sie kann uns z.B. nichts wissenschaftlich Gesichertes darüber sagen, ob und inwieweit durchschnittliche psychologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern von sozialen Einflüssen oder genetischen Dispositionen verursacht werden, denn das ist eine Frage, die in den Geltungsbereich empirisch-wissenschaftlicher Methoden fällt.

Die Aufteilung in „Teilwahrheiten“ kann aus meiner Sicht dabei helfen, dass man den Aufbau der Theorie und wo sie herkommt besser versteht. Aber es macht die Theorie nicht „teilweise richtig“, sofern man sie nicht auf diese „Teilwahrheiten“ reduzieren kann. Sie bleibt dann insgesamt falsch.

Insofern mag es versöhnlich klingen, wenn man „Teilwahrheiten“ sucht, tatsächlich muss man aber letztendlich den Poststrukturalismus als Theorie schlicht verwerfen und allenfalls schauen, ob die Aspekte, die man als zutreffend ansieht, auch in besseren Theorien berücksichtigt werden.

Wenn man mit „Teilwahrheiten“ und „Übertreibungen“ als Untersuchungskriterien arbeitet, dann sollte man insofern vielleicht noch „Reduzierbarkeit“ hinzunehmen um zu überprüfen, was von der ganzen Theorie übrig bleibt. ich vermute, dass da letztendlich nicht viel übrig bleibt.

 

Eine Frau zum Orgasmus bringen

Dies ist ein Gastartikel von Aurelie

Der weibliche Orgasmus ist kein „Mythos“, den es zu entschlüsseln gilt, und er ist auch nicht kompliziert. Komplex, ja – aber welcher körperliche Vorgang ist nicht komplex?

Wenn ich im Folgenden über Frauen schreibe, so heißt das nicht, dass sich darin jede Frau wiederfinden muss. Es geht vielmehr um eine grobe Richtung, deren individuelle Ausgestaltung jeder Frau oder jedem Paar selbst obliegt. Da ich alles andere als allwissend bin, ergeben sich sicherlich in den Kommentaren noch weitere Anregungen. Man lernt schließlich nie aus.

Der wichtigste Faktor, wenn es ums Kommen geht, ist Zeit. Frauen haben in der Regel eine andere Erregungskurve als Männer. Wie ein Elektroherd, der etwas braucht, bis er so richtig warm ist, dafür aber lange (nach)glüht. Das männliche Äquivalent ist der Gasherd: an – aus bzw. Flamme da – Flamme weg. Ein Orgasmus braucht also – neben der richtigen Technik – Zeit. Die gute Nachricht: Während der Aufwärmphase gibt es viel Richtiges und wenig Falsches. Spricht: Es geht vor allem darum, den Körper und insbesondere die Vulva bereit zu machen, sie aufzuwärmen. Dazu braucht es kein Kerzenlicht-Eros-Ramazotti-Getue, sondern angenehme und stimulierende Berührungen. Eine praktische Stellung, die das gegenseitig entspannt ermöglicht, ist sich gegenüber zu sitzen mit angewinkelten Knien. Wer sich nur der Frau widmen möchte, der kann sie bitten, sich auf den Rücken zu legen, während man sich neben sie legt oder zwischen ihre Beine setzt.

Beim Aufwärmen geht es wie gesagt nicht darum, so schnell wie möglich alle möglichen „magische“ Knöpfe zu drücken, um endlich am Ziel anzukommen. Langsame, wertschätzende Berührungen ebnen dagegen den Weg. Der ganze Körper kann miteinbezogen werden.

Wenn sich der Schwerpunkt der Berührung langsam Richtung Vulva nähert, kann ein hochwertiges Öl (bspw. reines Mandelöl), das Ganze intensivieren. Viele gehen automatisch davon aus, dass die eigene Feuchtigkeit ausreicht. Für eine ausgiebige Massage der gesamten Vulva trifft das in der Regel nicht zu. Manche Frauen scheuen sich, zusätzliche Lubrikation einzufordern, weil sie denken, das würde dem Mann sexuelle Unlust signalisieren. Davon sollte man sich freimachen.

Von dem Gedanken, dass die Vagina jederzeit sexuell aufnahmebereit ist, sollte man sich ebenfalls freimachen. Auch wenn das zugegebenermaßen ein schöner Gedanke ist 🙂 Viele Frauen haben verlernt, auf sich zu hören und zu spüren, wann sie wirklich bereit zur Penetration sind. Je länger man(n) also abwartet, bis man mit den Fingern oder dem Penis eindringt, umso angenehmer wird das in der Regel für die Frau sein. Die Vagina wird mit steigender Erregung weiter, größer und besser durchblutet.

Kleiner Exkurs beendet. Wir sind also bei der Vulva bzw. deren Massage. Dabei es gibt einige Massagetechniken, die ich im Folgenden aufzähle. Wichtig ist, dass du diese Massagegriffe ohne Hektik und möglichst langsam ausführst. Wie gesagt: Je länger du bei jedem Griff verweilst, umso größer ist die Chance eines Orgasmus. Am besten können die Massagegriffe ausgeführt werden, wenn die Frau auf dem Rücken liegt und ihre Beine gespreizt und leicht angewinkelt sind.

Nimm deine ganze Hand und lege sie mit den Handflächen nach unten über die gesamte Vulva. Übe dabei leichten Druck aus, sodass sie deine Hand gut spüren kann. (Dieser Griff eignet sich auch gut, um zwischen den anderen Griffen durch eine kleine Pause die Erregung zu steigern.)

Nimm die großen und danach die kleinen Schamlippen jeweils einzeln zwischen deine Finger und massiere sie (sanft).

Drücke die kleinen Schamlippen mit deinen beiden Daumen zusammen und verschiebe sie gegenseitig (auch versetzt).

Mit den äußeren Handkanten die inneren und äußeren Schamlippen umfassen und wie beim Feuermachen sanft gegeneinander reiben.

Mit zwei Fingern fährst du die inneren und äußeren Schamlippen nacheinander oder gleichzeitig in langen Strichen von oben nach unten entlang und umgekehrt. Ein Finger kann dabei gleichzeitig (bewegungslos) auf der Klitoris liegen.

Die Klitoris zwischen Daumen und Zeigefinger mit leichten Drehbewegungen massieren, ohne die Vorhaut vorher zurückzuziehen. Die andere Hand ruht auf der Vulva.

Mit der einen Hand die Vorhaut der Klitoris zurückziehen und wieder loslassen, mit der anderen Hand die Vulva halten.

Die Klitoris mit einer Fingerspitze direkt massieren. Probiere sehr, sehr sanfte, jedoch kontinuierliche Bewegungen.

An dieser Stelle unbedingt auf genügend Lubrikation und die Reaktion deiner Partnerin achten oder fragen, ob die direkte Berührung der Klitoris so angenehm ist. Falls nicht, beginnst du von vorne oder bittest sie, dir zu zeigen, welche Berührungsintensität für sie angenehm ist. Manchmal reicht eine kleine Modifikation. Wenn ihr eine Intensität gefunden habt, die für sie angenehm ist, bleib dabei. Je nachdem, wie erregt deine Partnerin ist, ist dies bereits der Punkt, an dem sie nach einer gewissen Zeit einen Orgasmus erreicht. Falls nicht, kannst du wieder die anderen Massagegriffe anwenden und später auf die direkte Massage der Klitoris zurückkommen.

Nach der Massage der Klitoris könnt ihr zur Penetration übergehen. Falls du mit den Fingern vorfühlen möchtest, um ihre Bereitschaft (und ihre Lust) weiter zu steigern, erkunde den Scheideneingang (nur den Eingang) langsam mit einem Finger. Das ist der empfindlichste Bereich der Scheide. Umfahre Klitoris und Scheideneingang in einer Achter-Bewegung. Auf die G-Punkt-Massage gehe ich an dieser Stelle nicht mehr ein. Mit den beschriebenen Griffen erreicht man denke ich bereits angenehme Ergebnisse. Selbst wenn sich kein Orgasmus ergibt, so ist die Penetration nach einer solchen Massage etwas völlig anderes.

Wer sich nach dem Beitrag nach dem männlichen Massage-Äquivalent fragt – keine Sorge, das gibt es. Und es lohnt sich für jede Frau (jeden Mann), das ebenfalls zu erlernen.

Peter Singer – Eine evolutionär-informierte Linke für heute und darüber hinaus

Mir wurde die folgende Übersetzung zugeschickt, die ich hier als Gastartikel veröffentliche:

(Anmerkung des Übersetzers: Der von Peter Singer im Original verwendete Begriff „Darwinian Left“ wurde hier übersetzt als „evolutionär-informierte Linke“, um dem Mißverständnis vorzubeugen, dass es hierbei um Sozialdarwinismus ginge. Gemeint ist gerade keine sozialdarwinistische Sichtweise, sondern das Anstreben der Verwirklichung politisch linker Werte wie Gleichheit, Solidarität, Gerechtigkeit und Freiheit auf evolutionär-informierter Grundlage.)

Auszug aus: Peter Singer, A Darwinian Left: Politics, Evolution and Cooperation, New Haven, 1999, Kapitel 5, S. 60-63.

Dieses knappe Buch war eine Skizze der Art und Weise, in der sich eine evolutionär-informierte Linke von der traditionellen Linken, wie wir sie die letzten beiden Jahrhunderte kannten, unterscheiden würde. Abschließend werde ich zuerst einige der Merkmale stichwortartig zusammenfassen, von denen ich glaube, dass sie eine evolutionär-informierte Linke von vorhergehenden Formen der Linken, sowohl alten wie neuen, unterscheiden würde, dies sind die Merkmale, von denen ich glaube, dass eine evolutionär-informierte Linke sie heute einbeziehen sollte. Danach werde ich einen flüchtigen Blick auf weiterliegende Perspektiven werfen.

Eine evolutionär-informierte Linke würde nicht:

  • die Existenz einer menschlichen Natur leugnen, noch darauf beharren, dass die menschliche Natur ihrem Wesen nach gut ist, noch dass sie unbegrenzt formbar ist;
  • erwarten allen Konflikt und Streit zwischen den Menschen zu beenden, sei es durch politische Revolution, sozialen Wandel oder bessere Erziehung;
  • annehmen, dass alle Ungleichheiten Resultat von Diskriminierung, Vorurteilen, Unterdrückung oder sozialer Konditionierung sind. Bei manchen Ungleichheiten wird dies der Fall sein, aber dies kann nicht in jedem Fall vorausgesetzt werden.

Eine evolutionär-informierte Linke würde:

  • akzeptieren, dass es so etwas wie eine menschliche Natur gibt, und danach streben mehr über diese herauszufinden, so dass die Politik auf den besten verfügbaren Befunden darüber, wie Menschen sind, begründet werden kann;
  • jeden Schluss von dem, was „natürlich“ ist auf das, was „richtig“ ist, ablehnen;
  • annehmen, dass unter den Bedingungen unterschiedlicher sozialer und wirtschaftlicher Systeme viele Leute konkurrenzorientiert handeln werden, um ihren eigenen Status zu verbessern, eine Machtposition zu erlangen und/oder ihre Interessen und die ihrer Angehörigen zu fördern;
  • annehmen, dass unabhängig von dem sozialen und wirtschaftlichen System, in dem sie leben, die meisten Leute positiv auf echte Möglichkeiten zum Eingehen von gegenseitig vorteilhaften Formen von Kooperation reagieren werden;
  • Strukturen fördern, welche eher Kooperation als Konkurrenz begünstigen und versuchen Konkurrenz in gesellschaftlich wünschenswerte Bahnen zu kanalisieren
  • erkennen, dass die Art und Weise, in der wir nichtmenschliche Tiere ausbeuten ein Vermächtnis unserer vor-darwinistischen Vergangenheit ist, welche die Kluft zwischen Menschen und anderen Tieren überhöhte – und daher einen höheren moralischen Status für nichtmenschliche Tiere und einen weniger anthropozentrischen Blick hinsichtlich unserer Herrschaft über die Natur anstreben;
  • an den traditionellen Werten der Linken festhalten und sich auf die Seite der Schwachen, der Armen und Unterdrückten stellen, aber sehr genau überlegen, welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen tatsächlich funktionieren werden um sie zu unterstützen.

In gewisser Hinsicht ist dies eine stark reduzierte Vision der Linken, welche ihre utopischen Ideen ersetzt durch eine nüchterne, realistische Perspektive von dem, was erreicht werden kann. Das ist, denke ich, das Beste, was wir heute tun können – und es ist immer noch eine weit positivere Perspektive als das, was viele auf Seiten der Linken angenommen haben, was ein evolutionäres Verständnis der menschlichen Natur beinhaltet.

Wenn wir eine weit längerfristigere Perspektive einnehmen, könnte es eine Aussicht für die Rückkehr zu weitreichenderen Veränderungsbestrebungen geben. Wir wissen nicht, in welchem Umfang unsere Fähigkeit zur Vernunft uns auf lange Sicht über die herkömmlichen darwinschen Zwänge hinsichtlich des Grades an Altruismus, den zu begünstigen eine Gesellschaft in der Lage sein kann, hinausführen kann. Wir sind vernunftbegabte Wesen. In anderen Schriften habe ich die Vernunft mit einer Rolltreppe verglichen, insofern, als sobald wir rational zu argumentieren beginnen, wir gezwungen sein können einer Argumentationskette bis zu einem Schluss zu folgen, den wir nicht erwartet hatten als wir mit dem Schlussfolgern begannen. Die Vernunft stattet uns mit der Fähigkeit aus zu erkennen, dass jeder von uns einfach ein Lebewesen unter anderen Lebewesen ist, von denen alle Wünsche und Bedürfnisse haben, die für sie wichtig sind, so wie unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche für uns wichtig sind. Kann diese Einsicht jemals den Einfluss anderer Elemente in unserer evolvierten Natur überwinden, welche der Idee einer unparteiischen Anteilnahme für alle unsere Mitmenschen oder besser noch, für alle fühlenden Wesen, entgegenstehen?

Niemand Geringeres als ein engagierter Verfechter darwinschen Denkens wie Richard Dawkins beharrt auf der Perspektive einer „bewussten Kultivierung und Pflege von reinem, uneigennützigem Altruismus – etwas, das es in der Natur nicht gibt, etwas, das niemals zuvor in der gesamten Geschichte der Welt existiert hat“. Obwohl „wir als Gen-Maschinen geschaffen wurden“, sagt uns Dawkins, „haben wir die Macht uns gegen unsere Schöpfer zu wenden“. Hierin liegt eine wichtige Wahrheit. Wir sind die erste Generation, die nicht nur versteht, dass wir Produkte der Evolution sind, sondern auch die Mechanismen versteht, durch die wir uns entwickelt haben und wie dieses evolutionären Erbe unser Verhalten beeinflusst. In seinem philosophischen Klassiker „Phänomenologie des Geistes“ stellt Hegel den Höhepunkt der Geschichte als einem Zustand des „absoluten Wissens“ dar, in welchem der „Geist“ sich als das begreift, was er ist und dadurch seine eigene Freiheit erreicht. Wir müssen nicht Hegels Metaphysik übernehmen, um zu erkennen, dass etwas Ähnliches im Verlauf der letzten fünfzig Jahre tatsächlich passiert ist. Zum ersten Mal, seit das Leben aus der „Ursuppe“ hervorgegangen ist, gibt es Lebewesen, die verstehen, wie sie zu dem geworden sind, was sie sind. Für diejenigen, die dadurch einen Machtzuwachs der Regierung und des wissenschaftlichen Establishments befürchten, erscheint dies eher als eine Gefahr, denn als Quelle von Freiheit. In einer fernen Zukunft, die wir noch kaum erahnen können, könnte es sich als Voraussetzung für eine neue Form von Freiheit herausstellen.

Eine Replik auf: Vincent-Immanuel Herr „Liebe Männer Europas, wir müssen reden!“ (Gastartikel)

Dies ist ein Gastartikel von Teardown

Der gesellschaftliche Diskurs wird zunehmend unter dem plakativen Begriff des „postfaktischen Zeitalters“ diskutiert. Zentraler Begriff in dieser Debatte ist die „Echokammer“. Meinungen werden nur noch innerhalb eines selbstselektierten homogenen Raums zugelassen. Innerhalb dieses Raums bekommt man nur das zu hören, was man selbst auch sagt, wie es mit dem Ausruf in einem Tal vergleichbar ist. Genau wie beim Echo in einem Berg-Tal scheint es zwar eine bestätigende Antwort zu geben, doch im Zeitverlauf wird es still und wenn man erneut hineinruft, erhält man wieder nur dieselbe bestätigende Antwort. Das Echo ist aber nur die Simulation einer Antwort, ein Gespräch findet nicht statt. So tritt eine verzerrte Wahrnehmung ein, weil anderslautende Meinungen oder Ideen ignoriert und Fakten gar nicht oder falsch interpretiert werden. Ein tatsächlicher Austausch von Meinungen ist in einer „Echokammer“ nicht möglich, da jede hier stattfindende Debatte entlang autoritären synchroneren Mechanismen folgt. Die Debatte innerhalb der Kammer dient nicht dem Austausch, sondern der Bestätigung des Gesagten. Jede Abweichung ist zu vermeiden und die Ablehnung des Gesagten von Menschen außerhalb der Kammer wird als Bestätigung für die Richtigkeit der Aussage gewertet. Es ist offensichtlich, dass unter solchen Voraussetzungen die Qualität der Willensbildung abnimmt. In der Folge entwickelt sich die wahrgenommene Wirklichkeit innerhalb des Schutzraums und dessen, was Menschen außerhalb dieses Schutzareals erfahren immer weiter auseinander. Deutlich sichtbar werden diese Regelmechanismen immer, wenn Insassen der „Echokammer“ ihren Schutzraum verlassen, um ein Gespräch mit dem Anderen suchen.

An einem neuen Aufruf des „Aktivisten, Feministen, Europäer“ (Eigenbezeichnung) Vincent-Immanuel Herr an „die Männer Europas“ lassen sich die Unfähigkeit zu einem redlichen und respektvollen Diskurs beispielhaft explizieren. An diesem offenen Brief zeigt sich, wie weit radikalfeministische Interpretationen der Wirklichkeit von der Lebenserfahrung der Menschen abweichen. Außerdem zeigt sich, dass die Debatte im Schutzraum zu einem hohen Qualitätsverlust der Rhetorik, Sorgfalt und Argumentationsführung führt, was augenscheinlich ist, wenn niemand mehr ernsthaft Gesagtes in Frage stellt.

“Liebe Männer Europas, wir müssen reden!“

Die Texte Immanuel Kants zeichnen sich dadurch aus, dass der Königsberger Philosoph stets seinen zentralen Gedanken in den ersten Satz schrieb. Jeder folgende Satz und jede folgende Bücherseite war nur noch eine Begründung dessen, was sich bereits im ersten Satz manifestierte. Beim Namensvetter Immanuel-Vincent Herr ist es genau umgekehrt. In seinem ersten Satz zeigt sich, worum es im Folgenden genau nicht gehen wird. Der Text ist, wie im Folgenden dargelegt wird, kein Gespräch, sondern eine Inszenierung dessen. Bei Immanuel-Vincent Herrs erstem Text dieser Art war es ebenso. Der Text begründete eben nicht, warum Deutschland mehr Feministen brauchen würde. Allenfalls und mit Wohlwollen begründete der Autor, warum man sich in Deutschland für Gleichberechtigung einsetzen sollte.

Es stellt sich nun die Frage, warum sich der Autor die Mühe macht, ein Gespräch mit europäischen Männern zu inszenieren, und einen offenen Brief zu schreiben. Einen Hinweis auf die Antwort findet sich in dem Adressatenkreis des Twitterposts, denen der Autor seinen Text präsentierte:

Manuela Schwesig (Bundesfrauenministerin), Henrike von Platen (Lobbyistin, Business Professional Women), Alexandra Borchardt (Redaktionsleiterin, Süddeutsche Plan W – Frauen verändern die Wirtschaft), Kristina Lunz (Lobbyistin und Beraterin von UN Women), Teresa Bücker (Redaktionsleiterin, Edition F), Katrin Rönicke (feministische Journalistin) und Robert Franken (Lobbyist, Male Feminists Europe) sowie die Accounts von „UN Woman“, „Edition F“ und „Netzfeminismus“.

Twitteraccounts von Männerechtlern, Autoren und Blogger außerhalb des Feminismus fehlen vollständig. Und mit dem feministischen Aktivisten Robert Franken ist auch nur ein Mann unter den Adressaten des Briefs an „die europäischen Männer“. Die Antwort nach der Motivation für diesen Text ist somit eindeutig zu geben: Es handelt sich hierbei um ein Bewerbungsschreiben des Autoren. Er inszeniert ein Gespräch mit den „europäischen Männern“ um seine richtige Gesinnung vorzuführen und sich für Folgeaufträge zu empfehlen. Es ist naheliegend als feministischer Aktivist und Europäer ein ökonomisches Interesse daran zu haben, dass man von feministischen Journalistinnen, Ministerien unter feministischer Führung und feministischen Völkerrechtsorganisationen wahrgenommen wird. Unter dieser Prämisse wird in der Folge der gesamte Text analysiert.

“In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? In einer gleichberechtigten oder in einer rückständigen? Wollen wir in einem Europa der Chancen oder in einem Europa der Privilegien leben?“

Natürlich fällt den meisten von uns die Beantwortung dieser Frage leicht. Natürlich wählen wir die Gesellschaft, in der Gerechtigkeit und Fairness herrscht. Nicht nur, weil es moralisch oder philosophisch richtig wäre, sondern einfach, weil wir selber auch nicht benachteiligt werden wollen. Wir erwarten eine faire Chance. Wir erwarten, dass man uns nach unserem Einsatz, unseren Ideen und unserer Leistung bewertet, nicht danach, wo wir herkommen, wie wir aussehen oder welchen Namen wir haben. Alles andere ist Diskriminierung und nicht fair.“

Die klassische Rhetorik bezeichnet diesen Abschnitt als das exordium. Mit einigen einleitenden Floskeln möchte der Autor sich die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen des Lesers sichern. Und ja. Wer könnte auch den Worten des Autors widersprechen? Niemand möchte aufgrund seiner Herkunft, seiner Meinung, seines äußeren Erscheinungsbildes oder seines Namens diskriminiert werden. Warum jedoch fehlt hier mit dem „Geschlecht“ eine für Feministen so entscheidende Diskriminierungskategorie? Die Antwort darauf findet sich im nächsten Abschnitt:

“Die weitverbreitetste Form von Diskriminierung in Europa (und weltweit) ist Sexismus, die Benachteiligung von Mädchen und Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Dabei kann man generell sagen, dass es Frauen in Europa besser geht und sie weniger Unterdrückung erfahren, als in vielen anderen Teilen der Welt. In den meisten Europäischen Ländern ist es nicht üblich, weibliche Föten aufgrund ihres Geschlechts schon vor der Geburt abzutreiben. Sogenannte Ehrenmorde, also das Töten eines weiblichen Familienmitglieds aufgrund einer angeblichen Beschädigung der Familienehre, sind zum Glück ebenso selten wie Massenvergewaltigungen. Die Grundrechte der Europäischen Union garantieren Frauen die gleichen Rechte wie Männer. Natürlich dürfen Frauen wählen gehen, Auto fahren, eine Firma leiten oder Präsidentin werden. Heißt das, wir können uns entspannt zurücklehnen? Ganz sicher nicht! Denn nur, weil EU Länder im weltweiten Vergleich gut abschneiden, heißt das nicht, dass wir absolut gut abschneiden. Denn auch in Europa haben wir es mit jeder Menge Sexismus zu tun. Raewyn Connell analysierte hegemoniale Männlichkeit ebenso wie etwas, was sie als „patriarchalische Dividende“ bezeichnet hat. Männer können von Geburt an selbstverständlich von Privilegien ausgehen, die ihnen ihre Kulturen seit Jahrtausenden zuschreiben. Diese Dividende streichen Männer auch in Europa ein.“

Die bereits im vorhergehenden exordium sichtbare sprachliche Herausstellung der Diskriminierung aufgrund von Geschlecht durch Trennung dieser von anderen Diskriminierungskategorien wird in der Erläuterung des Sachverhalts nun auch inhaltlich deutlich. Der Autor folgt hierbei zwei klassischen radikalfeministischen Narrativen die eine Desinformation einrahmen:

  • Männer könnten keine sexistische Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts erfahren. Warum das so sei oder woran sich das zeigt, erfährt der lesende europäische Mann dabei selbstredend nicht. Der Satz steht einfach so da und ich runzelte zum ersten Mal die Stirn. Es handelt sich um ein Argument qua Definition und somit letztlich um eine Tautologie. Der Feminist erklärt „europäischen Männern“, dass sie durch Sexismus gar nicht diskriminiert werden, weil Feministen Sexismus so definiert haben. Außerdem ist bemerkenswert, dass der Autor Sexismus als weitverbreitetste Form der Diskriminierung auf Welt definiert, ohne auch hierfür einen Beleg zu liefern. Aus meiner Sicht als Demokrat ist nämlich die weitverbreitetste Diskriminierung weltweit die Abwesenheit von Demokratie, also das Zulassen von Meinungsvielfalt. Eine Diskriminierungskategorie, die der Autor eben erst beschrieb und gedanklich schon wieder vergessen hat.
  • Mit Blick auf die „außereuropäischen Männer“, die noch stärker Frauen (und nur Frauen, s.o.) unterdrücken würden, behauptet der Autor: Ehrenmorde bezeichnen das Töten von Frauen aufgrund der Beschädigung der Familienehre. Diese Behauptung ist falsch. Denn auch Männer werden aufgrund der Familienehre getötet, in Deutschland waren zwischen 1996 und 2005 von 109 bekannten Ehrenmorden 43 männliche Opfer zu verzeichnen. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass etwa 30 Prozent aller Ehrenmorde an Männern begangen werden. Sie werden umgebracht, weil sie schwul sind, von der Familie ungewünschte Sexualpartner der Frauen sind oder sogar weil sie sich weigern ihre weiblichen Familienmitglieder zu ermorden.
  • Bei dem zweiten radikalfeministischen Konzept, welches der Autor neben dem feministischen Sexismus-Begriff einführt, wird noch deutlicher, wie weit sich der Autor mittlerweile von seiner Zielgruppe entfernt hat. Er führt den Begriff der „hegemonialen Männlichkeit“ mit dem Konzept der „patriarchalen Dividende“ ein, ohne auch nur eins der beiden Schlagworte zu erklären. Der Leser bleibt zurück mit der belegfreien Aussage, dass Männer „selbstverständlich von Geburt an von Privilegien ausgehen“ können. Dazu später mehr. Da der Autor seinen Brief sorgsam nach den Kategorien klassischer Rhetorik aufgebaut hat, halte ich es für ausgeschlossen, dass er einen solchen schwerwiegenden rhetorischen Fehler macht, Dinge seinem Zielpublikum nicht zu erläutern. Ich kenne aber diese Vorgehensweise aus meiner beruflichen Tätigkeit. Im Marketingbereich würde man das, was der Autor macht als „Buzzword-Dropping“ bezeichnen. Es werden komplexe Vorgänge auf ein Wort zusammengestapft und egal ob man es verstanden hat oder nicht, in einer Debatte fallengelassen. Man signalisiert so Kompetenz oder Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kreis. Das Stichwort ist also das Signalisieren einer Gesinnung. Der Autor weiß, dass kein „normaler Mann“ seinen Brief lesen wird und er ist auch gar nicht daran interessiert, dass normale Männer ihn verstehen. Diejenigen die er erreichen will (siehe oben), verstehen was er meint, nämlich seine Zugehörigkeit zur Peergroup. Wir haben hier lupenreine autoritäre Herrschaftssprache in feministischer Anwendung.

Anschließend leitet der Autor den eigentlich argumentativen Teil seines Textes ein. Er gliedert ihn (In der Rhetorik propositio genannt) mit Hilfe der geschlechtlichen Diskriminierungsdimensionen Wissen, Geld, Macht, Zeit, Gewalt, Gesundheit und Arbeit. Diese werden ihm so durch den europäischen Gender Equality Index vorgegeben:

„Tatsächlich zeigt der Gender Equality Index, dass Frauen in der EU im Durchschnitt erstaunlicherweise erst etwas mehr als die Hälfte (52,9 Prozent) der Gleichberechtigung erreicht haben – also des Gleichstandes mit ihren männlichen Zeitgenossen. Die Studie untersucht die Faktoren Wissen, Geld, Macht, Zeit, Gewalt, Gesundheit und Arbeit im Vergleich zu Männern. In der Schule oder der Uni würden wir für 53 Prozent der richtigen Antworten mit Glück noch eine fünf bekommen. In keinem einzigen Land der EU (oder der Welt) sind Frauen tatsächlich selbstverständlich genauso viel wert, unterstützt, ausgestattet wie Männer.“

Ich weiß nicht, ob man an der Universität mit 53 Prozent richtiger Antworten eine Klausur besteht. Was ich aber weiß: Ein Professor wird garantiert eine Hausarbeit nicht für gut bewerten, wenn der Student darin zeigt, dass er seine Quellen nicht gelesen hat. Denn genau das hat gerade der Autor getan, wie meine kurze Quellenrecherche ergab.

Der „Gender Equality Index“ des Europäischen Instituts für Gleichstellung kann hier eingesehen werden. Diese Erhebung bildet Gleichstellung entlang eines Absolutwertes (!) von 1 (absolute Ungleichheit) und 100 Prozent (vollständige Gleichstellung) der Geschlechter ab. Der Index wertet also gleichrangig in beide Richtungen und misst auch Ungleichheit zu Lasten von Männern. Damit unterscheidet sich die methodische Vorgehensweise etwa von dem Gender Inequality Index des World Economic Forums. Dieser Index misst die Parität von Frauen zu Männern und bewertet diese mit höchstens 1, sobald mindestens (!) genauso viele Frauen wie Männer einen Wert erreichen. Diese Konstruktion des GII-Index führt zu der paradoxen Situation, dass ein Staat in dem 100 Prozent der Studenten Frauen sind, den Gleichstellungsidealwert bei höherer Bildung von 1 erhält.

Die richtige Interpretation der 52,9 Prozent im zitierten Gender Equality Index wäre also: Frauen UND Männer sind etwa zur Hälfte in den gemessenen Kategorien gleichgestellt. Das heißt aber eben NICHT, dass nur Frauen benachteiligt seien. So zeigt sich z.B. bei der Bildung, dass in Schweden und Großbritannien prozentual etwa gleich viele Frauen tertiäre Bildung genossen haben, der Index aber für Großbritannien 85 Prozent Gleichstellung berichtet, während Schweden nur etwa 63 Prozent erreicht. Der Hintergrund: In Schweden kommen auf drei Frauen mit Universitätsausbildung nur zwei Männer, während in Großbritannien jeweils beide Geschlechter etwa zu gleichen Anteilen vertreten sind.

Kurzer Einschub: Ich persönlich halte solche Genderindizes für totalen Humbug. Sie werden nur produziert, damit Menschen wie der Autor eine griffige Zahl präsentieren können. Kritikpunkte:

  • In Schweden müssen z.B. auch Krankenpfleger studieren, in Deutschland nicht. Wie vergleichbar sind also die schwedischen mit deutschen Werten, wo in Schweden in den Universitäten mehr Frauen studieren (Sozialbereich) und in Deutschland mehr Männer (Technischer Bereich)?
  • Warum misst man nur Hochschulbildung? Würde man wirklich Gleichstellung in Bildungsfragen messen wollen, müsste man auch Primar- und Sekundärbildung vergleichen. Interessanterweise zeigt sich ja hier eben, dass am unteren Ende Jungen überrepräsentiert sind. Aber wie der Autor schon zeigt, die Gleichstellungsfrage wird immer nur aus der Perspektive von Frauen diskutiert. Denn Männer können gar nicht sexistisch diskriminiert werden. Männer haben von Geburt an ihre Privilegien, auf die sie sich verlassen können. – Verhältnisse zueinander sagen nichts über die tatsächliche Qualität eines Merkmals. Ein Beispiel aus dem Gender Equality Index: Beim Thema Freizeit haben Männer einen kleinen Vorsprung. Hier sinken nun die gemessenen Werte für beide Geschlechter seit 2006, nur eben auch für Männer schneller als bei Frauen. In der Folge wird eine größere Gleichstellung gemessen, aber sowohl Frauen als auch Männer haben heutzutage absolut weniger Freizeit als vor zehn Jahren. Gleichstellung als Beruhigungspille für die freizeitlosen Arbeitssklaven?
  • Welche Parameter wählt man für einen Index aus? Hier ist der statistischen Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet. Beim Thema „Power“ führt der methodische Apparat der o.g. Studie die Faktoren political, social und economic auf. Die Politische Macht wird an Geschlechterverhältnissen im Parlament gemessen, ökonomische Macht anhand von Vorständen in Unternehmen. Für die soziale Macht wird kein Parameter identifiziert. Warum? Wäre nicht z.B. die Verteilung von Sorgerechtsentscheidungen ein Fall für soziale Macht? Was würde wohl bei dieser Messung rauskommen?
  • Ein letzter Punkt, Deutschland würde wie die Studienautoren berichten, einen gewaltigen Sprung in der Gleichstellung machen, wenn Frauen mehr in Parlamenten und Unternehmensvorständen vertreten wären. Der deutsche Indexwert könnte sich leicht um fast 15 Prozentpunkte erhöhen, wenn etwa 2.000-3.000 Frauen in die gewünschten Positionen kommen. Das zeigt deutlich: Gleichstellung ist ein Elitenthema.

Aber machen wir weiter im Text.

“Was aber bedeuten diese Zahlen im eigenen Leben? Ihr könnt es leicht herausfinden. Nehmt diesen Brief zum Anlass, um in eurem Umfeld, in der Familie oder im Freundeskreis, Frauen nach ihren Erfahrungen mit Sexismus zu fragen. Dann hört zu. Ich habe das gemacht und von haarsträubende Erlebnissen und Erfahrungen gehört: Frauen, die auf der Straße angefasst oder von Männern in Ecken gedrängt wurden. Frauen, denen zustehende Beförderungen verweigert wurden. Frauen, die lächerlich gemacht oder unterschätzt werden. Frauen, die gestalkt, verfolgt oder missbraucht wurden. Frauen, die genauso gut arbeiten wie Männer, aber schlechter bezahlt werden. Frauen, die in wichtigen Positionen sind, und als „Süße“ oder „Schätzchen“ degradiert werden. Ich war und bin schockiert, dies von den Frauen in meinem engsten Familien- und Freundeskreis zu hören. Die wiederum sagen, dass es keine Frau gibt, die nicht ein Erlebnis dieser Art vorbringen kann. All das sind keine Einzelfälle. Sie zeigen, wie die in der EU nur halb erreichte Gleichberechtigung unmittelbar im persönlichen Leben von Frauen und Mädchen wirksam ist. Daher, nehmt euch Zeit, hört zu, kommt ins Gespräch. Es wird euren Blick erneuern.“

Dieser Absatz ist das Kernargument des Autors, abgeleitet aus seiner falschen Interpretation eines Gleichstellungsindexes. Männer sollen Frauen nach ihren Erfahrungen fragen, wobei diese soweit definiert werden, dass natürlich jede einen solchen Fall berichten kann. Diese Vorgehensweise beschreibt eine weitere Rabulistik feministischer Rhetorik, die Begriffserweiterung ins Unkenntliche. Denn würde man Männer fragen, ob sie schon mal auf der Straße bedrängt wurden, schlechter bezahlt, nicht befördert, missbraucht, geschlagen, abfällig bezeichnet, unterschätzt oder gestalkt würde auch nahezu jeder ein Beispiel geben können.

Und ja, ich habe das was der Autor vorschlägt selbst getan und meine Freundin gefragt. Sie konnte mir von zwei Vorfällen berichten: Einmal begegnete sie in einem Berliner Park einem Exhibitionisten der sich vor ihr entblößte und einmal wurde sie und eine Freundin in Paris am Fernreisebahnhof von einer Gruppe französisch-arabischer Jungs bedrängt. Im ersten Fall war sie amüsiert, im zweiten Fall verängstigt. Welcher Erkenntniswert liegt dem nun zugrunde? Und vor allem, was sollte ich als „europäischer Mann“ dagegen tun? Soll ich meine Freundin stetig begleiten, damit ich sie beschützen kann, wenn ihr so etwas passiert? Wobei das wiederum an Verhaltensweisen außereuropäischer Männer erinnert. Das was der Autor hier macht ist ganz klassisch: Man ignoriert Lebenserfahrungen von Männern (privilegiert), entgrenzt Begriffe ins unermessliche und produziert so ein Horrorszenario und schließt dann aus der Verteilung aus die Grundgesamtheit und formuliert daraus einen Rechtfertigungsdruck gegenüber Männern. Stalking z.B. ist bei etwa 30.000 jährlich angezeigten Fällen in Deutschland kein Massenphänomen und betrifft im Übrigen in etwa 20 Prozent der Fälle auch Männer. Aber was sollen europäische Männer in Deutschland dagegen unternehmen? Was sollen 38 Millionen Männer gegen etwa 24.000 stalkende Männer ausrichten? Der Autor präsentiert hier eine Pseudolösung und appelliert letztlich an die klassische Geschlechterhierarchie, die er eigentlich vorgibt zu brechen: Männer sollen die Beschützer von Frauen sein. Erst wenn keine Frau mehr etwas berichten kann, dann sei Gleichberechtigung erreicht. Nach diesem Absatz habe ich mich ernsthaft gefragt, ob der Autor wirklich so kindlich naiv ist oder er tatsächlich lediglich seine reine Gesinnung signalisieren will.

„Es ist doch ein spannende Umstand, dass Europa als einziger Kontinent der Welt nach einer Frau benannt ist. Ein Ansporn für uns alle, solange wir nicht tatsächliche Gleichberechtigung erreicht haben – in unserem Leben, in unseren Köpfen, in unseren Gesellschaften. Stellt euch vor, was für ein Europa wir haben könnten, wenn wir einander nicht nach dem Geschlecht beurteilen und entsprechend unterschiedlich behandeln würden. Wenn die Anerkennung, die im persönlichen Alltag oft ganz normal ist – der Respekt und die Zuneigung zu unseren Schwestern, Müttern, Freundinnen, Grossmüttern, Patentanten, Cousinen – auch im größeren gesellschaftlichen Kontext gelten würde. Stellt euch vor, was wir zusammen erreichen könnten, wenn wir das volle Potential unseres Kontinents nutzen würden, und nicht nur das halbe. Aus diesen Grund schreibe ich euch heute von Mann zu Mann. Als Männer im 21. Jahrhundert haben wir eine kollektive Verantwortung, nicht wegzuschauen, sondern aktiver Teil eines besseren Europas zu werden. Echte Männer degradieren Frauen nicht. Echte Männer belästigen Frauen nicht. Echte Männer schauen nicht weg. Daher: Werdet Mitstreiter für die Gleichberechtigung. Und das nicht für Frauen oder weil wir es besser könnten (das wäre ja die Bevormundung, die wir gerade nicht wollen), sondern zusammen mit Frauen, Seite an Seite, für eine bessere Zukunft in Europa“

Der letzte Teil formuliert das Pathos mit dem zum Handeln aufgerufen wird. Zunächst wird aus dem Umstand, dass der Kontinent Europa nach einer Geliebten des Zeus benannt wurde, ein Handlungszwang für Männer abgeleitet. Das klingt gut, ist aber reichlich absurd. Schlimmer wiegt hingegen die anschließende Übergriffigkeit. Eine Übergriffigkeit wie sie ebenfalls typisch ist für den Gegenwartsfeminismus. Der Autor behauptet, „wir“ (ob er damit nur die europäischen Männer meint oder auch Frauen bleibt unklar) würden einander nach dem Geschlecht beurteilen und unterschiedlich behandeln. Damit impliziert er zweierlei. Einerseits, dass Männer sich untereinander besser behandeln würden, als Frauen und andererseits das „wir“ das überhaupt tun. Das ist eine Beschämung, die ich entschieden zurückweise. Denn ich habe noch nie eine Frau gestalkt, missbraucht, geschlagen, bedrängt, nicht befördert, schlechter bezahlt etc. pp. Die Beschämung resultiert aus dem Rechtfertigungsdruck, den der Autor einfach so allen „europäischen Männern“ auferlegt. Auch frage ich mich in welcher Realität der Autor lebt, wenn er die Beziehungen von Männern untereinander mit dem Respekt und der Liebe von Männern zu ihren Frauen, Müttern, Schwestern und Töchtern implizit gleichsetzt. Selbstverständlich ist jedes Familienmitglied einem näher, als eine fremde Frau oder ein fremder Mann. Im letzten Absatz schließt der Autor mit einem Appell an „echte Männer“. Die so der Autor, würden Frauen nicht abwerten und misshandeln. Wie absurd dieser Aufruf des Autors ist wird deutlich, wenn man ihn geschlechtsneutral formuliert: Echte Menschen belästigen Menschen nicht. Echte Menschen schauen nicht weg. Echte Menschen degradieren nicht. Denn Anstand hat kein Geschlecht. Und schon gar nicht verfügen Frauen über diesen qua weiblicher Geschlechtszugehörigkeit.

Der offene Brief von Immanuel-Vincent Herr zeigt in verdichtet komprimierter Form das Problem des gegenwärtigen Diskurses über Fragen der Gleichberechtigung auf. In der veröffentlichen Meinung ist dieser die Simulation eines Meinungsaustauschs. Er ist getrieben von den Interessen einer weitvernetzten feministischen Interessensvertretung, die nur vorgibt für einen Ausgleich zwischen den Geschlechtern zu sorgen. Das feministische Kalkül ist letztlich auf eine Befriedigung eigener ökonomischer und sozialpsychologischer Interessen zurückzuführen. Ökonomische Interessen zeigen sich an dem Drang staatliche oder halbstaatliche Versorgungspositionen in Behörden, Ministerien, Bildungseinrichtungen oder Stiftungen und Vereine zu sichern. Sozialpsychologisch zielen Feministen auf eine Bestätigung der eigenen Person durch etwas so profanem wie die Geschlechtszugehörigkeit, sei es durch die gegenseitige Vergewisserung das Frauen immer nur eine Opferlage abbilden und dabei ja eigentlich Männern intellektuell oder emotional überlegen seien. Für feministische Männer wie Immanuel-Vincent Heer mag es ein solches Motiv auch geben, indem sie durch Signalisieren ihres Wohlwollens und der Übernahme feministischer Ideologie einen der besseren Plätze in der feministischen Geschlechterhierarchie einnehmen können. Diese ist wie die Analyse des offenen Briefs zeigt offensichtlich und geradezu grotesk ist es, wenn der Autor dazu auffordert, Menschen nicht nach ihrem Geschlecht zu beurteilen. Denn genau dies tut er vom ersten bis zum letzten Wort.

Eine Meinungsvielfalt und eine tatsächliche Lageverbesserung kann so natürlich nicht stattfinden. Entlang klar hierarchisierter Täter-OpferDichotomien werden unter Ausschluss männerrechtlich interessierter Kreise Theoreme und Axiome gepflegt, die auf eine objektive feministische Hegemonie in der Debatte zielen. Jeder Widerspruch, jedes anderslautende Faktum wird ausgeblendet oder marginalisiert. Feministische Interpretationen zielen daher nicht auf ein besseres Verständnis der Wirklichkeit, sondern auf die Verstetigung des einseitigen feministischen Opfernarrativ, mit dessen in einer sozialstaatlichen Demokratie finanzielle Ressourcen und Aufmerksamkeit gesichert werden.

Und doch haben Feministen ein großes Problem, das sich immer genau dann zeigt, wenn sie die in der Echokammer kultivierten Narrative an die Öffentlichkeit tragen. Ich habe an einem konkreten Beispiel exemplarisch aufgezeigt, welche geringe Qualität feministische Beiträge mittlerweile in der Debatte haben. Hiervon bildet der vorliegende offene Brief nur ein krasses Beispiel. Die massiven Recherchemängel, Logikfehler oder Fehlinformationen, die auch der Autor in seinem offenen Brief zeigte, sind daher kein Einzelfall. Sie stehen exemplarisch für die Qualität feministischer Meinungsbeiträge, Studien oder Konzepte. Mittlerweile werden täglich von feministisch identifizierenden Medienschaffenden, Politikern und Lobbyisten solche schlechten Debattenbeiträge und Analysen produziert. Doch die eigene Argumentation wird nicht besser, wenn man sie in einem sicheren Raum einübt, sondern sie wird griffiger, wenn man sich in einem gleichberechtigten Austausch mit dem Anderen begibt. Mit sozialen Medien und dem Aufkommen neuer politischer Kräfte in Deutschland findet eine neue Polarisierung der Geschlechterdebatte statt. Doch genau diese führt nicht zu einer Qualitätsverbesserung feministischer Argumentation, da Gegenpositionen sprichwörtlich abgeblockt werden.

Je hermetischer Feministen sich einschließen, desto eher führt dies zu einer Pluralisierung der Debatte. Und diese wäre kein „Backlash“, sondern der Aufbruch in eine wirklich gleichberechtigte Geschlechterdebatte.

Sexismus gegen Männer in der Pflege und im Kindergarten (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von LAD_in_GAZ:

Auf  Twitter bin ich über die Frage gestolpert „ob man gegen Männer sexistisch sein kann oder das nicht geht, weil sie ja die Macht haben“.

Ich muss zugeben, dass ich allein die Frage schon recht dämlich finde. Genauso könnte man fragen „Gibt es Gewalt gegen Männer oder geht das nicht, weil die ja alle stark sind?“.

Macht aber keiner, weil jeder weiß, dass es Gewalt gegen Männer gibt. Genauso sollte eigentlich jedem klar sein, dass Männer auch kein Copyright auf Sexismus haben. Natürlich geht das in beide Richtungen. Zum Thema Sexismus gegen Frauen, muss ich sicher nichts mehr schreiben. Das machen schon viele, viele andere Frauen. Ich hab es auch selbst erlebt, war nicht begeistert aber nun ja. Hierzu gibt es sicherlich bereits zahlreiche, ausführliche Texte.

In meinem Beruf, also in der Pflege, erlebe ich aber nahezu täglich auch eben jenen Sexismus, von dem offensichtlich doch noch nicht jeder weiß, dass es ihn gibt. (Anders kann ich mir die komische Frage nun mal nicht erklären.) Nämlich Sexismus gegen Männer.

Zur Verteidigung meiner weiblichen Kollegen sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Sexismus Tanten eindeutig die Minderheit stellen. Die meisten Pflegerinnen, sei es nun aus Überzeugung oder blanker Verzweiflung ob des Mangels an Fachkräften sei mal dahin gestellt, sind dankbar für jede helfende Hand völlig egal ob männlich oder weiblich. Einige, darunter zähle ich auch mich, sind sogar explizit dankbar für männliche Kollegen. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Um das abzukürzen: Solange wir Männer und Frauen pflegen, macht es auch Sinn, dass die Pflege aus beiden Geschlechtern besteht. Allein schon aus Rücksicht den Patienten gegenüber.

So sehe ich das zumindest.

Nun aber zum Sexismus. Es kann sehr schnell, sehr unschön für die Pfleger werden, wenn Frauen im Team sind, die ihnen nahezu jegliche Kompetenz absprechen. Und richtig schlimm, wenn diese Frauen womöglich noch Leitungsfunktionen inne haben, was in unserem Beruf nun mal nicht selten vorkommt.

Hier ein paar Beispiele, die ich persönlich mit erleben durfte:

Chaos auf Station (Männer waren im Dienst) „Das war ja klar, dass das hier so aussieht. Die Kerle sind einfach nicht in der Lage Ordnung zu halten. Die können jetzt mal schön länger bleiben und aufräumen.“

Chaos auf Station (Frauen waren im Dienst) „Oh je, war so viel los heute? Das tut mir leid für euch. Geht ihr mal nach Hause, ich mach das hier schon.“

„Männer kannst du eigentlich nur zum Medikamente verabreichen schicken. Richtig pflegen können die eh nicht.“

„Ich werde nie verstehen warum wir neuerdings auch Schüler haben. Wollen die Mädchen angraben oder warum machen die ne Ausbildung zur KrankenSCHWESTER? Ist doch lächerlich.“

(Ich hielt das eine Weile für ein Problem der älteren Generation aber leider musste ich auch sehr junge Pflegerinnen kennenlernen, die derartigen Stuss von sich geben.)

„Die sind doch alle schwul.“

„Die können alle nur klugscheißen aber nicht richtig pflegen.“

Ganz schlimm wird es dann, wenn Pflegern mal eben „durch die Blume“ sexuell übergriffiges Verhalten unterstellt wird.

„War klar, dass der scharf darauf ist, die in der 3 zu waschen. Die Zimmernachbarin ist noch keine 30. Da könnte man ja nen Blick erhaschen.“

„Wenn irgendwo ein Katheter zu legen ist, ist Pfleger XY sofort am Start. Wenn das mal nicht merkwürdig ist.“

Kann sich irgendjemand vorstellen, wie das ist, als Mann in einem Beruf zu arbeiten, der es notwendig macht auch teilweise in den Intimbereich einer Patientin einzudringen (natürlich nur, wenn diese einverstanden ist), wenn auf der Station so ein Klima herrscht?

Erst letzte Woche bat mich ein Kollege doch bitte mal nach einer Patientin zu sehen. Diese sei sehr jung und psychisch auffällig. Es wäre ihm lieber, wenn da mal eine Frau nachgucken geht. Er habe wenig Lust sich gegen irgendwelche erfundenen Vorwürfe zur Wehr setzen zu müssen, so als Mann halt. Allein im Nachtdienst.

Dieser Kollege arbeitet jedoch auf einer völlig normalen Station und hat ein gutes Verhältnis zu seinen Kolleginnen. Nun stellen wir uns mal vor, dem wäre nicht so. Wie sollte man unter solchen Bedingungen überhaupt noch arbeiten? Immer nur eine Behauptung entfernt vom Vorwurf des sexuellen Übergriffs?

Ein ähnliches Beispiel habe ich in unserem Kindergarten erlebt, in dem eine Zeit lang 2 junge Männer ein Praktikum absolvierten. Während sich die Kinder gefreut haben, gab es mindestens eine Mutter (ich glaube, es waren sogar mehrere) die gesagt hatte: „Der wickelt unsere Tochter aber nicht!“

Was bitte ist das denn für eine Aussage? Und was impliziert diese? Es ist also überhaupt kein Problem, dass sämtliche Jungen im Kindergarten von Frauen gewickelt werden. Aber ein Mädchen von einem Mann? Das geht nicht? Zumal sich in unserem Kindergarten die Kinder aussuchen, von wem sie gewickelt werden möchten. Niemand würde einem Kind gegen seinen Willen die Sachen vom Leib reißen. Natürlich auch keiner der Praktikanten. Aber genau das wird den jungen Männern mit einer solchen Aussage doch unterstellt. Plötzlich müssen die kleinen Mädchen vor dem Zugriff der Männer in ihren Intimbereich geschützt werden. Und warum? Weil sie Männer sind. Punkt. Mehr Sexismus in einem Satz geht nicht, oder?

Es braucht noch mehr Beispiele? Hier bitteschön:

„Ihr Männer wollt doch alle nur Leitungsposten aber bloß nicht am Bett pflegen.“

„Männer haben keine Empathie.“

„Männer sind nicht teamfähig.“

„Männer gehören maximal auf Funktionsabteilungen. Technik geht gerade noch aber pflegen? Ne!“

„Ich will keine Männer in meinem Team. Die machen nur Ärger.“

(Zum Krankenpflegeschüler) „Auf keinen Fall wirst Du bei der Patientin den Katheter legen. Das machen nur Frauen.“

„Die Pfleger sind doch alle faul. Kaum drehst du dich um, hocken die nur noch im Dienstzimmer und trinken Kaffee.“

„Der Pfleger macht nur so viele Nächte, damit keiner sieht, dass er nur rum sitzt. Typisch Pfleger halt.“

„Sollen die doch im Rettungsdienst den Helden spielen. Hier muss gepflegt werden, da brauch ich Kerle für nix.“