„(Extrem-) Feminismus ist eine Art der Krankheitsbewältigung“

Erzählmirnix schreibt in einem Kommentar bei Maren:

Ich lese schon seit einiger Zeit die Texte von (Extrem)feministinnen und habe mittlerweile für mich die -vermutlich auf Empörung stoßende- Theorie, dass der Feminismus eine Art der Krankheitsbewältigung ist. Leider eine dysfunktionale, in der Analyse würde man wohl Rationalisierung sagen. Viele Strukturen (z.b. die ständigen “sicheren Räume”, die aufgebaut werden) erinnern an Vermeidungsverhalten von PTBS. Ich vermute, die meisten Radikalfeministinnen haben das ein oder andere Trauma im Hintergrund und die Depressionen, Borderline und Essstörungen sind eher sekundär-komorbide Erkrankungen davon. Ich habe, ähnlich wie du im Text schreibst, das Gefühl, dass eigene Probleme nach aussen verlagert werden (nicht ich bin krank, es ist das Patriarchat, und die die nicht krank sind, sind eben Teil des Systems)… die eigene Krankheit wird damit umgedeutet als Zeichen von Überlegenheit oder Notwendigkeit, denn wer erstmal “aufgewacht ist” und sieht, dass das Patriarchat da ist, KANN ja gar nicht mehr zufrieden sein. Genau deshalb auch dysfunktional, denn es bedeutet, dass sich die eigenen Probleme gar nicht bessern können oder dürfen.

Ich meine auch, dass die Theorien ideal dafür sind, Probleme nach außen zu verlagern. Was nicht bedeutet, dass alle Feministinnen dies machen. Aber die Häufungen von seelischen Krankheiten im Feminismus sind aus meiner Sicht kein Zufall.

Depressionen und Feminismus

Gerade im radikalen (Netz-)Feminismus scheint ein gewisser Hand zu Depressionen zu bestehen. Nachdem zB Nadine Lantzsch sich in der Hinsicht schon geoutet hat fallen einem auch eine Reihe anderer davon betroffener Netzfeministinnen auf. Ein Artikel bei Anarchie und Lihbe stellt es gerade auch noch mal in einer Jahresendzeitdepression dar:

Ich weine nicht über tote Kaninchen, ich weine um die Welt. Ich weine über die Situation der vielfältigen Unterdrückten. Über meine Situation. Über den Mehrwert, die Ware, den Zinseszins. Über die Erkenntnis, dass ich nicht mal eine Sprache besitze, die jenseits des kapitalistischen Rahmens klingt. Dass der kapitalistische Rahmen sich mit jedem meiner Schritte , und den Schritten anderer, ein Stück weiter ausdehnt, wie ein Luftballon, den man aufpustet, wie das Universum, in manchen Theorien. Ich weine um meine Unsichtbarkeit, die sich gar nicht so unsichtbar anfühlt, weil ich doch pinke Haare habe und grelle Klamotten und erst kürzliche noch auf einer Bühne stand. Ich weine um meine geringe Handlungsfähigkeit angesichts der Übermacht der *istischen Diskurse. Angesichts der Uhr, die läuft, von 0 bis 12 und von 12 bis 0. (…)

Ich soll Sport machen. Bewegung als das beste Antidepressivum. Die Frage ist : Will man funktionieren, wieso, und macht es das nicht schlimmer? Wenn ich jetzt klein beigebe, weitermache, die Zähne zusammenbeiße. Depression aushalten kommt nahe ran an eine ehrliche Haltung zum Sachverhalt. Konsequenter vielleicht als Lächeln und Winken.

Freund_innen/Verbündete/Andere, die alle das gleicheProblemzu habenscheinen.

Ich frage mich, was da das verbindende Glied ist.

Ein kurzes Googeln brachte zumindest die folgenden Symptome:

Stimmungen von depressiven Menschen

  •  sie sind bedrückt, traurig, verzweifelt
  • sie haben ein andauerndes Elendigkeitsgefühl
  • Minderwertigkeitskomplexe ( Man denkt, man ist nichts wert)
  • ängstlich, Angst vor dem Leben
  • hoffnungslos, Gefühl von Hilflosigkeit
  • sie wollen sich verkriechen
  • lebensmüde Gedanken, nicht mehr aufwachen wollen, alles Sch…
  • man sieht alles negativ
  • das Leben scheint sinnlos, warum lebt man überhaupt?
  • Hemmungen
  • Schuldgefühle
  • Schwinden des Selbstwertgefühls
  • Interessenverlust
  • Unruhe
  • Gefühlslosigkeit

Teile davon kann man denke ich durchaus im Feminismus ausleben. Die Unterdrückung durch den Mann/das Patriarchat/die hegemoniale Männlichkeit erlaubt einen, einen Grund für seine Angst zu finden, eine Theorie, die einen erlaubt sich richtig elendig zu fühlen, die Hoffnungslosigkeit vermittelt.

Es scheint auch einigen Feministen selbst so aufgefallen zu sein:

I use this anecdote to illustrate something I’ve been thinking about for a long time: are feminists depressed/anxious because they’re feminists, or are they feminists because they’re depressed/anxious? Are we the chickens, or are we the eggs?

From childhood on I felt uneasy with cultural norms–I was always the only kid in my social circle who loathed the ending of “Grease.” She changed for a guy? Yuck! We sensitive types recognize injustice more quickly and are attuned to suffering more deeply, so it makes sense that we would seek to participate in movements that are dedicated to ending injustice and relieving suffering.

We are chickens. Depressives and anxiety fiends make great feminists.

The work of feminism, whether in action or in our own minds, is exhausting. Being aware of oppression is a painful state. In the phraseology of most popular philosophical text of the late 20th century, we swallowed the red pills, not the blue ones. Additionally, feminism confronts the horrors of rape, sexual assault and abuse, domestic and dating violence and other REALLY REALLY AWFUL THINGS that over time become re-traumatizing. A lot of the things I hear and know are very upsetting, and there are times when I just can’t fucking take anymore.

We are eggs. Feminism can make you greatly depressed and anxious.

Hier also der Gedanke, dass Feminismus sowohl eine hohe Anziehungskraft auf Depressive haben kann als auch selbst depressiv machen kann.

Mich überzeugt da eher der erste Teil. Ich denke, dass Feminismus gerade für depressive Menschen eine besondere Anziehungskraft haben kann. Es erlaubt einem, sich in der Schlechtigkeit der Welt zu wälzen, es erlaubt einem gleichzeitig vielleicht das Gefühl zu haben, an den Problemen zu arbeiten. Ich denke auch, dass Leute mit einer gewissen Disposition für Depressionen hier ein Denken annehmen, dass immer weiter in einer Depression führt, weil IDPOL eine Abwärtsspirale erzeugt und nicht erfüllbare Anforderungen aufstellt.

Nein, dass bedeutet nicht, dass Feminismus per se depressiv macht und auch nicht, dass alle Feministen depressiv werden. Aber es wäre vielleicht besser für die depressiven, wenn sie sich eine positivere Weltsicht zulegen würden.