Darwin, Lamarckismus und „Geschlecht – wider die Natürlichkeit“

Ich lese gerade von Heinz-Jürgen Voss  „Geschlecht – Wider die Natürlichkeit“ eine interessante Passage zu Lamarckismus und Darwin:
Nun schreibt Voss:
Ein dritter Aspekt ist ebenfalls bedeutsam. So wurde Darwins Theorie in der heutigen Rezeption oftmals in dem Sinne gegen Lamarcks Evolutionstheorie gestellt, dass erworbene Eigenschaften nach Darwin angeblich nicht auf den Nachwuchs übergingen. Darwin schreibt aber ganz anderes, hier nun auch gleich bezüglich der Intelligenz: Soll das Weib dieselbe Höhe wie der Mann erreichen, so muss es mit beginnender Geschlechtsreife zur Energie und Ausdauer erzogen werden und Verstand und Einbildungskraft müssen bis zur höchsten Entfaltung geübt werden; es würde dann wahrscheinlich diese Eigenschaften größtenteils auf seine erwachsenen Töchter übertragen. Alle Frauen können aber nur dann derart in die Höhe gebracht werden, wenn viele Generationen diejenigen, die sich in jenen kräftigen Tugenden auszeichnen, heiraten und mehr Kinder zur Welt brachten als andere Frauen“ (Darwin 1951 (1871):  564) Darwin lässt also sehr wohl gesellschaftliche Wirkungen zu und beschreibt die Weitergabe auch erworbener Merkmale an die Nachkommen als möglich
Ich habe die Stelle gleich einmal bei Darwin nachgelesen, nur um sicher zu sein, weil ich sie so gar nicht mit seinen sonstigen Theorien in Einklang bringen kann: Sie klingt in der Tat recht lamarckisch. Aber – soviel muss man ihm natürlich zugestehen – Voss hat ihn richtig zitiert.
Was allerdings nichts daran ändert, dass Lamarckismus heutzutage allgemein als unwissenschaftliche, gerade in dem hier zitierten Sinn gibt und mir kein Biologe bekannt ist, der diese These heute noch vertritt.
Lamarckismus als Rettungsanker für Ideen aus dem Poststrukturalismus ist natürlich verlockend und ich kann verstehen, dass Voss sich auf dieses Zitat gestürzt hat – es bleibt aber unlauter es den Lesern seines Buches in dieser Form zu präsentieren, da man davon ausgehen kann, dass diese keine Ahnung haben, was Lamarckismus eigentlich ist und das man sich in der wissenschaftlichen Welt lächerlich macht, wenn man ihn ernsthaft und in dieser Form vertritt.
Darwins große Idee ist Mutation und Selektion. Und diese fehlt hier natürlich. Man müßte also oben ergänzen, dass man die Frauen entsprechend unterrichten müßte, um ihre Fähigkeiten zu ermitteln und dann diejenigen „selektieren“ müßte, die gute Fähigkeiten haben. Würde es eine genetische Grundlage der entsprechenden Fähigkeiten geben, dann könnte man damit Frauen mit besseren Fähigkeiten in dem Bereich schaffen – würde aber ein umfassendes Menschenexperiment ansetzen müssen, welches in dieser Form wohl kaum zumutbar und durchführbar ist.
Interessant dennoch Darwins Einstellung zum Lamarckismus:
Nach dem, was ich gefunden habe, stand er der Idee zumindest Anfangs eher kritisch gegenüber:
 I forget my last letter, but it must have been a very silly one, as it seems I gave my notion of the number of species being in great degree governed by the degree to which the area had been often isolated & divided;; I must have been cracked to have written it, for I have no evidence, without a person be willing to admit all my views, & then it does follow; but in my most sanguine moments, all I expect, is that I shall be able to show even to sound Naturalists, that there are two sides to the question of the immutability of species;—that facts can be viewed & grouped under the notion of allied species having descended from common stocks. With respect to Books on this subject, I do not know of any systematical ones, except Lamarck’s, which is veritable rubbish; but there are plenty, as Lyell, Pritchard, on the view of the immutability.
Später hat Darwin den Gedanken der Weitergabe von Eigenschaften aber wohl doch aufgenommen, in seinen Theorien zur Pangenesis:

Darwin entwickelte die Pangenesistheorie in seinen späten Werken als Konzession an Vertreterlamarckistischer Auffassungen wegen bestimmter Anpassungsphänomene bei Lebewesen, die er nicht mit seiner Selektionstheorie erklären zu können glaubte:

„Es wird fast allgemein zugegeben, dass die Zellen oder die Einheiten des Körpers sich durch Theilung oder Prolification fortpflanzen, wobei sie zunächst dieselbe Natur beibehalten und schliesslich in die verschiedenen Gewebe und Substanzen des Körpers verwandelt werden. Aber ausser dieser Vermehrungsweise nehme ich an, dass die Zellen vor ihrer Umwandlung in völlig passive oder ‚gebildete Substanz‘ kleine Körnchen oder Atome abgeben, welche durch den ganzen Körper frei circulieren und welche, wenn sie mit gehöriger Nahrung versorgt werden, durch Theilung sich verfielfältigen und später zu Zellen entwickelt werden können, gleich denen von denen sie herrühren. Diese Körnchen können der Deutlichkeit halber Zellenkeimchen genannt werden, oder da die Zellentheorie nicht vollständig begründet ist, einfach Keimchen … Endlich nehme ich an, daß die Keimchen in ihren schlummernden Zustande eine gegenseitige Verwandtschaft zueinander haben, welche zu ihrer Aggregation entweder zu Knospen oder zu den Sexualelementen führt. Um genauer zu sprechen, so sind es nicht die reproduktiven Elemente, auch nicht die Knospen, welche neue Organismen erzeugen, sondern die Zellen selbst durch den ganzen Körper. Diese Annahmen bilden die provisorische Hypothese, welche ich Pangenesis genannt habe.“ [1]

Das folgende Zitat zeigt eindeutig, dass Darwin weit lamarckistischer im Sinne einer Vererbung erworbener Eigenschaften gedacht hat, als wir dies heutzutage wahr haben wollen: „Bei Variationen, welche durch die directe Einwirkung veränderter Lebensbedingungen verursacht werden … werden die Gewebe des Körpers nach der Theorie der Pangenesis direct durch die neuen Bedingungen afficiert und geben demzufolge modificirte Nachkommen aus, welche mit ihren neuerdings erlangten Eigenthümlichkeiten den Nachkommen überliefert werden. …“

Die Idee der „Keinmchen“ ist heute ebenso widerlegt wie sonstige Lamarckische Theorien. Kein ernsthafter Wissenschaftler geht heute davon aus, dass die Ausbildung einer Frau in Mathe irgendwelche biologischen Einflüsse auf die Fähigkeiten ihrer Kinder hat.

Eine Berufung auf Lamarck kann Darwin nachgesehen werden, weil er noch nicht das heutige Wissen über Gene und Vererbung hatte.

Voss hingegen hätte, gerade weil er für Leser schreibt, die sich auf dem Gebiet nicht auskennen, doch zumindest eine Einordnung vornehmen sollen, dass diese Idee heute nicht mehr vertreten wird und Darwin hier daneben lag. Sich einfach so auf Darwin zu berufen und damit eine gewisse Autorität auf dem Gebiet zu nutzen erscheint mir unseriös

Der Sinn des Lebens

In den Kommentaren hatte ich angesprochen, dass es keine Sinn des Lebens gibt:

Nach der Evolutionsbiologie dient alles der Fortpfanzung, sie ist „ultimate cause“. Das fällt uns nur nicht auf, weil wir den „proximate cause“ eher wichtig finden und der Pfad hin zur Förderung der Fortpfanzung nicht gut sichtbar ist.
Das Leben hat keinen Sinn. Wir sind nur Vehikel unser Gene, die über Fortpflanzung unsterblich werden können.

Das findet sich so in ähnlicher Form auch bei Dawkins in das egoistische Gen:

Intelligent life on a planet comes of age when it first works out the reason for its own existence. If superior creatures from space ever visit earth, the first question they will ask, in order to assess the level of our civilization, is: ‚Have they discovered evolution yet?‘ Living organisms had existed on earth, without ever knowing why, for over three thousand million years before the truth finally dawned on one of them. His name was Charles Darwin. (…) The replicators that survived were the ones that built survival machines for themselves to live in. (…) Now they swarm in huge colonies, safe inside gigantic lumbering robots, sealed off from the outside world, communicating with it by tortuous indirect routes, manipulating it by remote control. They are in you and in me; they created us, body and mind; and their preservation is the ultimate rationale for our existence. They have come a long way, those replicators. Now they go by the name of genes, and we are their survival machines.

(zugegebenermaßen ein gestrecktes Zitat  mit Zwischenräumen von 44 Seiten, aber nichts desto trotz das was er meint)

Oder bei David Geary Male, Female (S. 69):

 Have you ever pondered the reason for your existence and the reason for the many difficulties in life? When considered trough the lens of evolution, the reason ypu exist is simply to „maximize the likelihood of genetic survival through redproduction (R.D. Alexander, 1987, p. 65), and the trials of life result from pursuit of this difficult path;

Gleich darauf wurde daraus eine Lebensphilosophie gebastelt, deren Konstruktion ungefähr so ging:

 Dass du dein Leben als sinnlos empfindest und dich nur als Vehikel deiner Gene siehst, die nach Unsterblichkeit streben, erklärt zumindest deinen Enthusiasmus für Geschlechterfragen und Pickup. Du bist bestrebt, das bestmögliche Vehikel für deine Gene zu werden.

Oder noch mal kurz zusammenfasst:

Ich: Das Leben hat keine Sinn. Es sind nur Gene, die Vehikel bauen, um sich fortzupflanzen

Konstruktion: Aha! Dann ist der Sinn deines Lebens also die Fortfplanzung deiner Gene.

Dabei steht beides in keinem Zusammenhang. Denn ich habe ja nicht davon, dass meine Gene sich fortpflanzen, wie sich aus der Ansicht ergibt, dass das Leben keinen Sinn hat.

Ich würde es darauf zurückführen, dass wir ein Gehirn haben, dass aufgrund seiner Bauweise immer versucht, einen Sinn in allem zu erkennen, ein Ziel, eine Absicht. Denn das erleichtert die Einschätzung alles menschlichen Handelns und erhöht damit die Chance der Gene, weitergegeben zu werden.

Eher ließe sich dem Ganzen der Sinn entnehmen, dann das beste aus der Zeit als Vehikel zu machen, die man hat. Was dann evtl darin bestehen könnte möglichst häufig die Aktivierung des Lustzentrums des Gehirns zu ermöglichen und möchst selten dessen Deaktivierung. Das wiederum kann, muss aber nicht mit Fortpflanzung verbunden sein. Vielleicht macht mich Selbstlosigkeit glücklich, vielleicht Sex ohne Fortpflanzung, vielleicht die Illusion nicht nur ein Genvehikel zu sein sondern eine unsterbliche Seele zu besitzen oder das Wissen, dass mit meinen Genen doch ein kleiner Teil meiner Selbst wietre Genvehikel baut.

Aber all dies ist kein tatsächlicher Sinn. Denn Evolution hat eben keinen Sinn, kein Ziel, kein Ende.

Das kann man traurig finden. Ich finde es logisch.

Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins Jahr 2012!

Möge jeder von euch ein Jahr haben, in dem sein Glückszentrum möglichst häufig angesprochen wird, ob seine Gene ein Stück näher an die Unsterblichkeit rücken oder nicht!

Lamarckismus

 Unter Lamarckismus versteht man die Idee, dass Erfahrungen sich vererben können.

Der Sohn eines eigentlich schwächlichen Mannes, der sich durch Kraftsport mit Mühen stärker gemacht hat, würde demnach stark werden, die Muskeln seines Vaters erben. Weizen, der die Erfahrung von Forst gemacht hat, würde in späteren Generationen besser mit Frost zurechtkommen, der Hals einer Giraffe wäre von Generation zu Generation länger geworden, weil die Giraffen sich nach dem Futter strecken etc.

Diese Idee kann aus mehreren Gründen nicht klappen:

  • Die Idee, dass Erfahrungen das Erbgut umgestalten, würde mehrere Schritte erfordern:
    • zunächst müßte vor der Erstellung des Genetischen Materials, das zur Erstellung der Nachkommen genutzt wird, der Körper gescannt werden, also die neuen Muskeln erfasst werden
    • dann müßte diese Information neu codiert werden um sie in einem Wachstumsplan verwenden zu können. Es müßte also eine Berechnung durchgeführt werden, nach der ermittelt wird, wie diese neue Information in einen Wachstumsplan einzufügen ist, damit sogleich ein Körper mit der neuen Eigenschaft entsteht. Bei dem Körper des Kraftsportlers müßte also berechnet werden, wo neue Muskeln vorhanden sind und dann die Stellen im Genplan gefunden werden, der diesen Muskelaufbau steuert.
    • Dann müßte die Information im Genplan gezielt hin zu mehr Genwachstum geändert werden. Dies allein zeigt schon, dass Lamarckismus nicht funktionieren kann oder jedenfalls nicht praktiziert wird. Denn wir haben in unserem Körper weder einen entsprechenden Scanmechanismus noch eine Umrecheneinheit. Vielmehr werden die Eizellen bei der Frau bereits bei der Geburt mit deren Genmaterial bestückt und nicht mehr geändert. Ein Lamarckismus könnte daher eh nur bei den Erfahrungen des Mannes ansetzen, findet aber auch dort nicht statt. Das Genmaterial verändert sich nicht über die das Leben eines Menschen, abgesehen von Mutationen im geringfügigen Maße.
  • Ein weiterer Nachteil des Lamarckismus wäre es, dass nicht zwischen nachteiligen und vorteilhaften Veränderungen unterschieden werden könnte. Wächst bei einem Genträger ein Tumor, dann müsste dieser beim Scan erfasst und in den Genplan eingebaut werden, da er sich von einem mehr an Muskeln insofern nicht unterscheidet. Auch wenn jemand negative Erfahrungen macht müsste sich das niederschlagen, die Kinder eines fast verhungerten unterernährten Menschen müssten also dementsprechend auf die Welt kommen.
  • Eine andere Betrachtung würde eine sehr raffinierte Auswertungssoftware erfordern, die insbesondere zukünftige Ereignisse sehr zuverlässig voraussagt und auf ihre Geeignetheit für eine Weitergabe hin analysiert. Und dies kontinuierlich beim Mann, wann immer neue Spermien erstellt werden.
Berechtigterweise wird daher eine Theorie, die auf einer Vererbung von Erfahrungen aufbaut, nicht mehr vertreten. Die Veränderungen bei Lebewesen werden vielmehr allgemein mit Mutationen und Selektion, also der Evolutionstheorie erklärt

Warum Menschen an Gott glauben

Hier zwei mögliche Gründe, warum die Idee der Religion so verführerisch für uns Menschen ist:

1. Das Hierarchieargument

Der Mensch ist ein in Gruppen mit Hierarchien lebendes Tier. Der Gedanke, dass es immer jemanden geben könnte, der in der Hierarchie über uns steht, und dessen Anweisungen daher für uns verbindlich sind, fällt uns daher leicht.

Die Ergänzung der Hierarchie durch ein höchstes, unbestimmtes Wesen ermöglicht uns sowohl Verantwortung abzugeben als auch andere Menschen unter Berufung auf diese höhere Hierarchie zu einem bestimmten Handeln zu veranlassen.

2. Das Handelsargument

Vieles spricht dafür, dass wir eine Gefühl dafür haben, was ein gerechten Geschäft ist. Die Forschung zur Entwicklung des Altruismus stellt verschiedene Modelle, ausgehend vom „Prisoner Dilema“ dar, aus der heraus es sinnvoll ist, Regeln zu entwickeln, nach denen man dabei vorgeht. Effektiv ist dabei die Regel, nach der Mann mit Leuten kooperiert, solange diese mit einem kooperieren und Personen, die lediglich Nutznießer sind, also die Früchte des Kooperierens nutzen, aber selbst nichts für die Gemeinschaft beisteuern, mit unkooperativen Verhalten und Verachtung straft, meidet oder gar aus der Gruppe ausschließt.

Danach erwarten wir, dass jemand, dem wir einen Gefallen tun, uns in Zukunft auch einen Gefallen tun wird. Wer zum Essen einlädt, der erwartet auch demnächst zum Essen eingeladen zu werden. Wer jemanden beim Umzug hilft, der erwartet, dass der andere auch bei seinem Umzug mit anpackt usw.

Der Glaube an einen Gott ermöglicht uns dieses Verhalten auch auf abstrakte Zukunftspläne und das allgemeine Schicksal zu erstrecken. Deswegen haben Opfer immer eine so große Bedeutung in den Religionen gespielt. Weil man dem Gott gab, konnte man erwarten, dass er einem auch gab. Weil man ihn verehrte, konnte man auch erwarten, dass er einem etwas gutes tat. Weil man seinen Regeln folgte, konnte man auf Belohnung hoffen.

Die christliche Lehre beispielsweise baut auf dem Grundgedanken auf, dass man für das Befolgen bestimmter Regeln das ewige Leben bekommt. Folgt man den Reglen hingegen nicht, bekommt man auch nichts von Gott.

vgl. auch:

10 Angebote aus „Manifest des Evolutionären Humanismus“

Vorbemerkung: Diese zehn „Angebote“ wurden von keinem Gott erlassen und auch nicht in Stein gemeißelt. Keine „dunkle Wolke“ sollte uns auf der Suche nach angemessenen Leitlinien für unser Leben erschrecken, denn Furcht ist selten ein guter Ratgeber. Jedem Einzelnen ist es überlassen, diese Angebote angstfrei und rational zu überprüfen, sie anzunehmen, zu modifizieren oder gänzlich zu verwerfen.

1. Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“ (die bei genauerer Betrachtung nichts weiter als naive Primatenhirn-Konstruktionen sind), sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern! Diejenigen, die behaupteten, besonders nah ihrem „Gott“ zu sein, waren meist jene, die dem Wohl und Wehe der realen Menschen besonders fern standen. Beteilige dich nicht an diesem Trauerspiel! Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion!

2. Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten! Du wirst nicht alle Menschen lieben können, aber du solltest respektieren, dass jeder Mensch – auch der von dir ungeliebte! – das Recht hat, seine individuellen Vorstellungen von „gutem Leben (und Sterben) im Diesseits“ zu verwirklichen, sofern er dadurch nicht gegen die gleichberechtigten Interessen Anderer verstößt.

3. Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Bedenke, dass die Stärke eines Arguments völlig unabhängig davon ist, wer es äußert. Entscheidend für den Wahrheitswert einer Aussage ist allein, ob sie logisch widerspruchsfrei ist und unseren realen Erfahrungen in der Welt entspricht. Wenn heute noch jemand mit „Gott an seiner Seite“ argumentiert, sollte das keine Ehrfurcht, sondern Lachsalven auslösen.

4. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen! Wer in der Nazidiktatur nicht log, sondern der Gestapo treuherzig den Aufenthaltsort jüdischer Familien verriet, verhielt sich im höchsten Maße unethisch – im Gegensatz zu jenen, die Hitler durch Attentate beseitigen wollten, um Millionen von Menschenleben zu retten. Ethisches Handeln bedeutet keineswegs, blind irgendwelchen moralischen Geboten oder Verboten zu folgen, sondern in der jeweiligen Situation abzuwägen, mit welchen positiven und negativen Konsequenzen eine Entscheidung verbunden wäre.

5. Befreie dich von der Unart des Moralisierens! Es gibt in der Welt nicht „das Gute“ und „das Böse“, sondern bloß Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Lernerfahrungen. Trage dazu bei, dass die katastrophalen Bedingungen aufgehoben werden, unter denen Menschen heute verkümmern, und du wirst erstaunt sein, von welch freundlicher, kreativer und liebenswerter Seite sich die vermeintliche „Bestie“ Homo sapiens zeigen kann.

6. Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest. Durch solche Kritik hast du nicht mehr zu verlieren als deine Irrtümer, von denen du dich besser heute als morgen verabschiedest. Habe Mitleid mit jenen Kritikunfähigen, die sich aus tiefer Angst heraus als „unfehlbar“ und ihre Dogmen als „heilig“ (unantastbar) darstellen müssen. Sie sollten in einer modernen Gesellschaft nicht mehr ernst genommen werden.

7. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Was uns heute als richtig erscheint, kann schon morgen überholt sein! Zweifle aber auch am Zweifel! Selbst wenn unser Wissen stets begrenzt und vorläufig ist, solltest du entschieden für das eintreten, von dem du überzeugt bist. Sei dabei aber jederzeit offen für bessere Argumente, denn nur so wird es dir gelingen, den schmalen Grat jenseits von Dogmatismus und Beliebigkeit zu meistern.

8. Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst! Du verfügst als Mensch über ein außerordentlich lernfähiges Gehirn, lass es nicht verkümmern! Achte darauf, dass du in Fragen der Ethik und der Weltanschauung die gleichen rationalen Prinzipien anwendest, die du beherrschen musst, um ein Handy oder einen Computer bedienen zu können. Eine Menschheit, die das Atom spaltet und über Satelliten kommuniziert, muss die dafür notwendige Reife besitzen.

9. Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben! Sei dir deiner und unser aller Endlichkeit bewusst, verdränge sie nicht, sondern „nutze den Tag“ (Carpe diem)! Gerade die Endlichkeit des individuellen Lebens macht es so ungeheuer kostbar! Lass dir von niemandem einreden, es sei eine Schande, glücklich zu sein! Im Gegenteil: Indem du die Freiheiten genießt, die du heute besitzt, ehrst du jene, die in der Vergangenheit im Kampf für diese Freiheiten ihr Leben gelassen haben!

10. Stelle dein Leben in den Dienst einer „größeren Sache“, werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en! Eine solche Haltung ist nicht nur ethisch vernünftig, sondern auch das beste Rezept für eine sinnerfüllte Existenz. Es scheint so, dass Altruisten die cleveren Egoisten sind, da die größte Erfüllung unseres Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf Andere liegt. Wenn du dich selber als Kraft im „Wärmestrom der menschlichen Geschichte“ verorten kannst, wird dich das glücklicher machen, als es jeder erdenkliche Besitz könnte. Du wirst intuitiv spüren, dass du nicht umsonst lebst und auch nicht umsonst gelebt haben wirst!

(Aus :„Manifest des Evolutionären Humanismus“, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2005, S.156-159)

Was einen zu den Fragen bringt:

  • Ist ein moralisches Leben ohne Religion möglich?
  • Ist eine moralische Gesellschaft ohne Religon möglich?
  • Welche Regeln sind für das heutige Leben besser geeignet: Die zehn Gebote oder die obigen zehn Angebote?

Meine Antworten wären:

  • Natürlich. Man kann aus humanistischen Erwägungen ein „guter Mensch“ sein. Natürlich kann sich beim Atheist eher der Gedanke einschleichen, dass es keine göttliche, allwissende Instanz gibt, die ihn für unbeobachtete Taten zur Verantwortung zieht. Allerdings unterliegt er gleichzeitig einer geringeren Gefahr Regeln als göttlichen Befehl umzusetzen, die gegenwärtig nicht mehr sinnvoll sind.
  • Eine atheistische Gesellschaft hat den Nachteil, dass sie sich ebenfalls nicht mehr auf eine strafende und allwissende Instanz berufen kann, die dem Leben einen übergeordneten Sinn gibt. Allerdings kann sie sich hierauf eben auch nicht im Schlechten berufen und eine Moral über weltliche Strafen sicherstellen. Die meisten Menschen haben durchaus eine gewisse Einsichtsfähigkeit darin, dass gesellschaftliche Regeln auch ohne göttliche Absicherung sinnvoll sind. Die die dies nicht haben, werden sich auch nicht unbedingt durch ihren Glauben abhalten lassen.
  • Die Angebote sind flexibler und moderner.

Ist Gott widerlegbar?

In dem Artikel „Falschbeschuldigung und Vergewaltigung“ gibt es eine Diskussion über die Existenz Gottes.

Meiner Meinung nach kann man Gott in der Tat nicht letztendlich widerlegen. Allerdings hat ihn die moderne Wissenschaft immer mehr zurückgedrängt: Man braucht ihn nicht mehr, um Vorgänge zu erklären.  Aber die Frage wie  „Kannst du widerlegen, dass er die Naturgesetze geschaffen hat, nach denen das Universum funktioniert?“ kann man letztendlich nur mit Nein beantworten.

Davon abzugrenzen ist die Frage, ob man ihn persönlich für sich widerlegt ansieht. Dazu ist nicht unbedingt ein formeller Beweis erforderlich, sondern nur ein für einen selbst hinreichender Beweis. Ich als Atheist gehe davon aus, dass es keinen Gott gibt. Es mag eine Restmöglichkeit geben, dass es doch einen gibt, aber das ändert nichts an meiner Einstellung.

Meine Argumente wären:

  1. Wir brauchen Gott nicht mehr, wissenschaftliche Erklärungen erklären die Welt hinreichend
  2. Es ist verständlich, dass man früher einen Gott brauchte. Die Menschheit hat so viele Götter geschaffen, die von den meisten Gläubigen der anderen Religionen als Hirngespinste angesehen werden, warum sollte der gleiche Mechanismus nicht bei ihrem Gott brauchen
  3. Alle Begründungen für einen Gott erklären nicht mehr, sondern weniger, vereinfachen die Sache nicht, sondern machen sie komplexer. Denn letztendlich kann man sich nicht darauf berufen, dass etwas zu komplex ist, um ohne göttliche Schöpfung auszukommen, wenn man gleichzeitig nicht erklären kann, wie dann etwas so komlexes wie ein Gott entstehen kann.

Natürlich mag jeder mit seiner Religion glücklich sein, solange er die dortigen Anforderungen nicht auf mich überträgt, wenn sie rein religiös motiviert sind. Weitere Debatten dazu hatten wir schon hier und hier.

Als Bonus werfe ich noch die Theodizee in den Raum:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:

Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,

Oder er kann es und will es nicht:

Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,

Oder er will es nicht und kann es nicht:

Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,

Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:

Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?