Das feministische Recht auf Wut

Immer wieder liest man auf feministischen Bl0gs etwas davon, dass eine Feministin wütend ist, richtig wütend, und das es anderen nur nicht einfallen soll, sie daran zu hindern. Sie explodiert fast vor Wut und sie lässt sich auch nicht gefallen, dass andere ihr den Mund verbieten wollen/sie Mundtot machen wollen/ihr ihre Wut absprechen wollen.

Gerade beispielsweise wieder hier:

das alles spielte sich in den letzten 4 Jahren ab und in dieser zeit machte ich meine ersten bewussten begegnungen mit rassismus theorien und anderen -ism. dann kam erst mal eine große welle wut. die hab ich großzügig um mich verteilt…wer konnte ging in deckung, wer den selben leidensdruck verspührte machte mit und diejenigen, sie damit nichts anfangen konnten begaben sich in eine verteidigungshaltung

Ich finde dieses Recht auf Wut immer wieder faszinierend. An anderer Stellte hatte ich ja schon auf „feminist rage“ als Begriff verwiesen. Wie man oben sieht folgt die Wut aus der Aufnahme der feministischen Theorien und dem Leidensdruck, den man dabei erfährt.

Die Reaktionen sind wie zu erwarten nicht sonderlich positiv:

meine wutwelle und mein allgemeiner weltschmerz kamen im real life nicht unbedingt gut an….eh klar, immerhin hing und hängt meine wut mit strukturen zusammen, von denen der großteil meiner damaligen bezugspersonen im alltag mächtig profitierte.

wie oft wurde ich aufgefordert doch weniger agressiv und unbequem zu sein, wie oft wurd ich gebeten, meine politischen statements aus freund_innenschaften herauszuhalten. im gegenzug aber anhaltende diskriminierungen zu dulden – es war ja nicht böse gemeint…hm. ja,nee is klar. also wer tatsächlich denkt, dass ungleiche machtverhältnisse und unterdrückungsmechanismen in freund_innenschaftsstrukturen nicht auch vorhanden sind, hat etwas ziemlich wichtiges nicht gecheckt. kackscheiße bleibt kackscheiße, so lieb sie auch formuliert wird und auch wenn alle lachen.

Letztendlich dient die Wut insofern auch der Abgrenzung nach Außen:  Der andere muss die Wut nachempfinden können, weil er auch benachteiligt ist oder aber akzeptieren, dass der andere wütend ist, weil er ja auch allen Grund dazu hat: Wer die Wut nicht akzeptiert, der stützt letztendlich das System, der macht sich den Kampf gegen das System nicht zu eigen, der kann nicht mehr Freund sein.

Ganz besonders kann er das natürlich nicht, wenn er nicht meint, dass die jeweilige Feministin keine Macht hat und nicht unterdrückt wird, wenn er also ihre machtvolle Opferrolle nicht akzeptiert. Auch klar: Es gibt keine Grauzonen, was „kackscheiße“ ist, kann nicht lustig sein.  Der radikale Feminismus kann über so etwas nicht lachen, die Aufforderung doch etwas Humor zu haben, gilt eher als Angriff bzw. als Stützung des Systems.

ich habe das gefühl bekommen, dass meine Gesellschaftkritik als neues hobby missinterpretiert wurde. als gewählter freizeitspass. Ich hab öfters versucht des aufzuklären, bin es aber mittlerweile leid. Wenn menschen (noch) keine lust haben, sich kritisch mit ihren lebensrealitäten und positionen auseinander zusetzen, tja dann kann ich das auch nicht ändern.

Übersetzt: Warum nehmen mich die Leute nicht ernst, wo ich so wichtige Themen anspreche und ihnen ihre und insbesondere meine UNTERDRÜCKUNG und BENACHTEILIGUNG aufzeige? Warum sehen sie nicht wie erst mir das ist?

ich brauche gesellschaftkritik oder ein bisschen wut in meiner gegenwart nicht als liebesbeweis. wer zufrieden ist mit dem was sie_er hat – bitte schön. ich bins nicht und mein harmoniebedürfnis geht k.o wenn es gegen weltschmerz ankämpft.

umso schöner, dass es menschen gibt, die ähnliche wut spüren!

wut tut gut! mut zur wut!

ich surfe gerne mit euch auf der wutwelle, empöre mich mit euch und sammle tumblr gifs für mansplainer und nichts checker_innen.

es tut gut euch zu haben und wir stellen fest: wut kann oft sehr lustig sein. neben oder gerade durch all unser theoriegerede, unseren beschwerdebriefen und unserer unbequemlichkeit, hab ich in euch kritische freund_innen gefunden, die mir nicht nach dem mund reden, sondern mich rütteln und schütteln und mir helfen beim klar kommen.

Die Mansplainer und die Nichts-Checker_innen, die Dummen also, die es noch nicht verstanden haben und deswegen nicht wütend sind. Wir dagegen: Rebellen. Unbequem! Stacheln im Fleisch der anderen

Ich kann mir gut vorstellen, dass dabei ein schönes Gruppengefühl entsteht. Man grenzt sich ab zu den anderen, schafft ein klares Feindbild, erklärt sich zur Elite derjenigen, die alles durchschaut haben und jetzt verbessern, weist also sich selbst und der Gruppe Status zu.

Zudem erlaubt es Wut auch sehr schön die eigene Meinung als Taboo auszugestalten, ein Dogma aufzubauen, welches nicht hinterfragt werden darf. Ein Dogma bietet viele Vorteile, weil man es eben nicht inhaltlich hinterfragen darf, was bei der Angreifbarkeit feministischer Theorien auch nicht günstig wäre. Man muss sich auch nicht selbst hinterfragen, man muss nur akzeptieren. Wer aber das Dogma in Frage stellt, das Taboo angreift, den darf gerechter Zorn treffen.