„Argument, das an das Nichtwissen appeliert“ und „Argument aus persönlichem Unglauben“

Ein klassischer logischer Fehlschluss, der häufig in der Geschlechterdebatte auftaucht ist das Argument, das an das Nichtwissen appeliert und das Argument aus persönlichen Unglauben:

Dazu in der Wikipedia:

Das argumentum ad ignorantiam (lateinisch für „Argument, das an das Nichtwissen appelliert“) ist ein logischer Fehlschluss, bei dem eine These für falsch erklärt wird, allein weil sie bisher nicht bewiesen werden konnte, oder umgekehrt, eine These für richtig erklärt wird, allein weil sie bisher nicht widerlegt werden konnte. Der Fehlschluss wird ohne Sachargumente gezogen. Der so Argumentierende sieht seine mangelnde Vorstellungskraft oder seine Ignoranz als hinreichend für die Widerlegung bzw. Bestätigung einer These an.

Eine Abwandlung davon ist das „Argument aus persönlichem Unglauben“: Der Umstand, dass eine These subjektiv als unglaublich oder unwahrscheinlich erscheint, wird als hinreichende Bedingung für die Zurückweisung einer These angesehen, an deren Stelle eine andere, subjektiv bevorzugte als zutreffend gesetzt wird.

Beide Argumente haben gewöhnlich das folgende Schema gemeinsam: Eine Person betrachtet das Fehlen von Evidenz für eine Behauptung – oder, alternativ, betrachtet ihre persönliche Voreingenommenheit gegenüber dieser Sichtweise – als begründende Evidenz oder Beweis dafür, dass stattdessen eine andere Behauptung wahr ist. Dies ist keine gültige Schlussweise im Sinne der formalen Logik.[1]

Das Argument aus Unwissenheit bzw. das Argument aus persönlichem Unglauben darf nicht mit der Reductio ad absurdum verwechselt werden, welche eine gültige Methode ist, bei der ein logischer Widerspruch dazu benutzt wird, um eine These zu widerlegen.

Das Argument taucht häufig in der Form „Es steht noch nicht mit letzter Sicherheit fest, wie solche biologischen Vorgänge ganz genau funktionieren, also können wir von einer (rein) sozialen Begründung ausgehen“.

Meiner Meinung nach macht Joachim in seinem Text „Was mich Gender kümmert“ auch etwas in dieser Art:

Ich habe durch die Beschäftigung mit einigen Studien, vor allem aber durch lesen der beiden Bücher pro und contra biologischer Erklärungen für Genderunterschiede, viel dazugelernt. Durch statistische Erhebungen lässt sich endgültig nichts klären, weil diese keine Unterscheidung zwischen nature und nurture treffen können.

Ich gehe davon aus, dass die meisten Verhaltensunterschiede* zwischen Männern und Frauen gesellschaftlich durch Rollenbilder geprägt sind. Das ist praktisch die Nullhypothese.

Er schließt daraus, dass ein Beweis aus seiner Sicht nicht möglich ist, dass er erst einmal davon ausgehen kann, dass die Rollenbilder gesellschaftlich geprägt sind. Dabei bedeutet, dass es nicht geklärt werden kann, dass man von keiner der beiden Theorien sicher ausgehen kann.

Und auch Elmar geht in diese Richtung:

Es ist klar, daß man das via (3) niemals leisten kann, weil (3) nur die biologische Funktion von U aufklären kann. Also: (3) kann man ebenfalls vergessen, wenn man Wissen über evolutionäre Vorgänge finden will. (…) Diese groben Abschätzungen sagen uns, daß wir evolutionäre Ansätze aufgrund der molekularen Komplikationen und dem anthropologischen Charakter evolutionärer Erklärungen im Prinzip vergessen können, wenn es darum geht, zu erklären, wie es letztlich zu P kam

Elmar erklärt hier evolutionäre Ansätze von vorneherein für unbeachtlich, weil sie nicht zu beweisen wären. Er blendet aber aus, dass sie dennoch wahr sein könnten und dann die tatsächliche Erklärung liefern würden. Es wäre zB möglich, dass Männer aufgrund von sexueller Selektion eine Vorliebe für den Aufbau von Status und Ressourcen und Frauen eine Vorliebe für entsprechende Männer aufgebaut haben und dies den Gender Pay Gape und die Frage, wer mehr Überstunden macht und mehr Führungspositonen erlangt erheblich beeinflusst – der Umstand, dass man dies evtl nicht beweisen kann, ist für die Frage, ob die Theorie richtig sein kann, erst einmal ohne Belang.

Das gleiche Modell trifft man auch sehr häufig in anderen gegen Biologie gerichteten Erklärungen. Zumindest bei den Lesern von Jordan-Young, Cordelia Fine, Heinz-Jürgen Voss etc wird häufig aus dem Auffinden gewisser kleiner Fehler in Studien oder der Darlegung vermeintlicher Schwächen der Schluß gezogen, dass die Theorien damit insgesamt nicht zutreffen können und damit unbeachtlich sind. Gerade Cordelia Fine betont hingegen mehrfach in ihrem Buch, dass die biologischen Theorien zutreffen könnten, dass aus ihrer Sicht die Beweise aber gegenwärtig dies  nicht mit letztendlicher Sicherheit ergeben und sie andere Theorien für wahrscheinlicher hält.

Das „Argument aus persönlichen Unglauben“ kommt gleich noch häufiger vor. Es ist fast eines der Hauptargumente des „kritischen Femminismus“. „Biologische Theorien wären nicht änderbar genug und wären auch nicht gerecht, deswegen sind sie falsch“ oder „es sind patriarchische Forschungen und deswegen sind sie bereits falsch“.

Was ist Biologismus?

In letzter Zeit wird ja insbesondere durch Elmar der Vorwurf des „Biologismus“ immer wieder erhoben. Es sollte daher an der Zeit sich näher mit dem Begriff zu beschäftigen. ich hatte bereits dazu kurz auf ein paar Definitionen verwiesen:

Elmar definiert Biologismus wie folgt:

Im Folgenden wollen wir Leute, die eine biologische – präziser – eine neuronale oder auch neurophysiologische Erklärung für bestimmte mentale Phänomene, für bestimmte Handlungen, Dispositionen, Gedanken oder Gefühle bzw. für soziale Phänomene vorbringen, Biologisten nennen.

Die Wikipedia definiert wie folgt:

Biologismus (gr. βíος bíos „Leben“ und logos/ismus) ist ein Begriff, der auf verschiedene philosophische und weltanschauliche Positionen angewendet wird, die menschliche Verhaltensweisen und gesellschaftliche Zusammenhänge vordringlich durch biologische Gesetzmäßigkeiten zu erklären versuchen und von denen einige als Folge hiervon auch eine entsprechende Ausgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse anstreben (…)
Da der Mensch Teil der belebten Natur ist, können Erklärungen menschlicher Wesenszüge auch Forschungsgegenstand der Biologie sein, deren Erkenntnisse folglich auch als Beitrag zum fächerübergreifenden Forschungsfeld der Humanwissenschaften verstanden werden können. Dass psychische und soziale Phänomene auf einem biologischen Substrat beruhen, wird von Kritikern des Biologismus nicht bestritten.[4] Mit dem Begriff „Biologismus“ wird jedoch versucht, einem Alleinerklärungsanspruch der Biologie wissenschaftsphilosophisch begründete Grenzen zu setzen. Dadurch wird zugleich die Eigenständigkeit einer sozial- und geisteswissenschaftlichen Methodik sowie eines ethischen Diskurses gegenüber den Naturwissenschaften verteidigt. Zugleich werden mit ihm die schwerwiegenden weltanschaulichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen betont, die aus einer unzureichend reflektierten, einseitig biologischen Betrachtungsweise erwachsen können.

Der Duden definiert wie folgt:

einseitige und ausschließliche Anwendung biologischer Gesichtspunkte auf andere Wissensgebiete

Ich selbst würde es wohl wie folgt definieren:

Biologismus ist falsch verstandene Biologie oder eine Überhöhung dieser dahingehend, dass neben der Biologie kein Raum mehr für soziale Ausformungen oder soziale Regeln gesehen wird oder aber in dem im Wege naturalistischer Fehlschlüsse aus der Biologie Forderungen für die Gestaltung der Gesellschaft hergeleitet werden.

Meiner Meinung nach hat ein „Ismus“ immer etwas ideologisches. Eine Darstellung biologischer Vorgänge und eine Erläuterung dieser erfüllt – wenn diese tatsächlich bestehen – diese Voraussetzungen nicht. Damit erhält diese Definition natürlich ein gewisses subjektives Element: Vielen werden meine Ansätze schon übertrieben erscheinen und damit tatsächlich in dem Bereich des Biologismus gehen. Aus meiner Sicht sind es eben Darstellung biologischer Vorgänge, wobei ich sie auch nicht absolut sehe, sondern eben häufig als Disposition, bei denen es biologische Grundlagen oder Figuren eines Verhaltens gibt, diese aber dann kulturell ausgestaltet werden.

Wenn ich zum Beispiel darauf abstelle, dass ein Verhalten damit zu erklären ist, dass Männer Status ansammeln wollen oder Alphamänner sein wollen, dann meine ich damit nicht, dass genau dieses Verhalten zwingend daraus folgt und nicht anders auftreten kann, sondern lediglich, dass dies aus meiner Sicht die biologische Grundlage ist, die man auch anders ausgestalten könnte, die aber hier auf eine Weise umgesetzt wurde, die zu dieser Grundlage passt. Andere werden dies schon für eine zu weitgehende Biologisierung halten.

Als ich den Blog damals erstellt habe wollte ich einfach einen Blog haben, auf dem ich frei diskutieren kann und meine Sicht darstellen kann, nachdem ich gerade auf feministischen Blogs wie der Mädchenmannschaft recht schnell gesperrt wurde, wenn ich zu häufig „Testosteron“ gesagt hatte (und naja, ich habe es recht häufig gesagt). Ich kam dann an die Stelle, an der ich mir den Blognamen ausdenken musste und ich mir habe so einige Alternativen durch den Kopf gehen lassen. „Alles Evolution“ schien mir damals einfach eine gute kurze Zusammenfassung, was den Leser erwarten würde und was mir die Gegenseite vorwerfen würde. Eine kleine Überspitzung aus meiner Sicht, auch wenn viele das vielleicht gar nicht so sehen. Ich wollte damit eigentlich nicht aussagen, dass ich keinen sozialen Anteil sehe oder wir komplett determiniert sind und uns nur innerhalb biologischer Regeln bewegen. Es war aus meiner Sicht auch eine Kurzform von „Alles über Evolution“ und auch „Alles, was man zum Geschlechterthema und Evolution so sagen kann“. Insofern sollte es keine Ankündigung eines reinen Biologismus, wie ich ihn verstehe, sein.

Ich finde die biologisch-evolutionäre Perspektive nicht nur sehr interessant, ich erlebe auch, dass sie mir viele Zusammenhänge erklärt, viel über den Menschen, was aus meiner Sicht die Philosophie nie leisten kann, wenn sie abstrakt bleibt. Ich finde es inzwischen teilweise langweilig philosophische Betrachtungen des Sinns des Lebens zu lesen, weil das Leben eben aus meiner Sicht erkennbar keinen Sinn haben kann. Alle Menschen wollen Macht? Nein, viel zu stark vereinfachend, sie wollen die Umsetzung ihrer biologischen Vorgaben und dabei auf die Gruppe bezogen eine gewisse Position in ihr, dies kann bloße Anerkennung sein, Bewunderung, Liebe, es muss aber nicht macht sein. Evolutionäre Spieltheorie erklärt aus meiner Sicht vieles am menschlichen Verhalten, Gefühle, Moral, Handeln, Altruismus, den Wunsch nach Luxus etc viel besser als alle Betrachtungen, die ohne Biologie auskommen.

Aus meiner Sicht ist die evolutionäre Perspektive ungefähr vergleichbar damit, dass wir erkannten, dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht, sondern die Erde um die Sonne. Alle verschlungenen Pfade  der Planeten machten plötzlich Sinn und bilden runde Bahnen.

Vielleicht ist das eine Art des Biologismus – ich neige sicherlich sehr schnell dazu, bestimmte biologische Konzepte zu übertragen. Wobei . Vielleicht erscheint es mir nur so logisch, weil es innerhalb meiner Ideologie logisch ist. Ich versuche mich dagegen zu wappnen, indem ich zu Kritik einlade und mich auch mit anderen Theorien etwa aus dem Feminismus beschäftige.

Ich kenne aber keine Erklärung, die so umfassend ist und alle Sonderfälle, die Häufungen und gleichzeitig die Abweichungen so gut in Einklang bringen kann. Es gibt dennoch keine Theorie, die menschliches Verhalten besser erklärt.

Nichts macht in der Biologie Sinn, außer im Lichte der Evolution.

Und alles Leben ist auch Biologie. Wie will man also diesen Anteil wegdenken?

Gendrift

Gendrift ist ein Vorgang, bei dem es um die Zusammensetzung der Genfrequenz innerhalb einer Gruppe geht. An einem einfachen Beispiel erklärt:

In einer Gruppe von Urzeitmenschen gibt es 90Menschen mit der Augenfarbe blau, eine kleine Familie von 10 Personen hat aber die Augenfarbe grün. Aufgrund von sozialen Vorurteilen gegen Grünaugenmenschen beschließen die 10 Personen, sich von der Gruppe zu trennen und in eine andere Gegend auszuwandern. In ihrer alten Gruppe sind nunmehr 100% Blauaugenmenschen, die Gene für grüne Augen sind plötzlich in weit geringerer Zahl vorhanden. In der Gruppe der Auswanderer hingegen sind nunmehr 100% Grünaugen vorhanden und vielleicht keine Gene für blaue Augen mehr vorhanden.

Wird die Gruppe der Grünaugen nun durch einen Zufall getötet, dann kann auch dann, wenn die Mutation vorteilhaft gewesen wäre, das Gen für Grüne Augen aussterben und es kann reiner Zufall sein, dass alle Menschen blaue Augen haben. Umgekehrt gilt das gleiche.

Der gleiche Vorgang noch einmal aus der Wikipedia:

Als Gendrift (genetische Drift; das niederdeutsche Wort Drift ist verwandt mit dem deutschen treiben, auch Alleldrift oder Sewall-Wright-Effekt genannt) bezeichnet man in der Populationsgenetik eine zufällige Veränderung der Genfrequenz innerhalb des Genpools einer Population. Gendrift ist ein Evolutionsfaktor. Eine quantitative Erweiterung stellt die Genshift dar, bei der ganze Segmente von Genen zusammen ausgetauscht werden. Dies hat oft besonders ausgeprägte funktional-qualitative Änderungen zur Folge.

Gendrift und Genshift stellen eine Art Komplement zur natürlichen Selektion dar. Die natürliche Selektion hat keinen zufälligen Einfluss auf die Änderung der Genfrequenz einer Population, sondern ist direkt gekoppelt an den Überlebens- und Reproduktionserfolg von Individuen, also deren Angepasstheit an ihre Umwelt.[1] Die genetische Drift bzw. Shift dagegen hat keine derartigen Ursachen, sondern ist rein zufallsbestimmt (stochastisch).

Da eine zufällige Änderung der Genfrequenz in kleineren Populationen statistisch mehr ins Gewicht fällt, stellen die Gendrift und Genshift einen wichtigen Faktor der Evolution von Gründerpopulationen und somit der Artbildung dar. Sie basiert auf der Tatsache, dass eine abgeschnittene Zufallspopulation, die in einem bestimmten Gebiet lebt, nur einen kleinen Ausschnitt der möglichen Genfrequenzen besitzt, die außerdem in einem anderen Verhältnis zueinander stehen als in der Gesamtpopulation. Die evolutionäre Weiterentwicklung dieser Population ist abhängig von diesen verschobenen Genfrequenzen.

Als Flaschenhalseffekt wird eine besondere Art der Gendrift bezeichnet, bei der die Populationsgröße durch ein zufälliges Ereignis stark vermindert und dadurch die in der Population vorkommende Variabilität verringert wird. Die Allelfrequenzen unterscheiden sich hinterher meist von denen der ursprünglichen Population, die verminderte Variationsbreite (Polymorphismus) erhöht die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten und erschwert zukünftige adaptive Veränderungen.

Gendrift kann auch in größeren panmiktischen Populationen auftreten, nach Aufteilung in kleinere Teilpopulationen. Voraussetzung sind zufällige Veränderung von Genen und Weitergabe der veränderten Gene. Gendrift kann dabei phänotypische Veränderungen bewirken, muss es aber nicht.

Bedeutungserweiterung: Als Gendrift wird auch die Verbreitung solcher Veränderungen in größere Populationen bezeichnet. Heute bezeichnet man als Gendrift auch das Eindringen bewusst oder zufällig veränderter Gene in andere Bereiche.

Das Phänomen wird gerne als Argument gegen evolutionäre Erklärungen angesetzt, weil es nach dieser Ansicht zuviel Unberechenbarkeit in die evolutionären Spekulationen bringt. Elmar hat dazu was in einem seiner Artikel:

Biologen ist an dieser Stelle vermutlich bereits klar, daß (4) nonsense ist aufgrund genetischer Drift und des Phänomens des linkage disequilibrium.

  • (5) Genetische Drift: Durch natürliche Ereignisse, wie Ausgründungen von Populationen oder Katastrophen sind Populationen in der Realität nicht nur endlich, sondern klein. Und je kleiner sie sind, desto höher ist der Einfluß weiterer Zufalle auf die Genfrequenz in der nächsten Generation. So kann ein Gen, dessen phänotypische Ausprägung eine historisch-lokalen Fitness-Vorteil bringt, doch zufällig aussterben, , während ein Gen mit anderer, womöglich sogar nachteiliger Ausprägung um so schneller fixiert wird, je kleiner die Population ist. Die natürliche Selektion ist in kleinen Population zu langsam, um das auszugleichen. Erst in unendlich großen Populationen spielen solche endlichen random distortion überhaupt keine Rolle mehr und die natürliche Selektion ist der einzig relevante Mechanismus.

Diese Zusammenhänge wurden 1973 von Tomoko Ohta als nearly neutral theory of molecular evolution beschrieben. Das Problem, daß (5) für (4) macht, liegt auf der Hand: Selbst wenn P sein eigenes U wirklich hat, verhindert das Phänomen der genetischen Drift, daß wir wissen können, welche U das ist. Denn wie sollen wir Jahrtausende der Evolution auf molekularer Ebene detailiert nachvollziehen? Und da wir die Existenz von U nicht apriori, sondern nur empirisch sichern können, gleitet uns damit sogar die Existenz von U aus den Händen: Mit (4) alleine kann man gegen Feministen gar nichts ausrichten – und das alles ganz im Rahmen der aktuellen Evolutionsbiologie.

Meiner Meinung nach überbewerten Elmar und andere Kritiker da dieses Phänomen. Denn zum einen ist ein genetischer Drift ja nichts, was Gene beliebig durcheinander wirbelt: Er setzt an Wesen an, die bereits einer starken Selektion unterlegen haben und deren Genzusammensetzung daraus folgt. Durch genetischen Drift bekommt man nicht plötzlich ein drittes Bein oder Superkräfte. Es ändert sich lediglich die genetische Zusammensetzung der Gruppe. Diese Zusammensetzung ändert sich, weil bestimmte Gene sich relativ zufällig mehr anreichern.

Um so zentraler die Eigenschaft dabei ist, um so weniger ist sie durch einen Gendrift betroffen. Denn dann sind die Gene dafür so umfassend in den Personen enthalten, dass lediglich bestimmte Ausprägungen von den zufälligen Ereignissen betroffen sind.

Nehmen wir etwa die höhere Körperstärke von Mannern gegenüber Frauen: Sie beruht auf der Wirkung von Testosteron und selbst wenn die stärksten Männer und die schwächsten Frauen alle von einem sehr selektiven Kometen getroffen werden, ändert sich nichts daran, dass deren Gene immer noch diesen wesentlichen Unterschied weitergeben werden und demnach auch eine entsprechende Selektion stattfinden würde, zumal hier dann die stärkeren Frauen weniger fruchtbar wären und zudem innerhalb der Schwangerschaft nach wie vor die Kosten der höheren Muskeln tragen müssten und zudem durch die sonstigen Folgen von Schwangerschaft, Stillen etc eingeschränkt wären.

Um so höher und langanhaltender der Selektionsdruck bisher auf eine bestimmte Eigenschaft war, um so geringer der Einfluss einer Gendrift. Diese bewirkt dann lediglich gewisse Änderungen in der Ausprägung, wird sich aber gerade bei so starken unterschiedlichen Selektionsunterschieden wie Mann und Frau kaum auswirken.

Die Auswirkungen eines genetischen Drifts für evolutionäre Berechnungen sind damit weit geringer als Kritiker dies darstellen wollen. Die meisten evolutionären Betrachtungen gerade bei den Geschlechtern sind davon aus meiner Sicht nicht betroffen.

Wer ein gutes Beispiel nennen kann, bei dem der genetische Drift dennoch eine Rolle gespielt haben könnte, der mag das in den Kommentaren mitteilen.

 

 

Weiteres zu falsch verstandenen Regeln der Evolution

Nach und nach werde ich versuchen, noch ein paar von Elmars anderen Thesen zu besprechen, hier welche aus dem Artikel „Biologie der Geschlechter

(7) Ich denke, es ist nicht schwer zu argumentieren, daß evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene höchstens dann adäquat sind, wenn jene erstens ex ante den historischen Vorgang der kausalen Selektion eines erblichen, biologischen Phänomens mit biologischer Funktion empirisch belegen, und zweitens dessen Effekt für die Bilanz von Aussterbewahrscheinlichkeit und Geburtenrate in einer statistischen, zeitabhängigen Erklärung belegen.

Dazu das Folgende:

Mit der von ihm gewählten Definition muss Elmar aus meiner Sicht eigentlich die Evolutionstheorie an sich ablehnen. Denn natürlich kann man die Entwicklung des Lebens nicht in der von ihm gewählten Weise nachvollziehen. Denn wir können nicht aus einer „vorher Sicht“ darstellen, dass zB bestimmte Fische zwingend Flossen stärker ausbilden mussten, die ihnen erst erlauben sich etwas mehr aufzustützen und dann schließlich unter zusätzlicher Umstellung der Kiemen zu Lungen und einem immer stärkeren Ausbilden der Flossen an Land zu kommen. Wie können zwar ex post feststellen, dass dies anhand der Fossilien und der bekannten Übergangstiere, die heute noch existieren, der wahrscheinlichste Weg ist, aber die Tiere mussten sich natürlich nicht auf diese Weise entwickeln im Wege eines zwingenden Vorganges. Das zeigen schon die heutigen sonstigen Fische, die es ja noch reichlich gibt.

Auch seine Forderung einer Bilanz wirft erhebliche Fragen auf: Was soll das für eine Bilanz sein? Eine auf die Art bezogene Bilanz wäre ja schlichte Gruppenselektion, die aber in der Evolutionstheorie überwiegend abgelehnt wird.  Es evolvieren ja nicht Gruppen, sondern Einzelwesen, bei denen eine Mutation auftritt, die sich dann entweder immer mehr im Genpool einer Art anreichert oder langsam zu einer neuen Art wird, während die alte weiterbestehen kann. Dabei muss die andere Art noch nicht einmal weniger erfolgreich sein, es reicht, wenn die Mutation den Lebewesen erlaubt eine besondere neue Nische zu besetzen (bei den Fischen beispielsweise erst schlammreiche Flüsse, die eine gewisse Luftatmung attraktiv machten, dann vielleicht Üferzonen und Sümpfe, schließlich Gezeitenbereiche oder ein Springen von Tümpel zu Tümpel etc.

Ich bezweifele, dass Elmar für an Land gehende Fische einen Effekt für die Bilanz von Aussterbewahrscheinlichkeit und Geburtenrate in einer statistischen, zeitabhängigen Erklärung belegen könnte.

Dennoch wird er diese Theorie wahrscheinlich nicht ablehnen, weil viele andere Faktoren dafür sprechen, unter anderem die ex post Betrachtung der Fossilien, genetische Vergleiche, Embryonalstudien und die vielen noch lebenden Zwischenschritte.

Das zeigt schon, dass seine Definition wenig wert ist.

  • (8) Desweiteren scheint es mir ziemlich auf der Hand zu lieben, daß evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene höchstens dann gut sind, wenn sie die Mängel konkurriereder Theorien vermeiden und nicht nur die evolutionäre Rolle der biologischen Funktion des betrachteten biologischen Phänomens, sondern auch dessen Verteilung aus seiner biologischen Funktion erklärt auf eine Weise, daß das Auftreten dieser Verteilung die ganze Erklärung nicht trivialerweise wahr macht.

Ich verstehe das so, dass Elmar bei einem nicht üblicherweise aufzutreffenden Merkmal (zB Zweibeinigkeit) nicht nur eine Erklärung dafür haben will, warum gerade dieses Merkmal selektiert worden ist, sondern auch, warum innerhalb dieser Selektion Abweichungen und Unterschiede vorliegen, warum also meinetwegen einige Menschen abseits von Training und Ernährung stärker sind als andere Menschen. Das lässt sich in der Natur meist schon damit begründen, dass ein Merkmal eben meist Kosten und Nutzen mit sich bringt und es in verschiedenen Situationen verschieden effektiv sein kann, die Kosten zu tragen und die Nutzen zu haben. Ein sehr großes Baby beispielsweise mag mehr Nahrung erfordern, auch wenn es später kräftiger ist als andere. Bei sexueller Selektion besteht zudem häufig eine Konkurrenz mit natürlicher Selektion. Ein Pfau mit kleineren Federn wird weniger gewählt, kann aber besser fliehen oder sich verstecken. Eine Alphamannstrategie kann sehr viele Nachkommen bringen, aber auch einen schnellen Tod. In der Biologie gibt es insofern nichts umsonst, alles hat einen Preis und verschiedene Strategien können damit auch unter bestimmten Bedingungen unterschiedlich erfolgreich sein. Aber vielleicht kann Elmar hier ja noch einmal näher erklären, was er meint und es zB an einem erblichen Faktor wie Körpergröße erklären

  • Zusätzlich sollte sie die zeitabhängigen Wechselwirkungen der phänotypischen Ausprägungen der betrachteten Spezies mit der Umgebung und dem historischen Verhalten konkurrierender Spezies betrachten und benutzen, um das Resultat der lokalen genetischen Anpassung der Spezies verständlich zu machen.

Ich hatte schon etwas dazu geschrieben, dass es sowohl Red Queen Rennen gibt, ebenso wie Runaway Selektion im Wege der Sexuellen Selektion. Gerade beim Menschen ist allerdings zu berücksichtigen, dass man hier aufgrund der theoretischen Fähigkeit es aufgrund seiner Intelligenz und seiner Werkzeuge und Waffen theoretisch mit jedem Lebewesen aufzunehmen, eher auf den Menschen selbst als Konkurrenz abzustellen ist. Dies bildet beispielsweise innerhalb einer Gruppe intrasexuelle und intersexuelle Konkurrenz und Selektion ganz gut ab und dies sind auch die wesentlichen Faktoren, auf die man innerhalb der Evolutionsbiologie abstellt. Das erfordert natürlich, dass man sexuelle Konkurrenz und Selektion nicht mit sozialer Selektion verwechselt.

 

„Ich denke nicht, daß Maskulismus auf Biologismus angewiesen ist“

Elmar brachte in der weiteren Diskussion um biologische Theorien einiges, was in diese Richtung ging:

„Ich denke nicht, daß Maskulismus auf Biologismus angewiesen ist, er ist “viel leichter” zu haben. Das sollte euch alles freuen.

Elmar kritisiert da im wesentlichen vom Ziel her – ihm gefallen die Erklärungen nicht, er will lieber andere, die er aber noch nicht hat, aber sie wären garantiert besser, auch wenn er keinerlei Ansatz davon wirklich benennen kann.

Biologie passt insofern einfach nicht in die von ihm gewünschte Welt. Sie muss deshalb Biologismus und damit schlecht sein.

Eine ähnliche Haltung hatte ich schon einmal in dem Artikel „Wahrheit vs. Wollen: Feministische Theorie und die eigene Suppe“ besprochen:

Wer viel über Geschlechterfragen diskutiert und dazu noch einiges über Evolutionsbiologie gelesen hat, der stößt in diesen Argumenten immer wieder auf ein in feministischen Kreise sehr verbreitetes Gegen”argument”.

“Es wäre doch viel schöner, wenn alles nicht festgelegt ist, deswegen glaube ich nicht an biologische Gründe”

Das ist für einen wissenschaftlich denkenden Menschen so ziemlich das sinnloseste Argument, dass man machen kann, denn der Wirklichkeit ist es relativ egal, was besser ist, wenn dies einfach nicht stimmt.

Ebenso ist es natürlich ein sehr schwaches Argument, wenn man meint, etwas leichter haben zu können (wohlgemerkt: Dieses leichtere hat Elmar noch nie ausgeführt). Es ist egal ob man meint, dass es viele Männer uninteressant finden, es ist auch egal, ob man damit Angriffsfläche bietet.

Wegen all dieser Erklärungen kann man eine Erklärung nicht ablehnen, ein guter Grund eine Theorie abzulehnen ist simpel lediglich der, dass sie falsch ist.

Argumente, die darlegen, dass die biologischen Theorien falsch sind, nennt Elmar allerdings gar nicht. Er will sich eigentlich auch gar nicht mit den Theorien beschäftigen. Er will sie nur loswerden.

Dass das Nichtbeachten biologischer Erklärungen natürlich enorme Konsequenzen haben kann, zeigen Fälle wie David Reimer oder die Kibbuzerfahrungen. Ob wir da mal Besprechungen von Elmar hören werden? Oder ob er die Studie von Udry mal bespricht? Ich bezweifele es.

Wenn man eine klassische evolutionäre Erklärung verwendet, nach der Männer mehr auf Status aus sind, weil Status sich im Wege sexueller Selektion als gutes Zeichen für einen hochwertigen Partner entwickelt hat, dann erklärt das vieles, was Elmar letztendlich nicht erklären kann, wenn er es nicht ebenfalls soziologisch in ein Machtkampfverhältnis einordnet wie etwa der Feminismus oder Frauen zu Ausbeutern macht. Die evolutionären Theorien dazu haben zudem den Vorteil, sich nahtlos in die sonstige Biologie einzuordnen und stimmig in die Größenunterschiede etc eingeordnet zu werden.

Wenn diese Theorien stimmen, dann hat das natürlich auch Auswirkungen. Man kann sie in diesem Fall nicht einfach wegdenken, denn sie wirken sich in sehr vielen Verhältnissen zwischen Mann und Frau und auch auf sehr viele gesellschaftliche Phänomene aus: Vom Gender Pay Gap bis hin zu Frauenquoten, von der Partnerwahl bis hin zu dem unterschiedlichen Spielverhalten liefern sie gute Erklärungen zu vielen Phänomenen, die sozial betrachtet nur schwer zu verstehen sind, ohne einen Geschlechterkrieg zu erklären.

Die evolutionären Theorien erklären menschliches Verhalten ohne, dass man Bösartigkeit etc braucht. Wenn man akzeptiert, dass auf Frauen und Männer ein anderer Evolutionsdruck lastete, dann kann man aufhören, sich über Unterschiede im Schnitt aufzuregen. Etwas, was einen wohl keine soziale Erklärung bieten kann. Wenn man weiß, dass es Männer und Frauen in allen Varianten gibt, dann kann man aufhören, sich über Häufungen zu ärgern und auch akzeptieren, dass viele Menschen auf eine bestimmte Weise leben wollen. Man kann aufhören in jedem Geschlechterunterschied ein Zeichen für eine Unterdrückung zu sehen und sich bei jedem geschlechterstereotypen Verhalten zu ärgern.

Biologische Ansätze mit kulturellen Ausformungen sind meiner Meinung nach – wenn man Fehlvorstellungen vermeidet, dass sie bedeuten, dass alle Männer oder alle Frauen auf eine bestimmte Weise sein müssen – der beste Weg sich unter den Geschlechtern auf ein Miteinander zu einigen, weil sie per se ein großes „jeder ist, wie er ist, ob er sich stereotyp verhält oder nicht“ enthalten. Homophobie oder Transsexuellenfeindlichkeit sind ebenfalls realtiv sinnlos, wenn man davon ausgeht, dass beides nur rein biologische Efffekte sind und die eigene Männlichkeit oder Weiblichkeit nicht betreffen können.

Ich meine daher, dass man es gerade mit einer biologischen Betrachtung sehr einfach haben kann. Dass sollte aber nicht der Grund dafür sein, dass man diese Theorien vertritt.

 

Was Biologen können kann man nur erfahren, wenn man sich zumindest grundlegend mit den Theorien beschäftigt

Elmar hat einen Artikel zu meiner Kritik an achdominos Artikel geschrieben.

Vorweg:
Ich finde Elmars Art zu schreiben und zu argumentieren extrem anstrengend und sie führt aus meiner Sicht nicht zu der von ihm beabsichtigten Klarheit, sondern ist eher eine Quelle vieler Fehler.
Dabei geht es insbesondere um die folgenden Punkte:

  • Elmar will Probleme abstrakt lösen, ohne sich nur den eigentlichen Theorien beschäftigen.
  • Das entspringt auch einer gewissen Ignoranz:  Elmar hat sich entschieden, dass Biologie keine Rolle spielt, also darf sie keine Rolle spielen und es ist unter seiner würde sich näher damit zu beschäftigen
  • Dadurch schleichen sich gravierende Fehler in seinen Artikel, es gilt der Grundsatz, dass man in Jahren von einer Gemeinschaft von Wissenschaftlern zusammen getragene Theorien, die insofern schon eine Fehlerkontrolle unterliegen, zumindest nachvollziehen sollte. Sonst fängt man an Anfang der Debatte an, während alle andren schon auf den Schultern ihrer Vordenker stehen und deswegen Giganten sind.
  • Elmars abstrakter Ansatz wird kombiniert mit strikteren, aber freien Definitionen, die aber häufig verkürzen und das tatsächliche Problem ausblenden. Darauf baut er dann den nächsten logischen Schluss auf, der aber dann aufgrund dieses wegdefinieren nur eine interne Pseudologik aufweisen.
  • Insbesondere aber leitet er aus den Fehlen eines abschließenden Beweises her, dass biologische bzw- evolutionäre Erklärungen keine Rolle spielen können und ignoriert werden können. Ein geradezu bizarrer Ansatz.
  • Er verkennt dabei auch, dass alle sozialen Theorien diesen Mangel noch wesentlich deutlicher zeigen würden.Wir können eben nie ausschliessen, dass ein individueller Umstand, den man nicht berücksichtigt, eigentlich verantwortlich ist. Insbesondere kann man aber nicht ausschliessen, dass die biologischen Theorien zutreffen

Aber zum eigentlichen Text, ich greife mal ein paar Sachen heraus:

„Die Augenfarbe ist kein erbliches Merkmal, denn die Augenfarbe der Kinder und Enkel hängt von den jeweiligen Partnern ab und ist selbst dann nicht sicher vorhersagbar, wenn die Augenfarbe der Partner der Kinder und Enkel bekannt ist.“
Natürlich ist die Augenfarbe ein erbliches Merkmal. Nur weil sich diese nicht direkt vererbt wird, handelt es sich noch lange nicht um ein nichtvererbliches Merkmal.
In diesem Zusammenhang führt Elmar zur sexuellen Selektion an:
Der Grund für die Verbreitung blauer Augen liegt in sexueller Selektion, die aber eine soziale und keine evolutionäre Erklärung ist.
Hier verkennt er recht grundlegend, wie biologisch sexuelle Selektion funktioniert. Denn es ist nicht einfach nur eine soziale, zufällige, leicht änderbare Auswahl, sondern es geht dabei um biologisch verfestigte Auswahlkriterien, gerade bei der intersexuellen Selektion. Hier sind durch Selektion bestimmte Partnerwahlkriterium entstanden, die eine möglichst gute Partnerwahl sicherzustellen.
Ich hatte das schon häufiger ausgeführt:
Sexuelle Selektion baut darauf auf, dass bestimmte Charakteristika von dem jeweils anderen Geschlecht als attraktiv empfunden werden und alleine deswegen einen Vorteil darstellen. (…) Die sexuelle Selektion kann sich aber nur entwickeln, wenn das Merkmal vererbbar ist, also es sich um ein abgespeichertes Attraktivitätsmerkmal handelt, da es sonst nicht die gleiche Fahrt aufnehmen kann, weil insbesondere die Nachteile offensichtlicher bedacht würden.(…) Gerade bei zwei Geschlechtern mit verschiedenen körperlichen Eigenschaften bietet das Abspeichern von Attraktivitätsmerkmalen nach Geschlechterkriterien erhebliche Vorteile. Denn die Einhaltung der Geschlechtsnormen lässt neben einer höheren Fruchtbarkeit auch einen höheren Erfolg bei der von diesem Geschlecht üblicherweise übernommenen Tätigkeit erwarten.
Sexuelle Selektion ist aber mehr als eine Kulturgeschichte. Denn Kultur impliziert, dass man sie frei verändern kann, dass sie nur einem Geschmack darstellt. Dies ist aber so nicht richtig. Viele Merkmale einer sexuellen Selektion starten sicherlich durch Zufälligkeiten und freie Wahl, meist aber stellen sie ein “ehrliches Signal” im Sinne der Signaling Theorie dar und sind insoweit ein Kennzeichen für die Fitness des jeweiligen Individuums. Nur wenn solche Signale als Attraktivitätsmerkmal bei dem wählenden Geschlecht gespeichert sind, lohnen sich die Kosten für das andere Geschlecht, sie zu produzieren. Handelt es sich nur um eine reine Mode, dann ist die Gefahr zu hoch, dass irgendwann das Merkmal unattraktiv wird und die hohen Investitionskosten sich nicht mehr auszahlen. Der Pfauenschwanz als klassisches Element der sexuellen Selektion ist damit nur erklärbar, wenn die Vorliebe vererbbar ist.
Und weiter zur Vererbbarkeit von bestimmten Eigenschaften:
Daher gibt es viele Merkmale, wie z.B. nicht Einparken zu können oder sexuell untreu zu sein, die grundsätzlich keiner evolutionären Erklärung zugänglich sind, einfach deshalb, weil sie nicht selektierbar sind.
Auch hier wieder: Keinerlei Begründung. Natürlich ist Einparken nicht in dem Sinne vererbbar, dass wir ein „Gen“ für Einparken haben, aber die Eigenschaften, die ein fehlerfreies Einparken leichter machen oder die einen leichter in Versuchung führen fremdzugehen können natürlich vererbt werden. Ich verweise auf die drei Gesetze der Verhaltensgenetik:

First Law: All human behavioural traits are heritable.

Second Law: The effect of being raised in the same family is smaller than the effect of the genes.

Third Law: A substantial portion of the variation in complex human behavioural traits is not accounted for by the effects of genes or families.

Beispielsweise können beim Einparken ein besseres räumliches Denken eine Rolle spielen, dass sowohl genetische als auch biologische Ursachen haben kann, insbesondere über einen bestimmten Hormonspiegel. Ebenso kann ein Fremdgehen durch einen höheren Sexualtrieb und einen stärkeren Drang zu neuen Abenteuern motiviert sein und darüber biologische Ursachen haben, vgl beispielsweise hier zum „Fremdgehgen„:

Here we show that individuals with at least one 7-repeat allele (7R+) report a greater categorical rate of promiscuous sexual behavior (i.e., having ever had a “one-night stand”) and report a more than 50% increase in instances of sexual infidelity.

Dann hier ein sehr deutlicher Hinweis darauf, dass Elmar sich nicht mit den Grundlagen beschäftigt hat und noch nicht einmal grundlegend recherchiert hat:

Tatsächlich prägen aber über 100 vom Menschen verschiedene Spezies Homosexualität aus. Das zeigt nicht nur, daß die Verachtung von Homosexualität unnatürlich ist, sondern auch das sie evolutionär offenbar nicht wirklich ins Gewicht fällt: Denn wenn die Nichtverbreitung der eigenen Genen durch Zeugung von Nachwuchs nicht evolutionär relevant ist, dann ist es die Verbreitung der eigenen Gene auch nicht – vom sog. Gründereffekt einmal abgesehen

Oh weh. Daran ist so vieles falsch. Und gleichzeitig auch vieles drüber geschrieben worden, was Elmar ignoriert. Erst einmal ist es grundsätzlich richtig, dass es in vielen Spezien zu gleichgeschlechtlichen Sex kommt. Das ist aber nicht gleichzusetzen mit Homosexualität. Dass die Bindungswirkungen der Glücksgefühle von Sex auch genutzt werden, um andere Wirkungen als ein Paarbindung zu erreichen, etwa um einen Gruppenzusammenhalt herbeizuführen oder Bindungen zur Kooperation zu fördern bedeutet nicht, dass dort Homosexualität existiert. Gleichgeschlechtlicher Sex muss keine evolutionären Kosten haben, wenn heterosexueller Sex zur Befruchtung trotzdem sichergestellt ist. In einer Spezies ohne dauerhafte Paarbindung muss das noch nicht einmal ein großes Problem sein, da dort die Bindungswirkung eben nicht in die Partnerschaft verlegt werden muss. Eine Selektion tritt dann ein, wenn ein Fortpflanzungsvorteil entsteht. Dieser Fortpflanzungsvorteil kann indirekt auch dadurch eintreten, dass man andere Vorteile eingeht und eben auch dadurch, dass bei diesem Gen unter anderen Bedingungen Vorteile bringen. Und das ist dann auch die Theorie, die in der Biologie zur Homosexualität vertreten wird. Zu den diesbezüglichen Theorien hatte ich ja schon ein paar Artikel auf die ich hier verweise:

Natürlich setzt sich Elmar nicht mit der Fraternal Birth Order auseinander oder überhaupt damit, warum Fortpflanzung so wichtig ist für eine Selektion: Weil Selektion erst einmal voraussetzt, dass Gene in die nächste Generation kommen.

Bei Elmar kann das alles anscheinend durch reinen Zufall geschehen. Er scheint davon auszugehen, dass eine Boing sich wirklich durch einen Wirbelsturm rein zufällig zusammen setzen könnte: Dass biologische Lebewesen dafür viel zu kompliziert sind und auch bei einer genetischen Drift erst einmal in einer kleinen Gruppe eine weitergehende Selektion stattfinden muss, dass komplexe Systeme nicht über Nacht entstehen, sondern deren Evolution üblicherweise ein paar tausend Jahre dauert  und nur eine Aufteilung und Aussiebung dieser Merkmal dann durch bestimmte Umweltbdingungen stattfindet zieht er anscheinend nicht in Betracht.

(A9) Adäquate evolutionäre Erklärungen betreffen nur die Wechselwirkungen natürlicher Abläufe mit den erblichen Merkmalen jedes Lebewesens einzeln in einer lokalen Umgebung U in gleicher Weise und sie sind unabhängig davon, daß für das Erbringen der Erklärungsleistung von einen Kollektiv intentional erbrachte Kulturleistungen derselben oder anderer Spezies in der evolutionären Erklärung erwähnt werden. In (E) wird das klarerweise eingehalten.

Hier scheint er etwas Gruppenselektion mit hereinmischen zu wollen. Dass sich eine Selektion auf die Gruppe auswirkt, auch wenn sie bei Einzelwesen ansetzt ist jedoch kein Widerspruch. Ebenso wenig erbringt ein Kollektiv eine Kulturleistung sondern diese lässt sich theoretisch herunterbrechen auf das Handeln einzelner Menschen. Wenn sich Elmar grundlegend damit beschäftigt hätte, warum man auf das egoistische Gen abstellt, dann hätte er die Hintergründe vielleicht etwas besser verstanden.

Man kann darüberhinaus nicht abstreiten, daß viele Merkmale z.B. der menschlichen Physiologie wie etwa Stoffwechselparameter oder Körperlänge einer Verteilung folgen. Andere, wie etwa die Anzahl der Finger, tun es nicht. Damit stellen sich klarerweise zwei Probleme: Wenn man evolutionäre Erklärungen für verteilte Merkmale in Anschlag bringt, muß die (Nicht-) Existenz der Verteilung selbst Gegenstand der Erklärung sind. Und deterministische wie Zufallsphänomene als Produkt derselben Evolution auszuweisen, ist natürlich schon nicht so leicht.

Die Erklärung dafür ist eigentlich recht einfach: Es gibt nicht für jedes Merkmal eine absolut beste Strategie für alle möglichen Zustände. Weswegen Randstrategien entstehen und die Zwischenstrategien ebenso. Ein Beispiel ist das klassische Tauben-Falken Beispiel:

Hier zeigt sich, dass sich je nach Situation und den Kosten eine andere stabile evolutionäre Strategie herausbildet und gerade veränderte Kosten immer wieder andere stabile evolutionäre Strategien mit verschiedenen Gleichgewichten hervorbringen. Um so mehr Variablen man hinein nimmt, um so mehr Nischen können sich auch bilden, in denen verschiedene optimale Ausrichtungen auf diese Situation erfolgen können. Das gilt gerade für eine Strategie mit hoher Spezialisierung wie beim Menschen.

Evolutionäre Rechtfertigungen von Merkmalen gibt es im Grunde nicht, da ihre Konsequenzen auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate immer von den Eigenschaften der konkurrierenden Lebewesen abhängt.

Ich verstehe hier nicht, warum dadurch evolutionäre Rechtfertigungen dadurch erschwert werden sollen. Viele werden gerade dadurch erklärt, denn Tiere befinden sich mit ihrer Konkurrenz in einem Red Queen Race, müssen sich also ständig weiterentwickeln, damit sie in dem Wettrennen auf der gleichen Stelle bleiben können. Dadurch kann eben auch ein kontinuierlicher Entwicklungsdruck in eine bestimmte Richtung entstehen, sei es innerhalb einer Art, in der zB Gorillamännchen immer stärker und größer werden mussten, um sich fortpflanzen zu können oder sei es in einem Jäger-Gejagter-Verhältnis, in dem der Gepard immer schneller werden muss um mit den Fluchttieren mithalten zu können oder auf deren weiter entwickelte Sinne mit einer höheren Geschwindigkeit reagieren zu können.

(G2) Eine evolutionäre Erklärung eines biologischen Phänomens mit biologischer Funktion ist gut höchstens dann, wenn sie den resultierenden Einfluß einer Kombination erblicher Faktoren auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate in U zu t unter Einbeziehung des Einflußes der zu t konkurrierenden Spezies betrachtet.

Diese Struktur bildet (E1)-(E6) isomorph nach. Soweit ich sehen kann, kümmert sich leider kein biologistisch veranlagter Männerrechtler um solche Gütekriterien.

Das mag daran liegen, dass Elmar die Blogbeiträge dazu eh nicht liest. Denn natürlich wird der Einfluss konkurrierender Spezies und sogar der Einfluss innerhalb der Spezies in der Evolutionsbiologie berücksichtigt. Allerdings wurde eben innerhalb der Menschheit aufgrund seiner hohen Intelligenz und der Entwicklung von Waffen die konkurrierende Spezies immer unwichtiger:  Die wichtigste Konkurrenz für den Menschen war der Mensch selbst. Dennoch gab es natürlich einen erheblichen Einfluss von intrasexueller und intersexueller Konkurrenz und Selektion. Hier werden diese Vorgänge durchaus berücksichtigt.