Aufbrechen von Geschlechterrollen: Freiheit vs. Zwang in andere Richtung

Der Kommentator „Rotterdam“ hat einen interessanten Kommentar auf Geschlechterallerlei eingestellt, der dort inzwischen auch als eigener Artikel erschienen ist:

„Unter Feministen neuerer Schule – auch unter denen moderater Ausprägung – scheint es Konsens zu sein, dass die vornehmste Aufgabe der Bewegung derzeit darin besteht, Geschlechterklischees und Rollenstereotype aufzubrechen und somit allen Menschen zu einem freieren, weniger beengten, selbstbestimmteren Leben zu verhelfen.

Das ist ein hehres Ziel. Zumindest wäre es das, beschränkten sich die Bemühungen darauf, das Angebot an validen Rollenbildern zu erweitern und dem Individuum so mehr Auswahlmöglichkeiten bereit zu stellen.“

Das ist in der Tat das Label unter dem vieles im Feminismus läuft: Wir machen die Welt besser für alle, indem wir Geschlechterrollen aufbrechen und alle freier leben können. Das erscheint auch etwas, mit dem man sich gut arrangieren kann: Weniger Zwang ist ja etwas, mit dem man sich unschwer anfreunden kann

„Nun scheint sich innerhalb feministischer Zirkel aber darüber hinaus eine Ansicht durchgesetzt zu haben, die tradierte Rollenbilder als defizitär betrachtet und die damit einhergehenden Perspektiven auf Mann und Frau als schädlich betrachtet – und zwar sowohl für die Entwicklung der Gesellschaft insgesamt, als auch für die persönliche Entwicklung ihrer Mitglieder. Folgerichtig müssten diese Stereotype nun also geächtet und soweit wie möglich aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden, auf dass der neue Mensche von ihnen befreit werden möge.“

Das ist so ziemlich auch das, was ich am Feminismus kritisiere. Es wird nicht nur allgemein mehr Freiheit verlangt, sondern diese als nur erreichbar dargestellt, wenn man damit tradiertes Rollenverhalten abwertet und ächtet.

„Eine freie Entscheidung wird den Menschen dabei nicht mehr zugebilligt. Wer klassische Rollenmodelle für seinen Lebensentwurf präferiert, der ist dieser Ansicht nach entweder gehirngewaschen (das Stockholm-Syndrom des Hausmütterchens) oder Teil der Unterdrückungsstruktur (der ewiggestrige Macho, der seine Privilegien nicht aufgeben will). Eine freie Entscheidung ist nur dann eine solche, wenn für diejenige Entscheidungsmöglichkeit optiert wird, die der Feminist präferiert.“

Da sind wir dann mitten drin im sog. Unmündigkeitsfeminismus. Das Stockholmsyndrom ist da ein passender Vergleich, da ja über verinnerlichten Sexismus argumentiert wird, der einen den Feind lieben lässt. Auf wen das nicht zutrifft, der muss eben Unterdrücker sein, denn Geschlechterrollen zu leben bedeutet sie zu reproduzieren, bedeutet Frauen und andere Minderheiten zu unterdrücken.

„Damit werden alte Zwänge aber schlicht durch neue ersetzt. Den alten Geschlechterstereotypen werden neue Rollenzwänge entgegengesetzt, die mitunter aber gar nicht mit den Präferenzen vieler Menschen vereinbar sind. Denn wie es der Autor dieses Artikels so schön ausgedrückt hat, existieren viele (nicht alle!) Geschlechterstereotype, weil sie der “gegenwärtigen überwiegenden Realität [entsprechen]“.“

In einer Theorie, die auf das Standard social Science Modell abstellt ist der Gedanke, dass Geschlechterstereotype eine Grundlage haben, bereits undenkbar und kann gerade im Feminismus nur unter der Frage von Machtinteressen behandelt werden. Da dort hauptsächlich auf die Spitze geschaut wird („Apex Fallacy„) und Ausgleichsleistungen ausgeblendet werden muss ein Festhalten oder bestärken eine Unterdrückung sein.

„Damit aber ist klar, dass das moralisch fragwürdige Projekt der Umerziehung der Menschen hin zu einem genehmeren Rollenverständnis von vornherein zum Scheitern verurteiltist.

Da geschlechterstereotypes Verhalten zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil seinen Ursprung in biologischen Dispositionen hat, wird sich dieses innerhalb unserer Lebenszeit schlicht nicht ausmerzen lassen, selbst wenn man es wollte.“

Ja, die Geschlechterunterschiede sind nicht rein zufällig, wie sie sind. Sie ergeben sich aus biologischen Dispositionen und häufig auch darauf aufbauenden spieltheoretisch erklärbaren Handlungsstrategien: Wenn zB Männer auch nur etwas lieber arbeiten gehen, statt die Betreuung der Kinderin Vollzeit zu übernehmen und dies bei Frauen andersherum ist, dann ergeben sich in den meisten Familien fast zwangsläufig „klassische Reproduktionen der Geschlechterrollen“.

„Zu beachten ist dabei allerdings, dass die Gendertheoretiker insofern recht haben, als dass der Unterschied zwischen Mann und Frau nicht essentialistisch gelesen werden darf und die Unterschiede in vielerlei Hinsicht fließend sind. Die Verschiedenheit von Mann und Frau äußert sich oft lediglich in statistischen Häufungen, die Rückschlüsse auf das jeweilige Individuum in vielen Fällen unzulässig machen. Dass es mehr Mädchen gibt als Jungen, die gern mit Puppen spielen, bedeutet nicht, dass es keine Mädchen gäbe, die ungern mit Puppen spielen oder dass es keine Jungen mit Vorliebe für Puppen gäbe. Menschen, deren Verhalten derart vom Gängigen und Üblichen abweicht, sind deswegen keineswegs defizitär, unnatürlich oder weniger werthaft als Menschen, deren Verhalten eher der Norm entspricht. Das klar zu machen ist durchaus wichtig.“

Auch insoweit volle Zustimmung. Wobei auch der Genderfeminismus seine essentialistischen Zuweisungen hat: Männer haben eben per „gelesenen Geschlecht“ Privilegien, die sie auch nicht loswerden, eine Erbschuld die essentialistisch an ihnen als Teil einer Gruppe festgemacht wird.

„In einer freien Gesellschaft sollte ein Rollenmodell stets nur ein Angebot sein und Konformitätszwang weitgehend ausbleiben. Umso schlimmer ist es, wenn nun vorgeblich tolerante Menschen ein Verhalten gegenüber Menschen mit klassischen Rollenpräferenzen an den Tag legen, wie sie es gegenüber Menschen mit unüblichen Präferenzen kritisieren.“

Ja, und das mit teilweise absurden Forderungen wie einem Kussverbot oder einem Abwerten von Allys zu geradezu minderwärtigen sklavenhaften Zuarbeitern ohne Recht auf eigene Meinung.

„Bleiben die Geschlechterstereotype. Wenn sich also das Wesen des Menschen nicht ohne weiteres ändern lässt, und sich eine Mehrheit der Menschen stets eher “rollentypisch” verhalten wird, sollten wir dann nicht wenigstens versuchen, den Leidensdruck der Menschen zu mindern, die dieser Norm nicht entsprechen?

Meiner Meinung nach lautet die Antwort: Ja, aber. Denn Menschen, die in irgendeiner Hinsicht aus der Norm fallen, werden sich auch in der tolerantesten aller Gesellschaften immer zu Anpassungsleistungen gezwungen sehen. Und zwar deshalb, weil Menschen mit vergleichsweise seltenen Eigenschaften stets aus dem Erwartungsrahmen fallen werden, den ein jeder Mensch benutzt um seine Umwelt möglichst effizient zu ordnen.“

Eine wichtige Einschätzung, die ich hier auch so schon einmal in ähnlicher Weise getroffen habe: Es ist die Denkweise unseres Gehirns erst einmal von dem Häufigen auszugehen, wenn es sehr häufig ist. So ordnen wir in vielen Punkten unser Verhalten und vereinfachen uns Entscheidungen. Sich davon frei zu machen, erscheint mir unglaublich schwierig und gelingt auch Feministinnen nicht.

„Reiche ich einem Menschen ein Messer, werde ich ihm den Griff auf eine solche Art hinhalten, dass er mit der Rechten leicht zugreifen kann – und dass, obwohl er unter Umständen Linkshänder ist.

Berichtet mir ein Mann von seiner Beziehung, werde ich zunächst einmal davon ausgehen, dass es sich dabei um eine Frau handelt.

Bekomme ich Besuch, werde ich diesem Alkohol anbieten – obwohl ich es mit einem Abstinenzler zu tun haben könnte.

Das tue ich nicht, weil ich Linkshändern, Homosexuellen oder Abstinenzlern Böses will. Und es bedeutet nicht, dass ich diese Eigenschaften abwerte oder Normalität (im Sinne von Häufigkeit) mit Werthaftigkeit verwechsle. Ich tue es, weil ich in der Mehrzahl der Fälle damit richtig liege.“

Normalitäten sind eben nicht per se darauf ausgerichtet, dass man den anderen Raum wegnimmt. Es ist schlicht eine Strukturierung der Realität, ohne die wir immer eine unüberschaubare Menge von Handlungsoptionen bedenken müssten. Unser Gehirn ist aus meiner Sicht gerade dazu geschaffen, solche Normalitäten zu nutzen und dadurch die Realität besser erfassen zu können.

Gehe ich mit einer solchen Annahme einmal fehl, entschuldige ich mich natürlich und korrigiere meinen Fehler. Von dieser Erwartung aber ganz abzulassen, würde mir ein sehr wirkungsvolles Instrument der Alltagsbewältigung rauben, von dem ich ungern ablassen würde.

Auch das ist etwas, was im Feminismus zu kurz kommt: Man kann, wenn man erkennt, dass der andere nicht der Normalität entspricht sein Verhalten eben entsprechend umstellen und dem anderen dadurch „Raum geben“. Natürlich kann es dabei unangenehm sein, wenn zB der Homosexuelle sich nicht traut zu seiner Homosexualität zu stehen, weil er nicht weiß, wie der andere reagiert. Aber angesichts der sehr geringen Anzahl an Homosexuellen lässt es sich kaum vermeiden, dass dieser Weg der effektivste ist. Im Gegenteil: Der Versuch immer neutral zu bleiben und alle Möglichkeiten offen zu halten wird wohl eher als anstrengend bemüht wahrgenommen werden. Ich hatte ja auch schon darauf hingewiesen, dass sich diese Vermutung eben auch anders herum auswirken kann: Bei einem Mann mit einem sehr weiblichen Auftreten (also einem „Klischeeschwulen“) wird die Vermutung aus den gleichen Gründen dahingehen, dass er Homosexuell ist, obwohl dies keineswegs der Fall sein muss.

Menschen, so denke ich, werden sich nur unter extremen Bedingungen dazu bringen lassen, von der Benutzung dieser höchst sinnvollen Heuristiken abzusehen.

Warum also versuchen, sie dazu zu bringen? Hier könnte man sich nun der alten Binsenweisheit bedienen, dass obsolet gewordene soziale Bewegungen stets nach neuen Betätigungsfeldern suchen, um sich ihrer Existenzberechtigung zu versichern. Das gilt insbesondere dann, wenn diese Bewegungen bereits soweit geronnen sind, dass sie sich in der bürokratischen Infrastruktur eines Gemeinwesens festgesetzt haben.

Ein Problem, das sich schlicht nich lösen lässt, ist dabei der Hauptgewinn eines jeden Kämpfers für die vermeintliche Gerechtigkeit, dessen Ansehen oder dessen Existenz auf dem fortwährenden Kampf gegen das Böse beruht.

Denn wenn der Patient partout nicht genesen will, dann braucht es eben immer mehr von der immer gleichen Medizin. Und das bedeutet vor allem eines: Mehr Geld, mehr Posten, mehr Aufmerksamkeit, mehr Prestige.

Es gibt in dieser ganzen Geschichte also durchaus jemanden, der nicht von seinen Privilegien lassen will. Es sind nicht die Anhänger des klassischen Rollenbildes

Das ist ein interessanter Hinweis: Der Kampf gegen Normativitäten, die sich aus Häufungen ergeben, ist in der Tat nicht zu gewinnen und damit ewig während. Es kann dem Leben einen Sinn geben, der nie endet. Und in dem man immer, wenn auch nur vermeintlich, gebraucht wird.

„Ich war schon immer anders“

Was ich auch für ein Argument für biologische Grundlagen halte, ist, dass man sehr häufig dann, wenn es zB um abweichende Geschlechterrollen geht einen Satz liest wie:

„Ich war schon immer anders“

„Ich war schon immer so“

„Uns war schon immer klar, dass er/sie anders ist“

Es sind eigentlich selten größere Ereignisse, die einen Umsturz oder einen Bruch herbeiführen, sondern häufig das Gefühl, dass man sich in den anderen Rollen wohler fühlt, dass man andere Begehren hat, dass man sich verstellen muss, um dazu zu gehören oder einen andere Kinder zB des gleichen Geschlechts als nicht zur eigenen Gruppe gehörig ansehen.

Wie wird das eigentlich in die Geschlechterrollentheorien eingebaut? Dass das Kind/der Jugendliche einfach einen hellen Moment hatte und gemerkt hat, dass Geschlechterrollen im egal sein können? Was bringt zB den etwas weiblicheren Jungen dazu trotz aller Ablehnung daran festzuhalten?

Einfach mal zur Diskussion gestellt. Mir ist es neulich beim Lesen einiger Berichte aufgefallen, dass es eine aus meiner Sicht sehr häufige Angabe ist.

„Geschlechterstereotypes Verhalten kann hilfreich sein“

In der Süddeutschen findet sich eine Interview mit Elisabeth Raffauf., die einen Erziehungsratgeber für Mädchen geschrieben hat.

Da gibt es einige interessante Passagen:

Von außen wirkt es häufig so, als müsste man sich um die Mädchen keine Sorgen machen. Sie sind gut in der Schule, machen ihren Eltern seltener Schwierigkeiten, achten auf ihr Äußeres. Doch Mädchen stehen heute gerade in der Pubertät unter einem unheimlichen Perfektionsdruck. Früher war es so: Mädchen mussten schön sein und Jungen cool. Heute sollen Mädchen schön und cool sein; Jungen nicht nur lässig, sondern auch einfühlsam und gepflegt. Manches Mädchen zerbricht innerlich daran, in allem brillieren zu müssen. Essstörungen sind besonders unter weiblichen Jugendlichen verbreitet – wobei eine Erkrankung längst nicht immer so offensichtlich ist wie bei Magersucht.

Also ein Perfektionsdrang unter den Mädchen, aber gleichzeitig auch mehr Druck auf die Jungs, die auch höhere Rollenerwartungen haben (und meines Erachtens nach auch schön sein müssen, wenn auch auf eine andere Art).

Und zum Aufbrechen der Geschlechterrollen:

Klar ist es toll, wenn Geschlechterklischees aufbrechen. Aber nicht alles, was gut gedacht ist, wird auch gut umgesetzt. So wird Jungen heute vermittelt: Es ist okay, auch mal zu weinen. Andererseits werden Mädchen dazu angehalten, sich Tränen zu verkneifen, wenn sie ernstgenommen werden und sich durchsetzen wollen. Das ist doch paradox! Es sollte nicht darum gehen, dass Mädchen werden wie Jungen – oder umgekehrt. Beide Geschlechter sollten lernen, ihren eigenen Empfindungen und Wünschen zu trauen und ihnen auch nachzugehen.

Meiner Meinung nach übertreibt sie da etwas: Jungs werden nur sehr oberflächlich dazu angehalten zu weinen, üblicherweise gelten die alten Rollenvorstellungen in leicht aufgelockerter Form fort. Und bei Mädchen ist es weitaus akzeptierter, wenn sie weinen, es geht eben nur um bestimmte Situationen, bei denen es darum geht sich durchzusetzen. Und in der Tat erscheint es mir auch schwer heulend als durchsetzungsstarke Person ernst genommen zu werden. Aber immerhin dürfen Frauen noch heulen: Ich kenne einige Frauen die so etwas sagten wie „Als mich der Chef zur Sau gemacht hat, war ich echt froh, dass ich erst geheult habe, als er raus war“. Was auch durchaus etwas ist, worauf man stolz sein kann, dennoch ist der gleiche Satz von einem Mann wohl kaum zu erwarten.

Allerdings ist ihr zuzustimmen, dass es wenig bringt, die Geschlechter einfach nur zu tauschen. Seinen eigenen Empfindungen und Wünschen nachzugehen erscheint mir da auch als ein guter Weg.

Und zu besseren Noten:

Warum schreiben Mädchen Ihrer Meinung nach bessere Noten?

Das hat sicher mehrere Gründe. Biologische Faktoren spielen eine Rolle, aber auch die Erziehung. Mädchen werden häufig angepasster erzogen. Das zeigt sich in alltäglichen Dingen. Sie werden von klein auf – und sehr viel konsequenter als Jungen – dazu angehalten, ihr Zimmer aufzuräumen, und darauf zu achten, dass alles hübsch aussieht. Sie werden darin bestärkt, geduldig zu sein und sich konform zu verhalten. Das kommt ihnen in der Schule zugute. Mädchen bemühen sich um eine schöne Schrift, haben sauber geführte Hefte und machen, was von ihnen verlangt wird. Das wird von den Lehrern honoriert. Natürlich gibt es heute auch Mütter, die versuchen, gezielt gegenzusteuern. Aber viele sind eben auch noch sehr geprägt durch ihre eigene Erziehung. Das trägt unter anderem dazu bei, dass Mädchen perfekt durchs System Schule laufen.

Aus meiner Sicht muss man es eher als Zusammenspiel von Natur und Gesellschaft darstellen: Mädchen sind im Schnitt leichter hin zur Anpassung zu erziehen, insofern fruchtet eine entsprechende Erziehung auch mehr. Das dieses Verhalten dann aber auch häufig den Lehrern zusagt, da es weniger Arbeit macht, würde ich aber auch so sehen. Interessant aber, dass sie zumindest auch biologische Gründe anführt.

Und zur Emanzipation und Geschlechterstereotypen:

Ist die Emanzipation also an der elterlichen Erziehung weitgehend vorbeigegangen?

Ich glaube, viele Eltern denken gar nicht so weit. Ihnen geht es nicht in erster Linie darum, ihre Kinder im Sinne einer gleichberechtigten Gesellschaft aufwachsen zu lassen. Sie wollen ihre Söhne und Töchter so erziehen, dass sie gut durchs Leben kommen. Sie versuchen, ihnen das zukommen zu lassen, von dem sie denken, dass sie es brauchen. Mädchen wird zum Beispiel häufiger vorgelesen, was sich positiv auf ihre spätere Lesefähigkeit auswirkt. Und bisweilen kann geschlechterstereotypes Verhalten sogar hilfreich sein: Die Gewissheit, einem Geschlecht zuzugehören, gibt Sicherheit. Wenn Mädchen diese Sicherheit als Kinder haben, können sie ihre Sexualität später selbstbestimmter leben.

Das in den letzten zwei Sätzen dargestellte wird im Feminismus leider häufig übersehen bzw. nicht hinreichend gewertet: Geschlechterollen und Geschlechterstereotype können einem den halt geben auch mit Abweichungen viel besser umzugehen. Nur weil etwas die Norm (im Sinne von: Wird am häufigsten Praktiziert) muss es damit nicht andere ausschließen. Es kann einem eben auch erlauben, sich wohlzufühlen und abweichendes Verhalten nicht als Abgriff auf sich zu sehen. Wer keine Vorgaben hat, der sucht sich häufig andere Muster und es setzt ein Kampf darum ein, welche Regeln nun gelten. Und das gerade Unsichere andere Unsichere stark angreifen können zeigen beispielsweise starke Gegner der Homosexualität, die sich dann selbst als homosexuell herausstellen.

Und zum Gleichgeschlechtlichen Unterricht:

Im gemischten Unterricht lernen Mädchen, wie Jungen sind, wie sie denken und wie sie mit ihnen umgehen. Im geschlechtergetrennten Unterricht trauen sich manche Mädchen mehr, melden sich eher auch mal in Fächern, in denen sie nicht gut sind. Andere wiederum empfinden den Druck der Geschlechtsgenossinnen, das Beobachtet- und Bewertetwerden, als höher.

Das ist natürlich etwas unkonkret, aber immerhin eine Differenzierung. Wäre interessant, da näheres zu zu lesen, etwa wie da die Verteilungen sind.

 

Die Männer- und die Frauenbratwurst

Edeka hat – auch wenn der Sommer bisher kaum Grillwetter bereit gestellt hat – ein diesbezügliches geschlechtsspezifisches Angebot gemacht:

Männer Frauen Bratwurst

Männer Frauen Bratwurst

Natürlich ist man im Feminismus nicht begeistert. Bei Antje Schrupp findet sich ein an Edeka geschriebener Brief, der das Grundproblem so beschreibt, dass die Männerwurst deftig gewürzt ist und zudem doppelt soviel Inhalt hat und die Frauenwurst teurer ist und darauf hingewiesen wird, dass sie fettarm ist.

Das Problem:

Sehr offen zeigt sich darin zunächst ein dumpfer Sexismus.

Männer essen viel und herzhaft, während Frauen vor allem dünn sein wollen – diese Annahmen über geschlechtsspezifische Eigenarten klingen durch.

Das sind natürlich auch gewagte Annahmen. Welche Frau will schon abnehmen? Oder ist an fettarmen Produkten interessiert? Ich kenne keine einzige Frau, die nach so etwas suchen würde. Es ist ja auch kein insbesondere auf Frauen bezogenes Schönheitsideal.  Das Männer eher mal eine Wurst mehr essen und eher darauf ansprechen, dass etwas herzhaft als kalorienarm ist, dass ist auch sehr gewagt.

Das Frauen eher als Männer Diätprodukte wollen ist aus meiner Sicht kein dumpfer Sexismus, sondern schlicht etwas, was der Realität entspricht. Das Firmen dies vermarkten mag man für falsch halten, das ändert aber nichts daran, dass es durchaus der Fall ist.

Der weitere Schluss:

Männer sind so, Frauen sind anders. Unterschiede sind in Stein gemeißelt.

Auch eine sehr gewagte Aussage aus meiner Sicht. Das solche Produkte immer nur an den Schnitt gerichtet sind und keine absoluten Aussagen treffen, dass ist den meisten Menschen wohl klar. Sicherlich werden einige Männer mit der schlankeren Wurst liebäugeln und sie dann wegen der Bezeichnung nicht kaufen, aber das ändert nichts daran, dass Frauen oder Männer keine anderen Würste essen dürfen. Würste errichten auch mit dieser Bezeichnung keine absoluten Geschlechternormen, gerade wenn sie dann noch mit einem entsprechend überzeichneten Bild versehen sind.

Frauen sollen gefallen, Männer dürfen genießen.

Eine hierarchische Rollenverteilung zugunsten der Männer ist darin deutlich eingeschrieben.

So weit, so äußerst unerfreulich.

Kann man auch umdeuten:

  • „Die feinere Wurst mit dem besseren Fleisch für die Frauen, weil sie besseres Essen verdient haben, die Männer können den deftigen Kram fressen, den sonst auch alle bekommen. „
  • „Männer sollen kräftig und muskulös sein, bei Frauen reicht es, wenn sie etwas auf das Gewicht achten“
  • Frauen bekommen eine ausdrücklich als „besonders“ bezeichnete (Extra-) Wurst, Männer etwas grobschlächtiges, unedles“

Danach könnte man behaupten, dass die Hierarchie hier zugunsten der Frauen errichtet wird. Was einen aber nicht weiterbringen würde.

Zu der normativen Wirkung der Wurst:

Fraglich ist darüber hinaus aber, warum in aller Welt überhaupt das Geschlecht beim Essen eine thematische Rolle spielen soll.

Ich nehme mal an, dass Sie die Produkte am Ergebnis irgendeiner Marktforschung ausgerichtet haben, die unterschiedliche Bratwurst-Vorlieben bei Frauen und Männern ergeben hat. Selbstverständlich sind Sie bemüht, mit Ihrem Sortiment die breitesten Geschmäcker zu treffen. Dass Sie deshalb zwei unterschiedliche Produkte kreieren, von denen Sie sich jeweils große Resonanz bei einem der Geschlechter versprechen, verstehe ich. Aber warum müssen Sie die auch geschlechterspezifisch benennen?

Denn wenn Frauen magere Wurst mit Gemüsefüllung tatsächlich so gern mögen, dann werden sie sie auch kaufen, wenn sie nicht als “für Frauen” gekennzeichnet ist. Durch die geschlechtsbezogene Bennennung aber agieren Sie normativ: Sie bestimmen, dass diese Wurst zu mögen, mithin auch magere Produkte zu bevorzugen, ein Zeichen von Frausein ist. Frauen mögen diese Wurst. Weil Frauen ja dünn sein wollen. Frauen sind so.

Wenn eine Frau nun lieber die “Männer-Bratwurst” mag, dann kann sie die natürlich essen. Aber damit wird ihre simple Grill-Mahlzeit zum Überschreiten einer – von Ihnen willkürlich gezogenen – Grenze ihrer Geschlechterrolle. Die Frau muss sich plötzlich zu ihrem Frausein verhalten, nur weil sie kräftig gewürzte Wurst mag. Sie tut etwas, dass “Frauen eigentlich nicht tun”. Ihre Produktbenennung setzt eine – vollkommen sinnlose – Norm, gegen die eine Frau verstößt, die den Fettgehalt von Speisen nicht zum primären Auswahlkriterium für ihre Ernährung macht.

Die Eingangsfrage ist eigentlich ganz einfach zu beantworten: Wie man dort richtig annimmt hat man wahrscheinlich die Bratwurstvorlieben der Frauen und Männer versucht zu treffen. Nimmt man das erst einmal an, dann ist es schon interessant, dass sie die obigen Annahmen einfach so als sexistisch bezeichnen. Aber gut. Hat man die Vorlieben, dann kann man zwei Produkte machen und diese Geschlechtslos vermarkten und hoffen, dass der Kunde erkennt, dass das eigene Produkt genau das ist, was er sucht oder man kann über einen persönlicheren Ansatz vorgehen und die Marktforschungsergebnisse gleich mit der Zielgruppe, die man für die jeweiligen Würste gefunden hat, verknüpfen. Wenn man also ein Produkt an (Hobby-)Sportler verkaufen will, dann kann man es zB „isotonischer Sportdrink“ nennen, wenn man etwas an Senioren verkaufen will, dann nennt man es „Seniorentaschenrechner“ (mit extra großen Tasten), obwohl es für Leute mit aus sonstigen Gründen geringen Sehvermögen oder schlechter Hand- Auge-Koordination vielleicht auch gut geeignet ist. Denn auf diesem Weg bringt man die Zielgruppe am ehesten dazu, dass es sich angesprochen fühlt und sich fragt, ob sie das Produkt will. Dann scheibt man noch zusätzlich das (Pseudo-) Argument dazu, welches der Person aus der Zielgruppe logisch erscheint und ihn dazu bringt, dass Produkt als für sich geeignet anzusehen.

Schauma Männer Shampoo

Schauma Männer Shampoo

An diesem Produkt sieht man es eigentlich ganz gut: Es gibt dutzende von Shampoos für jeden Haartyp. Da wird jeder Mann etwas passendes finden. Dennoch scheint sich für die Hersteller ein „Männer-Shampoo“ zu lohnen. Ich vermute, weil Männer vor dem Regal stehen und sich fragen, welches Shampoo das richtige ist und sie das Gefühl haben, dass ein Männershampoo schon das richtige sein wird – das praktizierte In-Grouping „ich bin für dich gemacht“ erleichtert schlicht die Entscheidung bei großer Produktvielfalt.  Deswegen sind die eigentlichen Vorzüge dieses Shampoos auch weniger auf Männerhaar ausgerichtet, sondern schlicht darauf, dass sie in männlichen Ohren gut klingen und positive Assoziationen wecken, zu Männern passen – die Zutat ist natürlich Hopfen, weil Bier und es verleiht „Stand und Volumen“, man vermutet fast, dass der Designer das Ganze erst als Witz gemeint hat und es zu übertrieben fand, es dann aber durch gewunken wurde.

Bei der Wurst ist das nichts anderes. Auch hier setzt man auf die Wirkung von Worten wie „kräftig“, bei den Frauen hingegen auf „besonders mager“. Beides sind eben Begriffe, die den jeweiligen Käufer besonders ansprechen sollen und ihn davon überzeugen sollen, dass das Produkt zurecht eine „Frauenwurst“ oder eine „Männerwurst“ ist.

Interessant wäre aus meiner Sicht auch, wie man dort zu anderen Geschlechterprodukten oder Aussagen steht. Frauenparfüm muss es ja eigentlich genau so wenig geben wie etwa Frauenhandtaschen oder Frauenuhren. Frauenquoten bedeuten ja auch, dass Frauen es nicht aus eigener Leistung schaffen, Männer aber schon, transportieren also ein sexistisches Frauenbild. Ebenso wie Frauenbeauftragte oder Frauenministerien.

Es wird dann noch gefragt, warum die Frauenwurst teurer ist, worauf Edeka immerhin antwortet:

in der Frauen-Bratwurst sei mehr besonders mageres Fleisch, außerdem hochwertiges Gemüse, und das Ganze sei in einen besonders zarten Saitling eingepackt, was die Herstellung dieser Wurst teurer mache als die der Männer-Bratwurst.

Leider wird von Strupp dieser Aspekt nicht in das Hierarchieverhältnis eingestellt.

Lustiger sind da schon die Kommentare über einen englischen Artikel zu dem Thema:

First it was penis envy, now the feminists have sausage envy!

 

MacKinnon: „Ein Gender zu haben bedeutet bereits in eine heterosexuelle Beziehung der Unterordnung eingetreten zu sein“

Aus Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen:

Gender ist folglich eine regulatorische Norm, die aber auch im Dienste anderer Formen von Regulierung steht. Den Darlegungen von von Catharine MacKinnon zufolge wird beispielsweise im Zusammenhang mit den Regelungen zum Schutz gegen sexuelle Belästigungen üblicherweise angenommen, bei der Belästigung handele es sich um eine systematische Unterordnung von Frauen am Arbeitsplatz, in der Männer im Allgemeinen belästigen und Frauen belästigt werden.

Für MacKinnon scheint diese Rollenverteilung die Konsequenz einer grundsätzlicheren sexuellen Unterordnung von Frauen zu sein. Wiewohl diese Regelungen sexuell erniedrigendes Verhalten am Arbeitsplatz einzuschränken suchen, führen sie gleichfalls bestimmte, unausgesprochene Normen über Gender mit sich. In gewisser Hinsicht wird die implizite Regulierung von Gender durch die explizite Regulierung von Sexualität herbeigeführt.

Für Mac Kinnon ist es die hierarchische Struktur der Heterosexualität, der zufolge Männer Frauen unterordnen, die Gender erzeigt: „Stillgelegt als ein Attribut der Person, nimmt die Ungleichheit der Geschlechter die Form von Gender an; als eine Beziehung zwischen Menschen in Bewegung nimmt sie die Form der Sexualität an. Gender entsteht als die geronnene Form der Sexualisierung der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen.

Wenn Gender die geronnen Form ist, die die Sexualisierung der Ungleichheit annimmt, dann geht die Sexualisierung der Ungleichheit dem Gender voraus und Gender ist deren Wirkung. Aber können wir uns ohne eine vorausliegende Vorstellung von Gender überhaupt einen Begriff machen von der Sexualisierung der Ungleichheit? Ist es sinnvoll zu behaupten, dass Männer Frauen sexuell unterordnen, wenn wir nicht zunächst eine Idee davon haben, was Männer und Frauen sind? MacKinnon vertritt indess nicht die Ansicht, dass es außerhalb dieser Form von Sexualität, und somit implizit außerhalb dieser unterordnenden und ausbeuterischen Form von Sexualität, keine Konstituierung von Gender gibt. Indem ihr Vorschlag zur rechtlichen Regelung sexueller Belästigungen auf diese Art von Analyse des systematischen Charakters sexueller Unterordnung zurückgreift, richtet Mac Kinnon eine Regulierung eigener Art ein: Ein Gender zu haben bedeutet bereits in eine heterosexuelle Beziehung der Unterordnung eingetreten zu sein. Es scheint keine geschlechtlich geformten Menschen zu geben, die außerhalb solcher Beziehungen leben, es scheint keine unterordnungsfreien heterosexuellen zu geben, es scheint keine nichtheterosexuellen Beziehungen zu geben, und es scheint keine gleichgeschlechtliche sexuelle Belästigung zu geben

MacKinnon sieht also in einem klassischen sexnegativen Feminismus heterosexuellen Sex als Versuch der Unterdrückung der Frau. Durch das zuweisen eines weiblichen Genders unterdrückt der Mann die Frau, die sich ihm innerhalb und durch dieses Gender unterordnen muss.

Das werden viele Frauen, die gerne Frauen sind, anders sehen denke ich. Wohl auch einer der Gründe, warum ihr Butler dann entgegenhält, dass sie damit andere Beziehungen, in denen es sowohl das weibliche Gender gibt als auch die Formen der Belästigung ohne weibliches Gender.

Dennoch interessant einen so klassischen Ansatz zu sehen, von dem sich Butler letztendlich auch nicht klar abgrenzt, eher andere Aspekte mit einfließen lassen möchte, wenn ich sie richtig verstehe.