Nochmal: Grundthesen des Feminismus

Ich habe schon einige Artikel zu gewissen Grundthesen, die im Feminismus bestehen:

Diese kurze Zusammenfassung in einem Tweet fand ich aber dennoch ganz gelungen:
  1. Die Frau ist immer das Opfer
  2. Nichts ist ihre schuld
  3. Sie ist nicht verantwortlich für ihre Handlungen
  4. Einen Mann ist die Schuld zuzuschreiben

Das erklärt erschreckend nachhaltig Definitonsmacht, Privilegientheorie, „Frauen dazu aufzufordern, dass sie selbst etwas gegen die Umstände tun ist Victim Blaming“, Männer als das Böse, Rape Culture einschließlich der Abneigung gegen die Unschuldsvermutung, das Patriarchat etc.

Ist irgendwas aus dem feministischen Bereich nicht mit diesen vier Sätzen in Einklang zu bringen?

Welche Theorien innerhalb des Feminismus sind gegenwärtig die maßgeblichen?

Mich würde interessieren, welche Theorien ihr im (gegenwärtigen) Feminismus gegenwärtig für die haltet, denen am meisten Einfluss zukommt.
Ich fange mal mit einer Sammlung an:

  • das Patriarchat/die hegemoniale Männlichkeit
  • Soziale Konstruktion der Geschlechter
  • Privilegientheorie
    • Verteilung des Privilegs nach Gruppen und nach dem „Alles oder Nichts“ Prinzip („Männer können nicht diskriminiert werden, Frauen nicht privilegiert sein“)
    • Verantwortung für den Abbau des Privilegs liegt bei den Privilegierten, Verlagerung dieser Verantwortung auf die Nichtprivilegierten ist „Victim Blaming“ oder jedenfalls unzulässig
  • Deutungshoheit
  • Intersektionalismus
  • Rape Culture

Ich wäre auch an einer kurzen Definition der jeweiligen Theorien interessiert.

 

Abgrenzung im Intersektionalismus: Wer darf sich wo einmischen?

Da Verhältnis im intersektionalen Feminismus zu bestimmten kulturellen Praktiken ist, wenn ich es richtig verstehe, dass jeweils die davon Betroffenen entscheiden müssen, ob sie diese gut finden oder nicht.

Deswegen ist es nicht an „westlichen Feministinnen“ beispielsweise kulturelle Praktiken wie ein Kopftuch oder eine Vollverschleierung zu kritisieren, sie können da allenfalls „Ally“ sein, also Frauen aus diesem Kulturkreis unterstützen, wenn diese damit nicht einverstanden sind.

Da würde mich interessieren, wo die Grenzen verlaufen: Darf eine amerikanische Feministin die deutsche oder französische Gesellschaft kritisieren oder könnte man hier sagen, dass die Frauen eben in einer Demokratie leben und die Regeln auch dort mitgestalten und anscheinend diese Ausprägungen der „Rape Culture“ so mittragen?

Und ab welchem Grad der Kritik überhaupt? Auch im arabischen Raum werden ja genug Frauen gegen Kopfbedeckungen oder Vollverschleierung sein.

Wenn man anführen würden, dass nur eine Frau aus dem jeweiligen Raum überhaupt dies kritisieren dürfte, dürfen dann PoCs oder Frauen aus einer anderen Kultur entscheiden, wie Frauen in Deutschland leben wollen?

Oder gibt es dann wieder Praktiken, die einen gewissen Spielraum lassen, bei denen man also die jeweiligen Frauen entscheiden lassen kann? Das würde aber nicht erklären, warum diese Zustimmung dann nicht nachgehalten wird sondern der Anteil der Frauen üblicherweise als „internalisierter Sexismus“ oder „wohlwollender Sexismus gegen Frauen“ abgetan wird.

Gibt es hier im Feminismus ein logisches Konzept, welches abgrenzt, wann man wie die Intersektionalität hereinspielen lässt, also eine Praxis, die man als sexistische Praxis auslegen würde, nicht kritisiert werden darf?

Oder geht es dabei nur um die Entscheidung der Einzelnen, also den Umstand, dass die einzelne Frau stets ein Kopftuch tragen darf, ihr aber nicht vorgehalten werden darf, wenn sie stattdessen sehr viel Haut zeigt? Aber auch hier scheint der Feminismus ja in seine Kritik nicht einzubeziehen, dass viele Frauen eben hier schlicht den gesellschaftlichen Regeln folgen und nicht aus eigenen Antrieb handeln.

Vielleicht ist die Lösung einfach nur ein schlichtes „privilegierte dürfen unprivilegierten nicht reinreden“. Also Weiße nicht Farbige. Allerdings würde dann eine Erkärung fehlen, warum man davon ausgeht, dass Privilegierte in der Hinsicht unfreier und beeinflusster sind und daher bei ihnen klar erkannt werden kann, dass ihr Verhalten auf gesellschaftlichen Regeln beruht und überall das Patriarchat nachgewiesen werden kann, dies allerdings bei den anderen Kulturen nicht der Fall ist. Letztendlich erklärt man damit man ja indirekt – insoweit ja auch zum Poststrukturalismus passend – dass es keine Kriterien für Sexismus und Diskriminierung gibt, weil man diese ja sonst in gleicher Weise bei den PoCs anwenden könnte und über ein subjektives Element und ein einmischen nicht geredet werden müsste. Es würde reichen, die Machtstrukturen in dieser Gesellschaft zu bestimmen.

Wenn Geschlecht konstruiert ist, ist dann Frauenförderung nicht ein Widerspruch?

Ein vermeintlicher Widerspruch in der feministischen Theorie ist der Folgende:

  1. Der Feminismus sagt, dass Frauen sozial konstruiert sind und es gar kein Geschlecht gibt
  2. Er sagt gleichzeitig, dass Frauen mit Quoten etc gefördert werden sollen
  3. Wenn es aber keine Frauen gibt, warum sollte man diese dann durch Quoten fördern?

Das ist aus meiner Sicht ein Mißverständnis der feministischen Theorie:

Im Genderfeminismus werden soziale Regeln, die konstruiert sind, an körperlichen Merkmalen festgemacht, in diesem Fall an denen, die wir als “Frau” bezeichnen. Es könnte aber genau so gut Rothaarigkeit sein. Dann wären die Regeln für Rothaarige eine soziale Konstruktion, aber Rothaarige eben nicht. Und man würde dann fordern, dass zur Abschaffung der sozialen Regeln eben Rothaarige entgegen dieser Regeln voll an der Gesellschaft teilhaben können, weil Rothaarigkeit kein Kriterium für eine willkürliche Unterscheidung sein darf (ebensowenig wie die körperlichen Anzeichen, die man (willkürlich) unter “Frau” zusammenfasst).

Es sollen insofern nicht Frauen gefördert werden, sondern eine Neutralität geschaffen werden, in der alle Menschen unabhängig davon, welche körperlichen Besonderheiten sie haben (sei es Rothaarigkeit oder eben vergleichsweise biologisch unbedeutende Merkmale, wie eine Gebärmutter, Brüste, eine Vagina, einen vollkommen anderen Hormonhaushalt, einen anderen Chromosomensatz etc).

Natürlich wird das so strikt dann auch wieder nicht durchgezogen, denn tatsächlich sollen eben Frauen gefördert werden, weil sie auch im Feminismus recht deutlich als etwas eigenes, als Bestandteil einer Gruppe gesehen werden und sich wohl kein Mensch davon frei machen kann.

Wie man wirklich glauben kann, dass Geschlecht eine rein soziale Konstruktion ist und diese Einteilung nicht biologische Grundlagen hat ist mir ein Rätsel. Meiner Meinung nach gehört eine erstaunliche Realitätsverleugnung dazu, die cognitive Dissonanz muss enorm sein.