Soziobiologie (Besprechung von Elmars Artikel, Teil 2)

Der zweite Teil der Besprechung von Elmars Artikel, immerhin nur 1/3 so lang wie der erste Teil. Ich denke er ist auch weil er weniger Themen aufgreift etwas einfacher verdaulich.

III. Soziobiologische Rationalität – realistisch oder nicht?

Ganz offensichtlich versuchen Soziobiologen zur Verhaltenserklärung eine besondere Art von globaler Zweckrationalität zu konstruieren, von der sie behaupten,

  • (A) daß sie in der Natur und unter den Tieren im Hinblick auf die Reproduktionsrate günstig sei.
  • (B) daß ihre Folgen für eine erfolgreiche, individuelle Reproduktion der Tiere notwendig, aber nicht hinreichend sei.
  • (C) daß sie sich aus den Beobachtungen der erfolgreichen, individuellen Reproduktionabfolge der Tiere eindeutig rekonstruieren ließe.
  • (D) daß es sich bei Menschen genauso verhalte.

Das ist wieder einer der Punkte, bei denen es schön wäre, wenn Elmar mit tatsächlichen Thesen aus der Soziobiologie arbeiten würde. Er stellt immer wieder eigenständig formulierte Positionen zusammen, die er dann zerlegt, die aber mit den eigentlich dort vertretenen Positionen wenig zu tun haben.

Die Thesen sind aus meiner Sicht eher:

  • Das Gehirn und damit die Art und Weise zu denken ist ein Produkt der Evolution.
  • Es unterliegt damit den gleichen Selektionsregeln, die auch ansonsten in der Biologie gelten
  • Gene, die eine bestimmte Denkweise zur Folge haben, die eine Weitergabe der Gene in die nächste Generation fördern, auf denen sie beruhen, reichern sich damit im Genpool an.
  • Das Gehirn des Menschen ist nach den gleichen Regeln entstanden, wie auch die Gehirne der anderen Lebewesen, inklusive Säugetieren und Primaten.

Die Frage der Nachweisbarkeit, die Elmar hier hereinmengt, ist eine andere Frage. Der Nachweis einer These kann kompliziert sein, gerade in der Evolutionsbiologie, dass bedeutet aber nicht, dass deswegen die These falsch ist. Der Wert einer Theorie bestimmt sich zunächst erst einmal danach, wie gut sie beobachtete Phänomene erklären kann, ohne zu Unstimmigkeiten zu kommen. Aus dem fehlen eines endgültigen Nachweises daraus zu schließen, dass die Theorie falsch ist oder gar eine andere (ebenfalls nicht bewiesene) Theorie richtig ist, wäre ein Argument aus Unwissen. Der Erklärwert evolutionär begründeter Theorien ist dabei sehr hoch. Sie erklären beispielsweise, warum man bestimmte Verhaltensweisen weltweit vorfindet, gerade im Geschlechterbereich. Sie erklären auch, warum biologische Unterschiede wie zB abweichende pränatale Hormonspiegel, die sich auf das Aussehen nicht auswirken, zu erheblichen Verhaltensunterschieden führen oder warum Umerziehung von Jungs und Mädchen so schwierig ist. Sie erklären viele Sonderfälle, die über andere Erklärungen schlicht nicht abgedeckt werden können.

Was den letzten Punkt (D) angeht, variieren die Begründungen und es werden Gene, Hormone oder auch die Computeranalogie des Geistes bemüht.

Punkt (D) war das menschliche Verhalten. Hier ist es interessant, dass Elmar gleich an diesem Punkt springt, denn eines der Probleme aller anderen Modelle ist, dass sie für  den „Mensch-Tier-Übergang“ üblicherweise nicht sprechen, weil das sehr schnell zu Problemen führt. Denn abgesehen von der „Biologischen Kränkung„, dass der Mensch ein Tier sein soll, werden evolutionäre Erklärungen ja üblicherweise auch von Anhängern dieser Theorien akzeptiert, soweit sie Tiere betreffen. Wenn man anführt, dass Löwen bei der Übernahme eines Rudels die bereits vorhandenen Jungen töten und darstellt, dass dies entstanden ist, weil es ein evolutionär vorteilhaftes Verhalten war, da dann die Weibchen wieder schneller trächtig werden konnten und jeder Löwe der Gefahr ausgesetzt war, dass seine Zeitspanne, in der er das Rudel kontrolliert, kurz ist, dann wird niemand verlangen, dass „sich aus den Beobachtungen der erfolgreichen, individuellen Reproduktionabfolge der Tiere eindeutig rekonstruieren ließe“. Um so näher man dann an intelligentere Tiere kommt, beispielsweise Menschenaffen wie die Schimpansen um so stiller wird es werden. Das der Mensch im übrigen den gleichen Gehirnaufbau wie ein Schimpanse hat, gerade auch, was die „alten Teile“ angeht, wird vermutlich schon zu leichter Verärgerung führen.

Das zentrale – von den Soziobiologen übrigens hausgemachte – Problem an dieser global-teleonomen Rationalität dabei liegt auf der Hand:

  • Haben Sie schon einmal den Wunsch verspürt, zu überleben? Vermutlich nicht – es sei denn, Sie waren z.B. als Bergsteiger schon einmal infolge eines Wettersturzes in Lebensgefahr.

Auch hier und in den folgenden Beispielen merkt man, dass Elmar die Prozesse offensichtlich nicht verstanden hat. Warum sollte es für den Aufbau des Gehirns in irgendeiner Weise relevant sein, ob ein Mensch in der heutigen Zeit schon einmal „den Wunsch verspürte zu überleben“? Es ist aber auch eine interessante Formulierung: Hätte Elmar geschrieben „Hatten Sie schon einmal Angst, zB vor körperlichen Gefahren?“ dann wäre der von ihm gewünschte Effekt eben nicht erreicht geworden, denn es ist eine Frage, die die meisten Leute wohl mit Ja beantworten würden. Ein gutes Beispiel wäre schlicht Höhenangst. Sie ist häufig vollkommen irrational, etwa wenn wir von einem Turm mit hohem Geländer in die Tiefe schauen, aber sie ist dennoch vorhanden. Ein anderes Beispiel wäre Angst im Dunkeln, etwa wenn wir Schritte hinter uns hören. Oder kürzer gesagt: Angst ist eines der Mittel, mit denen die Evolution uns ausgestattet hat, um eine Weitergabe der Gene zu begünstigen. Ein anderes Mittel wäre Schmerz: Schmerz ist nicht per se logisch: Würden wir keine Nervenbahnen haben, die auf Beschädigungen reagieren, dann hätten wir auch keinen Schmerz. Wie selbstschädigend so etwas wäre sieht man an Menschen, die aufgrund einer Mutation keine Schmerzen haben. Wir brauchen keinen tatsächlichen „Wunsch zu überleben“, wenn wir uns unwohl fühlen bei Risiken und Gefahren und Schmerzen vermeiden wollen.

  • Hatten sie schon einmal den Drang, ihre Gene weiterzugeben? Vermutlich nicht – denn sie haben vermutlich noch nie den intuitiven Drang verspürt, eine Samenbank zu besuchen und Sie finden vermutlich auch die Vorstellung eher seltsam und nicht in spezifischer Weise befriedigend, daß eine Frau, die sie nicht kennen, von ihrem Sperma schwanger wird.

Auch hier baut Elmar ein Scheinproblem auf, welches Laien häufiger bringen: Wir haben keinen Fortpflanzungstrieb, weil das keine umsetzbare Handlung ist, sondern einen Sexualtrieb, der auf eine Handlung ausgerichtet ist, die unter evolutionär relevanten Bedingungen zu einer Fortpflanzung führt. Die Fortpflanzung ist der „ultimative Grund“ , aus dem die Selektion auf den Sexualtrieb stattgefunden hat. Der Grund hierfür ist auch recht einfach: Wie sollte eine Selektion auf „Fortpflanzungsverhalten“ denn sonst aussehen? Die Frage dann wiederum, ob wir schon mal den „Drang hatten Sex zu haben (weil dies unter evolutionär relevanten Bedingungen die Handlung ist, mittels der man sich fortpflanzt)“ werden aber wohl die meisten Leute jenseits der Pubertät bejahen.

  • Spürten sie schon einmal die schemenhaft bewußte Tendenz zu einer bestimmten Verhaltensvariante – z.B. Verzicht auf Verhütung – gegenüber einer anderen, weil sie die unerklärliche Gewißheit verspürten, daß diese Sie der Vaterschaft näherbringt? Vermutlich nicht – und wenn doch, dann waren Sie wohl in irgendeiner besonders verzwickten Lage und haben sich die Sache daher explizit überlegt oder Sie waren einfach nur erregt und haben gar nichts gedacht, sondern wollten einfach nur mit jemandem schlafen.

„Sie wollten nur mit jemanden schlafen“ ist in der Tat richtig. Was aber daran das „Nur“ ist, wenn man nur ein wenig von evolutionäre Biologie und Sexualaufklärung verstanden hat, wäre interessant. Eine effektive Verhüttung besteht eben erst bei evolutionärer Betrachtung seit Nanosekunden, also einer verschwindend geringen Anzahl von Generationen.

Soziobiologen müssen daraufhin einen Haken schlagen und antworten, daß keinerlei Bewußtsein der evolutionären Konsequenzen des eigenen Handelns erforderlich sei – solange diese eben nur einträten.

Das ist schlicht eine Folge davon, dass Gene nur zu einem Handeln, nicht zu „Konsequenzen eines Handeln“ selektiert werden können, auch wenn die Konsequenzen des Handelns natürlich das Merkmal der Selektion darstellen. Alles andere würde einen denkenden, vorausplanenden Prozess bedeuten. Etwa: „Sex ist nicht sicher genug, weil Menschen eine Verhütungsmethode entwickeln könnten, demnach müssen Menschen mit einem intuitiven Wissen um die Prozesse der Fortpflanzung versehen werden, die Sex daraufhin analysieren, wie sicher eine Verbindung von Sperma und Ei ist“. Dies wiederum müsste abstrakt umgesetzt werden, also für zukünftige Umstände, auf die eine Selektion nicht stattfinden kann. Etwas konkreter: Beim Dodo hätte ein vorausschauender Selektionsprozess der Art, wie er Elmar anscheinend vorschwebt, erkannt, dass ein „richtig umgesetzer Überlebensinstinkt“ nur dann besteht, wenn man auch den Umstand einplant, dass irgendwann Leute mit einem Schiff anlanden, für die man dann leichte Beute ist. Wie wir wissen fand auch hier eine Selektion auf Verhalten statt, bei dem die Vorteile, die kostenintensive Brustmuskulatur loszuwerden, sich durchgesetzt haben.

Sie ziehen sich mit folgenden Platitüten aus der Affäre:

Interessanter wechselt Elmar hier das Beispiel zu einem anderen Extrem statt etwa zu ergründen, wie eine Selektion bei seinen Beispielen Gefahren verringern könnte. Er wäre dann wahrscheinlich auch auf 1. Angst und Schmerz 2+3. Sex gekommen, was seine Argumentation vollends zerstört hätte.

  • Selbstaufopferung in Gemeinschaften sei nur eine Realisation von unbewußtem (und deshalb empirisch unzugänglichem) und verstecktem Eigennutz, da eben doch unbewußt mit einer Belohnung gerechnet würde – man sei eben nicht unumschränkt Herr im eigenen Haus. Als Faustregel gelte, daß kein Lebewesen in andere investiere, ohne irgendeine, wenn auch oft nur indirekte, Belohnung dafür zu erhalten: das Prinzip Eigennutz sei allgegenwärtig – wenn auch nicht immer beobachtbar.

Auch hier greift er leider nicht die tatsächlich vertretenen Erklärungen auf:

  • Do ut des: Gutes tun, damit andere dir Gutes tun
  • Kooperation: Zusammenarbeiten, damit man dadurch mehr erzielen kann als der einzelne es allein könnte
  • Signalling sowohl in Hinblick darauf, dass sich eine Zusammenarbeit mit einem lohnt als auch als Zeichen eigener Stärke
  • Verwandtenselektion

Natürlich sind dies. letzteres unter dem Gesichtspunkt egoistische Gene, alles Formen von Eigennutz. Allerdings braucht es aber eben dazu keinen konkreten Nutzen in der eigentlichen Interaktion, diese kann auch in anderen Interaktionen erst auftreten.

Der Grund, warum ansonsten eine Selbstaufopferung schwierig ist und eine Selektion gegen sich hätte sind Trittbrettfahrer. Es wäre immer günstiger der Trittbrettfahrer (oder auch: Parasit) zu sein als derjenige, der die Kosten trägt.

Etwas weniger tendentiös formuliert: Ist die von den Soziobiologen konstruierte global-teleonome Rationalität nunreal und in den Menschen wirksam oder nicht? Unterliegen Menschen in ihrem Verhalten wirklich den Kräften der Evolution oder ist es nur so, daß sie sich in einer Weise verhalten, die am Ende einer Menge komplexer Vorgänge Effekte hat, welche auch dann auftreten würden, wenn die Menschen von einer global-teleonomen Rationalität geleitet werden würden – aber in der Realität gar nicht werden? Ich nenne dies die Frage nach dem Realismus der Rationalität.

Da wird ein Gegensatz aufgebaut, der so gar nicht vorhanden ist: Natürlich ist die Entscheidung eines Menschen ein komplexer Vorgang, die Biologie determiniert nicht das Verhalten und innerhalb des integrierten Modells spielt die Biologie und die Sozialisation eine Rolle. Das bedeutet aber nicht, dass man die Biologie ausblenden kann, weil sie Grenzen vorgibt und die Sozialisation diese dann eben ausgestaltet. Das Problem ist schlicht, dass Elmars Modell geradezu binär ausgelegt ist und mit Verhaltensanteilen und Tendenzverstärkungen kaum umgehen kann. In einem Modell, in dem ein bestimmtes Verhalten einen bestimmten Wert Punktwert aus der Biologie bekommt und einen anderen aus dem Sozialen und freie Entscheidung bedeutet, dass man das Verhalten mit dem höchsten Wert durchführen möchte wirkt sich eine Wertzuweisung aus der Biologie natürlich aus.

  • Diese zweite Variante ist eine sehr ernste Alternative, weil sie besagt, daß der evolutionäre Erfolg eine emergente Eigenschaft eines komplexen und rückgekoppelten Systems aus kognitiv begabtem Individuum, endlicher Population, Genen und Umweltbedingungen ist, während die Soziobiologie den evolutionären Erfolg als direkte Konsequenz der einzelnen Handlungen Einzelner sieht – was es ihr ermöglicht, das Verhalten (wenigstens zum Teil) durch die Bedingungen seines evolutionären Erfolgs via Eigennutz zu analysieren. Die Soziobiologie lehnt emergente Eigenschaften keineswegs ab, aber das Prinzip Eigennutz würde in diesem Fall als tool für die Verhaltenswissenschaft unbrauchbar werden: Die Soziobiologie müßte sich neu erfinden.

Elmar hat also weder das integrierte Modell verstanden noch das egoistische Gen und was man unter „Eigennutz“ versteht. Damit kann er auch die Soziobiologie nicht verstehen. „Emergente Eigenschaft“ finde ich übrigens immer eine unnötig hochtrabende Formulierung. Grundsätzlich geht es dabei um die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente:

Dabei lassen sich die emergenten Eigenschaften des Systems nicht – oder jedenfalls nicht offensichtlich – auf Eigenschaften der Elemente zurückführen, die diese isoliert aufweisen. So wird in der Philosophie des Geistes von einigen Philosophen die Meinung vertreten, dass Bewusstsein eine emergente Eigenschaft des Gehirns sei. Emergente Phänomene werden jedoch auch in der Physik, Chemie, Biologie, Psychologie oder Soziologie beschrieben. Synonyme sind Übersummativität und Fulguration. Analog zur Ausbildung von Eigenschaften spricht man bei der Eliminierung von Eigenschaften von Submergenz

Ich habe immer das Gefühl, dass sich dahinter der Versuch verbirgt, den Vorgang etwas mysteriöser darzustellen als er sein muss um so der „biologischen Kränkung“ zu entgehen. Die meisten Entscheidungen – auch logische – entstehen aus einer Gemengelage von verschiedenen Vor- und Nachteilen, die man in irgendeiner Weise wertet ohne die genauen Wertungen tatsächlich zu erfassen. Was daran liegt, dass wir die genauen Berechnungen im Gehirn (noch) nicht verstehen, sondern häufig nur das Endprodukt als Bauchgefühl wahrnehmen. Tatsächlich werden letztendlich alle Faktoren in das System Gehirn eingespeist und dort einer „Datenverarbeitung“ zugeführt.

Eine solche Entscheidung über den Realismus in der Soziobiologie kann natürlich nicht so mal eben getroffen werden, aber man darf dieses Problem keinesfalls vergessen – was ich auch nicht tun werde. Mit Frage nach dem Realismus von Rationalität hatten wir bereits zwei Mal Kontakt:

  1. Einmal in Form der direkten Entsprechung von einzelnen zerebralen und einzelnen intention Zuständen:Damals ging es um die Frage der wissenschaftlichen Haltbarkeit des Repräsentationalismus. Die Sache ging so aus, daß der Repräsentationalismus – das Computermodell der Geistes – zurückgewiesen wurde zugunsten des nicht-reduktiven Physikalismus.
  2. Und ein anderes Mal bei Dennetts Aufspaltung der empirisch-normative Theorie der Alltagspsychologie in die die realistische sub-personal-cognitive-psychology (SPCP) und die realismusfreie pure intentional system theory (IST).

Auch in den Bereichen ist das Hauptproblem, dass Elmar weniger auf konkrete Meinungen eingeht, sondern eher auf seine Vorstellungen davon, was bestimmte Meinungen besagen sollten.

Das Realismusproblem der global-teleonomen Rationalität wird von der Soziobiologie bisher nicht verstanden, ist aber definitiv aus hauseigener Produktion:

  • Auf der einen Seite behaupten Soziobiologen explizit, daß sie nur Wahrscheinlichkeitsaussagen über Vorkommnisse von Verhalten aufstellen würden. Solche Aussagen lassen aber die Ätiologie des Verhaltens offen, d.h. sie sind auch dann wahr, wenn das Verhalten zwar mit der angegeben Wahrscheinlichkeit vorkommt, aber die Gründe und die Entstehung völlig unerwartet sind.

Biologen stellen Punkte dar, aufgrund denen eine Entscheidung für ein bestimmtes Verhalten attraktiver wird, also ein höheres Gewicht in dem Entscheidungsprozess erhält. Dadurch erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, aber es ist nicht nur eine Wahrscheinlichkeitsaussage. Die Ursache (das Gehirn ist auf eine bestimmte Weise ausgestaltet, die bestimmtes Verhalten attraktiver werden lässt) erhöht aufgrund dieser höheren Motivation dann die Wahrscheinlichkeit, dass man sich auch so verhält. Verhalten ist eben kein Zufallsereignis. Es ist eine Gemengelage verschiedener Interessen und ihrer Gewichtung. Sowohl in die Frage, was ein Interesse ist als auch in die Frage, wie man es gewichtet spielt die Biologie hinein, aber auch weitere Faktoren. Da die weiteren Faktoren und ihre Gewichtung komplex ist ist auch das Ergebnis nicht abschließend vorherzusagen. Wir kennen eben nur einen gewichtigen Faktor in der Gleichung.

Vielleicht kann man es mit anderen Preisbestimmungen vergleichen:

Nehmen wir an die Herstellungskosten eines Produkts sind 600 €.

Dann spricht vieles dafür, dass der Käufer es nicht für ein Angebot von 500 € verkaufen will. Den damit würde er sich auf Dauer ruinieren. Es kann aber sein, dass er es für 500 € verkaufen will, wenn er jetzt Geld braucht und mit den 500 €, wenn er sie sofort hat, in einem anderen Geschäft 1000 € machen kann. Er wird es auch an den Mafiaboss für 500 € verkaufen, wenn dieser andeutet, dass der Schulweg seiner Tochter sehr gefährlich ist. Und er wird es mit höherer Wahrscheinlichkeit für 1.000 € verkaufen, aber eben nicht, wenn ihm ein anderer 1.200 € bietet oder der Preis in Zukunft auf 5.000 € steigen wird. Vielleicht verkauft er sogar lieber für 600 €, weil er nicht in den Ruf kommen möchte, Leute mit Wucherpreisen auszunehmen und ihm sein Ruf mehr bedeutet.

Elmar sagt nun, dass die These „er wird über 600 € eher verkaufen, unter 600 € eher nicht und mit der Höhe des Preises wird ein Verkauf wahrscheinlicher“ schlicht eine Wahrscheinlichkeitsaussage ist, die die Ursache für die tatsächliche Entscheidung offen lässt. Das Element „Weil er einen Herstellungspreis von 600 € hat wird“ fällt damit aus der Betrachtung heraus und ist belanglos.

Nehmen wir nur beispielsweise die Studie von Udry:

Udry Testosteron und Erziehung

Hier sieht man, dass Mädchen mit einem hohen pränatalen Testosteronspiegel wesentlich schwerer zu „weiblichen Verhalten“ zu bewegen sind. Sie haben dafür sehr hohe „Herstellungskosten“ und die „Belohnung“ in Hinblick darauf, dass sie sich wohlfühlen fällt gering aus. Um so weiblicheres Verhalten man von ihnen verlangt um so weniger lukrativ ist das Verhalten für sie. Bei Mädchen mit einem besonders niedrigen pränatalen Testosteronspiegel sind hingegen die „Herstellungskosten“ gering und die Belohnung hoch, sie haben insofern einen hohen Gewinn, wenn sie diesem Verhalten nachgehen. Bereits mit geringen „Angeboten“ sind sie motiviert zu „verkaufen“, also Verhalten in die Richtung zu zeigen. Natürlich könnten sie sich auch dagegen entscheiden. Das Angebot erscheint ihnen aber wesentlich attraktiver als ein anderes Verhalten. Es besteht also kein Grund für eine andere Entscheidung.

  • Auf der anderen Seite aber sehen die Soziobiologen eine große Herausforderung in individuellen Verhaltensweisen, die der Neigung zur Sicherung der eigenen reproduktiven Eignung ganz offensichtlich widersprechen wie z.B. Selbstmordattentäter. Das ist aber eigentlich gar kein Problem, solange solche Verhaltensweisen selten sind und wird nur dann zum Problem, wenn eigentlich mehr als eine Wahrscheinlichkeitsaussage gemacht werden soll

Und der entscheidende Punkt daran ist, daß Soziobiologen zwar selbst versichern, daß z.B. Selbstmordattentäter zwar selten vorkämen, ihr Verhalten aber dennoch nicht von der Soziobiologie ignoriert werden dürfe, sondern durch via Eigennutz entschärftem Altruismus erklärt werden müsse (F.M. Wuketits: Was ist Soziobiologie? 2002)

Die Erklärung, die Wuketits unter der angegebenen Stelle angibt, hat Elmar dann erst einmal gar nicht behandelt. Sie scheint mir etwas in Richtung „Gruppenselektion“ zu gehen und ich würde sie insofern ablehnen. Auch hier wirkt sich aber wieder aus, dass Elmar sich mit den eigentlichen Gründen wie oben angeführt nicht auseinander gesetzt hat. Gehen wir die oben angeführten Gründe durch:

  • Do ut des: Gutes tun, damit andere dir gutes tun

Hier kommt der religiöse Aspekt hinein, den ich bereits in diesem Artikel angeführt habe. Wer es schafft, dass er ein „ewiges Leben nach dem Tod“ annimmt, der verändert die Kostenrechnung. Das bei der Religion mit den gegenwärtig meisten Selbstmordattentätern, dem Islam, gemachte Angebot, im Jenseits 72 fruchtbare Frauen zu erhalten lässt das Angebot evolutionär sogar sehr günstig erscheinen (mit dem Haken, dass es von falschen Voraussetzungen ausgeht und es kein Leben nach dem Tod gibt). Bei einem tatsächlich Gläubigen gilt „Drücke diesen Knopf und du erhältst Fortpflanzungsmöglichkeiten mit 72 Frauen an einem anderne (leider imaginären) Ort“

  • Kooperation: Zusammenarbeiten, damit man dadurch mehr erzielen kann als der einzelne es allein könnte
  • Signalling sowohl in Hinblick darauf, dass sich eine Zusammenarbeit mit einem lohnt als auch als Zeichen eigener Stärke

Ich fasse diese beiden Punkte zusammen, weil „Opfer bringen für die Gemeinschaft“ natürlich stark damit zusammenhängt, eine Kooperationsfähigkeit zu signalisieren und auf dieses Gefühl, dass wer der Gruppe würdig sein will eben auch bereit sein muss, sich für alle im Namen seinen Gott zu opfern (und dann im Paradies entlohnt zu werden) ein wichtiger Punkt ist. So starke Gruppensolidarität zu zeigen ist in dem Fall ein Zeichen von Stärke und Wert, man bringt das „höchste Opfer“ und steigt damit ihm Status (mit dem Ticket zum Paradies)

  • Verwandtenselektion

Natürlich bringt ein Selbstmordattentat auch in vielen Kreisen vorteilhaft für die Familie (indem es „Ehre“ bringt) und es kann ebenso vorteilhaft sein, seine Kinder einer entsprechenden Gehirnwäsche zu unterziehen.

Natürlich kommt ein weiterer bereits oben angesprochener Punkt dazu: Sprengstoff und das Drücken eines Knopfes macht die Selbstopferung abstrakt und ist ein Verhalten, gegen das die Evolution kaum etwas entwickeln konnte. Die üblichen Schutzmechanismen wie Angst und Schmerz greifen hier weit weniger bzw. können eher überwunden werden, weil es eben nur eine kurze Überwindung erfordert und „Drücken eines Knopfes“ eher gedanklich mit einem anderen Inhalt wie „Übergang ins Paradies“ verbunden werden kann. Müsste sich ein Selbstmordattentäter ein Bein absägen, um sich in die Luft zu jagen oder einen weniger abstrakten Vorgang durchführen, der insbesondere länger andauert (etwa den Knopf 30 mal im Abstand von 5 Minuten drücken, während ihm sein eigener Tod und die Nichtexistenz Gottes vor Augen geführt wird) hätten wir weniger Selbstmordattentäter.

Tja … wieviel Realismus in Sachen global-teleonomen Rationalität darf es denn nun sein? Diese Schlampigkeit ist den Biologen selbst übrigens schon lange ein Dorn im Auge und schlug sich in der nurture kinship-Debatte nieder.

In der „Nurture-Kinship“ Debatte geht es darum, ob soziale Bindungen nur über Verwandtschaft oder durch soziales Verhalten entstehen („Blut ist Dicker als Wasser“). Tatsächlich ist der „Verwandtschaftserkennungsmechanismus“ nicht in der Lage, tatsächliche Genanalysen anzustellen (wer hätte es gedacht), sondern vermutet Verwandtschaft insbesondere aufgrund von „um einen herum sein in den ersten Lebensjahren“ und weitere Faktoren wie Ähnlichkeit etc. Auch hier scheint mir einfach das Fehlverständnis von Elmar schuld daran zu sein, dass er hier einen „Dorn im Auge der Biologen“ sieht.

Wenn die Soziobiologie ihren metaphysischen Anspruch auf Letztbegründung einlösen will, brauchen wir natürlich so viel Realismus wie möglich – was übrigens eine der entscheidenden Gelenkstellen ist, an denen der Biologismus entsteht:

  • Erhöht man den Realismusgehalt nach gusto, dann sind z.B. Mode und Kosmetik auf einmal Signale, die eine reproduktive Eignung anzeigen sollen. Der Punkt ist: Das kann bei verschiedenen, einzelnen Individuen wirklich von Zeit zu Zeit der Fall sein, aber erstens kann es auch ganz andere Gründe dafür geben, zweitens können diese anderen Gründe sehr häufig sein und drittens es gibt keinen Grund, warum es im Sinne eines Widerstandes gegen die evolutionär vorgegebene, menschenliche Natur psychisch schwer sein soll, entweder seine Gründe für dieses Verhalten zu wechseln oder das Verhalten selbst zu ändern.

Ups … und schon ist die Erklärungskraft der Soziobiologie für intentionales Verhalten dahin, denn sie schwindet offenbar im Alltag präzise mit einem abnehmendem Realismus und schrumpft zu einer Vorhersage unbestimmter Wahrscheinlichkeit zusammen, weil – Voraussagen sind keine Erklärungen. Nimmt der Realismus und damit die Voraussagesicherheit aber zu, so nimmt auch der Grad an genetischer Determinination im Verhalten zu und zwar trotz des methodischen Individualismus bei allen Individuen derselben Population gleichförmig.

Das ist der alte Fehler von Elmar auf einen strikten Kausalitätsbegriff abzustellen, der Motivationen nicht einbeziehen kann.

Ich versuche es nochmal an einem zweiten Beispiel zusätzlich zu dem obigen zu erläutern:

A hat die Möglichkeit den Weg 1 oder den Weg 2 zu gehen. Der Weg 2 kostet ihn 1 Stunde und der Weg 2 kostet ihn 2 Stunden. Er wählt also üblicherweise ganz rational Weg 1. Nunmehr bietet ihm B an für die Wahl des Weges 2

a) 10 €

b) 100 €

c) 10.000 €

d) 100.000 €

zu zahlen.

Wir können nun Voraussagen machen, wie A sich jeweils entscheiden wird. Richtig ist, dass zB die Voraussage, dass sich A bei dem Angebot d) für den Weg 2 entscheiden wird, keine Erklärung ist. Die Erklärung ist, dass ihm 100.000 € geboten worden sind und das für eine Stunde Umweg ein gutes Geschäft ist. Elmar kann in seiner recht simplen Gleichung die 100.000 € nicht unterbringen, weil er verkennt, dass die Grundlagen der Wahrscheinlichkeitskalkulation gleichzeitig Erklärungen für das Verhalten sein können. Das ist ein recht normaler Umstand bei der Betrachtung menschlichen Verhaltens und in der Betrachtung von Umständen, denen keine Entscheidung zugrundeliegt sicherlich anders: Wenn man die Frage klären will, warum eine in die Luft geworfene Münze auf Kopf oder Zahl landet, dann ist die Voraussage in der Tat keine Erklärung. Wenn man aber eine Motivation für ein Verhalten betrachtet, dann ist der Umstand, der diese Motivation bedingt, natürlich auch für die Frage, warum sich jemand auf eine bestimmte Weise verhält relevant.

Bei dem obigen Beispiel liegt keine Determination vor – A kann sich frei dafür entscheiden, die 100.000 Euro abzulehnen, etwa weil er sich seinen Weg von niemanden vorschreiben lassen will, selbst wenn das Verhalten aus Sicht vieler irrational wäre. Er kann auch andere Gründe haben, die für ihn die 100.000 € uninteressant machen ( er ist selbst Milliardär, der Weg 2 weist Gefahren auf, sein Kind wird in einer Stunde zur Welt kommen und das zu erleben ist ihm wichtiger als 100.000 €). Aber das alles lässt die Motivation nicht verschwinden. Auch werden die meisten Leute – wenn man sonstige Umstände weglässt – zugestehen, dass mit steigenden Angebot des B die Wahrscheinlichkeit immer größer wird für ein bestimmtes Handeln des A. Über eine Theorie, die darauf abstellt, dass die Angebote des B unbeachtlich sind, weil sie nur eine Wahrscheinlichkeit erhöhen, aber nicht determinierend sind würde man wohl nur müde den Kopf schütteln.

Das wir bereits Motivation (als Drang einem bestimmten Weg zu folgen) empfinden können ist dabei aber bereits ein hoch biologischer Vorgang. Wir erleben das beispielsweise bei dem Anblick von Süssigkeiten innerhalb einer Diät: Es ist logisch eine sehr einfache Entscheidung, die Süssigkeiten nicht zu essen, da die Kalorienzufuhr unseren logischen Zielen der Gewichtsabnahme nicht dienlich ist. Dennoch verspüren wir eine Handlungsmotivation und unser Gehirn erzeugt vielleicht sogar noch die passenden Ausreden, damit das logisch klingt (“ es ist eine besonders leichte Schokoladensorte, du wirst nur ein Stück essen, man muss sich auch mal für die vergangenen Tage entlohnen“ etc). Die Schokolade mag uns plötzlich als 10.000 € Versprechen für den etwas längeren Weg erscheinen. Einfach, weil unsere Biologie eine steinzeitliche Wertung von der Verfügbarkeit von Nahrung, insbesondere Zucker und Fett, hat.

  • Das ist besonders erstaunlich, denn wenn die Gene Verhaltenstendenzen vererben, sich aber die genetische Ausstattung der Individuen unterscheidet, warum sollte dann nicht auch der Grad des genetischen Determinismus unter den Individuen variieren? Schließlich ist „unflexibel“ ja auch eine Eigenschaft, ein Muster und eine Verhaltenstendenz und „vererbt aus genetischen Gründen kein Verhalten“ sollte in den Augen der Soziobiologe eine biologische Eigenschaft mit enormen Konsequenzen für die Reproduktionsrate sein. Kritiker der Soziobiologie hatten schon immer das Determinismusproblem im Visier – doch ihre Argumente waren bisher nicht scharf genug, weil die Lösung der Rätsel um den Determinismus zu den schwierigsten und hartnäckigsten in der Philosophie gehört.

Natürlich variert auch die Stärke von Tendenzen unter den Menschen, vergleichbar mit vielen anderen biologischen Faktoren. Aber was soll das Aussagen? Körpergröße ist zB ein Wert mit einer gewissen Schwankungen und starker Vererbbarkeit, dennoch sehen wir gewisse Korridore: Wenige Menschen sind unter 1,40 oder über 2,20, die meisten Menschen bewegen sich um einen gewissen Durchschnitt und Männer sind im Schnitt größer als Frauen. Ebenso gibt es bei Verhaltensausprägungen bestimmte Verteilungen mit gewissen Häufungen und Normalverteilungen, nach denen große Abweichungen eher selten. Das alles ist in der Biologie auch nicht ungewöhnlich, denn verschiedene Ausprägungen können eben für besondere Lagen oder Situationen Vorteile bieten. Beispielsweise kann ein Mann eher auf eine Kurzzeitstrategie ausgerichtet sein, also darauf, mit möglichst vielen Frauen zu schlafen und keine exklusiven Bindungen einzugehen. Dies ist eine riskantere Strategie, die aber viel Erfolg bringen kann etc. Ich hatte dies in dem ersten Artikel auch bereits an dem Beispiel der Tauben und der Falken dargelegt und es war auch innerhalb der evolutionären Theoriewoche ein eigenes Thema unter den Stichwörtern „Genpool, Variation und Kosten der Spezialisierung

Das alles macht es unvermeidbar, daß sich die Soziobiologie sich wie Odysseus zwischen Skylla und Carybdis ihrerseits zwischen Irrelevanz und Determinismus hindurchwinden muß – was normalerweise ein Indiz für eine systematische Fehlkonstruktion ist.

Oder so grobe Fehler zu finden könnte darauf hindeuten, dass man die Theorie selbst falsch verstanden hat. Es könnte helfen, wenn man dann einfach mal ein paar komplexere Bücher zu dem Thema liest. Ich empfehle diese hier.

Soziobiologie (Besprechung von Elmars Artikel, Teil 1)

Elmar hat eine kurze Zusammenfassung über Thesen aus der Soziobiologie geschrieben, die sich für eine Besprechung anbietet, weil in ihr eine Vielzahl von Problemen aufgeworfen werden und auch einige typische Verständnisproblemeauftauchen.

Niemand will wertvolle Zeit damit verschwenden, sich mit dummen und falschen Ideen auseinander zu setzen, aber dennoch muß man verstehen, was der Gegner behauptet. Und dafür reicht es in der Regel nicht, ihm zuzuhören: Bedauerlicherweise gehört die Soziobiolgie, deren Verzerrungen den Biologismus hervorgebracht haben, in weiten Teilen des Maskulismus zum Standard – was auch daran liegt, daß es z.B. in Sachen Geschlechterrollen an anderen Alternativen zum Feminismus fehlt. Der post referiert lediglich in kompakter Form, was es zu wissen gibt.

Dass sich die Soziobiologie immer mehr durchsetzt liegt nicht daran, dass es keine Alternativen gibt, sondern eher daran, dass sie einfach gegenwärtig die Theorie ist, die wissenschaftlich am besten belegt ist.

 Das soziobiologische Paradigma

1948 wurde anläßlich eines interdisziplinären Symposiums in New York nach Verbindungslinien zwischen den verschiedenen. verhaltenserklärenden Disziplinen gesucht und dabei die Idee einer Soziobiologie geboren, die durch vergleichende Arbeiten Verhaltensgesetzmäßigkeiten finden sollte, welche für alle Lebewesen gültig sind. Das erste bahnbrechende Buch dazu war Sociobiology – The New Synthesis (1975) des Zoologen E. O. Wilson, der behauptete, daß die menschlichen Sozialstrukturen im wesentlichen den tierischen isomorph und selbst das Moralverhalten auf evolutionäre und genetische Grundlagen zurückzuführen seien. In On Human Nature (1978) hat er seine Thesen weiter ausgebaut.

Wilson hat einiges an Aufsehen mit diesem Buch erreicht und er wurde für seine Thesen, die viele aufgrund der biologischen Kränkung als einen Angriff auf das Besonere des Menschen sahen, stark angegriffen. Dabei ist der Gedanke eigentlich recht schlicht und liegt auf der Hand: Wenn wir durch Evolution entstandene Wesen sind, dann müssen wir viele Parallelen zu unseren Verwandten, also zu anderen Tieren bei uns finden. Wilson zeigte sie in seinem Buch systematisch auf und das erstchreckte die Leute. Wie jeder weiß, der solche Theorien vertritt, ist das auch noch heute der Fall. Es beängstigt Leute, wenn man ihnen das Tierische im Menschen zeigt und zeigt, dass viele Strukturen noch vorhanden sind, sie fallen uns nur nicht so stark als die gleichen tierischen Strukturen auf, weil wir uns über diesen stehend sehen.

Die Soziobiologie sieht sich danach selbst als eine genetische Theorie des Verhaltens und damit als Subdisziplin der Verhaltensbiologie (siehe: T. Weber, Soziobiologie, 2003). Sie beruht auf der Annahme, daß das Sozialverhalten eine wesentliche Rolle in den Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungsbemühungen der einzelnen Organismen spielt, und daher der optimierenden Kraft der natürlichen Evolution unterliegt – weshalb die Evolutionsbiologie der größere Rahmen für die Soziobiologie ist.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass diese Theorie so viel Widerstand hervorruft. Wir sehen für eine Spezies typisches Verhalten bei allen Tieren und akzeptieren dort weitestgehend, dass es dort Biologie und allenfalls zu einem geringen Teil Kultur ist. Einem Tier nicht zu ermöglichen, dass es „seiner Natur nach“ lebt, gilt als grausam genau aus diesem Grund. Uns ist auch bewusst, dass an diese Natur durchaus kulturell formen und ausgestalten kann, was zum Beispiel bei jeder Zirkusnummer mit Löwen geschieht, bei denen der Dompteur als das neue Alphamännchen das Rudel übernimmt und von den anderen bestimmte Handlungen aufgrund dieser Rangfolge und aufgrund von Belohnungen verlangt.

Wir sehen viele Verhaltensweisen, die wir auch bei uns feststellen können, bei Tieren und ordnen sie da recht unproblematisch der Biologie zu. Ein wirklicher Grund dafür, dies dann nicht auch beim Menschen zu machen, besteht nicht.

Die Annahme, dass Verhalten ihr Grundlage in der Biologie hat, ist auch keine rein theoretische. Sie wird in vielen anderen Bereichen der Biologie und auch der Medizin bestätigt. Die Verhaltensgenetik beispielsweise hat über beispielsweise Zwillingsstudien oder Adoptionsstudien entsprechendes herausgefunden und in der Medizin haben gerade eine Vielzahl von „Sonderfällen“ wie beispielsweise auch CAH-Mädchen vieles zum Verständnis der Biologie des Menschen beigetragen und auch deutlich gemacht, dass hier die gleichen Modelle angewendet werden können, die man auch bei anderen Tieren vorfindet.

Die Selbsterhaltung und die Fortpflanzungsbemühungen als wesentlichen Faktor anzugeben ist dabei etwas irreführend. Denn oberster Grundsatz ist eben, worauf Elmar auch später noch eingeht, die Weitergabe der Gene in die nächste Generation bzw. in viele weitere Generationen. Evolution spielt sich nur dann ab, wenn es um genetische Faktoren geht, die diesen Umstand betreffen. Selbsterhaltung ist damit kein absoluter Faktor, sondern steht in einer gewissen Konkurrenz mit anderen günstigen Faktoren: Es kann sich zwar nur fortpflanzen, wer lebt, aber vorsichtig zu sein kann einem andere günstige Chancen nehmen. Ebenso ist daher „Fortpflanzungsbemühungen“ ein ungünstiges Wort, weil das Verhalten nur dann relevant ist, wenn es auf genetischen Faktoren beruht oder wenn es zu einer Konkurrenz führt, die einen genetischen Selektionsdruck hervorbringt.

Die Folge ist, daß der Umstand, daß viele Lebewesen in Gruppen leben und ein gruppenspezifisches Verhalten entwickeln, ebenso wie das Verhalten der Individuen nach nichts weniger als einer Erklärung durch natürliche Kausalrelationen verlangt – ohne jedoch einem genetischen Determinismus zuzustimmen, emergente Phänomene zu leugnen oder dem Reduktionismus zuzustimmen.

Elmar hat leider die Tendenz zu solchen Sätzen, bei denen er Behauptungen aufstellt, die seiner Theorie dienlich sind und die bestimmte Richtungen für diese Theorien vereinnahmen, ohne sie wirklich zu begründen. Er arbeitet sehr stark mit einem Gruppendenken, welches nahezu alle seine Ausführungen durchzieht. Auf der einen Seite seine Theorien, die er unter immer neuen Namen vertritt, sei es der fundamentalistische oder der analytische Maskulismus, auf der anderen Seite die, die keine Ahnung haben und deren Theorien mit der Wahrheit unvereinbar sind, beispielsweise die Maskulisten. In seiner Darstellung sind die tatsächlichen Wissenschaften immer auf seiner Seite, stellt man dar, dass diverse Ansichten anderer Wissenschaftler nicht mit seinen Auffassungen in Einklang zu bringen sind, dann werden auch diese zu den Bösen.

Man sieht das beispielsweise an der Weise, wie er Dawkins in diesem Text darstellt. Momentan scheint mir Elmar in der Biologie auf der Suche nach etwas zu sein, was er in dieses Schema einordnen kann. Mitunter scheint er mir dabei schlicht nach „Gegenstimmen“ zu der in der Biologie etablierten Meinung zu suche, deren Gegenargumente er verwenden kann. Eine wirkliche Beschäftigung mit diesen Meinungen und ein wirklicher Abgleich, welche seiner Positionen er aufgeben müsste, wenn er sich auf diesen neuen Weg begibt, scheint er mir dabei nicht vorzunehmen, er greift eher bestimmte Argumente heraus, die er dann stichwortartig entgegenhält ohne sie wirklich darzustellen oder ihre Stellung in der Diskussion zu ermitteln, also sich wirklich damit zu beschäftigen, was für und was gegen sie spricht. Einige von ihnen tauchen auf, man bringt die Gegenargumente, und man hört nie wieder von ihnen. Das Neueste war das nur angedeutete Argument zur Anzahl der Gene. Das die andere Seite darauf bereits erwidert hatte, dass es ein eher schwaches Argument ist, dass alles interessiert ihn gar nicht oder hindert ihn jedenfalls nicht daran, dass Argument entsprechend als absolutes Argument darzustellen. Das ist in gewisser Weise ein Vorteil seiner Texte, weil es mir so Material bietet, bestimmte Punkte klar zustellen, es macht Diskussionen mit ihm aber sehr mühsam, weil eine Vielzahl seiner Argumente eben nur angedeutet werden und er selbst sie nie ausführt. Es kommen nur vage Andeutungen, dass beispielsweise „das X-Projekt das bereits widerlegt hat“, die auch auf Nachfrage nicht weiter ausgeführt werden.Weitere typische Elemente sind Sätze wie der Satz oben, die folgenden Schema folgen „Es ist hier so und so, was die von mir dargelegten wichtigen Grundsätze nicht verletzt“. Eine Begründung, warum diese wichtigen Grundsätze hier unangetastet bleiben, kommt aber nicht. Dabei wäre es in vielen Fällen durchaus interessant: Mir beispielsweise ist keineswegs klar, wie Elmar diese Prinzipien in der Soziobiologie eingehalten sieht.

Der Soziobiologie geht es beispielhaft um folgende Fragen:

Welche Vorteile z.B. haben die Arbeitsteilung im Insektenstaat und der Verzicht fast aller Mitglieder auf eigene Fortpflanzung? Wie kommt es, daß die Individuen einer Gruppe in oft erstaunlichem Maße kooperieren und einander helfen, gleichzeitig aber auch wiederholt in Konflikte miteinander geraten? Warum überhaupt schließen sich Individuen vieler Arten zu Gruppen zusammen, während Individuen anderer Arten als Einzelgänger leben?

Das sind in der Tat sehr spannende Fragen, auf die aus meiner Sicht die Evolutionsbiologie die besten Antworten gefunden hat.

Das Erkenntnisinteresse von Soziobiologen richtet sich auf die Aufdeckung derjenigen Kausalfaktoren und ihrer dynamischen Wechselbeziehungen, die für die Ausprägung jeweils spezifischer sozialer Verhaltenstendenzen verantwortlich sind. Aber die Aussagen der Soziobiologie sind im wesentlichen Wahrscheinlichkeitsaussagen: Soziobiologen behaupten nicht, daß sich jedes Lebewesen stets exakt nach einem bestimmten Muster verhalten muß, sondern daß es sich unter gegebenen Randbedingungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit so-oder-so verhalten wird.

Natürlich ist mit steigender Intelligenz von Lebewesen und je nach Handlung auch immer weniger eine Berechenbarkeit tatsächlichen Verhaltens gegeben. Was schon daran liegt, dass in einem Red Queen Race zwischen Jäger und Gejagtem eine absolute Berechenbarkeit ein entscheidender Nachteil wäre. Gleichzeitig sind Verhaltensspielräume vieler Insekten naturgemäß eingeschränkt. Sie haben bereits nicht die nötige Rechenleistung für „raffiniertere“ Gedanken.

Die Soziobiologie erhebt den Anspruch, tiefere stammesgeschichtliche Wurzeln und genetische Dispositionen im menschlichen Sozialverhaltens als letztbegründende Antwort auf grundsätzlichen Fragen nach dem Warum-überhaupt des menschlichen Verhalten aufzudecken – und erfüllt auf diese Weise metaphysische Sehnsüchte.

Die Erfüllung gewisser Sehnsüchte bedeutet allerdings nicht, dass die Theorien nicht zutreffend sind.

Denn der Soziobiologie geht es nicht um die Mechanismen der Verhaltenssteuerung und der Verhaltensentwicklung, die proximaten Ursachen des Verhaltens, sondern um die Funktionen von Verhaltensweisen oder ihre biologischen Angepaßtheit an evolutionäre Unabhänderlicchkeiten, die ultimaten Ursachen.

Ich finde die Abgrenzung da gar nicht so einfach: Natürlich sind evolutionäre Anpassungen unseres Denkapparates auch Mechanismen der Verhaltenssteuerung. Weil unser Gehirn auf eine bestimmte Weise aufgebaut ist und arbeitet, denken wir auch auf eine bestimmte Weise und Verhalten uns auch auf eine bestimmte Weise. Die Entschlüsselung, wie überhaupt ein bestimmter Gehirnaufbau unser Denken beeinflusse kann und wie das Gehirn in diesem Zusammenhang funktioniert, ist dann sicherlich wieder Gegenstand anderer wissenschaftlicher Disziplinen, wie etwa der Neurobiologie. Und natürlich kommt auch aus dieser ein Feedback zu evolutionären Theorien und ein besseres Verständnis der Neurobiologie wird uns auch eine Verfeinerung biologischer Theorien ermöglichen.

Natürlich muss man aber bei dem Verständnis von menschlichen Verhalten auch seine Funktion beziehungsweise seinen evolutionären Vorteil ermitteln, wenn man diese aus Sicht der Evolutionsbiologie betrachtet. So hat beispielsweise das menschliche Streben nach Status verschiedene Funktionen: Etwa die Reduzierung von internen Kämpfen durch Errichtung einer Hierarchie, die eine Einschätzung des anderen ermöglicht ohne ihn direkt angreifen zu müssen. Oder das Signalisieren wichtiger Eigenschaften, die einen auch als Verbündeter oder als Sexualpartner interessanter machen. Oder auch nur die Möglichkeit Ressourcen zu sichern, die einem aufgrund des Platzes in der Hierarchie eher zufallen. Aus dieser Funktion ergeben sich Handlungsmotivationen, die Thesen zu erhöhten Wahrscheinlichkeiten für bestimmtes Verhalten ermöglichen. Beispielsweise wird eben Signalling einer hohen Position bei Männern in der Anwesenheit interessanter Frauen eher zunehmen.

Diese metaphysischen Wünsche der Soziobiologie schlagen sich in ihrer Sichtweise auf das Verhältnis von Evolution und Individuum wie folgt nieder:

Hier wird es etwas konkreter:

methodologischer Individualismus: Das zentrale Problem aller Organismen ist das eigene, genetische Überleben. Es geht nicht um die evolutionäre Erhaltung der eigenen Art oder der eigenen Gruppe (i.e. eine früher verbreitete These der Gruppenselektion vgl. V. Wynne-Edwards: Animal Dispersion, 1962), sondern um die reproduktive Eignung jedes einzelnen Individuums nach einer evolutionären Kosten-Nutzen-Kalkulation – und zwar ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für die eigene Art oder Gruppe: Individuen, nicht Gruppen bilden in den Augen der Soziobiologie die Angriffsziele der natürlichen Selektion.

Richtig ist, dass das „egoistische Gen“ der Ausgangspunkt der Überlegungen ist und damit auch das Individuum eine wesentlich höhere Bedeutung bekommt. Die Weitergabe von Kopien der eigenen Gene, sei es über einen selbst oder durch Verwandte, ist der Weg über den Evolution stattfindet. Dazu habe ich auch bereits einiges ausgeführt ARTIKEL ERGÄNZEN

Es wäre hier sogar noch etwas präziser zu sagen, dass nicht Individuen, sondern die Gene des Einzelnen das „Angriffsziel“ bilden, denn ein Mensch kann einem beliebigen Selektionsdruck unterliegen, stellt sich bei seinen Genen keine Mutation ein, die selektiert werden kann, dann wirkt sich dieser schlicht nicht aus. Erforderlich für eine evolutionäre Veränderung ist damit zunächst eine Mutation in einem Gen, die Vorteile bietet, aufgrund denen das mutierte Gen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit weiter gegeben wird. Das macht auch deutlich, warum eine Selektion immer bei einem Gen ansetzen muss, also bei einem Individuum.

Richtig ist, dass Gruppenselektion in der Hinsicht nur eine Rolle spielt, wenn sie eine Folge des egoistischen Genes ist. Ein Gen, welches eine unkontrollierbare Mordlust gegenüber jedem Mitglied der eigenen Spezies zur Folge hätte, würde eine sehr geringe Chance haben, sich im Genpool anzureichern und damit eher eine negative Selektion erleben. Ein Gen für Zusammenhalt und Zusammenarbeit hingegen kann, wenn man einer Ausbeutung vorbeugt, durchaus für den Genträger selbst Vorteile bieten, die dazu führen, dass dieses Gen sich im Genpool anreichert. Ein egoistischen Gen kann daher höchst soziale Geschöpfe hervorbringen.

Organismen sind zwar Träger evolutionärer Angepasstheiten, nicht aber deren Nutznießer, denn der evolutionäre Nutzen phänotypischer Angepasstheit zeigt sich im Replikationserfolg der Erbinformation und nicht etwa unbedingt im Wohlergehen der Individuen oder gar Gruppen oder ganzer Arten (siehe E. Voland: Grundriss der Soziobiologie, 2013 p.10).

Hier stellt sich bereits die Frage, wie man „Nutznießer“ definiert. Natürlich ist ein Organismus mit einer Mutation, die ihm erlaubt beispielsweise als Beutetier schneller zu laufen durchaus der Nutznießer. Ebenso vielleicht ein Mensch, der eine Mutation hat, die ihn intelligenter macht und ihm erlaubt in der Gruppe aufzusteigen und soziale Vorteile zu erlangen. Allerdings hat evolutionär gesehen das Leben keinen Sinn, Mutationen treten zufällig auf und Selektionen sind die zwangsläufige Folge des Systems der Vererbung innerhalb einer Konkurrenz. Ob ein Mensch ein gutes Leben hat ist einem zufällig stattfindenen Prozess mit nachfolgender Selektion mangels Bwußtsein egal, allerdings ist das Überleben der Art genauso egal. Das Überleben der Art spielt allerdings in dem Selektionsprozess eine geringe Bedeutung, weil die Selektion schlicht nicht in die Zukunft schauen kann und daher zB bei einer Überweidung auf einer Insel nicht einplanen kann, dass man zum Wohle der Art anders handeln sollte. Evolutionär setzt sich durch, was weiterhin eigene Gene in die nächste Generation bringt, eine Selektion zugunsten fremder Gene, seien sie auch innerhalb der selben Art, ist bereits als Prozess letztendlich nicht darstellbar. Wie sollen Gene dafür angereichert werden?

Ein klassisches Beispiel dazu wäre eine Mutation zu einem „perfekten Menschen“, die aber Sterilität zur Folge hat. Selbst der glücklichste Mensch könnte (abseits der Verwandtenselektion) damit nur eine (seine eigene) Generation weit kommen.

Diese Idee, daß der Erfolg eines Gens in der Evolution nicht davon abhängt, daß es seinem Träger nützt, sondern nur davon, daß es sich selbst nützt, geht bereits auf ein paper von 1964 von W.D. Hamliton zurück und wurde von ihm voll entwickelt in Selfish and Spiteful Behaviour in an Evolutionary Model (1970). Diesen methodologischen Individualismus haben die Verhaltensökologie nach N. Tinbergen und die Evolutionspsychologie nach J. Bowlby übernommen (Smith & Borgerhoff Mulder & Hill: Controversies in the evolutionary social sciences: a guide for the perplexed. in: Trends in Ecology & Evolution, vol.16 pp. 128– 135).

Der Gedanke ist aus meiner Sicht absolut zentral für die Evolutionsbiologie und taucht insoweit bereits bei Darwin auf, wenn er auch mangels Gene als solche noch nicht kannte. Die Kombination der Evolutionsbiologie mit der Kenntnis von Genen erlaubte dann ein wesentlich besseres Verständnis der dabei stattfindenden Vorgänge und ein besseres Verständnis, dass dies die Informationen sind, die weitergegeben werden und damit sie Basis darstellen, die wichtig ist. Der Gedanke, dass es lediglich die Gene sind ist denke ich für viele im Grundsatz klar, wenn man die genaue Bedeutung aber häufig noch einmal bewußt machen muss:

Es bedeutet, dass das Leben und deren persönliche Errungenschaften des Einzelnen sich nur sehr eingeschränkt auswirken: Der Sohn eines sehr starken Schmiedes wird nur dann ebenfalls eine Veranlagung zur Stärke haben, wenn der Schmied diesen Beruf seinerseits ergriffen hat, weil er eine genetische Veranlagung für körperliche Stärke hat. Hat er sie sich schlicht hart erarbeitet ohne das sonstige Faktoren genetischer Art hier mit hineinspielten, dann fängt der Sohn erneut bei Null an und muss es sich ebenfalls erarbeiten.

Soweit ist das erst mal eine naturwissenschaftliche These zum Verständnis der Evolution und sie ist von evolutionsbiologischer Seite auch unter Feuer genommen worden z.B. von D. S. Wilson, S. J. Gould, R. Lewontin und E. Sober. Damit ist belegt, daß die wichtigen Grundgedanken der Soziobiologie schon da waren, bevor der bei Tinbergen promovierte Dawkins ab 1976 begann, popularisierte Entstellungen der Soziobiologie als Biologismus in die Welt hinaus zu posaunen.

Es sind für mich solche Wertungen, die Elmars Texte vergleichsweise schlecht machen. Elmar hat erkannt, dass er die Ausführungen von Dawkins nicht mit seiner Meinung in Übereinstimmung bringen kann und damit müssen sie für ihn inhaltlich schlecht sein. Auf eine saubere Abgrenzung inwiefern bestimmte Gedanken zu Genen als wesentlichen Bezugspunkt „popularisierte Entstellungen“ sind oder wie sich die Ausführungn von Dawkins von anderen Vordenkern unterscheiden (die ja Dawkins auch ausführlich in „Das egoistische Gen“ in Bezug nimmt) verzichtet er und ich bezweifele, dass er sie vornehmen kann oder die Unterschiede wirklich durchdacht hat. Denn in vielen Bereichen sind die Unterschiede von zB Gould zu Dawkins marginal und beide stimmen in vielen Bereichen überein, die Elmar ebenso ablehnen würde.

Für Elmar reicht das wahrscheinlich,um Dawkins damit als „widerlegt“ anzusehen. Tatsächlich angeführt hat er lediglich, dass es hier einen wie auch immer aussehenden Unterschied in der Auffassung gibt ohne irgendwie inhaltlich geworden zu sein.

Die analoge Übertragung des methodologischen Individualismus auf die Kognition durch Dawkins Mem-Begriff wird u.a. von Scott Attran kritisiert.

Der Meme-Begriff ist aus meiner Sicht auch auch eine separate Theorie von Dawkins, mit dem er evolutionäre Prinzipien der „Informationsweitergabe“ auch abseits von Genen andenkt. Es geht dabei darum, dass auch erdachte Theorien sich leichter verbreiten, wenn sie Eigenschaften haben, die ihre Weitergabe in das nächste Gedächtnis erleichtern. Das zeigt sich beispielsweise bei Reimen oder bei Geschichten, die uns interessierende Inhalte haben: Es ist das ewige Problem, dass wir uns den Inhalt unsere Lieblingssoap leichter merken können als den Zitronensäurezyklus oder andere relativ abstrakte Sachinformationen. Sie hat mit eigentlicher Evolutionbiologie schlicht nichts zu tun und ist davon ohne Probleme zu trennen. Eine Kritik dieser Gedanken bleibt damit ohne Auswirkungen auf Dawkins restliches Werk. Wer den Mem-Begriff nicht kennt mag aufgrund der Schreibweise von Elmar hier eine fundierte Kritik vermuten, die etwas mit der Sache zu tun hat, was allerdings nicht der Fall ist.

Damit stellt sich die Frage, wie die Evolutionstheorie den Übergang in die Sphäre des Sozialen schaffen kann und

die Soziobiologie löst diese Aufgabe wie folgt:

Die Evolutionsbiologie schafft zunächst den Sprung in das soziale, indem darauf abgestellt wird, dass unser Gehirn ebenso ein Produkt der Evolution ist und die Art und Weise, wie es arbeitet ebenfalls dazu dient die Weitergabe der Gene in die nächste Generation zu ermöglichen. Das ist ein Gedanke, den wir unterhalb der Menschenebene auch ohne Probleme akzeptieren.

Ein Beispiel dazu:

Löwen leben in Rudeln, bei denen auf viele Weibchen üblicherweise ein Männchen, mitunter auch 2, häufig Brüder, kommen. Diese schirmen das Rudel der Weibchen gegen andere Männchen ab, Monopolisieren also die Weibchen. Demnach kann eine Genweitergabe nur dann erfolgen, wenn ein Männchen sich in der Konkurrenz durchsetzt. Da er sich in ständiger Konkurrenz befindet und täglich ein stärkerer Löwe ihn von „seinem“ Weibchen verjagen könnte muss er sich so schnell wie möglich fortpflanzen. Da aber stillende Weibchen nicht fruchtbar sind lohnt es sich für Löwen ein Verhalten zu entwickeln, bei dem er Löwenkinder anderer männlicher Löwen tötet. An diesem Beispiel kann man wunderbar durchspielen, ob man Evolutionsbiologie verstanden hat:

Es kann zweifellos ein Nachteil für die Art sein, wenn Löwenkinder getötet werden, die ansonsten gesund sind und sich ihrerseits fortpflanzen könnten. Eine Gruppenselektion würde wohl eher gegen in solches Verhalten arbeiten.

Es ist gleichzeitig für die Genweitergabe beim männlichen Löwen ein großer Vorteil, dass er auf diese Weise handelt, auch wenn es ebenso ein großer Vorteil für ihn wäre, wenn andere männliche Löwen nicht auf diese Weise handeln würden. Weil es aber auf seine Gene ankommt und das Handeln der anderen männlichen Löwen einsetzt, wenn er von einem Rudel vertrieben ist und damit ein Verzicht keine Vorteile für ihn bringt, erfolgt eine Selektion eher auf die egoistischen Interessen des jeweiligen Löwen. Dieser muss also insoweit lediglich die Kosten für die Mutter einkalkulieren, die sich in einer Gegenwehr niederschlagen, die für ihn gefährlich sein kann. Denn ihren genetischen Interessen muss es keineswegs entsprechen, wenn Löwenkinder, in die sie bereits Ressouren investiert hat, sterben. Allerdings sind männliche Löwen auf Kampf untereinander selektiert und weibliche Löwen weitaus weniger und bei Jagd etc könnte sie ohnehin die Jungen nicht dauerhaft beschützen. Zudem setzen (wahrscheinlich auch deswegen) Löwen auf einen vergleichsweise hohe Wurfzahl mit kurzer Tragezeit. Eine Selektion darauf, dass eher die Kinder früh lernen sich gut zu verstecken ist damit . effektiver und da es nur einen männlichen Löwen (evtl zwei, aber sie nehmen sich nichts) im Rudel gibt und der nächste ebenso mörderisch sein wird lohnt es sich auch nicht ihm böse zu sein und ihn zu meiden.

Hier werden wenige anführen, dass dieLöwen diese Kalkulationen bewusst durchführen oder erlernen, sie sind schlicht eine Folge ihres biologischen Programms. Auch hier kann es sich durchaus um eine komplexere Entscheidung handeln, die von vielen Faktoren abhängt und ein aktives Handeln erfordert, welches abzugleichen ist mit anderen wichtigen Aktivitäten, wie etwa Jagd etc.

Wir kommen in noch höhere Ebenen, wenn wir das Verhalten von Primaten beobachten. Schimpansen beispielsweise bilden Hierarchien aus und bilden komplizierte Allianzen, um nach oben zu kommen. Sie bestechen, sie handeln sozial, sie nehmen Bündnisse anderer zur Kenntnis und planen diese mit ein. Sie führen Kriege um Reviere und Ressourcen. Sie haben Vorstellungen von Gerechtigkeit oder etwa der Vergleichbarkeit von Entlohnungen für bestimmte Dienste.

Wenige Menschen haben Probleme damit, bei diesen Verhaltensweisen evolutionäre Erklärungen zu akzeptieren. Beim Menschen werden bei durchaus vergleichbaren Vorgängen hingegen weitaus schwierigere Probleme gesehen ohne das wirklich begründet werden kann, wo der wesentliche Umbruch geschieht. Wer meint, dass das Verhalten von Löwen oder Affen durch Biologie erklärt werden kann, das der Menschen aber nicht, der sollte zumindest seine eigenen Theorien daraufhin überprüfen, ob er damit seine Auffassung, dass das Verhalten von Löwen und Affen erklärt werden kann, aufrechterhalten kann oder nicht. Er muss also prüfen, ob seine Gegenargumente tatsächlich etwas urtümlich menschliches herausstellen oder er damit letztendlich Grundprinzipien der Evolutionsbiologie angreift. Wohlgemerkt: Dass diese Theorien falsch sind kann natürlich sein. Allerdings sollte man sich dann eben damit beschäftigen, ob die eigenen Theorien die entstandene Lücke füllen können oder ob nicht eher die eigenen Theorien die wackeligeren sind.

genetischer Verhaltensbegriff: Für die Übertragung der Verhaltensmuster – verstanden als Dispositionen zu einem Verhalten – sind im wesentlichen die Gene verantwortlich.

Korrekter müsste es hier heißen: Für die Übertragung von Verhaltensmustern, die auf einer biologischen Grundlage beruhen, sind im wesentlichen die Gene verantwortlich. Natürlich gibt es Verhalten abseits genetischer Grundlagen, also einen sozialen Anteil. Verschiedene Verhalten können auch darauf beruhen, dass sie in dieser Situation aus den jeweiligen Verhaltensanlagen aller entstehen. Einem Dieb die Hand abzuhacken oder ihn zu brandmarken wird in einer primitiven Gesellschaft, in der Informationen nicht oder allenfalls mit zeitlicher Verzögerung oder enormen Aufwand und geringer Qualität übertragen werden können eine geeignetere Abschreckung sein als beispielsweise in einer modernen Gesellschaft, die eine Erfassung von Personen und eine relative Kontrolle dieser erlaubt und die genug Ressourcen für anderweitige Bestrafungsmöglichkeiten hat. Beides hat seine Ursache darin, dass wir „Besitz“ kennen und verstehen und auch „Konkurrenz um Ressourcen“ „Lernen durch Strafe“ und „Signalling asozialen Verhaltens“ verstehen und dies Teil unserer Biologie ist. Wie diese Komponenten genutzt werden um ein soziales System zu errichten ist wieder eine andere Sache.

In die evolutionäre Gesamtfitness eine Individuums (z.B. W.D. Hamilton in: The Genetical Evolution of Social Behaviour, 1964) geht deshalb nicht nur die Fitness der eigenen Nachkommen ein, sondern auch derjenige Beitrag, den das jeweilige Individuum in die Pflege von Verwandten investiert, soweit dies deren Fitness steigert und in Abhängigkeit davon, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie die gleichen Gene tragen.

Das wäre aus meiner Sicht ein Punkt, der sich nicht lediglich auf das Verhalten bezieht. Verwandtenselektion ist etwas, was theoretisch alle Aspekte betrifft, wie man beispielsweise an Theorien zur Heterosexualität und höherer Fruchtbarkeit bei zB weiblichen Verwandten sieht oder beispielsweise an der Vererbung eines ausdrucksvollen Kinns, welches männliche Verwandte attraktiver, weibliche Verwandte aber unattraktiver macht.

In Bezug auf das Verhalten wird also der gleiche Grundsatz ausgebildet, der auch sonst zum Tragen kommt, er ist nicht verhaltensbezogen. Natürlich kann sich dieser Punkt aber gerade bei dem Verhalten besonders stark auswirken.
Natürlich gilt auch hier: Es geht nicht schlicht um Verhalten, sondern lediglich um solches Verhalte, welches aufgrund einer biologischen Disposition erfolgt. Wer also einfach aufgrund einer bestimmten sozialen Praxis Verwandten fördert, dies aber beispielsweise aufgrund einer genetischen Disposition auf Egoismus ungern und nur unter sozialen Zwang macht, der gibt keine entsprechenden Gene weiter, es wäre allenfalls ein kurzfristiger Erfolg, der aber bei Betrachtung längerer evolutionärer Zeiträume durchaus ohne Auswirkungen bleiben kann. Theoretisch kann eine solche Praxis sogar zu einer genetischen Selektion auf das Gegenteil, also einen Egoismus, führen, wenn die Vorteile bei der besseren Weitergabe eigener Gene die Vorteile der Weitergabe der Gene über Verwandte überwiegt. Dabei muss man sich bewußt machen, dass Verwandtenselektion sehr schnell an seine Grenzen stößt: Das eigene Kind trägt nur ½ der eigenen Gene, dessen Kind wiederum nur ¼ (zumindest bei hinreichender Größe des verfügbaren genetischen Pools).

Daraus folgt: Allein viele Nachkommen zu haben, bedeutet noch keineswegs Fitness, wenn diese im sozialen und sexuellen Wettbewerb der nächsten Generation nicht bestehen können.

Hier wäre zunächst zu ergänzen, dass das zum einen zwar richtig ist, aber schnell falsch verstanden wird: Evolution erfolgt durch zufällige Mutationen, die selektiert werden. Eine Zukunftsbetrachtung ist nicht möglich, eine Auswertung der Vergangenheit auch nur sehr eingeschränkt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Dodo, bei dem eine planende Instanz evtl darauf hingewiesen hätte, dass es vielleicht jetzt besser ist, stabilere Knochen zu haben und die teuren Flugmuskeln abzubauen und Fluchtinstinkte zu verlieren, das aber in der Zukunft teuer sein kann, weil evtl ein in der Vergangenheit bereits einmal vorhandener Vorteil des Fliegens und des Angst haben eine dauerhafte Weitergabe der Gene ermöglicht. Eine solche Instanz gibt es aber nicht, weswegen die Beachtung von Nachteilen für die nächste Instanz sich nur auf in vergleichsweise kurz Zeitabständen sich wiederholenden Umständen, die keinen zu starken Selektionsdruck gegen sich haben, erfolgen kann. Der Dodo war insofern Fit für die vorhandene Situation, aber nicht für die Zukunft.

Begriffe wie evolutionäre Angepasstheit und evolutionäre Fitness werden bestimmt durch eine kontextabhängige Vermehrungsrate, die ihrerseits abhängt von Fruchtbarkeit, Brutpflegeaufwand und Überlebenschancen der Nachkommen. Der Anpassungswert einer Verhaltensweise kann auch davon abhängen, wie viele andere Mitglieder der Population dasselbe Verhalten zeigen.

Auch hier schreibt Elmar wieder sehr knapp und scheint mir dabei die Prinzipien nicht verstanden zu haben.

Wesentlich für das Verständnis ist dabei zum einen der bereits oben dargestellte Ansatz, dass Evolution bei den Genen des Einzelnen ansetzt. Eine Spezies ist nicht gleich, sondern hat einen Genpool, mit einer Vielzahl von Unterschieden, die in Konkurrenz zueinander stehen.
Damit können evolutionär auch verschiedene Strategien innerhalb einer Spezies innerhalb verschiedener Situationen verschieden erfolgreich sein.
Dawkins führt dies beispielsweise mit dem in der Evolutionsbiologie bekannten Beispiel der „Falken“ und der „Tauben“ aus:

Dabei stehen diese Bezeichnungen für Vertreter innerhalb einer Spezies, die verschiedene Dispositionen zu bestimmten Verhalten haben:

  • Falken kämpfen um bestimmte Ressourcen und müssen daher die Kosten eines Kampfes tragen aber können auch deren potentielle Vorteil für sich gewinnen.
  • Tauben fliehen vor einer Auseinandersetzung und verlieren die Vorteile (etwa bestimmte Ressourcen), tragen aber auch keine Kosten (beispielsweise Verletzungen).

Es leuchtet ein, dass eine Mutation zu einem Falken in einer Kolonie von Tauben sehr lukrativ ist: Alle weichen einem Kampf aus, man hat also keine Kosten und alle Nutzen. In einer Kolonie von Falken sind hingegen die Kämpfe so erbittert, dass es sinnvoll sein kann, eher zu fliehen und etwa möglichst schnell Ressourcen wie Futterquellen zu vereinnahmen, bevor man vertrieben wird. Jedes vorteilhafte Verhalten reichert sich innerhalb der Spezies an, wodurch sich aber die Kosten verändern können: Wenn die Mutation hin zu einem Falken einem eine höhere Vermehrung erlaubt, dann verschwindet dieser Vorteil, um so mehr sich das Gen aufgrund dieser höheren Vermehrung innerhalb der Kolonie durchsetzt. Irgendwann werden die Kosten durch beständiges Kämpfen evtl so hoch, dass nunmehr die Tauben im Vorteil sind und sich damit stärker vermehren.

Interessant ist, dass sich hier bestimmte Gleichgewichte bzw evolutionär stabile Strategien herausbilden können, bei denen keine der Strategien im Vorteil ist.

Mit diesem zweiten Punkt begibt sich die Soziobiologie bereits in Teufelsküche. Denn einerseits besteht kein Zweifel daran, daß genetisch vererbtes Verhalten nicht erst erlernt werden muß. Andererseits aber will die Soziobiologie eine große Klasse sozialer Verhaltensweisen erfassen, die zweifelfrei erst erlernt und vor allem richtig gemacht werden müssen, damit sie sich evolutionär auszahlen können wie z.B. Babypflege, Erziehung, sexuelles Werbungsverhalten oder sozialer Einsatz für die Familie.

Auch hier scheint mir das Problem weitaus eher darin zu bestehen, dass Elmar sich nur oberflächlich mit den Theorien beschäftigt hat, die er hier bespricht. Und es ist denke ich auch ein gutes Beispiel dafür, dass er in seiner Besprechung der Evolutionsbiologie nur vom Menschen her denkt und nicht zunächst erst einmal versucht, die Prinzipien auch bei Tieren nachzuvollziehen.
Ein Löwenjunges muss beispielsweise zweifellos die Jagd lernen und seine Fähigkeiten in dem Bereich kalibrieren, hat aber die biologischen Voraussetzungen dafür und deren Grundlagen, wie die Art, wie man schleicht oder die Lust am Verfolgen von Objekten ererbt. Die Art und Weise, auf die er lernt, ist Imitation, Beobachtung, Ausprobieren etc. Und auch hier gibt es Lernmechanismen, die das Verstehen und Aneignen dieser Fähigkeiten begünstigen.

Etwas alltäglicher als der Löwe kann man das bei einer Hauskatze beobachten, die mit Katzenfutter versorgt vielleicht nie eine Maus oder andere typische Beute gesehen hat. Man wird sie dennoch dabei beobachten, wie sie schleicht, wie sie einen Laserpointerpunkt oder einen Faden jagt oder anderweitige Tätigkeiten übernimmt, die unter anderen Bedingungen dazu dienen würden, dass sie das jagen erlernt. Bei allen lernfähigen Tieren ist die Kindheitsphase dazu da, dass sie bestimmte Fähigkeiten in Übereinstimmung mit ihrer Biologie ausbilden und verfeinern, sprich: durch ihre Dispositionen zu verhalten verleitet werden, mit welchem sie Fähigkeiten für das Erwachsenenleben ausbilden sollen.

Bei Babypflege beispielsweise gibt es Studien, die nachweisen, dass Östrogen eine stärkere Affinität für das Kindchenschema bewirkt, positive Reaktionen des Kindes werden damit auch stärker aufgenommen, was eine Beschäftigung mit dem Kind stärker belohnt. Im Prinzip würden hier stärkere Dopaminausschüttungen, die das Belohnungsssytem auf bestimmte Reize hin stimulieren ausreichen.

Sexuelles Werbeverhalten muss auch nicht als solches bewusst ausgebildet sein, es reicht, wenn bestimmtes Verhalten sich gleichzeitig gut anführt und einen begehrenswert macht, etwa einen hohen sozialen Status zu haben oder viele Ressourcen zu besitzen. Und bei sozialen Einsatz für die Familie ist ebenfalls recht gut bekannt, dass eine bestimmte Bindung in den ersten Lebensjahren erfolgt, die ebenfalls über das Belohnungssystem eine Form von Sucht bewirkt.

Das Zauberwort für die Soziobiologie heißt an dieser Stelle Disposition. Wer nun erwartet, daß die Soziobiologie als seriöse, interdisziplinäre Wissenschaft eine eigenständige Theorie zur Analyse von Dispositionen vorlegt, der wird enttäuscht.

Wie bestimmte evolutionäre Vorgänge ablaufen wird durchaus erforscht. Es ist Bestandteil derr Neurologie, Psychologie und der Medizin. Gerade im Geschlechterbereich sind bestimmte Ausgestaltungen in ihren Grundlagen anhand verschiedenster Sonderkonstellationen wie Transsexualität, CAH etc. in der Forschung bekannt, auch wenn man die genaue Art und Weise, wie das Gehirn in der Hinsicht funktioniert, noch nicht entschlüsselt ist.

Was auch immer in diesen Diskussionen ausgeblendet wird: Selbst wenn man nicht wüsste, wie diese Mechanismen funktioniern, bedeutet das nicht, dass die evolutionären Theorien falsch sind. Das ist etwas, was Elmar immer wieder vorbringt, aber es bleibt ein Argument vom Nichtwissen, was ein reines Scheinargument ist.

Das ist um so bedauerlicher, weil Elmar die Kriterien, die er hier an andere Theorien anlegt noch nicht einmal ansatzweise selbst erfüllen kann. Soweit dieser anscheinend auf „Freien Denken“ aufbaut dürfte dies an Komplexität kaum zu überbieten sein. Eine eigenständige Theorie dazu, wie dies tatsächlich funktionieren soll hat er nicht ansatzweise. Langt ihm die von ihm bisher mitgeteilten Informationen, dann wäre „es ist durch evolutionäre Selektion entstanden“ auch in diesem Fall vollkommen ausreichend.

Stattdessen appelliert man hoffnungsfroh an den unreflektierten Alltagsverstand, der eben nicht intuitiv widerlegen kann, daß Dispositionen anders als Begabungen funktionieren, welche aber zweifellos eine genetische Komponente haben.

Auch so ein Satz, wo man nicht wirklich weiß, was Elmar eigentlich genau an Kritik vorbringt. Was meint er denn wie Begabungen funktionieren und warum sollten diese möglich sein, aber Dispositionen nicht? Warum ist eine Begabung, die einen etwas leichter lernen lässt, denkbar, eine Disposition, die einen etwas lieber machen lässt, aber undenkbar? Nach Elmar wohl einfach, weil das eine in das freie Denken eingreift und das andere nicht. Dabei ist ein Belohnungssystem über Dopamin etc recht unzweifelsfrei vorhanden und wäre recht einfach mit einem „Begabungssystem“ zu verküpfen.

Auch die unterschiedliche Ausprägung von „Begabungssystemen“ je nach Hormonen ist insoweit gut in Studien nachgewiesen.

Das zweite Problem liegt darin, daß nicht alles intentionale Verhalten von Indivuduen auf diese Weise erfaßt wird. Hier muß sich die Soziobiologie etwas Besonderes einfallen lassen.

Niemand behauptet, dass alle intentionalen Verhalten auf diese Weise erfasst wären. Aber auch hier scheint Elmar nicht zu verstehen, dass es nicht für jedes einzelne Verhalten eine komplette Disposition geben muss, sondern es ausreicht, wenn bestimmte Grunddispositionen vorliegen, die dann in verschiedensten Situationen und auch im Zusammenspiel ein typisches Verhalten bewirken. Beispielsweise reicht eine Disposition dafür einen hohen Status zu haben und in intrasexueller Konkurrenz Herausforderungen anzunehmen, um ein Verhalten zu bewirken, welches sich nach einem bestimmten Schema in vielen Bereichen auswirkt und auch entsprechend ausgenutzt werden kann.

Theorie der Gen-Kultur-Koevolution: Phänotypen inklusive ihrer Verhaltensmerkmale entstehen immer aus einer Wechselbeziehung zwischen dem Genom und seiner Umgebung. Die Gene bestimmen dabei die Reaktionsnorm auf äußere Entwicklungsbedingungen. Das Sozialverhalten wird daher entsprechend durch den Mechanismus der natürlichen Selektion evolutionär angepasst, weshalb nur die tendentiell erfolgreichen Sozialstrategien via Sexualität an die nächste Generation weitergereicht: Soziobiologen begreifen eine Verhaltensstrategie als eine evolvierte Regelsammlung, die festlegt, mit welcher Wahrscheinlichkeit welches Verhalten unter welchen Bedingungen gezeigt wird. Es setzen sich folglich nur diejenigen individuellen Verhaltensmuster durch, die die besten individuellen Reproduktionschancen realisieren. D. P. Barash z.B. formuliert das in Soziobiologie und Verhalten, p. 85 so: „Eine genetisch bedingte Neigung zur Kinderlosigkeit hätte keine große evolutionäre Zukunft.“.

Der letzte Satz ist jedenfalls sehr richtig und man wird ihm auch kaum widersprechen können.

Richtig ist zunächst, dass soziales Verhalten auch eine Selektion bewirken kann, und diese Selektion wiederum das soziale Verhalten.

Ein klassisches Beispiel wäre die Laktosetoleranz, also die Verträglichkeit von Milchzucker. Diese hat sich nur in einigen Völkern und verhältnismäßig spät entwickelt, weil sie die kulturelle Praxis erfordert, einen gewissen Viehbestand zu haben und sich der Vorteil wohl auch insbesondere bei Nomaden zeigt, die schwerer Ackerbau betreiben können. Hier könnten einige zunächst einen Nischenvorteil durch eine Mutation gehabt haben, die ihnen in bestimmten Zeiten über das Nutzen der Milch oder die bessere Verträglichkeit der Milch einen Vorteil brachte. Dieser Vorteil kann zu einer Anreicherung der entsprechenden Gene geführt haben, was auch bedeutete, dass immer mehr Menschen Milchprodukte nutzen konnten und diese damit ein größerer Bestandteil der verfügbaren Nahrung bildeten und sie damit nicht verwerten zu können auch einen immer größeren Nachteil darstellte. Hier haben sich Kultur und Biologie gegenseitig beeinflusst.

Ein anderes Beispiel wäre das Kochen/Braten von Speisen. Dazu schrieb ich schon einmal:

Hätte unser früher Vorfahre, der vor rund einer Million Jahren lebende Homo erectus, sich genauso ernährt wie die heutigen Menschenaffen, hätte auch er mindestens neun Stunden täglich für die Nahrungssuche benötigt, so die Forscherinnen. Für andere Tätigkeiten wie das Werkzeugmachen oder soziale Kontakte wäre dann kaum mehr Zeit geblieben. „Unsere Daten sind eine direkte Bestätigung der Theorie von Wrangham“, konstatieren Fonseca-Azevedo und Herculano-Houzel. Allein mit Rohkost hätten unsere Vorfahren ihr großes Gehirn nicht entwickeln können. „Wenn Nahrung gekocht wird, liefert sie mehr Kalorien, weil die Nährstoffe besser verdaut und vom Körper aufgenommen werden können.“

Hier sieht man auch ein gutes Beispiel zwischen Kultur und Umwelt. Weil eine Kulturtechnik wie das Kochen des Essens Zeit schafft, um andere Tätigkeiten zu übernehmen. Zudem waren dadurch auch weitere Möglichkeiten für eine weitere körperliche Veränderung vorhanden. Weil Nahrung leichter verdaut werden konnte, wenn sie gekocht war, konnte die Verdauung anders gestaltet werden und das Abkochen dürfte auch die Krankheitserreger eingeschränkt haben. Inbesondere aber konnte man sich damit ein so kostspieliges Organ wie das Gehirn leisten. Selbst wenn man nicht den ganzen Tag für die Nahrungsaufnahme verwendete, konnte man das Gehirn mit hinreichend Nahrung versorgen.

Auch hier liegt eine Koevolution vor. Kochen erlaubte weniger Zeit auf Nahrungssuche zu verwenden und damit ein größeres Gehirn zu entwickeln. Um so mehr sich dadurch der Magen anpasste, um so mehr musste gekocht werden, da der Magen rohes Fleisch etc nicht mehr in der gleichen Weise verarbeiten konnte. Heute ist Kochen nicht mehr wegzudenken aus der menschlichen Gesellschaft.

Soziale Strategien in die nächste Generation weiterzugeben ist dabei relativ unwesentlich. Sie werden nur dann relevant, wenn sie sehr lange anhalten, was wohl meist einen bestimmten Vorteil bieten muss. Eher werden bestimmte Gene, die ein bestimmtes Verhalten günstiger machen, in die nächste Generation weitergegeben, zB die Fähigkeit Milchzucker zu verdauen. Natürlich könnte eine Kultur dennoch das Leben als Nomade mit Vieh aufgeben, welches dadurch begünstigt wird. Vielleicht sind dann – wie bei uns heute durch moderne Viehzucht und Kühlmöglichkeiten – dennoch Milchnutzungen auf andere Weise sinnvoll. Die Gen-Kultur-Koevolution oder Dual inheritance Theory legt erst einmal nur einen Entwicklungsweg dar. Aus ihm kann folgen, dass auch bestimmte Verhaltensweisen attraktiver werden.

Man kann sicherlich sagen, dass auch soziale Verhaltensweisen insoweit einer Art Evolutionsprozess unterliegen: Sie werden selten vollkommen gleich weitergegeben und Verbesserungen setzen sich dann häufig durch. Da sie jedoch nicht wie Gene „verfestigt“ sind, sind sie relativ leicht zu ändern, wenn damit nicht Vorteile verbunden sind oder bereits eine besondere Selektion auf bestimmte Vorteile davon sie nach wie vor besonders attraktiv macht.

Eine wesentliche Selektion auf soziale Prozesse dürfte auch auf einer „Metaebene“ bestehen, nämlich den Routinen für das  Erkennen von sozialen Regeln und dem Einschätzen von deren Wichtigkeit, zB indem man erkennt, welche Regeln als Tabu ausgestaltet sind, so dass ein Verstoß erhebliche Folgen hat.

Besteht der unterschiedliche Reproduktionserfolg der Individuen zumindest zu einem Teil auf genetischen Unterschieden, kommt es zu Verschiebungen von Genfrequenzen in einer Population, und evolutionärer Wandel einer Art findet statt. Die Erbinformation mit den besseren Selektionseigenschaften ist vermehrt an der Herausbildung der anatomischen, physiologischen und ethologischen Merkmale ihrer Mitglieder, der Phänotypen, beteiligt, während die Erbinformation der Verlierer in der Darwinischen Konkurrenz abnimmt.

Es ist dabei noch einmal wichtig darauf hinzuweisen, dass sich nicht die Gene der Art ändern, in dem Sinne, dass nunmehr alle Wesen dieser Art die Änderung übernehmen, sondern das sich Einzelwesen aus der Art mit einer vorteilhaften Mutation  aufgrund dieser Vorteil stärker fortpflanzen und damit in jeder weiteren Generation mehr von diesen Genen im Genpool vorhanden sind. Gut vorstellen kann man sich das zB bei einer Umgebung in der Milchzucker zu verwerten vorteilhaft sind: Der erste Mensch hat eine entsprechende Mutation, die er an seine Kinder weitergibt. Er kann evtl bereits mehr Kinder zeugen oder die Kinder sterben seltener, weil sie eine neue Nahrungsquelle haben und auch bei deren Kindern ist es wiederum so. Bei anderen Menschen, die Milchzucker nicht verdauen können, sterben vielleicht mehr Kinder oder sie haben eine schwächere Konstitution oder sie sind anderweitig im Nachteil und deswegen werden sie nicht mehr oder jedenfalls nicht im gleichen Maße. Bei Mischehen überleben dann vielleicht eher die Kinder, die Milchzucker verdauen können, also das passende Gen erhalten haben oder sie entwickeln sich besser, werden größer und stärker, während ihre Geschwister ohne dieses Gen eher sterben und kleiner und schwächer sind (etwa vereinfacht dargestellt). Entsprechend wird das Gen für die Verwertung von Milchzucker entsprechend zahlreicher im Genpool.

Diese Ansicht ist zunächst mal wenigstens missverständlich. Denn erstens findet Evolution nicht durch Selektion, sondern durch Mutation statt, zweitens ist Selektion nicht primär sexuelle Selektion und drittens diskutieren Biologen schon seit Langem, welche besonderen Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Merkmal selektiert wird – ein Problem, das einen eigenen post verschlingen wird.

Evolution findet durch Mutation und Selektion statt. Ein Mutation, die keinen Vorteil bringt, kann sich nicht durchsetzen. Eine Mutation, die einen Vorteil bringt, aber aus anderen Gründen aus dem Genpool verschwindet (der Träger des Milchzuckerverwertungsgens wird von einer zahlenmäßig überlegenen Gruppe angegriffen und mit seiner Familie ausgelöscht) wird sich ebenso wenig durchsetzen. Nur wenn eine Selektion ansetzen kann, kann auch eine Anreicherung im Genpool stattfinden. Und verschiedene Formen der Selektion erzeugen auch wiederum selbst einen gewissen Selektionsdruck, etwa sexuelle Selektion, die zu einer run-away-selection, einem Selbstläuferprozess, führen kann. Das ist etwa der Fall, wenn eine Selektion dazu führt, dass ein „Mehr“ als sexuell attraktiv wahrgenommen wird, etwa bei einer langen Schwanzfeder eines Goldfasans. Da dann rein aufgrund dieser genetischen Fixierung, den männlichen Vogel mit der längsten Feder attraktiv zu finden, ein Selektionsdruck gestartet ist, wären verschiedene Formen der Evolution ohne die Berücksichtigung von Selektion gar nicht vorstellbar. Ein reines Abstellen auf Mutation ist ein typisches Fehlverständnis etwa von Kreationisten, die anführen, dass ein Wirbelsturm auf einem Schrottplatz nicht einfach zu einer Boing 747 führen kann und daher Evolution nicht der Grund für komplexere Wesen sein kann. Sie unterschätzen dabei die Bedeutung von Selektion und deren Möglichkeit durch eine Form von „Trial and Error“ günstige und komplexe Ergebnisse zu erreichen.

Was Elmar damit sagen will, dass Selektion nicht primär sexuelle Selektion ist verstehe ich nicht. Wie man am Milchzucker sieht können bestimmte Koevolutionen auch abseits sexueller Selektion stattfinden. Die Bedingungen für eine Selektion sind in ihren Grundsätzen auch nicht gerade sehr umstritten: Ein Merkmal mit genetischen Grundlagen wird dann selektiert, wenn es Vorteile bei der Weitergabe von diesen Genen in die nächste Generation bringt und sich so im Genpool anreichern kann. Hier wird man wohl Elmars nächsten Artikel abwarten müssen.

Das zweite Problem besteht – wie erwartet – darin, daß die Soziobiologen als Verhaltenswissenschaftler versagen: Denn zweifellos gibt es Verhalten, daß nichts anderes als die Instantiierung einer Regel darstellt. Wer z.B. an einem Stopschild im Verkehr anhält, macht das genauso regelhaft, wie jemand, der eine monoton wiederholte Tätigkeit als Mittel einsetzt, um einen Zweck zu erreichen.

Niemand behauptet, dass es eine genetische Regelung für Stopschilder gibt. Allenfalls sind wir darauf evolviert bestimmte Regeln der Gesellschaft zu erlernen und haben zusätzlich ein „Sparprogramm“ entwickelt, welches uns bei immer wiederkehrenden Handlungen kein logisches Denken abverlangt, weil diese anderweitig abgespeichert werden und einem gewissen Automatismus unterliegen. Das es hierfür einen eigenen biologischen Apparat gibt kann man beispielsweise auch daran sehen, dass Leute, die ihr Langzeitgedächtnis dauerhaft verloren haben, also nur noch über ein Kurzzeitgedächtnis verfügen, häufig dennoch noch bestimmte Handlungen, die Gewohnheit waren, ausführen können, beispielsweise die ewig gleiche Runde mit ihrem Hund gehen können auch wenn sie sich ansonsten ihn der Stadt, in der sie 20 Jahre gewohnt haben, nicht mehr zurechtfinden.

Doch ein Großteil unseres Verhaltens sieht völlig anders aus: Wer z.B. einen abgenudelten Dosenöffner samt Raviolidose unter erbostem Knurren „Dir zeige ich es!“ lustvoll aus dem Fenster schleudert, der folgt keiner Regel.

Elmar wählt immer Beispiele für seine Widerlegungen aus, bei denen nie jemand angeführt hat, das sie als solche genetisch verankert ist. Dass wir aber dazu neigen Objekte zu personifizieren und bei dem Stück Metall und Plastik, welches für uns einen Dosenöffner darstellt, einen Verrat zu sehen, also ein vollkommen unlogisches und widersinniges Verhalten zu praktizieren, folgt keiner Regel, ist aber ebenfalls ein (übereifriges) biologisches Programm, welches immer versucht „Motive“ zu finden. Elmar scheint sich einfach mit Dispositionen und Motivationen nicht wirklich anfreunden zu können, er versucht daher immer evolvierte Handlungen als eine Form von aktiv geschriebenen Code für genau diesen Prozess zu sehen, was gar nicht diskutiert wird. Eher müsste man sich den Menschen als teilweise schlecht programmierten Roboter vorstellen, bei dem ein Unterprogramm die „Handlung“ des Dosenöffners als „Verrat“ erkennt und bestimmte Handlungsoptionen unter diesem Aspekt eingeblendet werden (teminatorstyle, wenn man ein entsprechendes Bild haben will), die einem unter der Annahme, dass der Dosenöffner „schuld“ ist logisch erscheinen. Der Betreffende in Elmars Beispiel entscheidet sich anscheinend für die Option „bestrafen“.

Noch bedeutend kritischer wird es, wenn man sich Verhalten vornimmt, daß man nicht verstehen kann, ohne diejenigen Sätze zu berücksichtigen, die davor und während dem zu erklärenden Verhalten geäußert werden. Auch darüber wird man also noch ausführlich nachdenken müssen.

Was auch immer nicht verstanden wird: Die Gene entscheiden nicht, sie müssen nicht komplexe Handlungsweisen für Raviolidosen vorsehen. Sie haben ein hochkomplexes System geschaffen, dessen Ressourcen sie nutzen können, um Informationen aufzunehmen und zu bewerten. Natürlich auch vorherige Sätze. Nehmen wir den Satz „Gehen wir raus“. Dieser mag von einem bärtigen Rocker, den man aus Versehen ein Glas Bier über den Kopf gegossen hat und der dies mit deutlichen Anzeichen für Verärgerung sagt, einen Fluchtreflex auslösen, den Schließmuskel lockern und einen dazu bewegen den Kopf einzuziehen, sich kleiner zu machen, die Augen aufzureißen und sich tausendmal zu entschuldigen. Der gleiche Satz ins Ohr gehaucht von der Dame an der Bar, mit der man die letzte Stunde geflirtet hat, mag das Erregungsprogramm aktivieren, so dass man fortan weitere Aktionen unter diesem Gesichtspunkt sieht. Das Gene einen Einfluss auf das Denken haben, bedeutet nicht, dass die Gene denken müssen. Das Gehirn kann diese Aufgabe natürlich übernehmen und wertet beispielsweise Daten wie Bedrohlichkeit einer Situation oder Wahrscheinlichkeit für Sex aus, ohne das dies logisch durchdacht werden muss. Je nach dem werden wir auch andere Handlungsoptionen interessanter finden.

Ein anderes Beispiel wäre Hunger, wenn wir leckeres Essen riechen oder sehen, in Abhängigkeit davon, ob wir länger nichts gegessen haben. Unser Gehirn wertet die Erkenntnis aus, dass Essen in der Nähe verfügbar ist und es kann bei längeren Zeiten seit der letzten Mahlzeit eine Motivation entstehen, ebenfalls essen zu können. Also wertet unser Verstand aus, welche Optionen dafür bestellen, beispielsweise den Kellner in der Kneipe, der an den Nebentisch gerade Speisen gebracht hat, herüberzurufen und eine Bestellung aufzugeben. Die Frage „Soll ich etwas bestellen“ ist dabei eine, die als Folge der Erkenntnis, dass Essen verfügbar ist und wie man es erlangen kann, aufgrund der Weise, wie unser Gehirn arbeitet, in uns aufgetaucht und kann dringender oder weniger dringend (in dem Terminatormodell klein im unteren Bildschirmrand oder in blinkenden sehr großen Buchstaben in der Mitte des Displays) ausgestaltet sein. Unser Verstand mag dann einwenden, dass wir eigentlich eine Diät machen wollen, aber der Rest unseres Gehirns signalisiert uns, welche Glücksgefühle uns die Aufnahme von Fett und Zucker und Kohlehydraten machen würden, unser Gehirn stellt uns tadellos arbeitend auch bereits Auswahlmöglichkeiten für interne Ausreden bereit: Hatte man zum Mittagessen nicht etwas kleines? Hatte man heute nicht einen harten Tag, bei dem man eine Ausnahme verdient hat? Soll man sein Leben nicht auch Leben und reicht es nicht die Diät morgen zu starten? Die Vernunft mag dann siegen oder nicht siegen, wir haben unsere aus der Biologie stammende Motivation bemerkt.

Dieses Zusammenspiel von Aufnahme und Auswertung von Daten und Aktivierung bestimmter Verhaltungspräferenzen wird dabei gerne ausgeblendet und so getan als wäre unser Gehirn nicht zu komplexen Berechnungen im Dienste der Gene in der Lage (aber dennoch zu den komplexen Berechnungen, die „freies Denken“ erfordert).

Zunächst mal aber geben wir der Soziobiologie Gelegenheit, ihre eigene Reichweite erkennbar zu machen:

IV) genetische Priorität: Da die Gene biologische Merkmale und Verhaltensweisen des Phänotyps des Genträgers während der Ontogenese in Abhängigkeit von den Lebensumständen und der jeweiligen Umwelt generieren, ist das Verhalten niemals nur rein genetisch bestimmt, sondern immer auch durch die Umwelt geprägt. Verhaltensmuster und Verhaltesnneigungen können also nicht generell in erbliche und erworbene eingeteilt werden, sondern die neurobiologisch begründeten Verhaltenstendenzen haben erbliche Anteile.

Da wird einiges durcheinander geworfen, was man vielleicht klar stellen muss.

  • Gene sind erst einmal ein Wachstumsplan. Genau wie bei einer Pflanze hängt das Wachstum natürlich auch von anderen Faktoren ab, bei einer Pflanze etwa von dem Boden, der Lage, der Sonneneinstrahlung, dem Dünger, dem Regen und dem Vorhandensein von Fressfeinden ab. Gene, die einen mächtigen Eichenbaum hervorgebracht hätten, werden in einem schlechten Boden, ohne Wasser und mit wenig Sonne, vielleicht nur ein recht kümmerliches Exemplar hervorbringen, selbst wenn sie unter idealen Umständen einen sehr schönen Baum hervorgebracht hätten.
  • Das ist bei Menschen natürlich noch extremer, weil sie anderen Einflüssen unterliegen als eine Pflanze.
  • Zum einen ist zu bedenken, dass wir als Säugetiere in einer Gebärmutter starten, in er uns die Mutter die Umgebung stellt, in der wichtige Entwicklungen stattfinden. Dies betrifft die Versorgung mit Nahrung aber auch die Zuführung bestimmter Hormone etc. Hier spielen auch die in diesem Blog häufig erwähnten pränatalen Hormone eine erhebliche Rolle. Aber auch ohne die richtigen Nährstoffe kann das Gehirn nicht entsprechend ausgebildet werden und auch ein Gehirn, welches seitenes der Mutter bestimmte Stressbotenstoffe erhält bildet sich anders aus

Zum anderen wird auch ein Kind, welches nach seiner genetischen Ausstattung friedlich ist, eben nicht friedlich sein, wenn man es im starken Maße in eine andere Richtung erzieht. Wie so etwas aussehen kann sieht man beispielsweise auch sehr gut in der regelmäßigen Lesern des Blogs gut bekannten Studie von Udry, aus der ich hier eine Grafik kurz einfügen möchte:
Udry Testosteron und Erziehung
Hier sieht man gut, wie sich verschiedene biologische Dispositionen zu einem Verhalten (oder einem Bündel bestimmter Verhalten, hier männlicher und weiblicher) und Erziehung gegenseitig beeinflussen: Hier haben die Mädchen bestimmte Gene, die ihren Körper auf auf eine bestimmte Weise aufgebaut haben. Deswegen produzieren sie auch eine bestimmte Menge von Hormonen. Auch die Umwelt spielte eine Rolle, zum einen darüber, wie viele Hormone über die Mutter in der Gebärmutter bereit gestellt worden sind, aber auch, wie sich das Kind ansonsten dort entwickeln konnte. Später beim Aufwachsen kommen eine Vielzahl weiterer Umweltaspekte dazu, natürlich auch die Erziehung. Die Frauen mit einer sehr starken Disposition zu einem weiblichen Verhaltens, bedingt durch die Hormone, reagieren hier sehr stark auf diese Einflüsse, Frauen mit einer starken Disposition (für Frauen) in die andere Richtung reagieren hingegen sogar mit verstärkter Ablehnung auf entsprechende Erziehungsversuche. Berücksichtigt ist noch nicht, dass hier weitere genetische Einflüsse vorliegen könnten, da Mütter, die besonders weiblich sind, ihre Töchter vielleicht auch besonders weiblich erziehen, und ihre Töchter einen Teil ihrer Gene haben und insofern auch abseits er Erziehung weiblicher sind. Man sieht, dass hier eine große Spannbreite vorhanden ist, die allerdings insbesondere in eine bestimmte Richtung und wesentlich weniger in die andere besteht.

Denn weil die individuellen Verhaltensmerkmale durch Anpassung an die Umwelt während der Ontogenese ausgebildet werden, müssen sie durch erbliche Anlagen vorbereitet werden. Die während der Ontogenese erworbenen z.B. kulturellen Verhaltensmerkmale selbst vererben sich nicht. Die Erblichkeit misst daher nur denjenigen Anteil der Varianz eines Merkmals, der durch unterschiedliche genetische Ausstattungen zustande kommt.

Und das Wort „unterschiedliche“ ist hierbei das zentrale Wort. Es geht darum, inwiefern die Unterschiedlichkeit eine genetische Grundlage hat.

Doch daraus folgt natürlich nicht, daß ein invariantes Merkmal mit Erblichkeit nahe Null – wie z.B. die Fünffingerigkeit – in einer Population nicht vererbt werden würde.

Das ergibt sich eben damit, dass mit Vererblichkeit hier der Unterschied erfasst wird und nicht die Frage, zu welchem Anteil die Gene für ein bestimmtes Merkmal verantwortlich ist. Das wäre häufig auch schon deswegen schwierig, weil es zB bei Verhalten schwierig ist, einen Nullpunkt zu bilden, ab dem man einen Anteil bestimmen kann. Was ist zB „Aggressivität 0“?

Insgesamt ist es unter Soziobiologen Standard (vgl. z.B. W. Irons in: Natural selection, adaptation, and human social behavior – An anthropological perspective, 1979) Verhaltensunterschiede in erster Linie durch flexible Reaktionen ähnlicher Genotypen auf verschiedenartige Lebenskontexte zu verstehen. Und kein Organismus reagiert auf ausnahmslos alle Aspekte seiner Umgebung oder in jedem Punkt seines Verhaltens. Die Folge ist, daß evolvierte Mechanismen der Verhaltenssteuerung nur insoweit biologisch funktionale Ergebnisse liefern, wie die Umwelt, in der sie wirksam werden, identisch ist mit derjenigen Umwelt, in der sie entstanden sind.

Ich bin nicht ganz sicher, dass ich es richtig verstanden habe, was Elmar hier meint, weil er es sehr kurz fasst. Ich vermute aber, dass sich sein Fehlverständnis von weiter oben hier fortsetzt. Es ist natürlich auch gar nicht notwendig immer auf alle Aspekte einer Umgebung zu reagieren, aber gleichzeitig haben wir ein Gehirn, welches beständig die Umgebung auf wichtige Informationen auswertet. Ein einfaches Beispiel wäre, dass Bewegung unser Auge stark anzieht, weil das früher ein Überlebensvorteil war. Ebenso werten wir andere Signale aus, etwa schätzen wir den Partnerwert, also unter anderem die Schönheit der Menschen um uns herum ein , ebenso wie ihren sozialen Status und ihre potentielle Gefährlichkeit. Natürlich machen wir das mit mehr oder weniger Intensität, befinden wir uns gerade in einem intensiven Gespräch mit unserem Gegenüber, dann wird weniger Aufmerksamkeit auf die übrige Umgebung gerichtet sein.

Zudem ist es auch keineswegs erforderlich, dass die Umgebung identisch ist, es reicht vollkommen, wenn die Situationen ein gleiches Muster aufweisen. Das ist etwas, was als Gedanke vielen schwerfällt, auch wenn es eigentlich recht einfach ist. Es hängt häufig mit der Denkweise zusammen, dass ein auf Biologie beruhendes Verhalten in Bezug auf seinen biologischen Anteil quasi auf sich selbst gestellt ist und alle Informationen seiner „Programmierung“ entnehmen können muss, ohne das es ausreicht bestimmte Muster zu aktivieren in Abstimmung mit Auswertungen aus der Umgebung.

Ein weiterer Umstand, der oft nicht bedacht wird, ist, dass die Gen-Umwelt-Koevolution, eben auch dazu führt, dass sich die Kultur auch nach der Biologie richtet. Das ist vergleichbar damit, dass sich die Mode zumindest dem Grunde nach nach dem Körper richten muss. Das Muster einer Hose mag sich dem Grund nach ändern, hat aber üblicherweise zwei Beine. Ebenso gibt es beim Menschen Muster, die man immer wieder dem Grunde nach erkennt. Beispielsweise haben menschliche Gesellschaften eben bestimmte soziale Hierarchien, Menschen zeigen Status auf bestimmte Weise an, beispielsweise durch Ressourcen oder durch bestimmte Kleidung. Angesichts der Kurzlebigkeit von Mode kann in den Genen nicht abgespeichert werden, welche Kleidung Status ausdrückt. Es kann aber eine Mustererkennung darauf ausgebildet werden, dass man erkennt, welche Leute einen hohen Status haben und was diese tragen oder sonst als Zeichen angesehen wird.

Für primitive Lebewesen oder schlicht physische Merkmale des Phänotyps ist das eine ziemlich plausible Hypothese. Doch je stärker man in Richtung Primaten und ihr soziales Verhalten geht, desto fraglicher ist es, ob man die zunehmende Komplexität der Verhaltensentstehung durch die neu hinzukommenden, kognitiven Fähigkeiten einfach so unter den Tisch fallen lassen kann.

Ich hatte an anderer Stelle schon einmal das Bild der „Führung durch Auftrag statt Befehl“ verwendet. Dabei geht es darum, dass einem Soldaten nicht genau vorgeschrieben wird, was er zu tun hat, sondern er einen Auftrag erhält, den er dann aufgrund seiner Erfahrung und seine Intelligenz und den in dem Training erworbenen Fähigkeiten umsetzt. Dieser Auftrag kann Zwischenziele enthalten und muss auch nicht das tatsächliche Endziel „Gewinne den Krieg“ umfassen, sondern kann dazu notwendige Etappen zum Ziel haben.

Ein tatsächlicher Befehl, der alle einzelnen Handlungen vorwegnimmt wäre, gerade bei einer komplexeren Kommandoaktion kaum zu geben, wenn er alle Schritte und alle Handlungen der Gegenseite vorwegnehmen würde. Und so etwas schwebt Elmar anscheinend vor.

Bei einem Handeln nach Auftrag bleibt das eigentliche Ziel hingegen gleich, egal wie intelligent  der Soldat ist und wie clever seine Gegner. Vermutlich könnte man das Ziel sogar kürzer fassen, wenn er entsprechend intelligent ist, weil er die Zusammenhänge versteht.

Die Biologie gibt in vielen Fällen die Bewertungen vor und lässt bestimmte Ziele attraktiv, andere als unattraktiv erscheinen. Mit dem alten Satz „Der Mensch kann tuen, was er will, aber nicht wollen, was er will“ ist das entsprechend wiedergegeben. Es ist demnach nicht so, dass komplexere Denkvorgänge zwangsläufig dazu führen müssen, dass Befehle komplexer sind oder nicht mehr wirksam werden.

Dieses Problem haben Soziobiologen ebenfalls bemerkt und suchen daher in diesem Punkt die Nähe zur evolutionären Psychologie:

V) radikale Komplexitätsreduktion: Bei Menschen ist es genauso wie bei allen anderen Tieren. Kulturelle Traditionen können generell nur dort entstehen und von Eltern auf die Kinder durch Lernen weitergegeben werden, wo sie gleichzeitig den reproduktiven Erfolg unterstützen.

Langfristig mag das so sein, kurzfristig ist das nicht der Fall. Wir können beispielsweise heutzutage kulturelle Praktiken wie Verhütung aufrechterhalten und mit hohen und langen Ausbildungszeiten kombinieren, die dazu führen, dass sich eine Vielzahl von Kindern, die eine Familie sicherlich ernähren könnte, sich schlicht nicht lohnt. Eine Vielzahl von Familien liegt unterhalb der Reproduktionsgrenze von 2 Kindern. Natürlich: Wenn die Menschheit insgesamt dies übernimmt, dann wird dies zu einer Reduzierung der Menschen führen, aber angesichts der Überbevölkerung würden wir das durchaus eine Zeit lang durchhalten und es könnte dennoch den einzelnen damit gut gehen.

Kulturelle Anpassungen bewirken auf diese Weise immer auch einen biologischen Reproduktionsteilerfolg, von der einzelne Gene indirekt profitieren (multilevel selection). Der Mensch kann also immer nur soviel Kultur produzieren, wie seine genetische und hormonelle Natur es ihm erlaubt.

Hier driftet Elmar ab in einen Bereich, der in der Evolutionären Biologie eher umstritten ist, nämlich „Multi-Level-Selektion“ auch besser bekannt als Gruppenselektion.

Diese Theorie ist zunächst erst einmal ein Widerspruch zu der Theorie der egoistischen Gene, weil sie eine weitere Ebene neben den egoistischen Genen errichtet, die hier wirksam sein soll. Das Fehlverständnis ist, dass der Effekt des Zusammenlebens in der Gruppe ebenfalls auf die egoistischen Gene reduziert werden kann.

Aus der Wikipedia ein Beispiel, was Wilson für diese Multi-Level-Selection anführt:

Wilson beschreibt an einem anderen Beispiel, wie man ein Gehege von 20 Hennen erhält, die in der Summe die meisten Eier legen (Wilson 2007,33f). Früher suchten Züchter die produktivsten Hennen aus einer größeren Gruppe heraus, selektierten wiederholt die Auswahl der ein oder zwei Dutzend besten Legehennen einige Generation lang bis nach einer Reihe von Generationen die besten bestimmt waren. Dies hatte jedoch den unter Züchtern bekannten unliebsamen Effekt, dass die verbleibenden besten Legehennen in der Gruppe keinerlei Konkurrenz duldeten und sich töteten. Die Zusammenhänge hat der Amerikaner William Muir [4] entdeckt: Wenn jeder sein Bestes gibt im Staat, dann ist das nicht zwingend das Beste für alle.

Wilson führt hier an, dass deswegen die Gruppe eine eigene Selektionsebene wäre, tatsächlich hat er aber lediglich zwei verschiedene Selektionen auf das egoistische Gen betrachtet, die einen verschiedenen Selektionsdruck betreffen. Einmal wird nur auf Legeleistung selektiert und das soziale spielt keine Rolle. Bei der anderen Selektion wird der bessere und sozialere Umgang mit den anderen Hennen selbst zu einem Selektionsdruck für die egoistischen Gene. Es ist damit keine weitere, auch keine kulturelle Ebene, vorhanden, auf der die Selektion stattfindet.

Soziobiologen behaupten aber nicht, jedes einzelne Verhaltensmerkmal eines individuellen Menschen erklären zu können: Individuelle Vorlieben und Abneigungen können viele Ursachen haben, die aus der persönlichen Biographie von Menschen – aus bestimmten Erlebnissen, Assoziationen und so weiter – verständlich sind. Allerdings formuliert E. Voland: Grundriss der Soziobiologie, 2013 p.215 es für einzelne Individuen sogar so: „Lernen ist ein biologisch detailliert geregelter und häufig eng gebahnter (»bereichsspezifischer«) Vorgang, und deshalb kann der Mensch auch nicht unbegrenzt formbar sein. Man lernt nur, was man [in einem teleonomen Sinne] lernen soll (Heschl 1998, Tooby et al. 2005)!“.

Ein klassisches Beispiel dafür wäre der Versuch, Affen die Angst vor Blumen beizubringen. Forschung zeigt, dass man Affen, die noch nie im Leben eine Schlange gesehen haben, Angst vor Schlangen beibringen kann, indem man ihnen einen zusammengeschnittenen Film zeigt, in dem andere Affen auf eine Schlange mit Angst und Warnrufen reagieren. Filme nach dem gleichen Prinzip bewirken aber keine Angst vor Blumen, auch wenn diese Affen diese ebenfalls noch nicht gesehen haben.

Das Lernen ebenso ein biologischer Vorgang ist, den man erklären muss und der erst einmal sehr kompliziert ist, hatte ich hier auch bereits häufiger angeführt. Leute, die sich gegen eine biologische Grundlage aussprechen machen sich darüber häufig keine Gedanken.

Es wäre eine interessante Frage an Anthropologen, Historiker und Kulturwissenschaftler, ob die kulturellen Entwicklungen tatsächlich so gleichförmig verlaufen sind. Noch interessanter wäre es, zu untersuchen, ob die kognitiven Fähigkeiten von Menschen oder Primaten in dieses simple Bild hinein passen – eine Sache, der ich auf jeden Fall eingehend nachgehen werde.

Wir dürfen gespannt sein

II. Elterninvestment

Im Paradigma der Soziobiologie (F.M. Wuketits: Was ist Soziobiologie? 2002) gibt es drei große Themenfelder:

a) soziale Kooperation innerhalb und zwischen Gruppen: Die Antwort auf die Frage, wie in der Tierwelt durch natürliche Auslese soziale Verbände mit fremdnützigen Verhalten entstehen können, wird durch das Prinzip der Verwandtenselektion beantwortet, das ebenfalls von W.D. Hamliton stammt. Durch Altruismus gegenüber der genetischen Verwandtschaft erhöhen die Verwandten die evolutionären Überlebenschance der eigenen Gene oder zumindest für Genesätze, die den eigenen sehr ähnlich sind. Zwischen Gruppen hingegen herrscht evolutionäre Konkurrenz auf genetischer Ebene, was z.B. den Fremdenhass erkläre.

Dazu hatte ich oben bereits etwas geschrieben: Verwandtenselektion ist lediglich ein Faktor, aufgrund dessen Altruismus entstehen kann. Es lohnt sich auch gegen über Fremden altruistisch zu sein, wenn man dadurch einen Kooperationsgewinn erhält oder annehmen kann, dass diese einen bei entsprechender Gelegenheit ebenfalls unterstützen oder aber wenn man damit anderen gegenüber signalisieren kann, dass es sich lohnt mit einem Zusammenzuarbeiten, weil man zu einem Altruismus bereit ist. Gleichzeitig muss jeder Altruismus vor Ausbeutung geschützt werden und ähnlich wie bei den Falken und den Tauben gibt es hier verschiedene Ansätze, wie man vorgehen kann, härter oder weicher, mehr auf Signalling setzend oder mehr auf Bestrafung von Trittbrettfahrern und Parasiten. Eine wesentliche Bedeutung hat hier zum einen unser Gedächtnis, das Anzapfen von Wissen Dritter (Ruf) und die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Interaktion. Um so wahrscheinlicher es ist, dass man nur einmal in Kontakt ist um so geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass der andere die Großzügigkeit erwidern kann. Gleichzeitig kann aber auch hier noch Signalling betrieben werden, es kann insofern sogar ein stärkeres Signal sein (seht, ich helfe jedem, also könnt ihr auch mir helfen, ich werde erwidern und auch „ich kann es mir leisten, dass auch bei Fremden zu machen“).

Hier bringt Elmar zudem wieder die Gruppenselektion hinein, die recht überwiegend abgelehnt wird. Es herrscht keine evolutionäre Konkurrenz zwischen Gruppen, sondern nur zwischen Genen an sich, die Umstände, die dort wahrgenommen werden sind nur Folgen des egoistischen Gens und der Verwandtenselektion.

Es ist etwas ungünstig, dass Elmar einen Überblick über die Evolutionsbiologie geben möchte und dann  in diesem stark auf Meinungen, die dort kaum Anhänger haben, abstellt. Eigentlich sollte ein solcher Überblick ja gerade die Meinungen darstellen, die hauptsächlich vertreten werden, aber das war wahrscheinlich mit Elmars Hass auf Dawkins und Co nicht vereinbar.

b) Geschlechterrollen (inklusive Fortpflanzung): Sie entstehen nach dem – weiter unten diskutierten – Prinzip der elterlichen Investition.

Deswegen wird es auch dort besprochen

c) sozialer Altruismus: Er wird im Grunde konplett geleugnet.

Sozialer Alturismus wird nicht geleugnet, er hat nur keine Bedeutung für evoltuionäre Theorien, weil es dort um die biologoischen Grundlagen des Verhaltens geht. Natürlich kann aber der soziale Altruismus nach diesen Grundsätzen betrachtet werden, wie jede soziale Ausformung biologischer Grundlagen.

Stattdessen wird versucht, in den üblichen Fällen altruistischen Verhaltens einen versteckten Eigennutz im Hinblick auf evolutionäre Vorteile für die eigenen Gene zu finden. Dies geschieht entweder als reziproker Altruismus nach R.L. Trivers oder als indirekter reziproker Altruismus, bei dem die Gegenleistung nicht um Altruismus-Adressaten, sondern von anderen Mitglieder der gleichen sozialen Gruppe kommt, die ihrerseits aus reziprokem Altruismus handeln.

Dieser „Versteckte Eigennutz“ lässt sich ja auch gut in Experimenten nachweisen. Es ist im wesentlichen ein Problem der Spieltheorie und daher auch in diesem Bereich erforscht worden. Sehr bekannt geworden ist eine Computersimulation dazu:

Computerturnier von Axelrod
Der amerikanische Politologe Robert Axelrod veranstaltete zum mehrmaligen Gefangenendilemma zu Beginn der 1980er Jahre ein Computerturnier, in dem er Computerprogramme mit verschiedenen Strategien gegeneinander antreten ließ. Die insgesamt erfolgreichste Strategie, und gleichzeitig eine der einfachsten, war besagte Tit-for-Tat-Strategie, entwickelt von Anatol Rapoport.[22] Sie kooperiert im ersten Schritt (freundliche Strategie) und den folgenden und „verzichtet auf den Verrat“, solange der andere ebenfalls kooperiert. Versucht der andere, sich einen Vorteil zu verschaffen („Verrat“), tut sie dies beim nächsten Mal ebenfalls (sie lässt sich nicht ausbeuten), kooperiert aber sofort wieder, wenn der andere kooperiert (sie ist nicht nachtragend).[23]

Evolutionsdynamische Turniere
Eine Weiterentwicklung des Spiels über mehrere Runden ist das Spielen über mehrere Generationen. Sind alle Strategien in mehreren Runden gegeneinander und gegen sich selbst angetreten, werden die erzielten Resultate für jede Strategie zusammengezählt. Für einen nächsten Durchgang ersetzen die erfolgreichen Strategien die weniger erfolgreichen. Die erfolgreichste Strategie ist in der nächsten Generation am häufigsten vertreten. Auch diese Turnier-Variante wurde von Axelrod durchgeführt.

Strategien, die zum Verraten tendierten, erzielten hier zu Beginn relativ gute Resultate – solange sie auf andere Strategien stießen, die tendenziell eher kooperierten, also sich ausnutzen ließen. Sind verräterische Strategien aber erfolgreich, so werden kooperative von Generation zu Generation seltener – die verräterischen Strategien entziehen sich in ihrem Gelingen selbst die Erfolgsgrundlage. Treffen aber zwei Verräter-Strategien zusammen, so erzielen sie schlechtere Resultate als zwei kooperierende Strategien. Verräter-Strategien können nur durch Ausbeutung von Mitspielern wachsen. Kooperierende Strategien wachsen dagegen am besten, wenn sie aufeinandertreffen. Eine Minderheit von miteinander kooperierenden Strategien wie z. B. Tit for Tat kann sich so sogar in einer Mehrheit von verräterischen Strategien behaupten und zur Mehrheit anwachsen. Solche Strategien, die sich über Generationen hin etablieren können und auch gegen Invasionen durch andere Strategien resistent sind, nennt man evolutionär stabile Strategien.

Tit for Tat konnte erst 2004 von einer neuartigen Strategie „Master and Servant“ (Ausbeuter und Opfer) der Universität Southampton geschlagen werden, wobei dazugehörige Teilnehmer sich bei gegenseitigem Aufeinandertreffen nach einem Initial-Austausch in eine Ausbeuter- bzw. eine Opferrolle begeben, um dem Ausbeuter (individuell) so eine Spitzenposition zu ermöglichen. Betrachtet man das Ergebnis des Ausbeuters und des Opfers zusammen (kollektiv), so sind sie bei den o. g. Auszahlungswerten schlechter alsTit for Tat. Nötig für die individuell guten Ergebnisse ist aber eine gewisse kritische Mindestgröße, d. h., Master and Servant kann sich nicht aus einer kleinen Anfangspopulation etablieren. Da die Spielpartner über ihr anfängliches Spielverhalten codiert kommunizieren, besteht der Einwand, dass die Master-and-Servant-Strategie die Spielregeln verletzt, wonach die Spielpartner isoliert voneinander befragt werden. Die Strategie erinnert an Insektenvölker, in denen Arbeiterinnen auf Fortpflanzung gänzlich verzichten und ihre Arbeitskraft für das Wohlergehen der fruchtbaren Königin aufwenden.

Notwendige Bedingungen für das Ausbreiten von kooperativen Strategien sind: a) dass mehrere Runden gespielt werden, b) sich die Spieler von Runde zu Runde gegenseitig wiedererkennen können, um nötigenfalls Vergeltung zu üben, und c) dass nicht bekannt ist, wann sich die Spieler zum letzten Mal begegnen.

Das reale Leben ist komplexer als die Computersituation und bezieht damit auch andere Faktoren wie Ruf und Wahrscheinlichkeit, dass jemand etwas merkt mit ein. Die entsprechenden Modelle zum Verständnis der Evolution von Altruismus sind insoweit in der Spieltheorie vorhanden,

Erklärungen durch einen ausschließlichen Nutzen für die eigene Art werden abgelehnt.

Gruppentherorie kann nicht funktionieren, das sie das Trittbrettfahrerproblem nicht in den Griff bekommt (wenn die Gruppe einen Nutzen hat, dann ist es immer besser derjenige aus der Gruppe zu sein, der den Nutzen, aber nicht die Kosten hat) und daher entsprechende Selektionen dagegen stehen.

Dabei geht es Soziobiologen keineswegs um Bewertungen, sondern nur darum zu zeigen, daß evolutionäre Letztbegründungen die komplizierte Annahme edler Motive überflüssig macht (Wickler & Seibts: Das Prinzip Eigennutz, 1977).

Es geht ihnen insbesondere darum, dass Gruppenselektion nicht funktioniert.

Letzteres ist übrigens ebenfalls keine neue Idee: Bereits der englische Philosoph H. Spencer – von dem Darwin den slogan survival of the fittest übernahm – sprach von ego-altruistischen Gefühlen und brachte damit zum Ausdruck, daß auch der Altruist allein eigennützige Motive haben kann.

In der Tat war das Buch des Philosophen Spencer zu Darwins Zeiten sehr populär, es hatte allerdings eher einen Standpunkt, den man heute als Vorläufer eines Sozialdarwinismus sehen würde.

Wir verfolgen nun die Theorie der elterlichen Investition weiter, die 1972 ursprünglich von R.L. Trivers in Parental Investment and Sexual Selection vorgeschlagen wurde, um Geschlechterrollen und Mechanismen der sexuellen Selektion vorherzusagen. Mit Elterninvestment wird in der Soziobiologie die Gesamtheit der Maßnahmen bezeichnet, die Lebewesen jeweils ergreifen, um Nachkommen zu zeugen und deren eigene reproduktive Eignung zu gewährleisten. Diese Theorie besagt, daß zwar beide Geschlechter ihre indivduelle Nachkommenschaft sichern wollen, für dieses Ziel aber unterschiedlich viel Aufwand treiben müssen. Die unterschiedlichen Verhaltensmerkmale der beiden Geschlechter seien zudem verbunden und begründbar durch ein unterschiedliches Investment (z.B. E. Voland: Grundriss der Soziobiologie, p.127ff, 2013):

Der Brutpflegeaufwand für das weibliche Geschlecht ist größer als für das männliche. Schon die Produktion der viel größeren und wenig zahlreichen Eier kostet mehr Energie als die Erzeugung einer Unzahl von Spermien, die daher als billig gelten können. Hinzu kommen bei Säugetieren Schwangerschaft und die anschließende Versorgung des Nachwuchses. Während dieser langen Zeitspanne kann das Weibchen keinen weiteren Nachwuchs bekommen, wodurch ihre Reproduktionschancen und damit ihr evolutionärer Erfolg verringert sind. Das Männchen hingegen kann während dieser Zeit theoretisch unbegrenzt weitere Nachkommen zeugen. Weibchen sind daher bezüglich ihres Sexualpartners besonders wählerisch und an Treue mehr interessiert als Männchen. Sie achten insbesondere auf Kriterien, die die Bereitschaft eines Männchens signalisieren, in den gemeinsamen Nachwuchs mehr als nur die Samenspende zu investieren. Männchen, die sich als gute Verteidiger und Ernährer präsentieren, dem Weibchen wertvolle Ressourcen bieten, werden bevorzugt. Bei Säugetieren herrscht durch lange Tragzeiten und die alleinige Versorgung des Nachwuchses durch die Weibchen ein besonders großes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern.

Studien ergeben, daß für Menschen insofern nichts anderes gilt, als Frauen weltweit dazu tendieren, eher ältere, gesellschaftlich und beruflich erfolgreiche Männer mit guten finanziellen Ressourcen bevorzugen, die häufig einen höheren Status als sie selbst haben. Männer jeden Alters wählen hingegen mit größerer Wahrscheinlichkeit jüngere und körperlich attraktive Frauen, die noch eine lange Fruchtbarkeit signalisieren.

Das sind in der Tat so ziemlich zentrale Gedanken. Mal sehen, was Elmar daraus macht.

Vom Standpunkt der Soziobiologen ist damit geklärt, daß große Abweichungen des bisher von Männern und Frauen gezeigten Verhaltens unwahrscheinlich, weil evolutionär disfunktional sind. Männerbewegungen wie sie vom Maskulismus unterstützt werden, sind daher eher von kosmetischer Bedeutung und „biologistischer Maskulismus“ im Grunde ein Widerspruch in sich.

Ich vermute mal, dass das aus Elmars Sicht ein Gegenargument ist: Wenn man gewünschte Ziele wegen bestimmter Fakten nicht erreichen kann, dann müssen die Fakten falsch sein.

Eine Änderung wäre im übrigen nicht unwahrscheilich, weil sie evolutionär dysfunktional ist, sondern weil bestimmte Grundlagen abgespeichert sind, insbesondere Partnerwahlkriterien. Ob etwas dysfunktional aus evolutionärer Sicht wäre, wäre relativ egal, da nicht der Grund oder das Ziel abgespeichert wird, sondern nur die eigentliche Funktion.

Warum das einen „biologistischen Maskulismus“ ausschließen soll erschließt sich mir nicht. Man kann nicht änder, dass Frauen Männer mit Status und Männer schöne, junge Frauen attraktiv finden, aber man kann natürlich trotzdem für ein allgemeines Sorgerecht ab Geburt auch bei unverheirateten Eltern sein, man kann deswegen dennoch andere Regelungen im Zugewinn und im Unterhalt  für richtig halten, man kann dennoch darauf hinweisen, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt sein können, man kann auch dagegen sein Männer zu verteufeln und man kann besonders effektiv dagegen argumentieren, dass die Geschlechterrollen vom Patriarchat künstlich angelegt worden sind um Frauen zu unterdrücken.

(weiter in der Besprechung demnächst in Teil 2)

Kausalität, Biologie und Evolution

Elmar hat einen Artikel über Prognosen und Erklärungen geschrieben, der irgendwie mal wieder darlegen soll, das biologische Theorien falsch, Biologismus, und geradezu unmöglich sind.

Seine Zusammenfassung lautet:

In den Naturwissenschaften gilt: Erklärungen erzeugen keine Prognosen und Prognosen erklären nichts. Und die Güte einer Erklärung kann auch nicht durch die Treffsicherheit einer Prognose gemessen werden. Argumentformen erzeugen keine Erklärungen, aber Erklärungen ohne Argumente gibt es nicht. Erklärungen benötigen keine Gesetze und keine Kausalaussagen. Der Kausalbegriff ist in der Physik nicht eindeutig, wird aber an alle anderen Naturwissenschaften vererbt. Kausalaussagen oder kausale Prozesse können manchmal, müssen aber nicht immer etwas erklären und eine analysierende Vereinheitlichung allein genügt nicht immer für das Zustandekommen einer Erklärung. Vor allem aber betreffen Erklärungen immer Behauptungen, deren Wahrheit wir bereits mit guten Gründen akzeptiert haben: Erklärungen, die systematisieren, erzeugen zwar ein spezielles Wissen, aber ob es sich wirklich um Erklärungen handelt, messen wir unter anderem in Termen von unabhängig verfügbaren Wissen. Wenn es in den Naturwissenschaften offenbar so überraschend kompliziert ist, welchen Grund haben wir dann zu glauben, daß das Verhalten der Personen so viel einfacher zugänglich ist? Und woher kommen eigentlich die Prognosen in Biologismus und evolutionärer Psychologie, wenn sie nicht von den Erklärungen über die Ursprünge des Verhaltens geliefert werden?

Es kann gut sein, dass ich das Ganze falsch verstehe, es scheint mir aber eine recht willkürliche Aufteilung zu sein, die an den tatsächlichen Gegebenheiten vorbeiredet.

Wenn man Biologie verstehen will, dann muss man zunächst Evolution verstehen. Man muss verstehen, dass es dort um Mutationen und Selektionen geht, dass dieses ein zielloser Prozess ist, der ohne Steuerung auskommt, der aber dennoch unglaublich komplexe Gebilde und Strukturen schaffen kann.

Sie haben beispielsweise unser Gehirn geschaffen, welche unzweifelhaft eine äußerst komplexe Struktur ist.

Soweit werden sicherlich die meisten noch zustimmen.

Jetzt kommt der Punkt, an dem die Philosophen wohl einige Probleme haben:

Dieser Prozess kann Denkregeln schaffen, ebenso wie Vorlieben, instinkthaftes Verhalten, das Unterbewußtsein etc und klassische Formen von Erklärung und Kausalität greifen hier nicht mehr.

Denn es kommt hier zum einen eine zufällige Mutation und zum anderen ein Selektionsprozess zusammen, der nicht so abgelaufen sein muss, der nicht zwingend ist, der auch hätte in eine andere Richtung verlaufen können und der dennoch bestimmten Regeln folgt, die man in einer Ex-Post-Betrachtung, also eine Betrachtung im Nachhinein nachvollziehen und zuordnen kann.

Das Ergebnis dieses Selektionsprozesses kann dabei ein Horn zur Verteidigung sein oder aber auch eine Denkroutine, die zB die Fähigkeiten eines Angreifers zB seine Größe etc in Flucht oder Kampf umrechnet, und das im Verhältnis zu dem, was es zu bewahren gilt (die äußeren Grenzen eines großen Reviers? Der Nachwuchs, der sonst deinem Fressfeind ausgeliefert ist?)

Ich verstehe wie gesagt vielleicht auch nicht die dort aufgemachte aus meiner Sicht sehr theoretische Differenzierung:

Wenn ich weiß, dass ein Hammer zum Schmieden von Schwertern konstruiert worden ist und der andere Hammer dazu, den Kniesehnenreflex zu testen, dann kann ich deswegen natürlich auch eine gute Prognose abgeben, welcher wohl mehr aushält, selbst wenn ich die Hammer nicht gesehen habe.

Ebenso kann ich aus den mir bekannten Daten zur Kostenverteilung menschlicher Fortpflanzung überlegen, wie wohl das Gehirn konstruiert sein wird und daraus Thesen zum Verhalten ableiten. Es ist zB sehr wahrscheinlich, dass das Geschlecht, welches die geringeren Fixkosten  der Fortpflanzung trägt weitaus eher zu „casual Sex“ bereit sein wird.

Oder man müsste genauer formulieren: Das Gehirn wird eher so eingerichtet sein, dass es Gelegenheiten zu Casual Sex als attraktiv wahrnimmt und es wird die Erkennung entsprechender Muster eher mit der Aktivierung von „Belohungsgehirnarealen“ verbunden sein. Diese evolutionär entstandene Bewertungsroutine des Gehirns führt dann dazu, dass dieses Verhalten attraktiver ist und ein entsprechender Handlungsimpuls, dessen Stärke je nach Gelegenheit und anderen Faktoren variiert, schwerer von dem logisch denkenden Teil unseres Gehirns ausgebremst werden kann.

Natürlich sind das erst einmal Theorien, ob sie plausibel sind, kann durch Experimente, Studien etc festgestellt werden.

Dazu gibt es ja auch eine Menge Möglichkeiten: Nahezu jedes „System“ am Menschen kann ausfallen, sei es durch eine Mutation oder eine Gehirnverletzung, solange es nicht für das Überleben wichtig ist. Es gibt Leute ohne Kurzzeitgedächtnis, ohne Langzeitgedächtnis, ohne die Fähigkeit Emotionen zu erkennen oder Entscheidungen zu treffen (weil zB ihr Filter für „wichtig“ und „unwichtig“ nicht funktioniert. Es gibt Leute, die sexuelle Anziehung nicht verstehen oder wie man überhaupt sexuelles Begehren empfinden kann. Es gibt Leute, die unter der Einwirkung von Gehirnverletzungen ihr Verhalten und ihre Persönlichkeit verändern.

Beispielshaft sei hier der berühmte Fall des Phineas Gage angeführt:

Phineas P. Gage (* wahrscheinlich am 9. Juli 1823 in Lebanon, New Hampshire; † 21. Mai 1860 in San Francisco, Kalifornien) arbeitete als Vorarbeiter bei einer amerikanischen Eisenbahngesellschaft bei Cavendish, Vermont, und erlitt dort am 13. September 1848 einen schweren Unfall. Bei einer von ihm durchgeführten Sprengung schoss eine etwa 1,10 m lange und 3 cm dicke Eisenstange von unten nach oben durch seinen Schädel und verursachte einen großen Wundkanal. Die Stange trat unterhalb des linken Wangenknochens in den Kopf ein und oben am Kopf wieder aus (Läsion im orbitofrontalen und präfrontalen Kortex). Während des Unfalls blieb Gage bei Bewusstsein und war auch später in der Lage, über den gesamten Hergang des Unfalls zu berichten. Er überlebte den Unfall, und die Wunden heilten, lediglich sein linkes Auge wurde durch den Unfall irreversibel zerstört.

Der Unfall des Phineas P. Gage ist für die neurowissenschaftliche Forschung von großer Bedeutung: Nach Angaben seines Arztes, John D. Harlow, war er nach wenigen Wochen körperlich wiederhergestellt, und auch seine intellektuellen Fähigkeiten, einschließlichWahrnehmung, Gedächtnis, Intelligenz, Sprachfähigkeit, sowie seine Motorik waren völlig intakt. In der Zeit nach dem Unfall kam es jedoch bei Gage zu auffälligen Persönlichkeitsveränderungen. Aus dem besonnenen, freundlichen und ausgeglichenen Gage wurde ein kindischer, impulsiver und unzuverlässiger Mensch. Dieses Krankheitsbild ist heutzutage in der Neurologie als Frontalhirnsyndrom bekannt.

Gage litt nach dem Unfall immer wieder an epileptischen Anfällen und Fieberschüben, verlor nach einem heftigen Krampfanfall das Bewusstsein und erlangte es nach einer Reihe von weiteren Krämpfen nicht wieder. Er starb am 21. Mai 1860. António Damásio ist der Ansicht, dass er einem Status epilepticus zum Opfer fiel.

1867 wurde der Körper exhumiert. Der Schädel sowie die seinerzeit mitbeigesetzte Eisenstange wurden im Museum der Harvard Medical School ausgestellt. 1994 wurde der Schädel an der Universität Iowa von Hanna Damasio gescannt und am Computer ein Gehirn simuliert, das in diesen Schädel passte. Anhand der Löcher im Schädel konnte so festgestellt werden, welche Hirnareale durch die Stange beschädigt wurden.

Das Frontalhirnsyndrom zeigt eine gewisse Nähe zum „Computermodell“:

Allgemein schreibt man diesen Hirnteilen, die auch als präfrontaler Cortex bezeichnet werden, eine Analyse- und Überwachungsfunktion zu. Daher wurde für ihn auch der Begriff „supervisory attentional system“ (SAS) eingeführt. Es besteht ein dichtes Netzwerk zu vielen anderen Hirnteilen. Auf diese Weise können unterschiedlichste Informationen analysiert, bewertet, „verrechnet“ und die Ergebnisse wieder zurückgesendet werden – ähnlich dem zentralen Prozessor (CPU) eines Computers. Aufgrund der zahlreichen präfrontalen Verbindungen („Projektionen“) zu anderen Gehirnstrukturen können auch Läsionen in anderen Hirnabschnitten zu einem Dysexekutiven Syndrom führen, z. B. Thalamus, kortikale oder subkortikale limbische Strukturen,Basalganglien. (…)

Das Supervisory Attentional System (SAS) ist nicht mehr dazu in der Lage, Handlungen des Menschen flexibel auf neue Situationen einzustellen (kognitive Flexibilität). Das problemlösende Denken und eine vorausschauende Handlungsplanung sind z. T. massiv gestört. Irrelevante (Umwelt-)Reize können nicht mehr von relevanten unterschieden werden. Es findet keine ausreichende Analyse mehr statt. Bei Routinehandlungen dagegen zeigen sich in der Regel keinerlei Probleme. Personen mit einer Schädigung des Frontalhirns sind hier zumeist unauffällig: z. B. Einkaufen von alltäglichen Dingen, Frühstück- oder Abendessenrichten, Wahrnehmen von Arztterminen usw.

Folgende kognitive Störungen können im Rahmen eines dysexekutiven Syndroms auftreten und mit unterschiedlichen Tests erfasst werden:

  • Unzureichende Problemanalyse
  • Unzureichende Extraktion relevanter Merkmale
  • Unzureichende Ideenproduktion (Verlust von divergentem Denken und Einfallsreichtum)
  • Verringerte Wortflüssigkeit und Reduktion der „Spontansprache“
  • Haften an (irrelevanten) Details
  • Mangelnde Umstellungsfähigkeit und Hang zu Perseverationen
  • Ungenügende Regelbeachtung und Regelverstöße (auch im sozialen Verhalten)
  • Einsatz planungsirrelevanter Routinehandlungen
  • Verminderte Plausibilitätskontrollen
  • Keine systematische Fehlersuche
  • Alternativpläne werden kaum entwickelt
  • Handlungsleitendes Konzept geht verloren
  • Schwierigkeiten beim gleichzeitigen Beachten mehrerer Informationen (Arbeitsgedächtnis)
  • Kein „Multi-Tasking“ mehr möglich
  • Handlungskonsequenzen werden nicht vorhergesehen
  • Kein Lernen aus Fehlern
  • Unbedachtes und vorschnelles Handeln (erhöhte Impulsivität)
  • Rasches Aufgeben bei Handlungsbarrieren (reduzierte Beharrlichkeit und Willensstärke)
  • Wissen kann nicht mehr in effektive Handlungen übersetzt werden („Knowing-doing-dissociation“)

Das Faszinierende daran ist auch, dass es zeigt, dass wir einen Teil unserer Tätigkeiten nicht durch „logisches Denken“, sondern quasi auf dem Autopilot unserer Gewohnheiten erledigen und dieser Teil biologisch abgrenzbar ist (ein gutes Beispiel für die „Modultheorie“ der Evolutionsbiologie). Das ist der Teil unseres Gehirns wegen dessen wir uns plötzlich vor einer geöffneten Kühlschranktür finden und uns wundern, dass wir ja gar nichts essen wollten oder bei der wir gedankenverloren von zu Hause losfahren und statt in die eigentlich gewollte Richtung in Richtung der Arbeit abbiegen, weil wir diese Strecke sonst immer fahren.

Ist hingegen eben das „Aufsichtssytem“ gestört, dann denken wir anders. Wir haben keine Willensstärke und folgen unseren unterbewußt errechneten Handlungswünschen. Eben weil unser Gehirn in diesem Moment auf diese Weise funktioniert. Das wäre aber unmöglich, wenn wir nicht ein durch Evolution entstandenes Gehirn hätten, bei dem sich immer mehr entwickelt hat und unsere unterbewußten Wünsche und Handlungsmotivationen immer mehr durch eine Kontrollorgan einer Prüfung unterzogen worden ist, die sich teilweise durchsetzt und ein entsprechendes Handeln verhindert, bei besonders starken Reizen aber eben der Versuchung nicht widerstehen kann. Wir haben eben durch langsame Evolution nicht unsere biologisch vorgegebenen Wünsche und Handlungsmotivationen verloren, wir setzen sie nur intelligenter um und sortieren unvernünftige Wünsche eher aus.

In dem Modell von Elmar wären diese Wünsche, die auf Gehirnroutinen beruhen, die durch Mutation und Selektion entstanden sind, durchaus Erklärungen für unser Handlen („weil Fette und Zucker gute Nährstofflieferanten sind schmecken sie uns gut und das Erkennen solcher Nahrungsmittel, sei es optisch oder durch Geruch und (im Gedächtnis gespeicherten) Geschmack löst daher über den Hunger eine Handlungsmotivation aus“). Wenn aber der entdeckte Schokoriegel gegessen wird, dann würden wir dennoch im Vorfeld keineswegs eine sichere Prognose aufstellen können, dass dieser gegessen wird. Weil wir eben keine simplen Reiz-Reaktion Automaten sind. Eine strikte Kausalität in dieser Hinsicht liegt insofern nicht vor, aber das ist auch nicht erforderlich um solche Faktoren dennoch als wichtige Faktoren im menschlichen Handeln zu bewerten. Wir können gut nachvollziehen, warum uns der Schokoriegel oder das Glas Nutella mehr in Versuchung führt als eine Fenchelstaude oder ein Becher Sand. Unter dem Aspekt, dass wir bestimmte Geschmacks- und Geruchsvorlieben entwickelt haben, die unserem Gehirn mitteilen, dass etwas Nähstoffreich ist, können wir sogar Täuschungen wie Süßstoffe verstehen, auch wenn uns logisch bewusst ist, dass wir unseren Körper gerade täuschen: Wir wollen das Glücks- und Geschmackserlebnis der Süße als sinnentleertes Gefühl und – in der heutigen Zeit – nicht dessen „Nachteile“. Wir können dies verstehen, weil wir verstehen, dass im Rahmen der Evolution kein perfektes System, welches durch Süßstoffe nicht zu täuschen ist, entstehen musste. Es reichte ein damals sicheres System.

Menschliches Verhalten ist insofern nicht verständlich, wenn wir uns nicht mit den unterbewussten Wünschen, Ängsten, Verhaltenssystemen beschäftigen, die evolutionär entstanden sind. Denn diese bilden in vielen Punkten überhaupt erst die Grundlage, auf der wir dann zur Umsetzung scheinbar logische Entscheidungen treffen. Es macht keinen logischen Sinn Sex mit Verhütungsmitteln zu haben ohne Verständnis der Biologie. Es macht keinen logischen Sinn bei diesem Sex mit Verhütungsmitteln einen nach unser Vorstellung attraktiven Partner zu bevorzugen ohne die Biologie. Es  macht keinen Sinn zu lieben, eifersüchtig zu sein, sich zu schämen oder Angst vor Statusverlust und Peinlichkeit zu haben ohne die Biologie. Psychopathen handeln in dieser Hinsicht vielleicht wesentlich logischer, nur nehmen wir dies in unser biologisch bedingten Unlogik nicht als Logik war. Verständlich wird dies alles erst, wenn man die evolutionären Hintergründe des Verhaltens versteht. Das gilt um so mehr im Geschlechterbereich.

Wenn es um Biologie geht, dann muss es insofern auch gar nicht per se um Kausalität im strikten Sinne gehen. Das ist eine viel zu monokausale Betrachtung, bei der nur eine Motviation vorherrscht und umgesetzt wird. Es werden aber beständig verschiedene Motivationen ausgelöst, von dem Wunsch nach Sex verbunden mit dem Wunsch nicht vor anderen abgelehnt zu werden und soziale Abwertung zu erfahren, dem Wunsch Ressourcen zu besitzen und dem Wunsch als großzügig wahrgenommen zu werden. Der Wunsch sicher zu sein und der Wunsch aus der Menge hervorzustechen im positiven Sinne. Nicht nur zwei Seelen wohnen ach in unserer Brust, sondern unsere tatsächliche Handlung ist das Ergebnis einer Vielzahl von Wünschen, Motivationen, Ängsten etc, die aussortiert und logisch bewertet werden, deren Dringlichkeit und Gewicht in dieser Bewertung aber keineswegs rein logisch sein muss, sondern gegebenfalls nur logisch innerhalb unserer Biologie ist (ein normalgewichtiger Mensch verhungert nicht, wenn er einen Tag nichts ist, aber Hunger kann nach einem Tag ohne Essen trotz dieses Umstandes ein sehr hohes Gewicht in der Entscheidung zwischen der Erfüllung verschiedener Motivationen haben, die uns „etwas essen“ als logische Entscheidung erscheinen lässt.

Ist es jetzt von Belang, dass wir die Entscheidung des Menschen nicht sicher vorhersagen können? Aus meiner Sicht nicht. Hier wird schlicht ein Strohmann aufgebaut, der mit bestimmten Begriffen, die auf das Modell nicht passen, eine scheinbar logische Ablehnung dieser Theorien ermöglichen soll.

Was auch wichtig zu verstehen ist: In vielen Punkten wird gar nicht per se auf evolutionäre Erklärungen abgestellt, sondern auf biologische. Wenn Testosteron zB die Risikobereitschaft erhöht, dann wirkt sich das auf das Verhalten aus. Ob das der Fall ist, kann man durchaus schlicht testen. Wie dann die evolutionäre Erklärung dazu ist, das wäre dann noch nicht einmal wichtig.

Das die Biologie unser Denken beeinflusst ist allerdings in der heutigen Zeit wirklich nicht mehr zu leugnen.

Kooperationsgleichgewichte und Konfrontation zwischen Mann und Frau

Elmar schreibt in einem Kommentar zu dem Artikel Appell an Männerrechtler etwas, was ich durchaus interessant finde:

Mit Neid hat das nichts zu tun. Worum es uns geht, ist die Tatsache, daß im Grunde jeder Feminismus eine Metaphysik des Sozialen betreibt. Dies geschieht, indem er implizit auf die Fragen “Worin besteht die wahre Realität?” und “Was sind die ersten Ursachen und Gestaltungsprinzipien der wahren Realität?” antwortet:

1. Die wahre Natur der sozialen Realität besteht in einem Konflikt derjenigen sozialen Klassen, die durch Geschlechter gebildet werden. (Durch den Ansatz der Intersektionalität wird die Sache später verfeinert.)

2. Die ersten Ursachen der sozialen Realität sind alle auf ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern zu Gunsten der Männer zurückzuführen (deren Ursache von den verschiedenen Wellen des Feminismus mal in der Rolle der Mütter und mal im hetereosexuellen Begehren gesehen wird) und ihre Gestaltungsprinzipien sind Beeinflussungen der persönalen Autonomie durch Geschlechterrollen sowie ökonomische oder rechtliche Strukturen.

Das beef, daß der Maskulismus mit dem Feminismus hat, dreht sich gerade um diese Frage “Wie kann man die soziale Realität charakterisieren?” und viele Maskulisten sind der Meinung, daß statt der vom Feminismus behaupteten Konkurrenz in Wahrheit Kooperationsgleichgewichte die zentrale Rolle bei der Analyse der sozialen Realität spielen. Das bedeutet: Was der Feminismus kritisiert, sind Eigenschaften von Kooperationsgleichgewichten, er möchte andere Kooperationsgleichgewichte, doch die Mittel des Feminismus sind auf Konfrontation hin designed – was die Gesellschaft nach Meinung vieler Maskulisten auf Dauer zerstören wird. (Und der Streik der der Männer liefert erste Hinweise darauf, daß es genauso kommt.)

Ich würde das etwas anders ausdrücken, wie ich auch dort in einem Kommentar bereits geschrieben hatte:

Feministinnen sehen die Beziehung der Geschlechter als Nullsummenspiel um Macht, während es aus meiner Sicht in der Tat eher ein kooperatives Spiel ist, indem bestimmte Konstellationen aufgrund evolutionärer Selektionsprozesse besonders beliebt sind und kulturelle zu Geschlechterrollen ausgeformt worden sind, die aber durchaus mit gewissen im Schnitt der Geschlechter bestehenden Unterschieden übereinstimmen.

Die Ausgestaltung als Nullsummenspiel wird dabei in den Theorien sogar binär ausgestaltet. Entweder eine Gruppe hat Macht oder sie hat keine Macht. Da bleibt nicht viel Spielraum für differenzierte Betrachtungen.

Die Geschlechterrollen sind deswegen weltweit vorhanden, weil die Biologie bestimmte Prozesse geschaffen hat, die zu bestimmten Strategien passen, die sich nach der Sexual Strategies Theorie betrachten lassen. Beide Geschlechter können ihre evolutionär erfolgreiche Fortpflanzungsstrategie durchaus zu Lasten des anderen Partners optimieren, zB Männer in dem sie möglichst viele Frauen schwängern, Frauen indem sie sich Versorgung sichern, aber dennoch optimales Genmaterial mitnehmen. Diese Strategien verhindern eine kooperative Strategie und damit diese dennoch attraktiv ist verlieben wir uns und können so überhaupt erst eine Langzeitstrategie mit Arbeitsteilung und hohen Kosten der Fortpflanzung tragen, die unser großes Gehirn erforderte und damit die Arbeitsteilung klappt haben sich auch unsere Gehirne und Körper spezialisiert und sind mit Vorlieben ausgestattet.

Viele der „Kooperationsgleichgewichte“ werden deswegen von vielen Männern und Frauen als durchaus passend empfunden. Andere, gerade Leute mit einer vom Schnitt in die Richtung des anderen Geschlechts abweichenden Gehirnausrichtung sehen das nicht so. Darunter sind eben zB auch viele Feministinnen. Sie erleben dann zB eben diese Strategien nicht als kooperativ, sondern als etwas, was ihnen aufgezwungen wird und meinen, dass es deswegen allen Frauen aufgezwungen wird.

Die feministische Theorie kann kooperative Strategien aufgrund der Betonung des Gruppenfaktors und des Kriteriums Macht gar nicht erkennen, weil die feministische Theorie so etwas gar nicht vorsieht. Bei ihr kann es dieses alles gar nicht geben, weil sie alles als soziale Konstruktion sehen, die durch Macht aufrecht erhalten wird, wo es tatsächlich gesellschaftliche Normen sind, die beiden Geschlechtern nutzen.

Der „Beef“ beginnt bereits früher, Feministinnen sehen eben eine soziale Konstruktion der Realität (was Elmar sieht bleibt aus meiner Sicht unklar), die ohne Mann und Frau auskommen könnte und bei der jede Konstruktion, die auf Kooperation zwischen den Geschlechtern aufbaut, bereits weil sie häufig an dem Geschlecht festmacht, falsch sein muss, da sie die angeblich überflüssige Konstruktion erhält.

Der Familienvater und die Frau, die für die Kinderbetreuung aussetzt sind dann erst einmal Ausdruck von Geschlechterrollen und Macht, eben der Macht der Männer, die Frauen von der Erwerbsarbeit und der damit verbundenen finanziellen Unabhängigkeit und höheren gesellschaftlichen Position abzuschneiden. In dem Denkmodell kann das als bewußte freie Entscheidung, die beiden gefällt, gar nicht wahrgenommen werden. Auch der Gedanke, dass Erwerbstätigkeit nicht per se Freiheit bedeutet, sondern auch Einschränkung sein kann, oder der Gedanke, dass Unterhalt, Zugwinnausgleich und Versorgungsausgleich diese Freiheit wieder einschränken und Erfolge an die Frau übertragen, wenn beide verheiratet sind, kommt in dieser Betrachtung nicht vor.

Folgt aus den biologischen Theorien, dass soziale Geschlechtergerechtigkeit irrelevant ist?

Elmar kommentiert bei LoMi wie folgt:

Der Biologismus formuliert seine eigene Teleologie. Und die ist für Männerrechte keineswegs gleichgültig, denn sie erklärt, daß Geschlechtergerechtigkeit in sozialen und nicht in wirtschaftlichen Zusammenhänge, politische Macht oder was sonst Status verleihen möge, einfach irrelevant ist.

Was ich und vermutlich zum Teil du auch wollen, eine soziale Realität ohne Ausbeutung, kann der Biologismus einfach nicht verstehen, denn sie ist für ihn unnatürlich und einfach nur eine Folge der Tatsache, daß du und ich irgendwelche Betas, Gammas oder Omegas sind, die sich einfach über zu wenig Status im Vergleich zu den alpha-Männern beschweren.

Deshalb ist Biologismus maskulistisch kontraproduktiv.

Wenn man davon ausgeht, dass „Biologismus“ hier biologische Theorien meint, wie ich sie vertrete, dann erstaunt mich diese Theorie mal wieder.

Richtig ist, dass evolutionäre Prozesse erst einmal keine „Gerechtigkeit“ kennen, ziellos sind (wenn sie auch in eine bestimmte Richtung verlaufen können) und die Theorien keine Rücksicht darauf nehmen, dass sie Männern oder Frauen gefallen.

Das bedeutet aber nicht, dass man diese nicht zusammen mit Geschlechtergerechtigkeit oder anderen maskulistischen Forderungen vertreten kann.

Elmar unterstellt hier schlicht einem naturalistischen Fehlschluss (Die Gleichsetzung von “Natürlich” mit “Gut, Richtig oder schön”).  Ein solcher Fehlschluss wird aber gerade innerhalb der biologischen Theorien abgelehnt.

Wenn es eine Ausbeutung der Betas, Omegas oder Betas gibt, dann kann man die auch dann anprangern, wenn man meint, dass Betas einen geringeren Wert auf dem sexuellen Markt haben. Es gibt aber auch keine biologische Regel, dass Betas, Omegas oder Gammas per se ausgebeutet werden müssen.

Im übrigen gibt es natürlich auch weibliche Betas, Gammas oder Omegas, die einen männlichen Beta, Gamma oder Omega vielleicht schlicht als gleichwertig oder eben sogar höherwertig auf dem Partnermarkt ansehen.

Und männliche Alphas, die an einer weiblichen Beta schlicht nicht interessiert sind.

Aber auch die Feststellung, dass es einen unterschiedlichen Partnerwert gibt rechtfertigt keine Ausnutzung. Genauso lässt es Ausnutzung nicht verschwinden, wenn man davon ausgeht, dass es keinen unterschiedlichen Partnermarktwert sowohl innerhalb der Gruppe der Männer als auch der Frauen gibt. Schon gar nicht kann man gegen eine Ausbeutung angehen, wenn man dabei von falschen Grundlagen bei Männern und Frauen ausgeht. Im Gegenteil: Dann wird man eher entweder Ausbeutung sehen, wo vielleicht keine ist oder falsche Mittel zu deren Beseitigung vorschlagen.

Meiner Meinung nach ist der größte Fehler, den man machen kann, von einer falschen Theorie auszugehen und auf der Basis dieser dann eine Lösung für das Problem zu suchen – ein einfaches Beispiel wäre eine Theorie, bei der die Erde der Mittelpunkt des Universums ist, und sich die Sonne um die Erde dreht. Auf dieser Basis eine Berechnung für einen Weltraumflug durchzuführen ist sicherlich möglich – es gibt ja Modelle der Planetenbewegungen auf dieser Basis, muss aber zwangsläufig dazu führen, dass man sein Ziel nicht erreicht.

Das dies zu Fehlern führt sieht man im Gleichheitsfeminismus. Dort wird eben jeder Unterschied mit Machtstrukturen zugunsten der Männer begründet. Dabei handelt es sich teilweise eher um Unterschiede, die auch ein unterschiedliches Interesse an zB beruflichen Status zur Folge haben oder eine andere Arbeitsverteilung in der Familie begründen.

Auch daraus folgt aber nicht, dass man diese Arbeitsteilung per se als gerecht, weil biologisch bedingt, annehmen muss. Wer sie nicht will, der kann natürlich jederzeit eine andere vornehmen. Und es folgt auch nicht aus der Biologie, dass man die Regelungen im Familienrecht auf die vorgenommene Weise ausgestalten muss, um damit eine Absicherung für den Fall der Trennung herbeizuführen. Im Gegenteil: soziale Netze wie eine Rentenversicherung, einen Krankenversicherung, Unterhaltsregelungen sind insoweit evolutionär vollkommen neue kulturelle Ausgestaltungen, die typische evolutionäre Kostenberechnungen vollkommen umwerfen. Nichts in der Biologie bedingt einen Unterhalt, einen Zugewinn oder einen Versorgungsausgleich. Nichts in der Biologie rechtfertigt die Annahme einer kulturell geschaffenen Rape Culture oder die Einstellung, dass Frauen per se sozial inkompetent sind.

Man kann meiner Meinung nach auch Unterschiede anerkennen, aber dennoch für gleiche rechtliche Regelungen für Männer und Frauen sein. Und man kann gleichzeitig der Auffassung sein, dass in bestimmten Bereichen gleiche Regelungen sich zu ungunsten eines Geschlechts auswirken können (Unterhaltsregelungen sind ja erst einmal geschlechterneutral gehalten, belasten aber üblicherweise eher Männer). Das bedeutet nicht, dass man dann Gesetze nach Geschlechtern verschieden gestalten soll, sondern eher, dass eine gerechtere neutrale Lösung gefunden werden muss und dies dann eher von einem Geschlecht gefordert werden wird.

Aus bestimmten Ansichten mag eine andere Einstellung dazu kommen, was man als Ausbeutung ansieht. Wenn Männer und Frauen im Schnitt andere Interessen und andere Triebe etc haben, dann folgen daraus auch andere Payoffs für bestimmte Verhalten etc. Aber Ausbeutung ist ja gerade weil Werte subjektiv sind, auch ein Punkt, den man außerhalb biologischer Theorien anders beurteilen kann.

Wünsche und Verhalten

Da Elmar zumindest mal etwas konkreter geworden ist will ich natürlich auch darauf antworten:

Zuerst scheinen mir diese Beispiele interessant:

Darüberhinaus lassen sich Wünsche wie Präferenzen offenbar hierarisch anordnen – was wir hier schon einmal durchgekaut haben:

  • (4a) Nehmen wir an, daß A drogensüchtig ist. Dann könnte A sich unreflektiert und zügelos seiner Sucht hingeben. Dann bildet er bzgl. seines Wunsches nach der Droge keine Wünsche aus und wir würden A vielleicht als triebhaft süchtig bezeichnen. Von einer Freiheit, wünschen, was A will, kann man kaum sprechen, daß A ohne jede Reflexion jede Möglichkeit der Einflußnahme abgeht.
  • (4b) Doch A könnte seine Sucht auch ablehnen und sich deshalb zu einer Therapie entschließen. In diesem Fall hat A den Wunsch, den Wunsch nach der Droge nicht zu haben: A hat einen Wunsch zweiter Ordnung nach einem Wunsch und wir würden ihn als Süchtigen wider Willen bezeichnen, weil er nicht möchte, daß sein Wunsch nach der Droge auf seine Handlungen durchschlägt.
  • (4c) Doch A muß gar nicht soweit gehen. Er kann auch den Wunsch haben, nicht drogenabhängig zu sein, ohne daß dieser Wunsch zweiter Ordnung in seinen Handlungen durchschlägt. In diesem Fall würde wir uns vorstellen, wie A abends mit seiner Droge am Kamin sitzt, sie verflucht, seufzt, wie schön er ohne die Droge leben könnte und sich Tagträumen über sein drogenfreies Leben macht – gerade unter dem verstärkenden Einfluß der Droge. Auch in diesem Fall ist A frei, zu wünschen, was er wünschen will, aber er macht von dieser Freiheit keinen Gebrauch.

Wäre A nur ein Knecht seiner Wünsche erster Ordnung, würden wir A nicht als frei und folglich nicht als autonom betrachten. (4b) zeigt auch, daß es Wünsche zweiter Ordnung gibt, deren Objekte Wünsche erster Ordnung (hier: nach der Droge) gibt. (4c) zeigt sogar, daß die Frage, ob der Wunsch zweiter Ordnung in den Handlungen von A durchschlägt, eine Rolle spielt für das Porträt, daß wir von A als Person zeichnen. (4) ist daher klarerweise ein gutes Motiv, zu glauben, daß gilt:

  • Entscheidungen sind nur dann eigene Entscheidungen, wenn bei ihrer Entstehung Wünsche oder Präferenzen mindestens zweiter Ordnung mitgewirkt haben.

Daß Wünsche hierarchisch angeordnet werden können, spielt daher eine wichtige Rolle beim Verständnis von Personen – hier gibt es dazu Beispiele.

Hier scheint mir bereits eine erste Abweichung vorzuliegen in dem Verständnis gerade von körperlich erzeugten Wünschen. Denn Elmar betrachtet das Thema Drogen sehr abstrakt und dabei geht aus meiner Sicht der eigentliche Gehalt einer Sucht verloren.

Wenn A nämlich drogensüchtig ist, dann aktivieren bestimmte Substanzen sein körpereigenes Belohnungssystem und lassen ihn Glück und Hochgefühle erleben. Im Körper wird dies als gute Erfahrung abgespeichert und es entsteht der Wunsch, diese Gefühle nochmals zu haben. Dabei haben diese Wünsche Auswirkungen auf sein Denken und Handeln: Sein Denken wird immer mehr auf eine Art gefärbt, die sich mit diesen Substanzen beschäftigt, wenn er zu lange diese Substanz nicht hat. In sein Denken schleichen sich immer wieder Fragen an, wie er an die Substanz kommt. Der Wunsch danach führt bei starken Drogen dazu, dass der Süchtige zwischen dem Drogenrausch und Tätigkeiten, die ihm schnell weiteren Zugriff auf die Substanz ermöglichen, hin- und herpendelt.

Der Satz „Er könnte seine Sucht auch ablehnen und sich deshalb zu einer Therapie entscheiden“ muss für jeden, der sich mit härteren Drogen auskennt, geradezu grotesk klingen. Denn die Entscheidung dafür, dass man keine Drogen mehr nimmt, kann man nicht im gleichen Maßt rational treffen und umsetzen wie die Frage, ob man ein Auto in der Farbe Silber oder Schwarz nimmt. In gewissen Phasen wird der Süchtige von den Drogen wegkommen wollen, er wird aber gleichzeitig den starken Wunsch verspüren, wieder Drogen zu nehmen. A ist, wenn er von Drogen wegkommen will, nicht frei zu wünschen, was wünschen will. Er ist in einem Konflikt zwischen seinem rationalen Denken, dass ihm bewusst macht, dass ihm die Drogen sein Leben kaputt machen, und dem Wunsch, wieder den gleichen Kick zu erfahren, den Rausch, die Probleme hinter sich zu lassen, die Handlung „Nehmen von Drogen“ durchzuführen, die ihm sein Körper bzw. sein Gehirn als sehr wichtigen Wunsch vorgibt.

Die Droge ist nichts absolut künstliches, was neben dem Wünschen steht. Sie erzeugt über den Funktionsweise unseres Gehirns, zB das Belohnungssystem, direkte Wünsche, die der betreffende auch als ein Wollen, einen Wunsch wahrnimmt. Gleichzeitig kann das Gehirn auch über die negativen Folgen der Drogen den Wunsch aufbauen, diese nicht mehr zu nehmen. Beide Wünsche stehen dann nebeneinander und sind nicht unbedingt logisch gebildet. Der Wunsch nach der Droge hat allerdings den “Vorteil”, dass er auf ein sehr kurzfristig zu erreichendes Ziel, eine direktere und einfachere Suchtbefriedigung ausgerichtet ist als der Vorgang des Entzugs.

Die Drogensucht in ein rationales Handlungs- und Wünschesystem einzustellen, ohne sich den Charakter als Wunsch bewußt zu machen, macht es dann sicherlich einfacher, die Biologie auszuklammern. Das ist aber ein schlichtes Wegdefinieren und nicht wirklich eine Behandlung der Frage, wie sich körperlich erzeugte Wünsche im Konflikt mit rationalen Denken auswirken

Elmar scheint mir hier einfach bereits eine künstliche Trennung in rationale Gründe und Triebe vorzunehmen und nur bei letzteren überhaupt von Wünschen zu sprechen. Wenn aber Wünsche nur das ist, was sich aus rational ermittelten Motiven ergibt, aus dem Verstand, welches das Wollen bestimmt, dann hat man per Definition den biologischen Anteil ausgeklammert.

Nun aber zu seinen Theorien zur Biologie:

IV. Kurzes Innehalten: Wie hälst du’s mit der Biologie?

Es ist an dieser Stelle leicht absehbar, daß viele – aber nicht unbedingt alle – Bedürfnisse eine biologische Quelle haben: Daß ein Säugling nicht frieren, hungern oder eine volle Windel nicht spüren will, ist vermutlich eine Sache mit der er auf die Welt gekommen ist. Auch für sehr elementare Präferenzen mag das gelten.

Da würde sich dann die Trennung auch weiter Auswirken. Bedürfnisse und Wünsche werden insoweit getrennt. Dass diese Bedürfnisse dann selbst zu Wünschen und dann wieder zu Handlungen führen können, geht etwas unter. Darauf aufbauend können biologisch erzeugte Bedürfnisse wohl auch nur Elementar sein, also eben die Grundbedürfnisse abdecken. Alles Höhere ist dann wohl eher die rationale Umsetzung der Bedürfnisbefriedigung: „Ich habe das Bedürfnis Drogen zu nehmen, entscheide mich aber rational für die Umsetzung meines Wunsches, eine Therapie zu machen“. Das hier viel irrationales hineinspielt und Wünsche disponiert, was so ziemlich das gesamte Problem einer Umsetzung des Wunsches, einen Drogenentzug zu machen, betrifft, dass geht vollkommen unter.

Doch während die Voreiligen an dieser Stelle bereits innerlich aufjubeln, ist anderen klar, daß das Grab der Vulgärbiologismus anfängt, Formen anzunehmen. Und zwar so:

„Das Grab des Vulgärbiologismus“. Mal schauen, ob Elmar hier tatsächlich eine Liegestätte für den diesen ausbuddelt oder eher sein eigenes (argumentatives) Grab.

  • i) Gäbe es nur Bedürfnisse, dann wäre die deterministische Grundintuition des Vulgärbiologismus und ihre biologische und evolutionäre – leider auch völlig akzidentielle – Verbrämung ein stärker Gegner – keine Frage. Doch da es noch mehr Pro-Einstellungen gibt, bleibt die Diskussion an dieser Stelle erst mal offen.

 

  • ii) Der Vulgärbiologismus hat die Idee, daß wenigstens die Bedürfnisse biologischer Provenienz etwas Zwingendes für die Entscheidungen im Rest des menschlichen Daseins an sich haben. Wenn man jedoch zeigen kann, daß diese Bedürfnisse untergehen oder wenigstens durch andere Pro-Einstellungen überlagert oder überschrieben werden können, dann könnte man eventuell eine persönliche Freiheit unserer Entscheidungen etablieren, die verständlich macht, daß Menschen im Laufe ihres Lebens wirklich dazulernen, sich über ihre biologischen Dispositionen erheben können, und daher der kulturelle Anteil an jeder Entscheidung dominiert – falls die Person jahrelang brav an sich gearbeitet hat. Das kostet einen weiteren post.

Natürlich können Leute auch gegen ihre Biologie handeln. Ein einfaches aber aus meiner Sicht durchaus extremes Beispiel wäre ein Homosexueller, der – beispielsweise aufgrund eines strikt christlichen Hintergrundes – seine Homosexualität als schlecht ansieht und daher von dieser „geheilt“ werden möchte. Er lebt dann in einer heterosexuellen Beziehung mit einer Frau und 3 Kindern. Solche Fälle kann ich mir problemlos vorstellen. Aber wird man hier wirklich argumentieren, dass er hier frei handelt, dass die biologischen Vorgaben und seine seit der Geburt vorliegenden Partnerwahlkriterien überschrieben worden sind?

Eher wird man davon ausgehen, dass er sich etwas vormacht. Er wird voraussichtlich sehr wenig Sex mit seiner Frau haben. Er wird wahrscheinlich beim Anblick von sexuell für ihn interessanten Männern immer noch den Reiz spüren und die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwo eine paar Nacktbilder von attraktiven Männern versteckt hat und dazu masturbiert oder das er sich gelegentlich in ein schwules Badehaus schleicht sind groß. Ebenso groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihn sein Versuch, gegen seine biologische Veranlagung zu leben sehr schwer fällt, vielleicht zu erheblichen seelischen Problemen führt, ihn Kraft kostet. Hier wurde ja bereits mit erheblichen Druck gearbeitet: Homosexualitätwurden in früheren Zeiten sogar mit dem Tode bestraft. Es dürfte kaum eine höhere Motivation geben, sich über seine biologischen Grundlagen hinwegzusetzen und diese einfach zu „überschreiben“. Anscheinend ist es dennoch vielen nicht gelungen.

 

Dass man Homosexualität biologisch begründen kann, dass mag für Elmar dann wieder „Vulgärbiologismus“ sein, aber die Fakten sprechen aus meiner Sicht dafür. Wenn er das aus seiner Kritik ausklammern würde, dann würde ich mich fragen, wie das in seine Theorien passt: Wenn man in diesen Bereich Verhalten biologisch festlegen kann, nämlich in dem Sinne, dass bestimmte Begehren bewirken, dass man nur mit einem bestimmten Geschlecht Sex haben will, warum sollen diese gleichen Funktionsweisen nicht auch in den anderen Bereichen wirken können?

Dass dies im Geschlechterbereich auch an anderen Stellen vorkommt, das wird an verschiedenen Fällen deutlich:

  • Bei CAH handelt es sich um einen Zustand, bei dem die Nebennierenrinden zuviel von unter anderem Testosteron produzieren und dies bereits vor der Geburt, also pränatal. Bei Mädchen mit CAH zeigt sich ein eher für Jungs typisches Verhalten, sie spielen eher wie Jungs und sie verhalten sich auch später eher wie Männer. Diese Frauen wählen auch später eher als andere Frauen technische oder anderweitig männerlastigere Berufe
  • Fälle wie David Reimer und andere seiner Art, etwa auch aufgrund cloacal exstrophy (einer Konstellation, bei der direkt nach der Geburt aufgrund Deformationen und fehlenden Penis bei männlichen Babies eine Operation durchgeführt werden muss, die zu einigen weiteren Konstellationen wie David Reimer führte) machen deutlich, dass man sich nicht einfach entscheiden kann, wie man leben will, sondern das man Abweichungen zu seinen biologischen Vorgaben als starke Belastung empfinden kann.
  • Transsexualität als Wechsel zwischen den Geschlechterrollen verläuft in Familien und ist insoweit erblich, andere Varianten wie Alternating gender incongruity (AGI) fügen sich gut in diese Theorien ein.
  • Auch sonstige soziale Experimente wie etwa das Kibbuz sind gescheitert, obwohl in diesen gerade versucht wurde „Hart an sich zu arbeiten“ und im Sinne der dortigen Ideologie „dazuzulernen“.
  • Und wenn man Leuten mehr Freiheiten lässt, dann nutzen sie diese nicht, um im Elmarschen Sinne frei von den Vorgaben der Biologie zu werden, sondern eher dazu, dieser zu folgen, weil sie eben genau das als Freiheit empfinden: So zu sein, wie sie sein wollen.

Elmar stellt also die falschen Frage, wenn er fragt, ob sich die Leute über ihre biologischen Disopositionen erheben können. Es geht eher darum, warum ihnen dies überhaupt sinnvoll erscheinen sollte und warum sie die damit verbundenen Kosten auf sich nehmen sollen. Zudem sprechen diese Punkte auch dagegen, dass es möglich ist, diese Erfahrungen tatsächlich komplett überlagern und überschreiben können. Eher scheinen sie sie häufig unterdrücken zu müsse, verbunden mit einem stetigen Kampf darum, sie nicht hochkommen zu lassen.

  • iii) Wenn der Determinismus aber nicht zwingend ist, dann haben Menschen eine Chance – wenngleich keine Garantie – auf personale Autonomie.

Auch hier müsste Elmar aufteilen:

  1. kann man sich gegen seine Disposition verhalten?
  2. welche Folgen haben in diesem Zusammenhang neue Erfahrungen? Führen sie zu einem Überlagern oder einem Überschreiben der biologischen Disposition?
  3. Welche Kosten sind damit verbunden, sich gegen seine Disposition zu verhalten?
  4. wenn damit Kosten verbunden sind: Warum sollte das Individuum sie dann tragen wollen?

Meine Antworten wären

  1. Ja, man kann.
  2. Erfahrungen können natürlich in einigen Bereichen dazu führen, dass man eine neue Form der Ausformung findet und gerade in Bereichen, in denen der biologische Einfluss gering ist, kann man auch über neue Erfahrungen sehr weitgehend sein Verhalten neu gestalten. In einigen Bereichen ist der biologische Anteil allerdings relativ hoch und ein Überschreiben nicht möglich, man kann diesen dann lediglich unterdrücken. Dann lebt man häufig etwas, in dem man sich nicht wohl führt. Das kann ein Verhalten sein, dass zu dem „äußeren Geschlecht“ passt oder auch ein Verhalten, welches eben gerade nicht zu dem „äußeren Geschlecht“ passt.
  3. Damit, sich gegen seine Dispositionen zu verhalten, können ganz enorme Kosten verbunden sein. Es kann sich „falsch“ anfühlen, keinen Spass machen, man kann sich zu einem anderen Verhalten sehr stark hingezogen fühlen und entsprechend versuchen, sich so verhalten zu können. Der Versuch, jemanden entgegen dieser Dispositionen zu erziehen, kann dann sogar dazu führen, dass er diese im Gegenzug noch stärker ausbildet, da er eine Erziehung in die von ihm als falsch empfundene Richtung, ablehnt.
  4. Es sind Gesellschaften möglich, in denen es sinnvoll ist, diese Kosten zu tragen. Um so höher aber die Kosten erscheinen, um so eher wird derjenige, sie vermeiden wollen. Freiheit ist dann nicht, sich entgegen dieser zu verhalten, sondern sich entsprechend dieser verhalten zu können.

Elmar weiter:

Wir erinnern uns, daß personale Autonomie zwei approaches hat: einen prozeduralen der Entscheidungsentstehung und einen strukturellen der Entscheidungsbegründung.  Es ist klar, daß der von Feministen bevorzugte Ansatz der prozeduralen Entscheidungsentstehung viel bessere Chancen hat, mit einem Determinismus verträglich zu sein, als der strukturelle Ansatz der Entscheidungsbegründung. Schon aus diesem Grunde ist leuchtet ein, daß der Vulgärbiologismus nicht unbedingt die schärfste Waffe gegen Feminismus sein wird – aus begrifflichen Gründen muß es schärfere Waffen geben. Doch dafür muß man zeigen, daß personale Autonomie am besten analysiert wird, durch den strukturellen Ansatz der Entscheidungsbegründung – in einem zweiten post (wenn das mal reicht).

Ich finde Argumentationen vom Ziel her immer sehr schwach. Selbst wenn man eine „bessere Waffe“ gegen den Feminismus haben könnte ändert das ja nichts daran, wie etwas erst einmal ist. Wenn die biologischen Theorien die sind, die am ehesten die Wahrheit abbilden, dann kommt es nicht darauf an, ob man auf anderem Wege den Feminismus noch umfangreicher ablehnen könnte. Denn diese anderen Wege hätten dann eben den Nachteil, dass sie falsch wären. (Sicherlich wäre es besser, wenn 10 Soldaten + 10 Soldaten 1010 Soldaten geben würde, aber deswegen gewinnt man den Kampf gegen den Feind, der mit 500 Mann anrückt trotzdem nicht, auch wenn es auf dem Papier gut aussieht).

Aber auch ansonsten ist das Argument aus meiner Sicht falsch: Im Feminismus entsteht die Entscheidung aufgrund einer sozialen Determinierung durch die Geschlechterrollen. Das wichtigste Ziel des Feminismus ist demnach eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Gesellschaft so ausgerichtet ist, dass jeder sich frei entscheiden kann. Mit dem biologischen Ansatz hingegen muss diese Theorie aufgegeben werden: Die Häufungen bei den Geschlechterrollen wären dann weit weniger durch gesellschaftliche Umwandlung zu verändern. Die Abweichungen von den Häufungen wären dann nicht mehr Zeichen dafür, dass die Geschlechterrollen falsch sind und aus ihnen ausgebrochen werden sollte, sondern einfach andere biologische Grundlagen des Individuums aus dem man wenig gegen die anderen Häufungen herleiten kann: Im Gegenteil: Wenn man will, dass jeder so leben kann, wie er will, dann wird dies eben zu gewissen Häufungen nach Geschlecht führen und gerade nicht zu einer Gesellschaft, in der Geschlecht statistisch keine Rolle mehr spielt für die Frage, wer sich wie verhält. Was Elmar genau vertritt weiß man nicht. Aber nach bisherigen Andeutungen scheint die Entscheidungsentstehung bei ihm ja auch auf bestimmten Erfahrungen zu beruhen, die gerade Männer oder Frauen machen. Etwa „Weil Jungen mehr Herausforderungen erleben, Frauen aber alles auf dem Silbertablett präsentiert wird, verhalten sich Frauen so oder so“. Das ist im Vergleich zum Feminismus wesentlich näher als die Biologie, denn so muss man nur die Begründung diskutieren, welche Erfahrungen maßgeblich sind. Der Feminismus wird die Erfahrungen aufgrund von Geschlechterrollen für wichtig halten, Elmar die von ihm ausgesuchten Erfahrungen aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit.

  • iv) Danach muß gezeigt werden, daß der strukturelle Ansatz der Entscheidungsbegründung, der bei der Analyse personaler Autonomie verwendet wurde, nicht nur mit Wünschen und Präferenzen arbeitet, sondern auch genau diejenigen Freiheiten aussschöpft, die Menschen gegenüber ihren Bedürfnissen haben – in einem dritten post. Kann man das zeigen, dann kann man diese philosophische Position antifeministisch nennen. Ich habe das hier immer getan.

Dazu muss man natürlich erst einmal genau untersuchen, welche Freiheiten der Mensch hat und unter welchen Umständen er sie ausüben will.

  • v) Stimmt das alles, dann muß es eine Klasse von Handlungen geben, die der Vulgärbiologismus nicht erklären oder voraussagen kann – Handlungen ohne Motive sozusagen. Die Existenz dieser Klassen von Handlungen nachzuweisen, wäre der empirische Test meiner Argumentation – vierter post. Insbsondere würde aus solchen Beispielen folgen, daß Christians Gesetze der Verhaltensgenetik nicht stimmen können.

Wer behauptet denn, dass man Verhalten vollumfänglich vorhersagen kann? Natürlich gibt es neutrale Handlungen, bei denen die Biologie einen geringen Einfluss hat. Und natürlich gibt es auch zwischen den Menschen erhebliche Unterschiede. Die Existenz von Asexuellen beispielsweise zeigt aus meiner Sicht, dass man Interesse an Sex trotz dessen ganz entscheidender Bedeutung für evolutionäre Theorien nicht annehmen kann. Gleichzeitig spricht sie wiederum für einen biologischen Hintergrund von Sex, denn diese Leute können in bestimmten Ausprägungen von Asexualität häufig das Konzept von Sex an sich nicht verstehen, obwohl ihnen dies das Leben in unserer Gesellschaft sehr kompliziert macht. Die biologischen Theorien behaupten nicht, dass alles biologisch determiniert oder auch nur disponiert ist. Allerdings ist es in vielen Fällen natürlich auch eine Frage, wie weit man bestimmte Konzepte zieht: Das Spielen von Videospielen könnte man als Handlung zum Zeitvertreib sehen, allerdings auch als Flucht in eine Welt, in der man biologische Bedürfnisse wie Status erwerben, Aufgaben meistern etc lösen kann. Dass diese Aufgaben real überhaupt keine reale Funktion erfüllen, sondern einem nur farbige Pixel auf einem Bildschirm angezeigt werden, muss das Erlebnis nicht schmälern, dass Spiel X durchgespielt zu haben und zB die gallischen Provinzen mit der römischen Armee eingenommen zu haben.

Wie er genau daraus ableiten will, dass die „Gesetze der Verhaltensgenetik“ deswegen nicht stimmen (die auch nicht von mir aufgestellt worden sind, sondern von Turkheimer) erschließt sich mir auch nicht. Die Regeln lauten:

First Law: All human behavioural traits are heritable.
Second Law: The effect of being raised in the same family is smaller than the effect of the genes.
Third Law: A substantial portion of the variation in complex human behavioural traits is not accounted for by the effects of genes or families.

„Behavioural Traits“ sind solche Verhaltenszüge, die innerhalb einer Spezies, hier den Menschen vorliegen. Demgegenüber stellt Elmar auf allgemeine Handlungen ab, also etwas vollkommen anderes. Zudem sagt Turkheimer auch nicht, dass sie genetisch determiniert sind, sondern nur, dass sie einen vererblichen Anteil haben, dass also ein gewisser Anteil der Unterschiede in diesem Bereich auf die Biologie zurück zu führen ist, ein anderer auf die Umgebung (dabei allerdings auch die vorgeburtliche Umgebung etc), ein weiterer auf die Erfahrungen etc.

v) Und wer jetzt noch den Überblick und nichts falsch gemacht hat, der kann versuchen, sich von diesem Standpunkt aus zu überlegen, wie eine Theorie der Geschechter auszusehen hat. Dabei sollte allerdings an dieser Stelle schon eines glasklar sein: Wenn man unter diesen Umständen eine Theorie der Geschlechter finden kann, dann wird es keine Theorie der Klasse der Menschen mit weiblichen Geschlechtsorganen sein, sondern eine Theorie über weibliches Handeln – genau wie vorhergesagt.

Elmar ist zuzustimmen, dass es keine Theorie ist, die einfach nur auf die Geschlechtsorgane abstellt. Denn statt der Geschlechtsorgane ist die Wirkung der pränatalen und postnatalen Hormone viel interessanter. Recht eindeutig sieht man das bei Transsexuellen, aber auch bei CAH-Mädchen oder CAIS. Innenliegende Hoden können trotzdem Testosteron produzieren, produziertes Testosteron kann nicht erkannt werden, Umwandlungen an der Blut-Hirn-Schranke können scheitern, es gibt viele Gründe aus denen uns die Geschlechtsorgane sehr wenig sagen.

Das es eine Theorie sein wird, die lediglich das Handeln betrachtet finde ich dann sehr unwahrscheinlich. Um die Biologie kommt man bei einer Theorie der Geschlechter  nicht herum.

vi) Zusätzlich sollte der dann entwickelte Standpunkt es erlauben, auf seriöse Weise mit der Dateninterpretation aus einer Unzahl von Studien, die EvoChris immer raussucht fertig zu werden.

Das wäre mal ein interessanter Ansatz von dem ich hoffe, dass Elmar ihn weiter verfolgt: Mal was konkretes zu Studien sagen. Meiner Meinung nach wäre es natürlich einfacher, sich erst einmal die Daten der Studien zu betrachten und daraus eine Theorie zu entwickeln als erst ohne Kenntnis der Forschung eine Theorie in den Raum zu stellen und dann zu schauen, wie man die Studien weg bekommt. Aber gut

Auch das – der fortgesetzte Nachweism daß Biologen ihre eigenen Daten nicht verstehen, wäre ein empirischer Test meiner Theorie.

Allerdings wäre es auch ein empirischer Test, wenn sich herausstellt, dass die Biologen ihre Daten verstehen und diese mit der Theorie von Elmar nicht in Einklang zu bringen sind. Letzeres würde ich eher vermuten.

„Die Folge ist eine weitverbreitete soziale Inkompetenz von Frauen“

Elmar oder evtl auch die „Fundamentalisten“ haben ein paar „Fragen und Vermutungen“ an denen sie sich abarbeiten wollen, zur Lage der Frauen ins Netz gestellt.

  • i) Die Lage der Geschlechter ist in den verschiedenen Länder verschieden. Kulturelle Einflüsse spielen die Hauptrolle für die Lage der Geschlechter, der Geschlechtsunterschied ist nicht dominant. Der Feminismus sieht mit überwältigender Mehrheit seiner Vertreter anders. Das ist eine Vermutung, für die es nicht so ohne weiteres Statistiken gibt. Es ist Aufgabe der Fundamentalisten herauszufinden, wie man dafür argumentieren kann.

Meiner Meinung nach bereits ein Eingangsstatement, da sehr problematisch ist. Es ist aus meiner Sicht auch sehr ungenau formuliert. Denn die Lage der Geschlechter ist zwar in vielen Ländern verschieden, es zeigen sich aber auch sehr viele Gemeinsamkeiten: Überall auf der Welt . Ich hatte hier ja schon mal eine Liste der „universellen Gemeinsamkeiten“ eingestellt, von denen natürlich auch viele den Geschlechterbereich betreffen.  Dies wären insbesondere „biological mother and social mother normally the same person“, „classification of sex“, „division of labor by sex“, „females do more direct childcare“ „male and female and adult and child seen as having different natures“, „males dominate public/political realm“, „males more aggressive“, „males more prone to lethal violence“, „males more prone to theft“, „rape proscribed“). Es gibt also überall Geschlechter und Mann und Frau werden als verschieden angesehen und überall sind sie so ausgestaltet, dass Frauen mehr Kinderbetreuung übernehmen. Natürlich wird dies alles mittels der Kultur verschieden ausgestaltet. Die grundsätzlichen Geschlechterunterschiede bleiben aber bestehen. Zu dem Punkt, dass kulturelle Einflüsse die Hauptrolle spielen verweise ich mal auf meinen Übersichtsartikel. Hier hat Elmar ja schon häufiger angedeutet, dass er dazu eine „naturalistische Position“ vertritt, bisher ist er dazu aber noch nie konkreter geworden.

Der Satz zum Feminismus ist aus meiner Sicht schlecht formuliert, da nicht hinreichend klar wird, auf was er sich eigentlich bezieht. Er hat es aber in einem Kommentar unter dem Artikel noch einmal klargestellt: Gemeint war, dass Feministen glauben, daß der Geschlechterunterschied dominant ist für die Erklärung sozialer Phänomene. Geht man dabei von dem vorherrschenden Gleichheits- bzw. Genderfeminismus aus, dann müsste man darauf abstellen, dass die sozial konstruierten Geschlechterunterschiede aus Sicht dieser Form des Feminismus für die jeweiligen Phänomene verantwortlich sind, allerdings dann nur, wenn man auf eine reine Rollentheorie abstellt, also davon ausgeht, dass Frauen auf eine bestimmte Weise erzogen werden,  was zu einem Verhalten führt, dass die Unterschiede, die man in der Gesellschaft wahrnimmt, erzeugt. Daneben dürfte gerade in Theorien, die auf „das Patriarchat“ oder die „hegemoniale Männlichkeit“ abstellen, allerdings auch noch ein reiner Machtaspekt eine Rolle spielen: Dabei ergeben sich Vorteile nicht nur, weil Frauen aufgrund sozialer Konstruktion anders sind, sondern weil die Gruppe der Männer Macht hat und sie nutzt um Frauen bewusst auszuschließen und nicht nach oben kommen zu lassen.

Interessant finde ich auch den letzten Satz: Anscheinend hat man erst eine Position entwickelt und will nunmehr die Argumente dafür prüfen. Das an sich ist, wenn man es bewusst als These hält, die auch falsch sein kann, nicht anstößig. Dann allerdings muss man diese Möglichkeit auch zulassen und vorher relativ zurückhaltend sein, da man die These eben noch nicht auf Argumente stützen kann.

  • ii) Beschränken wir uns auf Deutschland, so ist das Leben der Frauen im Vergleich zu dem der Männer deutlich weniger mühevoll, weniger gefährlich und deutlich angenehmer. Nachteile der Frauen als Geschlecht sind nicht prinzipiell ausgeschlossen, aber sie sind wirklich rar. Männer haben als Geschlechterklasse – also via Geschlecht, nicht via der mittleren Leistung des Geschlechtes – keine Vorteile, aber jede Menge Nachteile. Das zu zeigen, ist eine Frage verfügbarer Statistiken.

Das sind aus meiner Sicht erst einmal Verallgemeinerungen, die so stark wertend sind und die man eben auch anders sehen kann. Denn das Leben vieler Menschen ist nicht mühevoll, gefährlich und angenehm und viele empfinden die Arbeitsteilung innerhalb der Familie beiderseitig gut, würden also nicht mit dem anderen tauschen. Hier zeigt sich wieder mal das Problem, wenn man allgemein und nicht über den Schnitt argumentiert und zudem auf so große und nicht homogene Gruppen wie die Geschlechter abstellt. Solche Aussagen, die etwas von Apex-Fallacys haben, weil man eben die Beschwernis einer Gruppe in bestimmten Bereichen, in denen sie schlechter abschneidet auf die gesamte Gruppe überträgt. Der Vergleich, wer mehr Nachteile oder Vorteile hat, kann in dieser Form auch nicht gelingen, da es für diese Betrachtung immer darauf ankommt, was man eigentlich will. Will man Zeit für die Karriere haben, dann wird einem durch einen weiblichen Partner wohl eher der Rücken freigehalten werden, will man mehr Zeit mit der Familie verbringen, dann wird einem wohl durch einen männlichen Partner eher der Rücken freigehalten werden. Die Aufteilung kann für beide ein Gewinn sein, wenn sich ihre Ziele ergänzen.

  • iii) Frauen haben es in der sich unter dem Feminismus entwickelnden Gesellschaft immer schwerer, sich als Frau zu fühlen und als Frau zu handeln. Die Anzahl der Gelegenheiten dafür nimmt ab, was dazu führt, daß sich die Frauen in intimen Beziehungen in kompensatorisch übersteigertem engagement auf die Männer werfen, die ihnen diese Gelegenheiten zurückgeben sollen. Das zeigt sich auch in einer Dramatisierung der sexuellen Vorlieben der Frauen. Die Geduld der Männer für diese Art psychologischer Dienstleistung entschädigungslos zur Verfügung zu stehen, nimmt aber drastisch ab. Auch hier ist unklar, welcher Argumentationstyp an dieser Stelle geeignet ist.

Ein Absatz über den man viel schreiben kann.

Erst einmal scheint er mir in einem gewissen Widerspruch zum ersten Absatz zu stehen. Danach ist der Geschlechterunterschiede weltweit nicht dominant und kulturell bedingt. Wenn es aber eh keinen wesentlichen Geschlechterunterschied gibt und der kulturell bedingt starke Unterschiede aufweist, was bedeutet es dann überhaupt „sich als Frau zu fühlen und als Frau zu handeln“. Das erfordert ja in gewisser Weise einer Essenz der Frau, einen wesentlichen Wesenskern zumindest der Frauen im Schnitt, also deutlich Unterschiede nach denen Frauen sich weltweit verhalten wollen und die demnach auch abweichend von denen der Männer sein müssen.

Zum einen ist die Frage, welchen Anteil der Feminismus gegenwärtig an der Gesellschaft hat und warum genau Frauen sich nicht mehr als Frauen fühlen können. Man kann mit dem Gender Equality Paradox genau das Gegenteil vertreten. Die durchschnittliche Frau ist vom Feminismus gar nicht betroffen: Sie macht ihre Ausbildung in einem Fach mit einem hohen Frauenanteil, sie arbeitet, sie heiratet, sie bekommt Kinder und reduziert deswegen ihren Job, später, wenn die Kinder auf dem Haus sind, stockt sie wieder auf, in der Zwischenzeit wird das Haushaltseinkommen von ihrem Ehemann verdient. Das ist ein Lebensentwurf, der immer noch auf die allermeisten Frauen zutreffen wird, gegebenenfalls mit Zwischenschritten wie etwa einer Scheidung und einer neuen Heirat. Sie interessiert sich in der Regel nicht dafür, dass es eigentlich keine Geschlechter gibt, sie will nicht Vorstandsvorsitzende werden oder in die Politik gehen, sie bemüht sich nicht unbedingt um die Beförderung, weil der Job mit höheren Arbeitsstunden verbunden wäre und sie eh wegen der Kinder zurückstecken muss und will. Natürlich gibt es auch Frauen, die Karriere machen, aber viele bekommen eben trotzdem Kinder, weil sie auch in der Karriere eher im öffentlichen Dienst bleiben und das insofern eher vereinbar ist oder nur bis zu einem gewissen Grad aufsteigen, der ihnen anderweitig Raum lässt. Welche Größenvorstellungen und welche Kerne der Weiblichkeit hier überhaupt gemeint sind, bleibt unklar.

Dann der Umstand, das sich „die Frauen“ mit „kompensatorisch übersteigerten Engagement“ auf die Männer werfen, die ihnen diese Gelegenheiten zurückgeben, also wohl das Frausein, dass eigentlich gar nicht so viel anderes ist als Mann sein, jedenfalls gibt es keine dominanten Unterschiede. Ein Nachweis für die Kausalität dieser Vermutung besteht insofern nicht. Auch offen bleibt, wie Männer den Frauen das „Frausein“ zurückgeben und welcher Männertyp der ist, auf den sich Frauen stützen. Man darf vermuten, dass es der „Alpha“ ist oder nur ein sehr männlich auftretender Mann, der ja nicht ein Alpha sein muss. Hier bleibt die These schlicht inhaltsleer: Irgendwelche Frauen werfen sich um nicht geklärte oder begründete Vorstellungen von Weiblichkeit umzusetzen auf irgendwelche Männer. Ersatzerklärungen wie etwa die durch sexuelle Selektion entstandenen Vorlieben werden insoweit nicht behandelt. Es klingt nach einem sehr konservativen Ansatz: Geht es um Dominanz oder geht es um Kochen und Wäsche waschen?

Das ganze soll auch noch mit einer „Dramatisierung der sexuellen Vorlieben der Frauen“ einhergehen. Aus meiner Sicht wohl eher eine Folge einer allgemein liberaleren Gesellschaft, die einen mehr ausprobieren lässt und bei der man daher auch eher zu seinen Vorlieben stehen kann. Ich sehe aber auch keine Dramatisierung der sexuellen Vorlieben der Frauen, die über eine Dramatisierung der sexuellen Vorlieben der Männer hinaus geht. Es mag einen gewissen Teil BDSMler geben, auch Swinger etc ich würde aber ansonsten vermuten, dass sich im Bett nicht viel dramatisiert hat außer das bestimmte Techniken salonfähiger geworden sind.

Auch der nächste Satz ist nicht klar: Männer, die nicht mehr bereit sind wofür zur Verfügung zu stehen? Für die sexuellen Vorlieben der Frauen und ihren Hang zu bestimmten Männern? Ja, Männer haben häufig das Problem sexuell zu sehr von zu vielen Frauen in Anspruch genommen zu werden, sie können sich dem oft schlecht erwehren. Es ist nicht so, dass Männer gerade ihr Verhalten darauf ausrichten, dass sie diejenigen sind, zu denen die Frauen wollen. Und „entschädigungslos“? Vielen Männern wird Sex durchaus reichen. Im übrigen bleibt die These ja unvollständig: Was ist denn nun dieses weibliche Verhalten, was sie nicht mehr zeigen dürfen und inwiefern stört es Männer oder ist etwas was sie belastet? Wenn Frauen Männer suchen, die sie Frau sein lassen, warum folgt dann daraus, dass Männer, die von Frauen gesucht werden, damit sie Männer sind, sich daran stören?

Oder ist es so gemeint, dass der Feminismus eine bessere Welt gemacht hat und Frauen deswegen zurück in die verantwortungslosere Frauenrolle wollen, in denen ihnen Männer mehr abnehmen, was dann erklären würde warum die Männer genervt sind, aber nicht, warum dies zu sexuellen Dramatisierungen führt. Dann wäre es ein fundamentalistischer Lobgesang auf den Feminismus.

  • iv) Die Anzahl der Gelegenheiten sich als Mann zu fühlen nimmt unter dem Feminismus nichts ab, aber die Zuschreibung pejorativer Eigenschaften zu Männlichkeit hat deutlich zugenommen. Männliche Sexualität ist dämonisch, Männer sind psychologisch simpel, sittlich primitiv, menschlich halb gar, intellektuell einseitig und können froh sein, wenn Frauen sich herablassen, sie zur Kenntnis zu nehmen. Argumentativ haben wir dasselbe Problem wie unter iii).

Auch das wäre etwas, was man kritisch hinterfragen kann: Ich vermute mal, dass bereits in der Steinzeit eine Frau zu der anderen gesagt haben wird, dass Männer das Äquivalent eines steinzeitlichen Schweins sind oder sich über bestimmte Charaktereigenschaften aufgeregt haben oder in der Sexualität der Männer etwas dämonisch (dann aber: tatsächlich dämonisches) gesehen haben.

  • v) Als Frau unter dem Feminismus aufwachsen zu müssen, sich entwickeln und erwachsen werden zu müssen, hat nicht nur für die Männer Folgen. Auch für Frauen ist es ein Problem, denn Frauen werden gesellschaftlich dermaßen gepäppelt und verwöhnt, und es ist so selbstverständlich, daß die Ansprüche und Ewartungen von Frauen vorbedingungslos von Männern kostenlos erfüllt werden, daß die Gelegenheiten, in denen Frauen in Zwangslagen etwas leisten und über sich hinauswachsen müssen, so selten geworden sind, daß Frauen sich – tendenziell – viel langsamer entwickeln als Männer: Weniger Probleme, weniger Gelegenheiten, was falsch zu machen und daraus zu lernen. Die Folge ist eine weitverbreitete soziale Inkompetenz von Frauen, die in ihren 20iger wenig ins Gewicht fällt, danach aber zu langfristigen psychologischen Verwerfungen führt, die Männer immer weniger tolerieren. In diesem Sinne schadet der Feminismus den Frauen massiv. Argumentativ haben wir dasselbe Problem wie unter iii).

Ein Absatz, den ich eher frauenfeindlich finde, gerade wenn man die Vorstellungen dazu von Elmar bereits aus Kommentaren kennt. Es ist dabei die Übertreibung und das Absolut setzen, was mich besonders stört. Natürlich sind auch Frauen Anforderungen ausgesetzt, sowohl was Verhalten als auch Aussehen angeht, aber auch schon so simple Umstände wie gute Noten in der Schule oder andere Punkte. Es wird genug Eltern geben, die ihre Töchter unter Druck setzen, außergewöhnliches zu leisten oder solche, die auch gegenüber Jungs eine laxere Einstellung haben.

Daraus abzuleiten, dass Frauen sich tendenziell viel langsamer entwickeln als Männer scheint mir relativ überzogen. Zumal ein so abstrakter Begriff wie „Entwicklung“ auch kaum geeignet ist, viel auszusagen. Was ist denn beispielsweise das Entwicklungsdefizit einer fleißigen Schülerin, die nebenher als Hobby Volleyball in einer Mannschaft spielt, dann sagen wir mal auf Lehramt studiert und alles gut besteht im Vergleich zu einem Jungen, der sich hauptsächlich für Videospiele interessiert und mit seinen Freunden abhängt um Bier zu trinken und so einigermaßen durch die Schule kommt um danach sagen wir mal ebenfalls Lehramt zu studieren?  Man kann für beide Geschlechter unproblematisch Situationen denken, in denen sie wachsen müssen und in denen sie durchhängen und sich nicht unbedingt besonders gefordert fühlen müssen oder etwas falsch machen müssen. Es passt auch nicht dazu, dass üblicherweise aus biologischen Gründen die Entwicklung bei Mädchen in jungen Jahren eher etwas schneller verläuft.

Elmar leitet aus diesen Ideen eine „weitverbreitete soziale Inkompetenz von Frauen her – und das von jemanden, der mir selbst eher zweifelhafte Vorstellungen von sozialer Kompetenz zu haben scheint, immerhin vertritt er, dass er eine Frau ruhig betrügen kann, wenn sie seinen Ansprüchen nicht genügt und das das ihre Schuld ist, sie hätte ja besser sein können, dann hätte er sie nicht betrügen müssen. Was nun genau der Feminismus wieder damit zu tun hat, wird leider auch nicht aufgeführt und auch nicht wie Frauen sich eigentlich verhalten sollen oder was sie konkret falsch machen und warum das, was Elmar als falsch ansieht, überhaupt falsch ist. Welche Verwerfungen dadurch entstehen und warum Männer diese immer weniger tolerieren und warum das dann nicht wieder Probleme sind, an denen die Frauen wachsen, dazu fehlen leider auch Ausführungen.

Im ganzen finde ich es einen sehr unausgegorenen Text, der zudem von reichlich Leerformeln und Gummibegriffen durchzogen ist, die eigentlich nichts aussagen. Was eigentlich der Vorwurf an Frauen ist, ist aus dem Text nicht zu entnehmen, es bleibt vollkommen vage, was dem Text aber vermutlich eher zugute kommt: So kann man ihm weniger widersprechen und Elmar kann auf zukünftige Ausführungen verweisen, die das alles belegen werden.

Im ganzen scheint mir Elmar eine Ausrichtung zu vertreten, die sehr polarisierend aufgebaut ist und irgendwie Ausdruck seiner eigenen Unzufriedenheit mit Frauen ist, die er allgemein auf Männer überträgt. Ein Teil dieser Probleme scheint mir dann auch dem Umstand geschuldet zu sein, dass Elmar eine sehr hohe Meinung von sich hat und insofern fast zwangsläufig die Kritik auf die Frauen verschieben muss.

Brauchbares ist hier aus meiner Sicht weniges drin.

Aber natürlich werden in naher Zukunft alle Unstimmigkeiten aufgeklärt werden und uns ungläubigen wird es wie Schuppen von den Haaren fallen: Frauen sind eben zu schlecht. Jedenfalls wenn man so gut ist wie Elmar.