Böhmermann, Guilt by Association und gesellschaftliche Dogmen

Bereits kurz nach dem Böhmermann seine Aktion ins Leben gerufen hatte wurden die ersten Vergleiche mit Orwells 1984 gezogen. In der Zeit führt Jochen Bittner noch einmal etwas zu den Lehren aus der Aktion aus:

Die Reconquista-Internet-Liste entlarvt so auf geradezu perfid-gute Weise zwei große Gefahren, die der offenen Gesellschaft drohen. Erstens das üble Prinzip der guilt by association (hier: es reicht, den falschen Twitter-Accounts zu folgen). Und zweitens die Tatsache, dass die Meinungsfreiheit nicht nur durch den Staat, sondern auch durch gesellschaftliche Dogmenkreation eingeschränkt werden kann: Wenn der Preis für eine bestimmte Position der Ausschluss aus der „respektablen“ Gruppe ist (hier: alle, die „Liebe statt Hass“ wollen), dann äußert man diese Meinung besser nicht.

Guilt by Association ist immer dann weit verbreitet, wenn man in einem intoleranten System ist, welches ein gemeinschaftliches Denken erzwingen will. Denn es erlaubt einem bereits Anfänge einer Diskussion zu unterbinden, weil man mit „Verdächtigen“ bereits nichts mehr zu tun haben darf. Es hält die Gruppe zusammen, führt aber bei Leuten außerhalb der Gruppe auch schnell dazu, dass diese sich angegriffen fühlen, weil sie ja nichts getan haben. Sie haben nur mit jemanden diskutiert oder vertreten die Auffassung, dass man sich auch anschauen sollte, was die „andere Seite“ macht.

Gesellschaftliche Dogmenkreation unterstützt dieses Konzept stark. Denn letztendlich braucht man zunächst Dogmen damit jemand sich mit Leuten einlassen kann, die gegen diese Dogmen verstoßen. Gleichzeitig ist „Guilt by Association“ auch eine Form eines Dogmas: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, eben weil man dabei selbst schmutzig wird.

Gerade bei der Kreation von Dogmen braucht man allerdings Reichweite um sie allgemein bekannt zu machen, wenn sie nicht nur in der eigenen Gruppe wirken sollen.  Was die Verbindung mit einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender noch problematischer macht, weil dieser dann die Reichweite zur Verfügung stellt und damit gleichzeitig auch über Guilty by Association eine höhere Wahrscheinlichkeit der Durchsetzung.

Das feministische Recht auf Wut

Immer wieder liest man auf feministischen Bl0gs etwas davon, dass eine Feministin wütend ist, richtig wütend, und das es anderen nur nicht einfallen soll, sie daran zu hindern. Sie explodiert fast vor Wut und sie lässt sich auch nicht gefallen, dass andere ihr den Mund verbieten wollen/sie Mundtot machen wollen/ihr ihre Wut absprechen wollen.

Gerade beispielsweise wieder hier:

das alles spielte sich in den letzten 4 Jahren ab und in dieser zeit machte ich meine ersten bewussten begegnungen mit rassismus theorien und anderen -ism. dann kam erst mal eine große welle wut. die hab ich großzügig um mich verteilt…wer konnte ging in deckung, wer den selben leidensdruck verspührte machte mit und diejenigen, sie damit nichts anfangen konnten begaben sich in eine verteidigungshaltung

Ich finde dieses Recht auf Wut immer wieder faszinierend. An anderer Stellte hatte ich ja schon auf „feminist rage“ als Begriff verwiesen. Wie man oben sieht folgt die Wut aus der Aufnahme der feministischen Theorien und dem Leidensdruck, den man dabei erfährt.

Die Reaktionen sind wie zu erwarten nicht sonderlich positiv:

meine wutwelle und mein allgemeiner weltschmerz kamen im real life nicht unbedingt gut an….eh klar, immerhin hing und hängt meine wut mit strukturen zusammen, von denen der großteil meiner damaligen bezugspersonen im alltag mächtig profitierte.

wie oft wurde ich aufgefordert doch weniger agressiv und unbequem zu sein, wie oft wurd ich gebeten, meine politischen statements aus freund_innenschaften herauszuhalten. im gegenzug aber anhaltende diskriminierungen zu dulden – es war ja nicht böse gemeint…hm. ja,nee is klar. also wer tatsächlich denkt, dass ungleiche machtverhältnisse und unterdrückungsmechanismen in freund_innenschaftsstrukturen nicht auch vorhanden sind, hat etwas ziemlich wichtiges nicht gecheckt. kackscheiße bleibt kackscheiße, so lieb sie auch formuliert wird und auch wenn alle lachen.

Letztendlich dient die Wut insofern auch der Abgrenzung nach Außen:  Der andere muss die Wut nachempfinden können, weil er auch benachteiligt ist oder aber akzeptieren, dass der andere wütend ist, weil er ja auch allen Grund dazu hat: Wer die Wut nicht akzeptiert, der stützt letztendlich das System, der macht sich den Kampf gegen das System nicht zu eigen, der kann nicht mehr Freund sein.

Ganz besonders kann er das natürlich nicht, wenn er nicht meint, dass die jeweilige Feministin keine Macht hat und nicht unterdrückt wird, wenn er also ihre machtvolle Opferrolle nicht akzeptiert. Auch klar: Es gibt keine Grauzonen, was „kackscheiße“ ist, kann nicht lustig sein.  Der radikale Feminismus kann über so etwas nicht lachen, die Aufforderung doch etwas Humor zu haben, gilt eher als Angriff bzw. als Stützung des Systems.

ich habe das gefühl bekommen, dass meine Gesellschaftkritik als neues hobby missinterpretiert wurde. als gewählter freizeitspass. Ich hab öfters versucht des aufzuklären, bin es aber mittlerweile leid. Wenn menschen (noch) keine lust haben, sich kritisch mit ihren lebensrealitäten und positionen auseinander zusetzen, tja dann kann ich das auch nicht ändern.

Übersetzt: Warum nehmen mich die Leute nicht ernst, wo ich so wichtige Themen anspreche und ihnen ihre und insbesondere meine UNTERDRÜCKUNG und BENACHTEILIGUNG aufzeige? Warum sehen sie nicht wie erst mir das ist?

ich brauche gesellschaftkritik oder ein bisschen wut in meiner gegenwart nicht als liebesbeweis. wer zufrieden ist mit dem was sie_er hat – bitte schön. ich bins nicht und mein harmoniebedürfnis geht k.o wenn es gegen weltschmerz ankämpft.

umso schöner, dass es menschen gibt, die ähnliche wut spüren!

wut tut gut! mut zur wut!

ich surfe gerne mit euch auf der wutwelle, empöre mich mit euch und sammle tumblr gifs für mansplainer und nichts checker_innen.

es tut gut euch zu haben und wir stellen fest: wut kann oft sehr lustig sein. neben oder gerade durch all unser theoriegerede, unseren beschwerdebriefen und unserer unbequemlichkeit, hab ich in euch kritische freund_innen gefunden, die mir nicht nach dem mund reden, sondern mich rütteln und schütteln und mir helfen beim klar kommen.

Die Mansplainer und die Nichts-Checker_innen, die Dummen also, die es noch nicht verstanden haben und deswegen nicht wütend sind. Wir dagegen: Rebellen. Unbequem! Stacheln im Fleisch der anderen

Ich kann mir gut vorstellen, dass dabei ein schönes Gruppengefühl entsteht. Man grenzt sich ab zu den anderen, schafft ein klares Feindbild, erklärt sich zur Elite derjenigen, die alles durchschaut haben und jetzt verbessern, weist also sich selbst und der Gruppe Status zu.

Zudem erlaubt es Wut auch sehr schön die eigene Meinung als Taboo auszugestalten, ein Dogma aufzubauen, welches nicht hinterfragt werden darf. Ein Dogma bietet viele Vorteile, weil man es eben nicht inhaltlich hinterfragen darf, was bei der Angreifbarkeit feministischer Theorien auch nicht günstig wäre. Man muss sich auch nicht selbst hinterfragen, man muss nur akzeptieren. Wer aber das Dogma in Frage stellt, das Taboo angreift, den darf gerechter Zorn treffen.

Dogma und Religion

Gesellschaften brauchen Regeln, an die sich die Leute halten. Besteht gar kein Konsens, nach dem sich die Leute richten können, dann wird ein Zusammenleben kaum möglich sein.

Eine verschärfte Regel bezüglich des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist das Dogma oder das Taboo. Dabei wird eine Regel oder ein bestimmter Umstand der Diskussion entzogen und entweder eine Diskussion darüber bereits unmöglich gemacht oder dagegen stehende Argumente schlicht ignoriert und deren Anführung als Beleidigung/Regelverletzung angesehen.

Man kann sich vorstellen, dass so etwas durchaus nützlich für eine Gesellschaft ist/war. Denn so konnte man bestimmte Themen, die zu Streit führten, ausklammern und gegebenenfalls auch Gruppenwerte schaffen, in dem man einen „Identitätskern“ gestaltete, der nicht zu diskutieren war. Ähnlich wie bei anderen Hierarchien auch kann vielleicht zudem eine „Hierarchie der Ideen“, (also etwa Vermutungen, allgemein angenommenes, Dogma) Hierarchiekämpfe reduzieren, die ansonsten bei der Frage, ob eine Auffassung richtig ist aufkommen würden. Hier könnte die Idee sein, dass man eine Idee, die die obersten oder die Gemeinschaft an sich als absolut verbindlich ansieht, besser nicht hinterfragt (jedenfalls nicht offiziell).

Da Religionen Ideen sind, die üblicherweise auf einer schwachen Grundlage stehen, sie aber gleichzeitig darstellen auf der Basis einer hohen Autorität zu sprechen, die ihre Vorgaben an die Gesellschaft und ihre Regeln verlangt, bieten sich für Religionen Dogmen und Taboos als Machtmittel an.

Dabei sind beide Mittel durchaus gefährlich, weil sie zu irrationalen Handeln verleiten.

Gut zu sehen ist dies gegenwärtig an den Ausschreitungen einiger Muslime aufgrund eines Films, der nach ihrer Auffassung Mohammed schmäht sowie ebenso an der dortigen Reaktion auf Karikaturen, die Mohammed zeigen. Hier soll ein religiöses Dogma betroffen sein, den Propheten Mohammed gemäß seinem Status zu behandeln und demnach mit Erfurcht zu begegnen.

Die Folge des Dogmabruchs oder der Tabooverletzung ist allerdings aus meiner Sicht nicht nur eine reine Verletzung des Dogmas, vielmehr bietet diese Verletzung Anlass aufgestauten Hass loszuwerden und Feindbilder zu bestätigen. Es ist ja relativ offensichtlich, dass es sich bei dem Film nicht um eine Produktion der USA, sondern einer Einzelperson handelt. Allerdings bietet das Dogma – trotz des schwachen Bezugs zu einigen der von den Protesten betroffenen Länder – hier die Möglichkeit zu einem Handeln aufzurufen. Auch hier kann mit entsprechender Gestaltung eine Radikalität erzeugt werden, in dem Umsetzung und Schutz des Dogmas oberste Priorität genießen und Verletzungen echten Hass hervorrufen.

Dieses Gefahrenspotential ist Teil vieler Religionen, mir scheint aber gerade der Islam hat besonders viele Vertreter, die auf Dogmenerrichtung und Radikalisierung aus sind.

Das Christentum hat insoweit vielleicht einfach den Vorteil, dass es heute diese Phase schon im wesentlichen überwunden hat und einen anderen Weg eingeschlagen hat, bei dem im religiösen so getan wird als würde der theologische Glaubensinhalt so richtig sein und lediglich neben der „eigentlichen Welt“ stehen.

Die Evolution ist in dieser Vorstellung richtig, die Bibel aber auch irgendwie. Es ist also ein weniger dogmatischer Weg, bei dem die Religion zwar nicht zugibt, dass sie unrecht hat, aber sich stark auf innere Belange zurückzieht.

Ob Maria nun Jungfrau war oder es sich nur um einen Übersetzungsfehler handelt, ob Jesus weitere Geschwister hatte, weil Maria zumindest nach seiner Geburt „die Ehe vollzog“, ob Jesus eine Frau hatte, wird zwar innerhalb der Kirche als Taboo bzw. Dogma gesehen, es wird aber als Diskussion gesehen, die religiöses, nicht weltliches betrifft. Glücklicherweise gibt es deswegen keine Proteste oder Gewaltaktionen.

Es gibt natürlich auch moderate Muslims und radikale Christen, der Hauptteil des Christentums scheint mir aber wesentlich moderater als  Vertreter des Islams.

Einen solchen radikalisierten Trend wieder zu stoppen ist sicherlich schwierig. Ich wünschte der Islam würde eine Umwandlung vornehmen, die ebenso dazu führt, dass dort die moderateren Stimmen überhand gewinnen.