Das chinesische Zimmer (Philosophie des Geistes)

Bei dem „Chinesischen Zimmer“ geht es um ein Gedankenexperiment des Philosophen John Searle. Es spielt in der Philosophie des Geistes eine Rolle bei der Frage, ob es für ein Bewußtsein ausreichend ist, dass man ein bestimmtes Programm, also eine Reihe von Handlungsanweisungen durchführt.

Das Gedankenexperiment lautet wie folgt:

Searle beschrieb einen geschlossenen Raum, in dem sich ein Mensch befindet. Ihm werden durch einen Schlitz in der Tür Zettel mit Geschichten auf Chinesisch zugestellt. Er selbst ist der chinesischen Sprache nicht mächtig und versteht somit weder den Sinn der einzelnen Zeichen noch den Sinn der Geschichte. Danach erhält er noch einen Zettel mit Fragen zu der Geschichte (ebenfalls in chinesischer Notation). Der Mensch findet des Weiteren einen Stapel chinesischer Skripte und ein „Handbuch“ mit Regeln in seiner Muttersprache vor. Die Skripte enthalten Zusatz- und Hintergrundinformationen zu den Geschichten (eine Art „Wissensdatenbank“).[2] Das Handbuch ermöglicht es ihm, die Symbole mit der Geschichte in Verbindung zu bringen, allerdings ausschließlich auf der Ebene der Zeichenerkennung (über die Form der Zeichen). Auch entnimmt er dem Handbuch Anweisungen, welche Zeichen er (abhängig von den Zeichen der Geschichte, der Skripte und der Fragen) auf den Antwortzettel zu übertragen hat. Er folgt also rein mechanischen Anweisungen und schiebt das Ergebnis (die „Antworten“ auf die Fragen) durch den Türschlitz, ohne die Geschichte oder die Fragen verstanden zu haben.

Vor der Tür wartet ein chinesischer Muttersprachler, welcher die Antwortzettel liest. Er kommt aufgrund des Sinngehaltes der Antworten zu dem Ergebnis, im Raum befinde sich ebenfalls ein Chinesisch sprechender Mensch, der die Geschichte verstanden hat.

Damit kritisiert Searle Überlegungen wie den Turing Test, bei der es darum geht, dass ein Computer vorgaukelt, dass er ein Mensch wäre und ein Mensch davon in einer Unterhaltung aufgrund der (über einen Bildschirm gesendeten Antworten) davon ausgeht mit einem Menschen zu reden.

Denn in der Tat reicht das Vortäuschen eines Gespräches mit einer relativ großen Datenbank und Sätzen, die auf eine Vielzahl von Situationen passen wie „Kannst du das näher ausführen?“ nicht aus um tatsächlich an den Menschen oder auch nur ein Tier heranzukommen, dazu würden wir wohl verlangen, dass jemand Inhalte des Gespräches nachvollziehen kann.

Natürlich kann der Unterschied hier durchaus fließend sein: Beispielsweise reden wir mit Hunden, die sicherlich unsere Sprache auch nicht verstehen, aber teilweise aufgrund Tonfall etc wissen, was zumindest die „emotionale Botschaft“ der Nachricht ist oder bestimmte Tonfolgen erkennen und wissen, dass sie, wenn sie dann eine bestimmte Aktion durchführen, evtl eine Belohnung oder zumindest keine Strafe erhalten.

Das Experiment wird auch gerne gegen Theorien angeführt, die das Gehirn mit einer Art von Datenverarbeitungsmaschine vergleichen, die bestimmte Algorithmen abarbeitet. Searle sagte dazu:

Syntax is not sufficient for semantics, programs cannot produce minds.

  1. Programs are purely formal (syntactic).
  2. Human minds have mental contents (semantics).
  3. Syntax by itself is neither constitutive of, nor sufficient for, semantic content.
  4. Therefore, programs by themselves are not constitutive of nor sufficient for minds.

Mir scheint das Problem ein Scheinproblem zu sein, denn natürlich kann das Gehirn eines Menschen mentale Inhalte, und damit Semantik aufnehmen. Dazu haben wir ein Gedächtnis.

Ich frage mich bei so etwas immer, wie die Leute meinen, dass das Gehirn lernen soll. Die Regeln einer Sprache beispielsweise lassen sich natürlich in einem Buch darlegen und erklären. Es sind Regeln, deren Anwendungen man erlernen muss und dazu muss man zum einen die Regeln, aber auch die Datensätze wie Vokabeln und Bedeutungen „installieren“. Zugegebenermaßen ist unser „Installationsprogramm“ für Sprachen zumindest ab einem gewissen Alter sehr aufwändig, aber dennoch nimmt der Mensch eben Syntax und Semantic der entsprechenden Sprache auf und die Verarbeitung dieser, also die Verinnerlichung der Regeln ist eben durchaus auch für einen Computer vorstellbar.

Die große Frage, die aber eigentlich mit dem chinesischen Zimmer angesprochen wird, ist, wie aus verarbeiteten Daten ein mehr entstehen kann, etwas, was man als wirkliches Bewußtsein versteht.

Der Ansatz, dass der Mensch sowohl bestimmte Regeln anwenden als auch Daten aufnehmen kann, läuft unter dem Namen „Roboter Reply“. Dazu aus der Wikipedia:

Roboter-Ansatz
„Man erschaffe einen Roboter, der nicht nur formale Symbole entgegennimmt, sondern auch (von einem Computer-‚Gehirn‘ gesteuert) mit der Umwelt interagieren kann. Dieser Computer könnte Begriffe auf einer ganz anderen Ebene verstehen und mentale Zustände haben.“

Hier lässt sich kritisieren, dass der Roboter trotz andersgearteten Outputs noch immer keine intentionalen Zustände (Zustände, die sich auf etwas in der Welt beziehen) hat, er reagiert allein aufgrund seines Programmes. Dem liegt jedoch das Missverständnis zugrunde, dass biologische kognitive Systeme diesem Dilemma nicht unterworfen wären. Tatsächlich reagieren beispielsweise Kinder zunächst auch nur auf Reize, die ihnen angeboten werden. Biologische kognitive Systeme entwickeln eigenständige, komplexe Handlungen nur aufgrund ihrer genetisch bestimmten und sozial erworbenen Information.

In der Tat beruht die Kritik an dem Computeransatz auf einer Grundannahme, die zunächst zu widerlegen wäre: Nämlich eben der Frage, inwieweit das Verhalten und Denken Menschen oder Tiere eben auf mehr beruht als bestimmten Berechnungen.

Der größte Fehler scheint mir zu sein, dass das Modell zu stark vereinfacht und von zu einfach strukturierter Software ausgeht. Die Philosophie scheint mir von sehr einfachen „Input – Verarbeitungsschritt – fester Output“ auszugehen. Tatsächlich sind bereits heutige Computer zu weitaus differenzierteren Bewertungen in der Lage, die mehr als eine Variable verwerten und Fuzzylogik anwenden können.

Ein mögliches Modell dazu hatte ich hier zitiert:

The central concept of the memory-prediction framework is that bottom-up inputs are matched in a hierarchy of recognition, and evoke a series of top-down expectations encoded as potentiations. These expectations interact with the bottom-up signals to both analyse those inputs and generate predictions of subsequent expected inputs. Each hierarchy level remembers frequently observed temporal sequences of input patterns and generates labels or ’names‘ for these sequences. When an input sequence matches a memorized sequence at a given layer of the hierarchy, a label or ’name‘ is propagated up the hierarchy – thus eliminating details at higher levels and enabling them to learn higher-order sequences. This process produces increased invariance at higher levels. Higher levels predict future input by matching partial sequences and projecting their expectations to the lower levels. However, when a mismatch between input and memorized/predicted sequences occurs, a more complete representation propagates upwards. This causes alternative ‚interpretations‘ to be activated at higher levels, which in turn generates other predictions at lower levels.

Aber auch ansonsten wäre es zumindest möglich, dass bestimmte Berechnungen durchgeführt werden und deren Endprodukt unsere Art zu denken erheblich beeinflusst, beispielsweise in dem es unsere Motivationen und Gefühle vorgibt und uns damit in eine gewisse Richtung steuert, weil uns ein bestimmtes Verhalten richtig oder lohnenswert erscheint.

Im übrigen stellt sich die Frage, was logisches Denken oder Bewußtsein sonst sein soll als eine gewisse Form eines Denkprozesses im Sinne einer Berechnung. Magie wird man wohl kaum vertreten, ebenso wenig wie einen Geist im Sinne des spirituellen. Damit bleibt letztendlich kaum etwas anderes übrig als eine Form der Kalkulation oder die Ausgabe einer „Software“ im weiteren Sinne. Das Bewußtsein könnte letztendlich so etwas sein, wie das, was ein Programm auf dem Bildschirm ausgibt, das Endprodukt unserer Berechnungen, eine Benutzeroberfläche, die eine gewisse „Bedienung“ ermöglicht, also eine Verwertung der unterbewußt angestellten Kalkulationen ohne das man diese selbst zur Kenntnis nehmen muss. Weil für uns die unterbewußten Kalkulationen nicht als solche erkennbar sind erscheint uns das Bewußtsein gerade als selbstständiger Vorgang.

vgl.

Ist unser Gehirn eine Form von Computer?

Bei Diskussionen über die Arbeitsweise des Gehirns liegt es nahe, dass man Analogien zum Computer verwendet, weil diese die künstlichen Gebilde sind, die wohl abseits biologischer Gehirne am nächsten an einer Form von Denken herankommen.

Aus meiner Sicht ist es auch gar nicht anders vorstellbar als in dem Gehirn eine Form von Computer zu sehen, wenn auch eben mit einer gänzlich anderen Arbeitsweise.

Das hängt aber natürlich davon ab, wie eng man dies definiert. Die in der Wikipedia verwendete Definition des Computers lautet beispielsweise:

Ein Computer, auch Rechner oder Elektronische Datenverarbeitungsanlage, ist ein Gerät, das mittels programmierbarer Rechenvorschriften Daten verarbeitet.

Für mich liegt der wesentliche Faktor dabei darauf, dass das Gehirn natürlich Daten nach bestimmten Regeln verarbeiten muss. Wie sonst soll ein Gehirn sonst funktionieren? Alles andere muss schon Konzepte wie „Seele“ bedienen. Die Regeln mögen komplex sein und für uns gegenwärtig nicht nachvollziehbar und erst recht nicht nachbaubar, das ändert aber nichts, daran, dass Daten verarbeitet werden müssen.

In vielen Bereichen erschließt sich das auch ohne weiteres: Die meisten Menschen werden zustimmen, dass auf die Sehnerven treffendes Licht oder auf das Ohr treffende Schallwellen unproblematisch Daten sind, die nach Rechenvorschriften bearbeitet werden müssen, damit sie verwertbar sind. Das erfolgt bei uns vollkommen außerhalb des bewußten, es erscheint uns eine Selbstverständlichkeit, dass man sehen und hören kann, wir wissen aber aus den Versuchen, die Konzepte technisch nachzubauen, dass dies keineswegs trivial ist.

Die meisten Leute werden auch zustimmen, dass die Auswertung dieser Daten nach bestimmten Mustern erfolgt: Beispielsweise erkennen wir in bestimmten Mustern eher Gesichter, die Mustererkennung ist hypersensibel, vermutlich weil es unschädlicher ist, in einem Marmeladentoast Jesus zu sehen als in der Steinzeit ein verborgenes Gesicht nicht zu erkennen. Wir erkennen auch Bewegungen sehr schnell und fokussieren auf diese etc.

Es dürfte also recht unstreitig sein, dass bestimmte Teile unseres Gehirns schlicht Daten nach einem Programm verarbeiten und uns die Ergebnisse dieses Arbeitsprozesses zur weiteren Verwendung in aufgearbeiteter Form zur Verfügung stellen.

Wie dabei eine Vielzahl optischer Täuschungen und Tricks zeigen ist das Ergebnis dabei keineswegs ein Eins zu Eins Abbild der Realität, es erscheint uns aber so, weil wir es so sehen.

Genauso scheinen mir viele andere Prozesse einer Datenverarbeitung aufgearbeitet zu werden.

Hier mal ein Beispiel:

Ein Datensatz der verarbeitet wird

Ein Datensatz der verarbeitet werden muss

Wir entnehmen diesem Bild erst einmal verschiedenes

  • Es ist ein Mensch (auch wenn es eigentlich ein Bild an einem Computerbildschirm ist und zwar in der speziellen Form einer Frau (unsere Geschlechtererkennung funktioniert üblicherweise hervorragend)
  • Wir erkennen Signale für Fruchtbarkeit aus all den eintreffenden Lichtwellen, etwa die Brüste, der flasche Bauch, die großen Augen und vollen Lippen, das schöne Haar, die weibliche Stundenglasfigur, die reine Haut, die Symmetrie der Gesichtszüge.
  • Der Blick und die Mimik: der direkte Blick in die Augen deuten auf eine gewisse Fokussierung auf eine Person, das leichte Lächeln wird ebenfalls als Muster erfasst und verarbeitet werden.

Ich bezweifele, dass wir diese Datenverarbeitung tatsächlich ausschalten können. Die so erarbeiteten Daten dürften dann weiter gefiltert werden und es hängt vom Kontext ab, welche Datenverarbeitung einsetzt

  • Ein heterosexueller Mann, dem sich eine Frau in dieser Weise gegenüber an dem Stand liegt wird wohl den Blick und die ganze Ausrichtung als sexuelles Interesse deuten und es könnten Subroutinen wie „Erregung“ „Angst vor sozialer Blamage“ „und „Was kann ich machen, damit sie mich will?“ angeworfen werden
  • Ihr Liebhaber wird hingegen die Subroutine „Angst vor sozialer Blamage“ nicht mehr bemühen müssen, da in diese Richtung keine Signale mehr gesendet werden, er wird sich vielleicht ganz auf Erregung konzentrieren oder das Erregungssignal wird bereits weitaus schwächer wahrgenommen, weil die Subroutine es als bekannt erkennt und es daher eine geringere Aufmerksamkeit eingeräumt bekommt
  • Eine andere Frau, die mit ihr und einem potentiellen für beide interessanten Mann am Strand liegt wird die Signale ebenso empfangen und bei ihr gehen die Subroutinen „Konkurrenzbewertung“ und „Erlangung sozialer Dominanz oder Beschwichtungs- und Unterwerfungsgesten?“ oder „was kann ich machen um besser dazustehen und ihn für mich zu gewinnen“ oder „welche Anzeichen bestehen bei ihm dafür wie er uns bewertet?“ an.
  • eine liberale Mutter mag „Stolz“ empfinden und entsprechende Subroutinen dazu abarbeiten, eine konservative Mutter mag Routinen anwerfen, die auf „Welche Bewertungen nehmen andere Leute aufgrund der knappen Bekleidung vor und was sagt das über mich und meine Familie aus?“
  • etc

All diese Bewertungen sind erst einmal die Folge von Daten, die wir aufnehmen, verarbeiten, bei denen wir das Produkt der Bearbeitung wieder anderen Routinen zur Verfügung stellen.

Vielleicht hat die Bewertung als Konkurrentin bei der anderen Frau zB zur Folge, dass sie aufgrund der größeren Schönheit eingeschüchtert ist und ihr das Feld überlässt, vielleicht hat es zur Folge, dass sie selbst die Brust etwas rausdrückt und mehr lächelt als es sein Witz eigentlich hergibt, vielleicht schlägt sie ihm vor schwimmen zu gehen um so ein Gespräch zu verhindern. Auch all dies kann man als Rechenoperation aufgrund einer Chancenanalyse aus den Daten über die Situation darstellen, unabhängig davon, ob man einen „freien Willen“ annimmt oder ob man dabei wiederum andere Faktoren einfließen lässt.

Es müssen jedenfalls Daten verarbeitet und deren Produkte, erkannte Bewertungen und Muster wieder in neue Kalkulationen eingestellt werden, es muss also nach bestimmten Regeln eine Datenverarbeitung erfolgen.

Dabei scheint mir die „Computeranalogie“ auch unproblematisch mit einem Modell vereinbar zu sein, welches biologisch abgespeichterte evolutionär entstandene Regeln oder aber sozial erkannte und dann im Gehirn gespeicherte Regeln berücksichtigt. Denn wenn wir die obige Definition von Computer nehmen, dann ist es relativ egal, ob es sich um nicht zu bearbeitende Firmware handelt oder um computerlesbare Regeln, die einer bestimmten Programmiersprache folgend auf der Festplatte abgelegt worden sind. Es ist auch unproblematisch denkbar, dass bestimmte Regeln fest sind und durch soziale Daten verfeinert oder angepasst werden können.

Das mag man sich als Spielekonsole vorstellen, bei der bestimmte Daten gespeichert und gewisse Mods installiert werden können oder als Programm, in das bestimmte eigene Regeln eingegeben werden  können, die einen (ggfs umfassenden) Teil des Programmes modifizieren und anpassen können.

Bei meinem letzten Artikel dazu  hatte DJAdmoros noch folgendes zu dem Thema kommentiert:

Ich lasse die Frage nach der Brauchbarkeit der Computermetapher des Gehirns mal beiseite, weil die schon sehr gut kommentiert worden ist. Ich frage mich, was eigentlich das Explanandum der Argumentation ist: welche Problemstellung soll beantwortet werden?

Meinem Eindruck nach steckt das Explanandum in Formulierungen wie den folgenden:

»Eine Regel, die biologisch abgespeichert ist, kann auch über evolutionäre Vorgänge entstehen«

und

»Damit kann Biologie unser Handeln in gleicher Weise bestimmen, wie erlernte Regeln«

Anscheinend geht es um die These, biologisch verankerte Verhaltensgründe auch für denjenigen Bereich menschlichen Verhaltens plausibel zu machen, der üblicherweise als ein Produkt kultureller Steuerungs- und Selbststeuerungsprozesse gilt.

Die Computermetapher ist dem Ziel insofern dienlich, als sie es gestattet, die Arbeitsweise des Gehirns auf einen einzigen modus operandi, nämlich einen computeranalogen, zu begrenzen.

Der Haken an der Sache ist jedoch, dass nach Auskunft der Neurophysiologen (meine Referenz ist hier wieder Gerhard Roth, z. B. »Fühlen, Denken, Handeln«) das Gehirn in verschiedene funktionelle Bereiche differenziert ist, die ein unterschiedliches »evolutionäres Alter« aufweisen und die auf unterschiedliche Art und Weise arbeiten. Grob gesagt sind dies das vegetative Nervensystem (Kleinhirn), das limbisch-emotionale Gehirn und die Großhirnrinde, zu der insbesondere der assoziative Cortex gehört.

Hiervon ist das Kleinhirn »festverdrahtet«, das emotional-limbische System teilweise durch frühkindliche Erfahrungen prägbar und der assoziative Cortex, um bei der Computermetapher zu bleiben, »frei programmierbar«. Dem entsprechen Stufen der Persönlichkeitsentwicklung:

»Im strengen Sinne genetisch determiniert scheint die Persönlichkeit zu 40 bis 50 Prozent zu sein; ca. 30 bis 40 Prozent gehen auf das Konto von Prägungs- und Erlebnisprozessen im Alter zwischen 0 und 5 Jahren. Nur zu etwa 20 bis 30 Prozent scheint die Persönlichkeitsstruktur durch spätere Erlebnisse beeinflusst zu werden.« (Roth, a.a.O. S. 411)

Ich glaube, dass da nicht bedacht wird, dass die Systeme nicht vollkommen unabhängig sind, dass also quasi bestimmte Fragen allein durch „alte Gehirnbereiche“ und andere Fragen durch „neue Gehirnbereiche“ bestimmt werden. Eher halte ich das oben geschilderte Modell für realistisch, bei dem bestimmte Systeme Daten interpretieren und dann dem „Entscheidungsorgan“ vorlegen, allerdings nicht einfach zur freien Entscheidung, sondern mitunter mit einer Alarmsirene, die sich nicht einfach abschalten lässt, mit einem Hinweis „Dringend, sofortige Bearbeitung“ oder als Lagebericht, der die Entscheidung deutlich beeinflusst.

Es gibt hier das Bild von dem Elefanten und dem Reiter und in vielen Situationen ist es der Elefant schwer umzulenken:

Dort geht es unter anderem darum, ob unser logisches Denken oder unser unterbewußtes, emotionales, instinktives Denken unser Handeln beherrscht. Dazu wird die Metapher des Elefanten und seines Reiters bedient:

Der Elefant ist das unterbewußte, emotionale, instinktive Denken, der Reiter das logische Denken. Nun besteht die Möglichkeit, dass der Reiter nur auf dem großen und schweren Elefanten sitzt und all seine Bemühungen, den Elefanten in einer andere Richtung zu bewegen, egal sind, wenn der Elefant nicht in diese Richtung will oder aber der Elefant kann den Vorgaben seines Reiters willig folgen.

In dem Buch kommt Haidt zu dem Schluß, dass der Reiter einen geringen Einfluss hat, der Elefant gibt den Weg vor. Der Reiter muss sich bestimmte Schwankungen des Elefanten zu Nutze machen und ihn dann, wenn er gerade in eine bestimmte Richtung schwankt, in diese lenken. Häufig bleibe dem Reiter aber sogar nichts anderes übrig als hinterher eine Begründung dafür zu suchen, warum er ebenfalls genau in diese Richtung wollte (sprich: unser Gehirn rationalisiert nachträglich bestimmte emotionale Entscheidungen als vernünftig).

Ein anderes Interview mit einem Neurobiologen geht in eine ähnliche Richtung:

Dass es keinen freien Willen im klassischen Sinn gibt, heißt ja noch lange nicht, dass unser Gehirn so vorhersagbar ist wie ein Räderwerk. Auch die betreffenden Neurobiologen lassen etwas Freiheit und Raum für Kreativität. Nein, ich denke, das Einzige, wogegen sie zu Recht Sturm laufen, ist die dualistische Idee, derzufolge es einen von der Materie losgelösten Geist gibt, der Entscheidungen treffen kann. (…)

Die Physik weiß seit hundert Jahren, dass die Welt nicht streng deterministisch ist. In jedem System gibt es ein Hintergrundrauschen, teils durch Quanteneffekte bedingt, immer aber auch durch die thermische Bewegung. Das macht es prinzipiell unmöglich, den Lauf der Welt exakt vorauszuberechnen. Wir glauben nun, in unseren Versuchen Hinweise gefunden zu haben, dass das Gehirn dieses Hintergrundrauschen nutzt und je nach Bedarf verstärken kann. Wie das funktioniert, wissen wir bisher nicht, aber ich stelle es mir im Prinzip als eine Art Zufallsgenerator mit regelbarem Verstärker vor.(…)

Zum Zufallsgenerator kommt eine Selektionsebene hinzu. Entscheidung wäre dann ein zweistufiger Prozess: Erst werden Verhaltensoptionen generiert, dann wird mit Hilfe des Willens eine Auswahl getroffen.(…)

Studien zeigen, dass auch viele menschliche Entscheidungen hinterher vom Bewusstsein rationalisiert werden. Da wir nicht wissen, wie das Bewusstsein funktioniert, können wir auch nicht wirklich sagen, welchen Einfluss es hat. Klar ist nur, dass manches schon wegen der Laufzeiten bestimmter Nervensignale längst entschieden ist, bevor das Bewusstsein eingreifen kann. Aber hier wird nun noch mal der Unterschied von meinem Begriff und dem landläufigen Verständnis deutlich: Freier Wille nach meiner Definition ist unabhängig vom Bewusstsein!(…)

Mit der Willensfreiheit haben wir einen Begriff, der ausdrückt, dass wir Verhaltens- oder Entscheidungsoptionen haben. Andere Kollegen bezweifeln, dass das Rauschen eine zentrale Rolle spielt. Es Freiheit zu nennen, sei doch reichlich übertrieben. Ich hoffe allerdings, dass wir mit unseren Forschungen zeigen können, dass es eine zentral ins Gehirn eingebaute Funktion ist. Wenn ich neuronale Mechanismen für die Variabilitätskontrolle finde, dann wäre das ein Hinweis darauf, dass es eben kein Nebeneffekt ist, sondern ein von der Evolution selektiertes, bedeutsames Merkmal. Meine Hypothese ist sogar, dass es die Hauptaufgabe des Gehirns ist, die Balance zwischen Freiheit und Determinismus zu finden.(…)Wahrscheinlichkeiten sind äußerst selten genau null oder eins. Wie groß Ihre Chance war, hängt natürlich davon ab, ob Sie zum Beispiel schokoladensüchtig sind oder jemand mit der Pistole Sie gezwungen hat. Aber ganz auszuschalten ist die Variabilität nie.

Ich hatte es auch einem unter der Abgrenzung „Führen durch Auftrag und Führen durch Befehl“ diskutiert:

Das Führen über Befehl hat den Vorteil, dass man bestimmte Handlungen schnell erreicht und nicht davon abhängt, dass der Soldat die falschen Überlegungen anstellt. Das Führen durch Auftrag hat hingegen den Vorteil, dass der Soldat flexibler agieren kann und auf unvorhergesehene Umstände besser reagieren kann. Beide Prinzipien lassen sich auf die Steuerung durch Reflexe, Instinkte und Wünsche übertragen. Ein Reflex ist geeignet, wenn eine Reaktion möglichst schnell erfolgen soll. Nährt sich ein Objekt sehr plötzlich und schnell oder taucht ein anderer Mensch sehr plötzlich und schnell vor einem auf, dann ist es sicherer zunächst zurückzuzucken als die Lage zu analysieren. Wenn man nahezu alles frisst, was sich bewegt und die richtige Größe hat und vorbeifliegt, dann lohnt sich ein diesbezüglicher Schnappreflex. Das menschliche Leben erfordert allerdings wesentlich komplexere Entscheidungen. Dies dürfte auch daran liegen, dass die Gegenspieler intelligenter sind und daher ein verdrahtetes Verhalten zu schnell durchschauen und ausnutzen könnten. Wer immer gleich reagiert ist berechenbar, wer sich neue Wege ausdenken kann nicht. In dieser Hinsicht ist einfreier Wille sinnvoll. Allerdings ist es aus der imaginären Sicht der egoistischen Geneweiterhin wichtig, dass die Ziele “Weitergabe der Gene” erhalten bleibt.

Um so komplexer die Reaktionen des anderen und um so komplizierter die Situation um so günstiger ist die “Führung über Auftrag”. Wünsche sind daher nichts weiter als eine Auftragserteilung und die Intensität der Wünsche kann steuern, welche Priorität ein Wunsch hat. Dabei sind Maßstab für die Intensität des Wunsches – die Notwendigkeit der Wunscherfüllung – die Einfachheit der Wunscherfüllung Wer seit 2 Tagen nichts gegessen hat, der wird hungriger sein als jemand, der vor einer Stunde gegessen hat. Weil die steinzeitliche Erfahrung besagt, dass die Notwendigkeit für eine Wunscherfüllung steigt. Wer gut gegessen hat, aber etwas besonders nahrhaftes sieht, was er sich einfach nehmen kann, der mag noch einmal Hunger bekommen, weil eine solch gute Gelegenheit nicht ungenutzt bleiben sollte (vielleicht der Grund, warum Nachtische meist sehr Kalorienreich sind: Sie verführen uns so eher zum Essen trotz eigentlicher Sättigung (“etwas süßes geht immer”)). Die Vorgabe “Hunger” ermöglicht uns beliebige Wege einzuschlagen, sei es Jagd, die Suche nach Früchten etc oder das Einkaufen in einem Supermarkt. Es ermöglicht uns in der heutigen Welt unsere Planung so auszurichten, dass wir einer bestimmten Tätigkeit nachgehen, die kein Essen produziert, aber über das dafür erzielte universelle Tauschmittel Geld Lebensmittel zu erwerben. Dies wäre über einen Schnappreflex natürlich nicht möglich.

Eine andere Theorie zum Thema freien Willen stellt darauf ab, dass wir zwar meinen frei handeln zu können, aber gleichzeitig nicht auf eine Weise handeln, die wir als unlogisch ansehen.

Wenn wir auf eine bestimmte Weise handeln, dann muss uns dies zumindest logisch erscheinen oder wir müssen einen Grund, und sei es ein irrationales Gefühl, dafür erkennen können. Tatsächlich irrationales Verhalten in dem Sinne, dass wir etwas ohne Sinn machen können, kommt insofern nicht vor. Auch das würde gut dazu passen, dass wir eine Berechnungsoperation durchführen, in der wir zu einem Ergebnis auf der Grundlage bestimmter Daten gelangen, welches wir als beste Handlungsmöglichkeit bewerten.

DJAdmoros führt dann weiter aus:

Unabhängig davon, ob sich die grundsätzliche Funktionsweise neuronaler Netzwerke auf eine Computeranalogie bringen lässt oder nicht, liegt der entscheidende Unterschied in den unterschiedlichen Freiheitsgraden (in der Computermetapher: dem Grad der »Überschreibbarkeit«) der zerebralen Funktionsbereiche. Auch höhere geistige Prozesse haben ein biologisches Substrat, eine korrelierte neurophysiologische Aktivität. Aber sie unterscheiden sich von anderen neurophysiologischen Aktivität durch den Grad ihrer Offenheit für extrinsische Information, also für solche Information, die nicht von einem individuellen Gehirn, sondern von mehreren sprachlich miteinander gekoppelten, koordinierten Gehirnen erzeugt wurde.

Und Lernprozesse dieser Art haben die zusätzliche Eigenschaft, dass sie die Zeithorizonte evolutionärer Anpassung unterlaufen. Die Frage, ob diese Regeln auch durch biologische Evolution entstehen könnten, ist daher müßig und falsch gestellt. Kulturelle Regeln ermöglichen Verhaltensanpassung in Zeithorizonten, für die evolutionäre Prozesse zu langsam sind. Dieser wesentliche Unterschied wird durch eine Computermetapher des Gehirns verwischt, denn die »Software« auf dem Gehirn lässt sich nicht beliebig neu in den Speicher schreiben.

Evolutionär entstandene »Regeln« bleiben also nur in solchen Bereichen wirksam, die auch unter Bedingungen kultureller Variabilität konstant bleiben müssenund das ist primär alles, was die Fortpflanzung betrifft, denn ohne biologische Fortpflanzung stirbt notwendigerweise auch die jeweilige Kultur aus. Darüber hinaus betrifft es auch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung – aber eben nur genau soweit, wie diese Arbeitsteilung nicht von höheren Bildungsgütern abhängt. Je mehr eine Gesellschaft sich zu einer »Wissensgesellschaft« entwickelt, in der Wissen und Bildung strategische Ressourcen für den Wettbewerbserfolg einer Gesellschaft darstellen, desto stärker wird sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die kulturelle »Ordnung der Geschlechter« verwischen. Ohne dass man darum – wie das im Feminismus geschehen ist – die Erwartung ihrer vollständigen Aufhebung entwickeln müsste.

Das ist aus Sicht des Evolutionsbiologen sehr unsauber formuliert und das in doppelter Hinsicht:

  1. Evolution kann nicht planen. Regeln können also nicht vor dem Hintergrund erstellt werden, dass sie demnächst vielleicht kulturell geändert werden könnten. Sie können allenfalls vor dem Hintergrund wandelbar gehalten werden, dass sie sich bereits mehrfach und immer wieder geändert haben.
    Auf erst neuerdings eintretende Änderungen – etwa die erst in der Neuzeit auftretende Entwicklung, dass Mann und Frau wesentlich unabhängiger sind und zudem Sex und Schwanger werden strikt getrennt werden kann – kann die Evolution nur dann reagieren, wenn sich daraus ein entsprechender Selektionsdruck ergibt und ein hinreichend langer Zeitraum vergangen ist. Die „Neuzeit“ dauert aber gerade einmal selbst bei optimistischer Rechnung 6 Generationen an. Evolutionär gesehen sind das Sekunden.
  2. Nahezu alles ist von Fortpflanzung betroffen – wir sind Genvehikel, deren gesamter Aufbau nur den Zweck hat, Gene in die nächste Generation zu bekommen. Die Fortpflanzung ist in Graden in unsere Kultur eingebunden, die gerne übersehen wird – Statuserlangung, Signalling, Kooperation, alles dient der Fortpflanzung. Unsere Gesellschaft kann nicht einfach so unabhängig von unserer Biologie werden, weil Bewertungsroutinen, Attraktivitätsroutinen, Routinen für das Anzeigen von hohen Status und unsere Wünsche und Begehren in gewisser Weise biologisch selbst erhaltende Systeme sind, gegen die eine Selektion kaum möglich ist. Das mag nach einer sich selbst begründenden Regel klingen, aber das ist eben bei einem Selbstläuferprozess im Rahmen der sexuellen Selektion der Fall.

Wir werden daher allenfalls dazu kommen, dass wir die biologischen Regeln neu ausgestalten können oder neue Wege finden unsere Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen oder Werte zu signalisieren. Was früher Seidenstoffe waren mag heute das neuste Smartphone, sein, aber Signalling mit Luxusgütern an sich bleibt bestehen.

Die Routinen, nach denen unser „Biocomputer“ Bewertungen vornimmt, werden insofern mit neuen Daten gefüttert, die Routinen bleiben aber in vielen Fällen gleich.

Biologie des Denkens und Verstehens

Es überrascht mit immer wieder mit welcher Selbstverständlichkeit „Denken“ „Lernen“ und „Sozialisierung“ zugestanden werden und diese als Gegenpart zur Biologie des Menschen ausgebaut werden.

Mit einer Selbstverständlichkeit wird davon ausgegangen, dass diese klar abzugrenzen sind. Das eine ist sozial und damit beliebig komplex, dass andere ist biologisch und muss damit simple sein.

Dabei dürfte den meisten, sofern sie nicht davon ausgehen, dass diese Prozesse von einer „Seele“ übernommen werden, durchaus einleuchten, dass diese Vorgänge eine Art von „Hardware“ und eine Programmierung brauchen, die dies ermöglichen müsste.

Dabei sind „Lernen“ und „Sozialisierung“ sehr komplexe Vorgänge, die unser Gehirn in vielen Bereichen stark beanspruchen können. Ein gutes Beispiel ist der Spracherwerb.

Kleinkindern müssen dabei aus Schallwellen, die auf ihr Ohr treffen ohne weitere Informationen abseits derer, die sie genetisch erhalten haben, einen Code entwickeln, der diese zu einer Information macht, die man sinnvoll verwenden kann. Das ist eine erhebliche Leistung, die einem Erwachsenen nicht möglich ist. Die meisten Leute brauchen aktives Sprachtraining mit der Darlegung eines Schemas um eine Sprache zu erlernen, weil wir für das Erlernen einer Sprache nur eine gewisses Zeitfenster haben, in denen das entsprechende Programm aktiv ist.

Das soll aber nur ein Beispiel sein, es gibt viele andere Punkte bei denen Muster erkannt werden müssen, ob sie aufgrund von Lichtimpulsen, die auf Sehzellen oder aufgrund von Schallwellen bei uns eingehen.

Naive Vorstellungen gehen anscheinend davon aus, dass das Gehirn da schlicht ein reines „Logikprogramm“ fährt, welches ganz ohne Programmierung einfach so, quasi magisch, Regeln erkennen kann. Wie das gehen soll bleibt davon vollkommen offen. Dass eine Programmierung, die allgemein und vollkommen abstrakt Regeln aus sozialen Verhalten herleitet, durchaus ein beachtliches Wunderwerk wäre, wird schlicht damit abgetan, dass man eben denkt.

Es kommt noch ein weiterer Schritt dazu: Wenn ein Denkvorgang eine Regel erkannt hat, dann muss sie in irgendeiner Form in unserem Gedächtnis oder in unser Vorhaltung von Regeln gespeichert werden, damit sie später abgerufen werden kann, wenn man nicht schlicht auf „Magie“ abstellen möchte. Unser Gehirn muss also in der Lage sein, eine erkannte Regeln in eine Form von speicherbarer Information umzusetzen und diese im Gehirn zu hinterlegen, also in Form einer vom Gehirn abrufbaren Datenspeicherung festzulegen.

Das allein ist schon unglaublich faszinierend: Alles was wir Wissen und alles, was wir an Wissen über die Welt haben muss in in eine biologische Form von „Einsen und Nullen“ übersetzt worden sein. Wir müssen eine Einheit haben, die es schafft, alltägliche Informationen und Regeln in Daten zu übersetzen und als solche abzulegen. Wir dürfen dabei davon ausgehen, das diese nicht als Worte abgelegt werden, sondern in einem gänzlich anderen Datenformat, vielleicht sogar eher bilderähnlich.

Wir müssen des weiteren eine „Suchfunktion“ haben, die uns erlaubt Daten, die wir empfangen mit den in unserem Kopf abgespeicherten Regeln zu vergleichen und die dafür geltenden Verhaltensweisen zu aktivieren. Auch dies wird abstrakt mit „Lernen“ und „Verstehen“ bezeichnet und nicht weiter hinterfragt, was dafür überhaupt erforderlich wäre. Es wird vielmehr ein eigenständiger Raum geschaffen, in dem „Lernen“ und „verstehen“ stattfindet, und der die dafür erforderlichen Prozesse ausblendet.

Das bringt mich zu folgenden Thesen:

  • jedes Lernen erfordert das unterbewußte Übersetzen von Daten in einen abspeicherbaren Datensatz und deren biologische Hinterlegung im Gehirn und dessen biologische Einbindung in einen „Suchindex“ erfordert, um überhaupt funktionieren zu können
  • Damit muss es einen Mechanismus geben, mit dem passende Situationen erkannt, Regeln zugeordnet und diese als mögliche Handlungswege, die ggfs zu modifizieren sind, in eine Abwägung einstellt.

Desweiteren möchte ich die folgende These aufstellen:

  • Evolutionäre Vorgänge können über Mutation und Selektion unglaublich komplexe Konstrukte erzeugen (beispielsweise das Gehirn)
  • Verhaltensweisen, die biologische Ursprünge haben sind bei allen Tieren, von einfachen Reizen bis zu komplexeren Verhaltensweisen vorhanden und es wird davon ausgegangen, dass diese biologische Ursachen haben

Kombiniert man beides, dann ergibt sich:

  • Eine Regel, die biologisch abgespeichert ist, kann auch über evolutionäre Vorgänge entstehen, da durch Mutation und Selektion die entsprechenden Gehirnstrukturen enstehen könne, die auch beim Abspeichern der Daten vorliegen.
  • Es ist kein Grund ersichtlich, warum auf diese Weise entstandene Regeln nicht auch in den den „Suchindex“ aufgenommen sein sollten und insofern als „Handlungsvorschlag“ für bestimmte Situationen abgerufen werden. Damit kann Biologie unser Handeln in gleicher Weise bestimmen, wie erlernte Regeln.

Es ist sogar denkbar, dass entsprechende Regeln in „Vorrangregelungen“ eingebunden sind und zumindest dem Kern nach mit einem „Überschreibschutz“ verbunden sind oder anderweitig assoziativ auf eine bestimmte Weise eingebunden ist.

Das bedeutet in der Anwendung:

  • Wenn ein Mensch erlernen kann, was hübsch ist und die dazu gehörenden Regeln aus seiner Umwelt aufnehmen kann, dann muss er diese abspeichern können, was wiederum bedeutet, dass diese auch evolutionär entstehen können
  • Wenn ein Mensch erlernen kann, was Gerecht (zB ich bekomme für eine Arbeit eine Kartoffel, ein anderer für die gleiche Arbeit zwei Kartoffeln, wir sollten beide das gleiche bekommen) ist, dann muss er die dazu gehörenden Regeln aufnehmen und abspeichern können, was bedeutet, dass sie auch evolutionär entstehen könnte
  • etc

Dieses Modell erlaubt auch die unterbewußte Verarbeitung von Daten: Diese würde nach genau der gleichen Methode erfolgen und dann einfach nur in ein bestimmtes Signal an unser Bewußtsein übersetzt werden, etwa Angst, Hunger, Lust. Die Regel würde damit nicht in ihrer vollen Länge in unserer Bewußtsein gelangen „Kohlenhydrate sind wenig, suche Quellen für mehr“, sondern lediglich mit dem Gefühl Hunger, welches dann wiederum mit Problemlösungen verknüpft sind, etwa „Dort gibt es Essen“ oder „Das kann man Essen“.

Richtig ist, dass wir noch nicht wissen, wie das genau geht. Aber es damit abzulehnen ist ein „Argument, welches an Nichtwissen appeliert„. Vor nicht all zu langer Zeit hätte niemand geglaubt, dass man nahezu alles in Nullen und Einzen übersetzen kann und das man „Denkmachinen“ aus Silikon etc bauen kann, die damit komplexe Problem lösen. Wir sind was das Gehirn und seine genaue Arbeitsweise angeht schlicht auf dieser Stufe. Das bedeutet aber nicht, dass dies nicht geht.

Was mir in Betrachtungen zu unserem Denken insoweit oft zu kurz kommt, ist das anscheinend mit einer sehr beschränkten Komplexität gearbeitet wird. Ein Gedanke muss nicht direkt mit einer bestimmten neurolen Verknüpfung übereinstimmen. Es können verschiedene Daten auf verschiedene Weise und gleichzeitig aufgerufen, unterbewußte Berechnungen angestellt, mit anderen abgespeicherten Erfahrungen verglichen, Gemeinsamkeiten oder Assoziationen dazu ermittelt werden und dabei verschiedene Veränderungen eingeleitet werden. In einer dunklen Macht mag unsere Mustererkennung aktiver nach Augen und Gesichtern, Geräuschen von potentiellen Feinden suchen und uns ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit und Vorsicht beschleichen, dass dazu führt, dass wir unseren Kopf einziehen, den Hals schützen, möglichst wenig Angriffsfläche bieten wollen und gleichzeitig mögen Gehirnvorgänge eingeleitet werden, die Überbewertung potentieller Gefahrenquellen bevorzugen und uns schreckhafter machen.

Das wären noch recht einfache Programmierungen, die nicht per se dazu führen, dass wir nicht gleichzeitig über die Lösung hochkomplexer Probleme, die unser Frontalhirn erfordern nachdenken, wobei wir vielleicht spezielle Mathematikroutinen aktivieren um enthaltene Probleme zu lösen. Diese Lösungen werden vielleicht bewußt „Die Tragkraft der Brücke beträgt X Tonnen, die Belastung Y Tonnen“ ausgegeben werden, vielleicht auch nur unterbewußt „Träger dieser Dicke sollten eigentlich reichen“.

Aus der Fülle verschiedenster Denkoperationen kann dann an anderer Stelle ein Bild entstehen, evtl in einer Einheit, die eben die Unterberechnungen analysiert und in „bewußte Logik“ übersetzt.

Das so etwas mit Rechnenoperationen zu simulieren ist, ist uns in Anfängen auch schon bewußt. Ein sehr einfaches Beispiel wären „intelligente Computergegner“, bei denen ebenfalls eine gewisse Unberechenbarkeit und eine Reaktion auf bestimmte Handlungen simuliert wird. Dies geschieht mit einem im Vergleich zu unserem Gehirn geradezu mickrigen Code und einer noch mickrigeren Rechenleistung. Aber es ist gut vorstellbar, dass wir irgendwann Tiere damit simulieren können und irgendwann auch eine künstliche Intelligenz.

Mich würde an dieser Stelle interessieren, ob etwas so einfaches wie ein Computerspielgegner in einem modernen Egoshooter mit den Begriffen der Philosophie erklärt werden kann, wenn man ihnen nur den Computer und Szenen aus dem Spiel zur Verfügung stellt. Wäre es ein Dualismus aus Software und Hardware oder ist nicht letztendlich die Software über die Abspeicherung auf einer Festplatte auch Hardware? Wäre es die Identitätstheorie? Würde man darauf Abstellen, dass die Zustände in dem Prozessor und der Zugriff auf Festplatte und Arbeitsspeicher eine Identität zu den Handlungen enthält? Stellt sich hier ein Problem des Reduktionismus? Oder ist die Erkenntnis, dass der Umstand, dass aus Speichern zwar Nullen und Einsen abgelesen werden, aber diese in sich tiefere komplexe Regeln haben können schon eine Form der Emergenz? Wäre diese dann letztendlich nichts anderes als die simple Erkenntnis, dass komplexe Regeln gespeichert und verarbeitet werden können? Das wäre ja ein vergleichsweise banale Erkenntnis.

 

Überlegungen zu „Jeff Hawkins / Sandra Blakeslee: On Intelligence“

Ich lese gerade das Buch „On Intelligence“ von Jeff Hawkins und Sandra Blakeslee. Es enthält einige interessante Theorien

1. Mustererkennung

Nach der dortigen Theorie – wenn ich sie richtig verstanden habe – ist Intelligenz im wesentlichen die Fähigkeit Muster und Systeme zu erkennen und anhand dieser erkannten Muster Vorhersagen über ähnliche Zukünftige Situationen zu erstellen. Dabei werden die Muster erkannt, indem aus kleinen gespeicherten Teilen das Ganze erkannt wird. Danach wäre der Neokortex im wesentlichen eine Mustererkennungseinheit. Aus den eingehenden Signalen wird ein Muster ermittelt und in ein hierarchisches System eingeordnet. Weitere eingehende Signale werden mit diesem Muster verglichen und entsprechend eingeordnet. Über Verknüpfungen können dann Assoziationen hergestellt werden. Wenn wir beispielsweise den Anfang einer Melodie hören, dann reicht dieser Anfang für ein Erkennen des Liedes und es wird eine Assoziationskette in Gang gesetzt die uns von Erinnerungsschnipsel zu Erinnerungsschnipsel das ganze Lied erkennen lässt. Weil diese Kette aus einem Ereignis errechnet, welches als nächstes kommt, können wir problemlos das einmal verinnerliche Alphabet aufsagen, wenn wir es aber rückwärts aufsagen sollen, dann haben wir erhebliche Probleme und müssen uns anstrengen.

Dabei funktioniert das System in beide Richtungen. Zum einen können wir mittels einem kleinen Schnipsels den Zusammenhang erkennen und dadurch ermitteln, was als nächstes kommt, zum anderen bereitet das System uns auch darauf vor, welcher Sinneseindruck als nächstes kommt, weswegen wir mitunter sehen, was wir gerne sehen wollen und nehmen bekanntes eher war.

Hier noch einmal die Darstellung in der Wikipedia:

The central concept of the memory-prediction framework is that bottom-up inputs are matched in a hierarchy of recognition, and evoke a series of top-down expectations encoded as potentiations. These expectations interact with the bottom-up signals to both analyse those inputs and generate predictions of subsequent expected inputs. Each hierarchy level remembers frequently observed temporal sequences of input patterns and generates labels or ’names‘ for these sequences. When an input sequence matches a memorized sequence at a given layer of the hierarchy, a label or ’name‘ is propagated up the hierarchy – thus eliminating details at higher levels and enabling them to learn higher-order sequences. This process produces increased invariance[disambiguation needed] at higher levels. Higher levels predict future input by matching partial sequences and projecting their expectations to the lower levels. However, when a mismatch between input and memorized/predicted sequences occurs, a more complete representation propagates upwards. This causes alternative ‚interpretations‘ to be activated at higher levels, which in turn generates other predictions at lower levels. Consider, for example, the process of vision. Bottom-up information starts as low-level retinal signals (indicating the presence of simple visual elements and contrasts). At higher levels of the hierarchy, increasingly meaningful information is extracted, regarding the presence of lines, regions, motions, etc. Even further up the hierarchy, activity corresponds to the presence of specific objects – and then to behaviours of these objects. Top-down information fills in details about the recognized objects, and also about their expected behaviour as time progresses. The sensory hierarchy induces a number of differences between the various layers. As one moves up the hierarchy, representations have increased: Extent – for example, larger areas of the visual field, or more extensive tactile regions. Temporal stability – lower-level entities change quickly, whereas, higher-level percepts tend to be more stable. Abstraction – through the process of successive extraction of invariant[disambiguation needed] features, increasingly abstract entities are recognized. The relationship between sensory and motor processing is an important aspect of the basic theory. It is proposed that the motor areas of cortex consist of a behavioural hierarchy similar to the sensory hierarchy, with the lowest levels consisting of explicit motor commands to musculature and the highest levels corresponding to abstract prescriptions (e.g. ‚resize the browser‘). The sensory and motor hierarchies are tightly coupled, with behaviour giving rise to sensory expectations and sensory perceptions driving motor processes.

Jeff Hawkins scheint davon auszugehen, dass alle Muster direkt im Wege eines Lernprozesses im Neokortex erkannt werden und es keine „Festverdrahtungen“ gibt. Das erscheint mir unwahrscheinlich, schon bei der Sprache gibt es gute Argumente dafür, dass die Mustererkennung eine gewisse Unterstützung bekommt und das scheint mir auch die Erkenntnis, dass man solche Muster dennoch lernen muss, die Muster hier zuordnen und ausfüllen muss, nicht zu beeinträchtigen.

Ein solches System würde gerade davon leben, dass im Leben möglichst viel Muster erkannt werden und ein System erstellt wird, welches dann die eingehenden Daten auswertbar macht und uns erlaubt uns überhaupt in der Welt zurechtzufinden. Ohne das Erkennen von Mustern wäre ein Vorhersagen von zukünftigen Ereignissen nach einem Schema schlicht nicht möglich.

Gleichzeitig müsste auch die Einordnung in die Muster bzw. die Zuordnung von ähnlichen Vorgängen zu bestimmten Mustern möglich sein. Um so schneller man erkennt, dass man in einer bestimmten Situation auch so reagieren kann, wie es zu einer anderen Situation gepasst hätte, um so schneller kann man angemessen reagieren. Das gilt natürlich auch für das Erkennen, dass eine bestimmte Situation nicht zu einem Muster passt und eine Ausnahme zu bilden ist.

Dabei können wir diese Muster nicht nur durch eigenes Erleben, sondern auch durch Erzählungen oder das Lesen der Erfahrungen Anderer lernen.

Das würde zunächst einmal bedeuten, dass Vorurteile und Stereotype nicht vermeidbar sind und das diese insbesondere dann entstehen, wenn sie durch die Mustererkennung bestätigt werden. Es würde also nicht verwundern, dass Stereotype und Vorurteile häufig einen gewissen wahren Kern haben.

Ein tatsächlich poststrukturalistischer Zustand wird damit für Menschen nicht zu erreichen sein. Wir brauchen und entwickeln immer Strukturen, Muster etc, weil wir sie brauchen um anhand dieser Vermutungen über die Zukunft anstellen zu können.

Es wäre auch zu vermuten, dass wir offensichtlich falsche Muster erkennen, so dass es nicht so einfach ist, uns falsche Muster einzugeben, wenn diese nicht durch „höhere Glaubenssätze“ wie eine Ideologie oder Religion in ein übergeordnetes Muster eingeordnet sind, dass schwerer aufzubrechen ist, weil es mit vielen anderen Mustern verbunden ist.

Aufklärung und wissenschaftliches Arbeiten würde demnach ein Denken fördern in dem Wissen hinterfragt wird, ideologische Einordnungen würden dies hingegen erschweren.

Das erklärt vielleicht auch, warum man von einem falschen Grundmuster schlecht wegkommt, wenn es zumindest einigermaßen passt. Hat man beispielsweise als Grundmuster den Kampf der Gruppe Mann gegen die Gruppe Frau im Macht akzeptiert, dann reagiert die Mustererkennung auf Machtsignale, die es in das bestehende Muster einordnen will. Solange diese Einordnung möglich ist wird diese Denkweise immer weiter ausgebaut.

Das macht aber nicht alle Vorstellungen lernbar. Wenn bestimmte Reaktionsmuster oder Reaktionen durch andere Bereiche beeinflusst sind, zB die Reaktion auf Attraktivitätsmerkmale mit Interesse und Erregung , dann muss dies nicht unbedingt durch andere Punkte überspielbar sein.

2. Bodymap

Bewegungen wären nach dieser Theorie auch nur das Aufrufen bestimmter Muster, also das mentale Abrufen des Bildes, wie man etwas macht zB aufgrund einer bestimmten Vorhersage, dass dann in untergeordneten Prozeduren in bestimmte Bewegungsmuster umgesetzt wird. Das würde erklären, warum wir mitunter aus Gewohnheit bestimmte Sachen machen, weil wir sie gewohnt sind: Das Gehirn hangelt sich die Vorsagenkette entlang und setzt sie in Bewegungsimpulse um, weil wir die Kette nicht durch andere Ziele unterbrechen.

Um diese Bewegungen ausführen zu können muss das Gehirn zunächst wissen, welche Körperteile es überhaupt gibt. Es muss also anhand der vorhandenen Leitungen und Nervenbahnen ein Muster des Körpers anlegen, welches dem Gehirn erklärt, was für Körperteile eigentlich vorhanden sind.

Das Gehirn ist in gewisser Weise von der Aussenwelt abgeschnitten, es kann nur in dem Gehirn eingehende Daten verwerten und sich hieraus ein Muster bzw. einen Plan errechnen.

Verliert man beispielsweise einen Arm, dann wird dieser Plan anscheinend nicht vollständig nach zB optischen Daten aktualisiert, sondern es werden anscheinend die noch vorhanden Daten zumindest teilweise beibehalten, weswegen man Phantomschmerzen in einem nicht mehr vorhandenen Arm haben kann.

Ist der Plan falsch angelegt oder wird zB durch eine Schädelverletzung beschädigt, dann kann es zB sein, dass der Arm in dem Bodyplan nicht mehr vorhanden ist und als Fremdkörper wahrgenommen wird („Alien Hand Syndrom„).

Interessant könnte es sein, diese Theorie mit Transsexualität abzugleichen: Dass auch Transsexuelle das Gefühl kennen im falschen Körper zu stecken könnte darauf hindeuten, dass der Körper die ursprüngliche Bodymap nach genetischen/hormonellen Vorgaben erstellt und nicht rein aus den eingehenden Signalen herausfiltert. Transsexuelle würden dann teilweise eine falsche Bodymap haben und zB am Penis eine Art  Alien Hand Syndrom erleben bzw das Gefühl haben, dass da etwas sein sollte, was nicht da ist.

Das Ich als gefilterte und angepasste Wahrnehmung der Wirklichkeit

Steven Pinker schreibt in „The Blank Slate“:

Cognitive neuroscientists have not only exorcised the ghost but have shown that the brain does not even have a part that does exactly what the ghost is supposed to do: review all the facts and make a decision for the rest of the brain to carry out.31 Each of us feels that there is a single “I” in control. But that is an illusion that the brain works hard to produce, like the impression that our visual fields are rich in detail from edge to edge. (In fact, we are blind to detail outside the fixation point. We quickly move our eyes to whatever looks interesting, and that fools us into thinking that the detail was there all along.)

The rain does have supervisory systems in the prefrontal lobes and anterior cingulate cortex, which can push the buttons of behavior and override habits and urges. But those systems are gadgets with specific quirks and limitations; they are not implementations of the rational free agent traditionally identified with the soul or the self. One of the most dramatic demonstrations of the illusion of the unified self comes from the neuroscientists Michael Gazzaniga and Roger Sperry, who showed that when surgeons cut the corpus callosum joining the cerebral hemispheres, they literally cut the self in two, and each hemisphere can exercise free will without the other one’s advice or consent. Even more disconcertingly, the left hemisphere constantly weaves a coherent but false account of the behavior chosen without its knowledge by the right. For example, if an experimenter flashes the command “WALK” to the right hemisphere (by keeping it in the part of the visual field that only the right hemisphere can see), the person will comply with the request and begin to walk out of the room. But when the person (specifically, the person’s left hemisphere) is asked why he just got up, he will say, in all sincerity, “To get a Coke” — rather than “I don’t really know” or “The urge just came over me” or “You’ve been testing me for years since I had the surgery, and sometimes you get me to do things but I don’t know exactly what you asked me to do.” Similarly, if the patient’s left hemisphere is shown a chicken and his right hemisphere is shown a snowfall, and both hemispheres have to select a picture that goes with what they see (each using a different hand), the left hemisphere picks a claw (correctly) and the right picks a shovel (also correctly). But when the left hemisphere is asked why the whole person made those choices, it blithely says, “Oh, that’s simple. The chicken claw goes with the chicken, and you need a shovel to clean out the chicken shed.”

Unser ich ist insofern nur eine Art Illusion, keine Abbildung der Wirklichkeit, sondern eine Art Bildschirm, auf dem bestimmte vorgefilterte Bilder, in einem bestimmten Licht gezeigt werden. Das Unterbewusstsein filtert nach bestimmten Kriterien für uns vor, was wichtig ist und in welchem Licht wir es sehen sollen. Alle Filter und Sinneseindrücke, die danach noch verbleiben, schaffen dann das von uns wahrgenommene Bild, welches wir als Wirklichkeit begreifen.

Dabei sind Gefühle und Gemütszustände auch eine Art Filter, die uns bestimmte Informationen in einem bestimmten Licht sehen lassen. Wer beispielsweise depressiv ist, der kann nicht ohne weiteres aus dieser depressiven Stimmung ausbrechen, weil dieser Filter seine Wahrnehmung bestimmt und zunächst keine andere Sichtweise zulässt. Wenn wir wütend sind, dann reagieren wir auf bestimmte Aktionen anderer vollkommen anders, weil uns dies als richtige Reaktion auf ihr Verhalten erscheint. Der Hinweis, dass man übertrieben reagiert, weil man wütend sei, stachelt unsere Wut dann oft noch mehr an, weil wir die mit der Wut verbundene Irrationalität an uns dank der Filter nicht wahrnehmen. Eine Frau, die stark von PMS betroffen ist wird deswegen auch auf den Vorhalt, dass man nicht mit ihr diskutieren will, weil man der Meinung ist, dass es aufgrund ihres PMS zu nichts führt, anführen, dass es keineswegs daran liegt, dass sie PMS hat, sondern, daran, dass er sich aufführt, wie der letzte Mensch. Ein geiler Mann wird entsprechend einen starken Aufmerksamkeitsfilter auf sexuelle Signale etc ausrichten und die Ermöglichung von Sex wird in seinem Denken eine weitaus höhere Priorität erhalten als dies „logisch“ ist.

Noch krasser ist dies dann eben bei Wahnzuständen oder anderen Geisteskrankheiten, bei dem dem Betroffenen sein Handeln ebenfalls vollkommen logisch erscheinen vermag.

Insofern ist unsere Wahrnehmung etwas subjektives: Natürlich wird sie überwiegend die Realität abbilden, weil dies häufig ja auch der Zustand ist, den wir benötigen um Handeln zu können. Unsere Wahrnehmung und unser Denken ist dabei aber letztendlich auch nur ein Produkt unserer Evolution und damit als obersten Ziel der Weitergabe und Förderung der eigenen Gene verpflichtet. Was wir wahrnehmen und was uns logisch erscheint kann diesen Zielen unterworfen werden. Wenn die selektive Abbildung oder bestimmte Gedanken in einer bestimmten Situation günstiger sind als eine reine Wiedergabe der Wirklichkeit, dann kann sich eine Selektion durchsetzen, die diese selektive Abbildung oder diese bestimmten Gedanken fördert.

Anscheinend ist es vorteilhaft gewesen, wenn uns unsere Handlungen zumindest im Nachhinein sinnvoll erscheinen. Das Gefühl überlegt und aus einem bestimmten Grund zu handeln („To get a coke“) und nicht einfach als Marionette unterbewußt aufgenommener Bilder scheint Vorteile gebracht zu haben, sodass solche Entscheidungen uns als selbst getroffen und rational erscheinen, auch wenn sie dies eigentlich nicht sind.

Solche Rationalisierungen finde ich sehr interessant, daher als Vertiefung dazu noch etwas aus der Wikipedia:

Der Begriff bezeichnet in der Psychologie kognitive Vorgänge, bei denen gemachten Erfahrungen, Erlebnissen oder Beobachtungen nachträglich (ex post) rationale Erklärungen zugeschrieben werden. Diese müssen keinesfalls wirklich ursächlich für das Erlebnis sein, sondern sind oft konstruiert und persönlich eingefärbt. Die vermeintliche Logik reduziert kognitive Dissonanzen und vermittelt der Person einen Sinn. Dies kann soweit gehen, dass Erinnerungen konstruiert werden, um den Sinn aufrechtzuerhalten.

In der Psychoanalyse ist Rationalisierung ein Abwehrmechanismus des Ichs, nämlich der Versuch, Handlungen, die durch unbewusste Motive gesteuert werden (z.B. durch verdrängte Triebimpulse), nachträglich einen rationalen Sinn zu geben.

Und aus der englischen Wikipedia:

In psychology and logic, rationalization (also known as making excuses[1]) is an unconscious defense mechanism in which perceived controversial behaviors or feelings are logically justified and explained in a rational or logical manner in order to avoid any true explanation, and are made consciously tolerable – or even admirable and superior – by plausible means.[2] Rationalization encourages irrational or unacceptable behavior, motives, or feelings and often involves ad hoc hypothesizing. This process ranges from fully conscious (e.g. to present an external defense against ridicule from others) to mostly subconscious (e.g. to create a block against internal feelings of guilt).

People rationalize for various reasons. Rationalization may differentiate the original deterministic explanation of the behavior or feeling in question.[3][4] Sometimes rationalization occurs when we think we know ourselves better than we do. It is also an informal fallacy of reasoning.[5]

Ich denke der Effekt tritt auch im Flirtbereich häufiger ein. Wenn ein sexuelles Verhalten beispielsweise  aus Sicht der Frau eigentlich zu früh ist, sie es aber dennoch durchgehen lässt, dann kann sie es im nachhinein als „Ich war halt in einer sehr sexuellen Stimmung“ als „ich muss ihn wohl wirklich mögen“ oder als „Er ist schuld, er hat mir keine andere Möglichkeit gelassen“ rationalisieren.

In der englischen Wikipedia sind noch einige weitere Beispiele angeführt:

Based on anecdotal and survey evidence, John Banja states that the medical field features a disproportionate amount of rationalization invoked in the „covering up“ of mistakes (here, medical errors).[6] Common excuses made are:

„Why disclose the error? The patient was going to die anyway.“

„Telling the family about the error will only make them feel worse.“

„It was the patient’s fault. If he wasn’t so (obese, sick etc), this error wouldn’t have caused so much harm.“

„Well, we did our best. These things happen.“

„If we’re not totally and absolutely certain the error caused the harm, we don’t have to tell.“

„They’re dead anyway, no point in blaming.“

Jedenfalls finde ich es faszinierend, welche Scheinwelten bzw. welche Scheinlogik uns unser Gehirn mitunter vorgaukeln kann.

Das modulare Gehirn und Selbsttäuschungen

Bei Matt Ridley habe ich eine interessante Passage zu inneren Widersprüchen gefunden, bei der es um das modulare Gehirn geht:

The Kurzban theory of hypocrisy takes as its starting point that the mind is modular. That is to say, just as the body uses different organs to achieve different ends—bones, kidneys, skin and nerves each being designed for different jobs—so the brain uses specialized mental circuits honed for tasks like vision, social interaction and fear. Mr. Kurzban uses the parallel of the smartphone. Different apps are built for different jobs.

If the mind is modular, says Mr. Kurzban, then sometimes the modules will contradict each other. The hunger module will demand a cheeseburger, while the vanity module demands a diet. People break New Year’s resolutions because willpower is just one module, up against some formidable mental rivals. Eliot Spitzer’s moralistic module led him to condemn prostitution; his lust module chose a different path. Presumably, we disapprove of hypocrisy because we have a fairness module: We demand that others practice equal treatment, and we see their hypocrisy as evidence that they exempt themselves from their own rules.

Mr. Kurzban says there is no reason to expect consistency from a modular mind. „A foolish consistency,“ said Emerson, „is the hobgoblin of little minds.“ This leads him to the conclusion that self-deception comes about not for some holistic purpose such as „protecting the self“ from damage to self-esteem (as many psychologists have argued) but simply because it serves the purpose of one module to deceive another. In his view, we deceive ourselves as a sort of public-relations exercise: so that we project a particular perspective to the outside world.

Die Idee des modularen Gehirns scheint mir sehr nachvollziehbar. So kann sich ein Gehirn am ehesten entwickeln, indem einzelne Bereiche immer weiter ausgebaut werden.

Es passt allerdings nicht zur Theorie des „unbeschriebenen Blatt„, die ja letztendlich auch dem Poststrukturalismus und damit dem Genderfeminismus zugrundliegt.

Ein modulares Gehirn wäre vielmehr für seine jeweilige Aufgabe in den jeweiligen Modulen spezialisiert und könnte damit auch besser mit einer speziellen „Software“ für diesen Bereich ausgestattet sein.

Natürlich ist auch hier noch vieles umstritten. Man darf also auf weitere Forschung gespannt sein. Aber es würde vielleicht einiges an Widersprüchlichkeit weniger widersprüchlich machen.