„Prüfe deine Privilegien“

In einem Artikel regt sich eine „konservative Feministin“ über die Irrwege des Genderfeminismus auf:

There has been lots of debate about Conservative feminism but I want to talk about the way that most of the modern feminist movement, at least online, appears to be wasting most of its time in frenzied internal debate about absolutely nothing, and in the process, solving absolutely nothing. It has come to be alien to the vast majority of women, who do not self-identify as feminists, and yet who, if asked, would support feminist goals.

Das finde ich keine schlechte Beobachtung. Die meisten Frauen können denke ich in der Tat viele Streitigkeiten aus dem radikalen Feminismus nicht mehr nachvollziehen, weder bezüglich des Feindbildes Mann noch bezüglich inzenierten Kleinfamilien als Sexismus

Dann kommt sie zur Privilegientheorie:

„Intersectional bollocks,“ in other words. „Check your privilege.“ „Cis“. „Are white middle class stories the only ones worth telling?“ and so on and so forth. Notable from their absence from these debates about terminology and frame of reference are male feminists; at some point even the most leftwing and right-on guy just tunes out. We have the unfruitful spectacle of some of the most leftwing commentators in Britain wondering if they are being leftwing enough, or if their background even gives them the right to make an argument. „Check your privilege“, for example, is a profoundly stupid trope that states that only those with personal experience of something should comment, or that if a person is making an argument, they should immediately give way if their view is contradicted by somebody with a different life story. It is hard to imagine a more dishonest intellectual position than „check your privilege“, yet daily I see intelligent women who should know better embracing it.

Auch da hat sie in vielen Punkten recht. Die Privilegientheorie ist wenig ergiebig, was ja hier auch schon häufiger kritisiert wurde

Es ist eben einfach falsch, dass ein Mensch aus einer bestimmte Gruppe ein Problem, welches in dieser Gruppe häufiger auftritt, grundsätzlich besser erkennen kann.Es blendet aus, dass diese Gruppen aus Einzelpersonen und ihren Erfahrungen bestehen und verklärt sie zu einem einheitlichen Blog der eine bestimmte einheitliche Meinung hat, was falsch und was richtig ist.

And that is what the modern feminist movement has become. Full of intersectionality, debates about middle-class privilege, hand-wringing over a good education (this is again „privilege“ and not well-deserved success), and otherwise intelligent women backing out of debates and sitting around frenziedly checking their privilege.

It does nothing. It accomplishes nothing. It changes nothing.

Richtiger wäre, dass es nur innerhalb der Gruppe etwas bewirkt, nämlich das Gefühl doch noch etwas moralischer als der andere zu sein, die bekannte Abwärtsspirale, die mit IDPOL üblicherweise verbunden ist.

Dieser Artikel ist Anlass für eine andere Feministin die Privilegientheorien zu verteidigen:

Actually, „privilege“ isn’t at all hard to understand. It just means any structural social advantage that you have by virtue of birth, or position – such as being white, being wealthy, or being a man. „Check your privilege“ means „consider how your privilege affects what you have just said or done.“ That’s it. That’s all. Being made aware of your privilege can feel a lot like being attacked, or called a bad person, and when that happens you sometimes get the urge to stamp your feet and scream, as Dan Hodges did at the Telegraph in another swipe at those pesky privilege-checkers. This is the point where it’s useful to take deep breaths and remember it’s not all about you.

Aus meiner Sicht bedeutet „Prüfe deine Privilegien“

  1. Akzeptiere, dass du die von mir erkannten Privilegien hast
  2. Wenn du das diese nicht akzeptierst, dann liegt dies daran, dass du das Privileg hast nicht zu sehen wie bevorteilt du bist
  3. habe ein schlechtes Gewissen und versuche, die Nachteile anderer, die die Privilegien nicht haben, dadurch zu kompensieren, dass du den Vorteil ausgleichst, den du aufgrund deiner Privilegien hast

Es ist erstaunlich, wie oft ich auf die Frage, was nun eigentlich auf das „Prüfen der Privilegien“ folgt, wie man sich danach verhalten soll, kaum eine Antwort erhalten habe. Alles sei ja irgendwie ganz freiwillig, aber man habe ja nun einmal Privilegien, und das müsse man doch erkennen und abstellen wollen. Irgendwie wird eine Pflicht zum Einräumen der Privilegien und eine Handlungsaufforderung gesehen. Sonst macht das ganze System insoweit ja auch wenig Sinn. Auf eine Prüfung der Privilegien mit „Cool, ich bin voll privilegiert!“ zu antworten würde zwar auch ein „Checken der Privilegien sein, ist aber erkennbar nicht gemeint.

hen someone asks you to check your privilege, it doesn’t mean you should stop talking – it means you should start listening, and sometimes that involves giving the other person in the room a chance to speak. That’s what often upsets people most about the whole idea. It’s about who gets to speak, and who has to listen, and social media is changing those rules.

Es ist eben die Theorie des „Raum einnehmens„. Wenn man Angehöriger einer Gruppe ist, die im Schnitt mehr redet, dann muss man sich eben dieser Gruppe zuordnen und deswegen seine Redezeit einschränken. Und natürlich soll wieder Macht das Motiv sein.  Auch hier zeigt sich wieder, dass das Überprüfen nicht reicht. Man soll auch kompensieren. Der Gedanke „Zwar haben Männer mehr gesagt als Frauen, weil sie privilegiert sind, aber meine Ansicht ist so noch nicht geäußert worden, also sollte ich trotzdem reden“ ist dann eben falsch.

Privilege is not the same as power. Nor is it a game whereby only the least privileged people will henceforth be allowed an opinion – the last time I checked, the political conversation was still dominated by rich white men and their wives. These are the people who go into spasms of outrage at the very notion that a black person, or a woman, or a working-class person might have as much right to an opinion as they do on matters that affect them. I’d like to reassure these people that taking away their monopoly on opinions is the very opposite of censorship, and furthermore that their whining is distasteful.

Ersteinmal interessant, dass sie Frauen nur als „wives“ anführt. Rich white women haben ja durchaus einiges zu sagen und auch einiges an Öffentlichkeit.

Und natürlich kann sie die Aufregung nicht verstehen, weil sie nicht versteht, dass Leute sich nicht unbedingt als Teil einer Gruppe sehen und sich nicht aufregen, weil jetzt eine Frau redet, sondern weil diese Frau sich nicht an den gleichen Wettbewerb hält, wenn sie aus „Privileggedanken“ an die Reihe kommt.

Privilege is not a zero-sum game. Most of us are privileged in some ways, and less privileged in others. The inevitable straw woman raised by those who like to get lip-juttingly cross about the whole idea that they might have „privilege“ is that of the wealthy black, wheelchair-bound lesbian set against the straight, working-class white man in a contest over who is „more privileged“. The simple answer, of course, is that both have different sorts of privilege, and one doesn’t cancel out the other, because society is not, in fact, a game of top trumps.

Äh – natürlich ist Privilege ein Zero-sum-Game. Um so stärker die Privilegien um so größer die Nachteile für die Nichtprivilegierten.

Was sie zu meinen scheint ist, dass es keine absoluten Zuständen sind, eben weil dabei die Theorie der Intersektionalität mit hineinspielt. Allerdings gibt es ja auch hier bestimmte Tricks um eine richtige Anwendung der Theorien sicherzustellen: In dem Beispiel oben verschweigt sie beispielsweise, dass Männer eben keine Diskriminierung als Männer erleiden können, weil sie ja die Macht haben. Warum Nachteile von Männern anscheinend vollständig durch die Top Trumps der Nachteile der Männer ausgelöscht werden wäre da schon interessant.

„Intersectionality“ is another new bit of equality jargon that the stiff suits in the conservative commentariat loudly claim not to understand – despite or perhaps because of the fact that schoolchildren have been using it on the internet for years. All it means is that you cannot talk in any meaningful way about class without also talking about race, gender and sexuality, and vice versa. These things intersect – that’s why we call them intersectional. In Mensch’s case, she advocates an understanding of feminism that she calls „reality-based“, which deliberately ignores class, and is based on the idea that every woman can and should become a banker or a politician. Tories of all stripes, including Tory feminists, have always preferred to exclude poor people from their definition of „reality“. It is entirely unsurprising that Mensch finds the idea of „intersectionality“ uncomfortable, and she’s not the only one.

Mir kommt Intersektionalität ja auch häufig eher unlogisch vor. Nehmen wir die Frage, ob Frauen Bänker oder Politiker werden können und verbinden wir sie mit „Class“. Ich wüsste nicht, dass Männer aus der „Unterschicht“ im hohen Maße Politiker oder Bänker werden. Für die Lösung der „Frauenfrage“ in diesem Bereich lohnt es sich also durchaus „Class“ auszublenden, weil es kein separates Frauenproblem ist. Will man beides verbinden, dann muss man zunächst erst einmal darlegen, warum es eine Verbindung gibt. Was eben häufig nicht erfolgt

Die Skeptikerbewegung und der (Gender-) Feminismus

Was ich nie wirklich verstanden habe ist, wie der Genderfeminimus in der Skeptikerbewegung einen gewissen Rückhalt finden konnte. Vordergründig mag es Zusammenhänge geben, etwa das der Feminismus nach dem eigenen Verständnis ja herrschende Regeln hinterfragt, aber Skeptiker sind aus meiner Sicht aktiv um wissenschaftlich zu denken und aus dieser Sicht zu hinterfragen, was damit einer Zusammenarbeit mit dem Genderfeminismus eigentlich jeder Basis entziehen sollte.

Ersten Ärger gab es schon bei dem Elevatorgate bzw. dessen Fortsetzung mit Dawkins.

Jetzt ist wohl weiterer Ärger entstanden, weil einer der Skeptiker eben genau darauf hingewiesen hat, dass der Genderfeminismus in dieser Hinsicht problematische Theorien hat

Ronald Lindsay hat wohl bei der Veranstaltung „Women in Secularism“ eine Rede gehalten, die nicht gefiel:

This brings me to the concept of privilege, a concept much in use these days. (…)

That said, I am concerned the concept of privilege may be misapplied in some instances. First, some people think it has dispositive explanatory power in all situations, so, if for example, in a particular situation there are fewer women than men in a given managerial position, and intentional discrimination is ruled out, well, then privilege must be at work. But that’s not true; there may be other explanations. The concept of privilege can do some explanatory work at a general level, but in particular, individualized situations, other factors may be more significant. To bring this point home let’s consider an example of another broad generalization which is unquestionably true, namely that people with college degrees earn more over their lifetime than those who have only high school diplomas. As I said, as a general matter, this is unquestionably true as statistics have shown this to be the case. Nonetheless in any particular case, when comparing two individuals, one with a high school degree and one with a college degree, the generalization may not hold

But it’s the second misapplication of the concept of privilege that troubles me most. I’m talking about the situation where the concept of privilege is used to try to silence others, as a justification for saying, “shut up and listen.” Shut up, because you’re a man and you cannot possibly know what it’s like to experience x, y, and z, and anything you say is bound to be mistaken in some way, but, of course, you’re too blinded by your privilege even to realize that.

This approach doesn’t work. It certainly doesn’t work for me. It’s the approach that the dogmatist who wants to silence critics has always taken because it beats having to engage someone in a reasoned argument. It’s the approach that’s been taken by many religions. It’s the approach taken by ideologies such as Marxism. You pull your dogma off the shelf, take out the relevant category or classification, fit it snugly over the person you want to categorize, dismiss, and silence and … poof, you’re done. End of discussion. You’re a heretic spreading the lies of Satan, and anything you say is wrong. You’re a member of the bourgeoisie, defending your ownership of the means of production, and everything you say is just a lie to justify your power. You’re a man; you have nothing to contribute to a discussion of how to achieve equality for women.

Das ist aus meiner Sicht legitime Kritik, denn in der Tat wird die Privilegientheorie genutzt um Meinungen absolut zu setzen und anderen ihre Meinung abzusprechen. Dazu zB:

Bei Skepchick sieht man das ganze ganz anders: Er als weißer, mächtiger Mann solle sich nicht so anstellen, eher würden Feministinnen zum Schweigen gebracht werden, nicht Leute wie er. 

Damit verkennt sie aber, dass das Argument ja in der Tat auf diese Weise genutzt wird.

Die Feministin Ashley Miller sieht es ähnlich:

. People always take things personally. When someone says, “You’ve got privilege,” most of us want to yell, “I worked really hard to get what I’ve got.” And most of us have worked really hard, but it doesn’t mean we aren’t privileged — learning to see the privilege is difficult, and to see it we’ve got to be willing to shut up for a little while and recognize the possibility that there are things that we didn’t know before. In other words, if you’re not prepared to just listen for a little while, you’re going to spend the entire time trying to prove someone wrong instead of considering the possibility that they may have a point.

Ron Lindsay presents this as a war where either you “believe reason and evidence should ultimately guide our discussions, or you think they should be held hostage to identity politics.” This negates the possibility that this is a fight between factions who think that reason and evidence point to the necessity of identity politics and those who refuse to listen.

Damit geht sie allerdings aus meiner Sicht eher in die Richtung, vor der er genau gewarnt hat: Eben eine Identitätspolitik, bei der es nicht mehr auf Vernunft und beleg ankommt, sondern diese durch die Identität ersetzt wird.

Lindsay hatte zuvor treffend geschrieben:

This is exactly what I said:

“By the way, with respect to the ‘Shut up and listen’ meme, I hope it’s clear that it’s the ‘shut up’ part that troubles me, not the ‘listen’ part. Listening is good. People do have different life experiences, and many women have had experiences and perspectives from which men can and should learn. But having had certain experiences does not automatically turn one into an authority to whom others must defer. Listen, listen carefully, but where appropriate, question and engage.”

By contrast, the position against which I was arguing, as articulated by PZ Myers, is as follows:

“When a member of a marginalized group tells a member of a privileged group that their efforts, no matter how well-meaning, are wrong, there is one reasonable response: Shut up and listen. You might learn something.

There is also a terrible response: arguing back. It always makes it worse.

It’s not that they are infallible and we are totally stupid. It’s that THEY are the experts and the subject of the discussion.”

Myers-Watson assume you should never question, you should never argue back, because the person from the marginalized group must have the expertise.

I do not share that assumption, and I doubt its wisdom. Indeed, I think it is a horribly misguided, logically infirm understanding of communication. This model of communication asks us to put our critical thinking on hold merely because the person speaking comes from a marginalized group.

No extended argument or analysis of this issue is needed, and I do not think the choice could be starker. Either you believe reason and evidence should ultimately guide our discussions, or you think they should be held hostage to identity politics.

Wie man es in einer Skeptikerbewegung, die sich Vernunft und Wissenschaft auf die Fahnen geschrieben hat, anders sehen kann, leuchtet mir nicht ein. Es bleibt zu hoffen, dass aus dieser Richtung weiterer Kritik kommt.

„Wenn du ein Mann* bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn dir die nichtmännlichen Leute um dich rum erklären, welche Privilegien du besitzt“

Franziska von Anarchie und Lihbe war auf einem Seminarwochenende zum Thema Körper – Geschlecht – Kapitalismus, (Teilnahme übrigens ab 15 Jahren) bei dem natürlich ganz feministisch vorgegangen wurde.

Interessant fand ich die Reaktion einiger männlicher Teilnehmer:

Männer* schilderten:

Sie haben sich angespannt gefühlt, hatten Angst, etwas falsches zu sagen oder zu tun, fühlten sich durch das als aggressiv empfundene Vorstellen des Definitionsmacht-Verfahrens vorverurteilt oder als Mann unter Generalverdacht gestellt. Die Definitionsmacht am ersten Abend und während der Begrüßung zu erklären, habe einen negativen Ausblick hergestellt, stattdessen hätte man sich vorfreudig auf die schöne gemeinsame Zeit berufen sollen. Dass der Umgang mit einer Grenzüberschreitung teilweise innerhalb der ganzen Gruppe stattfand, wurde als störend und bedrückend für das Gruppenklima empfunden. Manche Männer* und eine Frau* äußerten, dass sie das gesamte Wochenende über einen Zwang zu Political correctness und zu Harmonie empfunden haben und sich dadurch nicht frei fühlen konnten.

Kann ich gut nachvollziehen. Wenn gleich erstmal klargestellt wird, dass die Definitionsmacht beim Opfer liegt und man davon ausgehen kann, dass Frauen eh nur Opfer sein können, Männer hingegen wohl weniger und kleinste Fehler direkt vor der ganzen Gruppe besprochen werden, dann klingt das schon etwas anstrengend. Aber ich bin ja auch ein Mann und möchte nur nicht mit der Wahrheit konfrontiert werden um meine Privilegien nicht hinterfragen zu müssen.

Deswegen verkenne ich auch, dass es damit Männern nur so geht, wie es Frauen eh immer geht:

Ich füge hinzu: „Willkommen in unserer Welt.“

Wenn du mackerisch bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dein Mackerverhalten angreifen. Wenn du sexistisch handelst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere deinen Sexismus thematisieren. Wenn du Grenzen verletzt, muss es sich scheiße anfühlen, wenn die andere Person dir deine Grenzverletzung spiegelt. Wenn du ein Mann* bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn dir die nichtmännlichen Leute um dich rum erklären, welche Privilegien du besitzt. Wenn du breitbeinig dasitzt und mit deiner Stimme einen Raum beherrschst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dir schildern, wie ohnmächtig und verloren sie deine Dominanz machen kann.

Ich nehme an, dass der Hinweis darauf, dass möglicherweise auch Frauen Privilegien haben könnten und das Privilegienkonzept eh erhebliche Fehler hat wäre dort auch nur als Ausdruck der Privilegsverteidigung aufgenommen worden. Sitz gefälligst vernünftig und verstelle deine Stimme. Frauen fühlen sich bei einer solchen Stimme und einer Sitzhaltung (!) bereits ohnmächtig und verloren (!). Man möchte solche Punkte einmal in eine Diskussion um Vorstandspositionen einführen. Aber das Seminar war ja eh auch kapitalismuskritisch, da wird das nicht zählen.

Jedenfalls: Es muss sich scheiße anfühlen für dich als Mann, den Leid bringt Läuterung. Sitz einfach da, hör gut zu, und akzeptiere, dass deine Sitzhaltung Frauen unterdrücken kann. Halt aber bloß die Klappe, denn sonst störst du den Feminismus bei der Verbesserung der Welt. Ich wüsste wirklich gerne wie alt die Teilnehmer waren (das Mindestalter war ja 15 Jahre). Man kann einem Jungen schließlich nicht früh genug beibringen, dass er ein potentieller Vergewaltiger ist.

Ein Genosse antwortete zum Ende der Reflektionsrunde auf die Schmerzensschmerzen, worüber ich sehr froh war. Er sagte (sinngemäß), dass es ein Unwohlgefühl ist, wenn das eigene Geschlecht/Gender sichtbar gemacht wird, wenn das Verhalten in der eigenen Geschlechterrolle diskutiert wird, wenn Unterdrückungsmechanismen, an denen man selbst aktiv beteiligt ist, aufgezeigt und kritisiert werden. Dass das ein Gefühl von Unfreiheit, Anspannung, Unsicherheit und vielleicht sogar Angst hervorruft, ist normal. Frauen* und genderqueere Menschen sind fast immer und fast überall in genau dieser Situation. Sie müssen jederzeit damit rechnen, dass ihr Verhalten als Geschlechterrolle wahrgenommen und ggfs. abgewertet wird.

Ja, bei Männern ist das natürlich ganz anders. Ihr Verhalten wird nie als Geschlechterrolle wahrgenommen und abgewertet. ZB wenn sie zu breitbeinig sitzen, dass wird dann nicht als unterdrückendes Mackertum gewertet. Oder wenn sie mit einem Kind spazierengehen, da hat keiner abwertende Gedanken. Und allgemein ist der Vergleich männlichen Verhaltens mit Schweinen zum einen höchstens diskriminierend für Schweine und zum anderen auch verdient und damit kein Grund sich aufzuregen. Leben Frauen wirklich in einem beständigen Gefühl der Unfreiheit, Anspannung und Unsicherheit? Vielleicht kenne ich zu selbstbewußte Frauen, aber mir kommt es nicht so vor. Denn viele Frauen fühlen sich in ihrer Geschlechterrolle durchaus wohl, genau wie Männer sich in ihr wohlfühlen, andere Frauen fühlen sich unwohl, genauso wie bestimmte Männer sich unwohl fühlen. Dieses beharren auf der Opferrolle kommt mir insgesamt sehr gynozentrisch vor.

Immerhin folgt ein guter Rat: Eine Männergruppe gründen und in dieser dann gemeinsam lernen Privilegien abzubauen und zu verstehen, dass Mackertum und Mannsein an sich scheiße ist. Aber bitte strikt unter Männern, damit man Frauen mit deren Problemen nicht aufhält

Gynozentrischer Feminismus

In einem Artikel auf dem Blog „Feminist Critics“ geht es in dem Artikel „Revised definition of Gynocentric Feminism“ darum, auf Gleichberechtigung ausgerichteten Feminismus von einem Feminismus abzugrenzen, der lediglich Fraueninteressen dienen soll:

The term actually gets at the principles, beliefs, attitudes, and assumptions of the feminist in question. Gynocentric views include

  • Men are universally privileged by gender and women are not
  • Women have inescapably or presumptively superior insights into questions of gender than men.
  • Women are entitled to define the terms of gender discussions and that men must “check” their gender privilege before entering into those discussions (and women don’t have to check theirs).
  • Men oppressing other men is an example of men ‘oppressing themselves’ (or other similar ‘men are Borg’ type notions).
  • Criticism of feminist misandry is presumptively invalid, illegitimate, or suspect.
  • Any similar beliefs or assumptions

Gynocentricity isn’t simple binary state. The more a particular feminist adheres to the above principles, the more gynocentric she is. The less she adheres to them, and the more she adheres to contrary notions, the less gynocentric and more egalitarian she is.

Ich finde diese Definition sehr gelungen, weil sie in der Tat viele Erscheinungen des „Gender- und Privilegienfeminismus“ in das richtige Licht setzt. Es geht insoweit um den Grad der Frauenbezogenheit, weil all diese Theorien und Ansätze tatsächlich unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden können, inwieweit sie Frauen in den Vordergrund rücken und Männer in den Hintergrund bzw. inwieweit sie in einem Diskurs die Position der Frau stärken  und es dem Mann erschweren, seine Position zu vertreten.

1. „Men are universally privileged by gender and women are not“

Zu den Privilegientheorien habe ich schon einiges geschrieben:

In der Tat zeugt eine Ansicht, dass nur die Männer privilegiert sind, davon, dass man die Geschlechter sehr einseitig wahrnimmt. Wer dann noch zu dem Kunstgriff greift alle Privilegierungen der Frauen als „wohlwollenden Sexismus“ anzusehen, aber nicht zu untersuchen, inwieweit dies auch bei den Männern der Fall sein könnte, der nimmt in der Tat eine sehr frauenbezogene Perspektive ein.

2. „Women have inescapably or presumptively superior insights into questions of gender than men.“

Auch das war schon häufiger Thema hier

Der Gedanke, dass Frauen die unterdrückte Gruppe sind und deswegen bei jedem Problem auch immer die besseren Einsichten haben führt über das „epistemische Privileg“ dazu, dass sie bei einem gynozentrischen Blickwinkel alle Probleme im Verhältnis der Geschlechter besser beurteilen können. Wer das epistimische Privileg kombiniert mit „Männer sind privilegiert“ und „Männer können nicht benachteiligt werden, was als Benachteiligung von Männern erscheint, ist lediglich ein wohlwollender Sexismus gegenüber Frauen“ kommt zu so gynozentrischen Ansichten wie Lantzschi in dem Artikel „„Es gibt keinen Sexismus, unter dem Hetencismänner zu leiden hätten

3. Women are entitled to define the terms of gender discussions and that men must “check” their gender privilege before entering into those discussions (and women don’t have to check theirs).

Das ist im Prinzip auch bereits oben behandelt worden. Da Frauen nicht privilegiert sein können, jedenfalls nicht als Frauen (allenfalls wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Klasse oder ihrer sexuellen Orientierung etc) können sie ihre Privilegien ignorieren, gleichzeitig aber das „Ablegen“ von Privilegien bei Männern fordern, damit diese sich überhaupt beteiligen können. Das führt dann zu solchen Listen, wie sie hier aufgestellt werden, unter denen bestimmte gynozentrische Feministen dann überhaupt eine Beteiligungsmöglichkeit für Männer sehen. Diese Liste schränkt aber Männer wieder so ein, dass letztendlich eine Gleichberechtigung nicht mehr vorhanden ist.

4. Men oppressing other men is an example of men ‘oppressing themselves’ (or other similar ‘men are Borg’ type notions).

Ein beliebtes Argument innerhalb einer Geschlechterdiskussion.

Beispielsweise in dieser Form:

  • Männer müssen ihre Privilegien ablegen und aktiv daran arbeiten Frauen in Führungspositionen zu bekommen
  • Wenn Männer häufiger als Frauen Obdachlos sind, dann liegt das am Patriarchat und die Männer müssen es selbst lösen, da sieht man mal wie schädlich das Patriarchat für Männer ist, Frauen haben mit der Gesellschaft nichts zu tun, selbst die nicht, die Führungsverantwortung haben
Sprich: Um so gynozentrischer der Blickwinkel um so eher sind Probleme, die eher Frauen betreffen, Probleme, die von allen, insbesondere den Männern zu lösen sind und um so eher sind Probleme, die typischerweise Männer betreffen, Probleme, die zumindest bezüglich der Männer von eben den Männern gelöst werden müssen.

5. Criticism of feminist misandry is presumptively invalid, illegitimate, or suspect.

Wenn der Blickwinkel auf Frauen bezogen ist, also gynozentrisch, dann steht Fehlverhalten gegenüber diesen im Vordergrund. Fehlverhalten von Frauen gegenüber Männern kann dann nur eine Ablenkung oder aber jedenfalls zu ignorieren sein. Die Backlash-Theorie geht ebenfalls in diese Richtung. Sie erlaubt es alle Kritik am Feminismus, eben auch solche, die Männerfeindlichkeit darstellt, bereits formell, also ohne Prüfung des Inhalts, abzuweisen, weil sie eben nur ein Versuch ist, den Feminismus einzuschränken. Der gynozentrische Feminismus hat bei solchen Vorhaltungen auch Slogans wie „What about the menz“ zur Abwertung entwickelt, mit denen Vorhaltungen direkt als Derailing abgewertet werden und demnach nicht weiter geprüft werden müssen.

6. Any similar beliefs or assumptions

Es ist vielleicht schon in den anderen enthalten, aber ich meine, dass hierzu auch die vielen Mittel gehören, mit denen ansonsten Diskussionen abgewürgt werden, weil die auf Frauen bezogene Perspektive bereits als nicht diskutabel angesehen wird, und man nicht diskutieren will, sondern Einsicht erwartet und Gegenargumente lediglich als Machtmittel im Diskurs ansieht. Ich habe einige unter dem Beitrag „Tipps für Diskussionen auf feministischen Blogs“ und „Machtmittel im Diskurs“ dargestellt.

Insgesamt scheint mir die Frage, inwieweit die Frau in den Mittelpunkt gerückt wird und Probleme des Mannes ausgeblendet werden durchaus einen interessanten Vergleich von Positionen zu ermöglichen.

Epistemisches Privileg

epistemisches Privileg – oder wie man vermeintliche Nachteile in Macht umwandelt

Leser IchIchIch weist in einem Kommentar auf den Begriff des epistemischen Pivilegs hin.

Der Begriff bedeutet – aus dem griechischen kommend – das „Wissensprivileg“. Gemeint ist damit, dass eine nichtprivilegierte Gruppe leichter erkennen kann, welche Privilegien bei anderen bestehen als die privilegierte Gruppe. Den wem die Privilegien verwehrt sind, wer von etwas ausgeschlossen ist, der bemerkt dies eher als derjenige, der es als selbstverständlich voraussetzt.

Aus diesem Wissensvorsprung heraus soll dann also derjenige, der nichtprivilegiert ist, die Privilegien benennen können. Er soll des weiteren auch die „Diskurshoheit“ bezüglich der Gespräche über diese Privilegien haben, da er ja die bessere Einsicht hat und der andere seine Privilegien ncith erkennt.

Das dieses Prinzip nur dann funktionieren kann, wenn alle Beteiligten absolut objektiv, ehrlich und selbstlos, jedenfalls nicht auf einen eigenen Vorteil hin ausgerichtet sind und das damit das epistemische Prinzip oder vielmehr die Berufung darauf ein Machtmittel sein kann, wie es stärker kaum sein kann, ergibt sich daraus sehr schnell: Schließlich kann man damit beliebige Einwände der Gegenseite übergehen und lediglich seinen eigenen Standpunkt als maßgeblich bestimmen, wenn man nur annimmt, dass der andere ein Privileg hat oder dies auch nur behauptet.

Ein theoretisches Gespräch zeigt dies schnell:

A: „Du hast das Privileg der Sorte 1, ich erkenne es an dir, denn ich habe es nicht“

B: „Nein, ich bin nicht Privilegiert.“

A: „Es war klar, dass du das sagst, du kannst es selbst nicht erkennen. Glaub mir du hast das Privileg“

B: Aber ich habe dadurch, dass ich dieses oder jenes mache selbst bestimmte Nachteile und ich verwehre dir ja auch nicht, dies oder jenes zu machen, du machst es nur nicht so gerne, sondern statt dessen jenes oder welches.

A: „Ach, das Privileg versperrt dir so stark den Blick, es ist beängstigend. Gut, dass ich bereits eine Vielzahl von Maßnahmen erkenne, die dir das Privileg nehmen und mir helfen.“

B: „Aber das ist ungerecht. Ich sagte ja gerade, dass ich nicht privilegiert bin, warum soll ich die Maßnahmen gegen mich ergehen lassen?“

A: „Weil ich es sage und du nichts dagegen sagen kannst, weil du das Feld nicht überblickst. Du musst akzeptieren, dass meine Meinung richtig ist“

B: „Mist“

Es ist auch ein sehr gutes Mittel um eine Immunisierung gegen Kritik zu bewirken. Denn bei kritik kann darauf verwiesen werden, dass man diese, sofern sie nicht aus der nichtprivilegierten Gruppe selbst kommt, nicht ernst nehmen muss und mit der subjektiven Erfahrung, die daraus folgt, Bestandteil der Gruppe zu sein, beiseite wischen.

Bei Kritik aus den eigenen Reihen ist wohl das übliche Mittel, dass man darauf verweist, dass diese die eigene Gruppe hintergehen. Wiederum zeigt sich, wie wichtig das Kriterium der Gruppenidentität für den gemeinsamen Kampf ist. Denn durch den Ausschluss aus der Gruppe fällt eben auch die Berufung auf das epistemische Privileg weg (obwohl dieses ja eigentlich nach wie vor zB beim Kriterium Geschlecht weiterbesteht).

Konzepte wie hegemoniale Männlichkeit gehen in die gleiche Richtung, da sie ein Privileg zuweisen und alle die dies unterstützen als Nutznießer des Systems aus der Gruppe der dagegen ankämpfenden ausschließen.

Es erlaubt zudem eine Selbstüberhöhung, weil es gerade auf die eigene Wahrnehmung ankommt. Das eigene Fühlen wird damit zum Maßstab der objektiven Welt.

Meiner Meinung nach hat das System folgende Fehler:

1. Es mag sein, dass der Nichtprivilegierte seine subjektiven Beeinträchtigungen besser beschreiben kann.

Dies bedeutet aber nicht, dass er dadurch ein besseres Verständnis dafür ausbaut, weil bei einer subjektiven Beeinträchtigung nur das eigene Denken und Fühlen zugrundegelegt wird. Auch der Nichtprivilegierte müßte zunächst abgrenzen, was tatsächlich ein Privileg des anderen und was vielleicht nur bessere Fähigkeiten oder bessere Vorgehensweisen sind. Aus seiner eigenen subjetktiven Wahrnehmung herauszusteigen kann mitunter schwieriger sein als eine Wahrnehmung von außen. Der Nichtprivilegierte müßte mit anderen Nichtprivilegierten sprechen um zu sehen, ob die Erfahrungen übereinstimmen. Damit ist er dann abgesehen von einem gewissen Anfangsvorteil in der gleichen Position, wie ein Privilegierter.

2. Wenn jemand etwas nicht macht, dann fehlt im die Sicht auf die (vermeintliche) Privilegierung.

Als Beispiel:

Ein Junge sieht Soldaten in schicken Uniformen auf einer Parade und denkt sich, dass er gerne Teil dieser aus seiner Sicht privilegierten Gruppe, die Anerkennung erfährt, wäre. Ein Soldat, der gleichzeitig das Schlachtfeld und ein danach gut gefülltes Militärhospital kennt wird hingegen die Nachteile besser erkennen.

Oder etwas weniger militärisch:

Wer nur das Gehalt und das Ansehen eines hohen Wirtschaftslenkers kennt, der wird sich in den Job wünschen und möglicherweise annehmen, dass eine Gruppe, die einen geringeren Teil dieser Wirtschaftslenker stellt, nichtprivilegiert ist, die Gruppe, die hingegen den höheren Teil stellt, privilegiert ist. Der Betrachter von außen erfährt aber nicht, wie es ist eine 70+ Stundenwoche zu haben und keine Zeit mit seinen Kindern zu verbringen, also die Kosten eines solchen Jobs, die für einige relevant sind, für die anderen nicht

Sprich: Zum Feststellen eines Privilegs gehören eigentlich zwei Sichten: Die des vermeintlich Privilegierten und die des vermeintlich Nichtprivilegierten. Den was aus der einen Sicht ein Privileg sein kann, kann aus der anderen Sicht keines sein.

3. In der Geschlechterdebatte kommt ein weiterer Punkt dazu:

Männer und Frauen sind innerhalb der Gruppen sehr heterogen. Innerhalb der Gruppe bestehen viele Unterschiede, die eine einheitliche Sicht behindern.  Es bestehen auch starke Unterschiede in den Vorstellungen bei der Lebensplanung.

Viele Männer sind beispielsweise bereit wesentlich mehr Arbeit in den Aufbau von Status zu stecken und daher auch eher an Karriere interessiert. Sie mögen Konkurrenzkampf in der Sache.

Viele Frauen hingegen bewerten Statusaufbau niedriger und sind mehr an guten zwischenmenschlichen Kontakten und Zeit mit persönlichen Kontakten sowie an einer guten Work-Life-Balance interessiert.

Hier „Karriere“ als Privileg aufzubauen, weil mehr Männer als Frauen Karriere machen, bedeutet seinen ersten Schritt nicht getan zu haben, nämlich zu ermitteln, was die angehörigen der Gruppe, die nicht privilegiert sein soll, überhaupt will und wie ihre Erfahrungen sind

4. Lösungstrategien erfordern nicht unbedingt die persönliche Erfahrung, sondern eine genaue Analyse der Ursachen und Handlungsmöglichkeiten.

Hier droht durch das Abstellen auf die eigene Person wieder eine zu kurze Betrachtung. Denn welchen Anteil andere daran haben und was sie machen müssen und wollen, um Benachteiligungen anderer abzubauen ist nicht immer leicht zu bestimmen. Gerade wenn man derjenige ist, der von einer Maßnahme die Vorteile haben soll geschieht es leicht, dass man sich mehr Vorteile zuschustert oder Maßnahmen vorschlägt, die die andere Seite nicht mittragen will, kann oder muss . Das läßt dann wieder Raum für einen umfangreichen Opferstatus des Nichtprivilegierten.

Insbesondere ist zu erwarten, dass der Nichtprivilegierte zum Ausgleich solche Maßnahmen stärker gewichtet, die von den Privilegierten zusätzliche Maßnahmen erfordert, gegenüber solchen Maßnahmen, die ihn belasten würden.

Ein Beispiel aus der Geschlechterdebatte:

Eine Frauenquote und die Forderung nach familienfreundlicheren Unternehmen macht Frauen Karriere angenehmer. Man könnte auch verlangen, dass sie andere Studienfächer studieren (Maschinenbau, Ingenieurswesen etc), verstärkt die Kinderbetreung an Dritte abgeben oder sich Partner suchen, die diese übernehmen, verstärkt Überstunden machen etc