Die Evolution der Fairness: Primaten und Fairness

Ein Spiegelartikel berichtet über Fairness bei Schimpansen:

Im Experiment saßen jeweils zwei Schimpansen oder Bonobos in benachbarten Käfigen. Zwischen ihnen lag in einer speziellen Apparatur ein Tablett mit Weintrauben, aufgeteilt in zwei faire Portionen. „Ein Affe konnte dem anderen einige Trauben klauen, indem er das Papier, auf dem die Trauben lagen, zu sich zog“, erklärt Ingrid Kaiser, Mitautorin der Studie. Anschließend musste der bestohlene Affe an einem Stab ziehen, damit beide Tiere mit den Fingern an die Trauben heran kamen. „Der stehlende Affe war also auf die Mithilfe seines Artgenossen angewiesen, um sein Diebesgut fressen zu können.“

Ergebnis: Die Affen ließen keine Chance aus, ihre Traubenration aufzubessern – und die benachteiligte Mitspieler gaben die ungerecht verteilten Rationen in der Regel frei. Weder Schimpansen noch Bonobos kümmert es offenbar, ob Futter in einer Gruppe fair aufgeteilt wird, solange sie denn überhaupt etwas bekamen.

Eigentlich durchaus logisch. Gibt der Affe das Essen nicht frei, dann erhält er gar nichts. Bestrafen erfordert dagegen ein etwas höheres Denkvermögen, das darauf abstellt, dass nur Strafe den anderen von einem solchen unfairen Verhalten abschreckt.

Menschen, so der Spiegelartikel, neigen eher dazu zu strafen.

Der Originalartikel fasst das ganze so:

Humans, but not chimpanzees, punish unfair offers in ultimatum games, suggesting that fairness concerns evolved sometime after the split between the lineages that gave rise to Homo and Pan. However, nothing is known about fairness concerns in the other Pan species, bonobos. Furthermore, apes do not typically offer food to others, but they do react against theft. We presented a novel game, the ultimatum theft game, to both of our closest living relatives. Bonobos and chimpanzee ‘proposers’ consistently stole food from the responders‘ portions, but the responders did not reject any non-zero offer. These results support the interpretation that the human sense of fairness is a derived trait.

Quelle: Theft in an ultimatum game: chimpanzees and bonobos are insensitive to unfairness

Es gibt jedoch auch andere Forschung, die anderen Affen einen gewissen Sinn für so etwas zubilligt:

In the game, each of a pair of monkeys would hand a small granite rock to a human in exchange for a reward, either a cucumber slice or the more preferable grape.

When both monkeys received cucumber rewards, all was fine in primate land. But when one monkey handed over the granite stone and landed a grape, while monkey No. 2 got a cucumber, madness ensued.

„They would literally take the cucumber from me and then drop it on the ground or throw it on the ground, or when I offered it to them they would simply turn around and refuse to accept it,“ Brosnan told LiveScience.

Further experiments ruled out greed or frustration as forces driving the capuchin monkeys to react negatively to a cucumber reward.

De Waal hat auch ein interessantes Video zu dem Experiment:

Und noch etwas ausführlicher zu der Evolution der Moral:

Hierarchien bei Primaten

Frans de Waal schreibt in „Der Affe in uns“ etwas zum Thema Hierarchie:

Je klarer die Hierarchie, desto weniger bedarf sie der Bestätigung. Bei Schimpansen eliminiert eine stabile Hierarchie Spannungen so sehr, dass Konfrontationen zu einer Seltenheit werden: Die Untergeordneten vermeiden Konflikte, und die von höherem Status haben keinen Grund sie zu suchen. Alle sind besser dran. (…)

Die Statusrituale der Schimpansen drehen sich also nicht nur um Macht, sondern auch um Harmonie. Nach einer perfekten Machtdemonstration steht das Alphamännchen mit gesträubten Haaren selbstherrlich da und achtet kaum auf die Untergeordneten, die sich ihm mit respektvollen Lauten unterwerfen und ihm Gesicht Gesicht, Brust und Hände küssen. Indem sie sich ducken, und zum Alphamännchen aufblickenm machen die Hechelgrunzenden klar, wer der Boss ist, was den Weg für ein friedliches, freundliches Zusammenleben ebnet. Nicht nur das: Die Klärung der Hierarchie ist auch für effiziente Kooperation von entscheidender Bedeutung. Aus diesem Grund haben diejenigen menschlichen Organisationen, bei denen es am meisten auf Zusammenarbeit ankommt – beispielsweise große Unternehmen und das Militär – die am klarsten definierten Hierarchien. Eine Kommandokette ist demokratischen Strukturen immer überlegen, wenn es auf entschlossenes Handeln ankommt. Je nach Umständen schalten wir spontan auf einen eher hierarchischen Modus um. Bei einer Untersuchung wurden zehnjährige Jungen in einem Sommerlager in zwei Gruppen eingeteilt, die miteinander konkurrieren. Herabwürdigungen der anderen Gruppe – beispielsweise indem sich die Jungen angewidert die Nase zuhielten, wenn sie Mitglieder der anderen trafen – waren rasch gang und gäbe. Andererseits nahm der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe zu, genau wie die Durchsetzung sozialer Normen und das Anführer-Mitläufer-Verhalten. Das Experiment bewies die Bindungsqualitäten von Statushierarchien, die sich verstärkten, sobald aufeinander abgestimmtes Verhalten verlangt war

Ich denke auch, dass Hierarchien immer noch in uns stecken und wir sie im sozialen Leben errichten wollen. Sie sind deswegen in Unternehmen wichtig, weil wir ihre Wirksamkeit instinktiv verstehen, weil sie Teil unseres evolutionären Erbes sind. Das kann man Ausnutzen, indem man einen Anführerkult errichet, wie es genug Staatsoberhäupter versucht haben oder indem man sich selbst als Sektenführer mit göttlicher Macht auflädt. Man kann es auch nutzen, um Arbeitsstrukturen zu gestalten. Kinder, gerade Jungs, nutzen es ebenfalls, um ihre sozialen Gruppen zu gestalten.

Dass diese Mittel effektiv sind, bedeutet natürlich nicht, dass sie gut sind. Das wäre ein naturalistischer Fehlschluss. Aber sie helfen uns häufig unser Leben konfliktfreier zu gestalten und Strukturen zu schaffen, die eine Kooperation ermöglichen. Das sollte man auch nicht vergessen.

Die Entstehung von Paarbindung und Kernfamilie beim Menschen

Frans de Waal stellt in „Der Affe in uns“ dar, wie es seiner Meinung nach zur Bildung der Paarbildung und der Kleinfamilie gekommen ist:

Die natürliche Auslese hat menschliches Verhalten als Reaktion auf einen Umweltdruck geformt, der sich von dem der Menschenaffen unterschied. Unsere Vorfahren mußten sich an eine unglaublich harte Umwelt anpassen. Sie verließen den schützenden Urwald und gingen hinaus in die flache trockene Savanne. Glauben Sie nicht den Killeraffen-Geschichten von Robert Ardrey und anderen, denen zufolge unserer Vorfahren als die besten aller Jäger die Savanne beherrschten. Unsere Vorfahren waren Beute. Sie lebten in ständiger Angst vor in Rudeln jagenden Hyänen, zehn verschiedenen Arten von Großkatzen und anderen gefährlichen Tieren. An diesem schauerlichen Ort waren Mütter mit ihren Kindern am meisten gefährdet. Unfähig, den Räubern davonzulaufen, hätten sie sich ohne männlichen Schutz nie weit aus dem Wald wagen können. Vielleicht verteidigten Horden von agilen Männern die Gruppe und halfen im Notfall, die Kinder in Sicherheit zu bringen. Das hätte jedoch niemals funktioniert, wenn wir das Sozialsystem der Schimpansen oder das der Bonobos gehabt hätten. Promiskuöse Männer neigen einfach nicht sonderlich zur Selbstaufopferung. Ohne die Möglichkeit, ihre eigenen Nachkommen zu identifizieren, haben sie wenig Grund, in die Kinderaufzucht zu investieren. Um die Männer zur Mitarbeit zu motivieren, musste die Gesellschaft sich verändern.

Die menschliche Sozialorganisation ist durch eine einzigartige Kombination von

  1. männlichen Bindungen
  2. weiblichen Bindungen und
  3. Kernfamilien

geprägt. Die ersten haben wir mit den Schimpansen gemeinsam, die zweiten mit den Bonobos und die dritten sind ganz alleine unsere Erfindung. Es ist kein Zufall, dass überall auf der Welt Menschen sich verlieben, sexuell eifersüchtig sind, Schamgefühle kennen, Privatheit suchen, zusätzlich zu Mutterfiguren nach Vaterfiguren suchen und stabile Partnerschaften hoch schätzen

Ich denke auch (und es ist ja auch mein beständiges Reden), dass vieles in dieser Richtung, was als Kultur angesehen wird, letztendlich zumindest im Grundsatz Biologie ist, die dann durch Kultur ausgestaltet wird. Die Paarbindung beim Menschen passt gut in das System der Biologie und läßt sich sowohl evolutionär gut begründen als auch biochemisch nachvollziehen.

Postmoderne Wissenschaft, Orgasmusfähigkeit oder „wie atmet man ohne eine Wort für Sauerstoff?“

Frans de Waal beschreibt in seinem Buch „Der Affe in uns“ ein Zusammentreffen mit Postmodernisten, einer Philosophie, die auch dem Genderfeminismus zugrungeliegt. Dabei ging es zuvor um die Orgasmusfähigkeit von Tieren, insbesondere Menschenaffen und dort insbesondere auch Bonobos, die ja Sex sehr sozial einsetzen und daran viel Spass zu haben scheinen.

Eine der merkwürdigsten akademischen Veranstaltungen, die ich je besuchte, drehte sich um das Thema Sex. Sie war von postmodernen Anthropologen organisiert, die glauben, die Realität bestünde aus Worten, und sei nicht von dem zu trennen, was wir einander erzählen. Ich gehörte zu der Handvoll Naturwissenschaftler bei der Konferenz, und per Definition vertrauen Naturwissenschaftler Fakten mehr als Worten. Es war abzusehen, dass dieses Treffen nicht gut verlaufen würde. Einen Höhepunkt erreichte die Versammlung, als einer der Postmodernen behauptete, wenn es einer menschlichen Sparache an einem Wort für „Ordgasmus“ mangele, könnten die Menschen, die diese Sprache sprächen, keinen sexuellen Höhepunkt erleben. Die Naturwissenschaftler waren sprachlos. Überall auf der Welt haben die Menschen dieselben Genitalien und dieselbe Physiologie, wie könnten also ihre Empfindungen radikal verschieden sein? Und was würde uns dies über andere Tiere lehren? Würde dies nicht implizieren, dass sie nichts empfinden? Die Vorstellung, dass sexuelle Lust eine linguistische Errungenschaft sei, regte uns so auf, dass wir uns kleine Zettel zuschoben mit gehässigen Fragen wie etwa: „Können Menschen ohne ein Wort für „Sauerstoff “ eigentlich atmen?

Und mit dieser Kritik hat er denke ich vollkommen recht. Der Gedanke, dass Sprache allein die Realtität ändert und Fakten schafft, dass die Biologie lediglich der Sprache folgt und Diskurse alles bestimmen, ist aus meiner Sicht so abstrus, dass es erstaunlich ist, dass diese Gedankenrichtungen so viele Anhänger um sich scharen können.

Es liegt denke ich daran, dass die Grundlagen zu wenig hinterfragt werdenund zu schnell bei den Gegenmeinungen auf eine Strohmannbiologie abgestellt wird, die man dann damit entkräften kann. Und natürlich sind im Geschlechterverhältnis die biologischen Unterschiede etwas schwerer zu erkennen als bei der Frage, ob ein Mensch, der kein Wort für Sauerstoff hat, atmen kann. Andererseits ist das Wissen in den Grundlagen auch nicht so kompliziert, dass man es, wenn man sich für das Thema „Geschlechtsunterschiede – wodurch entstehen sie?“ sich nicht kurz in den Grundlagen anlesen kann.

Dass der Diskurs keine Fakten hervorbringt oder ändert, sondern allenfalls die Wahrnehmung dieser verschiebt, hatte ich ja bereits in meiner Besprechung von „Making Sex revisited“ dargestellt. Der Poststrukturalismus wertet die Sprache hier zu sehr auf.

Die Menschenaffen sind auch ein Gegenargument, zu dem es bisher an postmoderner Erwiderung fehlt. Sie haben Geschlechterrollen je nach Art, sie haben Hierarchien und Strukturen, sie haben zB bei den Schimpansen Kriege, Machtspiele, Intrigen, Mord und Vergewaltigung ohne eine Sprache zu haben. Sie haben auch sehr eigene Rollen je nach ihrere Biologie, ein Schimpanse ist kein Gorilla und ein Bonobo verhält sich anders als ein Schimpanse. Aber das menschenähnliche ihres Verhaltens und der Umstand, dass sie zu einem komplexen Denken in der Lage sind zeigt auch ihre Nähe zu uns.

Haben Schimpansen eine hegemoniale Männlichkeit oder eine Phallokratie, die ihre Geschlechterrollen stützt? Wie bauen Tiere überhaupt ihre Geschlechterrollen aus und warum soll dieser Mechanismus bei Menschen nicht mehr wirken und keine Spuren hinterlassen haben? Wir befinden uns mit unseren Geschlechterrollen so ziemlich genau dort, wo ein Biologe uns aufgrund unser biologischen Begebenheiten erwarten würde und stellen insofern keine Überraschung da, wir fügen uns vielmehr sehr gut in die Gruppe der Primaten ein. Aber bei uns besteht keinerlei biologischer Hintergrund, auch wenn die Kultur ziemlich genau das imitiert, was man von eienr Biologie erwarten würde.

Wie schon bei den Attraktivitätsmerkmalen angemerkt kann eine Theorie, die auf die Kultur abstellt die folgenden zwei Fragen nicht beantworten:

  • Warum finden wir bestimmte Verhaltensweisen bei den Primaten, die stark den menschlichen ähneln ohne den gleichen Kulturüberbau zu haben?
  • Wie erklären sich, wenn man auf die Tiere biologische Prinzipien anwendet, auf den Menschen aber rein kulturelle, die evolutionären Übergänge, also wann und wie hörte die Biologie auf zu wirken?