„Auswählfeminismus“ oder inwieweit man als Feministin stereotyp handeln darf

Die Frage, ob man sich im Feminismus verhalten kann, wie man will, oder nur so, wie es „feministisch richtig“ ist, ist eine Frage, die im Feminismus selten stimmig beantwortet wird. Viele Feministinnen geben zwar an, dass man sich natürlich so verhalten kann, wie man will, verweisen aber, wenn sich besonders viele Frauen zB dafür entscheiden, dass sie Hausfrauen sind, auf internalisierten Sexismus als Grund, was eigentlich eine freie Wahl ausschließt.

Es haben sich aber auch prominente Feministinnen wie Anita Sarkessian ganz gegen eine freie Wahl, also den sogenannten „Auswahlfeminismus“ bzw Choice Feminism ausgesprochen:

Im Feminismus geht es um die kollektive Befreiung der Frauen als soziale Klasse. Im Feminismus geht es nicht um die persönliche Verhaltenswahl der Frau“

Ein neuer Comic auf der Seite „Everydayfeminism“ stellt nun noch eine andere Variante dar:

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Hier kommt also erst einmal die Idee, dass „Choise Feminism“ etwas schlechtes ist, etwas, was man nicht vertreten sollte, was aus Sicht der Dogmatik ja auch verständlich ist. Es arbeitet eben allem zu. Aber natürlich wäre das eine Einschränkung und würde einen von etwas ausschließen. Also muss die Quadratur des Kreises her und sie erfolgt wie bei Sozialkonstruktivisten nicht anders zu erwarten, in dem man einfach der Handlung eine neue Bedeutung gibt.

Der Tipp ist dann einfach:

Stimme aus dem Off:

Es ist nicht falsch Makeup zu tragen, weil man eine bessere Chance im Leben haben möchte. Es ist aber wichtig, es anzuerkennen, wenn die Entscheidung zum Teil auf dem Einfluss des Patriarchats und nicht des Feminismus beruht.

Der größte Teil der Entscheidung Makeup zu tragen ist ein Resultat von systemischen und kulturellen Druck und von Marginalisierungen, nicht individueller Entscheidungen. Mit der Behauptung, dass individuelle Entscheidungen feministisch sind, statt zu verstehen, wie in diese Unterdrückung hineinspielt, bringen wir jede Erfahrung von Unterdrückung zum schweigen, welche nicht „offensichtlich“ für uns sind.

Mit diesem Schweigen bestätigen wird die Fortführung dieser Unterdrückung. Und wer würde eine solche Wahl treffen wollen?

Frau im Bild:

Also kann ich weiterhin Lippenstift tragen, aber ich sollte überprüfen, warum ich das mag und sicherstellen, dass ich Leute unterstütze, die das nicht wollen

Stimme aus dem Off:

Jetzt bist du auf dem richtigen Weg!

Wie das in der Praxis aussieht sieht man hier an dem Beispiel „Stricken“:

Aber man strickt natürlich nicht einfach nur:

Was bedeutet das alles letztlich für uns? Menschen wie wir, die sich politisch äussern und weiterbilden, ziehen sich aus den üblichen Handarbeitskreisen zurück. Wir haben das Bedürfnis, uns abzugrenzen und zu rechtfertigen dafür, dass wir stricken oder spinnen. Für uns als Feministinnen ist Handarbeit auch immer politisch. Es kostet uns vielfach immer noch Überwindung, aber wir setzen uns bewusst in der Öffentlichkeit oder gar auf politischen Veranstaltungen hin und stricken oder spinnen. Wir wollen zeigen, dass das keine Widersprüche sind und dass “trutschige Hausfrauenarbeit” Handwerk ist. Andersrum lassen auch wir uns an manchen Tagen von den vorherrschenden Geschlechterbildern einschränken und bringen nicht die Kraft auf, mit Stereotypen zu brechen. Das sind die Tage, an denen wir in der Bahn lieber das Sachbuch als das Strickzeug auspacken, damit wir nicht wieder erklären müssen: “Ich stricke, aber…”

Ein schöner Absatz! Es kostet sie Überwindung zu stricken, weil es eben Geschlechterstereotypen bestätigt. Und diese Überwindung kostet es eben, weil andere Aktivistinnen das dann hinterfragen, weil es ein Geschlechterstereotyp ist. Und dann muss man denen erklären, dass man das auch als Widerstand dagegen macht, dass einem Geschlechterstereotype verbieten bestimmte Handlungen durchzuführen, weil sie stereotyp sind und man sie nicht bestätigen will. Die Einschränkung durch die Geschlechterrollen ist hier also nur indirekt. Den die eigentliche Einschränkung ist ja, dass man sie nicht durchführen kann, weil man eigentlich im Widerstand gegen die Geschlechterollen lebt und ihnen keinen Raum geben darf. Natürlich liest man dann lieber ein Sachbuch. Das durchbricht immerhin Geschlechterrollenklischees von der Kitschromane lesenden Frau.

Hier wird deutlich, wie man im Feminismus geschlechterrollenkonform leben darf: Man muss es eben beständig erklären. Man muss es als Befreiungskampf darstellen oder als Anerkennungskampf, der deutlich machen soll, dass diese von Frauen betriebenen Arbeiten hartes Handwerk sind und nicht belanglos.

Es ist schon deswegen ein glorreiches Modell, weil es eben im wesentlichen der Selbstentlastung dient. „Ich trage kein Makeup/stricke nicht, weil es das Patriarchat will, sondern weil ich es will“. Nimm das Unterdrückung, meine Umwidmung entwertet alles! Außer das sie eben keiner wahrnimmt, wenn man sie nicht unaufgefordert beständig erzählt.

Und natürlich kann man auch sein Weltbild aufrechterhalten, dass sich die anderen Frauen nicht etwa schminken, um schöner zu sein und sich Vorteile in der intrasexuellen Konkurrenz zu verschaffen und weil sie gerne schön sind, sondern schlicht, weil sie vom Patriarchat unterdrückt werden. Nicht wie man selbst, die das gründlich hinterfragt hat und es keineswegs aus diesen Gründen macht, sondern aus ganz anderen. Also wirklich nur, weil es einem eben Spass macht. Auf keinen Fall, weil es besser aussieht.

Kurzum: Mit der Vorgabe, dass man hinterfragen soll, wird zumeist sich selbst ein Freischein ausgestellt, ein tatsächliches Hinterfragen der Praktiken an sich unterbleibt dabei vollkommen, da bereits klar ist, dass sie durch Unterdrückung und Patriarchat erzeugt werden.

Gibt es einen Feminismus, der Frauen nicht vorschreibt, wie sie zu leben haben?

Katikuersch twitterte einen interessanten Satz:

https://twitter.com/KatiKuersch/status/484389633707761664

 

Wenn dein Feminismus anderen Frauen* vorschreibt, wie sie zu leben haben, ist das kein Feminismus, sondern Fremdbestimmung aus anderer Hand.

 

Den Satz finde ich interessant, weil er aus meiner Sicht eigentlich den gesamten theoretischen Feminsmus, jedenfalls aber den im Netz gelebten Feminismus, zu einem „Nicht-Feminismus“ macht.

Er müsste sich quasi in ein großes „No true Scotsmen“-Wölkchen auflösen.

In ihrem Blog schreibt sie auch noch etwas in der Richtung:

Und während ich so las und nebenbei nachdachte, da dachte ich mir: Wie schwierig ist doch dieses Leben! All die Modeblogs, die DIY-Blogs geben uns ein Bild vor, wie Frauen zu sein haben. Ansehnlich vor allem, immer auf das Hübsche bedacht, eifrig dabei, ein kuscheliges Heim zu produzieren. Und immer immer kommt zum Vorschein, dass wir zwar alle immer früher in die Pubertät kommen, aber dann doch Mädchen bleiben sollen, bis es nicht mehr geht und die Falten an der Hand verraten, dass wir näher an der Rente als am Schulabschluss sind.

Und dann sind da auf der anderen Seite all die feministischen Blogs, die uns das Gegenteil sagen. Dass es gar nicht gut ist, einen Nestbautrieb zu haben, weil uns das nur indoktriniert wurde und dass wir uns nur für andere schön machen wollen, aber doch endlich einsehen sollten, dass Schönheit nur von Innen kommt und Schönheit doch ohnehin wandelbar und nicht so wichtig wie Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung seien.

Selbstverwirklichung aber ist, das dürfen wir nie vergessen, nur dann wirkliche Selbstverwirklichung, wenn sie nicht damit einhergeht, dass wir Marmelade kochen, während wir eine Schürze tragen und die Blumen auf der Fensterbank hin- und herpositionieren. Und so kann man als Frau kaum noch etwas tun, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob man gleich von Lifestyle-Bloggern verächtlich angespuckt oder von Feministinnen schreiend gekratzt wird. Geht es um das, was wir machen und wollen, müssen wir uns so vielen Erwartungen, die als “keine Erwartungen” getarnt sind, stellen, dass es manchmal das Beste ist, sich unter der Bettdecke zu verkriechen und unauffällig zu atmen.

Es ist eben eine schwierige Sache, wenn man einerseits die weibliche Sozialisation für alles verantworten machen möchte, was Frauen angeblich passiert und gleichzeitig das Bedürfnis hat, Tätigkeiten auszuüben, die dieser Sozialisation widersprechen.

Wie schwierig das im Feminismus sein kann, hatte ich schon anhand des Beispiels „Stricken“ besprochen, dass da dann zu einem „Reclaimen“ umgedeutet wird, bei dem man das alte Geschlechterverhalten neu besetzt, indem man sich trotzdem nach der alten Geschlechterrolle verhält, aber eben ganz bewußt und in Kenntnis der dahinter stehenden politischen Bedeutung. Rollenkonformes Verhalten klappt im Feminismus eben nur mit beständiger Rechtfertigung.

Das ist ja auch das, was Kati für sich oben entdeckt.

Die Lösung ist eigentlich simpel: Die feministische Theorie irrt hier einfach, das private ist eben nicht politisch und weibliches Verhalten keine Unterdrückung.

 

Rollenkonformes Verhalten klappt im Genderfeminismus nur mit beständiger Rechtfertigung

In Diskussionen mit (Gender-)Feministen kommt häufiger vor, dass es im Feminismus gar keinen Zwang gibt, sondern man einzig und allein die Abschaffung jeden Zwanges will. Insofern sei im Feminismus jeder frei, sich so zu verhalten, wie er das wolle.

Mein Gegenargument ist meist, dass der Feminismus ja die Rollen abschaffen will und nach den dortigen Theorien daher rollenkonformes Verhalten weniger Raum einnehmen muss, man also dieses Verhalten ächten muss. Der Feminismus geht ja gerade davon aus, dass bestimmte Verhaltensweisen nur Ausdruck einer bestimmten Rollenvorgabe sind und daher überwundenen werden müssen. Wer sich rollenkonform verhält, der muss sich also rechtfertigen. Er kann nicht einfach darauf abstellen, dass ihm das Verhalten gefällt, er muss deutlich machen, dass es ihm gefällt, obwohl er damit den Rollenvorgaben der Gesellschaft entspricht, sich dem voll bewusst ist und dennoch handelt.

Ein guter Beispieltext dazu findet sich in dem Text „Ich stricke aber“ auf „Der k_eine Unterschied“.

Da ist zunächst das Reframen des rollenkonformen Verhaltens als eigentlich heroischer Kampf um die Anerkennung klassisch weiblicher Arbeiten und als Verkennung der eigentlich damit verbundenen Befreiung:

Es scheint außerdem so, als wären gerade in Handarbeitsforen besonders viele Frauen unterwegs, die sich nur über ihre Kinder/Ehemänner definieren. Kinderlosigkeit ist eher unsichtbar, im Gegenzug werden heteronormative Familienmodelle als gegeben vorausgesetzt. Kleidungsstücke für Kinder werden als “Mädchenmütze” bezeichnet und Stoffe mit Flugzeugen und Rennautos sind “für Jungs”. Nicht zuletzt stört uns die Abwertung der eigenen Handarbeit als unwichtiges kleines Hobby, dessen Ergebnis wahlweise verschenkt oder für den Materialpreis oder weniger verkauft wird. Als Rechtfertigung für zu niedrige Preise kommen dabei gerne Aussagen wie “Ich habe ja Freude daran” oder “Ich mache das ja beim Fernsehen”. Als ob Freude an der Arbeit oder die Tatsache, dass man nicht alle Kapazitäten dafür braucht, die Arbeit selbst schlechter oder wertloser macht. Wir hoffen doch, es gibt noch andere Leute, die Spaß bei ihrem täglichen Job haben und trotzdem Gehalt bekommen – was wäre das sonst für eine traurige Welt?

Es ist also etwas etwas, was man umdeuten kann, bei dem man Raum einnehmen kann, indem man die bisherige Struktur der Handelnden aufbricht, das Stricken quasi reclaimt, für den Feminismus und den „traditionell“ Strickenden insofern Raum nimmt. Und natürlich ist es nichts, was einfach so geschieht, sondern eine wichtige Arbeit. Eine die klein gemacht wird (durch das Patriarchat und weil es Frauen machen) und deren wahren Wert es zu etwas ganz anderen macht.

Dasnn wird deutlich gemacht, dass man natürlich auch in diesem Bereich nicht einfach nur strikt, sondern gegen das Patriarchat und Unterdrückung arbeitet. Man besetzt quasi einen bisher privaten Bereich politisch:

Kritik scheint in der Handarbeitsszene generell eher unerwünscht zu sein. Kommentare unter Blogposts sind meistens positiv und wertschätzend. Das ist irgendwo auch schön und entspannend und einige andere Blogszenen könnten sich hier teilweise eine Scheibe von abschneiden. Statt immer nur zu kommentieren, wenn im Artikel etwas nicht der eigenen Meinung entspricht, falsch ist oder ergänzt werden muss, wäre mehr Lob durchaus wünschenswert. Zustimmung zu Blogartikeln im politischen Kontext wird ja oft einfach durch Schweigen ausgedrückt, was schade ist. Andersrum wäre es uns aber wichtig, wenn in der Handarbeitsszene mehr kritisiert und weniger nach dem Mund geredet wird. Es gibt an einigen Stellen immer Verbesserungsvorschläge und die dürfen auch gemacht werden. Zum Beispiel auch zur Preispolitik einiger Shopinhaber_innen, rassistischen Bezeichnungen und der unerwünschten Reproduktion von Geschlechterstereotypen.

Man strikt also nicht einfach nur, man trägt auch hier zur Gesellschaftskritik bei, etwa bei den zu teuren Wollpreisen, dem Rassismus und natürlich auch der Reproduktion von Geschlechterstereotypen innerhalb der Strickerszene, wie eben strickende Frauen , indem man als Feministin strikt.

Aber man strickt natürlich nicht einfach nur:

Was bedeutet das alles letztlich für uns? Menschen wie wir, die sich politisch äussern und weiterbilden, ziehen sich aus den üblichen Handarbeitskreisen zurück. Wir haben das Bedürfnis, uns abzugrenzen und zu rechtfertigen dafür, dass wir stricken oder spinnen. Für uns als Feministinnen ist Handarbeit auch immer politisch. Es kostet uns vielfach immer noch Überwindung, aber wir setzen uns bewusst in der Öffentlichkeit oder gar auf politischen Veranstaltungen hin und stricken oder spinnen. Wir wollen zeigen, dass das keine Widersprüche sind und dass “trutschige Hausfrauenarbeit” Handwerk ist. Andersrum lassen auch wir uns an manchen Tagen von den vorherrschenden Geschlechterbildern einschränken und bringen nicht die Kraft auf, mit Stereotypen zu brechen. Das sind die Tage, an denen wir in der Bahn lieber das Sachbuch als das Strickzeug auspacken, damit wir nicht wieder erklären müssen: “Ich stricke, aber…”

Ein schöner Absatz! Es kostet sie Überwindung zu stricken, weil es eben Geschlechterstereotypen bestätigt. Und diese Überwindung kostet es eben, weil andere Aktivistinnen das dann hinterfragen, weil es ein Geschlechterstereotyp ist. Und dann muss man denen erklären, dass man das auch als Widerstand dagegen macht, dass einem Geschlechterstereotype verbieten bestimmte Handlungen durchzuführen, weil sie stereotyp sind und man sie nicht bestätigen will. Die Einschränkung durch die Geschlechterrollen ist hier also nur indirekt. Den die eigentliche Einschränkung ist ja, dass man sie nicht durchführen kann, weil man eigentlich im Widerstand gegen die Geschlechterollen lebt und ihnen keinen Raum geben darf. Natürlich liest man dann lieber ein Sachbuch. Das durchbricht immerhin Geschlechterrollenklischees von der Kitschromane lesenden Frau.

Hier wird deutlich, wie man im Feminismus geschlechterrollenkonform leben darf: Man muss es eben beständig erklären. Man muss es als Befreiungskampf darstellen oder als Anerkennungskampf, der deutlich machen soll, dass diese von Frauen betriebenen Arbeiten hartes Handwerk sind und nicht belanglos.

Einfach so rollenkonform leben bleibt aber schlecht. Eine Stütze einer fehlerhaften Gesellschaft. Vielleicht in einer freien, utopischeren, feministischeren Gesellschaft möglich, die keine Rollen irgendwelcher Art mehr kennt.

Bis dahin hat man gegen die Geschlechternormen zu kämpfen. Und zwar auch im Stricken. Oder man strickt eben nicht.