Partisanen Feminismus, das männerschädigende Borg- Patriarchat und die ewige Schuldfrage

Anlässlich eines Interviews mit David Benatar, dem Autor von „The Second Sexism“ gibt es einige interessante Artikel zu der Frage, wer Schuld an diversen Mißständen ist, das Patriarchat, das Matriarchat oder wer auch immer. Anlass sind Passagen im Interview wie diese:

What’s your take on feminism?

That’s another topic that I discuss in some detail in the book. I don’t think that there is just one feminism. One form of feminism – what I call “egalitarian feminism” – is interested in equality of the sexes, and its adherents will oppose sex discrimination irrespective of whether the victims are male or female. This stands in contrast to another form of feminism – what I call “partisan feminism” – which is interested only in advancing the position of women and girls irrespective of whether they are better or worse off than males in a particular way. I endorse the first kind of feminism but not the second. Sometimes people profess egalitarian feminism when they are in fact partisan feminists. How particular feminists respond to evidence of the second sexism will provide an insight into whether they really are egalitarian feminists.

Und in einer weiteren Besprechung seines Buches:

Benatar believes this is a false distinction – and that our ignorance of the „second sexism“ stems from what he terms „partisan feminists“, who are interested only in the advancement of women’s rights, rather than true equality and co-operation between the sexes. „It is true that women occupy fewer of the highest and most powerful positions,“ he writes, „but this also does not show that women are in general worse off. To make the claim that women are worse off, one must compare all women with all men, rather than only the most successful women with the most successful men. Otherwise, one could as easily compare the least successful men with the least successful women and one would then find that men are worse off.“

Melissa McEwan von Shaekesville poltert dazu:

Men like Benatar shake their fists and aim their rhetorical arrows at feminists, because they don’t want to hold other men accountable. Thus do they effectively mask the real sexism that is directed at men—the Patriarchal narratives that continue to encourage displays and expressions of a „traditional masculinity“ (and the systemic misrepresentation of that construction as evolutionary imperative to discourage alternative displays and expressions) which are increasingly at odds with modern culture.

It is the same gossamer promise that holds poor Republican voters in thrall—the lie of the American Dream that they could be wealthy and powerful someday—writ just for men: The Patriarchal Promise that every man could be an Alpha Male, a man of influence, a man in charge. Just follow the prescriptions of the Patriarchy and you, too, could be Somebody! (…)

The world is changing, but the Patriarchy isn’t. This is putting men who most buy into what the Patriarchy tells them they should be at the greatest disadvantage in almost every professional and personal situation.

That’s the sexism that most stands to hurt men. And it ain’t women who are the primary gatekeepers of that bullshit. It’s other men.

 Es ist also der Patriarchismus, der Männern sagt, wie sie sich zu Verhalten haben und Frauen haben damit nichts zu tun. Meiner Meinung wird dabei mal wieder vernachlässigt, wie eng Männer und Frauen miteinander verbunden sind und wie sehr sie ihr Verhalten gegenseitig beeinflussen und insbesondere durch jeweilige sexuelle Selektion beeinflusst haben und das eben auch auf einer genetisch-biologischen Ebene. Die beste Erklärung für einen starken Wettbewerb zwischen Männern, wie McEwan ihn hier darstellt, ist nicht etwa eine nebulöse Weltverschwörung der Männer.  Es ist eher anzunehmen, dass es ein Produkt der intrasexuellen und intersexuellen Selektion der Männer ist, die sich mit Frauen fortpflanzen wollten. Und genau dieser Einfluss von Frauen, die eben lieber einen gut aufgestellten Statusmann haben wollen, als einen, der sich aus dem Weltbewerb ausklingt und Hausmann werden will, wird eben unterschätzt.

Unsere Biologie kann die Rolle einer „Weltverschwörung“ der Männer (oder auf der anderen Seite der Frauen) viel besser spielen, weil so tatsächlich ein verbindendes Element besteht und der Verschwörungscharakter herausgenommen werden kann.

Und bei Feministing stößt man ins gleiche Horn:

Dudebros: When you’re a proud member of a class that has been dominant for millennia, and occasionally you find yourself not on top, that’s not oppression–that’s backfiring. It’s a side effect. No system is perfect. When you create and enforce a system of gender roles in which “real men” are strong, fearless, stoic, and violent; and “real women” are delicate, emotional, compassionate, and nurturing; you will occasionally find yourself held to those same standards. When you establish combat and money-earning as “men’s work” and childrearing and caregiving as “women’s work,” you will occasionally find yourself stuffed into an assigned role. Even when they aren’t your standards or your preferred roles, per se–when you personally want to diverge from them and are being punished for it–it’s still your system, your patriarchy, and you’re still soaking in its benefits.

And while I know I might come across as unsympathetic here, sincerely I’m not. I’m right there with you. If you want to know how damaging it can be to function under a patriarchy, ask a woman–or, for that matter, a gender-nonconforming man who probably did try to tell you about it until it became apparent that society was okay with you punching him.

Beim Patriarchat ist also nur was schief gegangen und DIE MÄNNER sind dafür verantwortlich, denn es ist ihr System. Bei Feministcrititics haben sie dafür den schönen Begriff „all men are Borgs„, den ich schon einmal in dem Artikel zum gynozentrischen Feminismus besprochen hatte. Wie genau dieser Borg-Patriarchismus aufrecht erhalten und errichtet wird, darauf geht man in den Artikeln gar nicht ein, es ist eben einfach so, dass es ein Patriarchat sein muss. Es gibt keine Mitverantwortung von Frauen für die Gesellschaft, in der Männer und Frauen leben, alles ist von Männern bestimmt.

Insoweit also nichts neues.

Ich halte auch die Gegenmeinung nicht für richtig, dass wir inzwischen in einem Matriarchat bzw. Feminat leben.  Beide Theorien bedenken die Verbundenheit der Geschlechter und die gegenseitige Verantwortung, die daraus folgt nicht.

Vielleicht muss der richtige Weg einfach sein, sich diese gegenseitige Verantwortung bewusst zu machen, von der Vorliebe der Frauen zu Hypergamy und Status bis zur aus intrasexuellen Konkurrenz entstanden Vorliebe von Männern für Status und Wettbewerb. Es erscheint mir der geeignetere Weg als Verschwörungstheorien zu entwickeln.

Wie man sich als profeministischer Mann im Genderfeminismus verbiegen muss

Ein weiterer Bericht vom Gendercamp kommt von Simon Kowalewski und ich finde er zeigt noch einmal schön auf, dass man in diesem Teil des Feminismus als Mann nicht gut aufgehoben ist, wenn man nicht Spass daran hat, der Sündenbock für alles zu sein, keinerlei Mitspracherechte zu haben und auf dem Boden zu kriechen:

Die profeministische Reflexion seiner Sünden äh  Privilegien macht den Anfang:

Zunächst muss ich darauf anerkennen, dass ich ein absolut privilegiertes Leben führe. Ich bin ein weißer heterosexueller Cis-Mann aus einem guten Elternhaus, habe mein Abitur als einer der Jahrgangsbesten abgeschlossen und mit 21 ein Diplom als Ingenieur erworben. Ich lebe in einem reichen westlichen Land, in dem ich auch geboren wurde und aufgewachsen bin und dessen Mehrheitssprache ich fließend spreche. Mir wurde auch der Luxus zuteil, weitere Sprachen lernen zu können. Mir stehen also in unserer Gesellschaft alle Türen offen. Ich habe die Freiheit, nicht Teil einer bestimmten Religion oder Weltanschauung zu sein, und brauche mich dafür nicht zu rechtfertigen. Ich habe keine feste Beziehung und keine Kinder, kann also über meine Zeit beliebig selbst verfügen, und meine Entschädigung als Mitglied des Abgeordnetenhauses macht mich finanziell unabhängig. Ich war nie Opfer sexualisierter Gewalt und konnte mich bislang immer, wenn ich wegen meiner Ansichten und Überzeugungen angegriffen wurde, sehr gut selbst verteidigen.

Bravo sage ich. Das klingt doch alles gut. Kein Grund sich zu entschuldigen, kein Grund ein schlechtes Gewissen zu haben. Du hast deine Fähigkeiten und du hast für deinen Erfolg gearbeitet.

Er scheint auch ansonsten aus seiner Sicht der „guten Sache“ gedient zu haben:

Eigentlich dachte ich trotzdem, als ich zum #gendercamp fuhr, dass ich ein ziemlich guter Feminist bin. Ich habe das ja auch mal irgendwann irgendwo behauptet, und in der Folge haben eigentlich alle Presseerzeugnisse, die über die #15piraten berichteten, bei mir statt einer Berufsbezeichnung nur “Feminist” geschrieben. Immerhin, ich lese Antje Schrupp und die Mädchenmannschaft, schaue jede neue Folge der Feminist Frequency (die man hier übrigens unterstützen kann) und höre den nrrrdz-Podcast und habe seit meinem Eintritt in die Piratenpartei 2009 eine Menge genderpolitischer Diskurse innerhalb der Partei und nach außen mit bearbeitet, bin lose mit dem #kegelklub assoziiert, habe den Gender-Squad mitgegründet und als unsere Fraktion im Abgeordnetenhaus Sprecher benannt hat, wurde mir die des frauenpolitischen völlig ohne Widerworte zugestanden. Ich habe allerdings keine Sozialwissenschaft studiert und in sofern bin ich eher Dilettant, was feministische Theorie angeht. Ich dachte, ich könnte auf dem Gendercamp etwas mehr darüber lernen.

Anderer Organsiationen würden jemanden, der so hart an ihrer Sache arbeitet. Was er auch im folgenden selbst als Erfahrung darstellt, die er in anderen Gruppen gemacht hat.

In diesen Teilen des radikalen Feminismus aber ist er der mit Erbsünde ausgestattete Feind:

Dieser Zusammenhang wurde mir auf dem #gendercamp schmerzlich bewusst, beispielsweise als im Plenum die Kinderbetreuung eingeteilt wurde. Ich wollte helfen, habe mir aber aus mangelnder Erfahrung mir nicht zugetraut, eine Schicht verantwortlich zu übernehmen. Also fragte ich die zwei (Frauen), die sich für eine Schicht haben einteilen lassen, ob ich bei ihnen ein “Praktikum” machen könne. Ich dachte, dass ich damit im Rahmen meiner (selbst empfundenen) Möglichkeit mein Möglichstes täte. Per Twitter wurde mir dann aber mitgeteilt, dass ich statt dessen auch einfach aufstehen und herausgehen hätte können, schließlich würde ich so auch wieder nur unterstreichen, dass die Reproduktionsarbeit in erster Linie Frauensache sei und ich mich als Mann nicht verantwortlich daran beteiligen wolle, evtl. denen, die sie übernommen haben, noch zur Last fallen würde.

Da verhält er sich schon so undominant wie möglich und fällt trotzdem hin. Eine typische Zwickmühle:

Handelt er selbst, dann ist er ein Patriarch. Handelt er nicht selbst, dann ist er auch einer, weil die anderen die Arbeit machen.

Gewinnen kann man dabei nicht. Es gilt nach wie vor, dass man doch bitte nicht stören soll, sondern einfach die Schuld für alles übernehmen soll.

Aus meiner Sicht keine attraktive Perspektive. Dabei kann man meiner Meinung nach auch konstruktiv und selbstbestimmt an einer Gleichberechtigung der Geschlechter arbeiten. Eine Gleichberechtigungsbewegung, die nicht auch die andere Seite zu Wort kommen lässt, sollte man – sei sie maskulistisch oder feministisch – ablehnen und sich eine andere Gruppe suchen, die bereit ist tatsächlich zwischen den Geschlechtern und ihren Interessen zu vermitteln, dort eine für beide Seiten gerechte Lösung zu finden und diese umzusetzen.

Mir würde als Mann diese Spielart des gynozentrischen Feminismus auf die Nerven gehen, weil ich mich nicht selbst abwerten will, nur weil ich einen Penis habe.

Das aber ist mit der Privilegientheorie nicht möglich. Mit ihr muss es einem Spass machen, sich unter Anrufung der Schlechtigkeit der Männer an sich die Büßerrute über den Rücken zu ziehen.

Aber auch hier bleibt wohl des Menschen Wille sein Himmelreich.

Karriere und externe Kinderbetreuung vs. Mutter sein

Ich habe es ja schon wiederholt gesagt: Das Baby ist kein Feminist

Es verwundert daher nicht, dass viele feministische Positionen sich gerade mit Mutter sein und Kinderbetreuung beschäftigen. Wesentliche Positionen dürften sein:

  • Möglichst viel Fremdbetreuung: Nur wenn Frauen möglichst davon abgebracht werden für die Kinderbetreuung beruflich kürzer zu treten, werden auch genug Frauen so handeln und nicht aussetzen. Solange Frauen noch wegen der Kinderbetreuung aussetzen oder dies von ihnen erwartet wird werden Frauen allgemein Nachteile im Beruf haben und damit weniger Karriere machen. Demnach muss Mutterschaft zurückgeschraubt werden
  • Ob eine Frau für die Kinderbetreuung aussetzt ist alleine ihre Sache und geht andere Frauen nichts an. Wenn eine Frau ihre Lebensziele darin sieht, dass sie Kinder betreut, dann ist dies anzuerkennen und sie deswegen nicht herunterzuziehen. Die einzelne Frau ist nicht dafür verantwortlich zu machen, dass dann weniger Frauen Karriere machen.

Beide Seiten werfen sich dabei gerne mal die jeweilige Position an den Kopf. ZB gerade in einem Artikel in der FAZ

Während die deutschen Frauenverwertungsfeministinnen über Muttertum und Beruf streiten, proben ihre französischen Kolleginnen sich schon lange in der dreifachen Blutgrätsche aus Muttertum, Beruf und Frausein. Für die graue Eminenz unter den französischen Feministinnen, die Philosophin Elisabeth Badinter, ist Mutterschaft folgerichtig das Ende der Selbstbestimmung der Frau: „So klingt das Totengeläut für die Freuden, die Freiheit und die Sorglosigkeit, die zum Status der kinderlosen Frau gehören. Wie die Nonne, die den Schleier nimmt, gehört die künftige Mutter nicht mehr sich selbst. Gott und das Baby sind für sich mächtig genug, um ihrem weltlichen Leben ein Ende zu setzen.“ Badinter war es, die das Bild der Rabenmutter positiv erscheinen ließ, indem sie ein Gegenbeispiel erfand: die Pelikanmutter. Nach der christlichen Ikonographie nährt die Pelikanmutter ihre Jungen mit dem Blut aus ihrer Brust. Wenn der Feminismus vorgibt, dass es unfeministisch sei, sein Kind zu stillen – ist das nicht ebenso das Ende der Selbstbestimmung der Frau? Ist es etwa feministisch, sein Kind wegzugeben, um dem Mann oder dem Geliebten ein guter Sexpartner zu sein? Die Aufspaltung in Raben- und Pelikanmütter verrät vor allem eines: den Selbsthass der Frauen, die sich an alten und neuen Rollenmustern die Nase blutig stoßen. Traurigstes Ergebnis dieser Orientierungslosigkeit ist der Angriff auf das Lebensmodell der Mutter. Eine Selbstverstümmelung.(…)

Mein Bauch gehört mir“, proklamierten einst die Feministinnen. Ihre marktgängigen Nachfolgerinnen wollen sich vom Staat rundum die Fürsorge für ihre Kinder garantieren lassen. Dass sie damit gleichzeitig das Selbstbestimmungsrecht über diesen Bauch schwächen, wollen sie nicht verstehen. Dazu denken sie viel zu konform. Verbreitet ist unter ihnen auch die Annahme, alle Frauen seien Feministinnen, was die Frauenfrage natürlich wesentlich vereinfachen würde. Das haben ihre Vorgängerinnen anders gesehen und sich abgegrenzt. Für die jetzige Generation ist das Private nicht mehr politisch, es darf verstaatlicht werden. (…)

Ausgerechnet ihrer Minister-Erzfeindin ähneln die angeblich linken Verwertungsfeministinnen aber mehr, als sie wahrhaben wollen: brennender Aufstiegswille innerhalb großer Institutionen, verbunden mit einer im Grunde unpolitischen und angepassten Haltung. Dass sie „karrieregeil“ sei, hat auch eine Frau Schröder schon zugegeben. Mit ihren Vorgängerinnen haben die Gleichheitsfeministinnen dagegen weniger gemein, als ihnen lieb sein dürfte. Ihr Konformitätsdenken ist von der Angst regiert, ihnen könnte etwas vorenthalten werden, doch in ihrer Wahlfreiheit liefern sie sich den Institutionen aus, statt sie zu verändern. Die alte feministische Garde hat vom alternativen Kinderladen bis zur Vollzeitmutter wesentlich mehr Modelle zugelassen und sie selbst geformt.

Also hier auch gleichzeitig wieder ein Kampf zwischen Neufeminismus und Altfeminismus. Wobei ja schon Beauvoir die These vertreten hat, dass man Frauen daran hindern sollte die Kinderbetreuung zu übernehmen, damit sie Karriere macht. Im Genderfeminismus ist zuviel Muttersein zusätzlich allerdings noch eine Bestätigung der Geschlechterrollen, vielleicht irgendwie auch eine Stützung der Heteronormativität, jedenfalls irgendwie falsch.

Meiner Meinung nach wird es noch lange Zeit ein ungelöstes Problem bleiben. Denn es spricht vieles dafür, dass viele Frauen eher bereit sind die Kinderbetreuung zu übernehmen als Männer, aus biologischen Gründen wie dem stärkeren Ansprechen auf das Kindchenschema und der Notwendigkeit anfangs zu stillen etc. Das sie eher auf Karriere zu verzichten bereit sind als Männer, die damit auch einen höheren Statusverlust befürchten müssen als die Frauen.

Dann aber werden Arbeitnehmer dieses aussetzen auch entsprechend einplanen, eher die Männer befördern, die eher nicht aussetzen, weniger Frauen werden nach oben kommen. Es stellt sich also die Frage, wer zurückstecken muss um die jeweiligen Ziele zu erreichen.

Frauenabwertung und hegemoniale Männlichkeit

Zwar ein etwas älteres Interview, aber es wurde über Twitter gerade noch mal verlinkt und ich finde es ganz interessant: Rolf Pohl über Sexismus „Männer haben Angst vor Frauen

Dort zu hegemonialer Männlichkeit:

Die australische Soziologin Raewyn Connell weist drei Bereiche aus: Wer dominiert in der Wirtschaft? Wer dominiert in der Politik? Und wer dominiert in den emotionalen Beziehungen? Wer bekommt Aufmerksamkeit, Geld oder Zuwendung, und welches Geschlecht wird eher diskriminiert? Besonders in den privaten Beziehungen gibt es eine sehr starke Ausprägung männlicher Vorherrschaft.

Die drei Bereiche erscheinen mir zunächst einmal recht zufällig. Warum nicht: Wer dominiert im Sorgerecht? Wer dominiert in gesicherten Jobs, die eine hohe Vereinbarkeit mit Familie haben? Wer muss weniger Erwerbsarbeit erledigen um sich den durchschnittlichen Lebensstil zu erwirtschaften? Oder „Welches Geschlecht erhält mehr Transferleistungen von dem anderen Geschlecht? Auch alles Fragen anhand denen man eine hegemoniale Weiblichkeit begründen könnte?

„Wer dominiert in den emotionalen Beziehungen?“ finde ich auch gar nicht so einfach zu beantworten. Ich würde meinen, dass es durchaus häufig die Frauen sind. Auch Aufmerksamkeit, Geld und Zuwendungen würde ich nicht als männlich dominiert ansehen.

Zu der Frage, wie Männer Macht generieren:

Männer generieren auch Macht in ihrer Beziehung, indem sie Aufmerksamkeit verweigern, hinhalten, Aufgaben vergessen, Bedürfnisse ihrer Partnerin ignorieren.

Schweigen und ignorieren scheint mir nun eher ein Taktik zu sein, die Frauen anwenden. Ebenso wie das Hinhalten. Und Bedürfnisse ihres Partners ignorieren: Das ist ja nur die Frage, was man als Bedürfnis anerkennt. Den Kneipenabend mit Freunden? Das Fußballgucken am Samstag? Der Blowjob zwischendurch? Das Zum-Sexobjekt-Machen, was viele Männer den Frauen so großzügig gewähren, selbst aber nicht bekommen? Alles kann von zwei Seiten betrachtet werden.

Zu Natur vs. Nature:

Man findet pseudorationale Begründungen dafür, dass das Geschlechterverhältnis ungleich bleiben muss. Dabei ist die Hirnfrage extrem strittig: Viel spricht dafür, dass die Hirnstrukturen nicht naturgegeben so sind, sondern sich in unserer Kultur so entwickelt haben. Vor allem ist interessant, worauf die Wissenschaft sich konzentriert. Plakativ ausgedrückt: Wir können gesellschaftliche Stereotype verändern, wenn wir wollen. Stattdessen konzentrieren wir uns auf das, was die Geschlechtsunterschiede endgültig als natürliche erscheinen lässt. Das ist Vermeidungsverhalten. Dieser Biologismus ist so gesehen eine neue Form des Sexismus.

Das Gegenteil ist der Fall: Vieles spricht dafür, dass Gehirnstrukturen bei den Geschlechtern unterschiedlich ausgestaltet werden. Der Wunsch nach freier Veränderbarkeit wurde häufig geäußert, stellte sich aber immer wieder als Irrtum heraus. Natürlich können wir gesellschaftliche Strukturen ändern, aber eben nur im Rahmen unserer Biologie.

Zur Konstruktion der Geschlechter:

Das Problem ist: Männliche Identität ist so konstruiert. Zu dieser Identität gehört das unbewusste Bedürfnis, sich aufzuwerten, indem Frauen abgewertet werden. Sich als einzelner Mann von dieser Konstruktion abzugrenzen ist sehr schwer. Die Ambivalenz gegenüber Frauen prägt sich dem kleinen Jungen ein – und erfährt immer wieder Nachprägungen.

Richtig ist, dass Outgroups genutzt werden um den Wert der Ingroup zu erhöhen. Das ist bei Frauen und Männern so. Momentan scheint mir die Frauenaufwertung verbunden mit Männerabwertung allerdings eher salonfähig zu sein als der umgekehrte Fall.

Warum man was gegen Feministinnen haben kann:

Reagieren Männer deshalb so allergisch auf Feministinnen? Weil die sich der Kontrolle entziehen?

Ja, das ist eine mögliche Abwehrstrategie zur Bestätigung einer „intakten“ Männlichkeit. Feministinnen wurden und werden lächerlich gemacht

Auch eine hübsche Immunisierungsstrategie. Jede Kritik am Feminsmus ist eine Abwehrstrategie zur Bestätigung einer intakten Männlichkeit. Der Kritiker ist einfach nicht Mann genug, um es mit Feministinnen aufzunehmen. Dass man bestimmte Ideen aus dem Feminismus einfach bescheuert finden kann findet darin keinen Platz

Und zum „neuen“ Feminismus:

Der „neue Feminismus“ ist für mich zunächst ein medial inszeniertes Backlash-Phänomen. Junge, hübsche Gesichter werden hier zu den alten feministischen „Schlachtrössern“ in Konkurrenz gesetzt. Das dient erst einmal dazu, den „alten Feminismus“ abzuwerten. Aber diese Frauen analysieren die vorherrschenden Machtstrukturen nicht. Sie folgen eher dem allgemeinen Trend der Individualisierung, nach dem jeder seines Glückes Schmied ist. Das ist keine Kritik an der Geschlechterhierarchie. Ein Feminismus, der nichts verändern will, ist keiner.

Backlash ist so ein schönes Konzept! Man kann damit herrlich jede Kritik entwerten. Frauen, die meinen, dass man Feminismus anders gestalten muss? Backlash! Ein Feminismus muss ein ordentliches, männliches Feindbild haben.

Und zur Wirkung seiner Vorträge:

Bei meinen Vorträgen reagieren vor allem die Frauen positiv. Männer sind eher irritiert und oft peinlich berührt. Über seine Ängste nachzudenken anstatt sie als Bedrohung abzuwehren ist in der Männerrolle nicht vorgesehen.

Warum sollte man auch etwas als Bedrohung ansehen, was einem die Schurkenrolle zuweist und jede Kritik von vorneherein entwertet. Ich habe keine Ahnung, es muss wohl einfach die Angst vor Frauen und die Angst vor Machtverlust sein.

Berichte aus dem Patriarchat: Ursula Piëch

Den Nachrichten ist zu entnehmen, dass Ursula Piëch in den Aufsichtsrat von VW kommen soll.

Was qualifiziert sie dazu? Aus einem FAZ-Artikel:

Ferdinand lernt sie 1982 über ein Inserat kennen. Der damals 45 Jahre alte Piëch ist Technikvorstand von Audi und hat, wie er es nennt, eine Jugend-Ehe hinter sich. Corina und er haben fünf Kinder. Zwei Kinder hat er mit Marlene Porsche, mit der er zusammenlebt, zwei weitere Kinder waren auf der Welt, die „einer anderen Connection entstammen“. Marlene Porsche also sucht per Inserat eine Gouvernante. Selbständigkeit, guter Umgang mit Kindern und Mobilität sind Voraussetzung. Es meldet sich die 25 Jahre alte Ursula Plasser aus Braunau in Oberösterreich. Sie leitet einen Kindergarten, möchte aus der Enge von Braunau heraus, aber weiterhin mit Kindern zu tun haben.

Also nicht gerade die Person, die man im Aufsichtsrat eines großen Autobauers erwartet.

Aber durchaus nicht ungewöhnlich, wie der Spiegel berichtet:

Friede Springer und Liz Mohn stiegen vom Kindermädchen und der Telefonistin zu den mächtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft auf. Jetzt rückt Ursula Piëch in den VW-Aufsichtsrat auf. Denn wenn es ums Erbe geht, vertrauen die Bosse ihren Frauen. (…) Protegiert vom mächtigen Ehemann haben Frauen offenbar gute Chancen, sich in der Wirtschaft zu etablieren. Piëchs Strategie haben andere Unternehmer bereits umgesetzt. Die Verleger Axel Springer und Reinhard Mohn, der Industriezulieferer Georg Schaeffler und der BMW-Großaktionär Herbert Quandt – sie alle zogen ihre Ehefrauen als Nachfolgerinnen heran. Die Lebenswege dieser Frauen weisen überraschende Parallelen auf.

Und auch im übrigen ist Ursula Piëch die Ehe nicht schlecht bekommen:

Piëch ist dem Bericht zufolge mit knapp sieben Prozent an der Porsche Automobil Holding beteiligt, die wiederum die Mehrheit an den Autoherstellern Porsche und Volkswagen innehat. Außerdem hält Piëch eine zehnprozentige Beteiligung an der Salzburger Porsche Holding, Europas größtem Autohändler. (…)

Solange Piëch lebt, hat in den Privatstiftungen Ferdinand Karl Alpha und Ferdinand Karl Beta laut dem „Focus“-Bericht nur er selbst das Sagen. Die Stiftungsurkunden regeln, wie mit den Beteiligungen umgegangen werden soll. Ehefrau Ursula spielt dabei eine überragende Rolle.

Die 19 Jahre jüngere Ehefrau soll das Vermächtnis bewahren, mit einer einzigen Einschränkung: Trennt sich das Ehepaar oder heiratet Ursula nach Piëchs Tod wieder, verliert die einstige Kindergärtnerin alles – ihre Stellung als Stifterin und den Sitz im Stiftungsbeirat.

Stirbt Piëch verwaltet seine Frau damit Milliarden. Das eine Ehe mit dem Tod des meist älteren und kurzlebigeren Mannes zu erheblichen Vermögensübertragungen an die Ehefrau führt ist meiner Meinung nach ein Punkt, der innerhalb der Geschlechterdiskussion häufig zu kurz kommt. Es passt nicht ganz zu den Vorstellungen eines Patriarchats, dass an der Unterdrückung der Frau arbeitet und dabei erhebliche Vermögensteile immer wieder auf die Frauen (Ehefrauen und Töcher) überträgt. Eine patriarchale Ordnung wäre besser bedient eine Vermögensübertragung an den ältesten Sohn vorzunehmen. Was aber natürlich nicht der Fall wäre und ungerecht wäre.

Gibt es eigentlich feministische Texte, die dazu Stellung nehmen?

Viel besser als zu einem Patriarchat passt dies dazu, dass wir nicht in Geschlechtergruppen denken, sondern eher in Verwandtschaftsverhältnissen und Liebesbeziehungen. Die meisten Männer haben ein engeres Verhältnis zu ihrer Ehefrau, Freundin oder ihren Töchtern als zur Gruppe der Männer an sich. Ebenso wie die meisten Frauen ein engeres Verhältnis zu ihren Ehemännern, Freunden und Söhnen haben.  Bereits aus diesen Interessen heraus ist der Geschlechterkrieg nicht mit den klaren Fronten versehen, die hier gerne aufgebaut werden. Wir alle kommen, wie ich irgendwo mal gelesen habe, eben aus „gemischten Familien“, also solchen, die beide „Feindparteien“ enthalten.

Das sollte man sich meiner Meinung nach immer wieder mal bewusst machen.

Die Grünen, der Frauenanteil in der Politik und die Quote

Die Grünen wollen gerade ihren Frauenanteil erhöhen und starten eine Kampagne deren Slogan wohl sein soll:

„Besser Du als irgendein Kerl.“

Das ist meiner Meinung nach erst einmal eine Abwertung von Männern. Und auch eine Abwertung der Männer, die nach oben kommen, denn die haben meist hart dafür gearbeitet, vielleicht nicht unbedingt am Thema, aber auf jedem Schützenfest und bei jedem Kaninchenzüchterverein.

Es ist auch ein schlechter Spruch: Wer einem Gruppenbestandteil indirekt erklärt, dass er Verantwortung für die Gruppe übernehmen soll, der wird meist wenig Erfolg haben, weil jeder meint, dass es ja der andere für die Gruppe tun könnte. Denn der Einzelne müsste ja die Last tragen, damit die Gruppe Vorteile hat, was unter Betrachtung von Game Strategie meist eher dazu führen wird, dass jeder hofft, dass es der andere tut, um so größer und unabgrenzbarer die Gruppe und um so anonymer die Gruppe, um so wahrscheinlicher wird sich niemand melden, insbesondere wenn das Ziel so abstrakt ist wie „irgendeinen Kerl“ zu verhindern.

Vielleicht sollte man eine direktere Taktik verwenden, beispielsweise über Beschämung:

Eine Frau, die nicht in einer Partei mitarbeitet, ist unemanzipiert

So könnte man wenigstens sozialen Druck aufbauen.

Oder:

Wer die Politik den Männern überlässt und sie nicht selbst mitgestaltet, der kann sich auch nicht beschweren. Mach mit, wenn du mitreden willst.

Oder so was in der Art. Aber das wäre wahrscheinlich schon wieder Victimblaming.

Aber gut, es wirkt immerhin herrlich emanzipiert, wir verhindern den „Kerl“ und so.

Interessanterweise wird in dem Artikel auch der Frauenanteil in den Parteien angegeben:

Von den aktuell gut 59.000 Grünen sind rund 62,6 Prozent männliche und nur etwa 37,4 Prozent weibliche Mitglieder.

Tatsächlich stehen die anderen Parteien noch viel schlechter da in Sachen Frauenanteil:

Die FDP kommt auf lediglich 23 Prozent,

die CDU auf 26, die CSU sogar nur auf rund 19 Prozent

und die SPD auf 31 Prozent.

Nur die Linke liegt mit etwas mehr als 37 Prozent weiblicher Mitglieder ungefähr bei dem Grünen-Wert.

Da haben wir also mit den Grünen eine Partei, die Frauenfragen und dem Feminismus sehr zugetan ist, in dem ein beachtlicher Teil der Parteien Frauen sind, die harte Quoten für diese Frauen hat und sogar umfangreiche Rederechtvorzüge beeinhaltet. Was hindert Frauen eigentlich daran, umfassend die Grünen zu wählen und so dem Patriarchat ein Ende zu bereiten? Naja, es ist das übliche Problem:

Doch das eigene Missverhältnis wiegt für die Grünen besonders schwer, zumal ihnen die Quote als eine Art Glaubensbekenntnis gilt. Und offenbar fällt es auf Landes- und Kreisebene oft schwer, überhaupt Frauen für die quotierten Positionen aufzubieten. Das Dilemma hat inzwischen auch die Grünen-Führung erkannt.

Die Frauen wollen also nicht nach oben. Das muss natürlich daran liegen, dass die Grünen einfach noch zu patriarchisch sind und es kann unmöglich damit zusammen hängen, dass Frauen ein geringeres Interesse daran haben, solche Ämter zu bekleiden. (vgl. auch Frauenquote in den Parteien am Beispiel der Grünen)

Wie der innere Patriarch Feministinnen am bloggen hindert

In dem Blog Wolkenkuckucksblog geht es darum, dass sich viele Frauen nicht trauen ihren eigenen Blog zu betreiben, weil sie Angst haben ihre Meinung zu sagen. Es ist ein Aufruf, diesen Blog, der immer irgendwo in der Fantasie (eben im Wolkenkuckucksheim) betrieben wurde, doch entgegen aller Widerstände ins Netz zu stellen:

Die Darstellung der Widerstände ist interessant:

Diese existentielle Angst, wenn ich mal einen Blogkommentar (zweimal in meinem Leben habe ich mich das – unter Pseudonym! – getraut) oder ein Mailinglistenposting geschrieben habe – irgendwie fühlte sie sich doch sehr ähnlich an wie der Fluchtimpuls, der mich regelmäßig in platzhirschdominierten Gesprächsrunden ergreift. Dieser Drang, bloß unsichtbar zu bleiben. Diese Stimme, die mir einredete, ich habe nichts Sinnvolles beizutragen: War das nicht vielleicht der „innere Patriarch“, vor dem mich eine wohlwollende ältere Kollegin immer gewarnt hatte? Diese ständigen Gedankenschleifen: Ich blogge unter meinem richtigen Namen, ist doch Quatsch sich zu verstecken. Aber was, wenn ein wahnsinniger Internettroll mich aufspürt? Also doch ein Pseudonym? Aber das ist doch feige! Und da capo. War diese Angst vor „dem bedrohlichen Internet“ nicht sehr vergleichbar mit der Angst vor dem gefährlichen Park / der unheimlichen Seitenstraße / dem finsteren Hinterhof / der einsamen Haltestelle in der Dämmerung?

Das finde ich – mit Verlaub – doch etwas sehr weit hergeholt. Als ob irgendein Patriarch in irgendeiner Form Blogs, noch dazu feministische Blogs verbietet. Hier wird eine Opferrolle aufgebaut, die fern ab jeder Wirklichkeit ist.

Feministische Blogs gibt es vielmehr wie Sand am Meer, die Mädchenmannschaft wurde bereits mit Preisen überschüttet und es dürfte eher Mut verlangen, einen maskulistischen Blog aufzumachen, weil das tatsächlich erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen kann („Die innere Matriarchin?“).

Natürlich können auf einem Blog merkwürdige Kommentare aufschlagen. Aber dafür hat der Blogbetreiber ja genug Möglichkeiten, dies wieder zu ändern. Natürlich werden ein paar Idioten ihre Anonymität ausnutzen und blöde Sprüche machen. Aber daraus folgt nichts in der Wirklichkeit. Seinen kleinen feministischen Blog mit 100 Zugriffen am Tag sollte man auch nicht zu wichtig nehmen.

Hier wird ein normales Lampenfieber in eine patriarchale Unterdrückung umgemünzt. Vielleicht sollte man einfach dazu stehen, dass es nicht immer leicht ist, sich der Kritik andere auszusetzen, wenn man bloggt – um davor Angst zu haben, braucht man kein „inneres Patriarchat“.

Der Rücktritt von Marina Weisband und Frauen in der Politik

Marina Weisband ist vom Vorstand der Piratenpartei zurückgetreten und erläutert dies in einem Spiegelinterview:

Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nur 30 Stunden pro Woche der Partei widmen kann, doch in Wahrheit geht viel mehr Zeit drauf. Ich stehe unter enormem Druck, mache zwei Jobs gleichzeitig. Einmal die interne politische Arbeit, dann die Öffentlichkeitsarbeit. Nebenbei mache ich mein Diplom. Ich bekomme das auch gesundheitlich nicht mehr unter einen Hut. Ich kann schlichtweg physisch nicht mehr weitermachen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie das näher erklären?

Weisband: Es ist richtig, dass ich im Moment öfter mal Krankheitsphasen habe. Weiter möchte ich darauf nicht eingehen. Das ist für die Partei aber ein Unsicherheitsfaktor. In dieser Situation ist es mir erst einmal wichtiger, eine Grundlage für mein Leben zu schaffen und meinen Abschluss zu machen – und in einem Jahr zu gucken, wie es aussieht. Ein Jahr möchte ich mindestens Pause machen und mich von der Doppelbelastung erholen.

Vielleicht hat ihr Rücktritt tatsächlich einfach gesundheitliche Probleme, aber er passt auch ganz hervorragend in das Geschlechterschema. Ein von Susan Pinkers Hauptthesen in „Das Geschlechter Paradox“ ist ja, dass Frauen ein geringeres Interesse daran haben, ihr persönliches Leben einer Karriere unterzuordnen und es lieber etwas ruhiger angehen lassen, dafür aber mehr Zeit für persönliche Belange haben. Das wiederum ist eben mit den meisten Spitzenjobs nicht vereinbar, die deswegen ganz überwiegend mit Männern besetzt sind, die den Anreiz des zusätzlichen Statuserwerbs dieser Jobs höher werten.

Das passt ja auch zu der hier bereits einmal zitierten Auffassung von Baum aus der Piratenpartei (auf die Frage, warum so wenig Frauen dort in Führungspositionen sind):

„Die Frauen wollen halt nicht so in der ersten Reihe stehen, da muss man dann ja manchmal vor hundert oder tausend Leuten sprechen.“

Auch eine interessante Stelle:

Ich habe viel Hilfe bekommen, aber es gibt einiges, was ich nicht abgeben kann. Ich kann die Entscheidungen der Bundesvorsitzenden nicht wegdelegieren, ebensowenig meine Medienauftritte. Es ist teilweise so gewesen, dass ich in eine Sendung eingeladen wurde – und wenn ich Ersatz angeboten habe, wurde er nicht genommen. Sondern sie wollten nur mich.

Was eigentlich nicht recht zu einem Patriarchat oder der hegemonialen Männlichkeit passt, denn die hätten ja eigentlich einen männlichen Ersatz mit Kusshand nehmen müssen. Klar, dass sie mitunter auf ihr Aufsehen reduziert wurde,

Marina Weisband Piratenpartei

Foto: Bastian Bringenberg

dass wäre auch ein zu diskutierendes Thema. Aber ungeachtet dessen sieht man hier, dass sich die Presse auf weibliche Politikerinnen stürzt und sie in Talkshows haben will. Was ja auch wieder dagegen spricht, dass sie lediglich aufgrund Diskriminierung nicht in die Spitzenpositionen kommen.

Machtmittel im Diskurs: Backlash

Ein interessantes Konzept ist der „Backlash gegen den Feminismus“

Aus der Wikipedia:

Susan Faludi popularisierte den Begriff Backlash in ihrem gleichnamigen Buch (1991). Darin definiert sie die antifeministische Backlash-Bewegung als einen machtvollen Gegenangriff auf Frauenrechte, der es zum Ziel hat, die wenigen und schwer erkämpften Siege des Feminismus zunichte zu machen.[2] Faludi argumentiert darüber hinaus, dass ein antifeministischer Backlash Mitte des 19. Jahrhunderts, um die Jahrhundertwende, sowie in den 1940er und 1970er Jahren zu verzeichnen war und feministische Bestrebungen zum Erliegen brachte.[3] Dem Feminismus wurden die meisten sozialen Probleme, darunter auch die Unzufriedenheit von Frauen[4] sowie solche Mythen wie der „weibliche Burnout“, die „Krise der Unfruchtbarkeit“ und der „Mangel an heiratsfähigen Männern“, angelastet.[1][2]

bell hooks argumentiert, dass jegliche tiefgreifende Kritik an patriarchaler Maskulinität die bestehenden Herrschaftsstrukturen bedroht und einen antifeministischen Backlash hervorruft.[5]

Der Sozialwissenschaftler und Politologe Simon Möller argumentiert in seiner Studie, dass der Diskurs der deutschen Medien in den 90er Jahren durch einen antifeministischen Backlash gekennzechnet war. Dieser Backlash habe die Anti-Politische Korrektheits-(PC)-Rhetorik und insbesondere das medial konstruierte Feindbild eines angeblich übermächtigen, lustfeindlichen und „politisch korrekten“ Feminismus sowie das vermeintliche Phänomen einer „sexuellen Korrektheit“ (SC) instrumentalisiert. „Sexuelle Korrektheit“ fungiere dabei als Teil des Anti-PC-Diskurses mit dem speziellen Angriffsziel Feminismus. Bei diesem antifeministischen Backlash handele es sich um einen „hegemonialen Offensivdiskurs“, der versucht, emazipatorische Bestrebungen als „politisch korrekter“ Nonsens lächerlich zu machen oder zur Gefahr zu stilisieren und frauenfeindliche Positionen zu normalisieren. Die Anti-PC- und Anti-SC-Kampagnen seien männliche Legitimationsstrategien zur Wahrung materieller und sozialer Vorteile gegenüber Frauen. Dem Anti-SC-Diskurs komme dabei insbesondere die Funktion zu, „von dominanter Seite zur Festigung des patriarchalen Konsenses, d. h. zur Herstellung von Akzeptanz gegenüber strukturellen Machtasymmetrien im Geschlechterverhältnis“ beizutragen. Der antifeministische Backlash folgt laut Möller bestimmten Mustern:[6][7][8]

  • Sexismus und sexuelle Gewalt wird erotisiert, trivialisiert sowie singularisiert;
  • eine Täter-Opfer-Umkehr findet statt;
  • die Existenz sexistischer Dominanzverhältnisse wird bestritten;
  • eine feministische Hegemonie an den Universitäten, in den Medien und im Kulturbereich wird suggeriert; und
  • der Begriff „Feminismus“ wird stigmatisiert.

In seiner diskursanalytischen Untersuchung fand John K. Wilson ähnlich wie Simon Möller, dass es sich bei der Debatte über politische Korrektheit und insbesondere sexuelle Korrektheit in den Medien um einen Backlash gegen den Feminismus handelt.[9]

Als Machtmittel im Diskurs ist die Behauptung eines Backlash wirksam. Alle Gegenargumente, die die Gegenseite bringt sind in dem Moment keine Gegenargumente mehr, sondern lediglich Mittel um den Feminismus zurückzudrängen. Man muss sich dann nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen, sondern kann einfach auf das Ziel, nämlich die Diskreditierung des Feminismus verweisen.

Das zeigt sich auch schön an den von Möller aufgezeigten Mustern eines Backlash:

  • Sexismus und sexuelle Gewalt wird erotisiert, trivialisiert sowie singularisiert;
Das deckt bereits eine Vielzahl von Gegeneinwänden ab. Wenn man beispielsweise behaupten würde, dass Frauen Vergewaltigungsphantasien haben, dann ist das eine Erotisierung sexueller Gewalt, wenn man behauptet, dass sie dominante Männer anziehend finden, dann ist das eine Erotisierung sexueller Gewalt, gleichzeitig wird damit diese Gewalt auch trivialisiert. Wenn man anführt, dass es keine rape culture gibt, sondern einzelne Straftäter oder das die Vergewaltigungszahlen zu hoch sind singularisiert man dies.
  • eine Täter-Opfer-Umkehr findet statt;
Das alte Lied: Frauen können keine Täter sein. Allenfalls Opfer. Wer ihnen eine aktive Täterschaft zuspricht, der betreibt also Backlsh
  • die Existenz sexistischer Dominanzverhältnisse wird bestritten;
Das Patriarchat lebt. Zwar kann es keiner wirklich definieren und was es genau ausmacht und wie es arbeitet bleibt auch unklar, es zu bestreiten ist aber Backlash. Natürlich zählt hier nur das Bestreiten sexistischer Dominanzverhältnisse, die gegen Frauen gerichtet sind. Denn andere kann es im Prinzip auch nicht geben.
  • eine feministische Hegemonie an den Universitäten, in den Medien und im Kulturbereich wird suggeriert; und
Eine feministische Hegemonie kann nicht bestehen. Denn Frauen sind Opfer der hegemonialen Männlichkeit. Demnach sind Frauen immer unterdrückt. Zu behaupten, dass sie bereits etwas erreicht haben und sich eine Machtposition erarbeitet haben, kann nur bedeuteten, dass man ihnen den Opferstatus nehmen will. Das inzwischen Bemerkungen, die feministische Position in Frage stellen, einem Unipräsidenten den Job kosten können  und – gerade an US-Universitäten – die Position des Feminismus sehr stark ist – Backlash
  • der Begriff „Feminismus“ wird stigmatisiert.

Wer etwas gegen unsere Ideologie sagt, der betreibt Backlash. Auf die Argumente kommt es wohl auch hier nicht an.

Diese Seite ist also eine „Alles Backlash“-Seite, aber mir wurden ja eh schon diverse Namensänderungen angeraten.

Eine schöne Kritik des Buches von Susan Faludi finde sich in der Besprechung „The Feminist as Paranoid“ von Jean Bethke Elshtain:

Faludi’s Backlash is an amazing beast, a living, breathing monster possessing irresistible force. Thus: “Just when women’s quest for equal rights seemed closest to achieving its objectives, the backlash struck it down. Just when a ‘gender gap‘ at the voting booth surfaced in 1980, and women in politics began to talk of capitalizing on it, the Republican party elevated Ronald Reagan and both political parties began to shunt women’s rights off their platforms.” On and on in this vein. When Faludi touches on the rise in female poverty (directly correlated with the rise in female-headed households—there’s no doubt about this relationship), the rise in violence against women, the rise of eating disorders, she blames it all on The Backlash.

But suppose someone came along and blamed all these things on feminism—after all, didn’t these phenomena appear after the rise of the feminist movement?—and dredged up the relevant statistics to make the case. This would be the occasion for outrage on Faludi’s part and further evidence of Backlash. The point is that conspiracy theory, no matter in whose hands, is a monument to anti-intellectualism. For serious laborers in the vineyard of the human sciences understand that all social phenomena have very complex roots—they are, as we say, overdetermined—and it takes skill, real acumen, an eye both for detail and the big picture, and, above all, intellectual honesty to explore such matters.

Backlash, on the other hand, is social science manque. The apparatus of scholarship is there, but the book’s each and every claim represents a radical reduction of social reality and experience, particularly Faludi’s presumption that any rethinking undertaken by any feminist at any time, if the thinker in question comes out at some place Faludi dislikes, constitutes a prima facie case that the woman in question has become a backlash pawn. (…)

For Faludi the use of the intellect is a very dangerous thing indeed; it might lead to what she labels “declarations of apostasy,” by which she more or less means disagreement with some or all of her feminist agenda, guaranteed to be the one and only pure product. To deviate in the slightest is to fling oneself over a cliff into the arms of Backlash.

Frauen meiden mathematikintensive Studiengänge nicht weil sie diskriminiert werden, sondern weil sie es wollen

Über Pele Billing habe ich dieses Video zur Situation von Frauen in matheintesiven Fächern gefunden:

Aus dem Abstract zu der dazugehörenden Studie (Volltext hier):

Despite impressive employment gains in many fields of science, women remain underrepresented in fields requiring intensive use of mathematics. Here we discuss three potential explanations for women’s underrepresentation: (a) male–female mathematical and spatial ability gaps, (b) sex discrimination, and (c) sex differences in career preferences and lifestyle choices. Synthesizing findings from psychology, endocrinology, sociology, economics, and education leads to the conclusion that, among a combination of interrelated factors, preferences and choices—both freely made and constrained—are the most significant cause of women’s underrepresentation.

Es ist also nicht die Diskriminierung, sondern ihre Vorlieben und ihre Auswahl, die zu der Unterrepräsentation von Frauen in mathematischen Fächern führen.

Zur Diskriminierung:

A National Academy of Science task force found that, among new PhDs applying for tenure-track jobs, women were slightly more likely to be invited to interview than men, and there were no sex differences in job offers or resources:

For the most part, men and women faculty in science, engineering, and mathematics have enjoyed comparable opportunities within the university. . . . Women fared well in the hiring process at Research I institutions, which contradicts some commonly held perceptions of research universities. If women applied for positions at RI institutions, they had a better chance of being interviewed and receiving offers than male job candidates had. (Committee on Gender Differences, 2010, p. 5)

Others have a found a similar lack of discrimination. Ginther and Kahn (2006) analyzed promotion and pay data, noting that historic asymmetries favoring males disappeared by the early 2000s, with current asymmetries resulting from nongender factors. Others have also found that after controlling for structural variables such as status of the university, discipline, and presence of young children before tenure—all of which penalize women disproportionately—there is no evidence of discriminatory treatment, because men in the same circumstances fare equivalently. Again, these variables certainly disadvantage women more than men, but they result from choices made by women, and when women make other choices they fare equivalently to men

Und noch einmal in der Zusammenfassung:

The primary factor in women’s underrepresentation is choices both freely made and constrained by biology and society. Women choose at a young age not to pursue math-intensive careers; few adolescent girls express desires to be engineers or physicists, preferring instead to be medical doctors, veterinarians, biologists, psychologists, and lawyers. Females make this choice despite earning higher math and science grades than males throughout schooling. Although women earn a large portion of baccalaureate degrees in all fields of science, including mathematics, disproportionately fewer enter graduate school in these fields, preferring biology, social sciences, law, medicine, and the humanities—even when they possess math ability comparable to males. Of those who enter graduate school in math-intensive fields, more women than men drop out or change fields, and of those who complete doctorates, fewer women apply for tenure-track positions. Women drop out of scientific careers—especially math and physical sciences—after entering them as assistant professors at higher rates than men, and this remains true as women advance through the ranks. Although the reasons for this attrition are not well understood, it appears to have less to do with discrimination or ability than with fertility decisions and lifestyle choices, both freely made and constrained. The tenure structure in academe demands that women having children make their greatest intellectual contributions contemporaneously with their greatest physical and emotional achievements, a feat not expected of men. When women opt out of full-time careers to have and rear children, this is a choice—constrained by biology—that men are not required to make.

In genderfeministisch würde man dazu wohl sagen, dass sie die Geschlechternormen so verinnerlicht haben, dass sie gar keine freie Entscheidung mehr treffen können. Wären sie aber frei, dann würden sie andere Entscheidungen treffen und Karriere machen.

Allerdings ist Rechtsanwältin ja auch nicht gerade ein Beruf, der dem Rollenbild entspricht und der scheint diesen Schwierigkeiten in der Wahl nicht ausgesetzt zu sein. Eher scheint mir das verbindende Element zu sein, dass die Berufe, die Frauen lieber wählen, entweder sozial anspruchsvoller als der Job eines Mathematikers sind (zumindest in der Vorstellung) und man in allen Bereichen wesentlich mehr Emotionen einsetzen kann, sei es als Ärztin  bei der Pflege der Patienten, bei der Tierärztin beim Versorgen von Tieren oder als Rechtsanwältin bei der Unterstützung von Mandaten. Biologen fallen dabei etwas raus, haben aber auch wesentlich mehr mit Leben zu tun als der Beruf des Mathematikers.

Die Rücksichtnahme auf das Kinderkriegen erscheint mir auch nicht als etwas, was Frauen unbedingt durch ein Patriarchat aufgezwängt worden sein muss. Es ist biologisch recht leicht begründbar, aber auch logisch durchaus keine schlechte Entscheidung. Ich sehe nicht, dass man daraus eine zwingende Fremdbestimmung der Frauen durch Geschlechternormen folgern kann.

Interessant insoweit eben auch das Fehlen von Diskriminierung. Da fällt ein weiteres Stück Zwang weg.