Die männliche Konkurrenz um Frauen in der evolutiven Vergangenheit des Menschen (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Matthias (aus seinem unten genannten Buch)

Dschingis Khan ist leider kein Einzelfall. Brutale Herrscher haben es oft in der Geschichte zu erstaunlich großen Paarungs- und Fortpflanzungserfolgen gebracht. Ismail der Blutrünstige, ein marokkanischer König, der im frühen 18. Jahrhundert lebte, hat der Überlieferung nach 700 Söhne gezeugt. Töchter wurden erst gar nicht mitgerechnet, aber auch von denen muss er eine vergleichbar große Anzahl gehabt haben. Er hält damit den Weltrekord an Vaterschaften, wenn seine Geschichte so stimmt. Zum Vergleich: Der angebliche Rekord an Mutterschaften beträgt „nur“ 69 Kinder. Er bezieht sich auf eine Russin im 19. Jahrhundert, die mehrfach Drillinge hatte.

Hier spiegelt sich zweierlei wider: zum einen wieder einmal der große Geschlechtsunterschied in den potentiellen Reproduktionsraten, der sich in solchen Extremfällen sehr gut zeigt. Denn nur in solchen Fällen erreichen Menschen einen Fortpflanzungserfolg, der nur oder fast nur von ihrer potentiellen Reproduktionsrate begrenzt wird. Zum anderen zeigen Extremfälle wie Ismail der Blutrünstige oder Dschingis Khan, dass Paarungs- und Fortpflanzungsprivilegien von Männern sehr hart erkämpft werden, hier „sogar“ mit tödlicher Gewalt, und dass unter Umständen sehr wenige Männer hinterher sehr viele Frauen haben und dafür unzählige andere Männer unterdrückt oder umgebracht wurden. Es ist traurig, dass ausgerechnet Jahrhundertmörder ihre Gene häufig viel öfter weitergegeben haben als andere Männer.

Sicherlich sind Dschingis Khan und Ismail der Blutrünstige sehr extreme Beispiele für sexuelle Selektion beim Männchen. Den unnatürlich hohen Fortpflanzungserfolg, den sie gehabt haben, konnte ein Steinzeitmensch oder Buschmann mit Speer und Keule niemals erreichen, auch wenn er zu den durchsetzungsstärksten Männchen seiner Zeit gehörte und Anführer einer erfolgreichen Männchenkoalition war. Man kann allerdings davon ausgehen, dass es das, was von Dschingis Khan und Ismail dem Blutrünstigen historisch überliefert ist, im Kleinen häufig in der evolutiven Vergangenheit des Menschen gegeben hat. Es zieht sich offensichtlich wie ein roter Faden, treffender gesagt, wie eine Blutspur durch die Geschichte unserer Art.

Vielleicht haben Sie schon einmal etwas vom Massaker von Talheim gehört oder gelesen. 1983 war ein Bauer beim Pflügen auf Knochen von Menschen gestoßen. Sie wissen, dass Knochen viele Informationen liefern können: DNAAnalysen sind möglich, ebenso Rekonstruktionen von Gesichtern anhand von Schädelknochen, Geschlechtsbestimmung, Bestimmung des Alters usw. Man erhält durch sie eine Fülle von Informationen, die teils sogar Aufschluss über die geografische Herkunft, Essgewohnheiten, Verwandtschaftsbeziehungen, einige Krankheiten und über die Todesursache liefern können. Im Falle dieser Knochen ist zum einen ziemlich klar, dass es in der Tat ein Massaker war, dass diese Menschen umgebracht worden sind, so z.B. durch Erschlagen. Die Opfer stammten wohl aus drei oder vier Familien, die vor etwas mehr als 7000 Jahren gelebt haben. Eine davon bestand aus vier Männern und acht Kindern – und keiner Frau. Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer: Die Frauen dieser Familie wurden offensichtlich von den Angreifern nicht getötet, sondern geraubt. Was alles im Einzelnen passiert ist – am Massaker waren noch andere Menschengruppen beteiligt – lässt sich nicht vollständig aufklären. Es waren auch Frauen, vermutlich vor allem ältere mit Kindern, getötet worden, darunter eine 20-Jährige, die aufgrund ihres Alters natürlich ebenfalls hätte geraubt werden können. Doch auch eine 20-Jährige kann sich sehr gewehrt und damit die eigene Tötung provoziert haben oder war vielleicht auffallend unattraktiv. Dennoch: Dass eine der ermordeten Familien nur aus Männern und Kindern bestand bzw. dass von dieser Familie nur die Knochen von Männern und Kindern, nicht von Frauen gefunden wurden, spricht stark dafür, dass hier Frauen geraubt worden waren.

Einen ähnlichen Fall, der ebenfalls etwa 7000 Jahre zurückliegt, gab es in Österreich, genauer gesagt, in Schletz im Weinviertel. Da wurden auch Knochen gefunden, Knochen, die davon zeugen, dass dort eine ganze Siedlung ausgerottet wurde. Wer war unter den Mordopfern deutlich unterrepräsentiert? Frauen! Offensichtlich hatte hier ein systematischer Frauenraub stattgefunden.48 Hierfür spricht auch, dass insbesondere die Knochen junger Frauen bei diesem Skelettfund fehlten.

Frauenraub findet sich offenbar auch in der Geschichte der Indianer. Bei den Pueblo-Indianern war es offenbar sogar ein Frauenraub im großen Stil. Eine Begräbnisstätte hatte einen erheblichen Frauenmangel, die andere einen erheblichen Frauenüberschuss. Es ist zwar nicht vollständig klar in diesem Falle, dass die Frauen wirklich geraubt worden sind – theoretisch könnten sie freiwillig ihren Wohnort gewechselt haben. Doch es sind, was zur FrauenraubThese passt, damals viele junge Männer gestorben, offensichtlich durch Kriegshandlungen. Offenbar sind auch einige Frauen, deren Skelette Spuren von Gewalteinwirkungen aufweisen, dahingemetzelt worden und anschließend nicht sachgemäß bestattet, sondern nur irgendwie verscharrt worden. Auch das stützt die These vom Frauenraub.50 Denn geraubt werden ja nicht alle Frauen, sondern vor allem bzw. ausschließlich junge und hübsche. Außerdem wehren sich sicherlich auch einige Frauen gegen den Raub und kommen dabei um. Was auch dagegen spricht, dass die Frauen freiwillig einen anderen Wohnort aufgesucht haben, ist die Annahme, dass ihnen dann normalerweise Männer früher oder später gefolgt wären.

Auch bei den brasilianischen Indianern gilt Frauenraub als einer der typischsten Anlässe für Stammesfehden.51 Es gibt also weniger Gründe, solche Ureinwohner bzw. Naturvölker als besonders „edel“ oder moralisch überlegen anzusehen, es sind eben auch nur Menschen.

Frauenraub findet sich auch in ganz anderen Kulturen, so z.B. offensichtlich ebenfalls bei den Wikingern. Eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert deutet darauf hin, dass Island nicht primär von Männern und Frauen aus Skandinavien besiedelt wurde, sondern eher von skandinavischen Männern, die mit ihren Schiffen aufbrachen, sich auf den britischen Inseln ein paar Frauen zusammenraubten und mit diesen dann nach Island fuhren und dort eine Population begründeten. Historische Beweise dieser Art allein mögen nicht in jedem Falle der Wahrheit entsprechen. Dieser allerdings schon, denn eine mtDNA-Analyse von 1700 Menschen aus Island, von den britischen Inseln, aus Skandinavien und anderen Regionen zeigte, dass etwa 60% der weiblichen Vorfahren der heutigen Isländer keine Skandinavier, sondern Kelten waren. Eine vorangegangene Analyse der NRY-DNA der Männer kam dagegen zu dem Ergebnis, dass die männlichen Vorfahren der Isländer zu etwa 80% aus Skandinavien stammten. Hier waren also Wikinger auf Frauenraub gewesen.52

Frauenraub ist laut dem britischen Militärhistoriker John Keegan generell eine der häufigsten Konfliktursachen in primitiven Gesellschaften.53 Vermutlich wussten Sie das auch schon. Einige von Ihnen werden sicher schon einmal vom Raub der Sabinerinnen oder in sonstigen Zusammenhängen von Frauenraub gehört haben. Weibchenraub kennt man sogar von Schimpansen.54 Die Beweise dafür sind vielfältig: Sie reichen von der historischen Überlieferung über z.B. Isotopenanalysen von Knochen bis zur modernen DNA-Analyse. Und diese Belege für Frauenraub passen sehr gut zur verhaltensbiologischen Erwartung. Die neueren Befunde durch die modernen DNA-Analysen werden dabei durch die anderen Beweise für Frauenraub ebenfalls bestätigt. Zweifel an entsprechenden Forschungsarbeiten sind also kaum angebracht.

Vergessen darf man vor lauter Frauenraub eines nicht: Die Konkurrenz der Männer um die Frauen fand und findet beileibe nicht nur auf der intrasexuellen Ebene statt. In modernen Gesellschaften ist sie weitaus eher auf der intersexuellen Ebene ausgeprägt. Dennoch aber ist es wichtig zu wissen, dass die erhebliche intrasexuelle männliche Konkurrenz in unserer evolutiven Vergangenheit und die Anpassungen beider Geschlechter an diese auch heute einen großen Einfluss auf das geschlechtsspezifische Verhalten beider Geschlechter haben, gerade in Sachen Partnerwahl.

Erläuterungen:

Dieser Abschnitt stammt aus dem Kapitel „Die männliche Konkurrenz um Frauen in der evolutiven Vergangenheit des Menschen“ und ist der kürzeste Abschnitt dieses Kapitels.

Im Abschnitt vorher fand auch Dschingis Khan Erwähnung, ebenso die NRY-Region des Y-Chromosoms und die mtDNA. Unter der NRY-Region des Y-Chromosoms versteht man den großen Teil des Y-Chromosoms, der in der Prophase der Meiose I nicht mit dem X-Chromosom rekombiniert („Crossig over“) und deshalb wirklich nur von Vätern auf Söhne vererbt wird. Die mtDNA ist die mitochondriale DNA, die von Müttern auf Nachkommen beider Geschlechter vererbt wird.

Hier  kann man sehen, was vor und nach diesem Textabschnitt im Buch kommt. Hier  kann man es kaufen!

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