Wie stark der Einfluss der Biologie ist, ist auch eine Frage der Perspektive

Wie stark der Einfluss der Biologie auf unser Verhalten ist, ist aus meiner Sicht auch eine Frage, welchen Ausschnitt der potentiellen Handlungsmöglichkeiten man betrachtet.

Das die Perspektive häufig eine Rolle spielt und die eigene dabei sehr eng sein kann ist dabei denke ich jedem bewusst, kann aber auch noch einmal einfach verdeutlicht werden:

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Planet Erde

Planet Erde

 

Galaxie und Erde

Galaxie und Erde

 

Lokale Supercluster

Lokale Supercluster

Es fällt leicht, sich eine Landschaft vorzustellen, weil sie unserer typischen Erlebniswelt entspricht, sich etwas so großes wie einen Supercluster oder Superhaufen vorzustellen übersteigt unsere Fantasie deutlich, weil es keine Struktur ist, die wir kennen oder in unser tägliches Leben einbauen können.

Genauso erscheinen uns Handlungsweisen, die nicht unserer Natur entsprechen außerhalb unserer Wahrnehmung zu liegen, so dass sich die Wahrnehmung auf den kleinen Ausschnitt konzentriert, der uns als logisches menschliches Handeln erscheint. Der Ausschnitt, innerhalb dessen wir uns für eine Option entscheiden können, erscheint uns dementsprechend groß.

Betrachtet man ihn aus der „Superhaufen-Perspektive“, also unter Wahrnehmung aller unabhängig von unserer Spezies bestehenden Handlungsoptionen, dann erscheint das Verhalten von Menschen im Schnitt eher auf einen kleinen Fleck, sozusagen die konkrete Landschaft beschränkt.

Wir würden eben eine Familie, die bei schlechter Ernährungslage ihre Kinder aufisst, nicht für normal halten, auch wenn das in anderen Tierarten durchaus vorkommt. Dem Sozialleben eines Insekts können wir wenig abgewinnen. Andere Paarungsrituale von anderen Tieren kommen uns bizarr vor und wir nehmen teilweise die eigenen Verhaltensweisen nicht mehr als solches wahr.

Disney ist damit reich geworden, Tiere als Menschen darzustellen und ihnen menschliche Züge zu geben und sie nach menschlichen Verhalten handeln zu lassen, gerade weil wir dann ihre Motive als logisch nachempfinden können.

Findet Nemo

Findet Nemo

Wie unverständlich uns das Verhalten dieser Fische tatsächlich wäre zeigt sich zB hier:

We touched on this topic briefly before, ignorant of the implications — but sometimes ignorance is bliss. You see, a clownfish colony — which doesn’t stray far from its anemone host — is dominated by one male and one female. These two are the only ones who are trading fluids in the entire group. Why? Because all clownfish are born male. Why? Because Mother Nature is one crazy broad

Naturally, the next question is „Where did that male clownfish get his woman bits from?“ Well, clownfish are sequential hermaphrodites, meaning that the male can transform himself into an intoxicating lady quicker than Wesley Snipes in To Wong Foo, Thanks for Everything! Julie Newmar

So what does this mean for Finding Nemo? Well, when the female in the colony dies or disappears, the dominant male will change into the dominant female, and the fish who was waiting in line behind him takes over as the new top guy.

Remember that Nemo’s mom became fish food in the first act, along with all of Nemo’s brothers. This makes Marlin the dominant male, and Nemo the second-most dominant. Are you starting to pick up what we’re putting down, preferably while wearing latex gloves?

You know that tiny fish egg that Marlin nurtured, cared for, and almost died for? Yup, he was totally just trying to get his son home so they could repopulate their colony.

Wie anders unser Verhalten und unsere Gesellschaft wäre, wenn wir ähnliche Strukturen hätten und dennoch eine entsprechende Intelligenz entwickelt hätten, um diese dann kulturell auszuformen, ist schlichtweg nicht vorstellbar.

Nimmt man unsere Biologie raus und ersetzt sie durch vulkanisch-sachliche Logik, dann wäre ein Großteil unseres Verhaltens schlicht unnötig. Hätten wir keine Triebe und keine Liebe mehr, keinen Wunsch nach Anerkennung in der Gemeinschaft, keinen Wunsch Status aufzubauen oder uns als möglichst begehrenswerte Partner darzustellen, keine Gefühle wie Rache oder Eifersucht mehr, dann bliebe nichts an unserer Gesellschaft gleich.

Eine künstliche Intelligenz, von Menschen geschaffen, könnte niemals menschlich denken, wenn man ihr diese Grundregeln ebenfalls einprogrammiert. Sie würde uns wahrscheinlich extrem kalt und berechnend vorkommen, unverständlich, fremd.

In dem Roman „Die schöne Welt der Affen“ wacht die Hauptfigur in einer Schimpansengesellschaft auf und leidet unter der Geisteskrankheit, kein Schimpanse (sondern ein Mensch) zu sein:

Schöne Welt der Affen

Schöne Welt der Affen

Für die dortigen Personen ist es ganz klar, dass man mal wieder mit dem Boss kopulieren sollte, es wäre unhöflich die mit ihm als ranghohem Männchen nicht zu machen, genauso wie es von ihm unhöflich wäre, sie abzuweisen.

Aus einer Besprechung:

Daß Schimpansen ihrer Sinnlichkeit hemmungslos und burschikos frönen, hätte der Leser auch begriffen, wenn Self die erotische Affenliebe weniger detailliert gezeichnet hätte. Gekonnt eingesetzt sind die erotischen Szenen allerdings dort, wo die politisch korrekten Vorgaben der Menschenwelt mit tiefschwarzem Humor auf den Kopf gestellt werden. Mißbrauchte Schimpansenkinder sind diejenigen, die von ihren Eltern sexuell vernachlässigt werden; junge Weibchen messen ihre Attraktivität an der Anzahl der „schnellen Nummern“, die sie zwischen U-Bahn und Büro absolvieren, ein kehliges „HoooGrah“, den triumphalen Keuchruf der Schimpansen auf den fleischigen Lippen. Der Leser legt Will Selfs zweiten Roman still aus der Hand. Kein Laut ertönt. Aber unwillkürlich fährt er sich mit der Hand durch die Nackenhaare. Dort, wo gern die Läuse sitzen.

(ich fand das Buch übrigens nicht so berauschend, wenn es auch eine interessante Perspektive bietet).

Und das sind noch relativ nahe Verwandte. Was außerirdisches Leben für bizarre Konstellationen und Rituale bietet ist insofern schwer vorstellbar, da gerade sexuelle Selektion die merkwürdigsten Ergebnisse bringen kann. Zwar würden wir sicherlich einige Rituale als Signale der Partnerwahl und der eigenen Stärke zuordnen können und die Wahrscheinlichkeit, dass auch Außerirdische nur zwei Geschlechter haben, ist aus meiner Sicht recht hoch, da gerade sexuelle Selektion sehr gut eine deutliche Steigerung von Intelligenz bewirken kann und mehr als zwei Geschlechter zu teuer sind, aber was sich daraus dann im Rahmen der dortigen Selektion ergibt, ist kaum vorherzusagen.

Von oben betrachtet lässt sich einiges an unserem Verhalten in deutliche Regeln einordnen, auch wenn das Verhalten einzelner Menschen im konkreten Augenblick nicht vorherzusagen ist.  Uns erscheint insofern der Handlungsrahmen innerhalb dieser Regeln teilweise als sehr groß, weil wir eben lediglich den Handlungsrahmen sehen und nicht die weit entfernt außerhalb dieses liegenden anderen Möglichkeiten zu handeln. Bereits wenn dieser Handlungsrahmen an den Rändern ausgeweitet wird, finden wir das unverständlich, etwa wenn Psychopathen unter Auslassung dieser Regeln handeln und schlicht lösungsorientiert vorgehen (und deswegen zB einen Menschen töten) oder Autisten die Regeln des sozialen Zusammenseins nicht aufnehmen können.  Ein objektophiler Mensch erscheint uns verrückt, dabei erhält er untechnisch gesprochen nur durch andere Sachen als eine bestimmte Art Mensch ein Glücksgefühl, also eine Ausschüttung von Hormonen, was auf der Basis einer sehr entfernten Betrachtung kein großer Unterschied wäre und er seine Fortpflanzung ja dennoch abstrakter gestalten könnte.

Wir sagen so etwas wie „Natürlich muss er sein Kind unterstützen, es ist sein Kind“ und sind uns der Unlogik dieses Punktes nicht bewusst. Wir finden es logisch, dass man nicht so einfach aufgibt, wenn man bereits viel investiert hat, obwohl es logischer wäre nicht darauf abzustellen, was man bereits investiert hat, sondern darauf, wie hoch die Erfolgsaussichten und der zu erwartende Gewinn ist, was man bereits investiert hat, ist dabei eigentlich irrelevant. Bereits Sex ist etwas vollkommen bizarres und außerhalb der Biologie wohl nicht zu verstehen.

Es fällt uns nur nicht mehr auf, weil es normal ist. Uns kommt gar nicht in den Sinn, dass man sich anders verhalten könnte.

Gendrift

Gendrift ist ein Vorgang, bei dem es um die Zusammensetzung der Genfrequenz innerhalb einer Gruppe geht. An einem einfachen Beispiel erklärt:

In einer Gruppe von Urzeitmenschen gibt es 90Menschen mit der Augenfarbe blau, eine kleine Familie von 10 Personen hat aber die Augenfarbe grün. Aufgrund von sozialen Vorurteilen gegen Grünaugenmenschen beschließen die 10 Personen, sich von der Gruppe zu trennen und in eine andere Gegend auszuwandern. In ihrer alten Gruppe sind nunmehr 100% Blauaugenmenschen, die Gene für grüne Augen sind plötzlich in weit geringerer Zahl vorhanden. In der Gruppe der Auswanderer hingegen sind nunmehr 100% Grünaugen vorhanden und vielleicht keine Gene für blaue Augen mehr vorhanden.

Wird die Gruppe der Grünaugen nun durch einen Zufall getötet, dann kann auch dann, wenn die Mutation vorteilhaft gewesen wäre, das Gen für Grüne Augen aussterben und es kann reiner Zufall sein, dass alle Menschen blaue Augen haben. Umgekehrt gilt das gleiche.

Der gleiche Vorgang noch einmal aus der Wikipedia:

Als Gendrift (genetische Drift; das niederdeutsche Wort Drift ist verwandt mit dem deutschen treiben, auch Alleldrift oder Sewall-Wright-Effekt genannt) bezeichnet man in der Populationsgenetik eine zufällige Veränderung der Genfrequenz innerhalb des Genpools einer Population. Gendrift ist ein Evolutionsfaktor. Eine quantitative Erweiterung stellt die Genshift dar, bei der ganze Segmente von Genen zusammen ausgetauscht werden. Dies hat oft besonders ausgeprägte funktional-qualitative Änderungen zur Folge.

Gendrift und Genshift stellen eine Art Komplement zur natürlichen Selektion dar. Die natürliche Selektion hat keinen zufälligen Einfluss auf die Änderung der Genfrequenz einer Population, sondern ist direkt gekoppelt an den Überlebens- und Reproduktionserfolg von Individuen, also deren Angepasstheit an ihre Umwelt.[1] Die genetische Drift bzw. Shift dagegen hat keine derartigen Ursachen, sondern ist rein zufallsbestimmt (stochastisch).

Da eine zufällige Änderung der Genfrequenz in kleineren Populationen statistisch mehr ins Gewicht fällt, stellen die Gendrift und Genshift einen wichtigen Faktor der Evolution von Gründerpopulationen und somit der Artbildung dar. Sie basiert auf der Tatsache, dass eine abgeschnittene Zufallspopulation, die in einem bestimmten Gebiet lebt, nur einen kleinen Ausschnitt der möglichen Genfrequenzen besitzt, die außerdem in einem anderen Verhältnis zueinander stehen als in der Gesamtpopulation. Die evolutionäre Weiterentwicklung dieser Population ist abhängig von diesen verschobenen Genfrequenzen.

Als Flaschenhalseffekt wird eine besondere Art der Gendrift bezeichnet, bei der die Populationsgröße durch ein zufälliges Ereignis stark vermindert und dadurch die in der Population vorkommende Variabilität verringert wird. Die Allelfrequenzen unterscheiden sich hinterher meist von denen der ursprünglichen Population, die verminderte Variationsbreite (Polymorphismus) erhöht die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten und erschwert zukünftige adaptive Veränderungen.

Gendrift kann auch in größeren panmiktischen Populationen auftreten, nach Aufteilung in kleinere Teilpopulationen. Voraussetzung sind zufällige Veränderung von Genen und Weitergabe der veränderten Gene. Gendrift kann dabei phänotypische Veränderungen bewirken, muss es aber nicht.

Bedeutungserweiterung: Als Gendrift wird auch die Verbreitung solcher Veränderungen in größere Populationen bezeichnet. Heute bezeichnet man als Gendrift auch das Eindringen bewusst oder zufällig veränderter Gene in andere Bereiche.

Das Phänomen wird gerne als Argument gegen evolutionäre Erklärungen angesetzt, weil es nach dieser Ansicht zuviel Unberechenbarkeit in die evolutionären Spekulationen bringt. Elmar hat dazu was in einem seiner Artikel:

Biologen ist an dieser Stelle vermutlich bereits klar, daß (4) nonsense ist aufgrund genetischer Drift und des Phänomens des linkage disequilibrium.

  • (5) Genetische Drift: Durch natürliche Ereignisse, wie Ausgründungen von Populationen oder Katastrophen sind Populationen in der Realität nicht nur endlich, sondern klein. Und je kleiner sie sind, desto höher ist der Einfluß weiterer Zufalle auf die Genfrequenz in der nächsten Generation. So kann ein Gen, dessen phänotypische Ausprägung eine historisch-lokalen Fitness-Vorteil bringt, doch zufällig aussterben, , während ein Gen mit anderer, womöglich sogar nachteiliger Ausprägung um so schneller fixiert wird, je kleiner die Population ist. Die natürliche Selektion ist in kleinen Population zu langsam, um das auszugleichen. Erst in unendlich großen Populationen spielen solche endlichen random distortion überhaupt keine Rolle mehr und die natürliche Selektion ist der einzig relevante Mechanismus.

Diese Zusammenhänge wurden 1973 von Tomoko Ohta als nearly neutral theory of molecular evolution beschrieben. Das Problem, daß (5) für (4) macht, liegt auf der Hand: Selbst wenn P sein eigenes U wirklich hat, verhindert das Phänomen der genetischen Drift, daß wir wissen können, welche U das ist. Denn wie sollen wir Jahrtausende der Evolution auf molekularer Ebene detailiert nachvollziehen? Und da wir die Existenz von U nicht apriori, sondern nur empirisch sichern können, gleitet uns damit sogar die Existenz von U aus den Händen: Mit (4) alleine kann man gegen Feministen gar nichts ausrichten – und das alles ganz im Rahmen der aktuellen Evolutionsbiologie.

Meiner Meinung nach überbewerten Elmar und andere Kritiker da dieses Phänomen. Denn zum einen ist ein genetischer Drift ja nichts, was Gene beliebig durcheinander wirbelt: Er setzt an Wesen an, die bereits einer starken Selektion unterlegen haben und deren Genzusammensetzung daraus folgt. Durch genetischen Drift bekommt man nicht plötzlich ein drittes Bein oder Superkräfte. Es ändert sich lediglich die genetische Zusammensetzung der Gruppe. Diese Zusammensetzung ändert sich, weil bestimmte Gene sich relativ zufällig mehr anreichern.

Um so zentraler die Eigenschaft dabei ist, um so weniger ist sie durch einen Gendrift betroffen. Denn dann sind die Gene dafür so umfassend in den Personen enthalten, dass lediglich bestimmte Ausprägungen von den zufälligen Ereignissen betroffen sind.

Nehmen wir etwa die höhere Körperstärke von Mannern gegenüber Frauen: Sie beruht auf der Wirkung von Testosteron und selbst wenn die stärksten Männer und die schwächsten Frauen alle von einem sehr selektiven Kometen getroffen werden, ändert sich nichts daran, dass deren Gene immer noch diesen wesentlichen Unterschied weitergeben werden und demnach auch eine entsprechende Selektion stattfinden würde, zumal hier dann die stärkeren Frauen weniger fruchtbar wären und zudem innerhalb der Schwangerschaft nach wie vor die Kosten der höheren Muskeln tragen müssten und zudem durch die sonstigen Folgen von Schwangerschaft, Stillen etc eingeschränkt wären.

Um so höher und langanhaltender der Selektionsdruck bisher auf eine bestimmte Eigenschaft war, um so geringer der Einfluss einer Gendrift. Diese bewirkt dann lediglich gewisse Änderungen in der Ausprägung, wird sich aber gerade bei so starken unterschiedlichen Selektionsunterschieden wie Mann und Frau kaum auswirken.

Die Auswirkungen eines genetischen Drifts für evolutionäre Berechnungen sind damit weit geringer als Kritiker dies darstellen wollen. Die meisten evolutionären Betrachtungen gerade bei den Geschlechtern sind davon aus meiner Sicht nicht betroffen.

Wer ein gutes Beispiel nennen kann, bei dem der genetische Drift dennoch eine Rolle gespielt haben könnte, der mag das in den Kommentaren mitteilen.

 

 

„Ich denke nicht, daß Maskulismus auf Biologismus angewiesen ist“

Elmar brachte in der weiteren Diskussion um biologische Theorien einiges, was in diese Richtung ging:

„Ich denke nicht, daß Maskulismus auf Biologismus angewiesen ist, er ist “viel leichter” zu haben. Das sollte euch alles freuen.

Elmar kritisiert da im wesentlichen vom Ziel her – ihm gefallen die Erklärungen nicht, er will lieber andere, die er aber noch nicht hat, aber sie wären garantiert besser, auch wenn er keinerlei Ansatz davon wirklich benennen kann.

Biologie passt insofern einfach nicht in die von ihm gewünschte Welt. Sie muss deshalb Biologismus und damit schlecht sein.

Eine ähnliche Haltung hatte ich schon einmal in dem Artikel „Wahrheit vs. Wollen: Feministische Theorie und die eigene Suppe“ besprochen:

Wer viel über Geschlechterfragen diskutiert und dazu noch einiges über Evolutionsbiologie gelesen hat, der stößt in diesen Argumenten immer wieder auf ein in feministischen Kreise sehr verbreitetes Gegen”argument”.

“Es wäre doch viel schöner, wenn alles nicht festgelegt ist, deswegen glaube ich nicht an biologische Gründe”

Das ist für einen wissenschaftlich denkenden Menschen so ziemlich das sinnloseste Argument, dass man machen kann, denn der Wirklichkeit ist es relativ egal, was besser ist, wenn dies einfach nicht stimmt.

Ebenso ist es natürlich ein sehr schwaches Argument, wenn man meint, etwas leichter haben zu können (wohlgemerkt: Dieses leichtere hat Elmar noch nie ausgeführt). Es ist egal ob man meint, dass es viele Männer uninteressant finden, es ist auch egal, ob man damit Angriffsfläche bietet.

Wegen all dieser Erklärungen kann man eine Erklärung nicht ablehnen, ein guter Grund eine Theorie abzulehnen ist simpel lediglich der, dass sie falsch ist.

Argumente, die darlegen, dass die biologischen Theorien falsch sind, nennt Elmar allerdings gar nicht. Er will sich eigentlich auch gar nicht mit den Theorien beschäftigen. Er will sie nur loswerden.

Dass das Nichtbeachten biologischer Erklärungen natürlich enorme Konsequenzen haben kann, zeigen Fälle wie David Reimer oder die Kibbuzerfahrungen. Ob wir da mal Besprechungen von Elmar hören werden? Oder ob er die Studie von Udry mal bespricht? Ich bezweifele es.

Wenn man eine klassische evolutionäre Erklärung verwendet, nach der Männer mehr auf Status aus sind, weil Status sich im Wege sexueller Selektion als gutes Zeichen für einen hochwertigen Partner entwickelt hat, dann erklärt das vieles, was Elmar letztendlich nicht erklären kann, wenn er es nicht ebenfalls soziologisch in ein Machtkampfverhältnis einordnet wie etwa der Feminismus oder Frauen zu Ausbeutern macht. Die evolutionären Theorien dazu haben zudem den Vorteil, sich nahtlos in die sonstige Biologie einzuordnen und stimmig in die Größenunterschiede etc eingeordnet zu werden.

Wenn diese Theorien stimmen, dann hat das natürlich auch Auswirkungen. Man kann sie in diesem Fall nicht einfach wegdenken, denn sie wirken sich in sehr vielen Verhältnissen zwischen Mann und Frau und auch auf sehr viele gesellschaftliche Phänomene aus: Vom Gender Pay Gap bis hin zu Frauenquoten, von der Partnerwahl bis hin zu dem unterschiedlichen Spielverhalten liefern sie gute Erklärungen zu vielen Phänomenen, die sozial betrachtet nur schwer zu verstehen sind, ohne einen Geschlechterkrieg zu erklären.

Die evolutionären Theorien erklären menschliches Verhalten ohne, dass man Bösartigkeit etc braucht. Wenn man akzeptiert, dass auf Frauen und Männer ein anderer Evolutionsdruck lastete, dann kann man aufhören, sich über Unterschiede im Schnitt aufzuregen. Etwas, was einen wohl keine soziale Erklärung bieten kann. Wenn man weiß, dass es Männer und Frauen in allen Varianten gibt, dann kann man aufhören, sich über Häufungen zu ärgern und auch akzeptieren, dass viele Menschen auf eine bestimmte Weise leben wollen. Man kann aufhören in jedem Geschlechterunterschied ein Zeichen für eine Unterdrückung zu sehen und sich bei jedem geschlechterstereotypen Verhalten zu ärgern.

Biologische Ansätze mit kulturellen Ausformungen sind meiner Meinung nach – wenn man Fehlvorstellungen vermeidet, dass sie bedeuten, dass alle Männer oder alle Frauen auf eine bestimmte Weise sein müssen – der beste Weg sich unter den Geschlechtern auf ein Miteinander zu einigen, weil sie per se ein großes „jeder ist, wie er ist, ob er sich stereotyp verhält oder nicht“ enthalten. Homophobie oder Transsexuellenfeindlichkeit sind ebenfalls realtiv sinnlos, wenn man davon ausgeht, dass beides nur rein biologische Efffekte sind und die eigene Männlichkeit oder Weiblichkeit nicht betreffen können.

Ich meine daher, dass man es gerade mit einer biologischen Betrachtung sehr einfach haben kann. Dass sollte aber nicht der Grund dafür sein, dass man diese Theorien vertritt.

 

Was Biologen können kann man nur erfahren, wenn man sich zumindest grundlegend mit den Theorien beschäftigt

Elmar hat einen Artikel zu meiner Kritik an achdominos Artikel geschrieben.

Vorweg:
Ich finde Elmars Art zu schreiben und zu argumentieren extrem anstrengend und sie führt aus meiner Sicht nicht zu der von ihm beabsichtigten Klarheit, sondern ist eher eine Quelle vieler Fehler.
Dabei geht es insbesondere um die folgenden Punkte:

  • Elmar will Probleme abstrakt lösen, ohne sich nur den eigentlichen Theorien beschäftigen.
  • Das entspringt auch einer gewissen Ignoranz:  Elmar hat sich entschieden, dass Biologie keine Rolle spielt, also darf sie keine Rolle spielen und es ist unter seiner würde sich näher damit zu beschäftigen
  • Dadurch schleichen sich gravierende Fehler in seinen Artikel, es gilt der Grundsatz, dass man in Jahren von einer Gemeinschaft von Wissenschaftlern zusammen getragene Theorien, die insofern schon eine Fehlerkontrolle unterliegen, zumindest nachvollziehen sollte. Sonst fängt man an Anfang der Debatte an, während alle andren schon auf den Schultern ihrer Vordenker stehen und deswegen Giganten sind.
  • Elmars abstrakter Ansatz wird kombiniert mit strikteren, aber freien Definitionen, die aber häufig verkürzen und das tatsächliche Problem ausblenden. Darauf baut er dann den nächsten logischen Schluss auf, der aber dann aufgrund dieses wegdefinieren nur eine interne Pseudologik aufweisen.
  • Insbesondere aber leitet er aus den Fehlen eines abschließenden Beweises her, dass biologische bzw- evolutionäre Erklärungen keine Rolle spielen können und ignoriert werden können. Ein geradezu bizarrer Ansatz.
  • Er verkennt dabei auch, dass alle sozialen Theorien diesen Mangel noch wesentlich deutlicher zeigen würden.Wir können eben nie ausschliessen, dass ein individueller Umstand, den man nicht berücksichtigt, eigentlich verantwortlich ist. Insbesondere kann man aber nicht ausschliessen, dass die biologischen Theorien zutreffen

Aber zum eigentlichen Text, ich greife mal ein paar Sachen heraus:

„Die Augenfarbe ist kein erbliches Merkmal, denn die Augenfarbe der Kinder und Enkel hängt von den jeweiligen Partnern ab und ist selbst dann nicht sicher vorhersagbar, wenn die Augenfarbe der Partner der Kinder und Enkel bekannt ist.“
Natürlich ist die Augenfarbe ein erbliches Merkmal. Nur weil sich diese nicht direkt vererbt wird, handelt es sich noch lange nicht um ein nichtvererbliches Merkmal.
In diesem Zusammenhang führt Elmar zur sexuellen Selektion an:
Der Grund für die Verbreitung blauer Augen liegt in sexueller Selektion, die aber eine soziale und keine evolutionäre Erklärung ist.
Hier verkennt er recht grundlegend, wie biologisch sexuelle Selektion funktioniert. Denn es ist nicht einfach nur eine soziale, zufällige, leicht änderbare Auswahl, sondern es geht dabei um biologisch verfestigte Auswahlkriterien, gerade bei der intersexuellen Selektion. Hier sind durch Selektion bestimmte Partnerwahlkriterium entstanden, die eine möglichst gute Partnerwahl sicherzustellen.
Ich hatte das schon häufiger ausgeführt:
Sexuelle Selektion baut darauf auf, dass bestimmte Charakteristika von dem jeweils anderen Geschlecht als attraktiv empfunden werden und alleine deswegen einen Vorteil darstellen. (…) Die sexuelle Selektion kann sich aber nur entwickeln, wenn das Merkmal vererbbar ist, also es sich um ein abgespeichertes Attraktivitätsmerkmal handelt, da es sonst nicht die gleiche Fahrt aufnehmen kann, weil insbesondere die Nachteile offensichtlicher bedacht würden.(…) Gerade bei zwei Geschlechtern mit verschiedenen körperlichen Eigenschaften bietet das Abspeichern von Attraktivitätsmerkmalen nach Geschlechterkriterien erhebliche Vorteile. Denn die Einhaltung der Geschlechtsnormen lässt neben einer höheren Fruchtbarkeit auch einen höheren Erfolg bei der von diesem Geschlecht üblicherweise übernommenen Tätigkeit erwarten.
Sexuelle Selektion ist aber mehr als eine Kulturgeschichte. Denn Kultur impliziert, dass man sie frei verändern kann, dass sie nur einem Geschmack darstellt. Dies ist aber so nicht richtig. Viele Merkmale einer sexuellen Selektion starten sicherlich durch Zufälligkeiten und freie Wahl, meist aber stellen sie ein “ehrliches Signal” im Sinne der Signaling Theorie dar und sind insoweit ein Kennzeichen für die Fitness des jeweiligen Individuums. Nur wenn solche Signale als Attraktivitätsmerkmal bei dem wählenden Geschlecht gespeichert sind, lohnen sich die Kosten für das andere Geschlecht, sie zu produzieren. Handelt es sich nur um eine reine Mode, dann ist die Gefahr zu hoch, dass irgendwann das Merkmal unattraktiv wird und die hohen Investitionskosten sich nicht mehr auszahlen. Der Pfauenschwanz als klassisches Element der sexuellen Selektion ist damit nur erklärbar, wenn die Vorliebe vererbbar ist.
Und weiter zur Vererbbarkeit von bestimmten Eigenschaften:
Daher gibt es viele Merkmale, wie z.B. nicht Einparken zu können oder sexuell untreu zu sein, die grundsätzlich keiner evolutionären Erklärung zugänglich sind, einfach deshalb, weil sie nicht selektierbar sind.
Auch hier wieder: Keinerlei Begründung. Natürlich ist Einparken nicht in dem Sinne vererbbar, dass wir ein „Gen“ für Einparken haben, aber die Eigenschaften, die ein fehlerfreies Einparken leichter machen oder die einen leichter in Versuchung führen fremdzugehen können natürlich vererbt werden. Ich verweise auf die drei Gesetze der Verhaltensgenetik:

First Law: All human behavioural traits are heritable.

Second Law: The effect of being raised in the same family is smaller than the effect of the genes.

Third Law: A substantial portion of the variation in complex human behavioural traits is not accounted for by the effects of genes or families.

Beispielsweise können beim Einparken ein besseres räumliches Denken eine Rolle spielen, dass sowohl genetische als auch biologische Ursachen haben kann, insbesondere über einen bestimmten Hormonspiegel. Ebenso kann ein Fremdgehen durch einen höheren Sexualtrieb und einen stärkeren Drang zu neuen Abenteuern motiviert sein und darüber biologische Ursachen haben, vgl beispielsweise hier zum „Fremdgehgen„:

Here we show that individuals with at least one 7-repeat allele (7R+) report a greater categorical rate of promiscuous sexual behavior (i.e., having ever had a “one-night stand”) and report a more than 50% increase in instances of sexual infidelity.

Dann hier ein sehr deutlicher Hinweis darauf, dass Elmar sich nicht mit den Grundlagen beschäftigt hat und noch nicht einmal grundlegend recherchiert hat:

Tatsächlich prägen aber über 100 vom Menschen verschiedene Spezies Homosexualität aus. Das zeigt nicht nur, daß die Verachtung von Homosexualität unnatürlich ist, sondern auch das sie evolutionär offenbar nicht wirklich ins Gewicht fällt: Denn wenn die Nichtverbreitung der eigenen Genen durch Zeugung von Nachwuchs nicht evolutionär relevant ist, dann ist es die Verbreitung der eigenen Gene auch nicht – vom sog. Gründereffekt einmal abgesehen

Oh weh. Daran ist so vieles falsch. Und gleichzeitig auch vieles drüber geschrieben worden, was Elmar ignoriert. Erst einmal ist es grundsätzlich richtig, dass es in vielen Spezien zu gleichgeschlechtlichen Sex kommt. Das ist aber nicht gleichzusetzen mit Homosexualität. Dass die Bindungswirkungen der Glücksgefühle von Sex auch genutzt werden, um andere Wirkungen als ein Paarbindung zu erreichen, etwa um einen Gruppenzusammenhalt herbeizuführen oder Bindungen zur Kooperation zu fördern bedeutet nicht, dass dort Homosexualität existiert. Gleichgeschlechtlicher Sex muss keine evolutionären Kosten haben, wenn heterosexueller Sex zur Befruchtung trotzdem sichergestellt ist. In einer Spezies ohne dauerhafte Paarbindung muss das noch nicht einmal ein großes Problem sein, da dort die Bindungswirkung eben nicht in die Partnerschaft verlegt werden muss. Eine Selektion tritt dann ein, wenn ein Fortpflanzungsvorteil entsteht. Dieser Fortpflanzungsvorteil kann indirekt auch dadurch eintreten, dass man andere Vorteile eingeht und eben auch dadurch, dass bei diesem Gen unter anderen Bedingungen Vorteile bringen. Und das ist dann auch die Theorie, die in der Biologie zur Homosexualität vertreten wird. Zu den diesbezüglichen Theorien hatte ich ja schon ein paar Artikel auf die ich hier verweise:

Natürlich setzt sich Elmar nicht mit der Fraternal Birth Order auseinander oder überhaupt damit, warum Fortpflanzung so wichtig ist für eine Selektion: Weil Selektion erst einmal voraussetzt, dass Gene in die nächste Generation kommen.

Bei Elmar kann das alles anscheinend durch reinen Zufall geschehen. Er scheint davon auszugehen, dass eine Boing sich wirklich durch einen Wirbelsturm rein zufällig zusammen setzen könnte: Dass biologische Lebewesen dafür viel zu kompliziert sind und auch bei einer genetischen Drift erst einmal in einer kleinen Gruppe eine weitergehende Selektion stattfinden muss, dass komplexe Systeme nicht über Nacht entstehen, sondern deren Evolution üblicherweise ein paar tausend Jahre dauert  und nur eine Aufteilung und Aussiebung dieser Merkmal dann durch bestimmte Umweltbdingungen stattfindet zieht er anscheinend nicht in Betracht.

(A9) Adäquate evolutionäre Erklärungen betreffen nur die Wechselwirkungen natürlicher Abläufe mit den erblichen Merkmalen jedes Lebewesens einzeln in einer lokalen Umgebung U in gleicher Weise und sie sind unabhängig davon, daß für das Erbringen der Erklärungsleistung von einen Kollektiv intentional erbrachte Kulturleistungen derselben oder anderer Spezies in der evolutionären Erklärung erwähnt werden. In (E) wird das klarerweise eingehalten.

Hier scheint er etwas Gruppenselektion mit hereinmischen zu wollen. Dass sich eine Selektion auf die Gruppe auswirkt, auch wenn sie bei Einzelwesen ansetzt ist jedoch kein Widerspruch. Ebenso wenig erbringt ein Kollektiv eine Kulturleistung sondern diese lässt sich theoretisch herunterbrechen auf das Handeln einzelner Menschen. Wenn sich Elmar grundlegend damit beschäftigt hätte, warum man auf das egoistische Gen abstellt, dann hätte er die Hintergründe vielleicht etwas besser verstanden.

Man kann darüberhinaus nicht abstreiten, daß viele Merkmale z.B. der menschlichen Physiologie wie etwa Stoffwechselparameter oder Körperlänge einer Verteilung folgen. Andere, wie etwa die Anzahl der Finger, tun es nicht. Damit stellen sich klarerweise zwei Probleme: Wenn man evolutionäre Erklärungen für verteilte Merkmale in Anschlag bringt, muß die (Nicht-) Existenz der Verteilung selbst Gegenstand der Erklärung sind. Und deterministische wie Zufallsphänomene als Produkt derselben Evolution auszuweisen, ist natürlich schon nicht so leicht.

Die Erklärung dafür ist eigentlich recht einfach: Es gibt nicht für jedes Merkmal eine absolut beste Strategie für alle möglichen Zustände. Weswegen Randstrategien entstehen und die Zwischenstrategien ebenso. Ein Beispiel ist das klassische Tauben-Falken Beispiel:

Hier zeigt sich, dass sich je nach Situation und den Kosten eine andere stabile evolutionäre Strategie herausbildet und gerade veränderte Kosten immer wieder andere stabile evolutionäre Strategien mit verschiedenen Gleichgewichten hervorbringen. Um so mehr Variablen man hinein nimmt, um so mehr Nischen können sich auch bilden, in denen verschiedene optimale Ausrichtungen auf diese Situation erfolgen können. Das gilt gerade für eine Strategie mit hoher Spezialisierung wie beim Menschen.

Evolutionäre Rechtfertigungen von Merkmalen gibt es im Grunde nicht, da ihre Konsequenzen auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate immer von den Eigenschaften der konkurrierenden Lebewesen abhängt.

Ich verstehe hier nicht, warum dadurch evolutionäre Rechtfertigungen dadurch erschwert werden sollen. Viele werden gerade dadurch erklärt, denn Tiere befinden sich mit ihrer Konkurrenz in einem Red Queen Race, müssen sich also ständig weiterentwickeln, damit sie in dem Wettrennen auf der gleichen Stelle bleiben können. Dadurch kann eben auch ein kontinuierlicher Entwicklungsdruck in eine bestimmte Richtung entstehen, sei es innerhalb einer Art, in der zB Gorillamännchen immer stärker und größer werden mussten, um sich fortpflanzen zu können oder sei es in einem Jäger-Gejagter-Verhältnis, in dem der Gepard immer schneller werden muss um mit den Fluchttieren mithalten zu können oder auf deren weiter entwickelte Sinne mit einer höheren Geschwindigkeit reagieren zu können.

(G2) Eine evolutionäre Erklärung eines biologischen Phänomens mit biologischer Funktion ist gut höchstens dann, wenn sie den resultierenden Einfluß einer Kombination erblicher Faktoren auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate in U zu t unter Einbeziehung des Einflußes der zu t konkurrierenden Spezies betrachtet.

Diese Struktur bildet (E1)-(E6) isomorph nach. Soweit ich sehen kann, kümmert sich leider kein biologistisch veranlagter Männerrechtler um solche Gütekriterien.

Das mag daran liegen, dass Elmar die Blogbeiträge dazu eh nicht liest. Denn natürlich wird der Einfluss konkurrierender Spezies und sogar der Einfluss innerhalb der Spezies in der Evolutionsbiologie berücksichtigt. Allerdings wurde eben innerhalb der Menschheit aufgrund seiner hohen Intelligenz und der Entwicklung von Waffen die konkurrierende Spezies immer unwichtiger:  Die wichtigste Konkurrenz für den Menschen war der Mensch selbst. Dennoch gab es natürlich einen erheblichen Einfluss von intrasexueller und intersexueller Konkurrenz und Selektion. Hier werden diese Vorgänge durchaus berücksichtigt.

Übersicht: Biologische Begründungen zu Geschlechterunterschieden

Ich hatte hier schon einmal die Liste von Steven Pinker aus „The Blank Slate“ für verschiedene Belege für Geschlechterunterschiede zitiert.

Inzwischen hat sich aber auch hier einiges angesammelt, was ich mal kurz etwas geordneter zusammenstellen möchte:

1. Grundlegendes

2. Bestimmte biologische Fallgruppen:

3. Gründe, die gegen rein soziale Begründungen von Geschlechterunterschieden sprechen:

4. Bestimmte Eigenschaften:

5. Homosexualität:

Das waren gerade die, die mir bei einigem Suchen aufgefallen sind. Wer was zu ergänzen hat, ich würde mich über einen Hinweis in den Kommentaren freuen.

Neue Verfahren zur Feststellung von Unterschieden im Gehirn von Männern und Frauen

Eine Studie in der Zeitung NeuroImage stellt Gehirnscans mit neuen Verfahren dar, die die Unterschiede zwischen Männern und Frauen untersuchen:

The female brain contains a larger proportion of gray matter tissue, while the male brain comprises more white matter. Findings like these have sparked increasing interest in studying dimorphism of the human brain: the general effect of gender on aspects of brain architecture. To date, the vast majority of imaging studies is based on unimodal MR images and typically limited to a small set of either gray or white matter regions-of-interest. The morphological content of magnetic resonance (MR) images, however, strongly depends on the underlying contrast mechanism. Consequently, in order to fully capture gender-specific morphological differences in distinct brain tissues, it might prove crucial to consider multiple imaging modalities simultaneously. This study introduces a novel approach to perform such multimodal classification incorporating the relative strengths of each modality-specific physical aperture to tissue properties. To illustrate our approach, we analyzed multimodal MR images (T1-, T2-, and diffusion-weighted) from 121 subjects (67 females) using a linear support vector machine with a mass-univariate feature selection procedure. We demonstrate that the combination of different imaging modalities yields a significantly higher balanced classification accuracy (96%) than any one modality by itself (83%–88%). Our results do not only confirm previous morphometric findings; crucially, they also shed new light on the most discriminative features in gray-matter volume and microstructure in cortical and subcortical areas. Specifically, we find that gender disparities are primarily distributed along brain networks thought to be involved in social cognition, reward-based learning, decision-making, and visual-spatial skills.

Quelle: Decoding gender dimorphism of the human brain using multimodal anatomical and diffusion MRI data

Aus der Studie:

The gray matter segments of the T1-weighted images included in the multimodal approach revealed a marked anterior–posterior gradient in classifier weights (Fig. 4) in conjunction with a remarkable lateralization in cortical regions (Fig. 5). In contrast, subcortical disparities were distributed rather bilaterally. Strikingly, the anterior–posterior gradient is dominated by differences in the frontal lobe. There were virtually no disparities in postcentral parts of the brain with the exception of TPJ and pSTS. Interestingly, Allen et al. (2003) already described the occipital lobe as the least sexually dimorphic region since they found no significant difference in gray matter volumes in females and males. They argue that most of this brain region has relatively low levels of sex steroid receptors (Goldstein et al., 2001). By contrast, disparities in the frontal lobe were found in all aspects of prefrontal areas, i.e., in the medial, lateral as well as orbital parts. Based on sex steroid receptor density, Goldstein et al. (2001) predicted that the prefrontal regions as well as the parietal cortices should exhibit a high degree of sexual dimorphism. Our findings with respect to contributing brain networks might be suggestive of sex differences in terms of social cognition, reward-based learning, decision-making, and visual-spatial skills. The effects observed within the right and left nuclei caudate also corroborate previous observations (Giedd et al., 1996; Good et al., 2001; Luders et al., 2009). Interestingly though, while previous studies have primarily reported proportionately more gray matter in women rather than in men (reviewed in Luders and Toga, 2010), our approach also allowed us to identify regions that seem indicative of the opposite effect. More specifically, although receiving lower weights on average (Fig. 5), we detected several regions that showed relatively more gray matter in male than in female brains. These regions included the right anterior insular cortex, the right lateral as well as the left OFC (Figs. 2 and 4), and the right pSTS (Fig. 2). Relatively higher FA values in men as compared to women were found in the left entorhinal cortex (Fig. 3), indicating differences in cortical microstructure. It has long been known that efferent fibers exiting the piriform lobe primarily target the mOFC, the lOFC as well as the hippocampus. We found all of these regions to differ between women and men.

Es wurden also anscheinend gerade in den Gebieten, die eine hohe Steroidrezeptorendichte aufwiesen, Geschlechterunterschiede gefunden. Was genau das ist, was durch die Theorie, dass Geschlechtsunterschiede durch bestimmte Hormone verursacht werden, vorhergesagt wird. Es wäre auch wenig verständlich, dass wir entsprechende Rezeptoren in unserem Gehirn haben, diese dann aber nicht auf die Hormone reagieren. Und diese sind eben bei Männern und Frauen in verschiedenen Dosierungen vorhanden.

Zu den Unterschieden im Gehirn hatte ich hier auch schon etwas geschrieben:

Die Methoden zur Erkennung der Gehirnstrukturen werden immer mehr verbessert werden. Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) hat sicherlich ihre Schwächen, aber die Methode wird immer weiter korrigiert. Es werden sich damit auch immer mehr Belege für Geschlechterunterschiede finden.

„(Evolutionäre) Anpassung gibt es nicht für die Zukunft“

Leser David und Hottehü hatten folgenden Dialog in den Kommentaren:

“Warum sollte nicht ein Geschlecht besser an eine bestimmte zukünftige Umweltveränderung angepasst/ihr zugeneigt sein, noch dazu wenn dieses Geschlecht die Entwicklung hauptsächlich selbst hervorgebracht hat?”

die frage ist unsinn. anpassung gibts es nicht für die zukunft.

Das ist ein häufiges Argument, so dass sich ein Artikel dazu lohnt.

1. Gibt es gezielte evolutionäre Anpassung an die Zukunft

Die Antwort ist simpel: Natürlich nicht.

Evolution hat kein Ziel und kann daher nicht ein zukünftiges Ziel ansteuern. Sie arbeitet über Mutation und Selektion und Selektion kann nur anhand der gegenwärtigen Zustände erfolgen.

2. Kann eine evolutionäre Anpassung zu Vorteilen in anderen Umständen führen?

Auch hier ist die Antwort simpel: Ja, sie kann

Eine evolutionäre Anpassung an eine bestimmte Situation kann dazu führen, dass man diese dort genutzten Eigenschaften auch in einer anderen Situation gut verwerten kann.

Weil Delphine Gruppentiere sind, die eine gewisse Lernfähigkeit entwickelt haben, können sie auch Techniken lernen wie für Futter durch einen Reifen zu springen.

Weil Hunde Rudeltiere sind, die einem Alphatier folgen und einen fein entwickelten Geruchssinn haben um Beute aufzuspüren, können sie auf das Finden von Drogen abgerichtet werden. Ihre Eigenschaften sind nicht evolviert, um Drogen zu finden, sie ist aber für diese Tätigkeit nützlich.

Wer ein besseres räumliches Denken entwickelt, um Wurfbahnen zu berechnen und sich besser zu orientieren, der kann besser in bestimmten anderen Fähigkeiten sein, die ebenfalls diese Anforderungen an das Gehirn stellen und das kann dann ein gewisses Technikverständnis oder Mathematik sein.

Natürlich ist hier – wie so häufig bei der Evolution – ein gewisses Glück erforderlich. Wenn bestimmte Eigenschaften, die aus anderen Gründen nützlich wären, uns nicht ebenfalls zur höheren Mathematik befähigt hätten, dann könnten wir sie eben nicht verstehen. Die Zeit für eine eigene evolutionäre Anpassung und der Selektionsvorteil über die gesamte Menschheit, höhere Mathematik zu beherrschen dürfte dafür zu klein gewesen sein.

Wobei hier vielleicht auch viele Wege zum Erfolg führen können. Würden Fledermäuse intelligenter werden, dann würden sich vielleicht nützliche Anwendungen für ihr Radarsystem und die „Zielauswertung“ mit der die Radarimpulse verarbeitet werden, ergeben. Vielleicht würde ihnen dieser Zielcomputer helfen, noch viel komplexere Denkvorgänge durchzuführen oder solche, die wir nicht begreifen.

3. Motivation muss nicht auf einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Technik bezogen sein

Diese Punkte betreffen bestimmte Eigenschaften, die nicht zu ihrem evolutionären Zweck eingesetzt werden. Gerade im Bereich von Interesse und Motivation ist jedoch häufig das Objekt, auf das sich diese Motivation oder dieses Interesse richtet, relativ egal.

Wer einen inneren Wunsch hat zu verstehen, wie bestimmte Sachen funktionieren, der wird sich mit der Verbindung einer Steinaxtklinge mit dem Schaft genauso auseinander setzen wie mit einer komplexen Maschine. Der Wunsch, solche Sachen zu verstehen, wird sich vielleicht an Werkzeugen entwickelt haben, die in der Steinzeit wichtig waren, etwa der Frage, wie ein Feuerstein absplittert oder wie man eine perfekte Klinge aus ihm herausschlägt. Aber ein solches Interesse für Vorgänge lässt sich als geistiges Rätsel auf heutige technische Geräte übertragen. In dem Interesse geht es ja gerade darum, dass man sich dafür interessiert, wie etwas funktioniert, die Evolution ist nicht darauf ausgerichtet, dass man einen ganz bestimmten Gegenstand oder Elektronik an sich versteht.

Und auch eine Vorliebe für Tätigkeiten mit Leuten oder eine Vorliebe für positive Reaktionen von Leuten, denen man hilft, lässt sich problemlos in die heutige Zeit übertragen und kann gleichzeitig dazu führen, dass ein geringes Interesse daran besteht, dass man sich mit „Nichtpersonenbezogenen Jobs“ beschäftigen möchte.

Wie kann man intersexuelle genetische Selektionskonfikte zwischen den Geschlechtern lösen?

Männchen und Weibchen mögen zu einer Spezies gehören, auf der Ebene der Gene sind sie aber in gewisser Weise Konkurrenten.

Der Konflikt verläuft im Wesentlichen so:

Mutation und Selektion verläuft letztendlich auf der Ebene der Gene. Die Gene, die im Zusammenspiel mit anderen Genen die Fortpflanzungsvehikel bauen, die ihre Gene effektiv und dauerhaft weitergeben, reichern sich im Genpool an. Die Gene, denen das nicht gelingt, reichern sich nicht an und werden evtl sogar aussortiert.

Dabei gibt es keine Gruppenselektion und kein übergeordnetes Wohl der Art oder Fairness, sondern schlicht egoistische Gene, die nur scheinbar eine gewisse Fairness ausfweisen, wenn dies der beste Weg ist, in die nächsten Generationen zu gelangen. Dabei ist es zunächst erst einmal ungewiss, ob ein Gen die nächste Generation in dem Körper eines Weibchens oder dem Körper eines Männchens steckt. Spezialisiert es sich auf ein Geschlecht kann es besser abschneiden, wenn es in diesem steckt, aber schlechter, wenn es in dem anderen steckt. Spezialisiert es sich nicht, dann kann das Optimum für beide Geschlechter nicht unbedingt erreicht werden. Ein anderer Weg wäre die Aufspaltung und die Umsetzung verschiedener Lösungswege, die jedoch genetisch aufwendiger ist.

Eine gute Grafik dazu findet sich in dem Artikel „Sexually Antagonistic Selection, Sexual Dimorphism, and the Resolution of Intralocus Sexual Conflict“ (PDF)

Auf dem Bild sieht man die verschiedenen Möglichkeiten noch einmal dargestellt.

Hier wird auch deutlich, warum einige Unterschiede bei menschlichen Männer und Frauen verschieden stark ausgeprägt sind: Je nach Stärke des Selektionsdrucks und der Lösung zur Differenzierung, die sich durchgesetzt hat, kommt es zu einer starken Ausprägung von Unterschieden oder eher einer schwachen.

Der Vorgang der antagonistischen Selektion ist auch noch einmal in der Wikipedia dargestellt:

Merkmale, die zum reproduktiven Erfolg durch sexuelle Selektion führen, sind meist ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt. Der Selektionsdruck auf das jeweilige Geschlecht kann in unterschiedliche Richtung wirken, s. d. es kein gemeinsames Optimum für beide Geschlechter gibt. Dieses Phänomen wird „sexuell antagonistische Selektion“ genannt, führt tendenziell zu einer Erhöhung der genetischen Variabilität und ist dafür möglicherweise einer der wichtigsten Faktoren.[70][71]

Empirische Belege für das Wirken sexuell antagonistischer Selektion wurden bei einer Reihe von Arten festgestellt, wie z. B. bei Taufliegen[72] oder beim Rothirsch.[73] Beim Rothirsch wurde z. B. gezeigt, dass Töchter von reproduktiv besonders erfolgreichen Vätern einen geringeren Fortpflanzungserfolg besaßen als es dem Durchschnitt entspricht. Dieser Befund ist gleichzeitig ein schwerwiegendes Problem für Hypothesen, wie z. B. die Handicap-Hypothese, die einen größeren Erfolg für den Nachwuchs beider Geschlechts vorhersagt. Nach dem Modell sollten sich mutierte Allele mit Vorteil ausschließlich im männlichen Geschlecht auf dem X-Chromosom anreichern, weil sie hier beim Männchen Wirkung zeigen können, während ihre Wirkung beim Weibchen im heterozygoten Fall durch das Allel auf dem zweiten DNA-Strang gemindert sein kann. Diese Vorhersage konnte bei der Taufliege bestätigt werden.[74]

Sexuell antagonistische Selektion kann zu einem „Wettrüsten“ zwischen den Geschlechtern führen. Diese „sexuell antagonistische Koevolution“ wurde z. B. bei den Samenkäfern gezeigt.[75] Bei den Männchen vieler Arten weist der Aedeagus Dornen auf, die das Weibchen bei der Kopulation verletzen können. Die Weibchen reagieren mit einer Verstärkung des Genitaltrakts.

Da Lebewesen nicht per se als Gruppe mutieren, sondern immer nur Einzellebewesen, sind nach den gleichen Prinzipien auch Lösungen zugunsten eines Geschlechts möglich, beispielsweise, indem die Gene auf ein Geschlecht hin optimiert werden und beim anderen Geschlecht nachteile hingenommen werden. Diese Variante kann sich allerdings nur halten, wenn die Vorteile beim einen Geschlecht die Nachteile beim anderen Geschlecht aufwiegen und daher bei dem einen Geschlecht die geringere Nachkommenszahl durch eine höhere Nachkommenszahl beim anderen Geschlecht ausgeglichen wird.

Entwicklung der Unterschiede zwischen den Geschlechter im Rahmen der Evolution

In einer Diskussion mit Joachim auf seinem Blog Quantenmeinung in dem Artikel „Gender sells“ führte dieser an, dass Männer sich nicht ohne Frauen fortpflanzen können und Frauen nicht ohne Männer. Das wiederum sollte zu Schwierigkeiten bei einer abweichenden Selektion führen.

Johannes fasst es wie folgt:

Man sollte bei den evolutionären Erklärungen nicht vergessen, dass Frauen und Männer sich nicht unabhängig voneinander vermehren können. Die Entwicklung sexueller Unterschiede basiert nicht auf voneinander unabhängigen Selektionsmechanismen. Man muss also bei kognitiven Fähigkeiten, nicht nur begründen, warum sie für ein Geschlecht vorteilhafter sind als für das andere. Erklärungsbedürftig ist auch, warum eine Geschlechterdifferenz für die Art insgesamt vorteilhaft ist. Das ist bei Fähigkeiten, die nicht direkt der Fortpflanzung dienen, schwer begründbar.

Allerdings ist es nur ein Scheinwiderspruch, der sich leicht auflösen lässt, wenn man sich die diesbezüglichen Theorien vor Augen führt.

 Zunächst erst einmal muss man sich bewußt machen, wie Unterschiede bei Mann und Frau genetisch hinterlegt sind. Dabei geht die Theorie von zwei groben Unterschieden aus:

  •  Ein Teil der Unterschiede ist im Y-Chromosom vorhanden, dass immer nur der Vater weiter gibt. Dieses ist allerdings vergleichsweise klein und enthält lediglich ein paar Basisinformationen, darunter die Wachstumsanleitung für die männlichen Hoden.
  • Des weiteren sind in den Genen von Männern und Frauen Wachstumsanleitungen enthalten, die spezifisches auf das Geschlecht ausgerichtete Wachstumsvorgaben enthalten. Die Information, welche Anweisung ausgeführt wird, wird dabei zB über Hormone gegeben. ich hatte das schon einmal in dem Artikel „Wachstum, Hoxgene und hormonelle Steuerung“ ausgeführt.  Da die Hormone wiederum danach differenziert werden, ob der Fötus Hoden hat oder nicht (üblicherweise), ergeben sich darauf Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Wie kann sich hieraus nun eine verschiedene Selektion ergeben?

Ein einfaches Beispiel sind Muskeln. Muskeln haben Vorteile, nämlich eine erhöhte Kraft, die man bei verschiedenen Täigkeiten vom Jagen über das Schleppen von Lasten oder beim Kampf verwenden kann. Sie haben aber auch Nachteile in Gestalt hoher Unterhaltskosten. Mehr Muskeln bedeutet, dass man täglich mehr verbraucht, also auch mehr Nahrung benötigt. Ein Wesen wird demnach um so weniger Muskeln haben um so seltener es sie braucht. Frauen haben dabei als Säugetiere das Problem, dass sie während der Schwangerschaft von vorneherein wenig jagen oder kämpfen können. Männer haben das Problem, dass sie während der Evolution wie am Körper sichtbar einer starken intrasexuellen Konkurrenz ausgesetzt waren, die sich um Ressourcen, Frauen und Nahrung drehte. Sie hatten insofern einen höheren Nutzen von den Zusatzkosten durch die Muskeln. Eine Mutation, die dazu führt, dass sie mehr Muskeln als Frauen hatten, war damit für beide Vorteilhaft, weil die Frauen die Kosten sparten und die Männer die zusätzliche Kraft nutzen konnten.

Das kann sich auch bei zB geistigen Fähigkeiten ergeben. Denn auch hier ist zu berücksichtigen, dass diese nicht umsonst sind. Jeder Gehirnbereich, der vorgehalten wird, ohne genutzt zu werden, kostet Energie und Platz. Eine Lösung, nach der wichtige Eigenschaften, die ein Geschlecht nicht benötigt, das andere aber schon, nur bei dem Geschlecht ausgebaut werden, dass diese Eigenschaft benötigt, bietet einen selektiven Vorteil in diesem Bereich. Zudem erlaubt eine auf ein Geschlecht ausgelegte Vorformatierung eine auf die in der Arbeitsteilung zu erwartetenden Arbeiten abgestimmte Optimierung.

Ein Beispiel wäre das räumliche Denken. Dies dürfte sich nach den herrschenden Theorien aufgrund der Jagd und der intrasexuellen Konkurrenz unter Männern entwickelt haben. Dabei bietet ein besseres räumliches Denken mehrere Vorteile bei der Jagd:

  • Jagd erfordert es Spuren von Beute oder gejagte Beute zu verfolgen, wobei man zum einen einen größeren Radius abdeckt und zum anderen das Ziel weniger vorhersagen kann. Den Weg zurück zu finden erfordert dazu eine gute räumliche Orientierung. Deswegen haben die meisten Raubtiere einen besseren Orientierungssinn als Tiere, die nicht jagen.
  • Die Jagd mit Wurfwaffen erfordert die Berechnung des Wurfwinkels und der einzusetzenden Kraft. Dies evtl. abgestimmt auf die Bewegung des Tieres.
  • Der Kampf im intrasexuellen Bereich erforderte bei Wurfwaffen zum einen die bereits angesprochene Treffsicherheit wie bei derJagd. Zum anderen aber auch ein schnelles Einschätzen, wo ein sich auf einen zubewegender Speer landen würde: Würde er einen Treffen oder nicht und in welche Richtung sollte man ausweichen.

Die diesbezüglichen Eigenschaften waren demnach für einen Mann vorteilhaft.

Für eine Frau hingegen konnte es vorteilhaft sein, sie nicht zu haben:

  • Frauen waren durch Schwangerschaft und Stillen zunächst mehr in die Kinderbetreuung eingebunden. Sie hatten daher wesentlich weniger Handlungsspielraum, mussten mehr Rücksicht auf die von ihnen betreuten Kinder nehmen und konnten daher der jagd weit weniger nachgehen
  • Frauen sind aufgrund ihrer geringeren Oberkörperkraft von vorneherein bei einer Jagd mit Speeren und auch beim Kampf mit Speeren einem Mann weit unterlegen, so dass sich hier eine Arbeitsteilung angeboten hat.
  • Da sie weniger kämpften mussten sie auch weitaus weniger Speeren ausweichen. Überdies dürften Frauen im gebährfähigen Alter weitaus eher als lebenige Beute interessant gewesen sein als als Gegner, so dass auch aus diesem Gesichtspunkt eine schwächere Selektion in diesem Bereich wirkte.
  • Es kann sogar ein Vorteil sein, eine schlechtere Eigenschaft in diesem Bereich zu haben, weil es einen von vorneherein von der Pflicht befreit sie auszuüben. Aus dem selben Grund, aus dem der klischeehafte Mann, der nicht mehr abwaschen will, beim Abwaschen den Teller fallen läßt, lohnt sich eine Selektion der Gene hin zu einer Nichtjagd und Nichtkampfbasis, wenn man in diesen ohnehin meist den kürzeren ziehen würde und diese im Wege der Arbeitsteilung auf jemand anders verlagern kann. Wer eine Arbeit nicht durchführen kann, der wird auch nicht mit ihr betraut. Natürlich ist bei einem Genpool zu bedenken, dass es verschiedene Strategien gibt, die erfolgreich sein können, wobei sich bei einer Betrachtung über den Schnitt eine Tendenz der Hauptstrategie abzeichnet.
  • Die Frau spart die Energie für das Vorhalten der Gehirnstruktur für räumliches Denken und kann Platz und Energie in andere Bereiche investieren, die ihr mehr Nutzen bringen als das räumliche Denken.

Dabei ist noch ein wichtiger Grundsatz der Arbeitsteilung zu bedenken: Wer ein Produkt besonders gut/schnell herstellt, für den lohnt es sich meist eher, sich auf dieses Produkt zu konzentrieren und die anderen Produkte gegen den Gegenwert des eigenen Produktes zu tauschen, das ein anderer besser herstellen kann. Das macht eine Arbeitsteilung auch zwischen den Geschlechtern sehr effektiv und kann damit alles begünstigen, was die Geschlechter dazu bewegt, sich auf ihre Stärken zu besinnen und die jeweiligen Stärken des anderen Geschlechts zu nutzen

Zu Bedenken ist auch, dass es in der Evolution kein „Team Frau“ und kein „Team Mann“ gibt, die Aufpassen müssen, dass das andere Team nicht mächtigter wird. Es findet keine Gruppenselektion zwischen den Geschlechtern statt, sondern nur eine Selektion der einzelnen Gene, die sich in der nächsten Generation jeweils in einem Mann oder einer Frau wiederfinden können. Die Gene eines Mannes wurden demnach in vorherigen Generationen darauf selektiert, dass sie auch in einem Frauenkörper gut über die Runden kommen, was ebenfalls mit Sonderregelungen am einfachsten geht, die Gene einer Frau wurden demnach in den Generationen davor darauf selektiert, ebenfalls in einem Männerkörper zu überleben. Überleben bedeutet dabei Gene erfolgreich an die nächste Generation weitergeben zu können, denn Gene, die nicht in die nächste Generation gelangen (auch nicht über Verwandte) fallen automatisch aus dem Genpool.

Das bedeutet, dass eine Selektion darauf stattfindet, dass Gene weitergeben werden und nicht darauf, die übergeordneten Interessen eines Geschlechtes zu schützen. Eine Genzusammenstellung, die dafür sorgt, dass sie in einem Frauenkörper besonders hochwertige Männer an sich bindet, die mit ihr in einer Partnerschaft Energie in den Nachwuchs stecken, in einem Männerkörper aber dafür sorgt, dass er zum einen eine hochwertige Partnerin anzieht, in deren von ihm stammenden Nachwuchs er Energie stecken kann, zum anderen aber evtl noch seine Gene streut und die Weitergabe seiner Gene durch ein paar Bastarde absichert, in die er nicht gesondert investieren muss, verbreitet sich damit schnell im Genpool. Gene können damit in einer dualen Anlage sowohl „frauenfeindlich“ als auch „männerfeindlich“ sein, weil Evolution keine Moral kennt (wohl aber zu moralischen Wesen führen kann, wenn dies für die Weitergabe der Gene vorteilhaft ist). In beiden miteinander verwobenen „Wachstumsplänen“ geht es nur darum, die Gene unabhängig vom Geschlecht in die nächsten Generationen zu bringen. Das bedeutet nicht, dass dies gut ist, was ein naturalistischer Fehlschluss wäre. Aber es macht deutlich, dass Gruppeninteressen der Geschlechter insoweit keine Rolle spielen.

David Geary: Male, Female

David Geary ist mit „Male, Female“ ein herausragendes Buch gelungen.

David Geary stellt in seinem Buch „Male, Female“ die evolutionäre Entwicklung von Geschlechterunterschieden dar. Dabei geht er äußerst systematisch vor.

Eine kurze Übersicht über den Inhalt:

  • Erstes Kapitel: Eine kurze Einführung zum Thema und zur Vorgehensweise
  • Zweites Kapitel: Eine Darstellung der Gründe für die verschiedenen Geschlechter und die Mechanismen der natürlichen Selektion. Es werden die Gründe und Vorteile der sexuellen Reproduktion, die evolutionär wirksamen evolutionären Drücke, die Red Queen Theorie etc dargestellt
  • Drittes Kapitel: Es wird die sexuelle Selektion in ihren Gründzügen dargestellt. Dabei wird auf die verschiedenen Kosten des Sexes eingegangen und auf die darauf folgende Konkurrenz um gute Partner, sowohl durch intersexuelle Konkurrenz als auch durch intrasexuelle Konkurrenz. Es geht also um Partnerwahl und Monopolisierung von Partnern. Dabei erfolgt eine Darstellung über die verschiedenen Formen dieser Selektion.
    • üblicherweise werden Männer, gerade bei Säugetieren weniger in den Nachwuchs investieren, für sie lohnt es sich daher weitere Partner nach einer Befruchtung zu besorgen, was eine starke Konkurrenz um die Weibchen auslöst. Er stellt dar, dass die These, dass männliche Säugetiere stärker um Paarungspartner konkurrieren und weibliche Säugetiere üblicherweise wählerischer in ihrer Partnerwahl sind und mehr in die Versorgung des Nachwuchses investieren für die überwiegende Mehrzahl der Säugetiere bestätigt werden kann, geht dann aber auch auf die Tiere ein, bei denen dies nicht so ist, die ein „Sex-Role-Reversal“ durchführen und benennt die evolutionären Gründe und Besonderheiten dafür.
    • Er behandelt die Frage, nach welchen Kriterien die Partnerwahl erfolgt und wie dies mit „guten Genen“ zusammenhängt, gerade unter Berücksichtigung eines guten Immunsystems und allgemeiner Gesundheit. Er geht auf die Vererbbarkeit dieser Eigenschaften ein, auf costly Signaling und die Handicap-Theorie, auf Spermienkonkurrenz und Besonderheiten im weiblichen Reproduktionstrakt, die eine Befruchtung durch einen guten Partner wahrscheinlicher machen.
    • Er stellt zudem dar, dass auch der direkte Zugang zu den Weibchen oder die Kontrolle benötigter Ressourcen als Strategie gewählt wird, um die Fortpflanzung mit einer Bestenauslese im Wege der intrasexuellen Konkurrenz zu ermöglichen. Gleichzeitig stellt er auch dar, dass diese Strategien in einigen Spezien auch von Weibchen verwendet werden und führt die biologischen Gründe dafür an
    • Kurzum: David Geary ordnet die verschiedenen Möglichkeiten, Sexualität und Partnerwahl zu gestalten in Systeme ein, die gewissen Regeln folgen. Dabei erfolgt diese Einordnung ganz allgemein und ist nicht auf Menschen bezogen, sondern auf allerlei andere Lebewesen. Alle Konstellationen kommen vor, machen Sinn, man versteht, warum sie sich entwickeln konnten und warum gerade diese Spezies sich dazu entwickelt hat, diesen Weg zu verfolgen und nicht einen anderen. Und das faszinierende an diesem sich entwickelnden System ist, dass man bereits erahnt, wo sich der Mensch einordnen wird, man sieht die Argumente dafür bereits in dem System, man begreift, warum die Evolution hier bei einem bestimmten Ergebnis gelandet ist.
  • Im Vierten Kapitel baut David Geary sein entwickeltes System weiter aus und stellt nun dar, wie andere Faktoren, wie etwa die Lebenserwartung, in dieses System passen und wie die Lebenszyklen der Lebewesen ganz allgemein zu ihren Lebensumständen passen und sich an diesen ausrichten. Dabei erläutert er verschiedene Strategien, wie etwa auf eine Vielzahl von Nachkommen mit „geringer Qualität“ zu setzen bei kurzer Lebenszeit und bei langer Lebenszeit auf wenige Nachkommen mit „hoher Qualität“ (die durch hohe Betreuungskosten erkauft wird) zu setzen. Es wird dargestellt, welche Funktion die verschiedenen Lebensphasen haben, also etwa die Frage, ab wann ein Lebewesen Erwachsen wird und wie sich sexuelle Strategien darauf auswirken (zB indem bei starker intrasexueller Konkurrenz zwischen Männchen diese später erwachsen werden als die Weibchen, damit sie sich voll entwickeln können, bevor sie als Konkurrenz angesehen werden). Es wird dargestellt, wie und unter welchen Umständen sich Vaterschaft entwickeln kann, wie sich Geschlechterunterschiede auf körperliche Unterschiede, das Spielverhalten und das soziale Verhalten auswirken, alles aber nach wie vor abstrakt und unter Darstellung der verschiedenen Systeme im Tierreich und die Gründe dafür. Es wird auch auf das Wechselspiel zwischen den Genen und der Umgebung beim Aufwachsen eingegangen.
  • Im fünften Kapitel nährt sich David Geary dem eigentlichen Thema „Menschen und geschlechtliche Unterschiede“ langsam, in dem er die sexuelle Selektion bei Primaten und während der menschlichen Evolution darstellt.
    • Ein Hauptaspekt ist dabei „Male-Male-Competition“, also der Wettbewerb unter den Männchen um die Weibchen und die Auswirkungen weiblicher Partnerwahl. Dabei stellt er über die verschiedenen Primatenarten die dortige Vorgehensweise dar und erläutert, warum bei diesen soziale Dominanz so wichtig für die Fortpflanzung ist. Es geht dabei insbesondere darum, dass Männchen versuchen, den Zugang anderer Männer zu den Weibchen durch Drohungen und Gewalt einzuschränken. Dabei ist die Entwicklung einer Dominanzhierachie oft hilfreich. Er verweist darauf, dass DNA-Proben nachgewiesen haben, dass dominante Primatenmännchen mehr Nachkommen haben, wenn auch nicht immer so viele, wie es nach ihrem Platz in der Hierarchie der Fall sein müsste. Er stellt dar, dass Schimpansen auch als Gruppe mit anderen, benachbarten Schimpanzengruppen konkurrieren und in Kämpfen Schimpansen der anderen Gruppe, gerade wenn sie von dieser isoliert sind, töten. Diese Konkurrenz unter den Gruppen erlaubt der siegreichen Gruppe ihre Territorium zu vergrößern und mehr Ressourcen zu erlangen, was dann auch den Frauen der Gruppe zugute kommt. Es werden dann einige Aspekte der weiblichen Partnerwahl bei Schimpansen besprochen, ebenso wie female-female-Kompetition und männliche Partnerwahl, beispielsweise indem dargestellt wird, warum männliche Schimpansen ältere Schimpansinnen sehr jungen vorziehen (weil diese besser in der Kinderbetreuung sind und Schimpansen keine langfristige Bindung eingehen).
    • Von den Betrachtungen der Primaten und nach Darlegung der dort herrschenden Grundlagen, die mit den allgemeinen Strategien aus den vorherigen Kapiteln abgeglichen und in Verbindung gebracht werden, geht es dann zu unseren Vorfahren der Menschen. Es wird dargestellt, was an Fossilien vorhanden ist, was man über Männer und Frauen aus diesen ablesen kann und welche Schlußfolgerungen daraus gezogen werden können. Beispielsweise wird dargestellt, dass bei unseren Vorfahren vor etwa 4 Millionen Jahren die Männer noch deutlich größer waren als die Frauen, was auf polygny und starke Konkurrenz unter Männern (male-male-competition) hindeutet. Die Unterschiede sind aber mit der Zeit, auch wenn sie heute noch existieren, zurückgegangen. Die Fossilien und die dort zu erkennenden Unterschiede werden dann in die bei den Primaten entdeckten Schemata eingeordnet. Dabei kommt David Geary zu der These, dass die Vorfahren, gerade australopithecine Vorfahren, im Verhalten eher den Gorillas ähnelten als unseren näheren Verwandten, den Schimpansen und Bonobos. Es werden dann die Auswirkungen dieser Theorien auf das Verständnis der evolutionären Geschichte der Fortpflanzungsstrategien der Menschen dargestellt.
  • Im sechsten Kapitel stellt David Geary die Evolution der Vaterschaft dar. Er verweist noch einmal darauf, dass die Übernahme der Kindesbetreuung und Versorgung durch das Männchen im Tierreich sehr selten ist und auch bei den Primaten selten. Schimpansen und Bonobos beispielsweise kümmern sich nicht viel um den Nachwuchs. Er vertieft hier seine Theorie, das wir bezüglich dieser Theorien näher am Gorilla sind. Es werden die Kosten und Vorteile der Vaterschaft dargestellt, auch in Bezug auf die Gefahr in fremden Nachwuchs zu investieren. Es wird dann dargestellt, wie die Vaterschaft über die menschlichen Kulturen hinweg ausgeübt wird und das übergreifend und im Schnitt betrachtet Frauen üblicherweise mehr in die Elternschaft investieren als Männer. Es werden die Faktoren betrachtet unter denen sich eine Investition des Vaters lohnt und die Mechanismen, die dabei beim Menschen bestehen, über die Genetik, die Hormone, die Qualität der Beziehung zu dem Partner und zu kulturellen Unterschieden, mit denen mit dieser Interessenlage umgegangen wird.
  • Im siebten Kapitel geht es um die Partnerwahl beim Menschen. Es werden verschiedene Wahlsysteme dargestellt, insbesondere auch die Partnerwahl durch die Eltern des Paares. Es werden die Auswahlkriterien der Männer und Frauen besprochen, zB in Verweis auf D. M. Buss (vgl auch Männer finden körperliche Schönheit attraktiv, Frauen finden sozialen Status attraktiv). Er stellt dar, dass Männer bei Frauen Aussehen höher bewerten, Frauen hingegen Einkommen. Es werden die verschiedenen Vorlieben mit den dahinter stehenden biologischen Strategien abgeglichen und diese mit den Partnerwahlkriterien und Strategien aus den ersten Kapiteln verglichen.
  • Im achten Kapitel geht es um die Konkurrenz um Partner. Hier stellt David Geary dar, dass Darwin insbesondere die Konkurrenz der Männchen um die Weibchen behandelt hat, weil diese im Tierreich häufiger ist, bei Menschen aber eine besondere Lage aufgrund der aktiven Vaterschaft besteht. Um so mehr Männer in den Nachwuchs zu investieren bereit sind um so eher konkurrieren auch die Frauen um die Männer. Es wird dann ein Kulturvergleich bezüglich des Konkurrenzkampfes um Frauen durch die Männer vorgenommen. Dabei wird dargestellt, dass der Konkurrenzkampf insbesondere über kulturellen Erfolg geführt wird. Männer in allen Kulturen sind hoch motiviert einen hohen sozialen Status zu erlangen und sich die in der Kultur als wertvoll angesehenen Ressourcen zu verschaffen. Das sind insbesondere die Ressourcen, die benötigt werden, um ein Überleben zu unterstützen und um interessante Paarungspartner anzuziehen. Dabei ist es kulturell bedingt, ob dies eine Kuhherde oder ein modernes Arbeitseinkommen ist. Frauen bevorzugen im Gegenzug kulturell erfolgreiche Männer als Partner, diese Männer haben daher mehr „reproduktive Optionen“. Dabei verweist David Geary aber auch darauf, dass dieses Streben nach kulturellen Erfolg nicht nur unter Berücksichtung tatsächlicher weiblicher Wahl, sondern auch unabhängig davon. Diese bei den Menschen vorgefundenen Verhaltensweisen werden dann wieder in die vorher im Tierreich erarbeiteten Theorien eingebettet und mit den Theorien zu unser evolutionären Entwicklung sowie mit der Forschung zu Geschlechtshormonen, Risikobereitschaft und genetischen Erwägungen abgeglichen.
    Dann folgt eine Betrachtung der weiblichen Konkurrenz untereinander um gute Männer.  Dabei wird Schönheit und die kulturelle Betonung von Schönheitsmerkmalen sowie die Abwertung der Schönheit anderer Frauen als Strategie angeführt. Ebenso wird dargestellt, dass Frauen soziale Informationen über Konkurrentinnen manipulieren und auch andere Wege nutzen um Konkurrentinnen von potentiellen Partnern fernzuhalten oder deren Freundschaft mit anderen Frauen zu behindern. Es wird auch dargestellt, dass gerade in Gesellschaften die auf Monogamie aufbauen, Frauen ebenfalls um kulturelle Ressourcen konkurrieren, wenn auch nicht so deutlich wie Männer.
  • Im neunten Kapitel wird die Evolution und die Entwicklung des menschlichen Gehirns dargestellt. Dabei wird davon ausgegangen, dass Männer und Frauen aufgrund ihrer verschiedenen evolutionären Interessen und Partnerwahlstrategien auch verschiedene Interessen daran haben, ihre Umgebung zu gestalten um diese effektiv kontrollieren zu können. Die dahinter stehenden Motive werden auf die Geschlechterunterschiede in der elterlichen Investition und bei den Kosten und Vorzügen der sexuellen Konkurrenz zurückgeführt. Aufgrund dieser haben Männer und Frauen im Schnitt andere soziale und politische Vorstellungen. Frauen hätten nach seiner Vorstellung eher eine Vorliebe für die gleiche Verteilung von sozialen Ressourcen und eine größere Investition in Kinder (zB über geförderte Kindergartenpläzte), während Männer eher eine Politik unterstützen würden, die auf eine Dominanz ihrer Gruppe ausgerichtet ist. Es wird dargestellt, dass der Wunsch von Männern, mehr sexuelle Partner zu haben als Frauen dies wollen, sich auch in von ihnen gewählten sozialen Strategien niederschlägt. Ebenso wirkt sich die Konkurrenz darauf aus, inwieweit über emotionale Gesichtsausdrücke Emotionen mitgeteilt werden und inwiefern diese verborgen werden. Männer verbergen dabei ihre Emotionen üblicherweise mehr.
  • Das zehnte Kapitel stellt die Geschlechterunterschiede in der Kindheit und beim Spielen dar. Ausgehend von der in vorherigen Kapitel dargestellten These, dass die Kindheit dazu dient, dass Lebewesen auf sein Erwachsensein und die diesbezüglichen Anforderungen vorzubereiten. Dabei wird dargestellt, dass viele der körperlichen Unterschiede, die sich im Laufe des Erwachsenwerdens zeigen, in einem direkten Zusammenhang mit der Konkurrenz unter Männern (male-male-Competition) stehen. Dabei wird auch ein interessanter Aspekt betrachtet, nämlich die Auswirkung von Fernkampfwaffen (zB Wurfspeer) auf die Evolution des Menschen. Diese erfordert zB kräftige Brustmuskulatur, die bei Frauen gerade nicht entwickelt ist. Damit einher geht dann die Fähigkeit die Flugbahn von Speeren zu berechnen etc. Es wird dargestellt, dass die Geschlechterunterschiede am Anfang oft geringer sind und dann mit fortschreitendem Alter größer werden. Es wird dargestellt, welche Form des Spiels für Mädchen und Jungen typisch ist und wie dies mit der Vorbereitung auf das Erwachsenenalter zusammenhängt. Unterschiede sind dabei beispielsweise das Spielen mit Kampfsituationen, das Betreuen von Kindern, die Erkundung der Umgebung, das Spielen mit Objekten und Werkzeugnutzung. Jungen, die später innerhalb der Male-Male-Competition überleben müssen, sollten dann eben eine Vorliebe für „rough and tumble-Play“, also für Toben und Raufen haben, weil sie Jäger werden auch eher die Gegend erkunden können und Werkzeuge und Waffen erstellen wollen. Mädchen müssten hingegen eine Vorliebe für spielerische Kinderbetreuung und soziale Situationen haben, um so ihr Erwachsenenleben (in der Steinzeit) meistern zu können.
  • Im Kapitel Elf geht es immer noch um das Erwachsenwerden, allerdings steht diesmal die soziale Entwicklung der Mädchen und Jungen im Vordergrund. Dabei stellt David Geray dar, dass Mädchen und Jungen etwa ab 3 Jahren ihre Gruppen nach Geschlechtern trennen. Die sozialen Aktivitäten untereinander werden in einen evolutionären Rahmen eingebettet und es wird aufgezeigt, wie sich die Geschlechterunterschiede zu den reproduktiven Strategien verhalten, die in früheren Kapiteln dargestellt werden. Es werden die verschiedenen Wege beleuchtet, nach denen Männer und Frauen soziale Netzwerke bilden (vgl hier für Männer) und dies in einen Zusammenhang mit intrasexueller Konkurrenz gebracht. Dann wird noch auf die kulturelle Unterschiede und die sozialen Anteile an Unterschieden eingegangen.
  • Im zwölften Kapitel wird auf psychologische Geschlechterunterschiede eingegangen. Dabei werden Geschlechterunterschiede im Gehirn und in den geistigen Fähigkeiten besprochen und die Verbindung zu den Geschlechterunterschieden in der Wahl der Paarungspartner und dem Kampf um Parungspartner dargestellt. Es werden Unterschiede in der Gehirngröße und Gehirnorganisation besprochen, sowie die Auswirkung pränataler und postnataler Hormone. Ebenso wird auf die unterschiedliche Expression bestimmter Gene bei den Geschlechtern eingegangen. Dabei geht es weniger um die evolutionäre Erklärung als um die Darstellung vieler Unterschiede. Allerdings werden auch mögliche Ursachen angesprochen und eine Einordnung in die verschiedenen bereits dargelegten Systeme vorgenommen. Es wird ebenso behandelt, inwieweit Geschlechterunterschiede bei der Verarbeitung sozialer Informationen und dem Verstehen anderer Leute bestehen. Beispielsweise führt er an, dass Mädchen und Frauen, die mit Rivalen des gleichen Geschlechts konkurrieren, dies meist auf einer nicht physischen Ebene tun, sondern auf einer Beziehungseben – über Gerüchte, Tratsch, Abwertung von Konkurrentinnen etc und daher auch die entsprechenden gehirnbezogenen und kognitiven Systeme entwickelt haben um innerhalb diese beziehungsbezogene Aggressivität konkurrieren zu können. Männer hingegen haben, da Auseinandersetzungen eher auf einer körperlichen Eben abliefen, mehr Muskeln entwickelt. Für andere Bereiche werden entsprechende Betrachtungen vorgenommen
  • Im dreizehnten Kapitel geht es dann um Unterschiede in biologischen und physikalischen Fähigkeiten. Dabei geht es bei biologischen Fähigkeiten um das intuitive Verständnis von Pflanzen und Tieren. Die bestehenden Studien über traditionelle Kulturen legen dabei nahe, dass Frauen ein größeres Wissen über Pflanzen und Männer über Tiere haben. Allerdings bleibt die Frage offen, ob es sich hierbei um Gebiete handelt, in denen die Geschlechter aufgrund evolutionärer Vorgänge in dem jeweiligen Gebiet schneller lernen oder ob dies an kulturellen Gegebenheiten liegt. Bezüglich des intuitiven Verständnis physikalischer Vorgänge geht es darum, inwieweit das Gehirn kognitive Fähigkeiten, die Personen gestatten, auf Objekte in der realen Welt zu reagieren, entwickelt hat, sich Gegebenheiten räumlich vorzustellen und Objekte als Werkzeug zu benutzen. Die dabei auftretenden Geschlechterunterschiede werden besprochen und dabei auch auf den Einfluss pränataler und postnataler Hormone eingegangen. Dabei wird beispielsweise dargestellt, dass ein intensiver körperlich geführter Wettkampf unter Männer mit Wurfwaffen und auch die Jagd dazu geführt haben könnte, dass Männer Objekte mit Wurfwaffen besser treffen, aber auch besser einschätzen können, ob Objekte sie treffen und die Objekte besser Abwehren oder ihnen Ausweichen können (der Selektionsvorteil ist recht einsichtig). Diese Fähigkeit verbessert das Drehen von Objekten im Raum und andere Fähigkeiten im räumlichen Denken. Frauen hingegen haben Vorteile dabei, sich die Lage von Objekten zu merken, was auf das Sammeln von Nahrung durch Frauen zurückzuführen sein könnte. Auch insoweit werden Zusammenhänge mit pränatalen und postnatalen Testosteron untersucht.

Die Stärke des Buches liegt insbesondere in der Darstellung der sexuellen Selektion, insbesondere der intrasexuellen Selektion. Deren Bedeutung hatte ich mir vor dem Lesen diese Buches nicht so bewusst gemacht, ich hatte eher auf die intersexuelle Selektion abgestellt. Eine weitere Stärke ist die langsame und gründliche Entwicklung der Standpunkte, angefangen bei allgemeinen Unterschieden im Tierreich und den Gründen dafür, der Einordnung über die Primaten, die Frühmenschen und schließlich der Vergleich mit dem modernen Menschen. Dabei werden alle Betrachtungen mit reichhaltig zitierten Studien belegt und gut aufgearbeitet.

Für den Bereich der intrasexuellen Konkurrenz ist das Buch genial. Andere Aspekte hätte ich gerne in er Kombination noch etwas länger ausgeführt gehabt, aber es ist eher ein geringer Abstrich, dass Buch ist uneingeschränkt empfehlenswert und ein Muss für jeden, der sich mit dem Thema „Geschlecht“ auseinandersetzen will.