Intersektionalität bzw. intersektionaler Feminismus

Der gerade im Netz sehr populäre und vorherrschende Teil des Feminismus ist der intersektionale Feminismus. Zur Intersektionalität findet sich in der Wikipedia das Folgende:

Intersektionalität beschreibt die Überschneidung (engl. intersection = Schnittpunkt, Schnittmenge) von verschiedenen Diskriminierungsformen in einer Person. Intersektionelle Diskriminierung liege vor, „wenn – beeinflusst durch den Kontext und die Situation – eine Person aufgrund verschiedener zusammenwirkender Persönlichkeitsmerkmale Opfer von Diskriminierung wird.

Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus, Handicapism oder Klassismus addieren sich nicht nur in einer Person, sondern führen zu eigenständigen Diskriminierungserfahrungen. So wird ein gehbehinderter Obdachloser gegebenenfalls nicht nur alsObdachloser und als Gehbehinderter diskriminiert, sondern er kann auch die Erfahrung machen, als gehbehinderter Obdachloser diskriminiert zu werden.

Das neue Erkenntnisinteresse in der Intersektionalitätsforschung gilt den Verflechtungszusammenhängen, welche sich durch das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen ergeben

In der englischsprachigen Wikipedia werden „Key Concepts„, also Schlüsselkomponenten der Theorie dargestellt:

Interlocking matrix of oppression
Collins refers to the various intersections of social inequality as the matrix of domination. This is also known as „vectors of oppression and privilege“ (Ritzer, 2007, p. 204). These terms refer to how differences among people (sexual orientation, class, race, age, etc.) serve as oppressive measures towards women, and ultimately change the experiences of living as a woman in society. Collins, Audre Lorde (in Sister Outsider), and bell hooks point towards either/or thinking as an influence on this oppression and as further intensifying these differences. Specifically, Collins refers to this as the construct of dichotomous oppositional difference. This construct is characterized by its focus on differences rather than similarities (Collins, 1986, p. S20).

For example, society commonly uses dichotomies as descriptors such as black/white or male/female. Additionally, these dichotomies are directly opposed to each other and intrinsically unstable, meaning they rarely represent equal relationships. In a 1986 article, Collins further relates this to why black women experience oppression.

 

Standpoint epistemology and the outsider within
Both Collins and Dorothy Smith have been instrumental in providing a sociological definition of standpoint theory. A standpoint is an individual’s unique world perspective. The theoretical basis of this approach involves viewing societal knowledge as being located within an individual’s specific geographic location. In turn, knowledge becomes distinctly unique and subjective—it varies depending upon the social conditions under which it was produced (Mann and Kelley, 1997, p. 392).

The concept of the outsider within refers to a special standpoint encompassing the self, family, and society (Collins, 1986, p. S14). This relates to the specific experiences to which people are subjected as they move from a common cultural world (i.e., family) to that of the modern society (Ritzer, 2007, p. 207). Therefore, even though a woman (especially a Black woman) may become influential in a particular field, she may feel as though she never quite belongs. Essentially, their personalities, behaviors, and cultural beings overshadow their true value as an individual; thus, they become the outsider within (Collins, 1986, p. S14).

Resisting oppression
Speaking from a critical standpoint, Collins points out that Brittan and Maynard claim „domination always involves the objectification of the dominated; all forms of oppression imply the devaluation of the subjectivity of the oppressed“ (Collins, 1986, p. S18). She later notes that self-evaluation and self-definition are two ways of resisting oppression. Participating in self-awareness methods helps to preserve the self-esteem of the group that is being oppressed and help them avoid any dehumanizing outside influences.

Marginalized groups often gain a status of being an „other“ (Collins, 1986, p. S18). In essence, you are „an other“ if you are different from what Audre Lorde calls the mythical norm. „Others“ are virtually anyone that differs from the societal schema of an average white male. Gloria Anzaldúa theorizes that the sociological term for this is „othering“, or specifically attempting to establish a person as unacceptable based on certain criterion that fails to be met (Ritzer, 2007, p. 205).

Individual subjectivity is another concern for marginalized groups. Differences can be used as a weapon of self-devaluation by internalizing stereotypical societal views, thus leading to a form of psychological oppression. The point Collins effectively makes is that having a sense of self-value and a stable self-definition not obtained from outside influences helps to overcome these oppressive societal methods of domination.

Mich würde neben diesen Punkten aber vielmehr ein Punkt interessieren, der mir viel maßgeblicher zu sein scheint:

Der Umstand, dass man innerhalb der verschiedenen Diskriminierungsmerkmale immer nur ein Gefälle in eine Richtung haben kann. Denn das scheint mir ein fester Bestandteil der Intersektionalen Theorien zu sein:

Eine Gruppe hat immer mehr Macht als die andere Gruppe und demnach muss in dieser Binarität einer der Unterlegene und damit Diskriminierte und der andere der Überlegene und damit der Diskriminiernde/Privilegierte sein.

  • Weiß ist gegenüber allen anderen Hautfarben privilegiert
  • Männer sind gegenüber Frauen privilegiert
  • Heterosexuelle sind gegenüber Homosexuellen privilegiert

Und so weiter.

Es ist so gesehen eine „Systemtheorie„, die die Machtverhältnisse und Regeln in einem System (zB Geschlecht) sehr stark vereinfacht hat und die Zusammenhänge mit anderen Systemen (Rasse etc) untersucht. Und genau an diesen starken Vereinfachungen der jeweiligen Systeme krankt eben diese Theorie, gerade weil sie die Systeme nur abstrakt betrachtet und die menschlichen Motivationen nicht miteinbezieht. Aus einem sehr komplexen Verhältnis der Geschlechter zueinander, welches sich in unterschiedlichen Motivationen, Bedürfnissen und gegenseitigen Abstimmungen aufeinander ergibt, bleibt nur übrig, dass Männer mehr Macht haben, weil sie in vielen Bereichen der Gesellschaft an der Spitze stehen. Weibliche Macht über andere Bereiche bleibt insofern vollkommen ausgeblendet, auch weibliche Partizipation an den Früchten dieser Macht und der Aufwand mit dem dies Erfolg erarbeitet wird. Auf die mittleren Bereiche wird ebenso wenig geschaut wie auf die unteren Bereiche. Kurz: Die Aufnahme des Systems ist absolut unvollständig und die Verallgemeinerung, dass Macht nur in eine Richtung ausgeübt werden kann fehlerhaft. Damit bricht die gesamte Analyse zusammen und die grobe Einteilung in Klassen, die sich unterdrücken kann nur zu fehlerhaften Betrachtungen führen.

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Kritische Männerforschung

Gestern kam kurz das Thema kritische Männerforschung auf. Dazu aus der Wikipedia zunächst zur Männerforschung:

Männerforschung ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit dem Thema Mann und Männlichkeiten befasst. Dazu gehören sozialwissenschaftliche, erziehungswissenschaftliche, psychologische und historische Untersuchungen. Die Forschung findet analog zur Frauenforschung vor allem im Rahmen der Geschlechterforschung statt. Als eigenständige Disziplin konnte sie sich jedoch im deutschsprachigen Raum bislang nicht etablieren.

Männerforschung an sich ist natürlich eine gute Idee, ebenso wie Frauenforschung. Alllerdings sollte aus meiner Sicht natürlich auch eine medizinisch-biologische Forschung dazu kommen.

Kritische Männerforschung

Forschung ist aufgrund des systematischen Ausschlusses von Frauen aus den Universitäten bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein zumeist Forschung von Männern (Androzentrismus) gewesen, da eben nur Männer an ihr teilnehmen durften. In Abgrenzung zur männerdominierten Wissenschaft gab sich die in den 1980er Jahren entstehende Forschung über Männer und Männlichkeiten den Namen Kritische Männerforschung.

Da sieht man bereits, dass die kritische Männerforschung nahe an der feministischen Theorie ist. Die Forschung mag eine ganze Zeit männerdominiert gewesen sein, aber rein aus diesem Umstand heraus muss sie nicht falsch gewesen sein. Und wenn sie dies war, dann ist das beste Mittel zur weiteren Forschung nicht eine Art Standpunkttheorie, sondern die Anwendung empirischer Wissenschaft.

Die Kritische Männerforschung geht weitgehend von einem emanzipatorischen, teilweise auch von einem feministischen Ansatz aus. Das heißt sie hinterfragt bestehende Rollenbilder und teilt zentrale Konzepte, welche in feministischen Ansätzen der Geschlechterforschung begründet sind und entwickelt diese für ihre Zwecke weiter.

Damit ist sie eben nur in eine Richtung kritisch, wobei aus meiner Sicht diese Kritik bereits den falschen Ansatzpunkt hat, wenn sie einfach nur auf das Geschlecht der bisherigen Forscher abstellt. Sie ist insoweit – jedenfalls wohl teilweise – unkritisch gegenüber der anderen Richtung, eben den feministischen Ansätzen.

Das hinterfragen von Rollenbildern kann dabei natürlich sinnvoll sein, dagegen möchte ich gar nichts sagen. Es sollte allerdings mit einer gewissen Neutralität erfolgen und nicht zu einer Verdammung von Männlichkeit führen.

 Innerhalb der Kritischen Männerforschung ist allerdings umstritten, in welchem Verhältnis sie zur feministischen Frauen- und Geschlechterforschung steht. In den Anfängen gab es prominente Stellungnahmen von profeministischen Männerforschern, welche eine Unter- oder Nachordnung von Männerforschung postulierten. Andere sahen und sehen Kritische Männerforschung als wichtige Ergänzung zur feministischen Frauenforschung, welche sich ggf. auch kritisch mit den Blinden Flecken auseinandersetzen müsse.

Das ist ja immerhin etwas. Die Unter- und Nachordnung kennt man ja schon aus anderen profeministischen Männerbewegungen. Im wesentlichen ein Unterstützen und nicht zuviel Raum einnehmen und immer schon die eigenen Privilegien reflektieren. Denn da eine Frau nie privilegiert sein kann muss letztendlich alles auf Befreiung der Frau aus dem Patriarchat ausgerichtet sein, die Befreiung des Mannes folgt dann quasi als Lösung des Nebenwiderspruchs, wenn man den Hauptwiderspruch gelöst hat.

Meiner Meinung nach muss eine Männerforschung jederzeit eigene Theorien entwickeln können und muss nicht bei der Kritik blinder Flecken stehenbleiben, sondern kann natürlich umfassend kritisieren (oder auch zustimmen, je nach dem).

Prinzipien der Kritischen Männerforschung nach Jeff Hearn

Jeff Hearn entwickelte 1987 im Magazin der englischen Männerbewegung „Achilles Heel“ fünf Prinzipien, die für eine zukünftige kritische Männerforschung Anwendung finden sollten:

  •  Männer sollten die Autonomie der Frauenforschung respektieren, was nicht heißen soll, umgekehrt eine Autonomie der Männerforschung einzufordern.
  • Männerforschung soll Frauen und Männern offen stehen.
  • Das vorrangige Ziel der Männerforschung ist die Entwicklung einer Kritik an männlicher Praxis, zumindest teilweise aus feministischer Sichtweise.
  • Männerforschung ist interdisziplinär anzulegen.
  • Männer, die Männerforschung betreiben, müssen ihre Praxis des Forschens, Lernens, Lehrens und Theoretisierens hinterfragen, um nicht die patriarchale Form eines desinteressierten Positivismus zu reproduzieren. Ziel sei eine Bewusstseinserweiterung der Männer.

1990 ergänzte Jeff Hearn zusammen mit David Morgan in „The critique of men“ diese Prinzipien noch um die Punkte, dass (heterosexuelle) Männer sich nicht um Forschungsgelder und Universitätsposten bewerben sollen, die für Geschlechterforschung ausgeschrieben wurden, und dass feministische Wissenschaft und Frauenforschung in der eigenen Forschung und in den Institutionen zu unterstützen sei.

Da wäre natürlich die Frage, was überhaupt mit Autonomie der Frauenforschung gemeint ist. Natürlich sollte auch die Frauenforschung Theorien aufstellen können und Forschung jeder Art betreiben können. Aber natürlich kann es dabei keine Immunität geben. Jede Forschung muss immer hinterfragbar sein, und das natürlich aus jeder Ecke. Das Hinterfragen von Theorien und Forschung anderer ist aus meiner Sicht das Kernstück jeder Wissenschaft.

Und natürlich muss diese Freiheit auch für eine Männerforschung gelten. Gründe dafür, dass diese sich nur an die Frauenforschung anhängen dürfen sind aus meiner Sicht nicht ersichtlich. Es setzt sich dann eben die bessere Theorie durch.

Als Hauptpunkt einer Männerforschung Kritik an männlichen Praktiken zu fordern scheint mir auch eine sehr einseitige Ausrichtung zu sein. Zumal aus meiner Sicht dabei ein wesentlicher Aspekt verloren geht, nämlich die gegenseitige Beeinflussung der Geschlechter. Aus meiner Sicht lassen sich Geschlechterpraktiken nicht als reine Praktiken einer Gruppe erklären, die Unbeeinflusst von den Handlungen des anderen Geschlechts und der Biologie sind. Hier scheint mir der Gedanke vorzuherrschen, dass männliche Praktiken einfach Machtmittel sind, die die Gruppe der Männer anwendet. Wenn es sich lediglich um Praktiken handelt, die dazu dienen Frauen einzuschränken und Männern die Macht zu sichern, dann ist verständlich, wenn man diese Praktiken kritisieren und dann gegebenenfalls abschaffen möchte. Das ist aber eine sehr einfache Betrachtung: Einem Geschlecht einfach alle Unterschiede als Unterdrückung anzulasten geht aus meiner Sicht an der Realität vorbei.

„Die patriarchale Form eines desinteressierten Positivismus zu reproduzieren“ bedeutet wohl, dass man schnell in den alten Mustern hängen bleibt und diese dann durch nicht hinreichend mutiges Infragestellen beibehält, also die Forschung oder seinen Unterricht so anlegt, dass letztendlich etwas patriarchales dabei rauskommt. Auch hier ist natürlich hinterfragen gut. Aber der Aufbau eines Feindbildes, welches überall patriarchale Praktiken sieht schlecht. 

Das die Zurückhaltung bei den Fördergeldern aus meiner Sicht unsinnig ist, folgt bereits daraus, dass ich die wohl dahinterstehende Erbschuld nicht teile.

„Die meisten männlichen Feministen sind entweder Vergewaltiger oder Flaschen und verpesten die Frauenbewegung“

Die Seite „Feminismus 101“ will eine erste Einführung in den Feminismus geben:

Ein “101″ ist im Englischen der Begriff für eine “einführende Erklärung”. Die hier veröffentlichten Texte sind Übersetzungen der Grundlagentexte aus dem Blog “Finally a Feminism 101 Blog“. Es handelt sich dabei beispielsweise um Erklärungen von feministischen Fachbegriffen wie “Consens Culture” oder “Male Privilege”, aber auch um praktische Verhaltensratschläge und eindringliche Beispiele.

Zum Vorwurf „Feministinnen hassen Männer“ schreibt man da:

Anders als beim “alle Feministinnen sind lesbisch”-Mythos, wäre es eine schlechte Sache, wenn der “alle Feministinnen sind Männerhasser”-Mythos wahr wäre.

Dann erläutert man in einem weiteren Artikel, warum einige Feministinnen mißtrauisch gegenüber Männern sind, die sich als Feministen bezeichnen oder dort mitarbeiten:

Vor kurzem gab es eine Welle an “männlichen Feministen” die in den Foren wo ich reinschaue posten. Zuerst sah ich sie und dachte mir, großartig! Ich meine, ich mag Feminist*innen, und ich mag Männer, also könnte ein meinen, eins mag diesen angeblichen Hybrid aus beidem ebenfalls. Und tut es dann am Ende doch nicht so sehr. Es stellte sich heraus, dass die meisten der Männer, die ich persönlich kenne und ein großes Ding daraus machten, sich als Feminist zu identifizieren, entweder Date Rapists waren, Mütterfetishisten, süchtig nach Pornographie, oder als “Papa Bär” ihre frustrierten, pseudoväterlichen Neigungen Frauen aufdrängten. Sie sind einige der passiv-aggressivsten, bevormundendsten, “Austeilen aber nicht einstecken können”-Flaschen auf diesem Planeten, und verpesten die Frauenbewegung aus dem Inneren heraus indem sie jedem die gottverdammte Energie verzehren.

Das ist also die dann ja wohl aus dieser Sicht berechtigte Kritik an männlichen Feministen, die in einem Einführungsartikel unkritisch wiedergegeben wird. Kein Hinweis darauf, dass es eine extreme Einzelmeinung ist oder irgendeine Einschränkung. Die meisten feministischen Männer sind halt einfach Schweine und Vergewaltiger.

Wie soll man da nur darauf kommen, dass es Männerhass im (extremen) Feminismus gibt?

vgl. auch:

Hauptwiderspruch, Nebenwiderspruch und Feminismus

In Teilen des Feminismus ist die Auffassung verbreitet, dass die Welt als ganzes besser wird, wenn endlich das Patriarchat / die hegemoniale Männlichkeit / die Phallokratie beseitigt worden ist. Alle anderen Probleme, auch solche, die Männer betreffen, hängen letztendlich eben an diesem Umstand, was es stark in die Nähe der Theorien von Hauptwiderspruch und Nebenwiderspruch rückt, wenn ich das richtig verstehe:

Das Begriffspaar Hauptwiderspruch und Nebenwiderspruch wurde von Vertretern und Strömungen des Marxismus geprägt. Die marxistische Theorie hat mehrere Widersprüche herausgearbeitet (z. B. Lohnarbeit und Kapital). Diese stehen allerdings nicht unabhängig, sondern ein Widerspruch kann durch einen anderen bestimmt oder bedingt sein. Erster würde dann Neben- letzterer Hauptwiderspruch heißen. Wie schon bei Hegel, wird dabei nicht zwischen „Widerspruch“ (vergleiche den Satz vom Widerspruch) und „Gegensatz“ unterschieden, sondern beide Begriffe auswechselbar gebraucht.

Deswegen ist die Beseitigung des Patriarchats / der hegemonialen Männlichkeit / der Phallokratie das vordringlichste Ziel, weil es alle anderen Schwierigkeiten beseitigt. Wenn einige Feministen davon sprechen, dass der Feminismus letztendlich die Befreiung aller will, indem das Patriarchat etc bekämpft wird, dann steckt denke ich zu einem gewissen Teil diese Annahme der Bedingtheit dahinter.

In der Wikipedia steht auch etwas zu der Diskussion dazu:

Patriarchat und Kapitalismus

Ein Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus und den Geschlechterverhältnissen wurde innerhalb des Feminismus diskutiert, und zwar ob die Unterdrückung und Benachteiligung der Frauen ein „Nebeneffekt“ (Nebenwiderspruch) oder eine notwendige Voraussetzung des Kapitalismus seien. Sozialistische und marxistische Feministinnen betrachten die Frauenunterdrückung als immanentes Element des Kapitalismus. Sie beziehen neben der Produktions- auch die Reproduktionssphäre geschlechtliche Arbeitsteilung in ihre Analysen mit ein. Nach Frigga Haug gehe es um eine „Kritik der Produktionsweise des Kapitalismus, die auf Frauenunterdrückung in Form der Aneignung unentlohnter Arbeit basiert und des Fraueneinsatzes in geschlechtstypischer Arbeitsteilung bedarf.“ (zitiert nach Carstensen u.a.: S.3) Von feministischer Seite wurde kritisiert, dass die Unterdrückung der Frau zu einem Nebenwiderspruch der Produktion degradiert würde.

Hier sieht man meiner Meinung nach auch wieder, dass eifrig um die beste Opferposition gekämpft wird und es jedem wichtig ist, dass seine Position diejenige ist, die am bedeutsamsten ist und für die daher am meisten gekämpft werden muss. Wer darlegen kann, dass seine Position den Hauptwiderspruch betrifft, der sagt damit gleichzeitig, dass alle anderen Probleme verschwinden, wenn man nur genug für seine Sache kämpft – keine schlechte Position.

Wie so etwas aussieht, dass sieht man hier:

Da der Forschung- und Arbeitszusammenhang vieler Frauenforscherinnen in den 1970er und 1980er Jahren marxistisch und sozialistisch geprägt war, war es nahe liegend, dass sie zunächst vor allem die Verschränkung von Kapitalismus und Patriarchat 3 analysierten. Die zentrale Frage lautet dabei, welcher Ausbeutungsmechanismus der zentrale ist, d.h. ob Frauenunterdrückung nur ein Nebeneffekt oder die notwendige Voraussetzung des Kapitalismus ist. Sozialistische und marxistische Feministinnen 4 gehen davon aus, dass Geschlechteregalität im Kapitalismus nicht möglich ist. Die Unterdrückung von Frauen wird als grundlegendes Merkmal des Kapitalismus betrachtet. Kapitalismus und Patriarchat müssen notwendigerweise ko-existieren und stützen sich gegenseitig. An marxistischen Theorien wird kritisiert, dass Fragen der Produktion zu stark im Vordergrund stehen und die Unterdrückung von Frauen zum so genannten Nebenwiderspruch ‚verharmlost’ wird. Feministische Perspektiven auf die marxistische Theorie beziehen dagegen neben der Produktions- auch die Reproduktionssphäre sowie die geschlechtliche Arbeitsteilung in ihre Analysen mit ein. Marxistische Begriffe, insbesondere der Arbeitsbegriff, werden neu gedacht, um die Rolle von Frauen in der Reproduktion zu begreifen. 5 Dabei geht es nach Frigga Haug um eine „Kritik der Produktionsweise des Kapitalismus, die auf Frauenunterdrückung in Form der Aneignung unentlohnter Arbeit basiert und des Fraueneinsatzes in geschlechtstypischer Arbeitsteilung bedarf; dies um eine Gesellschaft zu reproduzieren, die sich einer Produktionsweise nach Profitlogik verschrieben hat, in der praktisch die Wiederherstellung der Gattung ebenso wenig vorgesehen ist wie diejenige der sonstigen Naturressourcen“ (Haug 2004: 49). Auch Ursula Beer (1991) geht davon aus, dass es ohne die Existenz von Geschlechtern kein Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital geben kann. Patriarchale Strukturen greifen deshalb so gut, weil sie ökonomisch und privat verankert sind. Das Grundprinzip kapitalistischer Gesellschaften folgt einer geschlechtshierarchischen Logik: Frauen sind für reproduktive, d.h. gebä- rende, versorgende, sorgende und emotionale Arbeiten zuständig und Männer für produktive. Dies spiegelt sich nicht nur in der Zuständigkeit der Frauen für Haus- und Sorgearbeit und der Männer für bezahlte Arbeit, sondern auch innerhalb der Lohnarbeit: So sind für erwerbstätige Frauen diejenigen Tätigkeiten vorgesehen, die reproduktiv sind: Krankenschwester, Lehrerin, Kindergärtnerin etc. Die Individuen sind dem Lohnarbeitsverhältnis damit immer als Frauen oder Männer unterworfen, nie nur als ‚geschlechtsneutrale’ Lohnabhängige. Lohnarbeiterinnen sind damit in doppelter Weise ausgebeutet und ohnmächtig, zum einen als Lohnabhängige und zum anderen aufgrund ihres Geschlecht

Meiner Meinung nach ist das falsch: Arbeitsteilung erlaubt Spezialisierung und damit eine höhere Produktivität. Die geschlechtsspezifische Aufteilung entspricht dabei eher bei dem Schnitt der Geschlechter vorhandener Vorlieben und Fähigkeitsausprügungen als einem Plan zur Unterdrückung.

Kulturfeminismus

Der Kulturfeminismus ist in der Wikipedia wie folgt definiert:

Cultural feminism developed from radical feminism. It is an ideology of a „female nature“ or „female essence“ that attempts to revalidate what cultural feminists consider undervalued female attributes.[1] It is also a theory that commends the difference of women from men.[2]

Its critics assert that because it is based on an essentialist view of the differences between women and men and advocates independence and institution building, it has led feminists to retreat from practicing public politics to a focus upon individual „life-style“.[3] Alice Echols (a feminist historian and cultural theorist), credits Redstockings member Brooke Williams with introducing the term cultural feminism in 1975 to describe the depoliticisation of radical feminism. (…)

Cultural feminism commends the positive aspects of what is seen as the female character or feminine personality. It is also a feminist theory of difference that praises the positive aspect of women. Early theorists like Jane Addams and Charlotte Perkins Gilman argued that in governing the state, cooperation, caring, and nonviolence in the settlement of conflicts society seem to be what was needed from women’s virtues.[4]

Josephine Donovan argues that the nineteenth century journalist, critic and women’s rights activist, Margaret Fuller, contributed to cultural feminism. She says that Fuller’s Woman in the Nineteenth Century (1845) initiated the cultural feminist tradition. It stresses the emotional, intuitive side of knowledge and expresses an organic world view that is quite different from the mechanistic view of Enlightenment rationalists.[5][6]

Linda Alcoff argues that women are overdetermined by what she sees as patriarchal systems.[1] She contends that:

„Man has said that woman can be defined, delineated, captured, understood, explained, and diagnosed to a level of determination never accorded to man himself, who is conceived as a rational animal with free will“.[1]

While cultural feminists argue that the traditional role of women provides a basis for the articulation of a more humane world view, other contemporary feminists do not believe that this transformation will happen automatically. They do not believe that the differences between women and men are principally biological.[5] Alcoff makes the point that „the cultural feminist reappraisal construes woman’s passivity as her peacefulness, her sentimentality as her proclivity to nurture, her subjectiveness as her advanced self-awareness“.[1]

Es nimmt also eine „feministische Essenz“ an, die meist positiv dargestellt wird.

Ein passendes Beispiel aus heutiger Zeit liefert ein Blogbeitrag von Antje  Schrupp:

Ein weiterer Grund, warum ich eine Frau bin, ist, dass ich meine Erfahrungen im Leben, die nichts anderes sein können als die Erfahrungen einer Frau (und zum Beispiel nicht die eines Mannes) subjektiv bearbeite. Dass ich also darüber reflektiere, mit anderen darüber spreche, davon ausgehend zu diesen oder jenen Entscheidungen komme – zu Entscheidungen, die meine eigenen Entscheidungen sind, die Entscheidungen von Antje Schrupp, also einzigartig. Sie sind nicht einfach eine zwangsläufige Folge meiner Sozialisation. (…) Frausein bedeutet, mit einer bestimmten Position in dieser Welt ausgestattet zu sein. Die Geschlechterdifferenz, die alle möglichen Aspekte unserer Welt auf vielfältige Art und Weise prägt (ob uns das nun gefällt oder nicht), durchquert mein Personsein permanent. Es ist unentwirrbar, es ist nicht möglich, mein „Frausein“ von meinem „Menschsein“ zu trennen, wie es die Rede von der „weiblich sozialisierten Person“ suggeriert. (…) Nur Frauen können sagen, was Frauen erleben. Weil Menschen, die keine Frauen sind, niemals erlebt haben können, was Frauen erleben. Die Art und Weise, wie eine bestimmte Frau das beschreibt, was sie erlebt, ist aber subjektiv, das heißt, sie unterscheidet sich von der Art und Weise, wie andere Frauen dasselbe beschreiben.

Auch hier geht es um das irgendwie weibliche, was man nicht näher eingrenzen kann.

Es ist eine klassische Differenzfeministische Position, die aber letztendlich durchaus einige Beliebtheit in einem Gleichheitsfeminismus hat, wenn man sie dafür auch umformulieren muss.

Dort ist es nicht die Essenz des weiblichen, die gut ist, sondern die Essenz der männlichen Rolle, die schlecht ist und die abgebaut werden muss. Bezeichnenderweise wird hier gerne das weibliche als „Normal“ und „die männliche Geschlechterrolle“ als „das Andere“ ausgewiesen, also ein „othering“ durchgeführt. Dieser versteckte Kulturfeminismus führt dann über Theorien wie Undoing gender dazu, dass eine Aufwertung der Frau hin zu einem Gynozentrismus stattfinden kann.

Die Kritik am klassischen Kulturfeminismus stützt sich meist darauf, dass

  • Essentialismus den verschiedenen unterschiedlichen Ausprägungen nicht gerecht wird, die es zwischen männlich und weiblich gibt
  • Die Aufwertung des Weiblichen zu subjektiv ist und ohne weitere Argumente erfolgt.

Sie ist abzugrenzen von einer biologischen Sichtweise, die eben gerade in der heutigen modernen Sichtweise keinen Essentialismus kennt, und auch die Eigenschaften nicht nach gut und schlecht unterteilt, sondern einfach davon ausgeht, dass Männer und Frauen verschiedenen Eigenschaften haben, ohne das damit ein Werturteil verbunden ist.

Welche theoretischen Grundlagen sind in die feministischen Theorien eingeflossen und wie?

In den Kommentaren hier kommen immer wieder Bezüge zu anderen philosophischen oder theoretischen Theorien, auf die die feministischen Theorien aufbauen sollen.

Zur hegemonialen Männlichkeit wurde beispielsweise von Leser Itsme auf folgendes verwiesen:

„Der Begriff ist eine ziemliche Verflachung von Gramscis Hegemonietheorie.“

Bei Judith Butler wurde ein verflachter Hegel oder ein verflachter Fichte ins Spiel gebracht:

Robert Michel: 

Ist Butler also eine Art verflacher Hegel?

El Mocho:

Ich würde sagen ein verflachter Fichte. Wenn das Subjekt (durch Diskurse) die Welt hervorbringt, ist man eigentlich wieder beim Absoluten Ich, das sich selbst mitsamt der Welt in einer Tathandlung als seiend setzt.

Bei vielen feministischen Autoren sind Bezüge zu Nitsche und Freud vorhanden, vgl etwa:

Bei letzterer zeigen sich auch Bezugnahmen auch Louis Althusser.

Mich würde interessieren, welche Bezugnahmen ihr noch seht und wie sich diese mit den ursprünglichen Theorien deckt oder diese verflacht, ausbaut oder weiterentwickelt.

Feministische Standpunkttheorie

Wikipedia hat dazu das Folgende:

Eine Standpunkt-Theorie behauptet eine Abhängigkeit der Erkenntnisgewinnung von der Position innerhalb gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse. Sie sagt aus, dass es bessere und schlechtere Standpunkte gebe, von denen aus die Welt betrachtet und interpretiert werden könne. Tendenziell sei der Blickwinkel einer dominierten Gruppe für eine objektive Wahrnehmung besser geeignet als die Perspektive vom Standpunkt einer herrschenden Gruppe.

Der Begriff Standpunkttheorie wurde erst in der Postmoderne in der akademischen Diskussion geprägt. Besonders häufig kam der Terminus als Feministische Standpunkttheorie vor, wurde aber auch auf andere Ansätze erweitert. Vertreter verschiedener feministischer und marxistischer Theorien verwenden selbst den Begriff, während alle anderen Zuordnungen im Nachhinein vorgenommen werden; in den Systemen selbst kommt der Ausdruck nicht vor.

Und weiter:

Die feministischen Standpunkttheorien kritisieren androzentrische Weltanschauungen, in deren Zentrum Männer stehen, beziehungsweise Männlichkeiten als Maßstab und Norm verstanden werden. Darüber hinaus vertreten sie die Position, dass aufgrund des patriarchalen Herrschaftsverhältnisse Frauen einen objektiveren Zugang zur Welt hätten. Bekanntere feministische Theoretikerinnen der Standpunkttheorie sind Nancy Hartsock, Patricia Hill Collins, Sandra Harding und Dorothy Smith.

Sandra Harding unterscheidet die schwache Objektivität, welche lediglich vom Wissenschaftler und von der Wissenschaftlerin eine Objektivität verlangt, von der strengen Objektivität, welche sich dadurch auszeichne, dass Forscher und Forscherinnen den Standpunkt ihrer eigenen sozialen Gruppenzugehörigkeit in die wissenschaftliche Arbeit bewusst miteinbezögen. Die Forschung sollte bei den dominierten Gruppen beginnen. Harding fordert von Angehörigen dominanter Gruppen ein verräterisches Bewusstsein, womit die eigene Arroganz und Ignoranz gegenüber dominierten Gruppen beendet werden solle. Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass die Menschen gleichzeitig verschiedenen Gemeinschaften angehörten und somit oftmals gleichzeitig dominierten und dominanten Gruppen zugehörig seien.

Donna Haraway teilt mit der feministischen Standpunkt-Theorie die Kritik an der scheinbaren Objektivität der (patriarchalen) Wissenschaft, die nicht die soziale Situiertheit von Wissen mitbedenke. Sie spricht in diesem Zusammenhang vom Gottes-Trick, da der Wissenschaftler so täte, als nähme er eine Position außerhalb des Forschungsobjektes ein, als sei sein Standpunkt erhaben und gottähnlich.