Wie können Männer mit ihren Privilegien umgehen?

Lightyear mag mich zwar nicht mehr, aber ich wollte dennoch noch einen Text von ihm besprechen, in dem es darum geht, wie Männer mit ihren Privilegien umgehen:

Wie können nun Männer* mit den Privilegien, von denen sie tagtäglich profitieren nun umgehen?

Das ist eine Frage, die wirklich konkret leider viel zu wenig beantwortet wird. Insofern finde ich es gut, dass Lightyear das Thema aufgreift

(Zur Erinnerung: männliche Privilegien haben mit struktureller / institutionalisierter Gewalt zu tun, was nicht als “kulturell-böswillige Erfindung” zu bewerten, sondern sozial, kulturell, historisch entstanden / gewachsen ist; vgl. Meuser/Scholz 2005: 224).

Was wäre denn, wenn männliche Privilegien eine als „kulturell-böswillige Erfindung“ zu bewerten wären? Dann könnte man sie wahrscheinlich leichter abschaffen, so muss man aber hart daran arbeiten, weil Privilegien eben tief in der Gesellschaft verwurzelt sind.

– Klassische Geschlechterrollenklischees reflektieren: Zunächst ist es eine wichtige Voraussetzung zu erkennen, dass Mann* und Frau* keine natürlichen Kategorien sind.

Dass sind sie zwar doch, aber nur unter der Prämisse, dass es nur Häufungen und dazwischen durchaus fließende Übergänge, und also nur verschiedene Mittelwerte bei einer Normalverteilung sind.

– Reflektiere in Gruppen Verhaltensmuster von Männern*.

Da wären wir hier ja schon mal gar nicht so schlecht dabei, Verhaltensmuster werden hier immer wieder reflektiert. Ich vermute aber eher, dass man da im wesentlichen herausfinden soll, wie schlecht Männer doch sind und wie ihre Verhaltensmuster die Strukturen etc schaffen, die Frauen unterdrücken. Also ein eifriges im Kreis sitzen und sich jeweils die Büßerpeitsche über den Rücken ziehen

– Reflektiere deine eigenen Verhaltensweisen inklusive der Auswirkungen dieser Verhaltensweisen auf Menschen in einer sozialen Situation.

Also wohl „wie verhalte ich mich und warum unterdrückt der männliche Anteil meiner Verhaltensweisen die Frauen, während der Teil, den ich schon „entprivilegisiert habe, Frauen fördert.

– Verzichte auf alle Formen der (sexualisierten) Gewalt und der Kontrolle über Menschen.

Der erste Teil ist relativ einfach. Sexuelle Gewalt wende ich nicht an (bzw nur konsensual). Kontrolle über Menschen? Das ist natürlich ein großes Wort. Gerade wenn es wie im Feminismus sehr einseitig gebraucht wird, denn dort nehmen sich eben die Frauen bzw. die Feministinnen die Deutungshoheit heraus, was sie stört und was abzustellen ist und üben damit natürlich eine starke Form der Kontrolle aus. Das ist aber wahrscheinlich gute, weil weibliche Kontrolle.

– Beobachte dich selbst: verhältst du dich dominant? Andere darauf hinweisen, dass sie sich evt. dominant verhalten.

Gut, dass sich Feministinnen nie dominant verhalten, beispielsweise indem sie erklären, dass ihre Meinung die einzig richtige sei und man sie zu akzeptieren habe. Aber das sind ja auch Frauen. Als Mann soll man also nicht dominant sein, weil das böse ist. Ich halte auch nichts davon Menschen zu dominieren, aber das Problem ist halt, dass Frauen eine gewisse Form von Dominanz, gerade spielerische, enorm geil finden. Auch schön: Andere darauf hinweisen, dass sie evtl dominant verhalten. Ich hatte das gleich mal bei Lightyear selbst gemacht als er recht aggressiv vertrat, dass meine Meinung falsch war. Hat er leider nicht positiv aufgenommen. Muss toll sein in so einer feministischen Männergruppe: Alle arbeiten an der besseren Welt und versuchen das möglichst vorsichtig zu formulieren. Kekse gibt es aber nicht und als richtig und wichtig vortragen darf man es dann in weiblicher Gesellschaft auch nicht, denn damit transportiert man ja wieder Rollenbilder und nimmt Frauen Raum. Irgendwie kann das eigentlich nur in einer gewissen Unterwürfigkeit enden, eben in Gewissheit der eigenen Erbschuld für die Sünden der Männer.

– Männlichkeiten einfach abzuschaffen ergibt keinen Sinn, es ist ja in den Köpfen verwurzelt

Wäre es aber nicht verwurzelt wäre es anscheinend eine gute Lösung. Aber sonst hat der Feminismus nichts gegen Männer, sie sollen sich eben nur nicht Verhalten wie welche. Und Männer verhalten sich eben wie Schweine, so dass man ihr Verhalten eigentlich abschaffen sollte, dass geht aber leider nicht. Nein, wir haben wirklich nichts gegen Männer – solange sie sich die Büßerpeitsche über den Rücken ziehen und sich schlecht fühlen zumindest nicht.

Was schwer abzustellen ist, sind männliche Verhaltensweisen. Das ist das, was mann als männliches Privileg unbewusst kennen gelernt hat: Daher sollte eher auf klassische männliche Symboliken verzichtet werden, oder diese zumindest reflektieren (Schusswaffen als „ästhetisches Symbol“, Autos als Statussymbol, Mimik, Gestik, breitbeinig sitzen (zB. in Öffis, auch Frauen* ernst nehmen). Klarerweise hilft es nicht, die Symbolik zu ändern, wenn die Verhaltensweise dieselbe bleibt.

Auch geil: Bitte kein Signalling mehr mit klassisch männlichen Statussymbolen. Keine tollen Autos, keine Schußwaffen, kein breitbeiniges Sitzen bitte auch keine „männliche Mimik“ (hat da jemand mal ein Bild zu? Ist das so etwas in der Art?

männliche mimik 1

männliche Mimik 1

Oder eher so etwas:

maennliche mimik 2

maennliche Mimik 2

Und wie unterscheidet es sich von dieser sicherlich nicht zu beanstandenden Mimik:

eine sicherlich hinreichend reflektierte Mimik

eine sicherlich hinreichend reflektierte Mimik

Und auch dieses von Feministinnen genehmigte Beispiel kann vielleicht helfen:

Feminist Male Ryan Gosling

Feminist Male Ryan Gosling

Gut, dass Frauen männliche Männer einfach Mist finden. Wenn die männliche Mimik abgeschafft ist, dann wird die Welt ein besserer Ort. Und wenn alle Männer Kleinwagen fahren, dann ist die Welt gerettet.

– Strategien: Pluralität! Viele Formen! Aber nicht die eine bessere Form von Männlichkeit.

Wie wäre es, wenn man einfach so ist, wie man sein möchte? Die abwägige Auffassung, dass man deswegen Frauen nicht gleichberechtigt behandeln kann, und das so Privilegien verwirklicht werden, erscheint mir wenig plausibel. Warum sollte man zwangsläufig alles bunt durchmischen, wenn man das gar nicht will?

– Daher ist es notwendig, vielfältige Identitäten denkmöglich und schließlich lebbar zu machen

Ich verstehe das so, dass man sie nicht generell in der Gesellschaft lebbar machen soll, sondern für sich. Also die Anforderung an den Einzelnen mit vielen Identitäten in seine Persona einzubeziehen. Das erste wäre die eine Sache: Natürlich soll jeder leben können, wie er will, solange er andere nicht ebenfalls in der Ausübung ihrer Persönlichkeit behindert. Da es nahezu alle Ausprägungen von Zwischenstufen zwischen den Geschlechtern auch nach den biologischen Theorien gibt, ist es klar, dass man diese trotz aller Häufungen nicht unterdrücken sollte. Gleichzeitig sehe ich aber wenig Sinn darin, mein Leben so auszurichten, dass nun auch 0,018% der Bevölkerung berücksichtigt werden. Sollte ich das mit allen möglichen Konstellationen machen, in denen die Bevölkerung 0,018% Anteile haben könnte, dann wäre eine Regelung schlicht nicht möglich. Bezüglich der zweiten Variante: Nein, ich muss nicht eine besonders weibliche Seite üben, damit sie mir denknotwendig erscheint und damit ich sie leben kann. Wenn es mir eine interessante Erfahrung erscheint, dann kann ich das natürlich ausprobieren. Aber männlich sein schränkt Frauen nicht ein. An dieser Fehlannahme krankt das ganze Konzept.

Die Fortsetzung finde ich besonders gut:

sowie „Sexualität ihrer vermeintlichen Natürlichkeit zu berauben und sie als ganz und gar von Machtverhältnissen durchsetztes, kulturelles Produkt sichtbar zu machen“ (Jagose 2001: 11).

Sexualität ihrer vermeintlichen Natürlichkeit zu berauben und sie als kulturelles Produkt sichtbar machen, dass ganz von Machtverhältnissen durchsetzt ist. Das klingt nach Spass im Schlafzimmer. Die Fussnote scheint mir auf Einführungsliteratur zur Queer Theory zu verweisen. Eine Zusammenfassung findet sich wohl hier. Anscheinend ist es zum Teil eine recht lange Darlegung, dass man den naturalistischen Fehlschluss nicht richtig verstanden hat, denn „natürlich“ heißt eben nicht „Moralisch richtig“ und insofern ist es auch unwichtig Sexualität ihrer Natürlichkeit zu berauben. Für jemanden, der heterosexuell ist, ist es eben verständlich, dass er den Wunsch hat, Sex mit dem anderen Geschlecht zu haben, für jemanden, der homosexuell ist, ist es verständlich, Sex mit dem gleichen Geschlecht zu haben etc. Eine moralische Wertung ergibt sich daraus nicht. Und über Machtverhältnisse nachzudenken, nur weil man seinen Penis in eine Vagina steckt bringt einen auch nicht weiter. Eher im Gegenteil, was den eigentlichen Akt betrifft (abgesehen davon, dass bestimmte Machtverhältnisse bestimmte Leute anregen). Der ganze Mist, dass mit Sex per se Macht ausgedrückt wird, mag für Mitbegründer der Queertheory und Männerfeinde wie Adrienne Rich interessant gewesen sein, aber so lange beide Spass daran haben und es machen wollen muss es rein gar nichts mit Machtverhältnissen zu tun haben.

Das Sex immer im Kontext von Macht zu sehen ist, ist glaube ich einer der größten Trugschlüsse des Feminismus.

Wichtig ist es außerdem, den Stellenwert von Sexualität in (Liebes)Beziehungen zu hinterfragen sowie zu überlegen, weshalb körperliche Nähe als Sexualität definiert wird. (Oftmals wird allein Penetration als „Sex“ definiert. Damit wird Sex als heterosexuelle, männliche Norm gesetzt, welche abzulehnen ist und kritisiert werden muss).

Gott, was für eine Sexualitätsfeindlichkeit. Sex zu wollen ist eben auch schon irgendwie Patriarchat und der Mann sollte sich gefälligst schämen, dass er da schon wieder Macht ausüben möchte. Ein viel einfacherer Grundsatz: Wenn dir Sex in einer Beziehung wichtig ist und du meinst, dass du davon zu wenig hast, dann such dir eine andere Beziehung, in der beide besser zusammen passen. Wenn du in deiner Beziehung Körperlichkeit willst, dann kannst du eben keine mit einem führen, der das nicht will. Das gilt ebenso andersherum. Und natürlich hat Sex viel mit Penetration zu tun, jedenfalls wenn zumindestens einer der beiden etwas hat, mit dem man penetrieren kann. Sei es beim Blowjob, beim vaginalen Sex oder beim Analsex. Wenn zwei Frauen Sex haben, dann kann es ihnen auch vollkommen egal sein, wenn ein Heterosexueller oder ein schwuler Mann beim Sex gerne penetriert. Dadurch ändert sich für die homosexuelle Frau nicht und wenn sie ihrerseits gerne einen Dildo, ihre Finger oder was auch immer nimmt oder will, dass das der Partner macht, dann sei ihr dabei entstehende sexuelle Lust ebenso gegönnt als wenn sie andere Praktiken verwendet. Was soll eigentlich dieses „ich kann nicht penetrieren also darf allen anderen das auch nicht wichtig sein!“?

Mit „queer“ sollen Identitäten verhandelt und politisiert werden und eine Auseinandersetzung mit Identitäten und den Grenzen von „Identitäts- und Reformpolitik“ stattfinden (vgl. Holzleithner 2001; Jagose 2001: 167).

Es ist eben ein Fall von „das Private ist politisch“. Was man selbst will ist unwichtig, wenn es nicht in das große Ganze passt und das wiederum muss sich auch noch nach extremen Sonderfällen ausrichten. Das eine Welt auch gut sein kann, in der Minderheiten einfach Minderheiten sind ohne das deswegen alle anderen ihr Verhalten ändern müssen kommt da nicht vor. Alles ist Diskriminierung, sogar, wenn man seinen Penis gerne in seine dies auch wollende Freundin steckt. Weil man damit Macht ausübt. Krank irgendwie.

– „Eine queere Forderung lautet deshalb, dass es nicht darum gehen kann, Politik auf einer Identität aufzubauen, die das Ergebnis von Herrschaft ist. Vielmehr ginge es darum, diejenigen gesellschaftlichen Praktiken und Kontexte, die diese Zuschreibung von ‚Identität‘ begünstigen, aufzuzeigen und anzugreifen“ (Jagose 2001: 167-168). Weiters ist es wichtig festzuhalten, dass queer an keine „bestimmte Identitätskategorie gebunden ist“ (Jagose 2001: 14). Der Begriff stellt auch keine neue Identität dar, sondern möchte vielmehr Kritik an Identitäten üben, um aufzudecken, wie Begriffe konstruiert sind (vgl. Villa 2007: 178).

Es muss den typischen männlichen Feministen stark frustrieren, wenn er sich in Geschlechtslosigkeit übt und er dann doch nur ein Dudebro ist. Denn gleichzeitig weiß er ja, dass er seine Privilegien nie ablegen kann. Er bleibt Mann und muss sich immer noch irgendwie selbst hassen. Er kann aber immerhin etwas Vergebung erhoffen, wenn er seine Identität aufgibt und bloß kein Mann ist. Gleichzeitig sollte er aber wohl nie von einer Frau verlangen, keine Frau zu sein. Das wäre gewiss Sexismus. Um Herrschaftsfrei zu sein muss er sich ganz der Herrschaft der Frau unterwerfen. Denn Frauen haben ja nie Macht und ihre Identität kann daher nie das Ergebnis von Herrschaft sein. Eigentlich erstaunlich, dass man dann im Kontext „Rasse“ so vehement darauf besteht, dass man sich aus einer anderen Kultur nichts aneignen darf, weil das denen etwas wegnimmt.

Lightyear schließt mit weiteren Fragen:

Weitere Fragen, welche für die Reflexion von Privilegien hilfreich sein können
• Wer macht die reproduktive Arbeit (Raum fegen, Abwasch, Essen vorbereiten, emotionale Beziehungsarbeit, Kindererziehung)?
• Wie ist unser Redeverhalten?
• Wie ist zahlenmäßig das Verhältnis Frauen* – Männer* in Gruppen?
• Warum nehmen Frauen* weniger am öffentlichen Leben teil?
• Haben wir gewaltfreie, liebevolle Beziehungen und Umgangsformen?
• Welche Rolle spielen Liebe und Beziehungen, gehen wir in der Sexualität achtsam miteinander um?
• Wie sind die ökonomischen Verhältnisse, wie gleichen wir diese aus?
• Wer organisiert / plant Kinderbetreuung, wer führt diese schließlich durch?
• Ist unsere Utopie und Praxis offen für vielfältigste Lebensentwürfe (kulturell, sexuell, religiös, spirituell, körperlich)?

Es gibt viel zu tun, wenn man seine Privilegien über Bord wirft. Und alles ist der Ideologie unterworfen, von der Aufteilung der Arbeit über das Redeverhalten, der Zusammensetzung des Freundeskreises oder der Zusammensetzung bei anderen Aktivitäten. Unter dieser Basis stelle ich mit ein liebevolles Zusammenleben eher schwieriger vor, gerade wenn auch Sex irgendwie in Richtung Unterdrückung geht. Hier stellt sich natürlich auch die Frage: Wie tief muss man es hinterfragen und reflektieren, wenn man aus ganz freien Willen und ohne irgendwelche Machtverhältnisse gerne „traditionell“ lebt, also sie die Kinderbetreuung etwas mehr übernimmt und er mehr verdient? Muss man beständig anführen, dass man das alles hinterfragt hat, damit andere nicht denken, man stärke hier doch die Geschlechterrollen?

 

Homosexualität und Queertheorie – Wie als Mann auf Männer stehen sexistisch sein kann

Auf dem Blog „kleiner Drei“ gab es einen Artikel zur Homosexualität aus Sicht der Queertherie:

Ich bin also schwul. Aber ich weiß gar nicht, ob das stimmt und was das überhaupt heißen soll. Nachdem ich Judith Butlers »Gender Trouble« gelesen hatte, dachte ich mir: Na, irgendwie auch doof von sich zu sagen, man sei irgendwas, ob jetzt nun asexuell, lesbisch, bi, trans, inter, queer, schwul oder heterosexuell. Es gibt so viele Sexualitäten wie es Individuen gibt – so! Ich finde es manchmal deswegen sogar problematisch zu sagen, dass ich schwul sei. Ich war mit Menschen zusammen, die ich mochte und ich hatte Sex mit ihnen, weil ich auf sie stand und zufällig waren diese Menschen männlich. Wie könnte ich also jemals ausschließen, dass ich nicht irgendwann auf eine Frau stoße, die ich anziehend finde? Ich kann das doch aus meiner gegenwärtigen Position nur für unwahrscheinlich halten, ganz ausschließen kann ich das jedoch nicht. So wie kein heterosexueller Mann es ausschließen kann, jemals irgendetwas mit einem Mann zu haben (Stichwort: MSM), kann kein Schwuler ausschließen, etwas mit einer Frau zu haben. Wir sind schließlich keine Hellseher. Andererseits wird einem diese Gleichung erst bewusst, wenn man Interesse (und sei es sexuelles Interesse) an den Menschen bindet und nicht an sein Geschlecht dahinter – denn das ist sexistisch.

Diesen Gedanken, dass man nur rein zufällig als Mann bisher nur mit  Männern geschlafen hat, weil ja alles ganz variabel ist und nicht biologisch festgelegt, habe ich von Queertheoretikern schon häufiger gelesen. Es ist eigentlich eine konsequente Weiterentwicklung des dortigen Gedankens, dass eben alles variabel ist und man wird kaum Hetereosexuellen vorhalten können, dass sie nur ganz zufällig auf das andere Geschlecht stehen. Und natürlich gibt es auch Bisexualität und man kann einiges ausprobieren. Aber es ist eben kein Zufall ob man auf das eigene oder das andere Geschlecht steht.

Zu Biologie, Homosexualität und auch Queertheorie hatte ich ja hier schon einiges:

Interessant finde ich dennoch die Einstellung, dass überzeugtes Homosexuell sein nach dieser Vorstellung gleich sexistisch ist. Da würde mich zB Lantzschis Meinung zu interessieren. Es macht innerhalb dieser Theorie auch das Anflirten einer lesbischen Frau als Mann eigentlich zu etwas normalem, warum sollte sie einen nicht als Mensch sehen und was von einem wollen? Es wäre also insofern nicht heteronormativ, sondern sie wäre sexistisch, wenn sie sich darüber aufregt, weil sie eben davon ausgeht, dass ihre Sexualität fixiert wäre.

Queer Theorie und Homosexualität

Auf Gaywest findet sich ein sehr interessanter Text von Adrian:

Es ist natürlich verständlich und verführerisch, als Minderheit eine Welt zu postulieren, in der es eigentlich keine Minderheiten und Unterschiede gibt, keine Normen, keine Kategorien. Verführerisch auch die Theorie, eigentlich seien alle Menschen gewissermaßen pansexuell und würden nur durch soziale und gesellschaftliche Konstruktionen in bestimmte, zumeist heterosexuelle Richtungen, gezwungen. Denn wenn dem so sei, ist man als Homo eigentlich keine Minderheit mehr, sondern nur eine Mehrheit in spe.

Aber was spricht eigentlich für diese Annahme? Und ist nicht der schwul-lesbische Mensch, der sich im schmerzhaften Prozess der gesellschaftlichen Anerkennung seiner Sexualität bewusst wird, das ultimative Gegenargument? Fühlen wir denn “pansexuell”? Stehen wir auf alles und jeden? Welche gesellschaftlichen Einflüsse führen uns denn zur Homosexualität? Warum sind gerade wir so “revolutionär” der allgegenwärtigen Heteronormativität zu entkommen?

Der Text stellt dann weiter dar, dass gerade Homosexuelle eben nicht frei wählen, sondern auf Männer stehen, so wie heterosexuelle Männer eben auf Frauen stehen und ebenfalls nicht wählen können.

Der Text fasst meiner Meinung nach einen anziehenden Aspekt der Queer Theorie gut zusammen. Es erlaubt die Konstruktion von Unterdrückung und Machtgruppen, indem Minderheiten nur durch eine Abwertung ihrer sexuellen Einstellung begründet werden und damit genau so Mehrheiten sein könnten.

Gleichzeitig legt der Artikel den Finger in die Wunde: Die meisten Homosexuellen sind eben auch in ihrer Orientierung festgelegt. Lesenswert

Geschlechterunterschiede und Homosexualität: Soziologische vs. biologische Erklärungen

Stephen Anderson schreibt in seinem Artikel „The Sociology of Human Sexuality: A Darwinian Alternative to Social Constructionism and Postmodernism“ interessantes zur Homosexualität.

Erst einmal der Abstract:

Social constructionism and postmodernism have been the most prominent approaches to the sociological study of human sexuality in the last two decades. Although sexual behavior is undoubtedly socially influenced, since it varies in a number of ways from one society and one historical time period to another, there is such a regularity and consistently in some patterns of sexual behavior across space and time that it must be strongly rooted in our biological nature. Social constructionism greatly exaggerates the flexibility of human sexuality and suffers from an enormous underappreciation of the real facts of actual sexual behavior in human social life. Social constructionism’s postmodernist version is also ideologically rather than scientifically driven and sees the search for truth as a political rather than an empirical process. This paper suggests the need to reorient the sociological study of sexuality and proposes Darwinian sexual selection theory as the best theoretical alternative to for doing so. It outlines a Darwinian perspective on sexuality and applies it to several dimensions of heterosexuality and to the two major forms of homosexuality in the world’s societies.

Zu den verschiedenen Ansichten dort:

 Zum Poststrukturalismus nach Foucault:

Social constructionist and postmodernist thinking about sexual behavior is rooted in the ideas of the renowned French philosopher Michel Foucault (1978). Foucault saw societies as constructing “sexual regimes” – entire complexes of sexual attitudes, values, and practices – that were infused with politics. He urged us to deconstruct these regimes so that we could see them for what they are. Some of the most prominent recent social constructionist/postmodern theorists of human sexuality are Steven Seidman (1994a, 1994b, 1996), Jeffrey Weeks (1986), and Adrienne Rich (1980).1 These thinkers are opposed to “essentialism,” or the notion that sexuality is part of our biological nature and that there are certain universal types of it. Seidman tells us that sex is social and that this inevitably makes it political.

Und die Queer Theorie, zusammengefasst in den 4 Hauptprinzipien:

1. A conceptualization of sexuality which sees sexual power as being embodied in different levels of social life, expressed discursively and enforced through boundaries and binary divides.

2. The problematization of sexual and gender categories, and of identities in general, which are always on uncertain ground.

3. A rejection of civil rights strategies in favor of a politics of carnival, transgression, and parody; these lead to deconstruction, decentering, and revisionist readings.

4. A willingness to interrogate areas which normally would not be seen as the province of sexuality, and to conduct queer interpretations of apparently heterosexual or nonsexual texts.

Und weiter dazu:

Queer theorists see sexuality everywhere and everything as sexualized. Like the social constructionists and postmodernists in general, they are overtly political, but even more aggressively so. For them, sexual oppression based on sexual difference is omnipresent (Heasley and Crane, 2003). As Stein and Plummer (1994:182) remark, “Queer theorists turn their deconstructive zeal against heterosexuality with a particular vengeance.” Queer theory seeks to make homosexuality normal and redefine heterosexuality as deviant. Paraphrasing Marx, they see heterosexuality as containing the seeds of its own destruction

Und zur Poltik in dieser Ansicht:

The other problem with social constructionism/postmodernism is its aggressively political nature. It is clear not only that these thinkers have a political agenda – after all, they are extremely explicit in that regard – but that it is this agenda, rather than the search for truth, that is driving their whole approach. This agenda is so aggressive that it has led to absurd conclusions – sex is not about sex but about power, everything is sexualized, homosexuality should be the social norm, and so on. In his well-known work Conflict Sociology, Randall Collins (1975) makes note early in the book of three forces that have worked against the development of sociological theory and scientific sociology. One of these is politics. I do not buy the line that there is no such thing as objectivity and that social scientists cannot at least strive for value neutrality. Our understanding of human sexuality needs to be driven by the search for truth, not the desire to be sexually transgressive. In sociology, politics corrupts, and absolute politics corrupts absolutely. Therefore, let us turn to a perspective on human sexuality that is driven by this search for truth rather than by a new form of sexual domination.

Und dann die klassischen Argumente für die biologische Position:

One major problem is that, with one or two possible exceptions (Harris, 1981; Herdt, 1984), heterosexuality is overwhelmingly the most common form of sexual activity in all known societies. This would seem to suggest that sexual orientation is rooted in our biological nature. Weeks (explicitly) and Rich (implicitly) argue, as we have seen, that heterosexuality is the most common form of human sexuality simply because of the political domination of heterosexuals over homosexuals. But this is an unusually extreme form of special pleading. It is also an argument that not only flies enormously in the face of the facts, but is completely illogical. Are we expected to believe that precisely the same kind of social construction occurs in all known societies, most of which are separated by enormous distances of space and time? Rich’s response to this implicit question is that such social constructions are rooted in male domination and men’s desires to use women for their own sexual pleasures; but this implies that most men themselves are already heterosexuals, and thus begs the very question Rich is attempting to answer. Even more problematic is the whole question of male and female anatomy. From the perspective of Darwinian evolutionary biology, anatomical structures arise because they are adaptive. Males have penises, women vaginas, and the one seems to fit into the other in a very smooth way. These structures must have evolved together, and as a result the brain must have evolved to give men and women the necessary drives to want to put them together. And imagine a species with complete indifference as to how it should behave sexually. It would quickly be driven to extinction by other species that would outreproduce it. It is thus impossible to imagine a species that is biologically indifferent to its sexual orientation because such a species could not exist more than a very short time.

 Und ein weiteres klassisches Gegenargumente:

Tooby and Cosmides (1989:37) summarize the enormous importance of all of these empirical findings for a Darwinian understanding of human sexual behavior:

Culture theory as it stands predicts the null hypothesis: that differences between cultures are random with respect to evolutionary hypotheses and therefore that, for example, sex differences should occur as frequently in one direction as the other. The assertion that “culture” explains human variation will be taken seriously when there are reports of women war parties raiding villages to capture men as husbands, or of parents cloistering their sons but not their daughters to protect their sons’ “virtue,” or when cultural distributions for preferences concerning physical attractiveness, earning power, relative age, and so on, show as many cultures with bias in one direction as in the other.

In der Tat müsste bei einer rein kulturellen Begründung wesentlich mehr Abweichung existieren. Und diese müsste dann wieder auch zu einer deutlicheren biologischen Differenzierung folgen, weil aus den verschiedenen Kulturen dann ja auch ein ganz verschiedenes „Zuchtprogramm“ folgen würde.

Zur Homosexualtität dann das Folgende:

It is currently estimated that about 2-4 percent of the populations of Western industrial societies are preferentially homosexual, a figure that may hold for many other societies as well. A great deal of research has been done on the biological roots of homosexuality. In an early article, Lee Ellis and Ashley Ames (1987) reviewed much of this research and concluded that homosexuality develops when, during a critical period of fetal development, the brain receives an excess of the hormone(s) of the opposite sex. Male homosexuals thus have fetally “feminized” brains, whereas lesbians have fetally “masculinized” brains. On the basis of their theory, Ellis and Ames predicted that

(1) homosexuality should be primarily a male phenomenon because all mammals are fundamentally female, and it is only by inserting the Y chromosome into the mammalian genome that masculinity develops; this leads to more sexual inversions in genetic males than in genetic females;

(2) male homosexuals are more likely to be “effeminate” and to have “feminine” interests than male heterosexuals, and lesbians are more likely to have “masculine” characteristics and interests than female heterosexuals;

(3) homosexuality should be highly heritable; and

(4) attempts to alter sexual orientation after birth should be minimally effective or ineffective.

All four of these predictions are strongly supported by empirical evidence.

Und dann noch ein Überblick über die weltweite Lage, der die These ebenfalls eher stützt:

1. Homosexuality is universal.

2. The percentage of homosexuals in all cultures is approximately the same (about 5%) and remains stable over time.

3. The emergence of homosexuality is not affected by social norms regarding it. Homosexuality is just as likely to appear in societies that are homophobic as in those that are much more tolerant of homosexuality.

4. Given a large enough population, homosexual subcultures will be found in all societies.

5. There are striking resemblances in behavioral interests and occupational choices between homosexuals in different societies.

6. In all societies homosexuals run the gamut from highly feminine to highly masculine.

Und zu den genetischen Grundlagen:

Research establishes that preferential homosexuality has a clear genetic component (studies reviewed in LeVay, 1996). A study by Bailey and Pillard of male identical twins found that when one twin was gay, 52 percent of the time the other twin was also gay. The number was only 22 percent for fraternal twins. A study by Fred Whitam obtained corresponding numbers of 65 percent and 29 percent, and research by Bailey and colleages of female twins obtained numbers of 48 percent and 16 percent. Dean Hamer (Hamer and Copeland, 1994) has tried to identify a “gay gene.” He and his research team have found a region of the X chromosome known as Xq28 that they believe holds such a gene. This gene is passed only through women. (In order to understand the genetic foundations of behavior we have to realize the complexity and subtlety of genetics. Consider the observation that, in identical twins, if one twin is left-handed then the other twin has only a 12 percent chance of being left-handed. In gays, if one twin is gay then the other has about a 50 percent chance of being gay. But this does not mean that 12 percent of handedness is genetic, 88 percent being due to something environmental, or that 50 percent of homosexuality is genetic, the other 50 percent environmental. Handedness undoubtedly is entirely genetic, and sexual orientation may be as well. People may have the same gene, but the gene for some reason expresses itself in one person but not in the other.) Actually, there is probably a whole set of gay genes, each of which regulates one aspect of neurological development. This is probably what explains some important differences among gays, e.g., that some gay men are effeminate but others are not.

Zu den verschiedenen Möglichkeiten, nach denen Homosexualität entstehen kann, hatte ich auch hier schon mal was geschrieben.

 

Männliche und weibliche Hormone

 Heinz-Jügen Voss hat auf meine Besprechung seines Buches „Making Sex revisited“  immerhin mit einem Kommentar in dem Artikel dazu, dass er zu der Besprechung keine Stellung nimmt , reagiert.

Dabei verweist er auf einen Artikel in seinem Blog , in dem es darum geht, dass die Hormone im Körper in einander umgewandelt werden können und zudem einige der „männlichen“ Hormone im weiblichen Körper an entscheidender Stelle wirken und einige „weibliche“ Hormone im männlichen Körper wirken. Genau dieses Argument führt auch Fausto-Sterling in ihrem Buch „Sexing the Body“ aus, was eigentlich damit allerdings bewiesen, belegt oder behauptet sein soll und was daran besonderes sein soll erschließt sich mir nicht.

Der Ansatz scheint mir eine Mischung aus mehreren typischen Gedanken aus den Gender Studies zu sein:

1. Umwandlungen und Ähnlichkeiten

Dass eine Umwandlungsmöglichkeit vorhanden ist ist richtig und auch die von Heinz-Jürgen Voss verwendeten Darstellungen sind so weithin akzeptiert und seit langem bekannt. Das angedichtete Element, welches meiner Meinung nach in den Darstellungen von Heinz-Jürgen Voss und Frau Fausto-Sterling hinzukommt, ist allerdings, dass dies kein kontrollierter Vorgang ist und eine Beliebigkeit aufweist, die die geschlechtliche Wirkung der Hormone aufhebt.

Es ist bei evolutionären Vorgängen erst einmal eher zu erwarten als verwunderlich, dass bestimmte Stoffe lediglich Abwandlungen von einander sind. Denn Evolution ist eine Veränderung in kleinen Schritten, die alle aufeinander aufbauen. Es handelt sich bei Körpern eben gerade nicht um Systeme, die einen Designer, einen Erschaffer haben, der neue Elemente auf dem Zeichenbrett kreiieren kann, sondern das Schaffen eines neuen Systems erfordert ein Aufbauen auf dem alten. Aber das bedeutet nicht, dass diese neue Abweichung von einem bisherigen Produkt nicht eine vollkommen neue Bedeutung erhalten kann, die in scharfer Abgrenzung zum vorherigen Produkt steht.

Das der Hormonhaushalt funktioniert und es schafft bestimmte Hormonkonzentrationen zu halten ist medizinisch meiner Meinung nach nicht zu bestreiten. Jede Frau, die einen regelmäßigen Zyklus, ja überhaupt einen Zyklus hat, sollte eigentlich Beleg genug sein. Eine spontane Umwandlung bestimmter „weiblicher Hormone“ in „männliche Hormone“ würde diesen Zyklus erheblich durcheinander bringen. Das gilt auf männlicher Seite ebenso: Bei einer „Spontanumwandlung“ des Testosterons in Östrogene würde der männliche Körper vollkommen durcheinander geraten.

Ein Mann, der plötzlich den Östrogengehalt einer Frau hätte wäre unfruchtbar. Eine Frau, die plötzlich den Testosterongehalt eines Mannes hätte ebenso.  Ich hatte dazu schon einmal was in dem Artikel „Unterschiedliche Hormonausschüttung der Geschlechter und gesellschaftliche Einflüsse“ geschrieben.

Auch die übrigen Ähnlichkeiten im Anfangsstadium der Genitalentwicklung ändern daran nichts. Denn wiederum ist darauf zu verweisen, dass Ähnlichkeiten innerhalb der anfänglichen Entwicklung zu erwarten sind, wenn Geschlechter durch Evolution entstanden sind. Nach der Fausto-Sterlingschen und Voss´schen Logik müßte man sagen:

„Ah, ein Affenembryo und ein Menschenembryo sind am Anfang nicht zu unterscheiden, die Anfänge der Ausbildung sind gleich, also (vorsicht, logischer Schluß) sind Affe und Mensch austauschbar und die Unterscheidung sinnlos, alles ist ein „Affen-Mensch-Gemenge“ welches nicht zu differenzieren ist. Der Affe wird erst durch die Bezeichnung zum Affen, der Mensch erst durch die Bezeichnung zum Mensch, die Unterscheidung ist gesellschaftlich gemacht, biologisch sind sie nicht zu unterscheiden.“

Affe und Mensch sind aber, wenn auch in vielen Punkten gleich, sehr verschieden.

Die biologischen Theorien berücksichtigen die Ähnlichkeiten in der Entwicklung und die Umwandlungsmöglichkeit natürlich auch bereits. Ich habe beispielsweise in meinem Artikel „Biologische Gründe für Homosexualität“ darauf verwiesen, dass an der Blut-Hirn-Schranke Testosteron in Östrogen umgewandelt wird und ein Fehler hierbei ebenfalls Homosexualität bewirken könnte. Zudem ist ein Fehler bei der Umwandlung auch eine mögliche Ursache für Frau->Mann-Transsexualität. Bei CAH-Mädchen wird als Ursache für ihr im Schnitt männlicheres Verhalten angesehen, dass ihre Nebennierenrinden zuviel Testosteron produzieren. Und Testosteron wird allgemein mit sexueller Lust bei beiden Geschlechtern in Verbindung gebracht. Auch bei CAIS geht es darum, dass Testosteron nicht erkannt wird, obwohl ein „männlicher Bauplan bzw. Wachstumsplan“ vorliegt. Da die Theorien zur Geschlechterherausbildung im Gehirn insbesondere auf pränatales Testosteron abstellen, wäre es sehr merkwürdig, wenn sie davon ausgehen würden, dass Testosteron von Frauen nicht produziert wird.

Das Heinz-Jürgen Voss dies alles nicht bekannt ist, verwundert, da er ja selbst in „Making Sex revisited“ (S. 232) darauf hinweist, dass die Theorien zu den pränatalen Hormonen und ihrem Zusammenhang mit dem Geschlecht den modernen wissenschaftlichen Diskurs bestimmen:

Die konkurierenden Theorien vertraten die Auffassung, dass ein neugeborenes Kind nicht geschlechtlich neutral sei. Androgene (als männlich betrachtete Geschlechtshormone) sollen bereits pränatal, zumindest sehr früh postnatal, vor allem im Gehirn wirksam sein, so dass eine geschlechtsspezifische (männliche) Konstituierung erfolgt. (…) Nun standen vermeintlich pränatal bzw. früh postnatal, insbesondere auf das Gehirn des Embryos wirkende Hormone im Mittelfeld der Betrachtungen. Heute (Ende des 20., Anfang des 21 Jhd.) dominieren in Diskursiven Postulaten binärer geschlechtsspezifischer Konstituierung des Gehirns.

Sollte er die diesbezüglichen Theorien nicht gelesen oder nicht verstanden haben? Auch später in dem Buch verweist er ja selbst noch einmal darauf, dass die Testosteronproduktion für die Geschlechtsentwicklung bedeutsam ist (S. 306):

Für die Geschlechtsentwicklung wurden Interaktionen zwischen Embryo und maternalen Einflüssen bereits zu Beginn dieses Kapitels angedeutet. So erfolgte die als geschlechtlich bedeutsam angenommene Testosteron-Produktion zunächst angeregt durch das maternale Hormon Choriongonadotropin (hGG) (vgl. S. 243) solche Interaktionen gehören zu den Bedingungen, die die Embryonalentwicklung erst ermöglichen, und sie sind auch für die Geschlechtsentwicklung bedeutsam.

Wenn die Hormone aber beliebig sind, dann wäre der obige Satz nicht nachvollziehbar.

2. Gibt es männliche und weibliche Hormone?

Die Antwort ist aus meiner Sicht ein klassisches „Jein“.

Wenn man es nach der „Ausschließlichkeits-Strohmann-Biologie“ vorgeht, nach der Testosteron rein männlich und Östrogen rein weiblich ist, dann wäre die Bezeichnung in der Tat falsch. Wenn man hingegen davon ausgeht, dass ein Körper, der viel Testosteron produziert und auch erkennt männlich(er) wird und ein Körper, der viel Östrogen produziert und erkennt weiblich(er) wird, dann kann man hingegen eine Bezeichnung als männlich und weiblich durchaus rechtfertigen.

Natürlich haben Hormone kein Geschlecht. Sie sind einfache Botenstoffe. Aber ihre Botschaften hinterlassen eben gewisse Wirkungen. Diese Wirkungen haben eine Richtung. Und die verläuft bezüglich des Körpers eben bei Testosteron in Richtung Mann und bei Östrogenen in Richtung Frau. Beim Gehirn könnte man dies schon wieder anders sehen. Aber die Veränderungen beruhen zum einen auf den Hormonen und zum anderen sieht man sie nicht so deutlich, wie die körperlichen Auswirkungen.

Ich halte die Bezeichnung daher für durchaus angebracht.

Daraus muss keine Geschlechtszuweisung der

3. Geschlechtszuweisung an Hormone im Diskurs

Der Gedanke, dass die Bezeichnung der Hormone als männlich oder weiblich Forscher auf die Schiene der Zweigeschlechtlichkeit zwingt ist meiner Meinung nach sehr naiv. Weil Sprache und Diskurs in dieser Hinsicht nicht tatsächlich nachvollzogen werden und lediglich die Strohmannbiologie innerhalb der Gender Studies und Teilen des Feminismus von einem essentialistischen Geschlechtermodell ausgeht. Würde man den wissenschaftlichen Diskurs hier tatsächlich nachvollziehen und nicht immer bei 1950 stehenbleiben, dann würde man sehen, dass die Rolle der Geschlechtshormone in der modernen Biologie gleitende Übergänge vorsieht und die Geschlechtszuweisung hier lediglich das Ziel betrifft.

Das Testosteron eine wichtige Rolle bei Frauen spielt und Östrogene bei Männern vorkommen überrascht keinen Biologen oder Mediziner, der sich auch nur etwas mit dem Thema befasst hat.

Warum benehmen sich viele Lesben männlicher als heterosexuelle Frauen?

Ich sitze in bunter Runde mit Freunden und Bekannten zusammen. Das Gespräch kommt auf ein kürzliches Weggehen und von dort zu einer dort getroffenen Frau, die nach Meinung zweier der weiblichen Anwesenden unglaublich schöne Brüste hatte. Von dort aus geht das Gespräch in die Richtung, dass Frauen weibliche Schönheit wesentlich eher genießen können als Männer männliche Schönheit.

Eine der Frauen dazu:

„Das verstehe ich auch nicht an vielen Lesben: Wenn ich auf Frauen stehen würde, dann würde ich doch erst recht das Feminine mögen, das Elegante und das Weibliche. Aber die laufen rum und verhalten sich wie Männer! Schon der Kleidungsstil ist meist fürchterlich! Und die Frisuren! Und kein bisschen zurechtgemacht!“

Die anwesenden Damen waren sich einig, dass sie gut verstehen könnten, wenn Frauen Frauen anziehend finden, aber sie würden SO niemals rumlaufen.

Ich habe kurz pränatales Testosteron in die Runde geworfen, aber wollte den Abend nicht zu technisch werden lassen, so dass wir auf ein anderes Thema wechselten.

Dennoch finde ich die Aussagen interessant:

  • Die biologischen Theorien zur Homosexualität erklären das aus meiner Sicht sehr nachvollziehbar. Danach gibt es Zentren für die Attraktivitätsmerkmale und Zentren für das typische Geschlechtsverhalten. Beide können separat voneinander gestaltet werden, wobei diese Gestaltung durch pränatales Testosteron erflogt. Da die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass höheres pränatales Testosteron eine bestimmte Ursache hat, die längere Zeit anhält, ist es auch wahrscheinlich, dass beide Zentren bis zu einem gewissen Grad betroffen sind, so dass viele Lesben männlichere Verhaltensweisen aufweisen werden als heterosexuelle Frauen, wenn auch feminine Leseben und sehr männliche heterosexuelle Frauen möglich sind. Ist das Verhalten erst einmal über das pränatale Testosteron auf eine gewisse Weise ausgestaltet, dann ist es nicht mehr änderbar. Vielen männlicheren Lesben werden daher männlichere Verhaltensweisen mehr entgegenkommen. Sie werden sich hingegen in den weiblicheren Verhaltensweisen nicht so wohl fühlen. Deswegen wird auch eine Erziehung, die sich an ihrem Phänotyp orientiert, dort weniger Fuß fassen können.
  • Nach den queeren / gleichheitsfeministischen Theorien hingegen erscheint mir dies ein gewisser Bruch zu sein, der einige Verrenkungen erfordert. Auf der einen Seite haben wir die Normen der Gesellschaft, die durch die Phallokratie /die hegemoniale Männlichkeit/die Heteronormativität hervorgerufen werden. Sie pressen Männer und Frauen in strikte Geschlechterrollen, wobei das Geschlecht und das Verhalten durch Sprache geformt wird. Weil man sprachlich definiert, was eine Frau ist, muss sich eine Frau nach dieser Definition verhalten. Abweichendes Verhalten wird – gerade im sexuellen Bereich – durch Abwertung und Mißbilligung gestraft. Wir übernehmen diese Werte für unsere jeweilige Rolle und verinnerlichen diese so, dass wir ein Abweichen selbst als falsch empfinden. Diese Rolle ist so stark, dass sie Frauen beispielsweise daran hindert eine „Nichtfrauenzeitschrift“ zu kaufen, denn sie können nur Zeitschriften kaufen, die für Frauen gemacht sind, weil dies sprachlich so definiert ist. Dies nur als Beispiel für die Stärke des aufgebauten Rollendrucks. Dies alles scheint aber nicht mehr zu gelten, wenn eine Frau bezüglich eines Teilbereichs aus dem Normengefüge ausbricht.Bei einer Abweichung der sexuellen Orientierung bricht die Frau auch sehr häufig aus den übrigen Normen aus und verhält sich vergleichsweise männlich. Hier könnte die Theorie davon ausgehen, dass der Wechsel der sexuellen Orientierung einen Dammbruch gleich kommt, der auch die übrigen Normen hinwegspült. Oder man könnte darauf abstellen, dass sich die lesbischen Frauen gerade weil sie bereits in einer Angelegenheit, nämlich der sexuellen Orientierung, entgegen den Normen verhalten einen gewissen Druck erfahren, sich auch im übrigen nach den anderen Normen zu verhalten, um so wenigstens einem bestimmten Rollenbild zu entsprechen. Aber das lässt ja gerade außer acht, dass die Normen durch die Gesellschaft erzwungen werden und eine geringere Abweichung lesbische Frauen auch einer geringeren Abwertung preisgeben würde, die Änderung sie gerade für viele erst erkennbar macht und sie dem Normendruck aussetzt. Eigentlich müßte man eher überkompensatorisches Verhalten erwarten, um Zweifel auszugleichen und den Normendruck zu reduzieren, der ja jede einzelne Abweichung bestraft. Zudem spricht dagegen, dass Lesben sich ja meines Wissens nach uneingeschränkt als Frauen sehen, diese Geschlechtszuweisung also für sich so in Anspruch nehmen, wonach der Theorie nach dann auch die Regeln der Gesellschaft für sie gelten müssten und sie den Druck erfahren müßten, sich als Frau zu verhalten bzw. durch die Sprache so geprägt werden müßten. – Ich vermute, dass das abweichende Verhalten eben gerade als Erweckungstheorie, als ausbrechen aus dem Konstrukt der Geschlechterrolle gewertet wird, was diese Theorien sicherlich gerade für viele Lesben interessant macht. Aber ich verstehe trotzdem nicht, wie diese Flucht aus der Geschlechterrolle ermöglicht wird, wenn andererseits aufgrund des Phänotyps die weibliche Rolle strikt zugewiesen wird und andere Frauen daraus nicht entfliehen können, ja noch nicht einmal eine „Nichtfrauenzeitschrift“ kaufen können. Ist Sex so wichtig, dass es ein Schlüsselelement in der Wirksamkeit der gesellschaftlichen Normen ist? Und wie entfaltet Sex diese Macht, wenn es insgesamt einfacher wäre, lesbisch und verhaltensweiblich zu sein? Oder erzwingen gar bestimmte Normen, dass eine Lesbe sich männlicher verhalten muss (also Zuweisung bestimmter Normen innerhalb der Homosexualität, die abweichend von der Heterosexualität bestehen und damit ja eigentlich wieder gegen den Gedanken der Heteronormativität sprechen würden)?

Idealer Partner und realer Partner

Über eine interessante Studie berichtet Science Daily

The study also found that most men would rather have female partners much slimmer than they really have. Most women are not satisfied, either, but contrary to men, while some would like slimmer mates, others prefer bigger ones.

Human mating preferences are increasingly being studied to understand what shapes our complex reproductive behaviour. Whilst previous studies have separately investigated ideal mate choice and actual pairing, this new research was specifically conducted to compare them. The researchers gathered data from one hundred heterosexual couples living in Montpellier, south of France. To measure preferences for body morphology, they used software which allowed the participant to easily modify the body shape of their ideal silhouette on a computer screen. The researchers then compared ideal silhouettes obtained with the actual characteristics of the partners.

For the three morphological traits studied — height, weight and body mass — men’s mating preferences were less different from their actual partner’s characteristics than females‘ ones. As the authors remark, the lower dissatisfaction observed for men in this study may be restricted to some physical traits, and results could be different for other traits such as personality, political opinion or sense of humor that are also important in partner choice.

Oder noch mal in den Worten des Abstracts der Studie:

The way individuals pair to produce reproductive units is a major factor determining evolution. This process is complex because it is determined not only by individual mating preferences, but also by numerous other factors such as competition between mates. Consequently, preferred and actual characteristics of mates obtained should differ, but this has rarely been addressed. We simultaneously measured mating preferences for stature, body mass, and body mass index, and recorded corresponding actual partner’s characteristics for 116 human couples from France. Results show that preferred and actual partner’s characteristics differ for male judges, but not for females. In addition, while the correlation between all preferred and actual partner’s characteristics appeared to be weak for female judges, it was strong for males: while men prefer women slimmer than their actual partner, those who prefer the slimmest women also have partners who are slimmer than average. This study therefore suggests that the influences of preferences on pair formation can be sex-specific. It also illustrates that this process can lead to unexpected results on the real influences of mating preferences: traits considered as highly influencing attractiveness do not necessarily have a strong influence on the actual pairing, the reverse being also possible.

Man bekommt also nicht immer, was man will. Hier wurde allerdings nur auf den Körper abgestellt. Gerade bei den Kriterien von Frauen wäre allerdings Status und Dominanz etc sehr interessant.

Heinz Voss will Kritik an seinem Buch „Making Sex revisited“ lieber nicht öffentlich besprechen

Ich hatte hier ja das Buch „Making Sex revisited“ von Heinz Voss besprochen. Und einiges an Kritik vorgebracht.

Das Buch hat meiner Meinung nach erhebliche Fehler, wie es bei einem Buch, dass Poststrukturalismus, Queertheorie, Feminismus und biologische Wissenschaft zusammenbringen will ja auch zu erwarten ist.

Ich war eigentlich gespannt auf die Erwiderung des Autors. Schließlich war dies seine Doktorarbeit, da sollte man meinen, dass er zu solcher Kritik etwas sagen kann. Schließlich sagte er ja auch in einem früheren Kommentar:

Vielleicht lohnt sich ja doch langsam ein Blick in das Buch. (…) Liebe Grüße und gern bereit für Diskussionen

Jetzt habe ich ihn auf seinem Blog mal darauf angesprochen, ob noch was kommt. Nunmehr heißt es von Heinz Voss:

Diskussion dann aber auch direkt, gebloggt mit Argumenten und Gegenargumenten und Gegengegenargumenten… haben wir doch vor einem Jahr ausreichend. (…) Mit ‚direkter Diskussion‘ meine ich einfach in einem Café, z.B. in Leipzig.

Kann ich verstehen. Wenn man keine Gegenargumente hat, dann ist es besser zu schweigen und seine Doktorarbeit nicht weiter zu beschädigen. Schließlich kann man dann immer noch sagen, dass man Gegenargumente hätte.

Schade dennoch.

Nochmal: Schlank als Schönheitsideal

 Für die Frage, wie sich Schönheitsideale entwickeln, ist es interessant, wie dick Männer und Frauen in der Steinzeit geworden sind. Denn es könnten daraus bestimmte Selektionskriterien hergeleitet werden. Ich hatte in dem Beitrag „Schönheit: Kultur oder Biologie“ schon etwas zum Thema sportlich-schlank als Schönheitsideal geschrieben. Ich halte Schönheitsideale nicht nur für kulturelle Mythen, weil sie häufig zumindest dem Grunde nach etwas über die Attraktivität des anderen als potentieller Partner aussagen.

Dass Menschen bereits in der Steinzeit dick geworden sind, könnte man daraus schließen, dass Fettablagerungen in der Menschheit nicht so unterschiedlich sind. Männer werden eher am Bauch dick, Frauen eher an den Beinen und am Po, aber weniger am Bauch.

Die Anlagerung von Fett unterliegt natürlich einer Selektion, sowohl einer natürlichen als auch einer sexuellen.

Fett sollte nach Möglichkeit so angelagert werden, dass es die weiteren Funktionen so wenig wie Möglich beeinträchtigt. Bei zu starker Fettablagerung an den Beinen können diese beispielsweise beim Laufen aneinanderreiben und die Beweglichkeit einschränken. Der Genitalbereich muss ebenfalls einigermaßen frei gehalten werden. Gene, die eine Fettanlagerung dort ermöglichen und darüber den erfolgreichen Geschlechtsverkehr verhindern, selektieren sich sehr schnell aus dem Genpool.

Daran, dass eine Selektion in diesem Bereich stattfinden konnte, kann man zumindest ersehen, dass es dicke Leute gegeben haben muss.

Andere Faktoren sprechen allerdings gegen zu viele dicke Leute. In der Steinzeit waren die Leute Jäger und Sammler. Dies erfordert zum einen eine gewisse Beweglichkeit und bringt zum anderen eine gewisse Unstetigkeit in der Versorgung mit sich.

Wildtiere allgemein haben selten eine starke Fettschicht, sofern sie nicht in besonders kalten Gegenden leben, um die als Isolierung benötigen.

Es spricht aus meiner Sicht daher vieles dafür, dass es eher kurze Perioden gab, in denen das Essen so reichlich war, dass die Leute dick wurden und andere Perioden, in denen von diesen Vorräten gezerrt werden musste.

Zudem ist zu bedenken, wie man dick werden konnte: Ich gehe davon aus, dass über eine vegetarische Ernährung, gerade im Winter, nur selten ein wirklich großer Leibesumfang erzielt werden konnte. Zu bedenken ist dabei, dass es heute zwar dicke Vegetarier gibt, diese aber auch viele Fette und andere Kalorienträger nutzen können, die durch Weiterverarbeitung konzentriert wurden. Zuckerhaltige Nahrung wie Süssigkeiten mit aus Zuckerrüben etc gewonnen Zucker oder aber Milchprodukte wie stark fetthaltiger Käse waren in der Steinzeit weit weniger vorhanden. Auch hatten die anderen Früchte nicht die durch die Zucht im Ackerbau erreichte Nahrhaftigkeit.

Proteine und Fette werden Steinzeitmenschen insbesondere durch Fleisch zu sich genommen haben.

Gerade die Großwildjagd mag es dabei ermöglicht haben, erhebliche Kalorien zu sich zu nehmen und dabei Fette abzulagern.

Auch Spezialisierungen und Handel könnten dazu beigetragen haben, dass einige Leute sich den Luxus geringerer Bewegung und beständiger guter Nahrung leisten konnten.

Bezüglich des Fleisches wird die These vertreten, dass hier der Jagderfolg auf die Sippe umgelegt wurde. So kann sich beispielsweise die reziproke Großzügigkeit entwickelt haben, ein eingeschränkter Altruismus auf der Grundlage gegenseitiger Unterstützung in Notzeiten. Gerade bei Fleisch, dass schnell verdirbt, lohnt sich eine Vorratshaltung von vorneherein nicht. Ein erlegtes Mammut wird der Jäger nicht alleine essen können, eine gewisse Großzügigkeit lohnt sich, gerade wenn man davon ausgehen kann, dass der nächste der einen Mammut erlegt, ihn wiederum mit einem selbst teilt. Selbst wenn Frauen kein Mammut jagen konnten und sich insoweit nicht revanchieren konnten, lohnt es sich unter dem Gedanken, dass eh keine Vorratshaltung möglich war, umfassend großzüggig zu sein und so seine eigene Stärke darzustellen. Wer Fleisch verschenken kann, der muss ein guter Jäger sein, der muss eher als andere seine Kinder im Notfall versorgen können, dessen Kinder werden eher überleben, es lohnt sich also der andere Teil dieser Gene zu sein, die in diesen Kindern stecken.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen, die dick waren, daher bereits einen Mann hatten, und zwar einen, der gut im jagen und damit wahrscheinlich auch im kämpfen war, müßte damit recht hoch gewesen sein. Sofern sie nicht bereits einen Partner hatten, der sie versorgt, werden sie zumindest einen höhergestellten Vater, Bruder oder sonstigen männlichen Ersatzversorger etc gehabt haben. Es kann auch sein, dass der Stamm, in dem sie lebte, gerade zufällig Großwild erlegt hatte, es reicht aber nicht sehr weit zurück. Der Umstand, dass eine Frau dick war, musste daher nicht unbedingt etwas über ihre Fähigkeit dauerhaft Essen herbeizubringen, sondern evtl. nur etwas über die Fähigkeit bestimmter Männer, Essen herbeizubringen aussagen. Eine solche Frau zu umwerben musste damit nicht unbedingt vorteilhaft für die eigenen Gene sein.

Hingegen reicht die Vermutung, dass sie eine gute Kandidatin für gesunden Nachwuchs ist, bei einer sportlichen Frau weiter zurück. Denn der Aufbau von Muskeln erfordert ein eigenes Tun der Frau über einen längeren Zeitraum und nicht die Handlungen anderer. Es zeigt, dass sie über einen längeren Zeitraum die passende Energie hatte um die Muskeln aufzubauen.

An den Hinternmuskeln kann man beispielsweise sehen, dass sie entweder viel gelaufen ist oder aber sich mit Gewichten häufig gebückt hat.

Allerdings deuten zu viele Kraftmuskeln eher auf zuviel Testosteron hin, weswegen wir eher Ausdauermuskeln bei Frauen interessant finden.

Eine Bewertung solcher Muskeln ist natürlich bei einer schlanken Frau wesentlich einfacher als bei einer sehr dicken Frau.

Es erscheint mir daher durchaus logisch, wenn Männer im Schnitt schlanke, sportliche Frauen interessanter finden als dicke Frauen.

Besprechung: Heinz-Jürgen Voss: Making Sex Revisited

Ich habe „Making Sex revisited“ von Heinz-Jürgen Voss durch. Einen ersten Eindruck hatte ich ja bereits in „Heinz Jürgen Voß zu pränatalen Hormonen“ mitgeteilt. Dieser ist nicht positiver geworden.

Es heißt, dass im wesentlichen Konzepte aus dem Poststrukturalismus angewendet werden und theoretischer Konstruktivismus, Dekonstruktion, Diskursanalyse, feministische Wissenschaftskritik und Systemorginasationstheorie den Hintergrund bilden. Es handelt sich damit im wesentlichen um ein ideologisches Buch.  Voss stellt gleich auf einer der ersten Seiten dar, dass er als wissenschaftliches Mittel die Diskursanalyse wählt und dabei die gesellschaftliche Ansicht, dass es strikt männlich und weiblich hinterfragen will.

Diese Annahme selbst ist allerdings, und das ist einer der großen Kritikpunkte, letztendlich ein klassischer Strohmann, denn auch in der Gesellschaft sind Transsexuelle und männliche Frauen und weibliche Männer bekannt. Es ist der Umstand, dass man bei wahrscheinlich 99,5% der Menschen recht problemlos dem Phänotyp nach einordnen kann, der dazu führt, dass man von Männern und Frauen ausgeht und die Zwischenfälle eben sehr selten sind und daher nicht so häufig besprochen werden, der dazu führt, dass diese Zwischenfälle im Alltag eine geringe Bedeutung haben. Wenn man allerdings einen nicht eindeutigen Fall präsentieren würde, dann würde ich vermuten, dass die meisten Menschen durchaus zugeben würden, dass dieser nur schwer einzuordnen ist und eine Mischung der Geschlechter darstellt.

Voss läßt auch unklar, was seine Diskursanalyse eigentlich genau ergeben soll. Da er ja davon ausgeht, dass „Geschlecht gemacht ist“ und anspricht, dass es darum geht, wie die Geschlechter auch biologisch entstehen, scheint er ermitteln zu wollen, wo die Trennlinien zwischen Mann und Frau eigentlich verlaufen und wo die Gesellschaft sie bildet. Er zieht dabei allerdings gemäß seinem Anspruch, Biologie und Philosophie in Einklang zu bringen, und das in dem Bereich des Poststrukturalismus, der keine Fakten akzeptiert und damit auch keine biologischen Ergebnisse, keine Linie zwischen Ansichten und biologischen Stellungnahmen und Theorien, so dass es ihm wohl durchaus darum geht, hier zu Ermitteln wie Geschlecht entsteht.

Das ist allerdings mit den Mitteln der Diskursanalyse nicht möglich, wenn Biologie tatsächlich einen biologischen Ursprung hat. Eine Diskursanalyse kann ermitteln, wie Leute Fakten präsentieren und welche sie Weglassen, wie sie trotz entgegenstehender Fakten eine Meinung erzeugen und wie ein Konsenz über ein Thema geschaffen wird. Sie kann aber Fakten nicht überprüfen und damit Ergebnisse über ein Thema ermitteln, dessen Fakten nicht durch den Diskurs hergestellt werden. Es kann also beispielsweise ermittelt werden, wodurch ein gesellschaftliches Konstrukt wie der Status einer Person durch diskursive Mittel geschaffen wird, indem zB eine Heldenlegende gestrickt wird oder das obligatorische Politker-küsst-Baby-Foto gemacht wird. Es kann ermittelt werden, wie beispielsweise Gerüchte um den Geburtsort eines Präsidenten geschaffen werden oder Zweifel hieran kommuniziert werden und welcher Effekt damit erreicht werden soll. Aber es kann die Frage, wo ein Präsident geboren ist, nicht beantworten, weil dieser Fakt außerhalb des Diskurses liegt.

Daran kranken die ersten zwei  Kapitel, die den Großteil des Buches ausmachen, und damit letztendlich das gesamt Buch. In diesen ersten zwei Kapiteln legt Voss verschiedenste Theorien zu den Geschlechtern dar, historische Überlieferungen solcher Theorien, die belegen sollen, dass es keineswegs so war, dass es immer zwei Geschlechter gab. Dabei reißt er die meisten Theorien nur kurz an, es erfolgt keine sehr tiefe Beschäftigung mit diesen. Es ist eher die Anzahl der Theorien, die zu dem Umfang des Buches beiträgt. Auch hierbei verkennt er, dass die Herleitung der Geschlechter zB die Auffassung, dass eine Frau nur ein minderbegabter Mann ist, nie dazu geführt hat, dass man die Unterteilung in Mann und Frau aufgegeben hat oder üblicherweise, also von Ausnahmefällen abgesehen, Probleme mit der Abgrenzung hatte.

Die modernen Theorien zu pränatalen Hormone und ihren Einfluss auf die Entwicklung der Geschlechter, die Stelle, an der es interessant geworden wäre, handelt er dann auf einer halben Seite ab (S. 232 ), er fasst sie so stark zusammen, dass jemand, der sich in diesem Bereich nicht auskennt, sich kein Bild von diesen Theorien machen kann, nicht verstehen kann, was sie eigentlich aussagen und auf welche Argumente sie sich stützen und warum sie den wissenschaftlichen Diskurs bestimmen. Ich hatte ihn hier bereits fast vollständig zitiert.

Würde man die Diskursanalyse von Voss auf ein anderes Gebiet, in dem es um naturwissenschaftliche Fakten geht, übertragen, dann würde sich das wie folgt lesen (leicht übertrieben):

„Was der Mond eigentlich ist, ist in der Geschichte umstritten gewesen. Ein Volk nahm an, dass es sich um die Göttin X handelt, die in eine Liebesgeschichte mit der Sonne verstrickt ist. Andere nahmen an, dass es der Hintern einer dicken Frau ist. Wieder andere sahen darin eine Riss im Himmelszelt, der das Licht des Paradises durchscheinen läßt, andere einen Käseleib, der von Mäusen angekabbert wird und sich beständig erneuert…. (232 Seiten später) Erst in neuerer Zeit trat aufgrund optischer Betrachtungen und einem aus dem USA stammenden Apolloprojekt die Meinung in den Vordergrund, dass es sich um einen Erdtrabanten aus Fels handelt.“

Wer mir mit Hilfe einer Diskursanalyse ohne Hinzuziehung von Fakten darstellen kann, dass die letzte Auffassung die richtige ist, der möge dies bitte in den Kommentaren tun.

Ich hingegen bin der Auffassung, dass über eine Diskursanalyse wie oben dargestellt eine Ermittlung der Fakten gerade nicht möglich ist. Der Mond ist nicht der Hintern einer dicken Frau, er ist ein Felsbrocken, der um die Erde kreist. Alle Diskurse dieser Erde können hieran nichts ändern. Dies ergibt sich daraus, dass wir den Mond mit Teleskopen beobachtet, mit Satelliten umflogen und auf ihm Gestanden und Proben zur Erde gebracht haben. Wir haben seine Gravitationskräfte gemessen und messen sie täglich und diese in eine schlüssige Theorie eingebunden. Eine Diskursanalyse käme allenfalls dann zum Zug, wenn man darstellen könnte, dass die Fakten gefälscht sind, also das Apolloprojekt eine Lüge ist und lediglich ein diskursives Mittel war um, um den Eindruck zu erwecken, dass der Mond ein Felsbrocken und nicht der Hintern einer dicken Frau ist. Dann aber müßte man auch die Fakten analysieren und nicht den Diskurs. Die Analyse der Fakten, die einem Diskurs zugrunde liegen erfolgt nicht im Diskurs, sondern außerhalb des Diskurses.

Das erste Kapitel kann daher seinen Zweck, die Geschlechterentstehung darzustellen, nicht leisten. Es kann allenfalls den Diskurs dazu wiedergeben, ohne das dies etwas über die Geschlechterentstehung aussagt.

 Voss folgert:

„Biologisch-medizinische Theorien über Geschlecht waren und sind in Gesellschaftliche Bedingungen eingebunden…. Herausgearbeitet wurde, dass die Merkmale, die in biologisch-medizinischen Theorien als kennzeichnend für Geschlecht angesehen werden, keineswegs fest und unveränderlich waren. Sie veränderten sich mit der Entwicklung von Wissenschaft und Gesellschaft und waren auch abhängig von der verfügbaren und eingesetzten technisch-wissenschaftlichen Instrumentarium“

Das sich die Forschung entwickelt hat ist richtig und fast eine Selbstverständlichkeit. Auch hier wird aber meiner Meinung nach ein falscher Eindruck erweckt.. Denn die Geschlechterzuordnung war keineswegs Problematisch, sofern es nicht um Sonderfälle ging. Die Unterscheidung „ein Penis=ein Mann, eine Scheide= eine Frau“ ist für den allergrößten Teil eine ausreichende Vorsortierung, die nur in wenigen Fällen falsch ist. Natürlich hat sich dies später verfeinert, wie es bei Wissenschaft nun einmal so ist und die Möglichkeit Chromosomen zu erkennen etc hat da sicherlich geholfen. Aber das bedeutet nicht, dass eine Grundeinteilung besonders viel Fachwissen erfordert – wir erkennen üblicherweise recht schnell, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, von Sonderfällen abgesehen.

Im dritten Kapitel möchte Voss den Blick auf Chromosomen und Gene lenken und die ihnen zugeschriebenen Anteile an der Ausbildung von Geschlecht in der Embryonalentwicklungdarstellen. Es geht hauptsächlich darum, wie die primären Geschlechtsorgane entstehen und er verweist dabei darauf, dass dies recht kompliziert ist. Es würden viele genetische Faktoren zusammenspielen, die keineswegs nur auf dem Y-Chromosom angesiedelt sind. Es wird das SRY-Gen behandelt und verschiedene andere Abschnitte. Dabei geht es auch um die Entwicklung des Hodens, die in der Wikipedia wie folgt dargestellt wird:

Der Hoden-determinierende Faktor (abgekürzt TDF, von engl. testis determining factor) ist ein Protein, welches von dem Gen Sex determining region of Y, kurz SRY-Gen, auf dem kurzen Arm des Y-Chromosom codiert wird. TDF bestimmt, ob sich aus der zunächst indifferenten Gonadenanlage ein Hoden zu entwickeln beginnt. Fehlt er, entsteht aus dieser ein Ovar. Seine Anwesenheit bzw. Funktionsfähigkeit ist – abgesehen von der Frage, ob eine Samenzelle mit einem Y-Chromosom oder eine solche mit einem X-Chromosom die Eizelle befruchtete – der primäre Auslöser für die Entwicklung zu einem männlichen Individuum.

Genau diese Darstellung kritisiert Voss allerdings. Es wird dargelegt, dass das SRY-Gen auch einmal nicht auf dem Y-Chromosom liegen kann und das als Beleg dafür gesehen, dass alles bei der Geschlechterherausbildung undeutlich ist. Er stellt dar, dass weitere Gene nach und vor dem SRY-Gen bei der Erstellung der Geschlechtsorgane tätig sind und diese auch bei Frauen nicht einfach passiv erfolgt, sondern bestimmte Schritte erfordert.

Hier setzt sich einer der großen Fehler aus dem ersten Kapitel fort, nämlich der Umstand, dass Voss nie darstellt, was eigentlich gegenwärtig vertreten wird. Wenn er dargestellt hätte, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern durch pränatale Hormone, insbesondere Testosteron herausgebildet werden, dazu aber erst einmal durch die Gene etwas erzeugt werden muss, was Testosteron produziert, nämlich die Hoden, dann wäre dem Leser einiges deutlicher (allerdings Voss´ Theorie schwerer zu vermitteln) gewesen. Wenn er dargelegt hätte, dass bei Personen mit einem Y-Chromoson, aber fehlerhaften Testosteronrezeptoren innenliegende Hoden gebildet werden, aber ansonsten weibliche Geschlechtsteile (mit einigen Einschränkungen), dann wäre es leichter zu verstehen gewesen, warum nur ein Teil der Geschlechtsorgane , aber nicht die gesamte Entwicklung der Geschlechtsorgane über das SRY-Gen erfolgt. Wenn er dargestellt hätte, dass die primären Geschlechtsorgane teilweise nur Umformungen von einander sind, dann wäre auch verständlich, warum bestimmte Gene bei beiden Geschlechtern in Kraft treten müssen. Voss stellt sogar in einem Nebensatz dar, dass bestimmte Gene Hormongesteuert sind, aber er will damit nur darauf verweisen, dass alles von äußeren Faktoren abhängt. Das diese Faktoren Hormone sind, die bei funktionierenden Hoden in dem einen Geschlecht in einer deutlich höheren Menge vorkommen und daher die Entwicklung bei einer Steuerung durch diese auch geschlechtsbezogen ist, verschweigt er. Er listet eine Vielzahl von Genen auf, denen eine Bedeutung bei der Geschlechtsentwicklung zugeschrieben werden, ohne die Systeme im Grundsatz zu erläutern. Häufig geht es darum, wann das SRY-Gen aktiv ist, aber was genau an dieser Stelle bewirkt wird oder wie sich dies auf seine Theorie auswirkt, ja welche Theorie er eigentlich hat und welche insgesamt noch vertreten werden, bleibt unklar. Voss scheint im wesentlichen Aufzeigen zu wollen, dass die Wege noch nicht hinreichend klar sind und das Zusammenspiel der Gene noch besser erforscht werden muss.

Er stellt dann fest, dass auch bei der Eierstockentwicklung bestimmte genetische Faktoren als notwendig erachtet werden. Aber wie sollen die Eierstöcke auch sonst entstehen? Bestimmte Gene müssen sie natürlich erstellen. Aber die Frage ist eben, wie diese aktiviert werden und ob es in diesem Zusammenhang wieder eine Steuerung durch andere Gene und Hormone gibt. Dies legt Forschung nahe, die aber von Voss nur kurz zitiert wird, weil er auf Hormone ja nicht eingeht: Bei Patienten mit CAH wurde zB nachgewiesen, dass die Gene, die Eierstöcke entwickeln nicht aktiv waren, sie war steril. CAH hat insbesondere den Effekt, dass mehr Testosteron vorhanden ist. Hier spricht also vieles für eine hormonelle Steuerung.

Voss folgert:

Für die zentrale Frage der Geschlechtsentwicklung ergeben sich die Folgerungen: Es reicht nicht aus, Chromosomen und Gene als beteiligt an der Geschlechtsentwicklung auszuweisen, sondern es gilt zu betrachten und zu untersuchen

  1. durch welche – auch äußere – Faktoren und Prozesse einzelne Gene im spezifischen Gewebe im bestimmten Maße exprimiert werden
  2. welchen Prozessabläufen die Produkte von Transkribtion und Translation unterliegen und
  3. welche Bedeutung anderen molekularen Komponenten als Genen zukommen. Außerdem ist
  4. die Abkehr von der Voraussetzung binärer Geschlechtlichkeit in Forschungsfragen und Methoden nötig
Bei dem ersten Punkt könnte es bereits helfen, wenn Voss sich mit Hormonen mehr beschäftigen würde. Bei dem letzten Punkt bin ich anderer Meinung: Es bringt nichts das Vorhandensein zweier Geschlechter zu leugnen.
Voss Abneigung gegen Hormone wird auch etwas in den folgenden Sätzen deutlich (S.306):
Für die Geschlechtsentwicklung wurden Interaktionen zwischen Embryo und maternalen Einflüssen bereits zu Beginn dieses Kapitels angedeutet. So erfolgte die als geschlechtlich bedeutsam angenommene Testosteron-Produktion zunächst angeregt durch das maternale Hormon Choriongonadotropin (hGG) (vgl. S. 243) solche Interaktionen gehören zu den Bedingungen, die die Embryonalentwicklung erst ermöglichen, und sie sind auch für die Geschlechtsentwicklung bedeutsam.
Die geschlechtlich bedeutsame Testosteronproduktion wird allerdings in dem Buch, wie bereits dargestellt, nicht weiter behandelt. Warum auch, wenn es um die Geschlechtsentwicklung geht?
Das neben der Mutter auch der männliche Fötus recht früh Testosteron produziert geht unter.Soweit ich weiß beginnt schon ab der achten Schwangerschaftswoche im Körper des männlichen Fötus die Produktion von Testosteron. Ab diesem Zeitpunkt ist der Testostonspigel bei männlichen Föten höher als bei weiblichen Föten und erreicht bis zum Zeitpunkt der Geburt den Testosteronwert eines 12-jähriger Jungen. Ein paar Monate später sinkt der Testosteronspiegel um etwa 80 Prozent ab und pendelt sich während der Kleinkindphase auf diesem niedrigen Niveau ein. Mit etwa vier Jahren verdoppelt sich dann der Testosteronspiegel wieder. All dies lässt Voss weg, geht nur auf äußere Einflüsse ein, weil das besser in seine Theorie passt. Ein männlicher Fötus ist pränatal einer wesentlich höheren Testosterondosis ausgesetzt. Und das hat seinen Einfluss auf die Geschlechtsentwicklung.

Voss führt zudem noch aus, welchen Einfluss die herrschende patriarchische Ideologie auf die Forschung hat. Dabei ist für ihn das Denken in zwei Geschlechtern an sich schon Beleg dafür, dass die Forschung ideologiegesteuert ist. Das damit die Forschung auf anderer Forschung aufbaut und diese Fakten dazu daher begründete Vorannahmen sind, blendet er aus. Er kritisiert sozusagen, dass man davon ausgeht, dass der Mond eine Felskugel, ein Erdtrabant ist, weil die Diskursanalyse doch ergeben hat, dass es auch der Hintern einer dicken Frau sein könnte.

Auch hier zeigt sich wieder, dass er die herrschenden Theorien hätte darstellen sollen, weil er sie kritisiert, ohne sie zu nennen. Die Wissenschaft gehe davon aus, dass die Entwicklung zur Frau passiv und automatisch, die Entwicklung zum Mann aber aktiv ablaufe. Das tut sie natürlich nicht. Sie geht davon aus, dass bestimmte Prozesse über Gene gesteuert sind und ein bestimmter Teil über Hormone. Ein Teil der Steuerung über Hormone erfolgt dabei so, dass bei dem Vorhandensein von Testosteron das „männliche Bauprogramm“ und bei dessen Nichtvorhandensein oder Nichtwirksamkeit das „weibliche Bauprogramm“ gewählt wird. Dies ist bei CAIS-Frauen auch gut nachzuvollziehen. Voss versucht jetzt über seine Darlegungen zu den nichthormongesteuerten GENEN nachzuweisen, dass die Steuerung bei den HORMONEN nicht passiv ist. Damit macht er aber allenfalls deutlich, dass er das System nicht verstanden hat und Äpfel mit Birnen vergleicht.

Zur Begründung verweist er des weiteren auf ein Einzelfallbeispiel, eine Studie von Nef. Da ich diese nicht vorliegen habe, kann ich zu den Einzelheiten nichts sagen, aber auch hier scheinen mir einfach die Ansätze auseinander zu gehen. Nef möchte nicht nachweisen, dass es keine Abweichung von Mann und Frau gibt. Er möchte bestimmte allgemeine Grundsätze bei Mann und Frau überprüfen.

Aus dem Umstand, dass eine komplexe Anzahl von Prozessen notwendig ist, um die primären Geschlechtsorgane zu errichten, schließt Voss, dass dies dann aufgrund der Komplexität ein nicht mehr gesteuerter, zufälliger Prozess ist. Der Schluß hat allerdings den Denkfehler, dass komplexe Abläufe gesteuert ablaufen können. Aus der Komplexität eines Vorganges läßt sich nur ableiten, dass dieser Komplex ist.

Im Folgenden wirft dann Voss ohen auf die Grundlagen näher einzugehen noch schnell ein paar Begriffe wie Epigenetik etc in den Raum und behauptet, dass diese ebenfalls eine Zufälligkeit hineinbringen. Wie diese Zufälligkeit aber aussieht und innerhalb welchen Spektrums sie sich bewegt erläutert Voss allerdings nicht. Er führt keine Studien oder zumindest Einzelfälle an, in denen ein epigenetischer Effekt statt zu einer männlichen Entwicklung zu einer weiblichen Entwicklung der Geschlechtsorgane geführt hat. Solche Effekte sind meines Wissens nach auch nicht bekannt, obwohl ansonsten entsprechende Fälle, etwa bei CAIS-Frauen etc nachhaltig untersucht werden.

Voss weist auch nicht nach, dass bestimmte gesellschaftliche Einflüsse zu einer Veränderung führen. Er behandelt eben nur einen sehr schmalen Bereich, die Geschlechtsorgane, und deutet Schwachstellen in biologischen Theorien, die aber aufgrund seiner Ausblendung der Hormone eher Strohmanntheorien sind und den tatsächlichen Forschungsstand nicht wiedergeben, an. Das biologisches Geschlecht „gemacht“ ist, gar gesellschaftlich gemacht ist, ist aus dem Buch nicht herzuleiten.

Dennoch heißt es in den Schlußfolgerungen auf Seite 313 dann:

Naturphilosophische und biologisch-medizinische Geschlechtertheorien sind eingebunden in gesellschaftliche Zusammenhänge zu betrachten. Sie werden gesellschaftlich hergestellt.

Es ist erstaunlich, dass Voss im Vorfeld bestimmte Genwirkungen darstellen kann, die er nicht in gesellschaftliche Zusammenhänge einbettet und dann ausführt, dass die Geschlechtertheorien gesellschaftlich hergestellt werden, also eine reine Konstruktion sind. Damit beraubt er seine Arbeit jedes Aussagegehalts, da sie ja auch nur einen gesellschaftlichen Herstellungsprozess abbilden. In gewisser Weise widerspricht er sich damit selbst.

Das Buch bespricht Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht. Es geht auf die wesentlichen Unterschiede weder in körperlicher noch in psychischer Hinsicht gar nicht ein. Es stellt lediglich die irgendwann einmal vertretenen Theorien zur Abgrenzung der Geschlechter dar und macht dann Ausführungen zur Entwicklung der primären Sexualorgane, die die dazu vertretenen Theorien nicht darstellen und fehlerhaft auf sie eingehen.

Weil Voss konsequent Hormone ausblendet, kann er die Entstehung der primären Geschlechtsorgane und insbesondere die Geschlechtsentwicklung nicht nachvollziehen