Struktur (Soziologie)

Aus der Wikipedia:

Als Struktur gelten in der Soziologie Größen und gestaltende Kräfte, die zwischen Akteuren vermitteln. Die Struktur wird meist als Grundlage sozialen Handelns verstanden, wobei davon ausgegangen wird, dass sie Kontingenz (Wahlfreiheit beim Handeln) begrenzt oder auflöst und die Ursache für Handlungsmuster und die Verteilung von Macht ist. Die Struktur ist nach Ansicht vieler Soziologen omnipräsent und durchdringt alle sozialen Prozesse. Der Strukturbegriff ist vor allem eine Reaktion der Soziologie auf komplexe Geschehnisse, an denen eine Vielzahl verschiedener Personen mitwirkt und die sich nicht allein anhand der Interaktionen zwischen diesen Personen beschreiben lassen, aber dennoch relativ stabil ablaufen. Die Struktur überbrückt zeitliche und räumliche Distanzen zwischen einzelnen Handlungen und grenzt von vornherein die möglichen Handlungsverläufe ein. Sie ist damit einzelnen Handlungen vorgeordnet, wird aber nach Ansicht der meisten soziologischen Theorien aber gerade über sie reproduziert und konstruiert.

Theoretisch könnte man dann wohl die Biologie des Menschen auch als eine soziologische Struktur verstehen. Es wären Größen und gestaltende Kräfte, die die Wahlfreiheit in gewisser Weise  betreffen, weil sie bestimmte Entscheidungen attraktiver erscheinen lassen. Ich würde jedoch vermuten, dass die Soziologie eher menschlich geschaffene und soziale Strukturen im Auge haben.

Das Problem strukturalistischer Theorien besteht vor allem darin, dass sich die postulierten Strukturen nicht direkt beobachten lassen. Sie lassen sich lediglich anhand beobachtbarer Interaktionen rekonstruieren.

Und hier kommt eben eine große Schwäch soziologischer Theorien zum tragen: Strukturen, die man  nicht beobachten kann, kann man auch schnell falsch einordnen. Das ist insbesondere der Fall, wenn man sich lediglich auf reine Soziologie verlässt und die Biologie ausblendet. Denn dann werden menschliche Strukturen vermutet, wo tatsächlich biologische Strukturen vorhanden sind.

Dabei stellt sich vor allem die Frage, wie Interaktionen und Akteure mit der Struktur verknüpft sind. Viele Theorien haben versucht, auf diese Frage mit dem Konzept der Institution zu reagieren. Institutionen besitzen einen Mischcharakter aus Akteurs- und Struktureigenschaften, was es wiederum erschwert, sie nicht einer der beiden Kategorien zuzuordnen. Die Frage nach Strukturen, Institutionen und Akteuren spiegelt die grundsätzlichen Schwierigkeiten von Makro-, Meso– und Mikrosoziologie wider und zieht sich seit Émile Durkheims Werk Die Regeln der soziologischen Methode durch die Soziologie. Beispiele für Strukturkonzepte sind etwa Durkheims Gesellschaftsbegriff, dieSysteme von Talcott Parsons und Niklas Luhmann oder das soziale FeldPierre Bourdieus.

Man müsste wohl neben Struktur und Institution noch die Biologie und deren Einwirkungen ergänzen. Zumindest als Kontrolle inwieweit es überhaupt eine soziologische Erklärung ist, die die Effekte bewirkt.

In jüngerer Zeit hat der Strukturbegriff vor allem von poststrukturalistischen Soziologien Kritik erfahren, die sich nicht in der Tradition Durkheims sehen. Dazu zählt vor allem die Akteur-Netzwerk-Theorie, die eine soziale Struktur als eigenständige Größe ablehnt. Die Kritik bezieht sich dabei auf dieTranszendenz von Struktur, eine fehlende Möglichkeit zu ihrer Beobachtung sowie die Vernachlässigung vermittelnder Elemente vor Ort – beispielsweise technische Einrichtungen, Topografie oder kommunikative Verknüpfungen –, die es erst nötig mache, die Struktur als erklärende Größe heranzuziehen. Stattdessen schlägt die Akteur-Netzwerk-Theorie vor, soziale Gruppen nicht mehr mit rein menschlichen Versammlungen gleichzusetzen und so das Zustandekommen komplexer Handlungsmuster über zeitliche und räumliche Entfernungen besser nachvollziehen zu können.

Die Akteur-Netzwerk Theorie hat ebenfalls einen Wikipediaeintrag:

Die Akteur-Netzwerk-Theorie wurde zunächst entwickelt, um wissenschaftliche und technische Innovationen zu erforschen und zu erklären. Aber sie hat sich zu einer umfassenden soziologischen Theorie und Forschungsmethode entfaltet.

Die Theorie wurde bekannt, da sie im Gegensatz zu den meisten (nahezu allen) sozialen Theorien das Soziale nicht als das ansieht, was zwischen den Menschen entsteht, sondern die Beteiligung nichtmenschlicher Entitäten hervorhebt. Die Methode kann als „material-semiotisch“ bezeichnet werden. Dies bedeutet, dass sie die Verbindungen aufzeigt, die ebenso materiell (zwischen Dingen) als auch semiotisch (zwischen Konzepten) bestehen. Die Theorie geht davon aus, dass viele Verbindungen sowohl materiell als auch semiotisch sind. Zum Beispiel bezieht der Interaktionsraum einer Universität Studenten, Dozenten sowie deren Ideen ebenso ein wie Technologien, z. B. Stühle, Tische, Tafeln, Laptops und Schreibwaren. Zusammen bilden sie ein einziges Netzwerk namens „Universität“.

Die ANT versucht nun zu erklären, wie materiell-semiotische Netzwerke zusammenkommen, um als Ganzes zu handeln (z. B. ist die Universität sowohl ein Netzwerk als auch ein Akteur, und für manche Zwecke agiert sie als eine einzige Entität). Als einen Teilaspekt hiervon betrachtet die ANT explizite Strategien, die dazu dienen, verschiedene Elemente zusammen in ein Netzwerk zu integrieren, damit sie nach außen hin als ein kohärentes Ganzes erscheinen.

Gemäß der ANT sind solche Akteur-Netzwerke kurzlebig. Sie befinden sich in ständigem Werden und dauernder Wiedererschaffung. Dies bedeutet, dass bestimmte Beziehungen wiederholt vollzogen werden müssen, da sich das Netzwerk ansonsten auflösen würde (in unserem Beispiel müssen die Studenten täglich Lehrveranstaltungen besuchen, die von den Dozenten angeboten werden müssen und die Computer müssen in Gebrauch bleiben etc.). Es wird ebenso vorgeschlagen, dass Beziehungsnetzwerke nicht an sich kohärent seien und tatsächlich Konflikte enthalten können (z. B. könnte ein gespanntes Verhältnis zwischen Studenten und Dozenten bestehen oder auf den Computern Inkompatibilitäten bestehen). Soziale Beziehungen sind mit anderen Worten stets im Wandel und müssen permanent vollzogen werden.

Soziale, technische und natürliche Objekte werden in der Akteur-Netzwerk-Theorie nicht als durch die Gesellschaft zu erklären betrachtet, sondern als die Gesellschaft (mit)erklärend; ihr Einfluss auf die Gesellschaft wird also betrachtet. Wissenschafts- und Technikentwicklung ist demnach weder allein durch natürliche oder technische Faktoren noch allein durch soziale Faktoren verursacht.

Das würde aus meiner Sicht zu der Privilegientheorie passen. Man hat in gewisser Weise „Das Patriarchat“ als Akteur und als Netzwerk (bzw. innerhalb der intersektionalen Theorien die anderen privilegierten Gruppen), und die feministischen bzw. intersektionalen Theorien stellen ebenfalls darauf ab, dass man die „Wiedererschaffung“ behindern muss, eben indem Männer ihre Privilegien hinterfragen und diese nicht weiter praktizieren. „Männlichkeit“ „Weißsein“, „Heteronormativität“ wären insofern zum einen Versammelungen von Leuten und gleichzeitig Institutionen, die beständig durch eine Praxis der Handelnden wieder errichtet werden.

Im allumfassenden Patriarchat des Feminismus gibt es keine individuell handelnden Menschen

LoMi führt auf Geschlechterallerlei in den Kommentaren etwas interessantes dazu aus, dass es im Feminismus dank der umfassenden Patriarchatstheorie bzw. den Geschlechterrollen, aus denen man nicht ausbrechen kann, keine Individualität gibt:

Der Feminismus ist nur gerecht vor dem Hintergrund der Patriarchatsthese. Allein die Annahme übermächtiger und umfassender Herrschaft rechtfertigt alles das, was Feministen tun und Männern an-tun. Ohne diese These hat die feministische Moral keinen Boden mehr.

Ein weiteres Gerechtigkeitsproblem entspringt dem Menschenbild des Feminismus. Genau dieses Menschenbild führt zur hypoagency. Im allumfassenden Patriarchat gibt es keine individuell handelnden Menschen. Frauen sind allesamt bis tief in ihre Psyche hinein strukturiert durch das System und damit unterdrückt. Alles was sie tun und sogar denken, ist Ausdruck der Herrschaft. Diese Frauen können folglich keine Eigenverantwortung haben, denn sie sind ja gewissermaßen programmiert durchs Patriarchat.

Bei Männern ebenso: sie sind zwar handlungsmächtig, weil Herrscher, aber sie agieren als vollkommene Automaten im Dienste der Aufrechterhaltung der Männerherrschaft.

Beiden Geschlechtern wird keinerlei Fähigkeit einer kreativen Auslegung und Nutzung gesellschaftlicher Strukturen zugestanden. Deshalb zählen auch individuelle Handlungserklärungen auch nicht: Bei Frauen nicht, weil sie ja doch nur vollziehen, was ihnen die Männer eingeimpft haben. Sie können also nicht wirklich Spaß am Sex mit Männern haben. Bei Männern nicht, weil diese gar nicht bemerken, dass die von ihnen als harmlos eingestuften Handlungen (“hallo” auf der Straße) massive Unterdrückungshandlungen sind.

Insofern gibt es im Feminismus überhaupt keine Abwägung, die ein Tun individualisiert und das die dahinterliegenden Absichten miteinbezieht in das Urteil.

Man fragt sich nur, wie es den Feministinnen gelungen sein soll, sich quasi zu einem göttlichen Beobachterstandpunkt außerhalb des Systems aufzuschwingen.

Das hatte ich auch schon einmal in einem Artikel geschrieben:

An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass Sozialisierungs-Theorien gegen biologischen Modellen mit fließenden Geschlechtergrenzen und lediglich Häufungen bei bestimmten Mittelwerten wesentlich essentialistischer und determinierter sein können.

Danach unterliegen dann eben ALLE Frauen einer bestimmten Sozialisierung, weil die gesellschaftlichen Normen, die weiblichen Identitäten, die Geschlechterrollen jeder einzelnen Frau kraft Phänoptyp zugewiesen werden und Druck auf sie in diese Richtung ausgeübt wird.

  • Wer von einer starken Sozialisation ausgeht, die Frauen und Männer betrifft, der muss auch gleichzeitig davon ausgehen, dass es eine geringere Individualität bezüglich dieses Sozialisationsaspektes gibt.
  • Wer von einer schwachen Sozialisation ausgeht, dem fehlt das Argument, warum Frauen sich nicht so leicht von dieser frei machen können.

Der Nachweis, dass es erhebliche Abweichungen gibt, würde damit bedeuten, dass Geschlechterrollen nicht stark sind, und damit dem Feminismus ein wesentliches Element seiner Theorien nehmen, der Nachweis, dass sie stark sind und Frauen hindern, würde hingegen Frauen gleichzeitig ungeeignet für andere Bereiche machen, die entgegen ihrer Rollen bestehen.

Da der Feminismus von starken Rollen ausgeht, müssen Menschen alle gleich sein, wie Marionetten an den Fäden ihrer Geschlechterrollen etc hängen und von diesen kaum abweichen können. Denn anscheinend erkennen beispielsweise Frauen noch nicht einmal, wie nachteilig die Gesellschaft für sie ist und das sie dies in einer Demokratie ändern können, da sie die Mehrheit haben. Ein weitergehendes Denken beider Geschlechter, jedenfalls aber der Frauen, ist mit dem feministischen System nicht vereinbar. Individualität dürfte es nur in den engen Grenzen der Geschlechterrolle geben.

„Wenn Frauen nicht Feministinnen sind, verstehen sie ihr Leben als Leben zweiter Ordnung“

Antje Schrupp schreibt einen Artikel dazu, dass Frauen nicht per se Feministinnen sind und zur Mitwirkung der Frauen am Patriarchat:

Es ist aber die traurige Wahrheit: Das Patriarchat ist nie einfach die Herrschaft von Männern über Frauen. Sondern überall dort, wo es existiert, kann es auf die Unterstützung von Frauen zählen. Viele Frauen akzeptieren die ihnen zugewiesene Rolle einer Existenz zweiter Ordnung. Einer Existenz, die vom Mann abgeleitet ist. Sie akzeptieren die ihnen zugewiesenen Aufgaben, mehr noch, sie machen sie sich zu Eigen. Und: Sie sind es, die diese Ordnung anderen Frauen gegenüber vertreten, oft unbarmherzig.

Frauen sind nicht von Natur aus Feministinnen, sie müssen es werden, in einem bewussten Akt der Entscheidung, die alte symbolische Ordnung der Vorherrschaft des Männlichen nicht mehr zu akzeptieren. Ob es wahrscheinlicher ist, dass eine Frau diese Entscheidung trifft als ein Mann? Vielleicht, weil der Leidensdruck höher ist, weil sie mehr zu gewinnen hat. Vielleicht aber auch nicht, weil auch der Preis höher ist, den sie bezahlt. Eine Frau hat oft auch mehr zu verlieren.

Finde ich klasse in der Einfachheit der Schuldverlagerung: Dass die Gesellschaft und alles, was einem daran nicht gefällt ein Patriarchat ist, dass ist wohl unumstößliche Wahrheit. Wenn Frauen dann mitmachen, dann eben nur, weil die Frauen sich unterordnen. Warum sollten auch Frauen ganz bewußt an so etwas schmutzigen wie dem Patriarchat (welches dann auch nicht definiert wird und vollkommen vage bleibt) mitarbeiten? Es gibt ja für sie anscheinend keinerlei Vorteile.

Und natürlich hat die Frau da auch mehr zu gewinnen. Was wird allerdings nicht gesagt. Eben so wenig wie etwa eine feministische Gegenwelt beschrieben wird. Klar, der Vorstandsposten gibt mehr Kohle, er kommt aber auch nicht selten mit einer Menge Arbeit, viel Stress etc. Und der Job einer Frau eines Vorstandschefs ist in dieser Welt Unterdrückung. Wie schrecklich das aussehen kann, sieht man zum Beispiel hier an Ursula Piech.

Selbstbestimmte Frauen, die eigene Ziele verfolgen kommen hier nicht vor. Was erstaunlich ist, denn diese Beschreibung macht eigentlich nahezu alle möglichen Lebensweisen für Frauen zu einer Unterordnung: Die Karrierefrau biedert sich dem Patriarchat genauso an wie die Hausfrau, weil beide nach dessen Regeln spielen. Es würde mich interessieren, bei welchen Lebensentwürfen Antje da keine Unterwerfung sieht.

Auch ein weiterer Absatz ist interessant:

Dass es beim Feminismus nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer geht, wird oft gesagt, aber diese Aussage ist zwiespältig. Einerseits ist es natürlich auf eine banale Weise wahr. Trotzdem habe ich dabei ein leichtes Unbehagen, weil dieses „Es geht nicht gegen Männer“ leicht so verstanden werden kann, als sollten wir unsere Radikalität im Zaum halten, um die Männer nicht vor den Kopf zu stoßen, sie einzubeziehen, sie „abzuholen“.

Aber das ist nicht der Punkt. Beim Feminismus geht es aus einem viel schlichteren Grund nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer: Weil viele Frauen einen solchen Kampf gar nicht kämpfen, sondern sich mit dem Bestehenden arrangieren oder es sogar gut finden. Oder weil sie schlicht noch gar nicht auf die Idee gekommen sind, dass sie es überhaupt in Frage stellen könnten. Weil sie, die ja genauso wie die Männer in der herkömmlichen symbolischen Ordnung aufgewachsen und sozialisiert worden sind, vielleicht zwar ein diffuses Unbehagen verspüren, aber dafür bisher keinen politischen Ausdruck gefunden haben.

Der Absatz scheint mir etwas misslungen zu sein: Feministinnen sind ja nach ihrer Auffassung diejenigen, die sich gerade nicht arrangiert haben oder es gut finden. Also können sie auch gegen Männer kämpfen, was ja dann irgendwie als Forderung durchschimmert. Oder ist es kein Kampf gegen Männer, weil es auch ein Kampf gegen Frauen ist, eben gegen die, die sich arrangiert haben?

Feminismus ist die Weigerung, eine gesellschaftliche und kulturelle Ordnung anzuerkennen, die Frauen als vom Mann abgeleitete Wesen versteht. Als Wesen, die nicht ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern sozusagen nur über Bande mitspielen: Die die Welt verbessern, indem sie die Männer verbessern, die sich in der Welt behaupten, indem sie Männer imitieren, oder die die Gesetze der Männer anderen Frauen gegenüber exekutieren.

Eine recht sinnlose Definition, zumal die Hauptthese, dass diese Frauen in ihrem Leben keine eigenen Ziele verfolgen, kaum auch nur im Ansatz hinterfragt wird. Was ist, wenn Frauen zB das Ziel haben

  • in einer glücklichen Partnerschaft mit Arbeitssteilung zu leben
  • Mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen
  • Karriere nicht als Ziel sehen, dem sie ihre Lebensqualität unterordnen

All dies sind ja keine Ziele die nicht die eigenen eines Menschen sein können. Und was ist wenn sie beispielsweise sich gar nicht von ihrem Mann ableiten, sondern ebenso Forderungen an diesen stellen, etwa

  • das dieser ein guter Versorger und Beschützer ist
  • das der Mann nebenher noch möglichst sich an der Hausarbeit beteiligt
  • das der Mann auch ansonsten ihr zuarbeitet

Ist es dann eine Ableitung vom Mann, in dem sie leben?

Man kann den Mann verbesseren eben auch als Verlagerung von Tätigkeiten sehen, ein bestimmtes Verhalten nicht als imitieren sehen, sondern als Anpassung an einen Markt oder einen Beruf und dessen Regeln, die man als praktikabel und erfolgsversprechend erkannt hat und die „Gesetze der Männer“ als richtig ansehen, aus eigener Überzeugung, und in einer Demokratie als Gesetze der von einem selbst gewählten Vertreter im Parlament. Man kann auch von Männer gemachte Gesetze als frauenfreundlich und männerbenachteiligend ansehen, weil sich Männer anbiedern, um die Gunst weiblicher Wähler buhlen etc.

Eine Feministin erkennt man nicht an den Inhalten ihrer politischen Forderungen und Ansichten, sondern daran, ob sie aufgehört hat, ihr eigenes Leben (und das Leben anderer Frauen) als eines zweiter Ordnung zu verstehen

Also zB unabhängig von Unterhalt, Zugewinn, Versorgungsausgleich? Aber Spass beiseite: Eine ziemlich arrogante Aussage: Frauen, die ihr eigenes Leben leben, sind also zwangseingemeidet, alle anderen leben ein Leben zweiter Ordnung.

Eine ziemliche Abwertung der wohl nach ihrer Auffassung meisten Frauen.

 

„Rape Culture“ und der Wunsch nach Verletzbarkeit

Ein Artikel von Matt Forney mit dem Titel „The Case Against Female Self-Esteem“ sorgte für einige Aufregung, weil er davon ausgeht, dass viele Frauen verletzbar sein wollen. Seine drei Grundthesen sind:

1. Most girls have done nothing to deserve self-esteem

2. Insecurity is integral to femininity

3. Women don’t want to have high self-esteem

Ich bin auf den Artikel aufmerksam geworden durch eine Besprechung bei „Jugdy Bitch„, die zu den Thesen Stellung nimmt. Beide Artikel finde ich interessant zu lesen.

Einen Abschnitt bei Forney fand ich interessant:

Real life fails the Bechdel test. Feminists can claim that women don’t need men, but their actions put the lie to that; they need us far more than we need them. Girls will all but die without masculine attention. Hell, I’m even starting to think that the feminist agita about “rape culture” is part of this as well. Pushing lies like the claim that one in three women will be raped during her lifetime and their constantly expanding the definition of rape are ways for feminists to indulge their desire for vulnerability in a way that doesn’t conflict with their view of themselves as “strong” and “empowered.”

Das Patriarchat und die Rape Culture als Gegenpol zu dem stark sein müssen, als Überhöhung der Gefahr, damit man sich ihr trotz eigener Stärke hingeben kann, quasi also als Drama um Verletzbarkeit zu erzeugen, das finde ich irgendwie einen interessanten Gedanken.

Jugdy Bitch dazu:

This is an amazing insight, and one I hadn’t considered. Rape culture is not just about women’s fantasy of being irresistibly desirable, it’s also about being vulnerable in a way that doesn’t force them to confront the lies they tell themselves.

Also Rape Culture als Ausdruck von „Alle Männer wollen Sex (mich)“ und „es ist eine so starke Gefahr, dass auch eine so starke Frau wie ich in der Hinsicht Angst haben darf und verletzbar bin“. Vielleicht ein interessanter Gedanke auch in Hinblick auf „Unmündigkeitsfeminismus“ und „Female hypoagency“.

Weibliche Unterverantwortlichkeit (Female Hypoagency) und männliche Hyperverantwortlichkeit (Male Hyperagency)

Ein interessantes Konzept, dass aber gut zu den Privilegientheorien und der Aufforderung an die Privilegierten für die Taten ihrer Gruppe einzustehen, stellt „Female Hyoagency“ (von mir mit Weiblicher Unterverantwortlichkeit übersetzt, andere Vorschläge werden gerne entgegen genommen) und „Male Hyperagency“ (von mir mal mit Hyperveranwortlichkeit übersetzt, auch hier bin ich für bessere Vorschläge offen.
Zu den Konzepten:

Female hypoagency is what we call the cultural tendency to deny that women have agency. We are talking about imputed rather than real lack of agency. This means that when a woman does something, her agency in that act is denied, so that if that act is something bad, she will be immune from blame.

A necessary corollary of female hypoagency is male hyperagency. Under male hyperagency men are held responsible for all the things women are not.

I hope the sexism is obvious enough not to need further explanation and that the misogyny and misandry of this system is obvious too. One common form this takes is projecting women’s inaction, failures or the negative consequences of their actions onto men, as a culturral norm.

Demnach ginge es darum, dass Frauen eben innerhalb dieser Gedankenrichtung für nichts verantwortlich sind, nicht dafür, dass sie weniger verdienen, nicht dafür, dass sie eher wegen Kindern aussetzen, nicht dafür, ob sie Männer wählen, die gerne im Haushalt helfen, Frauen sind insoweit aller Verantwortung enthoben.

(Gender-) Feminismus ist, wie man an verschiedensten Stellen sieht, ein klarer Anwendungsfall einer solchen Weiblichen Unterverantwortlichkeit, denn es geht ja darum, dass Männer das Patriarchat / die hegemoniale Männlichkeit errichtet haben, Männer ihre Privilegien hinterfragen müssen und damit Männer letztendlich für alles verantwortlich sind. Im Feminismus hat man hierfür den Euphemsmus „Victim Blaming“ geschaffen, der dies verdecken soll, aber eigentlich genau das sagt: Das Opfer ist eben nicht schuld, sondern der Täter, und das Opfer ist die Frau und der Täter der Mann. Womit wir bei „male hyperagency“ wären, der Allverantwortung des Mannes für die Schlechtigkeit dieser Welt. Auch zu erkennen an Konzepten wie: „wenn das Patriarchat weg ist, dann wird es keine Vergewaltigungen, keine sexuellen Belästigungen und keinen Gender pay gap mehr geben, alle werden alles machen, und gebratene Tofustücke aus biologischen Anbau fliegen einem in den Mund (allerdings nur auf Wunsch, denn es gibt ja keine Rape Culture mehr)“.

Auf der oben verlinkten Seite finden sich auch noch einige Beispiele:

WAR – This is the claim that “men start wars” and that war is a male problem that men foist off onto innocent civilian bystanders. This relies on a completely uninformed and naïve understanding of war as some kind of sport that all those rough boys go off and do and the stray rounds fall on peace-loving innocent bystanders – in other words a complete denial of the benefits that women and others on the winning side derive from war, and a denial of women’s role in sending men to war.

POLITICS – This is the claim that men have all the power because they hold the majority of political office, despite the fact that women outnumber men as voters, so are responsible for all these male politicians being voted in. This ignores the troublesome fact that women make up the majority of voters. The engrained belief in hypoagency is what makes this denialism possible.

BENEVOLENT SEXISM – Every time women enjoy any kind of advantage due to gender – “privilege” – that has to be spun as being due to male action, or else it has to be spun as some kind of disadvantage. Labeling an advantage “benevolent sexism” accomplishes that.

This is not to deny that benevolent sexism is a fair way to describe what’s going on. For one thing, it damned sure is sexism – sexist against men, and we don’t experience it as particularly benevolent, not in the least. But on the other hand the Golden Cage is also harmful to women. Well, that’s just one more reason to identify and destroy all forms of female privilege.

Ein Videobeitrag dazu:

Wie sie dort darstellt, macht diese passive Sicht Frauen quasi zu Objekten, die durch äußere Umstände geleitet werden und nicht für die verantwortlich sind, weil nur etwas mit ihnen passiert, nicht sie etwas passieren lassen.

Im Genderfeminismus sind die Frauen passiv, haben den Sexismus schon so verinnerlicht, dass sie die patriarchische Welt schlicht akzeptieren.

Schon deswegen sollten sich Frauen mehr gegen diese Sicht auflehnen, die reine Passivität des Genderfeminismus spricht ihnen letztendlich ihre Emanzipation und ihre eigene Handlungsverantwortlichkeit ab.

Vom Verrat an das Patriarchat und dem Abfischen von Heteraprivilegien durch Sex mit Männern

Auf dem Blog Queerdenke_n schreibt die dortige Autorin in einem Artikel, dass sie zwar einfach auf Menschen steht, unabhängig von deren Geschlecht, aber das Label „Lesbe“ ihr als Identität wichtig ist. Dazu dann das Folgende:

Lesbe bedeutet für mich eine Menge, aber nicht: exklusiv auf Frauen stehend. Und weil es für mich eine Menge bedeutet, benutze ich es gerne. Schließlich fühlt es sich an wie ein wichtiger Teil meiner Identität, dass ich Frauen* liebe. Aber in letzter Zeit habe ich bemerkt, dass sich seltsame Gedanken eingeschlichen haben: Die Angst, dass jemand entdeckt, dass ich auch auf Männer* stehe und mich deswegen eigentlich gar nicht lesbisch nennen darf. Eine Art schlechtes Gewissen. Als könnte mir die Queerness oder Gayness plötzlich abhanden kommen, wenn ich mit einem Typen zusammen wäre und ich mich irgendwie an den Mainstream und das Patriarchat verraten hätte. Ich würde aufwachen und feststellen, dass ich nun alle erdenklichen Hetera-Privilegien abfischen kann und von „echten“ gay Leuten nur noch eine Freundin und Verbündete sein kann. Damit würde allerdings ein wichtiger Teil von mir ausgeblendet werden, nämlich die Gesamtheit dessen, was es für mich bedeutet, nicht straight zu sein.

Es zeigt aus meiner Sicht ziemlich genau auf, was diese Ideologie so interessant macht. Es wird ein Feinbild geschaffen und über klassisches Outgrupping hier von Heterosexualität und Männern eine Ingroup geschaffen, der man sich unter Abgrenzung zur Outgroup und Anerkennung des Feindbilds  zugehörig zeigen kann.

Es zeigt zudem auch, wie wenig diejenigen tatsächlich bereit sind, eigene Privilegien zu hinterfragen, sondern sich lieber in eine falsche Rolle flüchten.

Was eben auch daran liegt, dass das Abstreiten von Privilegien letztendlich in dieser Ideologie die vorteilhafteste Position ist. Wer keine Privilegien hat, der muss sich nicht rechtfertigen. Er kann Teil der Gruppe sein. Er muss sich nicht mit dem Ally-Status abfinden, sondern ist tatsächlich dabei.

Keine Privilegien haben kann damit ein Privileg sein.

Wie der innere Patriarch Feministinnen am bloggen hindert

In dem Blog Wolkenkuckucksblog geht es darum, dass sich viele Frauen nicht trauen ihren eigenen Blog zu betreiben, weil sie Angst haben ihre Meinung zu sagen. Es ist ein Aufruf, diesen Blog, der immer irgendwo in der Fantasie (eben im Wolkenkuckucksheim) betrieben wurde, doch entgegen aller Widerstände ins Netz zu stellen:

Die Darstellung der Widerstände ist interessant:

Diese existentielle Angst, wenn ich mal einen Blogkommentar (zweimal in meinem Leben habe ich mich das – unter Pseudonym! – getraut) oder ein Mailinglistenposting geschrieben habe – irgendwie fühlte sie sich doch sehr ähnlich an wie der Fluchtimpuls, der mich regelmäßig in platzhirschdominierten Gesprächsrunden ergreift. Dieser Drang, bloß unsichtbar zu bleiben. Diese Stimme, die mir einredete, ich habe nichts Sinnvolles beizutragen: War das nicht vielleicht der „innere Patriarch“, vor dem mich eine wohlwollende ältere Kollegin immer gewarnt hatte? Diese ständigen Gedankenschleifen: Ich blogge unter meinem richtigen Namen, ist doch Quatsch sich zu verstecken. Aber was, wenn ein wahnsinniger Internettroll mich aufspürt? Also doch ein Pseudonym? Aber das ist doch feige! Und da capo. War diese Angst vor „dem bedrohlichen Internet“ nicht sehr vergleichbar mit der Angst vor dem gefährlichen Park / der unheimlichen Seitenstraße / dem finsteren Hinterhof / der einsamen Haltestelle in der Dämmerung?

Das finde ich – mit Verlaub – doch etwas sehr weit hergeholt. Als ob irgendein Patriarch in irgendeiner Form Blogs, noch dazu feministische Blogs verbietet. Hier wird eine Opferrolle aufgebaut, die fern ab jeder Wirklichkeit ist.

Feministische Blogs gibt es vielmehr wie Sand am Meer, die Mädchenmannschaft wurde bereits mit Preisen überschüttet und es dürfte eher Mut verlangen, einen maskulistischen Blog aufzumachen, weil das tatsächlich erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen kann („Die innere Matriarchin?“).

Natürlich können auf einem Blog merkwürdige Kommentare aufschlagen. Aber dafür hat der Blogbetreiber ja genug Möglichkeiten, dies wieder zu ändern. Natürlich werden ein paar Idioten ihre Anonymität ausnutzen und blöde Sprüche machen. Aber daraus folgt nichts in der Wirklichkeit. Seinen kleinen feministischen Blog mit 100 Zugriffen am Tag sollte man auch nicht zu wichtig nehmen.

Hier wird ein normales Lampenfieber in eine patriarchale Unterdrückung umgemünzt. Vielleicht sollte man einfach dazu stehen, dass es nicht immer leicht ist, sich der Kritik andere auszusetzen, wenn man bloggt – um davor Angst zu haben, braucht man kein „inneres Patriarchat“.