Wie frauenfeindlich ist die Gesellschaft? Theorie vs. Forschung (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Titiat Scriptor

Wir leben im Patriarchat – immer noch, trotz allem. In den Gesetzbüchern sind gleiche Rechte für die Geschlechter längst verankert, nicht aber in der praktischen Umsetzung.
Im Alltag kämpfen Frauen auch im Jahr 2020 überall noch gegen strukturelle und systematische Benachteiligung. Das ist die Grundannahme feministischer Sozialkritik und zugleich ihre Existenzberechtigung.
Das Patriarchat selbst ist unsichtbar, aber seine Zeichen sind scheinbar allgegenwärtig. Frauen verdienen für dieselbe Arbeit weniger als Männer. Die besten Positionen in Wirtschaft und Politik sind von Männern besetzt, Frauen bleiben unterrepräsentiert. Ganze Berufszweige verschanzen sich gegen den Wunsch der Frauen nach Teilhabe. Das Patriarchat – so könnte man dieses Argument zusammenfassen – ist eine Struktur, die das Handeln der Leute in ungleiche Resultate für Männer und Frauen umwandelt.

Natürlich ist denkbar, dass auch eine Gesellschaft frei von geschlechtsbezogener Benachteiligung ungleiche Ergebnisse hervorbringt – zum Beispiel dann, wenn Männer
und Frauen im Kern unterschiedlich sind und deshalb verschiedene Lebensentscheidungen treffen. Diese Möglichkeit wird im feministischen Diskurs aber als eine Art biologischer Essenzialismus mehr oder minder explizit verworfen.

Möchte man dieser Logik folgen, stößt man unweigerlich im tiefsten Inneren der Patriarchats-These auf die alles entscheidende Frage: Was bewirkt denn eigentlich, dass die Welt trotz vermeintlich gleicher Interessen Männer und Frauen in unterschiedliche Positionen manövriert? Was ist die Ursache, der Antrieb, der Auslöser für Ungleichheit zwischen den Geschlechtern?

Die Antwort, die man üblicherweise auf diese Frage findet, lautet in etwa so: Wir leben
in einer Gesellschaft von Männern für Männer. Die Einstellungen, Werte und Handlungsmuster, die uns von Kindesbeinen an mitgegeben werden, stellen männliche
Bedürfnisse und männliches Verhalten an die erste Stelle. Frauen werden entweder mit einem Achselzucken ignoriert oder aktiv benachteiligt. Es geht, anders gesagt, um frauenfeindliche Vorurteile in den Köpfen der Leute.

Ein aktuelles Beispiel: In ihrem Buch „Down Girl. Die Logik der Misogynie" (2019) beschreibt Kate Manne Frauenfeindlichkeit als integralen Bestandteil westlicher Gesellschaften im 21. Jahrhundert. Von Frauen, schreibt sie, werden Verhaltensweisen erwartet, die männliche Privilegien aufrechterhalten. Rebellinnen gegen das Patriarchat werden vom System bestraft. Männer hingegen profitieren von gesellschaftlicher „Himpathy“ was sinngemäß so viel heißen soll wie ungerechtfertigte
Sympathie für misogyne und asoziale Männlichkeit.

Soweit die Theorie. Wichtiger ist die Forschung. Denn: Ob wir in der oben beschriebenen Welt leben, ist am Ende keine philosophische, sondern eine empirische

Frage: Ist es also empirisch gerechtfertigt, zu sagen, dass bestehende Geschlechtervorurteile so sehr zu Lasten von Frauen gehen und Männer so sehr bevorzugen, dass man die Gesellschaft insgesamt als frauenfeindlich beschreiben
kann?

Was folgt, ist ein Auszug aus der aktuellen sozialpsychologischen und soziologischen Forschung. Alle zitierten Studien haben eines gemeinsam: Sie zeichnen ein Bild von der
Richtung geschlechtsspezifischer Vorurteile in unserer Gesellschaft, das im harten Kontrast zu den oben skizzierten Behauptungen steht. Sie zeigen, dass es zu einfach ist, Frauen als rundherum benachteiligt zu beschreiben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Was folgt, ist natürlich kein Beleg dafür, dass Frauen nicht an vielen anderen Stellen benachteiligt sein können. Oder dass Frauen in unserer Gesellschaft unter dem Strich weniger benachteiligt sind als Männer. Darum geht es hier im Kern nicht. Es geht um die Frage, wie viele empirische Erkenntnisse, die der Patriarchats-These zuwiderlaufen, man hinnehmen möchte, bevor man die These von der insgesamt misogynen Gesellschaft verwirft oder zumindest infrage stellt.

Was also sagt die Forschung?

Die folgenden Studien können über http://www.doi.org mit den angegebenen Nummern
identifiziert werden.

1. Die Zukunft gehört autonom fahrenden Autos. Aber wie soll der Algorithmus menschliches Leben priorisieren, wenn ein Unfall nicht mehr vermeidbar ist und sich nur noch die Frage stellt, wer sterben muss? Rund 2 Millionen Befragte in einem weltweiten Online-Survey würden mehrheitlich eher männliche als weibliche Unbeteiligte opfern (DOI: 10.2478/nimmir-2019-0015).

2. Die Tendenz, weibliches Leben höher zu priorisieren als männliches ist auch in vielen anderen Kontexten belegbar. In verschiedenen Experimenten zum Umgang mit moralischen Dilemmas werfen die Testpersonen Männer häufiger vor fahrende Züge als Frauen, um Unschuldige zu retten. Sie fügen Männern häufiger und stärkere Stromstöße zu als Frauen. Sie retten Männer seltener von sinkenden Schiffen und helfen ihnen überhaupt seltener in Notlagen (DOI: 10.1177/1948550616647448).

3. Dass aggressives Auftreten das Ansehen von Männern fördert, das von Frauen aber beschädigt, wird immer wieder behauptet. Dazu im Kontrast stehen die Ergebnisse eines Experiments mit unterschiedlichen Aggressionsszenarien. Hier bewerteten die Probanden weibliche Aggression als moralisch akzeptabler als männliche Aggression
(DOI: 10.1023/A:1019665803317).

4. Und wie steht es um negative Stereotype im Berufsleben? Forscher ließen in einem groß angelegten Experiment mit mehr als 800 männlichen und weiblichen Entscheidern MINT-Lehrstühle an Universitäten an fiktive Bewerber vergeben. Bei gleicher Qualifikation wurden Frauen mit einer Präferenz von 2:1 vor Männern eingestellt (DOI: 10.1073/pnas.1418878112).

5. Auch in anderen Bereichen findet sich kein Widerstand gegen die Ausweitung weiblicher Teilhabe am Berufsleben, im Gegenteil. In Experimenten zeigen Probanden eine größere Bereitschaft, männerdominierte Berufe durch politische Maßnahmen für
Frauen zu öffnen als frauendominierte Berufe für Männer (DOI:10.1016/j.jesp.2019.03.013).

6. Eine Untersuchung zeigt, dass Leistungsbewertungen am Arbeitsplatz weniger akkurat sind, wenn die bewertete Person weiblich ist. Offenbar sind Vorgesetzte eher bereit, Bewertungen von Frauen nach oben zu korrigieren als Bewertungen von männlichen Angestellten. Ob man hier von einem Vorteil für Frauen sprechen kann, scheint zumindest fraglich. Das Ergebnis steht aber dennoch im Kontrast zur häufig geäußerten Behauptung, Frauen würden im Berufsleben negativer bewertet als Männer (DOI: 10.5465/ambpp.2016.18003abstract).

7. Selbst in der Bewertung vermeintlich objektiver Forschungsergebnisse lässt sich ein erhebliches gesellschaftliches Wohlwollen Frauen gegenüber aufspüren. Fiktive Studien zu biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern werden von Psychologinnen und Psychologen unterschiedlich eingeschätzt, je nachdem welchem Geschlecht in den Studien positivere Eigenschaften zugeschrieben werden. Eine erfundene Studie, die Frauen größere künstlerische Fähigkeiten und mehr Ehrlichkeit attestiert, wird als relevanter, glaubwürdiger, hilfreicher und weniger schädlich eingeschätzt als dieselbe Studie mit umgekehrten Geschlechtervorzeichen (DOI: 10.1111/bjop.12463).

8. In dieselbe Richtung geht ein Experiment, in dem Probanden fiktive Ergebnisse von Leistungstests bewerten sollen. Erzielen Männer im Schnitt bessere Ergebnisse als Frauen, wird die Testmethode eher als sexistisch, unfair und inakzeptabel gesehen als im umgekehrten Fall (DOI: 10.2139/ssrn.3175680).

9. In einem anderen Experiment zeigen sich die Testpersonen eher bereit, ein wissenschaftliches Fachbuch zu zensieren, in dem Männer evolutionsbedingt als bessere Führungskräfte beschrieben werden als ein Buch mit der entgegengesetzten
Aussage (Quelle1).

10. Auch beim Thema antisoziales und kriminelles Verhalten wird Frauen mit mehr Wohlwollen und Verständnis begegnet als Männern. In Surveys erhalten zum Beispiel hypothetische Vergewaltigungsopfer mehr Empathie, wenn der Täter männlich ist. Empathie mit weiblichen Tätern ist dann besonders ausgeprägt, wenn ihr Opfer ein Mann ist. Ganz allgemein erhalten männliche Opfer die wenigste Empathie, besonders von anderen Männern (DOI: 10.1007/s11199-010-9919-7).

11. In einem weiteren Experiment beurteilen juristische Laien die strafrechtliche Relevanz von sexualisierter Gewalt und Zwang je nach Geschlecht der Täter unterschiedlich. Die Taten von Frauen gelten eher als entschuldbar und moralisch akzeptabel als die Taten von Männern (DOI: 10.1891/0886-6708.26.6.799).

12. Lässt man in Experimenten Testpersonen als Jury über das Strafmaß von fiktiven
männlichen und weiblichen Tätern bestimmen, zeigt sich, dass Männer für dieselben Taten schwerere Strafen erhalten als Frauen. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied, wenn das Opfer weiblich ist (DOI: 10.1111/j.1559-1816.1994.tb01552.x).

13. Quantitative Auswertungen von tatsächlichen Strafprozessen deuten in dieselbe Richtung. Weibliche Sexualstraftäter erhalten vor Gericht für vergleichbare Taten weniger drastische Strafen als Männer (DOI: 10.1007/s10940-019-09416-x).

14. Auch bei anderen Verbrechen bestätigt sich diese Tendenz: Eine große Auswertung von rund 77.000 Strafprozessen in den USA ergibt, dass Männer für vergleichbare Taten seltener Bewährungsstrafen erhalten als Frauen. Werden Gefängnisstrafen verhängt, sind sie für Männer tendenziell länger als für Frauen (DOI: 10.1086/320276).

Soweit eine Auswahl aus der Literatur. Viele weitere Studien mit ähnlichen Ergebnissen könnten ergänzt werden. Und selbst wenn man auf einzelne Ergebnisse nicht zu viel Gewicht legt und annimmt, dass einzelne Erkenntnisse in Kontrollstudien so nicht reproduzierbar wären, zeichnet selbst dieser oberflächliche Literaturüberblick ein deutlich differenzierteres Bild unserer Gesellschaft als eingangs beschrieben.

Es stimmt: Geschlechterspezifische Vorurteile sind allgegenwärtig. Aber in den oben genannten, durchaus zentralen gesellschaftlichen Fragen lässt sich eine systematische, allgegenwärtige Benachteiligung von Frauen nicht entdecken. Es wäre grundfalsch, daraus zu schließen, dass wir in einer insgesamt männerfeindlichen Gesellschaft leben. Ebenso falsch erscheint aber die Behauptung, dass wir in einer insgesamt frauenfeindlichen Welt zu Hause sind. Einfache Wahrheiten gehen, wie so häufig, am
Kern des Problems vorbei.

Der Autor schreibt unter dem Namen @titiatscriptor auf Twitter über
sozialwissenschaftliche Themen

Vorurteile gegen weibliche Wissenschaftler und Bewerbungen

Eine Studie versucht mittels inhaltsgleichen Bewerbungen, die einmal mit männlichen und einmal mit weiblichen Namen abgegeben werden, nachteilige Vorurteile gegen Frauen in der Wissenschaft nachzuweisen:

Despite efforts to recruit and retain more women, a stark gender disparity persists within academic science. Abundant research has demonstrated gender bias in many demographic groups, but has yet to experimentally investigate whether science faculty exhibit a bias against female students that could contribute to the gender disparity in academic science. In a randomized double-blind study (n = 127), science faculty from research-intensive universities rated the application materials of a student—who was randomly assigned either a male or female name—for a laboratory manager position. Faculty participants rated the male applicant as significantly more competent and hireable than the (identical) female applicant. These participants also selected a higher starting salary and offered more career mentoring to the male applicant. The gender of the faculty participants did not affect responses, such that female and male faculty were equally likely to exhibit bias against the female student. Mediation analyses indicated that the female student was less likely to be hired because she was viewed as less competent. We also assessed faculty participants’ preexisting subtle bias against women using a standard instrument and found that preexisting subtle bias against women played a moderating role, such that subtle bias against women was associated with less support for the female student, but was unrelated to reactions to the male student. These results suggest that interventions addressing faculty gender bias might advance the goal of increasing the participation of women in science.

Quelle: Science faculty’s subtle gender biases favor male students (Volltext, PDF)

In der Einleitung machen die Forscher deutlich, dass sie davon ausgehen, dass es keine besonderen biologischen Unterschiede gibt:

With evidence suggesting that biological sex differences in inherent aptitude for math and science are small or nonexistent (6 – 8), the efforts of many researchers and academic leaders to identify causes of the science gender disparity have focused in- stead on the life choices that may compete with women ’ s pursuit of the most demanding positions.

Eine der Fußnoten, auf die sie sich berufen, ist dann allerdings Halper et al 2007:

Sex differences in science and math achievement and ability are smaller for the mid-range of the abilities distribution than they are for those with the highest levels of achievement and ability. Males are more variable on most measures of quantitative and visuospatial ability, which necessarily results in more males at both high- and low-ability extremes; the reasons why males are often more variable remain elusive. Successful careers in math and science require many types of cognitive abilities. Females tend to excel in verbal abilities, with large differences between females and males found when assessments include writing samples. High-level achievement in science and math requires the ability to communicate effectively and comprehend abstract ideas, so the female advantage in writing should be helpful in all academic domains. Males outperform females on most measures of visuospatial abilities, which have been implicated as contributing to sex differences on standardized exams in mathematics and science.

Halper stellt also darauf ab, dass gerade in den höheren Anforderungsbereichen durchaus Unterschiede vorhanden sind und die Geschlechter hier zumindest verschiedene Wege nutzen, um erfolgreich zu sein.

Insofern wäre vielleicht bereits die Prämisse falsch, dass es keine Unterschiede gibt.

Aus der Diskussion der Studie:

Our results revealed that both male and female faculty judged a female student to be less competent and less worthy of being hired than an identical male student, and also offered her a smaller starting salary and less career mentoring. Although the differences in ratings may be perceived as modest, the effect sizes were all moderate to large (d = 0.60 – 0.75). Thus, the current results suggest that subtle gender bias is important to address because it could translate into large real-world dis- advantages in the judgment and treatment of female science students (39). Moreover, our mediation fi ndings shed light on the processes responsible for this bias, suggesting that the female student was less likely to be hired than the male student because she was perceived as less competent. Additionally, moderation results indicated that faculty participants ’ preexisting subtle bias  against women undermined their perceptions and treatment of the female (but not the male) student, further suggesting that chronic subtle biases may harm women within academic science.

Interessanterweise waren die Frauen dabei genau so negativ eingestellt, wie die Männer:

It is noteworthy that female faculty members were just as likely as their male colleagues to favor the male student. The fact that faculty members ’ bias was independent of their gender, scientific discipline, age, and tenure status suggests that it is likely un- intentional, generated from widespread cultural stereotypes rather than a conscious intention to harm women (17). Addi- tionally, the fact that faculty participants reported liking the female more than the male student further underscores the point that our results likely do not reflect faculty members ’ overt hostility toward women. Instead, despite expressing warmth to- ward emerging female scientists, faculty members of both gen- ders appear to be affected by enduring cultural stereotypes about women ’ s lack of science competence that translate into biases in student evaluation and mentoring.

Man hat sie also mehr gemocht, es war unabhängig von dem Geschlecht oder sonstigen Faktoren, es scheint auf einem unterbewußt angenommenen Stereotyp zu beruhen.

Leider wird nicht direkt untersucht, welches Stereotyp es genau ist. Das ist meiner Meinung nach der Knackpunkt der ganzen Sache. Hier bekommt auch wieder die Frage Bedeutung, ob es Geschlechtsunterschiede gibt:

Nimmt man an, dass es Geschlechtsunterschiede gibt, die sich sowohl auf Fähigkeiten als auch auf Interesse an einer wissenschaftlichen Karriere auswirken, dann ist die zusätzliche Angabe des Geschlechts keineswegs einfach nur eine neutrale Angabe, die man auch durch „Gruppe A“ und „Gruppe B“ ersetzen könnte.

Vielmehr wäre es so, dass man Leute für eine bestimmte Tätigkeit aussucht und dabei weiß, dass Gruppe A und Gruppe B verschiedene Häufungen aufweisen. Nehmen wir eine einfache negative Eigenschaft, sagen wir mal ein gewisser Erfahrungssatz würde besagen, dass in der Gruppe B ein überaus hoher Anteil an Alkoholikern ist, Gruppe A hingegen kaum Mitglieder hat, die trinken, sie sind eher als etwas unsoziale Stubenhocker  bekannt.

Nun stellen wir uns vor, dass wir zwei gleiche Bewerbungen vorgelegt werden, in denen jeweils steht, dass der Bewerber gerne mit Leuten abends weggeht.  Bei dem Vertreter der Gruppe B ist die Wahrscheinlichkeit, dass er zu den Trinkern gehört, gerade gestiegen, bei dem Vetreter der Gruppe A ist hingegen die Wahrscheinlichkeit gesunken, dass er ein unsozialer Stubenhocker ist.

In dem Fall ist also der gleiche Text ein Vorteil für A und ein Nachteil für B, einfach weil bestimmte Häufungen in der Gruppe bestehen, der sie angehören und andere Informationen zu den jeweiligen Eigenschaften nicht zur Verfügung stehen. Bei gleicher Qualifikation erscheint der Kandidat der Gruppe B der bessere Kandidat.

Welche Häufungen bestehen nun in den Gruppen „Mann“ und „Frau“?

Bei Gruppe Frau ist die Gefahr höher, dass sie später wegen Kindern aussetzen oder allgemein aus familienbezogenen Gründen kürzer tritt. Ebenso kommt es häufiger vor, dass Frauen in einen personenbezogeneren Job wechseln wollen. Alle Anzeichen, dass ihr der Job nicht gefällt sind bei ihr daher von größerer Bedeutung.

In dem beigefügten Empfehlungsschreiben heißt es dazu:

although Jennifer admittedly took a bit longer than some students to get serious abouther studies earlyin college,she has impressed me by improving over the last two years ofher science course work and has made every effort to make up for lost ground

Das kann man in Richtung einer fleissigen, aber nicht unbedingt begeisterten Forscherin ansehen und es kann eben bei Frauen negativere Implikationen wecken als bei Männern, was sie zu einem unsichereren Kandidaten macht, was dafür sorgt, dass man weniger in sie investieren will, was dafür sorgt, dass man ihr weniger anbietet und sie weniger unterstützen will.

Ein weiterer Punkt wäre evtl. die Nettigkeit. Die Frauen wurden als sympatischer wahrgenommen. Sie wurden aber als Leiterinnen gesucht. Wenn man jetzt will, dass sich ein solcher Leiter durchsetzen kann und seine Mitarbeiter im Griff hat, dann wäre zuviel Nettigkeit evtl. ein Problem. Vielleicht ist auch Durchsetzungsfähigkeit gerade in Verbindung mit dem Durchsetzen gegenüber anderen eine Eigenschaft, bei der man bei Frauen mißtrauischer ist. Erscheint diese dann nett und lieb, dann fehlt die Entkräftung dieser Angst. Hingegen mag man bei einem Mann befürchten, dass er zu dominant auftritt und sich daher über eine gewisse Nettigkeit freuen.

Ist das gerecht? Natürlich nicht. Ist es logisch? Wenn die Häufungen vorhanden sind schon.

Für mich spricht für solche Faktoren der Umstand, dass sich die „Vorurteile“ bei allen Fakultäten und auch gerade bei Männern und Frauen aus dem Fachbereich halten. Wenn es lediglich gesellschaftlich erlernte Vorurteile sind, dann würden zumindest die Frauen eigentlich ein gewisses Gefühl dafür haben müssen, dass diese nicht auf Frauen generell zutreffen. Geht es aber um Wahrscheinlichkeiten, die bestimmte Eigenschaften betreffen, dann ist es gut möglich, dass diese von allen ungefähr gleich wahrgenommen werden und als Faktoren in die Berechnung einfliessen.

„Na und?“ mag man dann sagen „Vorurteile sind Vorurteile, ihre Anwendung gegen den Einzelnen ist ungerecht und benachteiligt Frauen“. Sicher. Aber solange gewisse Häufungen bestehen, werden sie wahrgenommen. Und damit auch zur Grundlage einer Personalentscheidung gemacht. Man kann diese Grundlagen nicht verbieten, gerade dann nicht, wenn sie zutreffend sind (und Frauen zB tatsächlich die schlechtere „Inverstition“ sind, weil sie schneller wieder ausscheiden).

Es bleibt dann nur die Grundlagen so zu ändern, dass die Beobachtungen nicht mehr in dieser Richtung anfallen. Sie nur zu übertünchen hilft nicht. Den Frauen dürfte mehr gedient sein, wenn man ermittelt, welche genauen Faktoren negativ ausgelegt werden und ihnen Tipps zu geben, wie sie diesbezügliche Ängste oder Sorgen gegenüber ihrer Person entkräften können.

 

 

 

Stereotype threat und Frauen in der Mathematik

In einem Artikel bei Heise wird eine Studie von Gijsbert Stoet und David Geary besprochen, die sich mit Sterotype Threat anhand der Mathematikfähigkeiten von Mädchen beschäftigt.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Bedrohung durch Stereotype (engl. stereotype threat) ist die Angst von Mitgliedern einer sozialen Gruppe, ihr Verhalten könnte ein negatives Stereotyp gegen diese Gruppe bestätigen. Dadurch kann es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung kommen, wenn nämlich diese Angst das Verhalten im Sinne des Vorurteils beeinflusst. Insbesondere in Testsituationen kann sich die Angst leistungsmindernd auswirken. Bedrohung durch Stereotype kann zum Beispiel Angehörige ethnischer Minderheiten und Frauen treffen.

Kann man natürlich dann auch auf Männer anwenden, die Kinderbetreuung übernehmen sollen oder Kochen sollen oder was auch immer noch an Klischees in der Welt ist.

Aus dem Artikel:

Zwar erreichen Männer und Frauen in den meisten Bereichen der Mathematik vergleichbare Leistungen (Frauen können Mathe, Männer auch), allerdings bleibt die empirische Tatsache, dass sich mehr Männer als Frauen im Spitzenbereich der Mathematik befinden. Gerne wird dieser Unterschied mit der 1999 geprägten Theorie des „stereotype threat“ (Bedrohung durch ein Stereotyp) erklärt, also dass eben die Existenz des Vorurteils bei Frauen dazu führt, dass sie sich als mathematisch eher unbegabt einschätzen und deswegen auch schlechtere Ergebnisse erzielen. Belegt wurde die Hypothese durch Tests, bei denen Frauen und Männer vor der Lösung einer visuellen räumlichen Aufgabe daran erinnert wurden, dass sie Frauen und Männer sind. Während Männer daraufhin nicht schlechter abschnitten, war dies aber bei den Frauen so.

Nach den Psychologen David Geary von der University of Missouri und Gijsbert Stoet von der University of Leeds haben andere Studien die Ergebnisse, auf die sich die Theorie stützt, nur teilweise wiederholen können. Die Psychologen haben eine in der Zeitschrift Review of General Psychology vorab online veröffentlichte Metastudie durchgeführt und dabei herausgefunden, dass Studien, die angeblich nachgewiesen haben, dass Männer in Mathematik aufgrund des Geschlechtsvorurteils besser sind, methodische Fehler wie das Fehlen einer männlichen Kontrollgruppe aufweisen und/oder ungeeignete statistische Verfahren eingesetzt haben. Zudem werde in vielen Studien überhaupt kein wissenschaftlicher Beweis für das Stereotyp angeboten. Zwar könne das Stereotyp manche Frauen beeinflussen, konzedieren sie, der Unterschied in den mathematischen Hochleistungen könne damit aber wissenschaftlich nicht erklärt werden.

Für die Autoren hat die Theorie des „stereotype threat“ daher unbegründet so viel Erfolg bei Wissenschaftlern und Politikern gefunden, die glaubten, dass der Geschlechterunterschied verschwinden werde, wenn das Vorurteil bekämpft wird. „Selbst mit vielen Programmen, die eingerichtet wurden, um dieses Problem zu lösen“, so David Geary, „blieb es weiterhin bestehen. Wir glauben nun, dass das falsche Problem angegangen wird.“ Wenn man Versuchspersonen vor einem Test nahelegt, dass Angehörige einer Gruppe, zu der sie gehören, gewöhnlich bei einem solchem Test schlechter abschneiden, dann sei es nicht überraschend, dass sie dann auch tatsächlich schlechtere Ergebnisse produzieren. Das würde bei Männern genauso geschehen. Nach einer statistischen Überprüfung hätten sie jedenfalls bei den 20 untersuchten Studien keine signifikanten Wirkungen im Sinne der Theorie vom prägenden Vorurteil bemerken können.

Das ist auch im Zusammenhang mit dem gestrigen Vorwurf, dass Männerrechtler eher den Männern schaden würden interessant. Hier scheint der Glaube an die Diskriminierung durch Sprache und Kultur den Frauen zu schaden, indem das eigentliche Problem nicht bekämpft wird.

Stoet stellt das Ganze auch noch einmal in einem Videobeitrag dar:

Vgl auch:

Frauen meiden mathematikintensive Studiengänge nicht weil sie diskriminiert werden, sondern weil sie es wollen

Über Pele Billing habe ich dieses Video zur Situation von Frauen in matheintesiven Fächern gefunden:

Aus dem Abstract zu der dazugehörenden Studie (Volltext hier):

Despite impressive employment gains in many fields of science, women remain underrepresented in fields requiring intensive use of mathematics. Here we discuss three potential explanations for women’s underrepresentation: (a) male–female mathematical and spatial ability gaps, (b) sex discrimination, and (c) sex differences in career preferences and lifestyle choices. Synthesizing findings from psychology, endocrinology, sociology, economics, and education leads to the conclusion that, among a combination of interrelated factors, preferences and choices—both freely made and constrained—are the most significant cause of women’s underrepresentation.

Es ist also nicht die Diskriminierung, sondern ihre Vorlieben und ihre Auswahl, die zu der Unterrepräsentation von Frauen in mathematischen Fächern führen.

Zur Diskriminierung:

A National Academy of Science task force found that, among new PhDs applying for tenure-track jobs, women were slightly more likely to be invited to interview than men, and there were no sex differences in job offers or resources:

For the most part, men and women faculty in science, engineering, and mathematics have enjoyed comparable opportunities within the university. . . . Women fared well in the hiring process at Research I institutions, which contradicts some commonly held perceptions of research universities. If women applied for positions at RI institutions, they had a better chance of being interviewed and receiving offers than male job candidates had. (Committee on Gender Differences, 2010, p. 5)

Others have a found a similar lack of discrimination. Ginther and Kahn (2006) analyzed promotion and pay data, noting that historic asymmetries favoring males disappeared by the early 2000s, with current asymmetries resulting from nongender factors. Others have also found that after controlling for structural variables such as status of the university, discipline, and presence of young children before tenure—all of which penalize women disproportionately—there is no evidence of discriminatory treatment, because men in the same circumstances fare equivalently. Again, these variables certainly disadvantage women more than men, but they result from choices made by women, and when women make other choices they fare equivalently to men

Und noch einmal in der Zusammenfassung:

The primary factor in women’s underrepresentation is choices both freely made and constrained by biology and society. Women choose at a young age not to pursue math-intensive careers; few adolescent girls express desires to be engineers or physicists, preferring instead to be medical doctors, veterinarians, biologists, psychologists, and lawyers. Females make this choice despite earning higher math and science grades than males throughout schooling. Although women earn a large portion of baccalaureate degrees in all fields of science, including mathematics, disproportionately fewer enter graduate school in these fields, preferring biology, social sciences, law, medicine, and the humanities—even when they possess math ability comparable to males. Of those who enter graduate school in math-intensive fields, more women than men drop out or change fields, and of those who complete doctorates, fewer women apply for tenure-track positions. Women drop out of scientific careers—especially math and physical sciences—after entering them as assistant professors at higher rates than men, and this remains true as women advance through the ranks. Although the reasons for this attrition are not well understood, it appears to have less to do with discrimination or ability than with fertility decisions and lifestyle choices, both freely made and constrained. The tenure structure in academe demands that women having children make their greatest intellectual contributions contemporaneously with their greatest physical and emotional achievements, a feat not expected of men. When women opt out of full-time careers to have and rear children, this is a choice—constrained by biology—that men are not required to make.

In genderfeministisch würde man dazu wohl sagen, dass sie die Geschlechternormen so verinnerlicht haben, dass sie gar keine freie Entscheidung mehr treffen können. Wären sie aber frei, dann würden sie andere Entscheidungen treffen und Karriere machen.

Allerdings ist Rechtsanwältin ja auch nicht gerade ein Beruf, der dem Rollenbild entspricht und der scheint diesen Schwierigkeiten in der Wahl nicht ausgesetzt zu sein. Eher scheint mir das verbindende Element zu sein, dass die Berufe, die Frauen lieber wählen, entweder sozial anspruchsvoller als der Job eines Mathematikers sind (zumindest in der Vorstellung) und man in allen Bereichen wesentlich mehr Emotionen einsetzen kann, sei es als Ärztin  bei der Pflege der Patienten, bei der Tierärztin beim Versorgen von Tieren oder als Rechtsanwältin bei der Unterstützung von Mandaten. Biologen fallen dabei etwas raus, haben aber auch wesentlich mehr mit Leben zu tun als der Beruf des Mathematikers.

Die Rücksichtnahme auf das Kinderkriegen erscheint mir auch nicht als etwas, was Frauen unbedingt durch ein Patriarchat aufgezwängt worden sein muss. Es ist biologisch recht leicht begründbar, aber auch logisch durchaus keine schlechte Entscheidung. Ich sehe nicht, dass man daraus eine zwingende Fremdbestimmung der Frauen durch Geschlechternormen folgern kann.

Interessant insoweit eben auch das Fehlen von Diskriminierung. Da fällt ein weiteres Stück Zwang weg.

Diskriminierung von Frauen im wissenschaftlichen Bereich

Eine interessante Studie zur Diskriminierung von Frauen im wissenschaftlichen Bereich (abstract/full text) (via):

Explanations for women’s underrepresentation in math-intensive fields of science often focus on sex discrimination in grant and manuscript reviewing, interviewing, and hiring. Claims that women scientists suffer discrimination in these arenas rest on a set of studies undergirding policies and programs aimed at remediation. More recent and robust empiricism, however, fails to support assertions of discrimination in these domains. To better understand women’s underrepresentation in math-intensive fields and its causes, we reprise claims of discrimination and their evidentiary bases. Based on a review of the past 20 y of data, we suggest that some of these claims are no longer valid and, if uncritically accepted as current causes of women’s lack of progress, can delay or prevent understanding of contemporary determinants of women’s underrepresentation. We conclude that differential gendered outcomes in the real world result from differences in resources attributable to choices, whether free or constrained, and that such choices could be influenced and better informed through education if resources were so directed. Thus, the ongoing focus on sex discrimination in reviewing, interviewing, and hiring represents costly, misplaced effort: Society is engaged in the present in solving problems of the past, rather than in addressing meaningful limitations deterring women’s participation in science, technology, engineering, and mathematics careers today. Addressing today’s causes of underrepresentation requires focusing on education and policy changes that will make institutions responsive to differing biological realities of the sexes. Finally, we suggest potential avenues of intervention to increase gender fairness that accord with current, as opposed to historical, findings.

Ich vermute mal, dass die alten Studien dennoch unkritisch weiter publiziert werden.

Dass das daran festhalten sogar schädlich für Frauen sein kann spielt dabei eine geringere Rolle als die Aufrechterhaltung der Ideologie.