Soziobiologie (Besprechung von Elmars Artikel, Teil 1)

Elmar hat eine kurze Zusammenfassung über Thesen aus der Soziobiologie geschrieben, die sich für eine Besprechung anbietet, weil in ihr eine Vielzahl von Problemen aufgeworfen werden und auch einige typische Verständnisproblemeauftauchen.

Niemand will wertvolle Zeit damit verschwenden, sich mit dummen und falschen Ideen auseinander zu setzen, aber dennoch muß man verstehen, was der Gegner behauptet. Und dafür reicht es in der Regel nicht, ihm zuzuhören: Bedauerlicherweise gehört die Soziobiolgie, deren Verzerrungen den Biologismus hervorgebracht haben, in weiten Teilen des Maskulismus zum Standard – was auch daran liegt, daß es z.B. in Sachen Geschlechterrollen an anderen Alternativen zum Feminismus fehlt. Der post referiert lediglich in kompakter Form, was es zu wissen gibt.

Dass sich die Soziobiologie immer mehr durchsetzt liegt nicht daran, dass es keine Alternativen gibt, sondern eher daran, dass sie einfach gegenwärtig die Theorie ist, die wissenschaftlich am besten belegt ist.

 Das soziobiologische Paradigma

1948 wurde anläßlich eines interdisziplinären Symposiums in New York nach Verbindungslinien zwischen den verschiedenen. verhaltenserklärenden Disziplinen gesucht und dabei die Idee einer Soziobiologie geboren, die durch vergleichende Arbeiten Verhaltensgesetzmäßigkeiten finden sollte, welche für alle Lebewesen gültig sind. Das erste bahnbrechende Buch dazu war Sociobiology – The New Synthesis (1975) des Zoologen E. O. Wilson, der behauptete, daß die menschlichen Sozialstrukturen im wesentlichen den tierischen isomorph und selbst das Moralverhalten auf evolutionäre und genetische Grundlagen zurückzuführen seien. In On Human Nature (1978) hat er seine Thesen weiter ausgebaut.

Wilson hat einiges an Aufsehen mit diesem Buch erreicht und er wurde für seine Thesen, die viele aufgrund der biologischen Kränkung als einen Angriff auf das Besonere des Menschen sahen, stark angegriffen. Dabei ist der Gedanke eigentlich recht schlicht und liegt auf der Hand: Wenn wir durch Evolution entstandene Wesen sind, dann müssen wir viele Parallelen zu unseren Verwandten, also zu anderen Tieren bei uns finden. Wilson zeigte sie in seinem Buch systematisch auf und das erstchreckte die Leute. Wie jeder weiß, der solche Theorien vertritt, ist das auch noch heute der Fall. Es beängstigt Leute, wenn man ihnen das Tierische im Menschen zeigt und zeigt, dass viele Strukturen noch vorhanden sind, sie fallen uns nur nicht so stark als die gleichen tierischen Strukturen auf, weil wir uns über diesen stehend sehen.

Die Soziobiologie sieht sich danach selbst als eine genetische Theorie des Verhaltens und damit als Subdisziplin der Verhaltensbiologie (siehe: T. Weber, Soziobiologie, 2003). Sie beruht auf der Annahme, daß das Sozialverhalten eine wesentliche Rolle in den Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungsbemühungen der einzelnen Organismen spielt, und daher der optimierenden Kraft der natürlichen Evolution unterliegt – weshalb die Evolutionsbiologie der größere Rahmen für die Soziobiologie ist.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass diese Theorie so viel Widerstand hervorruft. Wir sehen für eine Spezies typisches Verhalten bei allen Tieren und akzeptieren dort weitestgehend, dass es dort Biologie und allenfalls zu einem geringen Teil Kultur ist. Einem Tier nicht zu ermöglichen, dass es „seiner Natur nach“ lebt, gilt als grausam genau aus diesem Grund. Uns ist auch bewusst, dass an diese Natur durchaus kulturell formen und ausgestalten kann, was zum Beispiel bei jeder Zirkusnummer mit Löwen geschieht, bei denen der Dompteur als das neue Alphamännchen das Rudel übernimmt und von den anderen bestimmte Handlungen aufgrund dieser Rangfolge und aufgrund von Belohnungen verlangt.

Wir sehen viele Verhaltensweisen, die wir auch bei uns feststellen können, bei Tieren und ordnen sie da recht unproblematisch der Biologie zu. Ein wirklicher Grund dafür, dies dann nicht auch beim Menschen zu machen, besteht nicht.

Die Annahme, dass Verhalten ihr Grundlage in der Biologie hat, ist auch keine rein theoretische. Sie wird in vielen anderen Bereichen der Biologie und auch der Medizin bestätigt. Die Verhaltensgenetik beispielsweise hat über beispielsweise Zwillingsstudien oder Adoptionsstudien entsprechendes herausgefunden und in der Medizin haben gerade eine Vielzahl von „Sonderfällen“ wie beispielsweise auch CAH-Mädchen vieles zum Verständnis der Biologie des Menschen beigetragen und auch deutlich gemacht, dass hier die gleichen Modelle angewendet werden können, die man auch bei anderen Tieren vorfindet.

Die Selbsterhaltung und die Fortpflanzungsbemühungen als wesentlichen Faktor anzugeben ist dabei etwas irreführend. Denn oberster Grundsatz ist eben, worauf Elmar auch später noch eingeht, die Weitergabe der Gene in die nächste Generation bzw. in viele weitere Generationen. Evolution spielt sich nur dann ab, wenn es um genetische Faktoren geht, die diesen Umstand betreffen. Selbsterhaltung ist damit kein absoluter Faktor, sondern steht in einer gewissen Konkurrenz mit anderen günstigen Faktoren: Es kann sich zwar nur fortpflanzen, wer lebt, aber vorsichtig zu sein kann einem andere günstige Chancen nehmen. Ebenso ist daher „Fortpflanzungsbemühungen“ ein ungünstiges Wort, weil das Verhalten nur dann relevant ist, wenn es auf genetischen Faktoren beruht oder wenn es zu einer Konkurrenz führt, die einen genetischen Selektionsdruck hervorbringt.

Die Folge ist, daß der Umstand, daß viele Lebewesen in Gruppen leben und ein gruppenspezifisches Verhalten entwickeln, ebenso wie das Verhalten der Individuen nach nichts weniger als einer Erklärung durch natürliche Kausalrelationen verlangt – ohne jedoch einem genetischen Determinismus zuzustimmen, emergente Phänomene zu leugnen oder dem Reduktionismus zuzustimmen.

Elmar hat leider die Tendenz zu solchen Sätzen, bei denen er Behauptungen aufstellt, die seiner Theorie dienlich sind und die bestimmte Richtungen für diese Theorien vereinnahmen, ohne sie wirklich zu begründen. Er arbeitet sehr stark mit einem Gruppendenken, welches nahezu alle seine Ausführungen durchzieht. Auf der einen Seite seine Theorien, die er unter immer neuen Namen vertritt, sei es der fundamentalistische oder der analytische Maskulismus, auf der anderen Seite die, die keine Ahnung haben und deren Theorien mit der Wahrheit unvereinbar sind, beispielsweise die Maskulisten. In seiner Darstellung sind die tatsächlichen Wissenschaften immer auf seiner Seite, stellt man dar, dass diverse Ansichten anderer Wissenschaftler nicht mit seinen Auffassungen in Einklang zu bringen sind, dann werden auch diese zu den Bösen.

Man sieht das beispielsweise an der Weise, wie er Dawkins in diesem Text darstellt. Momentan scheint mir Elmar in der Biologie auf der Suche nach etwas zu sein, was er in dieses Schema einordnen kann. Mitunter scheint er mir dabei schlicht nach „Gegenstimmen“ zu der in der Biologie etablierten Meinung zu suche, deren Gegenargumente er verwenden kann. Eine wirkliche Beschäftigung mit diesen Meinungen und ein wirklicher Abgleich, welche seiner Positionen er aufgeben müsste, wenn er sich auf diesen neuen Weg begibt, scheint er mir dabei nicht vorzunehmen, er greift eher bestimmte Argumente heraus, die er dann stichwortartig entgegenhält ohne sie wirklich darzustellen oder ihre Stellung in der Diskussion zu ermitteln, also sich wirklich damit zu beschäftigen, was für und was gegen sie spricht. Einige von ihnen tauchen auf, man bringt die Gegenargumente, und man hört nie wieder von ihnen. Das Neueste war das nur angedeutete Argument zur Anzahl der Gene. Das die andere Seite darauf bereits erwidert hatte, dass es ein eher schwaches Argument ist, dass alles interessiert ihn gar nicht oder hindert ihn jedenfalls nicht daran, dass Argument entsprechend als absolutes Argument darzustellen. Das ist in gewisser Weise ein Vorteil seiner Texte, weil es mir so Material bietet, bestimmte Punkte klar zustellen, es macht Diskussionen mit ihm aber sehr mühsam, weil eine Vielzahl seiner Argumente eben nur angedeutet werden und er selbst sie nie ausführt. Es kommen nur vage Andeutungen, dass beispielsweise „das X-Projekt das bereits widerlegt hat“, die auch auf Nachfrage nicht weiter ausgeführt werden.Weitere typische Elemente sind Sätze wie der Satz oben, die folgenden Schema folgen „Es ist hier so und so, was die von mir dargelegten wichtigen Grundsätze nicht verletzt“. Eine Begründung, warum diese wichtigen Grundsätze hier unangetastet bleiben, kommt aber nicht. Dabei wäre es in vielen Fällen durchaus interessant: Mir beispielsweise ist keineswegs klar, wie Elmar diese Prinzipien in der Soziobiologie eingehalten sieht.

Der Soziobiologie geht es beispielhaft um folgende Fragen:

Welche Vorteile z.B. haben die Arbeitsteilung im Insektenstaat und der Verzicht fast aller Mitglieder auf eigene Fortpflanzung? Wie kommt es, daß die Individuen einer Gruppe in oft erstaunlichem Maße kooperieren und einander helfen, gleichzeitig aber auch wiederholt in Konflikte miteinander geraten? Warum überhaupt schließen sich Individuen vieler Arten zu Gruppen zusammen, während Individuen anderer Arten als Einzelgänger leben?

Das sind in der Tat sehr spannende Fragen, auf die aus meiner Sicht die Evolutionsbiologie die besten Antworten gefunden hat.

Das Erkenntnisinteresse von Soziobiologen richtet sich auf die Aufdeckung derjenigen Kausalfaktoren und ihrer dynamischen Wechselbeziehungen, die für die Ausprägung jeweils spezifischer sozialer Verhaltenstendenzen verantwortlich sind. Aber die Aussagen der Soziobiologie sind im wesentlichen Wahrscheinlichkeitsaussagen: Soziobiologen behaupten nicht, daß sich jedes Lebewesen stets exakt nach einem bestimmten Muster verhalten muß, sondern daß es sich unter gegebenen Randbedingungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit so-oder-so verhalten wird.

Natürlich ist mit steigender Intelligenz von Lebewesen und je nach Handlung auch immer weniger eine Berechenbarkeit tatsächlichen Verhaltens gegeben. Was schon daran liegt, dass in einem Red Queen Race zwischen Jäger und Gejagtem eine absolute Berechenbarkeit ein entscheidender Nachteil wäre. Gleichzeitig sind Verhaltensspielräume vieler Insekten naturgemäß eingeschränkt. Sie haben bereits nicht die nötige Rechenleistung für „raffiniertere“ Gedanken.

Die Soziobiologie erhebt den Anspruch, tiefere stammesgeschichtliche Wurzeln und genetische Dispositionen im menschlichen Sozialverhaltens als letztbegründende Antwort auf grundsätzlichen Fragen nach dem Warum-überhaupt des menschlichen Verhalten aufzudecken – und erfüllt auf diese Weise metaphysische Sehnsüchte.

Die Erfüllung gewisser Sehnsüchte bedeutet allerdings nicht, dass die Theorien nicht zutreffend sind.

Denn der Soziobiologie geht es nicht um die Mechanismen der Verhaltenssteuerung und der Verhaltensentwicklung, die proximaten Ursachen des Verhaltens, sondern um die Funktionen von Verhaltensweisen oder ihre biologischen Angepaßtheit an evolutionäre Unabhänderlicchkeiten, die ultimaten Ursachen.

Ich finde die Abgrenzung da gar nicht so einfach: Natürlich sind evolutionäre Anpassungen unseres Denkapparates auch Mechanismen der Verhaltenssteuerung. Weil unser Gehirn auf eine bestimmte Weise aufgebaut ist und arbeitet, denken wir auch auf eine bestimmte Weise und Verhalten uns auch auf eine bestimmte Weise. Die Entschlüsselung, wie überhaupt ein bestimmter Gehirnaufbau unser Denken beeinflusse kann und wie das Gehirn in diesem Zusammenhang funktioniert, ist dann sicherlich wieder Gegenstand anderer wissenschaftlicher Disziplinen, wie etwa der Neurobiologie. Und natürlich kommt auch aus dieser ein Feedback zu evolutionären Theorien und ein besseres Verständnis der Neurobiologie wird uns auch eine Verfeinerung biologischer Theorien ermöglichen.

Natürlich muss man aber bei dem Verständnis von menschlichen Verhalten auch seine Funktion beziehungsweise seinen evolutionären Vorteil ermitteln, wenn man diese aus Sicht der Evolutionsbiologie betrachtet. So hat beispielsweise das menschliche Streben nach Status verschiedene Funktionen: Etwa die Reduzierung von internen Kämpfen durch Errichtung einer Hierarchie, die eine Einschätzung des anderen ermöglicht ohne ihn direkt angreifen zu müssen. Oder das Signalisieren wichtiger Eigenschaften, die einen auch als Verbündeter oder als Sexualpartner interessanter machen. Oder auch nur die Möglichkeit Ressourcen zu sichern, die einem aufgrund des Platzes in der Hierarchie eher zufallen. Aus dieser Funktion ergeben sich Handlungsmotivationen, die Thesen zu erhöhten Wahrscheinlichkeiten für bestimmtes Verhalten ermöglichen. Beispielsweise wird eben Signalling einer hohen Position bei Männern in der Anwesenheit interessanter Frauen eher zunehmen.

Diese metaphysischen Wünsche der Soziobiologie schlagen sich in ihrer Sichtweise auf das Verhältnis von Evolution und Individuum wie folgt nieder:

Hier wird es etwas konkreter:

methodologischer Individualismus: Das zentrale Problem aller Organismen ist das eigene, genetische Überleben. Es geht nicht um die evolutionäre Erhaltung der eigenen Art oder der eigenen Gruppe (i.e. eine früher verbreitete These der Gruppenselektion vgl. V. Wynne-Edwards: Animal Dispersion, 1962), sondern um die reproduktive Eignung jedes einzelnen Individuums nach einer evolutionären Kosten-Nutzen-Kalkulation – und zwar ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für die eigene Art oder Gruppe: Individuen, nicht Gruppen bilden in den Augen der Soziobiologie die Angriffsziele der natürlichen Selektion.

Richtig ist, dass das „egoistische Gen“ der Ausgangspunkt der Überlegungen ist und damit auch das Individuum eine wesentlich höhere Bedeutung bekommt. Die Weitergabe von Kopien der eigenen Gene, sei es über einen selbst oder durch Verwandte, ist der Weg über den Evolution stattfindet. Dazu habe ich auch bereits einiges ausgeführt ARTIKEL ERGÄNZEN

Es wäre hier sogar noch etwas präziser zu sagen, dass nicht Individuen, sondern die Gene des Einzelnen das „Angriffsziel“ bilden, denn ein Mensch kann einem beliebigen Selektionsdruck unterliegen, stellt sich bei seinen Genen keine Mutation ein, die selektiert werden kann, dann wirkt sich dieser schlicht nicht aus. Erforderlich für eine evolutionäre Veränderung ist damit zunächst eine Mutation in einem Gen, die Vorteile bietet, aufgrund denen das mutierte Gen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit weiter gegeben wird. Das macht auch deutlich, warum eine Selektion immer bei einem Gen ansetzen muss, also bei einem Individuum.

Richtig ist, dass Gruppenselektion in der Hinsicht nur eine Rolle spielt, wenn sie eine Folge des egoistischen Genes ist. Ein Gen, welches eine unkontrollierbare Mordlust gegenüber jedem Mitglied der eigenen Spezies zur Folge hätte, würde eine sehr geringe Chance haben, sich im Genpool anzureichern und damit eher eine negative Selektion erleben. Ein Gen für Zusammenhalt und Zusammenarbeit hingegen kann, wenn man einer Ausbeutung vorbeugt, durchaus für den Genträger selbst Vorteile bieten, die dazu führen, dass dieses Gen sich im Genpool anreichert. Ein egoistischen Gen kann daher höchst soziale Geschöpfe hervorbringen.

Organismen sind zwar Träger evolutionärer Angepasstheiten, nicht aber deren Nutznießer, denn der evolutionäre Nutzen phänotypischer Angepasstheit zeigt sich im Replikationserfolg der Erbinformation und nicht etwa unbedingt im Wohlergehen der Individuen oder gar Gruppen oder ganzer Arten (siehe E. Voland: Grundriss der Soziobiologie, 2013 p.10).

Hier stellt sich bereits die Frage, wie man „Nutznießer“ definiert. Natürlich ist ein Organismus mit einer Mutation, die ihm erlaubt beispielsweise als Beutetier schneller zu laufen durchaus der Nutznießer. Ebenso vielleicht ein Mensch, der eine Mutation hat, die ihn intelligenter macht und ihm erlaubt in der Gruppe aufzusteigen und soziale Vorteile zu erlangen. Allerdings hat evolutionär gesehen das Leben keinen Sinn, Mutationen treten zufällig auf und Selektionen sind die zwangsläufige Folge des Systems der Vererbung innerhalb einer Konkurrenz. Ob ein Mensch ein gutes Leben hat ist einem zufällig stattfindenen Prozess mit nachfolgender Selektion mangels Bwußtsein egal, allerdings ist das Überleben der Art genauso egal. Das Überleben der Art spielt allerdings in dem Selektionsprozess eine geringe Bedeutung, weil die Selektion schlicht nicht in die Zukunft schauen kann und daher zB bei einer Überweidung auf einer Insel nicht einplanen kann, dass man zum Wohle der Art anders handeln sollte. Evolutionär setzt sich durch, was weiterhin eigene Gene in die nächste Generation bringt, eine Selektion zugunsten fremder Gene, seien sie auch innerhalb der selben Art, ist bereits als Prozess letztendlich nicht darstellbar. Wie sollen Gene dafür angereichert werden?

Ein klassisches Beispiel dazu wäre eine Mutation zu einem „perfekten Menschen“, die aber Sterilität zur Folge hat. Selbst der glücklichste Mensch könnte (abseits der Verwandtenselektion) damit nur eine (seine eigene) Generation weit kommen.

Diese Idee, daß der Erfolg eines Gens in der Evolution nicht davon abhängt, daß es seinem Träger nützt, sondern nur davon, daß es sich selbst nützt, geht bereits auf ein paper von 1964 von W.D. Hamliton zurück und wurde von ihm voll entwickelt in Selfish and Spiteful Behaviour in an Evolutionary Model (1970). Diesen methodologischen Individualismus haben die Verhaltensökologie nach N. Tinbergen und die Evolutionspsychologie nach J. Bowlby übernommen (Smith & Borgerhoff Mulder & Hill: Controversies in the evolutionary social sciences: a guide for the perplexed. in: Trends in Ecology & Evolution, vol.16 pp. 128– 135).

Der Gedanke ist aus meiner Sicht absolut zentral für die Evolutionsbiologie und taucht insoweit bereits bei Darwin auf, wenn er auch mangels Gene als solche noch nicht kannte. Die Kombination der Evolutionsbiologie mit der Kenntnis von Genen erlaubte dann ein wesentlich besseres Verständnis der dabei stattfindenden Vorgänge und ein besseres Verständnis, dass dies die Informationen sind, die weitergegeben werden und damit sie Basis darstellen, die wichtig ist. Der Gedanke, dass es lediglich die Gene sind ist denke ich für viele im Grundsatz klar, wenn man die genaue Bedeutung aber häufig noch einmal bewußt machen muss:

Es bedeutet, dass das Leben und deren persönliche Errungenschaften des Einzelnen sich nur sehr eingeschränkt auswirken: Der Sohn eines sehr starken Schmiedes wird nur dann ebenfalls eine Veranlagung zur Stärke haben, wenn der Schmied diesen Beruf seinerseits ergriffen hat, weil er eine genetische Veranlagung für körperliche Stärke hat. Hat er sie sich schlicht hart erarbeitet ohne das sonstige Faktoren genetischer Art hier mit hineinspielten, dann fängt der Sohn erneut bei Null an und muss es sich ebenfalls erarbeiten.

Soweit ist das erst mal eine naturwissenschaftliche These zum Verständnis der Evolution und sie ist von evolutionsbiologischer Seite auch unter Feuer genommen worden z.B. von D. S. Wilson, S. J. Gould, R. Lewontin und E. Sober. Damit ist belegt, daß die wichtigen Grundgedanken der Soziobiologie schon da waren, bevor der bei Tinbergen promovierte Dawkins ab 1976 begann, popularisierte Entstellungen der Soziobiologie als Biologismus in die Welt hinaus zu posaunen.

Es sind für mich solche Wertungen, die Elmars Texte vergleichsweise schlecht machen. Elmar hat erkannt, dass er die Ausführungen von Dawkins nicht mit seiner Meinung in Übereinstimmung bringen kann und damit müssen sie für ihn inhaltlich schlecht sein. Auf eine saubere Abgrenzung inwiefern bestimmte Gedanken zu Genen als wesentlichen Bezugspunkt „popularisierte Entstellungen“ sind oder wie sich die Ausführungn von Dawkins von anderen Vordenkern unterscheiden (die ja Dawkins auch ausführlich in „Das egoistische Gen“ in Bezug nimmt) verzichtet er und ich bezweifele, dass er sie vornehmen kann oder die Unterschiede wirklich durchdacht hat. Denn in vielen Bereichen sind die Unterschiede von zB Gould zu Dawkins marginal und beide stimmen in vielen Bereichen überein, die Elmar ebenso ablehnen würde.

Für Elmar reicht das wahrscheinlich,um Dawkins damit als „widerlegt“ anzusehen. Tatsächlich angeführt hat er lediglich, dass es hier einen wie auch immer aussehenden Unterschied in der Auffassung gibt ohne irgendwie inhaltlich geworden zu sein.

Die analoge Übertragung des methodologischen Individualismus auf die Kognition durch Dawkins Mem-Begriff wird u.a. von Scott Attran kritisiert.

Der Meme-Begriff ist aus meiner Sicht auch auch eine separate Theorie von Dawkins, mit dem er evolutionäre Prinzipien der „Informationsweitergabe“ auch abseits von Genen andenkt. Es geht dabei darum, dass auch erdachte Theorien sich leichter verbreiten, wenn sie Eigenschaften haben, die ihre Weitergabe in das nächste Gedächtnis erleichtern. Das zeigt sich beispielsweise bei Reimen oder bei Geschichten, die uns interessierende Inhalte haben: Es ist das ewige Problem, dass wir uns den Inhalt unsere Lieblingssoap leichter merken können als den Zitronensäurezyklus oder andere relativ abstrakte Sachinformationen. Sie hat mit eigentlicher Evolutionbiologie schlicht nichts zu tun und ist davon ohne Probleme zu trennen. Eine Kritik dieser Gedanken bleibt damit ohne Auswirkungen auf Dawkins restliches Werk. Wer den Mem-Begriff nicht kennt mag aufgrund der Schreibweise von Elmar hier eine fundierte Kritik vermuten, die etwas mit der Sache zu tun hat, was allerdings nicht der Fall ist.

Damit stellt sich die Frage, wie die Evolutionstheorie den Übergang in die Sphäre des Sozialen schaffen kann und

die Soziobiologie löst diese Aufgabe wie folgt:

Die Evolutionsbiologie schafft zunächst den Sprung in das soziale, indem darauf abgestellt wird, dass unser Gehirn ebenso ein Produkt der Evolution ist und die Art und Weise, wie es arbeitet ebenfalls dazu dient die Weitergabe der Gene in die nächste Generation zu ermöglichen. Das ist ein Gedanke, den wir unterhalb der Menschenebene auch ohne Probleme akzeptieren.

Ein Beispiel dazu:

Löwen leben in Rudeln, bei denen auf viele Weibchen üblicherweise ein Männchen, mitunter auch 2, häufig Brüder, kommen. Diese schirmen das Rudel der Weibchen gegen andere Männchen ab, Monopolisieren also die Weibchen. Demnach kann eine Genweitergabe nur dann erfolgen, wenn ein Männchen sich in der Konkurrenz durchsetzt. Da er sich in ständiger Konkurrenz befindet und täglich ein stärkerer Löwe ihn von „seinem“ Weibchen verjagen könnte muss er sich so schnell wie möglich fortpflanzen. Da aber stillende Weibchen nicht fruchtbar sind lohnt es sich für Löwen ein Verhalten zu entwickeln, bei dem er Löwenkinder anderer männlicher Löwen tötet. An diesem Beispiel kann man wunderbar durchspielen, ob man Evolutionsbiologie verstanden hat:

Es kann zweifellos ein Nachteil für die Art sein, wenn Löwenkinder getötet werden, die ansonsten gesund sind und sich ihrerseits fortpflanzen könnten. Eine Gruppenselektion würde wohl eher gegen in solches Verhalten arbeiten.

Es ist gleichzeitig für die Genweitergabe beim männlichen Löwen ein großer Vorteil, dass er auf diese Weise handelt, auch wenn es ebenso ein großer Vorteil für ihn wäre, wenn andere männliche Löwen nicht auf diese Weise handeln würden. Weil es aber auf seine Gene ankommt und das Handeln der anderen männlichen Löwen einsetzt, wenn er von einem Rudel vertrieben ist und damit ein Verzicht keine Vorteile für ihn bringt, erfolgt eine Selektion eher auf die egoistischen Interessen des jeweiligen Löwen. Dieser muss also insoweit lediglich die Kosten für die Mutter einkalkulieren, die sich in einer Gegenwehr niederschlagen, die für ihn gefährlich sein kann. Denn ihren genetischen Interessen muss es keineswegs entsprechen, wenn Löwenkinder, in die sie bereits Ressouren investiert hat, sterben. Allerdings sind männliche Löwen auf Kampf untereinander selektiert und weibliche Löwen weitaus weniger und bei Jagd etc könnte sie ohnehin die Jungen nicht dauerhaft beschützen. Zudem setzen (wahrscheinlich auch deswegen) Löwen auf einen vergleichsweise hohe Wurfzahl mit kurzer Tragezeit. Eine Selektion darauf, dass eher die Kinder früh lernen sich gut zu verstecken ist damit . effektiver und da es nur einen männlichen Löwen (evtl zwei, aber sie nehmen sich nichts) im Rudel gibt und der nächste ebenso mörderisch sein wird lohnt es sich auch nicht ihm böse zu sein und ihn zu meiden.

Hier werden wenige anführen, dass dieLöwen diese Kalkulationen bewusst durchführen oder erlernen, sie sind schlicht eine Folge ihres biologischen Programms. Auch hier kann es sich durchaus um eine komplexere Entscheidung handeln, die von vielen Faktoren abhängt und ein aktives Handeln erfordert, welches abzugleichen ist mit anderen wichtigen Aktivitäten, wie etwa Jagd etc.

Wir kommen in noch höhere Ebenen, wenn wir das Verhalten von Primaten beobachten. Schimpansen beispielsweise bilden Hierarchien aus und bilden komplizierte Allianzen, um nach oben zu kommen. Sie bestechen, sie handeln sozial, sie nehmen Bündnisse anderer zur Kenntnis und planen diese mit ein. Sie führen Kriege um Reviere und Ressourcen. Sie haben Vorstellungen von Gerechtigkeit oder etwa der Vergleichbarkeit von Entlohnungen für bestimmte Dienste.

Wenige Menschen haben Probleme damit, bei diesen Verhaltensweisen evolutionäre Erklärungen zu akzeptieren. Beim Menschen werden bei durchaus vergleichbaren Vorgängen hingegen weitaus schwierigere Probleme gesehen ohne das wirklich begründet werden kann, wo der wesentliche Umbruch geschieht. Wer meint, dass das Verhalten von Löwen oder Affen durch Biologie erklärt werden kann, das der Menschen aber nicht, der sollte zumindest seine eigenen Theorien daraufhin überprüfen, ob er damit seine Auffassung, dass das Verhalten von Löwen und Affen erklärt werden kann, aufrechterhalten kann oder nicht. Er muss also prüfen, ob seine Gegenargumente tatsächlich etwas urtümlich menschliches herausstellen oder er damit letztendlich Grundprinzipien der Evolutionsbiologie angreift. Wohlgemerkt: Dass diese Theorien falsch sind kann natürlich sein. Allerdings sollte man sich dann eben damit beschäftigen, ob die eigenen Theorien die entstandene Lücke füllen können oder ob nicht eher die eigenen Theorien die wackeligeren sind.

genetischer Verhaltensbegriff: Für die Übertragung der Verhaltensmuster – verstanden als Dispositionen zu einem Verhalten – sind im wesentlichen die Gene verantwortlich.

Korrekter müsste es hier heißen: Für die Übertragung von Verhaltensmustern, die auf einer biologischen Grundlage beruhen, sind im wesentlichen die Gene verantwortlich. Natürlich gibt es Verhalten abseits genetischer Grundlagen, also einen sozialen Anteil. Verschiedene Verhalten können auch darauf beruhen, dass sie in dieser Situation aus den jeweiligen Verhaltensanlagen aller entstehen. Einem Dieb die Hand abzuhacken oder ihn zu brandmarken wird in einer primitiven Gesellschaft, in der Informationen nicht oder allenfalls mit zeitlicher Verzögerung oder enormen Aufwand und geringer Qualität übertragen werden können eine geeignetere Abschreckung sein als beispielsweise in einer modernen Gesellschaft, die eine Erfassung von Personen und eine relative Kontrolle dieser erlaubt und die genug Ressourcen für anderweitige Bestrafungsmöglichkeiten hat. Beides hat seine Ursache darin, dass wir „Besitz“ kennen und verstehen und auch „Konkurrenz um Ressourcen“ „Lernen durch Strafe“ und „Signalling asozialen Verhaltens“ verstehen und dies Teil unserer Biologie ist. Wie diese Komponenten genutzt werden um ein soziales System zu errichten ist wieder eine andere Sache.

In die evolutionäre Gesamtfitness eine Individuums (z.B. W.D. Hamilton in: The Genetical Evolution of Social Behaviour, 1964) geht deshalb nicht nur die Fitness der eigenen Nachkommen ein, sondern auch derjenige Beitrag, den das jeweilige Individuum in die Pflege von Verwandten investiert, soweit dies deren Fitness steigert und in Abhängigkeit davon, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie die gleichen Gene tragen.

Das wäre aus meiner Sicht ein Punkt, der sich nicht lediglich auf das Verhalten bezieht. Verwandtenselektion ist etwas, was theoretisch alle Aspekte betrifft, wie man beispielsweise an Theorien zur Heterosexualität und höherer Fruchtbarkeit bei zB weiblichen Verwandten sieht oder beispielsweise an der Vererbung eines ausdrucksvollen Kinns, welches männliche Verwandte attraktiver, weibliche Verwandte aber unattraktiver macht.

In Bezug auf das Verhalten wird also der gleiche Grundsatz ausgebildet, der auch sonst zum Tragen kommt, er ist nicht verhaltensbezogen. Natürlich kann sich dieser Punkt aber gerade bei dem Verhalten besonders stark auswirken.
Natürlich gilt auch hier: Es geht nicht schlicht um Verhalten, sondern lediglich um solches Verhalte, welches aufgrund einer biologischen Disposition erfolgt. Wer also einfach aufgrund einer bestimmten sozialen Praxis Verwandten fördert, dies aber beispielsweise aufgrund einer genetischen Disposition auf Egoismus ungern und nur unter sozialen Zwang macht, der gibt keine entsprechenden Gene weiter, es wäre allenfalls ein kurzfristiger Erfolg, der aber bei Betrachtung längerer evolutionärer Zeiträume durchaus ohne Auswirkungen bleiben kann. Theoretisch kann eine solche Praxis sogar zu einer genetischen Selektion auf das Gegenteil, also einen Egoismus, führen, wenn die Vorteile bei der besseren Weitergabe eigener Gene die Vorteile der Weitergabe der Gene über Verwandte überwiegt. Dabei muss man sich bewußt machen, dass Verwandtenselektion sehr schnell an seine Grenzen stößt: Das eigene Kind trägt nur ½ der eigenen Gene, dessen Kind wiederum nur ¼ (zumindest bei hinreichender Größe des verfügbaren genetischen Pools).

Daraus folgt: Allein viele Nachkommen zu haben, bedeutet noch keineswegs Fitness, wenn diese im sozialen und sexuellen Wettbewerb der nächsten Generation nicht bestehen können.

Hier wäre zunächst zu ergänzen, dass das zum einen zwar richtig ist, aber schnell falsch verstanden wird: Evolution erfolgt durch zufällige Mutationen, die selektiert werden. Eine Zukunftsbetrachtung ist nicht möglich, eine Auswertung der Vergangenheit auch nur sehr eingeschränkt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Dodo, bei dem eine planende Instanz evtl darauf hingewiesen hätte, dass es vielleicht jetzt besser ist, stabilere Knochen zu haben und die teuren Flugmuskeln abzubauen und Fluchtinstinkte zu verlieren, das aber in der Zukunft teuer sein kann, weil evtl ein in der Vergangenheit bereits einmal vorhandener Vorteil des Fliegens und des Angst haben eine dauerhafte Weitergabe der Gene ermöglicht. Eine solche Instanz gibt es aber nicht, weswegen die Beachtung von Nachteilen für die nächste Instanz sich nur auf in vergleichsweise kurz Zeitabständen sich wiederholenden Umständen, die keinen zu starken Selektionsdruck gegen sich haben, erfolgen kann. Der Dodo war insofern Fit für die vorhandene Situation, aber nicht für die Zukunft.

Begriffe wie evolutionäre Angepasstheit und evolutionäre Fitness werden bestimmt durch eine kontextabhängige Vermehrungsrate, die ihrerseits abhängt von Fruchtbarkeit, Brutpflegeaufwand und Überlebenschancen der Nachkommen. Der Anpassungswert einer Verhaltensweise kann auch davon abhängen, wie viele andere Mitglieder der Population dasselbe Verhalten zeigen.

Auch hier schreibt Elmar wieder sehr knapp und scheint mir dabei die Prinzipien nicht verstanden zu haben.

Wesentlich für das Verständnis ist dabei zum einen der bereits oben dargestellte Ansatz, dass Evolution bei den Genen des Einzelnen ansetzt. Eine Spezies ist nicht gleich, sondern hat einen Genpool, mit einer Vielzahl von Unterschieden, die in Konkurrenz zueinander stehen.
Damit können evolutionär auch verschiedene Strategien innerhalb einer Spezies innerhalb verschiedener Situationen verschieden erfolgreich sein.
Dawkins führt dies beispielsweise mit dem in der Evolutionsbiologie bekannten Beispiel der „Falken“ und der „Tauben“ aus:

Dabei stehen diese Bezeichnungen für Vertreter innerhalb einer Spezies, die verschiedene Dispositionen zu bestimmten Verhalten haben:

  • Falken kämpfen um bestimmte Ressourcen und müssen daher die Kosten eines Kampfes tragen aber können auch deren potentielle Vorteil für sich gewinnen.
  • Tauben fliehen vor einer Auseinandersetzung und verlieren die Vorteile (etwa bestimmte Ressourcen), tragen aber auch keine Kosten (beispielsweise Verletzungen).

Es leuchtet ein, dass eine Mutation zu einem Falken in einer Kolonie von Tauben sehr lukrativ ist: Alle weichen einem Kampf aus, man hat also keine Kosten und alle Nutzen. In einer Kolonie von Falken sind hingegen die Kämpfe so erbittert, dass es sinnvoll sein kann, eher zu fliehen und etwa möglichst schnell Ressourcen wie Futterquellen zu vereinnahmen, bevor man vertrieben wird. Jedes vorteilhafte Verhalten reichert sich innerhalb der Spezies an, wodurch sich aber die Kosten verändern können: Wenn die Mutation hin zu einem Falken einem eine höhere Vermehrung erlaubt, dann verschwindet dieser Vorteil, um so mehr sich das Gen aufgrund dieser höheren Vermehrung innerhalb der Kolonie durchsetzt. Irgendwann werden die Kosten durch beständiges Kämpfen evtl so hoch, dass nunmehr die Tauben im Vorteil sind und sich damit stärker vermehren.

Interessant ist, dass sich hier bestimmte Gleichgewichte bzw evolutionär stabile Strategien herausbilden können, bei denen keine der Strategien im Vorteil ist.

Mit diesem zweiten Punkt begibt sich die Soziobiologie bereits in Teufelsküche. Denn einerseits besteht kein Zweifel daran, daß genetisch vererbtes Verhalten nicht erst erlernt werden muß. Andererseits aber will die Soziobiologie eine große Klasse sozialer Verhaltensweisen erfassen, die zweifelfrei erst erlernt und vor allem richtig gemacht werden müssen, damit sie sich evolutionär auszahlen können wie z.B. Babypflege, Erziehung, sexuelles Werbungsverhalten oder sozialer Einsatz für die Familie.

Auch hier scheint mir das Problem weitaus eher darin zu bestehen, dass Elmar sich nur oberflächlich mit den Theorien beschäftigt hat, die er hier bespricht. Und es ist denke ich auch ein gutes Beispiel dafür, dass er in seiner Besprechung der Evolutionsbiologie nur vom Menschen her denkt und nicht zunächst erst einmal versucht, die Prinzipien auch bei Tieren nachzuvollziehen.
Ein Löwenjunges muss beispielsweise zweifellos die Jagd lernen und seine Fähigkeiten in dem Bereich kalibrieren, hat aber die biologischen Voraussetzungen dafür und deren Grundlagen, wie die Art, wie man schleicht oder die Lust am Verfolgen von Objekten ererbt. Die Art und Weise, auf die er lernt, ist Imitation, Beobachtung, Ausprobieren etc. Und auch hier gibt es Lernmechanismen, die das Verstehen und Aneignen dieser Fähigkeiten begünstigen.

Etwas alltäglicher als der Löwe kann man das bei einer Hauskatze beobachten, die mit Katzenfutter versorgt vielleicht nie eine Maus oder andere typische Beute gesehen hat. Man wird sie dennoch dabei beobachten, wie sie schleicht, wie sie einen Laserpointerpunkt oder einen Faden jagt oder anderweitige Tätigkeiten übernimmt, die unter anderen Bedingungen dazu dienen würden, dass sie das jagen erlernt. Bei allen lernfähigen Tieren ist die Kindheitsphase dazu da, dass sie bestimmte Fähigkeiten in Übereinstimmung mit ihrer Biologie ausbilden und verfeinern, sprich: durch ihre Dispositionen zu verhalten verleitet werden, mit welchem sie Fähigkeiten für das Erwachsenenleben ausbilden sollen.

Bei Babypflege beispielsweise gibt es Studien, die nachweisen, dass Östrogen eine stärkere Affinität für das Kindchenschema bewirkt, positive Reaktionen des Kindes werden damit auch stärker aufgenommen, was eine Beschäftigung mit dem Kind stärker belohnt. Im Prinzip würden hier stärkere Dopaminausschüttungen, die das Belohnungsssytem auf bestimmte Reize hin stimulieren ausreichen.

Sexuelles Werbeverhalten muss auch nicht als solches bewusst ausgebildet sein, es reicht, wenn bestimmtes Verhalten sich gleichzeitig gut anführt und einen begehrenswert macht, etwa einen hohen sozialen Status zu haben oder viele Ressourcen zu besitzen. Und bei sozialen Einsatz für die Familie ist ebenfalls recht gut bekannt, dass eine bestimmte Bindung in den ersten Lebensjahren erfolgt, die ebenfalls über das Belohnungssystem eine Form von Sucht bewirkt.

Das Zauberwort für die Soziobiologie heißt an dieser Stelle Disposition. Wer nun erwartet, daß die Soziobiologie als seriöse, interdisziplinäre Wissenschaft eine eigenständige Theorie zur Analyse von Dispositionen vorlegt, der wird enttäuscht.

Wie bestimmte evolutionäre Vorgänge ablaufen wird durchaus erforscht. Es ist Bestandteil derr Neurologie, Psychologie und der Medizin. Gerade im Geschlechterbereich sind bestimmte Ausgestaltungen in ihren Grundlagen anhand verschiedenster Sonderkonstellationen wie Transsexualität, CAH etc. in der Forschung bekannt, auch wenn man die genaue Art und Weise, wie das Gehirn in der Hinsicht funktioniert, noch nicht entschlüsselt ist.

Was auch immer in diesen Diskussionen ausgeblendet wird: Selbst wenn man nicht wüsste, wie diese Mechanismen funktioniern, bedeutet das nicht, dass die evolutionären Theorien falsch sind. Das ist etwas, was Elmar immer wieder vorbringt, aber es bleibt ein Argument vom Nichtwissen, was ein reines Scheinargument ist.

Das ist um so bedauerlicher, weil Elmar die Kriterien, die er hier an andere Theorien anlegt noch nicht einmal ansatzweise selbst erfüllen kann. Soweit dieser anscheinend auf „Freien Denken“ aufbaut dürfte dies an Komplexität kaum zu überbieten sein. Eine eigenständige Theorie dazu, wie dies tatsächlich funktionieren soll hat er nicht ansatzweise. Langt ihm die von ihm bisher mitgeteilten Informationen, dann wäre „es ist durch evolutionäre Selektion entstanden“ auch in diesem Fall vollkommen ausreichend.

Stattdessen appelliert man hoffnungsfroh an den unreflektierten Alltagsverstand, der eben nicht intuitiv widerlegen kann, daß Dispositionen anders als Begabungen funktionieren, welche aber zweifellos eine genetische Komponente haben.

Auch so ein Satz, wo man nicht wirklich weiß, was Elmar eigentlich genau an Kritik vorbringt. Was meint er denn wie Begabungen funktionieren und warum sollten diese möglich sein, aber Dispositionen nicht? Warum ist eine Begabung, die einen etwas leichter lernen lässt, denkbar, eine Disposition, die einen etwas lieber machen lässt, aber undenkbar? Nach Elmar wohl einfach, weil das eine in das freie Denken eingreift und das andere nicht. Dabei ist ein Belohnungssystem über Dopamin etc recht unzweifelsfrei vorhanden und wäre recht einfach mit einem „Begabungssystem“ zu verküpfen.

Auch die unterschiedliche Ausprägung von „Begabungssystemen“ je nach Hormonen ist insoweit gut in Studien nachgewiesen.

Das zweite Problem liegt darin, daß nicht alles intentionale Verhalten von Indivuduen auf diese Weise erfaßt wird. Hier muß sich die Soziobiologie etwas Besonderes einfallen lassen.

Niemand behauptet, dass alle intentionalen Verhalten auf diese Weise erfasst wären. Aber auch hier scheint Elmar nicht zu verstehen, dass es nicht für jedes einzelne Verhalten eine komplette Disposition geben muss, sondern es ausreicht, wenn bestimmte Grunddispositionen vorliegen, die dann in verschiedensten Situationen und auch im Zusammenspiel ein typisches Verhalten bewirken. Beispielsweise reicht eine Disposition dafür einen hohen Status zu haben und in intrasexueller Konkurrenz Herausforderungen anzunehmen, um ein Verhalten zu bewirken, welches sich nach einem bestimmten Schema in vielen Bereichen auswirkt und auch entsprechend ausgenutzt werden kann.

Theorie der Gen-Kultur-Koevolution: Phänotypen inklusive ihrer Verhaltensmerkmale entstehen immer aus einer Wechselbeziehung zwischen dem Genom und seiner Umgebung. Die Gene bestimmen dabei die Reaktionsnorm auf äußere Entwicklungsbedingungen. Das Sozialverhalten wird daher entsprechend durch den Mechanismus der natürlichen Selektion evolutionär angepasst, weshalb nur die tendentiell erfolgreichen Sozialstrategien via Sexualität an die nächste Generation weitergereicht: Soziobiologen begreifen eine Verhaltensstrategie als eine evolvierte Regelsammlung, die festlegt, mit welcher Wahrscheinlichkeit welches Verhalten unter welchen Bedingungen gezeigt wird. Es setzen sich folglich nur diejenigen individuellen Verhaltensmuster durch, die die besten individuellen Reproduktionschancen realisieren. D. P. Barash z.B. formuliert das in Soziobiologie und Verhalten, p. 85 so: „Eine genetisch bedingte Neigung zur Kinderlosigkeit hätte keine große evolutionäre Zukunft.“.

Der letzte Satz ist jedenfalls sehr richtig und man wird ihm auch kaum widersprechen können.

Richtig ist zunächst, dass soziales Verhalten auch eine Selektion bewirken kann, und diese Selektion wiederum das soziale Verhalten.

Ein klassisches Beispiel wäre die Laktosetoleranz, also die Verträglichkeit von Milchzucker. Diese hat sich nur in einigen Völkern und verhältnismäßig spät entwickelt, weil sie die kulturelle Praxis erfordert, einen gewissen Viehbestand zu haben und sich der Vorteil wohl auch insbesondere bei Nomaden zeigt, die schwerer Ackerbau betreiben können. Hier könnten einige zunächst einen Nischenvorteil durch eine Mutation gehabt haben, die ihnen in bestimmten Zeiten über das Nutzen der Milch oder die bessere Verträglichkeit der Milch einen Vorteil brachte. Dieser Vorteil kann zu einer Anreicherung der entsprechenden Gene geführt haben, was auch bedeutete, dass immer mehr Menschen Milchprodukte nutzen konnten und diese damit ein größerer Bestandteil der verfügbaren Nahrung bildeten und sie damit nicht verwerten zu können auch einen immer größeren Nachteil darstellte. Hier haben sich Kultur und Biologie gegenseitig beeinflusst.

Ein anderes Beispiel wäre das Kochen/Braten von Speisen. Dazu schrieb ich schon einmal:

Hätte unser früher Vorfahre, der vor rund einer Million Jahren lebende Homo erectus, sich genauso ernährt wie die heutigen Menschenaffen, hätte auch er mindestens neun Stunden täglich für die Nahrungssuche benötigt, so die Forscherinnen. Für andere Tätigkeiten wie das Werkzeugmachen oder soziale Kontakte wäre dann kaum mehr Zeit geblieben. „Unsere Daten sind eine direkte Bestätigung der Theorie von Wrangham“, konstatieren Fonseca-Azevedo und Herculano-Houzel. Allein mit Rohkost hätten unsere Vorfahren ihr großes Gehirn nicht entwickeln können. „Wenn Nahrung gekocht wird, liefert sie mehr Kalorien, weil die Nährstoffe besser verdaut und vom Körper aufgenommen werden können.“

Hier sieht man auch ein gutes Beispiel zwischen Kultur und Umwelt. Weil eine Kulturtechnik wie das Kochen des Essens Zeit schafft, um andere Tätigkeiten zu übernehmen. Zudem waren dadurch auch weitere Möglichkeiten für eine weitere körperliche Veränderung vorhanden. Weil Nahrung leichter verdaut werden konnte, wenn sie gekocht war, konnte die Verdauung anders gestaltet werden und das Abkochen dürfte auch die Krankheitserreger eingeschränkt haben. Inbesondere aber konnte man sich damit ein so kostspieliges Organ wie das Gehirn leisten. Selbst wenn man nicht den ganzen Tag für die Nahrungsaufnahme verwendete, konnte man das Gehirn mit hinreichend Nahrung versorgen.

Auch hier liegt eine Koevolution vor. Kochen erlaubte weniger Zeit auf Nahrungssuche zu verwenden und damit ein größeres Gehirn zu entwickeln. Um so mehr sich dadurch der Magen anpasste, um so mehr musste gekocht werden, da der Magen rohes Fleisch etc nicht mehr in der gleichen Weise verarbeiten konnte. Heute ist Kochen nicht mehr wegzudenken aus der menschlichen Gesellschaft.

Soziale Strategien in die nächste Generation weiterzugeben ist dabei relativ unwesentlich. Sie werden nur dann relevant, wenn sie sehr lange anhalten, was wohl meist einen bestimmten Vorteil bieten muss. Eher werden bestimmte Gene, die ein bestimmtes Verhalten günstiger machen, in die nächste Generation weitergegeben, zB die Fähigkeit Milchzucker zu verdauen. Natürlich könnte eine Kultur dennoch das Leben als Nomade mit Vieh aufgeben, welches dadurch begünstigt wird. Vielleicht sind dann – wie bei uns heute durch moderne Viehzucht und Kühlmöglichkeiten – dennoch Milchnutzungen auf andere Weise sinnvoll. Die Gen-Kultur-Koevolution oder Dual inheritance Theory legt erst einmal nur einen Entwicklungsweg dar. Aus ihm kann folgen, dass auch bestimmte Verhaltensweisen attraktiver werden.

Man kann sicherlich sagen, dass auch soziale Verhaltensweisen insoweit einer Art Evolutionsprozess unterliegen: Sie werden selten vollkommen gleich weitergegeben und Verbesserungen setzen sich dann häufig durch. Da sie jedoch nicht wie Gene „verfestigt“ sind, sind sie relativ leicht zu ändern, wenn damit nicht Vorteile verbunden sind oder bereits eine besondere Selektion auf bestimmte Vorteile davon sie nach wie vor besonders attraktiv macht.

Eine wesentliche Selektion auf soziale Prozesse dürfte auch auf einer „Metaebene“ bestehen, nämlich den Routinen für das  Erkennen von sozialen Regeln und dem Einschätzen von deren Wichtigkeit, zB indem man erkennt, welche Regeln als Tabu ausgestaltet sind, so dass ein Verstoß erhebliche Folgen hat.

Besteht der unterschiedliche Reproduktionserfolg der Individuen zumindest zu einem Teil auf genetischen Unterschieden, kommt es zu Verschiebungen von Genfrequenzen in einer Population, und evolutionärer Wandel einer Art findet statt. Die Erbinformation mit den besseren Selektionseigenschaften ist vermehrt an der Herausbildung der anatomischen, physiologischen und ethologischen Merkmale ihrer Mitglieder, der Phänotypen, beteiligt, während die Erbinformation der Verlierer in der Darwinischen Konkurrenz abnimmt.

Es ist dabei noch einmal wichtig darauf hinzuweisen, dass sich nicht die Gene der Art ändern, in dem Sinne, dass nunmehr alle Wesen dieser Art die Änderung übernehmen, sondern das sich Einzelwesen aus der Art mit einer vorteilhaften Mutation  aufgrund dieser Vorteil stärker fortpflanzen und damit in jeder weiteren Generation mehr von diesen Genen im Genpool vorhanden sind. Gut vorstellen kann man sich das zB bei einer Umgebung in der Milchzucker zu verwerten vorteilhaft sind: Der erste Mensch hat eine entsprechende Mutation, die er an seine Kinder weitergibt. Er kann evtl bereits mehr Kinder zeugen oder die Kinder sterben seltener, weil sie eine neue Nahrungsquelle haben und auch bei deren Kindern ist es wiederum so. Bei anderen Menschen, die Milchzucker nicht verdauen können, sterben vielleicht mehr Kinder oder sie haben eine schwächere Konstitution oder sie sind anderweitig im Nachteil und deswegen werden sie nicht mehr oder jedenfalls nicht im gleichen Maße. Bei Mischehen überleben dann vielleicht eher die Kinder, die Milchzucker verdauen können, also das passende Gen erhalten haben oder sie entwickeln sich besser, werden größer und stärker, während ihre Geschwister ohne dieses Gen eher sterben und kleiner und schwächer sind (etwa vereinfacht dargestellt). Entsprechend wird das Gen für die Verwertung von Milchzucker entsprechend zahlreicher im Genpool.

Diese Ansicht ist zunächst mal wenigstens missverständlich. Denn erstens findet Evolution nicht durch Selektion, sondern durch Mutation statt, zweitens ist Selektion nicht primär sexuelle Selektion und drittens diskutieren Biologen schon seit Langem, welche besonderen Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Merkmal selektiert wird – ein Problem, das einen eigenen post verschlingen wird.

Evolution findet durch Mutation und Selektion statt. Ein Mutation, die keinen Vorteil bringt, kann sich nicht durchsetzen. Eine Mutation, die einen Vorteil bringt, aber aus anderen Gründen aus dem Genpool verschwindet (der Träger des Milchzuckerverwertungsgens wird von einer zahlenmäßig überlegenen Gruppe angegriffen und mit seiner Familie ausgelöscht) wird sich ebenso wenig durchsetzen. Nur wenn eine Selektion ansetzen kann, kann auch eine Anreicherung im Genpool stattfinden. Und verschiedene Formen der Selektion erzeugen auch wiederum selbst einen gewissen Selektionsdruck, etwa sexuelle Selektion, die zu einer run-away-selection, einem Selbstläuferprozess, führen kann. Das ist etwa der Fall, wenn eine Selektion dazu führt, dass ein „Mehr“ als sexuell attraktiv wahrgenommen wird, etwa bei einer langen Schwanzfeder eines Goldfasans. Da dann rein aufgrund dieser genetischen Fixierung, den männlichen Vogel mit der längsten Feder attraktiv zu finden, ein Selektionsdruck gestartet ist, wären verschiedene Formen der Evolution ohne die Berücksichtigung von Selektion gar nicht vorstellbar. Ein reines Abstellen auf Mutation ist ein typisches Fehlverständnis etwa von Kreationisten, die anführen, dass ein Wirbelsturm auf einem Schrottplatz nicht einfach zu einer Boing 747 führen kann und daher Evolution nicht der Grund für komplexere Wesen sein kann. Sie unterschätzen dabei die Bedeutung von Selektion und deren Möglichkeit durch eine Form von „Trial and Error“ günstige und komplexe Ergebnisse zu erreichen.

Was Elmar damit sagen will, dass Selektion nicht primär sexuelle Selektion ist verstehe ich nicht. Wie man am Milchzucker sieht können bestimmte Koevolutionen auch abseits sexueller Selektion stattfinden. Die Bedingungen für eine Selektion sind in ihren Grundsätzen auch nicht gerade sehr umstritten: Ein Merkmal mit genetischen Grundlagen wird dann selektiert, wenn es Vorteile bei der Weitergabe von diesen Genen in die nächste Generation bringt und sich so im Genpool anreichern kann. Hier wird man wohl Elmars nächsten Artikel abwarten müssen.

Das zweite Problem besteht – wie erwartet – darin, daß die Soziobiologen als Verhaltenswissenschaftler versagen: Denn zweifellos gibt es Verhalten, daß nichts anderes als die Instantiierung einer Regel darstellt. Wer z.B. an einem Stopschild im Verkehr anhält, macht das genauso regelhaft, wie jemand, der eine monoton wiederholte Tätigkeit als Mittel einsetzt, um einen Zweck zu erreichen.

Niemand behauptet, dass es eine genetische Regelung für Stopschilder gibt. Allenfalls sind wir darauf evolviert bestimmte Regeln der Gesellschaft zu erlernen und haben zusätzlich ein „Sparprogramm“ entwickelt, welches uns bei immer wiederkehrenden Handlungen kein logisches Denken abverlangt, weil diese anderweitig abgespeichert werden und einem gewissen Automatismus unterliegen. Das es hierfür einen eigenen biologischen Apparat gibt kann man beispielsweise auch daran sehen, dass Leute, die ihr Langzeitgedächtnis dauerhaft verloren haben, also nur noch über ein Kurzzeitgedächtnis verfügen, häufig dennoch noch bestimmte Handlungen, die Gewohnheit waren, ausführen können, beispielsweise die ewig gleiche Runde mit ihrem Hund gehen können auch wenn sie sich ansonsten ihn der Stadt, in der sie 20 Jahre gewohnt haben, nicht mehr zurechtfinden.

Doch ein Großteil unseres Verhaltens sieht völlig anders aus: Wer z.B. einen abgenudelten Dosenöffner samt Raviolidose unter erbostem Knurren „Dir zeige ich es!“ lustvoll aus dem Fenster schleudert, der folgt keiner Regel.

Elmar wählt immer Beispiele für seine Widerlegungen aus, bei denen nie jemand angeführt hat, das sie als solche genetisch verankert ist. Dass wir aber dazu neigen Objekte zu personifizieren und bei dem Stück Metall und Plastik, welches für uns einen Dosenöffner darstellt, einen Verrat zu sehen, also ein vollkommen unlogisches und widersinniges Verhalten zu praktizieren, folgt keiner Regel, ist aber ebenfalls ein (übereifriges) biologisches Programm, welches immer versucht „Motive“ zu finden. Elmar scheint sich einfach mit Dispositionen und Motivationen nicht wirklich anfreunden zu können, er versucht daher immer evolvierte Handlungen als eine Form von aktiv geschriebenen Code für genau diesen Prozess zu sehen, was gar nicht diskutiert wird. Eher müsste man sich den Menschen als teilweise schlecht programmierten Roboter vorstellen, bei dem ein Unterprogramm die „Handlung“ des Dosenöffners als „Verrat“ erkennt und bestimmte Handlungsoptionen unter diesem Aspekt eingeblendet werden (teminatorstyle, wenn man ein entsprechendes Bild haben will), die einem unter der Annahme, dass der Dosenöffner „schuld“ ist logisch erscheinen. Der Betreffende in Elmars Beispiel entscheidet sich anscheinend für die Option „bestrafen“.

Noch bedeutend kritischer wird es, wenn man sich Verhalten vornimmt, daß man nicht verstehen kann, ohne diejenigen Sätze zu berücksichtigen, die davor und während dem zu erklärenden Verhalten geäußert werden. Auch darüber wird man also noch ausführlich nachdenken müssen.

Was auch immer nicht verstanden wird: Die Gene entscheiden nicht, sie müssen nicht komplexe Handlungsweisen für Raviolidosen vorsehen. Sie haben ein hochkomplexes System geschaffen, dessen Ressourcen sie nutzen können, um Informationen aufzunehmen und zu bewerten. Natürlich auch vorherige Sätze. Nehmen wir den Satz „Gehen wir raus“. Dieser mag von einem bärtigen Rocker, den man aus Versehen ein Glas Bier über den Kopf gegossen hat und der dies mit deutlichen Anzeichen für Verärgerung sagt, einen Fluchtreflex auslösen, den Schließmuskel lockern und einen dazu bewegen den Kopf einzuziehen, sich kleiner zu machen, die Augen aufzureißen und sich tausendmal zu entschuldigen. Der gleiche Satz ins Ohr gehaucht von der Dame an der Bar, mit der man die letzte Stunde geflirtet hat, mag das Erregungsprogramm aktivieren, so dass man fortan weitere Aktionen unter diesem Gesichtspunkt sieht. Das Gene einen Einfluss auf das Denken haben, bedeutet nicht, dass die Gene denken müssen. Das Gehirn kann diese Aufgabe natürlich übernehmen und wertet beispielsweise Daten wie Bedrohlichkeit einer Situation oder Wahrscheinlichkeit für Sex aus, ohne das dies logisch durchdacht werden muss. Je nach dem werden wir auch andere Handlungsoptionen interessanter finden.

Ein anderes Beispiel wäre Hunger, wenn wir leckeres Essen riechen oder sehen, in Abhängigkeit davon, ob wir länger nichts gegessen haben. Unser Gehirn wertet die Erkenntnis aus, dass Essen in der Nähe verfügbar ist und es kann bei längeren Zeiten seit der letzten Mahlzeit eine Motivation entstehen, ebenfalls essen zu können. Also wertet unser Verstand aus, welche Optionen dafür bestellen, beispielsweise den Kellner in der Kneipe, der an den Nebentisch gerade Speisen gebracht hat, herüberzurufen und eine Bestellung aufzugeben. Die Frage „Soll ich etwas bestellen“ ist dabei eine, die als Folge der Erkenntnis, dass Essen verfügbar ist und wie man es erlangen kann, aufgrund der Weise, wie unser Gehirn arbeitet, in uns aufgetaucht und kann dringender oder weniger dringend (in dem Terminatormodell klein im unteren Bildschirmrand oder in blinkenden sehr großen Buchstaben in der Mitte des Displays) ausgestaltet sein. Unser Verstand mag dann einwenden, dass wir eigentlich eine Diät machen wollen, aber der Rest unseres Gehirns signalisiert uns, welche Glücksgefühle uns die Aufnahme von Fett und Zucker und Kohlehydraten machen würden, unser Gehirn stellt uns tadellos arbeitend auch bereits Auswahlmöglichkeiten für interne Ausreden bereit: Hatte man zum Mittagessen nicht etwas kleines? Hatte man heute nicht einen harten Tag, bei dem man eine Ausnahme verdient hat? Soll man sein Leben nicht auch Leben und reicht es nicht die Diät morgen zu starten? Die Vernunft mag dann siegen oder nicht siegen, wir haben unsere aus der Biologie stammende Motivation bemerkt.

Dieses Zusammenspiel von Aufnahme und Auswertung von Daten und Aktivierung bestimmter Verhaltungspräferenzen wird dabei gerne ausgeblendet und so getan als wäre unser Gehirn nicht zu komplexen Berechnungen im Dienste der Gene in der Lage (aber dennoch zu den komplexen Berechnungen, die „freies Denken“ erfordert).

Zunächst mal aber geben wir der Soziobiologie Gelegenheit, ihre eigene Reichweite erkennbar zu machen:

IV) genetische Priorität: Da die Gene biologische Merkmale und Verhaltensweisen des Phänotyps des Genträgers während der Ontogenese in Abhängigkeit von den Lebensumständen und der jeweiligen Umwelt generieren, ist das Verhalten niemals nur rein genetisch bestimmt, sondern immer auch durch die Umwelt geprägt. Verhaltensmuster und Verhaltesnneigungen können also nicht generell in erbliche und erworbene eingeteilt werden, sondern die neurobiologisch begründeten Verhaltenstendenzen haben erbliche Anteile.

Da wird einiges durcheinander geworfen, was man vielleicht klar stellen muss.

  • Gene sind erst einmal ein Wachstumsplan. Genau wie bei einer Pflanze hängt das Wachstum natürlich auch von anderen Faktoren ab, bei einer Pflanze etwa von dem Boden, der Lage, der Sonneneinstrahlung, dem Dünger, dem Regen und dem Vorhandensein von Fressfeinden ab. Gene, die einen mächtigen Eichenbaum hervorgebracht hätten, werden in einem schlechten Boden, ohne Wasser und mit wenig Sonne, vielleicht nur ein recht kümmerliches Exemplar hervorbringen, selbst wenn sie unter idealen Umständen einen sehr schönen Baum hervorgebracht hätten.
  • Das ist bei Menschen natürlich noch extremer, weil sie anderen Einflüssen unterliegen als eine Pflanze.
  • Zum einen ist zu bedenken, dass wir als Säugetiere in einer Gebärmutter starten, in er uns die Mutter die Umgebung stellt, in der wichtige Entwicklungen stattfinden. Dies betrifft die Versorgung mit Nahrung aber auch die Zuführung bestimmter Hormone etc. Hier spielen auch die in diesem Blog häufig erwähnten pränatalen Hormone eine erhebliche Rolle. Aber auch ohne die richtigen Nährstoffe kann das Gehirn nicht entsprechend ausgebildet werden und auch ein Gehirn, welches seitenes der Mutter bestimmte Stressbotenstoffe erhält bildet sich anders aus

Zum anderen wird auch ein Kind, welches nach seiner genetischen Ausstattung friedlich ist, eben nicht friedlich sein, wenn man es im starken Maße in eine andere Richtung erzieht. Wie so etwas aussehen kann sieht man beispielsweise auch sehr gut in der regelmäßigen Lesern des Blogs gut bekannten Studie von Udry, aus der ich hier eine Grafik kurz einfügen möchte:
Udry Testosteron und Erziehung
Hier sieht man gut, wie sich verschiedene biologische Dispositionen zu einem Verhalten (oder einem Bündel bestimmter Verhalten, hier männlicher und weiblicher) und Erziehung gegenseitig beeinflussen: Hier haben die Mädchen bestimmte Gene, die ihren Körper auf auf eine bestimmte Weise aufgebaut haben. Deswegen produzieren sie auch eine bestimmte Menge von Hormonen. Auch die Umwelt spielte eine Rolle, zum einen darüber, wie viele Hormone über die Mutter in der Gebärmutter bereit gestellt worden sind, aber auch, wie sich das Kind ansonsten dort entwickeln konnte. Später beim Aufwachsen kommen eine Vielzahl weiterer Umweltaspekte dazu, natürlich auch die Erziehung. Die Frauen mit einer sehr starken Disposition zu einem weiblichen Verhaltens, bedingt durch die Hormone, reagieren hier sehr stark auf diese Einflüsse, Frauen mit einer starken Disposition (für Frauen) in die andere Richtung reagieren hingegen sogar mit verstärkter Ablehnung auf entsprechende Erziehungsversuche. Berücksichtigt ist noch nicht, dass hier weitere genetische Einflüsse vorliegen könnten, da Mütter, die besonders weiblich sind, ihre Töchter vielleicht auch besonders weiblich erziehen, und ihre Töchter einen Teil ihrer Gene haben und insofern auch abseits er Erziehung weiblicher sind. Man sieht, dass hier eine große Spannbreite vorhanden ist, die allerdings insbesondere in eine bestimmte Richtung und wesentlich weniger in die andere besteht.

Denn weil die individuellen Verhaltensmerkmale durch Anpassung an die Umwelt während der Ontogenese ausgebildet werden, müssen sie durch erbliche Anlagen vorbereitet werden. Die während der Ontogenese erworbenen z.B. kulturellen Verhaltensmerkmale selbst vererben sich nicht. Die Erblichkeit misst daher nur denjenigen Anteil der Varianz eines Merkmals, der durch unterschiedliche genetische Ausstattungen zustande kommt.

Und das Wort „unterschiedliche“ ist hierbei das zentrale Wort. Es geht darum, inwiefern die Unterschiedlichkeit eine genetische Grundlage hat.

Doch daraus folgt natürlich nicht, daß ein invariantes Merkmal mit Erblichkeit nahe Null – wie z.B. die Fünffingerigkeit – in einer Population nicht vererbt werden würde.

Das ergibt sich eben damit, dass mit Vererblichkeit hier der Unterschied erfasst wird und nicht die Frage, zu welchem Anteil die Gene für ein bestimmtes Merkmal verantwortlich ist. Das wäre häufig auch schon deswegen schwierig, weil es zB bei Verhalten schwierig ist, einen Nullpunkt zu bilden, ab dem man einen Anteil bestimmen kann. Was ist zB „Aggressivität 0“?

Insgesamt ist es unter Soziobiologen Standard (vgl. z.B. W. Irons in: Natural selection, adaptation, and human social behavior – An anthropological perspective, 1979) Verhaltensunterschiede in erster Linie durch flexible Reaktionen ähnlicher Genotypen auf verschiedenartige Lebenskontexte zu verstehen. Und kein Organismus reagiert auf ausnahmslos alle Aspekte seiner Umgebung oder in jedem Punkt seines Verhaltens. Die Folge ist, daß evolvierte Mechanismen der Verhaltenssteuerung nur insoweit biologisch funktionale Ergebnisse liefern, wie die Umwelt, in der sie wirksam werden, identisch ist mit derjenigen Umwelt, in der sie entstanden sind.

Ich bin nicht ganz sicher, dass ich es richtig verstanden habe, was Elmar hier meint, weil er es sehr kurz fasst. Ich vermute aber, dass sich sein Fehlverständnis von weiter oben hier fortsetzt. Es ist natürlich auch gar nicht notwendig immer auf alle Aspekte einer Umgebung zu reagieren, aber gleichzeitig haben wir ein Gehirn, welches beständig die Umgebung auf wichtige Informationen auswertet. Ein einfaches Beispiel wäre, dass Bewegung unser Auge stark anzieht, weil das früher ein Überlebensvorteil war. Ebenso werten wir andere Signale aus, etwa schätzen wir den Partnerwert, also unter anderem die Schönheit der Menschen um uns herum ein , ebenso wie ihren sozialen Status und ihre potentielle Gefährlichkeit. Natürlich machen wir das mit mehr oder weniger Intensität, befinden wir uns gerade in einem intensiven Gespräch mit unserem Gegenüber, dann wird weniger Aufmerksamkeit auf die übrige Umgebung gerichtet sein.

Zudem ist es auch keineswegs erforderlich, dass die Umgebung identisch ist, es reicht vollkommen, wenn die Situationen ein gleiches Muster aufweisen. Das ist etwas, was als Gedanke vielen schwerfällt, auch wenn es eigentlich recht einfach ist. Es hängt häufig mit der Denkweise zusammen, dass ein auf Biologie beruhendes Verhalten in Bezug auf seinen biologischen Anteil quasi auf sich selbst gestellt ist und alle Informationen seiner „Programmierung“ entnehmen können muss, ohne das es ausreicht bestimmte Muster zu aktivieren in Abstimmung mit Auswertungen aus der Umgebung.

Ein weiterer Umstand, der oft nicht bedacht wird, ist, dass die Gen-Umwelt-Koevolution, eben auch dazu führt, dass sich die Kultur auch nach der Biologie richtet. Das ist vergleichbar damit, dass sich die Mode zumindest dem Grunde nach nach dem Körper richten muss. Das Muster einer Hose mag sich dem Grund nach ändern, hat aber üblicherweise zwei Beine. Ebenso gibt es beim Menschen Muster, die man immer wieder dem Grunde nach erkennt. Beispielsweise haben menschliche Gesellschaften eben bestimmte soziale Hierarchien, Menschen zeigen Status auf bestimmte Weise an, beispielsweise durch Ressourcen oder durch bestimmte Kleidung. Angesichts der Kurzlebigkeit von Mode kann in den Genen nicht abgespeichert werden, welche Kleidung Status ausdrückt. Es kann aber eine Mustererkennung darauf ausgebildet werden, dass man erkennt, welche Leute einen hohen Status haben und was diese tragen oder sonst als Zeichen angesehen wird.

Für primitive Lebewesen oder schlicht physische Merkmale des Phänotyps ist das eine ziemlich plausible Hypothese. Doch je stärker man in Richtung Primaten und ihr soziales Verhalten geht, desto fraglicher ist es, ob man die zunehmende Komplexität der Verhaltensentstehung durch die neu hinzukommenden, kognitiven Fähigkeiten einfach so unter den Tisch fallen lassen kann.

Ich hatte an anderer Stelle schon einmal das Bild der „Führung durch Auftrag statt Befehl“ verwendet. Dabei geht es darum, dass einem Soldaten nicht genau vorgeschrieben wird, was er zu tun hat, sondern er einen Auftrag erhält, den er dann aufgrund seiner Erfahrung und seine Intelligenz und den in dem Training erworbenen Fähigkeiten umsetzt. Dieser Auftrag kann Zwischenziele enthalten und muss auch nicht das tatsächliche Endziel „Gewinne den Krieg“ umfassen, sondern kann dazu notwendige Etappen zum Ziel haben.

Ein tatsächlicher Befehl, der alle einzelnen Handlungen vorwegnimmt wäre, gerade bei einer komplexeren Kommandoaktion kaum zu geben, wenn er alle Schritte und alle Handlungen der Gegenseite vorwegnehmen würde. Und so etwas schwebt Elmar anscheinend vor.

Bei einem Handeln nach Auftrag bleibt das eigentliche Ziel hingegen gleich, egal wie intelligent  der Soldat ist und wie clever seine Gegner. Vermutlich könnte man das Ziel sogar kürzer fassen, wenn er entsprechend intelligent ist, weil er die Zusammenhänge versteht.

Die Biologie gibt in vielen Fällen die Bewertungen vor und lässt bestimmte Ziele attraktiv, andere als unattraktiv erscheinen. Mit dem alten Satz „Der Mensch kann tuen, was er will, aber nicht wollen, was er will“ ist das entsprechend wiedergegeben. Es ist demnach nicht so, dass komplexere Denkvorgänge zwangsläufig dazu führen müssen, dass Befehle komplexer sind oder nicht mehr wirksam werden.

Dieses Problem haben Soziobiologen ebenfalls bemerkt und suchen daher in diesem Punkt die Nähe zur evolutionären Psychologie:

V) radikale Komplexitätsreduktion: Bei Menschen ist es genauso wie bei allen anderen Tieren. Kulturelle Traditionen können generell nur dort entstehen und von Eltern auf die Kinder durch Lernen weitergegeben werden, wo sie gleichzeitig den reproduktiven Erfolg unterstützen.

Langfristig mag das so sein, kurzfristig ist das nicht der Fall. Wir können beispielsweise heutzutage kulturelle Praktiken wie Verhütung aufrechterhalten und mit hohen und langen Ausbildungszeiten kombinieren, die dazu führen, dass sich eine Vielzahl von Kindern, die eine Familie sicherlich ernähren könnte, sich schlicht nicht lohnt. Eine Vielzahl von Familien liegt unterhalb der Reproduktionsgrenze von 2 Kindern. Natürlich: Wenn die Menschheit insgesamt dies übernimmt, dann wird dies zu einer Reduzierung der Menschen führen, aber angesichts der Überbevölkerung würden wir das durchaus eine Zeit lang durchhalten und es könnte dennoch den einzelnen damit gut gehen.

Kulturelle Anpassungen bewirken auf diese Weise immer auch einen biologischen Reproduktionsteilerfolg, von der einzelne Gene indirekt profitieren (multilevel selection). Der Mensch kann also immer nur soviel Kultur produzieren, wie seine genetische und hormonelle Natur es ihm erlaubt.

Hier driftet Elmar ab in einen Bereich, der in der Evolutionären Biologie eher umstritten ist, nämlich „Multi-Level-Selektion“ auch besser bekannt als Gruppenselektion.

Diese Theorie ist zunächst erst einmal ein Widerspruch zu der Theorie der egoistischen Gene, weil sie eine weitere Ebene neben den egoistischen Genen errichtet, die hier wirksam sein soll. Das Fehlverständnis ist, dass der Effekt des Zusammenlebens in der Gruppe ebenfalls auf die egoistischen Gene reduziert werden kann.

Aus der Wikipedia ein Beispiel, was Wilson für diese Multi-Level-Selection anführt:

Wilson beschreibt an einem anderen Beispiel, wie man ein Gehege von 20 Hennen erhält, die in der Summe die meisten Eier legen (Wilson 2007,33f). Früher suchten Züchter die produktivsten Hennen aus einer größeren Gruppe heraus, selektierten wiederholt die Auswahl der ein oder zwei Dutzend besten Legehennen einige Generation lang bis nach einer Reihe von Generationen die besten bestimmt waren. Dies hatte jedoch den unter Züchtern bekannten unliebsamen Effekt, dass die verbleibenden besten Legehennen in der Gruppe keinerlei Konkurrenz duldeten und sich töteten. Die Zusammenhänge hat der Amerikaner William Muir [4] entdeckt: Wenn jeder sein Bestes gibt im Staat, dann ist das nicht zwingend das Beste für alle.

Wilson führt hier an, dass deswegen die Gruppe eine eigene Selektionsebene wäre, tatsächlich hat er aber lediglich zwei verschiedene Selektionen auf das egoistische Gen betrachtet, die einen verschiedenen Selektionsdruck betreffen. Einmal wird nur auf Legeleistung selektiert und das soziale spielt keine Rolle. Bei der anderen Selektion wird der bessere und sozialere Umgang mit den anderen Hennen selbst zu einem Selektionsdruck für die egoistischen Gene. Es ist damit keine weitere, auch keine kulturelle Ebene, vorhanden, auf der die Selektion stattfindet.

Soziobiologen behaupten aber nicht, jedes einzelne Verhaltensmerkmal eines individuellen Menschen erklären zu können: Individuelle Vorlieben und Abneigungen können viele Ursachen haben, die aus der persönlichen Biographie von Menschen – aus bestimmten Erlebnissen, Assoziationen und so weiter – verständlich sind. Allerdings formuliert E. Voland: Grundriss der Soziobiologie, 2013 p.215 es für einzelne Individuen sogar so: „Lernen ist ein biologisch detailliert geregelter und häufig eng gebahnter (»bereichsspezifischer«) Vorgang, und deshalb kann der Mensch auch nicht unbegrenzt formbar sein. Man lernt nur, was man [in einem teleonomen Sinne] lernen soll (Heschl 1998, Tooby et al. 2005)!“.

Ein klassisches Beispiel dafür wäre der Versuch, Affen die Angst vor Blumen beizubringen. Forschung zeigt, dass man Affen, die noch nie im Leben eine Schlange gesehen haben, Angst vor Schlangen beibringen kann, indem man ihnen einen zusammengeschnittenen Film zeigt, in dem andere Affen auf eine Schlange mit Angst und Warnrufen reagieren. Filme nach dem gleichen Prinzip bewirken aber keine Angst vor Blumen, auch wenn diese Affen diese ebenfalls noch nicht gesehen haben.

Das Lernen ebenso ein biologischer Vorgang ist, den man erklären muss und der erst einmal sehr kompliziert ist, hatte ich hier auch bereits häufiger angeführt. Leute, die sich gegen eine biologische Grundlage aussprechen machen sich darüber häufig keine Gedanken.

Es wäre eine interessante Frage an Anthropologen, Historiker und Kulturwissenschaftler, ob die kulturellen Entwicklungen tatsächlich so gleichförmig verlaufen sind. Noch interessanter wäre es, zu untersuchen, ob die kognitiven Fähigkeiten von Menschen oder Primaten in dieses simple Bild hinein passen – eine Sache, der ich auf jeden Fall eingehend nachgehen werde.

Wir dürfen gespannt sein

II. Elterninvestment

Im Paradigma der Soziobiologie (F.M. Wuketits: Was ist Soziobiologie? 2002) gibt es drei große Themenfelder:

a) soziale Kooperation innerhalb und zwischen Gruppen: Die Antwort auf die Frage, wie in der Tierwelt durch natürliche Auslese soziale Verbände mit fremdnützigen Verhalten entstehen können, wird durch das Prinzip der Verwandtenselektion beantwortet, das ebenfalls von W.D. Hamliton stammt. Durch Altruismus gegenüber der genetischen Verwandtschaft erhöhen die Verwandten die evolutionären Überlebenschance der eigenen Gene oder zumindest für Genesätze, die den eigenen sehr ähnlich sind. Zwischen Gruppen hingegen herrscht evolutionäre Konkurrenz auf genetischer Ebene, was z.B. den Fremdenhass erkläre.

Dazu hatte ich oben bereits etwas geschrieben: Verwandtenselektion ist lediglich ein Faktor, aufgrund dessen Altruismus entstehen kann. Es lohnt sich auch gegen über Fremden altruistisch zu sein, wenn man dadurch einen Kooperationsgewinn erhält oder annehmen kann, dass diese einen bei entsprechender Gelegenheit ebenfalls unterstützen oder aber wenn man damit anderen gegenüber signalisieren kann, dass es sich lohnt mit einem Zusammenzuarbeiten, weil man zu einem Altruismus bereit ist. Gleichzeitig muss jeder Altruismus vor Ausbeutung geschützt werden und ähnlich wie bei den Falken und den Tauben gibt es hier verschiedene Ansätze, wie man vorgehen kann, härter oder weicher, mehr auf Signalling setzend oder mehr auf Bestrafung von Trittbrettfahrern und Parasiten. Eine wesentliche Bedeutung hat hier zum einen unser Gedächtnis, das Anzapfen von Wissen Dritter (Ruf) und die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Interaktion. Um so wahrscheinlicher es ist, dass man nur einmal in Kontakt ist um so geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass der andere die Großzügigkeit erwidern kann. Gleichzeitig kann aber auch hier noch Signalling betrieben werden, es kann insofern sogar ein stärkeres Signal sein (seht, ich helfe jedem, also könnt ihr auch mir helfen, ich werde erwidern und auch „ich kann es mir leisten, dass auch bei Fremden zu machen“).

Hier bringt Elmar zudem wieder die Gruppenselektion hinein, die recht überwiegend abgelehnt wird. Es herrscht keine evolutionäre Konkurrenz zwischen Gruppen, sondern nur zwischen Genen an sich, die Umstände, die dort wahrgenommen werden sind nur Folgen des egoistischen Gens und der Verwandtenselektion.

Es ist etwas ungünstig, dass Elmar einen Überblick über die Evolutionsbiologie geben möchte und dann  in diesem stark auf Meinungen, die dort kaum Anhänger haben, abstellt. Eigentlich sollte ein solcher Überblick ja gerade die Meinungen darstellen, die hauptsächlich vertreten werden, aber das war wahrscheinlich mit Elmars Hass auf Dawkins und Co nicht vereinbar.

b) Geschlechterrollen (inklusive Fortpflanzung): Sie entstehen nach dem – weiter unten diskutierten – Prinzip der elterlichen Investition.

Deswegen wird es auch dort besprochen

c) sozialer Altruismus: Er wird im Grunde konplett geleugnet.

Sozialer Alturismus wird nicht geleugnet, er hat nur keine Bedeutung für evoltuionäre Theorien, weil es dort um die biologoischen Grundlagen des Verhaltens geht. Natürlich kann aber der soziale Altruismus nach diesen Grundsätzen betrachtet werden, wie jede soziale Ausformung biologischer Grundlagen.

Stattdessen wird versucht, in den üblichen Fällen altruistischen Verhaltens einen versteckten Eigennutz im Hinblick auf evolutionäre Vorteile für die eigenen Gene zu finden. Dies geschieht entweder als reziproker Altruismus nach R.L. Trivers oder als indirekter reziproker Altruismus, bei dem die Gegenleistung nicht um Altruismus-Adressaten, sondern von anderen Mitglieder der gleichen sozialen Gruppe kommt, die ihrerseits aus reziprokem Altruismus handeln.

Dieser „Versteckte Eigennutz“ lässt sich ja auch gut in Experimenten nachweisen. Es ist im wesentlichen ein Problem der Spieltheorie und daher auch in diesem Bereich erforscht worden. Sehr bekannt geworden ist eine Computersimulation dazu:

Computerturnier von Axelrod
Der amerikanische Politologe Robert Axelrod veranstaltete zum mehrmaligen Gefangenendilemma zu Beginn der 1980er Jahre ein Computerturnier, in dem er Computerprogramme mit verschiedenen Strategien gegeneinander antreten ließ. Die insgesamt erfolgreichste Strategie, und gleichzeitig eine der einfachsten, war besagte Tit-for-Tat-Strategie, entwickelt von Anatol Rapoport.[22] Sie kooperiert im ersten Schritt (freundliche Strategie) und den folgenden und „verzichtet auf den Verrat“, solange der andere ebenfalls kooperiert. Versucht der andere, sich einen Vorteil zu verschaffen („Verrat“), tut sie dies beim nächsten Mal ebenfalls (sie lässt sich nicht ausbeuten), kooperiert aber sofort wieder, wenn der andere kooperiert (sie ist nicht nachtragend).[23]

Evolutionsdynamische Turniere
Eine Weiterentwicklung des Spiels über mehrere Runden ist das Spielen über mehrere Generationen. Sind alle Strategien in mehreren Runden gegeneinander und gegen sich selbst angetreten, werden die erzielten Resultate für jede Strategie zusammengezählt. Für einen nächsten Durchgang ersetzen die erfolgreichen Strategien die weniger erfolgreichen. Die erfolgreichste Strategie ist in der nächsten Generation am häufigsten vertreten. Auch diese Turnier-Variante wurde von Axelrod durchgeführt.

Strategien, die zum Verraten tendierten, erzielten hier zu Beginn relativ gute Resultate – solange sie auf andere Strategien stießen, die tendenziell eher kooperierten, also sich ausnutzen ließen. Sind verräterische Strategien aber erfolgreich, so werden kooperative von Generation zu Generation seltener – die verräterischen Strategien entziehen sich in ihrem Gelingen selbst die Erfolgsgrundlage. Treffen aber zwei Verräter-Strategien zusammen, so erzielen sie schlechtere Resultate als zwei kooperierende Strategien. Verräter-Strategien können nur durch Ausbeutung von Mitspielern wachsen. Kooperierende Strategien wachsen dagegen am besten, wenn sie aufeinandertreffen. Eine Minderheit von miteinander kooperierenden Strategien wie z. B. Tit for Tat kann sich so sogar in einer Mehrheit von verräterischen Strategien behaupten und zur Mehrheit anwachsen. Solche Strategien, die sich über Generationen hin etablieren können und auch gegen Invasionen durch andere Strategien resistent sind, nennt man evolutionär stabile Strategien.

Tit for Tat konnte erst 2004 von einer neuartigen Strategie „Master and Servant“ (Ausbeuter und Opfer) der Universität Southampton geschlagen werden, wobei dazugehörige Teilnehmer sich bei gegenseitigem Aufeinandertreffen nach einem Initial-Austausch in eine Ausbeuter- bzw. eine Opferrolle begeben, um dem Ausbeuter (individuell) so eine Spitzenposition zu ermöglichen. Betrachtet man das Ergebnis des Ausbeuters und des Opfers zusammen (kollektiv), so sind sie bei den o. g. Auszahlungswerten schlechter alsTit for Tat. Nötig für die individuell guten Ergebnisse ist aber eine gewisse kritische Mindestgröße, d. h., Master and Servant kann sich nicht aus einer kleinen Anfangspopulation etablieren. Da die Spielpartner über ihr anfängliches Spielverhalten codiert kommunizieren, besteht der Einwand, dass die Master-and-Servant-Strategie die Spielregeln verletzt, wonach die Spielpartner isoliert voneinander befragt werden. Die Strategie erinnert an Insektenvölker, in denen Arbeiterinnen auf Fortpflanzung gänzlich verzichten und ihre Arbeitskraft für das Wohlergehen der fruchtbaren Königin aufwenden.

Notwendige Bedingungen für das Ausbreiten von kooperativen Strategien sind: a) dass mehrere Runden gespielt werden, b) sich die Spieler von Runde zu Runde gegenseitig wiedererkennen können, um nötigenfalls Vergeltung zu üben, und c) dass nicht bekannt ist, wann sich die Spieler zum letzten Mal begegnen.

Das reale Leben ist komplexer als die Computersituation und bezieht damit auch andere Faktoren wie Ruf und Wahrscheinlichkeit, dass jemand etwas merkt mit ein. Die entsprechenden Modelle zum Verständnis der Evolution von Altruismus sind insoweit in der Spieltheorie vorhanden,

Erklärungen durch einen ausschließlichen Nutzen für die eigene Art werden abgelehnt.

Gruppentherorie kann nicht funktionieren, das sie das Trittbrettfahrerproblem nicht in den Griff bekommt (wenn die Gruppe einen Nutzen hat, dann ist es immer besser derjenige aus der Gruppe zu sein, der den Nutzen, aber nicht die Kosten hat) und daher entsprechende Selektionen dagegen stehen.

Dabei geht es Soziobiologen keineswegs um Bewertungen, sondern nur darum zu zeigen, daß evolutionäre Letztbegründungen die komplizierte Annahme edler Motive überflüssig macht (Wickler & Seibts: Das Prinzip Eigennutz, 1977).

Es geht ihnen insbesondere darum, dass Gruppenselektion nicht funktioniert.

Letzteres ist übrigens ebenfalls keine neue Idee: Bereits der englische Philosoph H. Spencer – von dem Darwin den slogan survival of the fittest übernahm – sprach von ego-altruistischen Gefühlen und brachte damit zum Ausdruck, daß auch der Altruist allein eigennützige Motive haben kann.

In der Tat war das Buch des Philosophen Spencer zu Darwins Zeiten sehr populär, es hatte allerdings eher einen Standpunkt, den man heute als Vorläufer eines Sozialdarwinismus sehen würde.

Wir verfolgen nun die Theorie der elterlichen Investition weiter, die 1972 ursprünglich von R.L. Trivers in Parental Investment and Sexual Selection vorgeschlagen wurde, um Geschlechterrollen und Mechanismen der sexuellen Selektion vorherzusagen. Mit Elterninvestment wird in der Soziobiologie die Gesamtheit der Maßnahmen bezeichnet, die Lebewesen jeweils ergreifen, um Nachkommen zu zeugen und deren eigene reproduktive Eignung zu gewährleisten. Diese Theorie besagt, daß zwar beide Geschlechter ihre indivduelle Nachkommenschaft sichern wollen, für dieses Ziel aber unterschiedlich viel Aufwand treiben müssen. Die unterschiedlichen Verhaltensmerkmale der beiden Geschlechter seien zudem verbunden und begründbar durch ein unterschiedliches Investment (z.B. E. Voland: Grundriss der Soziobiologie, p.127ff, 2013):

Der Brutpflegeaufwand für das weibliche Geschlecht ist größer als für das männliche. Schon die Produktion der viel größeren und wenig zahlreichen Eier kostet mehr Energie als die Erzeugung einer Unzahl von Spermien, die daher als billig gelten können. Hinzu kommen bei Säugetieren Schwangerschaft und die anschließende Versorgung des Nachwuchses. Während dieser langen Zeitspanne kann das Weibchen keinen weiteren Nachwuchs bekommen, wodurch ihre Reproduktionschancen und damit ihr evolutionärer Erfolg verringert sind. Das Männchen hingegen kann während dieser Zeit theoretisch unbegrenzt weitere Nachkommen zeugen. Weibchen sind daher bezüglich ihres Sexualpartners besonders wählerisch und an Treue mehr interessiert als Männchen. Sie achten insbesondere auf Kriterien, die die Bereitschaft eines Männchens signalisieren, in den gemeinsamen Nachwuchs mehr als nur die Samenspende zu investieren. Männchen, die sich als gute Verteidiger und Ernährer präsentieren, dem Weibchen wertvolle Ressourcen bieten, werden bevorzugt. Bei Säugetieren herrscht durch lange Tragzeiten und die alleinige Versorgung des Nachwuchses durch die Weibchen ein besonders großes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern.

Studien ergeben, daß für Menschen insofern nichts anderes gilt, als Frauen weltweit dazu tendieren, eher ältere, gesellschaftlich und beruflich erfolgreiche Männer mit guten finanziellen Ressourcen bevorzugen, die häufig einen höheren Status als sie selbst haben. Männer jeden Alters wählen hingegen mit größerer Wahrscheinlichkeit jüngere und körperlich attraktive Frauen, die noch eine lange Fruchtbarkeit signalisieren.

Das sind in der Tat so ziemlich zentrale Gedanken. Mal sehen, was Elmar daraus macht.

Vom Standpunkt der Soziobiologen ist damit geklärt, daß große Abweichungen des bisher von Männern und Frauen gezeigten Verhaltens unwahrscheinlich, weil evolutionär disfunktional sind. Männerbewegungen wie sie vom Maskulismus unterstützt werden, sind daher eher von kosmetischer Bedeutung und „biologistischer Maskulismus“ im Grunde ein Widerspruch in sich.

Ich vermute mal, dass das aus Elmars Sicht ein Gegenargument ist: Wenn man gewünschte Ziele wegen bestimmter Fakten nicht erreichen kann, dann müssen die Fakten falsch sein.

Eine Änderung wäre im übrigen nicht unwahrscheilich, weil sie evolutionär dysfunktional ist, sondern weil bestimmte Grundlagen abgespeichert sind, insbesondere Partnerwahlkriterien. Ob etwas dysfunktional aus evolutionärer Sicht wäre, wäre relativ egal, da nicht der Grund oder das Ziel abgespeichert wird, sondern nur die eigentliche Funktion.

Warum das einen „biologistischen Maskulismus“ ausschließen soll erschließt sich mir nicht. Man kann nicht änder, dass Frauen Männer mit Status und Männer schöne, junge Frauen attraktiv finden, aber man kann natürlich trotzdem für ein allgemeines Sorgerecht ab Geburt auch bei unverheirateten Eltern sein, man kann deswegen dennoch andere Regelungen im Zugewinn und im Unterhalt  für richtig halten, man kann dennoch darauf hinweisen, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt sein können, man kann auch dagegen sein Männer zu verteufeln und man kann besonders effektiv dagegen argumentieren, dass die Geschlechterrollen vom Patriarchat künstlich angelegt worden sind um Frauen zu unterdrücken.

(weiter in der Besprechung demnächst in Teil 2)

Geschlechterunterschiede aus neurowissenschaftlicher Sicht

Ein interssanter Artikel behandelt Unterschiede zwischen Männern und Frauen aus neurowissenschaftlicher Sicht:

Unterschiede im Verhalten zwischen männlichen und weiblichen Tieren, die in der ethologischen Forschung (Ethologie) festgestellt wurden (geschlechtsspezifisches Verhalten), ließen schon früh nach deren Ursachen forschen. Die dabei gestellten Fragen lauteten vor allem, ob ihnen morphologische Unterschiede im Gehirnzugrunde liegen, ob diese Differenzen Einfluß auf die kognitiven Fähigkeiten haben könnten und – vor allem – inwieweit der Mensch davon betroffen ist.

Unterschiede in der Gehirngröße

Wenn man ein menschliches Gehirn vor sich hat, kann man nicht nur von der Betrachtung her sagen, ob es männlichen oder weiblichen Ursprungs ist. Rein statistisch beträgt die durchschnittliche Hirnmasse (Gehirngewicht) bei der Frau 1245 g und beim Mann 1375 g. Da es eine Korrelation zwischen Hirnmasse und Körpermasse gibt und Frauen im Durchschnitt kleiner sind als Männer, leitet sich daraus zunächst auch ein kleineres weibliches Gehirn ab. Das Verhältnis von Hirnmasse zu Körpermasse verschiebt sich nach einigen Untersuchungen sogar zu Gunsten des weiblichen Geschlechts: Die Hirn-Körpermasse-Relation beträgt danach bei der Frau 1:46 (22g Hirnmasse pro kg Körpermasse) und beim Mann 1:50 (20g pro kg). Allerdings gibt es inzwischen auch neuere Befunde, die wiederum zum gegenteiligen Schluß kommen. In jedem Fall sagen solche Durchschnittswerte jedoch nichts über die geistige Leistungsfähigkeit eines bestimmten Individuums aus – Ausnahmen bestätigen dabei wie immer die Regel. Ein besonders kleines Gehirn muß daher nicht zwangsläufig einer Frau gehören; es kann ebenso einem kleinen Mann zugeordnet werden. Systematische Untersuchungen zu Geschlechtsunterschieden im menschlichen Gehirn aus der jüngeren Vergangenheit zeigen, daß solche Unterschiede bereits bei Neugeborenen vorhanden, also vermutlich genetisch bedingt sind. Diese Differenzen sind zwar gering, aber signifikant, und bleiben beim Erwachsenen bestehen.

Die reinen Größenunterschiede sind wenig aussagekräftig, sonst wären die meist kleineren Asisaten oder andere kleinere Völker per se kleiner.

Die Ausreifung kognitiver Leistungen (Kognition) des Gehirns hängt von der Interaktion mit der Umwelt ab und beruht letztendlich auf Lernprozessen während der Individualentwicklung. Hier zeigt sich ein wichtiger Punkt bei der Betrachtung männlicher und weiblicher Gehirne, der zu der zugespitzten Frage „Natur oder Erziehung“ führt (Anlage-Umwelt-Kontroverse). Weil kulturelle Aspekte (Kultur) bei der Erziehung Heranwachsender nicht zu vermeiden sind, eignet sich der Mensch schlecht zur Klärung dieses Problems. Man untersucht daher Nagetiere, die man ohne Gonaden (Geschlechtsorgane) aufzieht, und kann dann während der Entwicklung männliche oder weibliche Hormone (Sexualhormone) kontrolliert hinzugeben.

In der Tat könnte man mit unmoralischen Menschenversuchen hier theoretisch relativ schnell gute Ergebnisse bekommen. Da das natürlich nicht geht muss man sich auf den „Natürlichen Experimentepool“, der durch genetische und biologische Besonderheiten oder ärztliche Vorfälle herbeigeführt wird nutzen. Oder eben die  Forschung bei Tieren.

Hormonale Grundlagen des menschlichen kognitiven Verhaltens

Das Hauptresultat diesbezüglicher Forschungsergebnisse lautet, daß Männer und Frauen sich in der Art ihrer Intelligenz unterscheiden, und zwar vor allem in ihrer Art, abstrakte Aufgaben zu bewältigen. Die hormonabhängige Differenzierung beginnt beim Menschen in einer frühen Embryonalphase der vorgeburtlichen Entwicklung. Der ursprüngliche Bauplan ist weiblich. Gegen Ende des zweiten Embryonalmonats bilden sich bei Vorhandensein von X- und Y-Chromosom die männlichen Keimdrüsen aus. Diese Keimdrüsen, die Hoden, beginnen im Normalfall mit der Produktion von Androgenen (den männlichen Hormonen). Störungen in der Hormonbildung haben eine unvollständige Maskulinisierung (Vermännlichung) zur Folge. Die männlichen Hormone bewirken nicht nur die Maskulinisierung von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen, sondern leiten auch spezifische Differenzierungen im sich entwickelnden Gehirn ein ( siehe Zusatzinfo 1 ). Eine Besonderheit dabei ist, daß das eigentlich aktive Hormon das weibliche HormonÖstradiol ist, in welches das Testosteron durch Enzyme im Gehirn umgewandelt wird. Das weibliche Gehirn muß demzufolge vor einem maskulinisierenden Einfluß des an sich weiblichen Hormons (Östrogene) durch ein spezielles Alpha-Fetoprotein geschützt werden. Das Androgen Testosteron kann sowohl in Östrogen als auch in Dihydrotestosteron umgewandelt werden. Es wird aber umgekehrt auch im weiblichen Organismus aus Progesteron gebildet. Dies erklärt die Tatsache, daß im Speichel der Frau Testosteron quantitativ bestimmt werden kann, also ein Leben lang vorhanden ist. Der Testosteronspiegel liegt jedoch beim weiblichen Geschlecht viel niedriger als beim Mann. Dennoch bestimmt Testosteron das Verhalten und die kognitiven Fähigkeiten beider Geschlechter in signifikanter Weise; das trifft nicht nur für den Menschen, sondern auch für z.B. Ratten zu (siehe unten).

Hier werden die Theorien, nach denen insbesondere pränatale Hormone die Unterschiede bewirken noch einmal gut dargestellt. Erst bestimmen die Geschlechtschromosomen welche Hormone mehr produziert werden und die Hormone führen dann zu einer bestimmten Ausrichtung des Gehirns

Geschlechtsabhängige Problemlösestrategien

Probleme, bei deren Lösung Frauen Männern überlegen sind, lassen sich wie folgt aufzählen: 1) Frauen sind besser bei optischen Wahrnehmungen, bei denen es auf die Geschwindigkeit, das detailgetreue Erinnerungsvermögen und die Entscheidungsschnelligkeit ankommt. 2) Frauen haben eine flüssigere Sprache, sprachlich den größeren Einfallsreichtum und können besser exakt rechnen. 3) Frauen verfügen über eine feinere Motorik der Hand. 4) Frauen besitzen eine höhere Wahrnehmungsgeschwindigkeit.

Männer sind dagegen bei den folgenden Leistungen im Vorteil: 1) Männer haben ein besseres Abstraktionsvermögen und sind bei mathemathischen Schlußfolgerungen Frauen überlegen. 2) Männer können besser zielgerichtet werfen und auffangen. 3) Männer haben ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen. 4) Männer zeigen bessere optische Leistungen bei Suchbildern, d.h. beim Auffinden versteckter geometrischer Figuren.

Das finde ich eine recht kurze, aber wichtige Auflistung. Es zeigt auch, dass es nicht um ein „Männer sind in allem besser“ geht, beide Geschlechter haben eben eine bestimmte Ausrichtung auf andere Bereiche.

Drei dieser Eigenschaften – räumliches Vorstellungsvermögen, mathematisches Schlußfolgern und Wahrnehmungsgeschwindigkeit – wurden bei männlichen und weiblichen Probanden in ihrer Abhängigkeit vom Testosterongehalt untersucht. Die Ergebnisse sind überraschend. Frauen mit hohem Testosteronspiegel lösen Fragen zum räumlichen Vorstellungsvermögen (männliche Domäne) besser als Frauen mit niedriger Testosteronkonzentration. Bei Männern ist es umgekehrt: ein niedriger Testosteronspiegel korreliert mit besseren Leistungen.

Das verwirrt immer einige: es sei daher noch einmal darauf verwiesen, dass Männer mit niedrigen Testosteronspiegel immer noch mehr Testosteron haben als Frauen mit hohen Testosteron.

Evolutionär ist die“Konfiguration“ durchaus interessant: es sind dann nicht unbedingt die „Kämpfer“ oder „Anführer“ aber die logischen Erfinder und mechanisch begabten.

Es erklärt vielleicht auch, warum der typische Physiker eher der Nerd als der Jock ist.

Bei dem Test zur Wahrnehmungsgeschwindigkeit (weibliche Domäne) gibt es dagegen keine Korrelation zwischen Hormongehalt und kognitiver Leistung. Der Test zum mathematischen Schlußfolgern wiederum, bei dem Männer besser abschneiden als Frauen, ergibt die besten Leistungen bei Männern mit niedrigem Testosteronspiegel ( siehe Zusatzinfo 2 ). Diese und ähnliche Tests zeigen übrigens auch Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Männern. Daraus ergibt sich, daß die optimale Testosteronkonzentration für die genannten kognitiven Aspekte offensichtlich ein Prozentsatz ist, der höher als der normale weibliche und niedriger als der normale männliche Spiegel ist.

Es gibt eben nicht eine bestimmte Konstellation, bei der alles ganz besonders gut ist, sondern eben eher verschiedene Ausprägungen die ihre jeweiligen Vorteile haben.

Auch bei Ratten gibt es geschlechtsabhängige Problemlösestrategien; beispielsweise orientieren sich weibliche Ratten genauso wie Frauen mehr an markanten Punkten als an Winkeln und Formen der Gänge im Labyrinth.

Was eben auch bei Menschen in Studien festgestellt worden ist.

Morphologie

Eine andere Möglichkeit zur Feststellung von geschlechtsspezifischen Unterschieden besteht darin, gezielt nur bestimmte Hirngebiete, denen sich eindeutig Funktionen mit geschlechtsspezischen Unterschieden zuordnen lassen, zu untersuchen und zu vergleichen. Dabei fanden sich z.B. Unterschiede in der Gestalt oder Größe bestimmter Nervenzellen. Ein besonders spektakulärer Versuch ist die Transplantation von „Männlichkeit“ auf eine junge weibliche Ratte. Hierbei wird Gewebe desjenigen Hirnareals, welches das Sexualverhalten steuert, von neugeborenen Männchen entnommen und weiblichen Geschwistertieren an Stelle des entsprechenden weiblichen Hirngebietes eingepflanzt. Diese weiblichen Ratten entwickeln dann als Erwachsene ein männliches Kopulationsverhalten. Die ausgetauschten Zentren liegen bei Säugern in relativ kleinen, unscheinbaren Arealen des Diencephalons (im Hypothalamus) und weisen bei Ratten und anderen Nagern geschlechtsspezifische Größenunterschiede auf. Ähnliche Zentren findet man auch bei Vögeln im Vorderhirn (Prosencephalon). Hier sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern noch ausgeprägter, z.B. für das Hyperstriatum ventrale pars caudale, das im Jahresrhythmus den Balzgesang steuert. Ebenfalls eindeutige Befunde wurden von Gorski (1984) am Nucleus praeopticus medialis (mediales präoptisches Areal) der Ratte erhoben. Dieser Nervenkern des Hypothalamus ist in männlichen Rattengehirnen viermal größer als in weiblichen.

Hier zeigen sich die Mechanismen, die man auch bei Menschen vermutet.

Beim menschlichen Gehirn sind die Beweise für morphologische Unterschiede nicht so eindeutig. Das liegt nicht zuletzt an der komplexen Interaktion von neuronalen und hormonellen Komponenten, die über das limbische System Verhalten und kognitive Fähigkeiten beeinflussen.

Neuropsychologie und Lateralisierung

Die Großhirnrinde als Station des bewußten Erlebens von Sinneseindrücken erweist sich von der Gestalt her als relativ geschlechtsneutral und bilateral symmetrisch. Dieser morphologischen Uniformität stehen funktionelle Asymmetrien der Hirnhälften gegenüber. Viele Forscher meinen, daß besonders die Sprache und das räumliche Vorstellungsvermögen bei Männern stärker als bei Frauen lateralisiert seien (Asymmetrie des Gehirns). Die Pubertät markiert dabei einen wichtigen Punkt der Entwicklung. Bis zu diesem Stadium kann man sich Sprachen allein dadurch aneignen, daß man ihnen ausgesetzt ist, danach muß man sie aktiv erlernen. Untersuchungen über den zeitlichen Verlauf der Lateralisierung, d.h. der Spezialisierung der Hirnhälften (u.a. Links- und Rechtshändigkeit), an hirngeschädigten Kindern zeigten, daß die Fähigkeit zum Spracherwerb und die Lateralisierung gekoppelt sind. Hatten die untersuchten Kinder die Schädigung vor dem Ende des zweiten Lebensjahres erlitten, begannen sie normal zu sprechen, unabhängig davon, welche Hirnhälfte geschädigt war. Diese plastische Fähigkeit ist während der frühkindlichen Entwicklung geschlechtsunabhängig. Bei Erwachsenen treten ausgeprägte Geschlechtsunterschiede nach Hirnverletzungen auf. Sprachstörungen, die die Wortwahl betreffen (Aphasien), finden wir bei Frauen am häufigsten, wenn vordere Teile des Gehirns verletzt sind, bei Männern, wenn hintere Teile beschädigt wurden. Schwierigkeiten, angemessene Handbewegungen auszuführen (Apraxien) zeigen sich bei Frauen nach Läsionen der vorderen linken Hirnhälfte und bei Männern nach Läsion in hinteren Regionen. Dabei scheint der Mann stärker zu einer Spezialisierung seiner Hirnhälften zu neigen als die Frau. Gegensätzliche Ergebnisse erbrachte jedoch wiederum die Untersuchung von Linkshändern. Linkshändigkeit wird auf die geringere Dominanz der linken Hemisphäre zurückgeführt. Es gibt jedoch eindeutig mehr linkshändige Männer als Frauen. Selbst bei Rechtshändern benutzten Frauen die rechte Hand öfter als rechtshändige Männer. Die Geschlechtsunterschiede bei funktionellen Asymmetrien variieren also von Funktion zu Funktion: in einigen Fällen kann man bei der Frau eine stärkere Asymmetrie beobachten, in anderen beim Mann.

Welche Bedeutung hat die unterschiedliche Lateralisierung von Mann und Frau nun für deren Intelligenzquotienten (IQ)? Zur geschlechtsneutralen Bewertung kann der Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene herangezogen werden. Er besteht aus nonverbalen und verbalen Untertests. Als Maß für den IQ berücksichtigt man sowohl die im nichtsprachlichen Teil ermittelten als auch die im sprachlichen Teil bestimmten IQ-Werte. Bei Männern beeinträchtigt z.B. eine Schädigung der linken Hirnhälfte den sprachlichen IQ mehr als den nichtsprachlichen.

Abschließend und zusammenfassend kann festgestellt werden, daß Frau und Mann in den einzelnen kognitiven Fähigkeiten mitunter wesentlich differieren, aber nicht in der Gesamtintelligenz, für die der IQ im übrigen nur ein Bewertungsaspekt unter vielen sein kann.

Lit.: Gorski, R.A.: Sex differences in the rodent brain: Their nature and origin. In: Sex differences in the brain. Eds.: De Vries, DeBruin, Uylings and Corner. Elsevier, Amsterdam-New York-Oxford 1984, pp.37-67. Kimura, D., Harshman, R.A.: Sex differences in brain organization for verbal and nonverbal function. In: Sex differeneces in the brain. Eds.: De Vries, DeBruin, Uylings and Corner. Elsevier, Amsterdam-New York-Oxford 1984, pp.423-439. Springer, S.P., Deutsch, G.: Linkes-rechtes Gehirn: funktionelle Asymmetrien. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1987.

Die Lateralisierung wäre evolutionär ein guter Weg, wie sich auch graduell Unterschiede herausbilden können.

Geschlechtstypische Unterschiede beim Menschen sind im Bereich der Sinneswahrnehmungen gut untersucht: Frauen sind empfindlicher für Berührungen und Gerüche, bemerken schneller Veränderungen in der Anordnung von Objekten; Männer sehen im mittleren Gesichtsfeld besser, unterscheiden mehr Einzelheiten bei bewegten Objekten usw. Auch in komplexeren Verhaltensweisen zeichnen sich Unterschiede ab, auch wenn manche Allgemeingültigkeiten inzwischen angezweifelt werden. Jungen scheinen nicht unbedingt häufiger als Mädchen aggressiv zu sein, vielmehr soll nur die Art variieren, wie die Aggressivität ausgedrückt wird. Jungen bevorzugen die augenfälligeren, körperbetonten Varianten, doch ein wütender Blick, Spott oder verbale Kommentare zeugen ebenso von Aggressivität. Auch die Festlegung der Rangordnung innerhalb gleichgeschlechtlicher Gruppen unterscheidet sich entsprechend. Bereits im frühen Kindergartenalter, sobald also Kinder in Gruppen miteinander zu spielen beginnen, ist bei Jungen die sog. Dominanz-Hierarchie zu finden, bei Mädchen die Geltungs-Hierarchie.

Auch eine schöne Darstellung der Unterschiede. Dominanz-Hierarchie und Geltungshierachie finde ich als Begriffe interessant. Ich denke es geht in Richtung dessen, dass die Frage ist, wer wen inwieweit gelten lässt, ihn also innerhalb der Gemeinschaft anerkennt oder versucht ihm etwas vorzuschreiben oder ihn ausgrenzt.

Diese und andere geschlechtstypischen Verhaltensdispositionen dürften auf der in der menschlichen Stammesgeschichte früh angenommenen arbeitsteiligen Familien- und Gruppenstruktur beruhen. Man geht von der grundlegenden Sicherstellung der Versorgung durch die Sammeltätigkeit der Frauen aus, während die tierische Nahrung vorwiegend durch die Jagd männlicher Gruppenmitglieder herbeigeschafft wurde. An dieser Vorstellung wird in den letzten Jahren jedoch vermehrt Kritik geübt: man nimmt zunehmend an, daß Frauen gleichfalls an der Erbeutung tierischer Nahrung beteiligt waren. Auch die geschlechtsabhängig divergierenden Orientierungsmethoden im Raum – werden Orientierungsmarken entfernt, haben Frauen größere Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden, Männer dagegen, wenn die räumlichen Dimensionen verändert werden – werden mit den arbeitsteiligen Aufgaben im Ernährungsbereich zu erklären versucht. Überleben und Fortpflanzung, die unterschiedliche Beteiligung an der Versorgung und den Betreuungsaufgaben des Nachwuchses erforderten demnach im Verlauf der Menschheitsgeschichte im jeweiligen Geschlecht andere soziale Strategien, Eigenschaften und Fertigkeiten, die sich in diesen unterschiedlichen Verhaltensdispositionen niederschlugen.

Die arbeitsteilige Lebensweise ist aus meiner Sicht kaum wegzudiskutieren. Wenn Männer und Frauen nicht verschiedene Arbeiten erledigt hätten, dann gäbe es auch keine körperlichen Unterschiede in diesem Umfang.

In den letzten Jahren belegen auch technisch aufwendige Untersuchungen zur Arbeitsweise des Gehirns geschlechtsabhängige Unterschiede. Männer nutzen z.B. für die Entschlüsselung gelesener Worte oder gesprochener Sprache bevorzugt Teile der linken Hirnhemisphäre, Frauen Areale beider Gehirnseiten. Auch bei mathematischen Aufgaben (die Differenz zwischen den durchschnittlichen mathematischen Leistungen von Mädchen und Jungen vermindert sich in den letzten Jahren immer mehr) und auf Emotionen (wobei ebenfalls morphologische Variationen festgestellt wurden) ausgerichteten Anforderungen weichen die aktiven Gehirnareale voneinander ab. Bei einigen Untersuchungen zeigte sich jedoch auch, daß bei manchen Frauen das Gehirn wie bei den Männern „funktioniert“. Unterschiede bei den gestellten Aufgaben treten meist dann deutlicher hervor, wenn man sehr spezielle Fertigkeiten abfragt. Bei komplexeren Aufgaben, zu deren Bewältigung viele Fähigkeiten erforderlich sind, verringern sich die Unterschiede, falls sie überhaupt nachweisbar sind.

Auch das ist etwas, was häufig zu Studien führt, die geringe Unterschiede aufweisen: Es werden keine konkreten Eigenschaften abgefragt, sondern eine Mischung. Fragt man dabei Eigenschaften ab, bei denen einmal Frauen und einmal Männer besser sind, dann gleicht sich dies in der Statistik aus. Auch bei einer geringen Schwierigkeit kann die Aufgabe weniger durch die Spezialfertigkeit und eher durch allgemeine Intelligenz gelöst werden.

Die Aufschlüsselung geschlechtsabhängiger Eigenschaften mit Hilfe neuer Technologien der Hirnforschung steht noch immer weit am Anfang, zudem ist die untersuchte Probandenzahl aufgrund der aufwendigen Methoden vergleichsweise gering. Endgültige Aussagen über die Ursachen sind nach wie vor nicht möglich. Die Vermutung liegt aber nahe, daß Gründe im variierenden Hormonhaushalt (Hormone) der Geschlechter im Verlauf der Entwicklung zu suchen sind. Hormonveränderungen beeinflussen die Leistungen, das Denken und Fühlen beständig. Tests an Frauen zu verschiedenen Zeiten ihres Menstruationszyklus belegten, daß sie während der Phase hohen Östrogenspiegels in Sprachtests am besten abschnitten, die räumlichen Fähigkeiten jedoch nachließen.

Der Zyklus der Frau ist in der Tat auch für die Forschung interessant, weil man hier bestimmte Wirkungen von Hormonen bei ansonsten gleicher Sozialisation untersuchen kann. Gerade weil bestimmte Eigenschaften steigen und andere fallen ist es auch nicht anzunehmen, dass dies etwa auf Unwohlsein oder besser fühlen zurückzuführen ist.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern beruhen sicherlich auch auf der geschlechtsrollenabhängigen Sozialisation. DiePlastizität des Gehirns sollte dabei nicht vernachlässigt werden. Bereits durch kurzfristige Übungen wird die Art verändert, in der sich das Gehirn organisiert. Entsprechendes ist auch für langfristige Sozialisationserfahrungen zu erwarten. Man geht aber auch davon aus, daß aufgrund der frühen und spontanen Bevorzugung von gleichgeschlechtlichen Interaktions- und Spielpartnern für ein Individuum die Mitglieder des eigenen Geschlechts über attraktivere Verhaltensmuster verfügen, da sie dessen individuellen Neigungen besser entsprechen. Die Orientierung eines Kindes zum eigenen Geschlecht hin verstärkt folglich geschlechtstypische Verhaltensweisen zusätzlich.

Interessanterweise spielen eben CAH-Mädchen dann aufgrund des anderen Hormonspiegels doch lieber mit Jungs. Sie sind eben eher wie diese.

Die Auswirkungen von Erregung auf unser Denken

Eine interessante Studie untersucht, wie sich bestimmte Einstellungen unter der Wirkung sexueller Erregung verändern:

Despite the social importance of decisions taken in the ‘‘heat of the moment,’’ very little research has examined the effect of sexual arousal on judgment and decision making. Here we examine the effect of sexual arousal, induced by selfstimulation, on judgments and hypothetical decisions made by male college students. Students were assigned to be in either a state of sexual arousal or a neutral state and were asked to: (1) indicate how appealing they find a wide range of sexual stimuli and activities, (2) report their willingness to engage in morally questionable behavior in order to obtain sexual gratification, and (3) describe their willingness to engage in unsafe sex when sexually aroused. The results show that sexual arousal had a strong impact on all three areas of judgment and decision making, demonstrating the importance of situational forces on preferences, as well as subjects’ inability to predict these influences on their own behavior.

Quelle:  The heat of the moment: the effect of sexual arousal on sexual decision making (Abstract / Teilweiser Volltext/Volltext)

Viele werden jetzt sagen, dass das ja nun eigentlich ein Effekt ist, für den man nicht wirklich eine Studie braucht: Natürlich Verhalten wir uns anders, wenn wir erregt sind. Aber was ist Erregung eigentlich? Es ist in gewisser Weise die Aktivierung eines gewissen Programms durch zB die Stimulierung bestimmter Körperregionen. Es ist insofern etwas, was uns auf Sex vorbereitet und dessen Durchführung in gewisser Weise attraktiver macht. Es verändert also bestimmte Parameter in Richtung Sex und verleiht diesen eine stärkere Bedeutung. Nur: Wie genau soll man sich dies abseits einer Wirksamkeit innerhalb unserer Biologie, abseits einer Veränderung bestimmter Parameter, die unser Denken beeinflussen, erklären? Wir denken nicht logischer, im Gegenteil, häufig machen wir erhebliche Dummheiten unter der Wirkung sexueller Erregung.

Das zeigt auch die Studie in den Ergebnissen:

Sexuelle Erregung Denken

Sexuelle Erregung Denken

Unter dem Einfluss der „Erregung“ erscheint uns also sexuelles Sexueller und sexuelle Handlungen erscheinen uns attraktiver. Wir können uns in dem Moment beispielsweise wesentlich eher vorstellen, dass wir Sex mit jemanden haben, den wir hassen und Männer würden eher einen „Teufels“-Dreier, also 2 Männer und eine Frau mitmachen. Analsex scheint plötzlich wesentlich attraktiver und diverse andere Praktiken ebenfalls. Es erscheint auch frustrierender einfach nur rumzuknutschen und nicht weiterzukommen. 

Wie sich die Einstellung verändert zeigt auch die Beantwortung weiterer Fragen:

 

Sexuelle Erregung Denken2

Sexuelle Erregung Denken2

Wie man sieht wird es hier wesentlich bösartiger gegenüber der Nichterregung. Was auch ein interessantes Licht auf die Frage wirft „Geht es bei der Vergewaltigung um Macht oder um Sex?“. Wie man an der Steigerung im Zusammenhang mit der Erregung sieht ist diese ein sehr wesentlicher Faktor.

Auch ein anderer interessanter Aspekt der Studie: Wie steht es um Verhütung

Sexuelle Erregung Verhütung

Sexuelle Erregung Verhütung

 

Es zeigt gut, warum das Predigen von Enthaltsamkeit als Vorbeugen gegen jugendliche Schwangerschaften wenig hilft: Solange sie im Klassenraum sitzen mag ihnen der Gedanke ganz logisch erscheinen. Wenn sie aber erregt sind, dann erscheint eben der Sex wesentlich attraktiver als vorher im Klassenraum und es kommt eher dazu, dass man die guten Vorsätze über Bord wirft. Dann wiederum wäre es besser, wenn die Jugendlichen ein Kondom zur Hand hätten, da sonst eher die Gefahr einer Schwangerschaft droht.

Aus der Studie:

This study examined the effect of high levels of sexual arousal on the subjective attractiveness of different activities, on self-reported willingness to take various morally dubious measures to procure sex, and on willingness to engage in risky sexual activities. Our results on attractiveness of activities suggest that sexual arousal acts as an amplifier of sorts. Activities that are not perceived as arousing when young males are not sexually aroused become sexually charged and attractive when they are, and those activities that are attractive even when not aroused, become more attractive under the influence of arousal. By showing that, when aroused, the same individual will find a much wider range of activities sexually appealing than when not aroused, these findings weigh in against the view of sexual preferences as being purely an individual difference variable—i.e., as dispositionally rather than situationally determined. Certainly, there are robust individual differences in sexual preferences and in the likelihood of engaging in various behaviors, but there also seem to be striking intra-individual differences caused, in our study, by externally caused variations in arousal level.
Our results further suggest that the change in attractiveness influences the intensity of motivation to have sex relative to other goals. Specifically, the increase in motivation to have sex produced by sexual arousal seems to decrease the relative importance of other considerations such as behaving ethically toward a potential sexual partner or protecting oneself against unwanted pregnancy or sexually transmitted disease. Like other drive-states (Loewenstein, 1996), and also somewhat analogous to the effects of alcohol (Ditto et al., 2005; Steele & Josephs, 1990), sexual arousal seems to narrow the focus of motivation, creating a kind of tunnel-vision where goals other than sexual fulfilment become eclipsed by the motivation to have sex (c.f., Blanton & Gerrard, 1997).
As noted in the introduction, a secondary implication of our findings is that people seem to have only limited insight into the impact of sexual arousal on their own judgments and behavior. Such an under-appreciation could be important for both individual and societal decision making. At the individual level, there is a considerable research showing that one’s meta-understanding of one’s own preferences can in many situations be almost as important as the preferences themselves. For example, as O’Donoghue and Rabin (2003) show, the impact of hyperbolic time discounting on actual intertemporal choice behavior depends critically on whether one is naı¨ve or sophisticated about the fact that one will face self-control problems in the future. Ariely and Wertenbroch (2002) likewise found, in a study of students taking a class, that those who were aware of their own tendency to procrastinate, and hence voluntarily set deadlines for themselves, got higher course grades than those who did not. Self-insight when it comes to sexual arousal and sexual behavior is similarly likely to be important for decision making. For example, the most effective means of self-control is probably not willpower (which has been shown to be of limited efficacy), but rather avoiding situations in which one will become aroused and lose control. Any failure to appreciate the impact of sexual arousal on one’s own behavior is likely to lead to inadequate measures to avoid such situations. Similarly, if people under-appreciate their own likelihood of having sex, they are likely to fail to take precautions to limit the potential damage from such encounters. A teenager who embraces ‘‘just say no,’’ for example, may feel it unnecessary to bring a condom on a date, thus greatly increasing  the likelihood of pregnancy or transmission of STDs if he/she ends up getting caught up in the heat of the moment.

The same logic applies interpersonally. If people judge others’ likely behavior based on observing them when they are not sexually aroused, and fail to appreciate the impact of sexual arousal, then they are likely to be caught by surprise by the other’s behavior when aroused. Such a pattern could easily contribute to daterape.

Indeed, it can create the perverse situation in which people who are the least attracted to their dates are most likely to experience date-rape because being unaroused themselves they completely fail to understand or predict the other (aroused) person’s behavior.
At a social level the failure to appreciate the influence of sexual arousal when one is unaroused can have diverse consequences. For example, judges and jurors, who are generally unaroused when making decisions of guilt and punishment, may be excessively condemnatory and punitive toward sexual offenders because they make their decisions in a sexually unaroused state and fail to appreciate how intense sexual arousal would alter even their own decision making in potentially compromising circumstances. The result is that decisions will be stigmatized as immoral misbehavior even by people who would themselves make the same choice when in an aroused state. It should be clear that such effects of arousal cannot justify any sexual exploitation, but they can make such behaviors somewhat more understandable. From the perspective of the legal system it is possible that sexual arousal should be given more credit as a partially mitigating factor than it would normally receive. Moreover, understanding these effects can help guide individuals (sex offenders for example) such that they will be less likely to sexually exploit or re-exploit. Finally, as alluded to in the discussion of individual decision making, the failure to appreciate sexual arousal by those who are not
themselves immediately aroused can also help to explain the enactment of misguided and ineffective policies such as ‘‘just say no’’, leaving young adults unprepared to limit the potential damage from their own behavior in the heat of the moment.

Wir können also nur sehr schwer einschätzen, wie wir reagieren, wenn wir nicht in unserem „normalen Modus“ sind, sondern erregt. Deswegen unterschätzen wir unser Verhalten und bewerten das Verhalten anderer härter.

Wie unser Denken um Besitz durch evolutionäre Regeln beeinflusst wird

Hier war bereits die These diskutiert worden, dass wir evolutionär geprägte Regeln in uns haben, die unser Denken beeinflussen. Diese werden insbesondere dann deutlich, wenn wir uns unlogisch verhalten, obwohl wir der Meinung sind rational zu handeln.

Ein gutes Beispiel dafür ist, dass wir ein besonderes Verhältnis zu Besitz haben.

Ein Beispiel dafür ist der Besitztumseffekt (Endowment Effect). Dabei geht es darum, dass wir etwas, was wir besitzen, einen höheren Wert zumessen als wir es sonst tun würden.

Ein Beispiel dafür ist, dass große Fans einer Fußballmannschaft an einer Verlosung teilnehmen, bei der sie Tickets für ein wichtiges Spiel bekommen können. Einige gewinnen, einige verlieren.

Fragt man jetzt diejenigen, die das Ticket nicht gewonnen haben, was sie für ein Ticket zahlen würden, dann nennen sie einen bestimmten Preis, sagen wir 200 Euro. Diejenigen, die das Ticket zu dem Spiel erhalten haben, würden es aber auch für 1.000  Euro nicht verkaufen.

Die Wikipedia dazu:

Bekannt ist ein Experiment mit Tassen, das Daniel Kahneman 1990 durchführte. Dabei bildete er zwei Gruppen. Der ersten Gruppe (den Verkäufern) gab er Tassen und fragte sie, welchen Preis zwischen $ 9,25 und $ 0,25 sie fordern würden, um die Tasse zu verkaufen. Die Teilnehmer der zweiten Gruppe wurden gefragt, welchen Preis sie zahlen würden, um die Tasse zu erhalten. Der Preis der „Verkaufsgruppe“ lag im Mittel bei $ 7,12, während der Preis der „Kaufgruppe“ gerade mal bei $ 2,87 lag.

In einem anderen Experiment ging es um ein Ticket für ein Basketballspiel. Da die Universität und auch die Basketball-Halle der Universität klein sind, erhält regelmäßig eine große Zahl Anstehender trotz langem Anstehen kein Ticket. Die Mitarbeiter von Dan Ariely und Ziv Carmon gaben sich dann als Ticket-Schwarzhändler aus und fragten Ticketbesitzer, für welchen Betrag sie ihr Ticket verkaufen würden – durchschnittlich wurden $ 2400 genannt. Die Studenten ohne Ticket waren im Durchschnitt bereit, $ 170 für ein Ticket zu bezahlen. Die Ticketbesitzer rechtfertigten die hohen Preise oft mit der Bedeutung des Spiels (z.B. dass sie sich damit ein wichtiges Erlebnis gönnten, von dem sie noch ihren Kindern erzählen könnten). Die angefragten Personen ohne Ticket setzten die Geldbeträge eher in Relation zu anderen Geldbeträgen, wie zum Beispiel die Ausgaben beim Ausgehen oder Bier trinken.

Dieser Effekt findet sich in vielen Bereichen: Es ist der Grund, warum viele Geschäfte anbieten, dass man gekaufte Ware zB innerhalb von 2 Wochen zurückbringen kann. Weil man sie dann aber bereits besitzt wollen sie die wenigsten zurückbringen.

Es ist vielleicht auch der Grund, warum viele eine eigentlich bereits nicht mehr funktionierende Beziehung nicht aufgeben können. Sie wollen ihren „Besitz“ nicht verlieren.

Ein Grund, der zu diesem Effekt beiträgt könnte auch unsere Verlustaversion sein. Wir bewerten Verluste höher als Gewinne. Für uns ist es also erheblicher, 5 Euro zu verlieren als 5 Euro zu gewinnen.

Das kann man durch Studien ermitteln, in denen einmal etwas als potentieller Gewinn und einmal als potentieller Verlust formuliert wird.

Ein Beispiel aus der Wikipedia:

In Deutschland beträgt der gesetzliche Urlaubsanspruch 24 Tage, in Amerika hingegen nur 14 Tage. Die meisten Deutschen wären nicht bereit, auf ihren gesetzlichen Urlaubsanspruch zu verzichten, wenn sie dafür einen höheren Lohn bekommen würden. Amerikaner hingegen sind nicht bereit, weniger Geld zu verdienen um mehr Urlaubstage zu bekommen. Für viele Deutsche ist die Anzahl der gesetzlichen Urlaubstage der „Status quo“, daher wird die Aufgabe der Urlaubstage als Verlust angesehen. Bei den Amerikanern ist auch die Anzahl der gesetzlichen Urlaubstage der „Status quo“. Mehr Urlaub würde für die Amerikaner einen Gewinn darstellen.

Vermutlich ist es auch die Verlustangst, die die besondere Bedeutung der Zahl „Null“ oder „umsonst“ für uns ausmacht. Wenn etwas umsonst ist, dann haben wir keinen Verlust, der ansonsten auch bei einem vergleichsweise geringen Preis entsteht. Wir müssen nichts von uns weggeben und bekommen noch etwas dazu. Deswegen wird in der Werbung auch gerne mit einer Form von „Umsonst“ gearbeitet. Etwa „Wer 2 kauft bekommt das dritte umsonst“ statt es als Reduzierung des Preises auf die Ware insgesamt auszudrücken.

Ebay hatte wohl beispielsweise einen großen Erfolg damit, dass es bestimmte Angebote damit beworben hat, dass man, wenn man noch ein thematisch passendes Buch dazu kauft, keine Versandkosten zahlen muss (der Versand also umsonst ist). Die Umsätze stiegen sehr stark. Ebay Frankreich hatte aber wohl statt eine Reduzierung auf Null vorzunehmen in der gleichen Zeit lediglich die Versandkosten stark ermäßigt, auf einen Franc (also etwa 0,15 Euro) statt auf Null. Dort blieb der Werbeeffekt vollkommen aus, weil die Verlockung der Null nicht eingetreten ist.

Auf das ganze Thema bin ich durch das Buch „Predictably Irrational“ gekommen, der Autor erklärt zu dem letzten Punkt auch etwas in einem Video:

Interessant fand ich auch den ebenfalls dort erwähnten Ikea-Effekt:

Als IKEA-Effekt wird in der Verhaltensökonomik der Zuwachs an Wertschätzung bezeichnet, der selbst entworfenen oder zumindest selbst zusammengebauten Gegenständen im Vergleich zu fertig gekauften Massenprodukten entgegengebracht wird. Die Benennung nach dem Möbelhersteller IKEAund dessen durch den Kunden zu montierenden Produkten wurde 2009 durch den Wirtschaftswissenschaftler Michael Norton geprägt. Quantitativ erreicht die gesteigerte Wertschätzung durch die selbst durchgeführte Montage eines Massenartikels fast die Wertschätzung für ein individuell durch einen Handwerker gefertigtes Einzelstück.

In dem Buch wurde angesprochen, dass dieser Effekt, nämlich der, dass man etwas, in das man viel direkte Arbeit gesteckt hat (statt der indirekten Arbeit, die man erst in Geld steckt und dann in das Möbelstück), mit einem höheren Wert für sich selbst belegt, auch in die Geschlechterdiskussion mit hineinspielen könnte:

Es wurde dort das Beispiel gebracht, dass deswegen die Mutter, die mehr „direkte Arbeit“ in das Kind gesteckt hat, dieses eben auch eher als seinen Besitz ansieht, vergleichbar dem Ikeamöbel, weil sie es häufiger gefüttert, gewickelt und mehr für seine Erziehung zuständig war und daher auch weniger bereit ist zu teilen oder diesen „Besitz“ aufzugeben.

Auch interessant fand ich den dort erwähnten Decoy-Effekt, der zwar nicht direkt Besitz betrifft, aber auch zeigt, dass unsere Entscheidungsfindung mitunter nicht sehr logischen Regeln entspricht.

Der Decoy-Effekt geht davon aus, dass wir Vergleichbarkeit lieben und uns ein Produkt, bei dem wir eine solche Vergleichbarkeit haben, als höherwertiger erscheint.

Ein Beispiel dazu:

Jemand muss sich zwischen zwei hochwertigen Geräten entscheiden, die jeweils andere hochtrabende Bezeichnungen für bestimmte Parameter haben. Es ist schwer zu sagen, welches letztendlich besser ist. Wenn es nun das Gerät A gibt und von dem anderen Hersteller die Geräte B1 und B2, wobei man klar erkennen kann, dass B2 etwas schlechter ist als B1, dann neigen viele Kunden dazu, dass Gerät B1 zu nehmen, einfach weil sie wissen, dass es da bessere Gerät dieses Herstellers ist. Das ist dann unabhängig davon, ob nicht eigentlich Gerät A die bessere Wahl gewesen wäre. Deswegen kann es sich für den Hersteller lohnen, das Gerät B2 als „Decoy“ zu platzieren, da dann sein Gerät insgesamt attraktiver erscheint.

Ein weiteres Beispiel:

Dan Ariely machte dazu einen interessanten Test. Er bat Studenten für ein Datingexperiment Fotos von ihnen machen zu können. Dann wurden aus den Fotos Gruppen gleich attraktiver Studenten gebildet. Dann modifizierte Dan Ariely mit Photoshop die Fotos so, dass er etwas hässlichere Versionen davon erzielte. Er verrückte Beispielsweise die Nase oder die Augen leicht aus der Symmetrie.

Dann bat er Studentinnen sich dafür zu entscheiden, mit wem sie lieber ein Date wollten, wobei er drei Fotos vorlegte. Dabei handelte es sich jeweils um 2 Fotos von verschiedenen Studenten und ein weiteres Foto eines der Studenten, welches modifiziert war.

Die hübsche Version des „doppelten Fotos“ bekam dabei jeweils deutlich höheren Zuspruch, ich meine etwa 75% entschieden sich für dieses, einfach weil sie einen Vergleich hatten.

Aus meiner Sicht alles gute Beispiele, die aufgrund ihrer weltweiten Verbreitung zeigen, dass wir Bewertungen nach bestimmten Regeln vornehmen, die nicht logisch sind, aber gleichzeitig einer gewissen Logik folgen:

Verlust mehr zu fürchten als Gewinn zu wollen kann beispielsweise ebenso evolutionär sinnvoll sein, wie bei unbekannten Lagen lieber die zu wählen, bei denen man zumindest weiß, dass sie besser ist als eine der anderen Alternative.

 

Ist unser Gehirn eine Form von Computer?

Bei Diskussionen über die Arbeitsweise des Gehirns liegt es nahe, dass man Analogien zum Computer verwendet, weil diese die künstlichen Gebilde sind, die wohl abseits biologischer Gehirne am nächsten an einer Form von Denken herankommen.

Aus meiner Sicht ist es auch gar nicht anders vorstellbar als in dem Gehirn eine Form von Computer zu sehen, wenn auch eben mit einer gänzlich anderen Arbeitsweise.

Das hängt aber natürlich davon ab, wie eng man dies definiert. Die in der Wikipedia verwendete Definition des Computers lautet beispielsweise:

Ein Computer, auch Rechner oder Elektronische Datenverarbeitungsanlage, ist ein Gerät, das mittels programmierbarer Rechenvorschriften Daten verarbeitet.

Für mich liegt der wesentliche Faktor dabei darauf, dass das Gehirn natürlich Daten nach bestimmten Regeln verarbeiten muss. Wie sonst soll ein Gehirn sonst funktionieren? Alles andere muss schon Konzepte wie „Seele“ bedienen. Die Regeln mögen komplex sein und für uns gegenwärtig nicht nachvollziehbar und erst recht nicht nachbaubar, das ändert aber nichts, daran, dass Daten verarbeitet werden müssen.

In vielen Bereichen erschließt sich das auch ohne weiteres: Die meisten Menschen werden zustimmen, dass auf die Sehnerven treffendes Licht oder auf das Ohr treffende Schallwellen unproblematisch Daten sind, die nach Rechenvorschriften bearbeitet werden müssen, damit sie verwertbar sind. Das erfolgt bei uns vollkommen außerhalb des bewußten, es erscheint uns eine Selbstverständlichkeit, dass man sehen und hören kann, wir wissen aber aus den Versuchen, die Konzepte technisch nachzubauen, dass dies keineswegs trivial ist.

Die meisten Leute werden auch zustimmen, dass die Auswertung dieser Daten nach bestimmten Mustern erfolgt: Beispielsweise erkennen wir in bestimmten Mustern eher Gesichter, die Mustererkennung ist hypersensibel, vermutlich weil es unschädlicher ist, in einem Marmeladentoast Jesus zu sehen als in der Steinzeit ein verborgenes Gesicht nicht zu erkennen. Wir erkennen auch Bewegungen sehr schnell und fokussieren auf diese etc.

Es dürfte also recht unstreitig sein, dass bestimmte Teile unseres Gehirns schlicht Daten nach einem Programm verarbeiten und uns die Ergebnisse dieses Arbeitsprozesses zur weiteren Verwendung in aufgearbeiteter Form zur Verfügung stellen.

Wie dabei eine Vielzahl optischer Täuschungen und Tricks zeigen ist das Ergebnis dabei keineswegs ein Eins zu Eins Abbild der Realität, es erscheint uns aber so, weil wir es so sehen.

Genauso scheinen mir viele andere Prozesse einer Datenverarbeitung aufgearbeitet zu werden.

Hier mal ein Beispiel:

Ein Datensatz der verarbeitet wird

Ein Datensatz der verarbeitet werden muss

Wir entnehmen diesem Bild erst einmal verschiedenes

  • Es ist ein Mensch (auch wenn es eigentlich ein Bild an einem Computerbildschirm ist und zwar in der speziellen Form einer Frau (unsere Geschlechtererkennung funktioniert üblicherweise hervorragend)
  • Wir erkennen Signale für Fruchtbarkeit aus all den eintreffenden Lichtwellen, etwa die Brüste, der flasche Bauch, die großen Augen und vollen Lippen, das schöne Haar, die weibliche Stundenglasfigur, die reine Haut, die Symmetrie der Gesichtszüge.
  • Der Blick und die Mimik: der direkte Blick in die Augen deuten auf eine gewisse Fokussierung auf eine Person, das leichte Lächeln wird ebenfalls als Muster erfasst und verarbeitet werden.

Ich bezweifele, dass wir diese Datenverarbeitung tatsächlich ausschalten können. Die so erarbeiteten Daten dürften dann weiter gefiltert werden und es hängt vom Kontext ab, welche Datenverarbeitung einsetzt

  • Ein heterosexueller Mann, dem sich eine Frau in dieser Weise gegenüber an dem Stand liegt wird wohl den Blick und die ganze Ausrichtung als sexuelles Interesse deuten und es könnten Subroutinen wie „Erregung“ „Angst vor sozialer Blamage“ „und „Was kann ich machen, damit sie mich will?“ angeworfen werden
  • Ihr Liebhaber wird hingegen die Subroutine „Angst vor sozialer Blamage“ nicht mehr bemühen müssen, da in diese Richtung keine Signale mehr gesendet werden, er wird sich vielleicht ganz auf Erregung konzentrieren oder das Erregungssignal wird bereits weitaus schwächer wahrgenommen, weil die Subroutine es als bekannt erkennt und es daher eine geringere Aufmerksamkeit eingeräumt bekommt
  • Eine andere Frau, die mit ihr und einem potentiellen für beide interessanten Mann am Strand liegt wird die Signale ebenso empfangen und bei ihr gehen die Subroutinen „Konkurrenzbewertung“ und „Erlangung sozialer Dominanz oder Beschwichtungs- und Unterwerfungsgesten?“ oder „was kann ich machen um besser dazustehen und ihn für mich zu gewinnen“ oder „welche Anzeichen bestehen bei ihm dafür wie er uns bewertet?“ an.
  • eine liberale Mutter mag „Stolz“ empfinden und entsprechende Subroutinen dazu abarbeiten, eine konservative Mutter mag Routinen anwerfen, die auf „Welche Bewertungen nehmen andere Leute aufgrund der knappen Bekleidung vor und was sagt das über mich und meine Familie aus?“
  • etc

All diese Bewertungen sind erst einmal die Folge von Daten, die wir aufnehmen, verarbeiten, bei denen wir das Produkt der Bearbeitung wieder anderen Routinen zur Verfügung stellen.

Vielleicht hat die Bewertung als Konkurrentin bei der anderen Frau zB zur Folge, dass sie aufgrund der größeren Schönheit eingeschüchtert ist und ihr das Feld überlässt, vielleicht hat es zur Folge, dass sie selbst die Brust etwas rausdrückt und mehr lächelt als es sein Witz eigentlich hergibt, vielleicht schlägt sie ihm vor schwimmen zu gehen um so ein Gespräch zu verhindern. Auch all dies kann man als Rechenoperation aufgrund einer Chancenanalyse aus den Daten über die Situation darstellen, unabhängig davon, ob man einen „freien Willen“ annimmt oder ob man dabei wiederum andere Faktoren einfließen lässt.

Es müssen jedenfalls Daten verarbeitet und deren Produkte, erkannte Bewertungen und Muster wieder in neue Kalkulationen eingestellt werden, es muss also nach bestimmten Regeln eine Datenverarbeitung erfolgen.

Dabei scheint mir die „Computeranalogie“ auch unproblematisch mit einem Modell vereinbar zu sein, welches biologisch abgespeichterte evolutionär entstandene Regeln oder aber sozial erkannte und dann im Gehirn gespeicherte Regeln berücksichtigt. Denn wenn wir die obige Definition von Computer nehmen, dann ist es relativ egal, ob es sich um nicht zu bearbeitende Firmware handelt oder um computerlesbare Regeln, die einer bestimmten Programmiersprache folgend auf der Festplatte abgelegt worden sind. Es ist auch unproblematisch denkbar, dass bestimmte Regeln fest sind und durch soziale Daten verfeinert oder angepasst werden können.

Das mag man sich als Spielekonsole vorstellen, bei der bestimmte Daten gespeichert und gewisse Mods installiert werden können oder als Programm, in das bestimmte eigene Regeln eingegeben werden  können, die einen (ggfs umfassenden) Teil des Programmes modifizieren und anpassen können.

Bei meinem letzten Artikel dazu  hatte DJAdmoros noch folgendes zu dem Thema kommentiert:

Ich lasse die Frage nach der Brauchbarkeit der Computermetapher des Gehirns mal beiseite, weil die schon sehr gut kommentiert worden ist. Ich frage mich, was eigentlich das Explanandum der Argumentation ist: welche Problemstellung soll beantwortet werden?

Meinem Eindruck nach steckt das Explanandum in Formulierungen wie den folgenden:

»Eine Regel, die biologisch abgespeichert ist, kann auch über evolutionäre Vorgänge entstehen«

und

»Damit kann Biologie unser Handeln in gleicher Weise bestimmen, wie erlernte Regeln«

Anscheinend geht es um die These, biologisch verankerte Verhaltensgründe auch für denjenigen Bereich menschlichen Verhaltens plausibel zu machen, der üblicherweise als ein Produkt kultureller Steuerungs- und Selbststeuerungsprozesse gilt.

Die Computermetapher ist dem Ziel insofern dienlich, als sie es gestattet, die Arbeitsweise des Gehirns auf einen einzigen modus operandi, nämlich einen computeranalogen, zu begrenzen.

Der Haken an der Sache ist jedoch, dass nach Auskunft der Neurophysiologen (meine Referenz ist hier wieder Gerhard Roth, z. B. »Fühlen, Denken, Handeln«) das Gehirn in verschiedene funktionelle Bereiche differenziert ist, die ein unterschiedliches »evolutionäres Alter« aufweisen und die auf unterschiedliche Art und Weise arbeiten. Grob gesagt sind dies das vegetative Nervensystem (Kleinhirn), das limbisch-emotionale Gehirn und die Großhirnrinde, zu der insbesondere der assoziative Cortex gehört.

Hiervon ist das Kleinhirn »festverdrahtet«, das emotional-limbische System teilweise durch frühkindliche Erfahrungen prägbar und der assoziative Cortex, um bei der Computermetapher zu bleiben, »frei programmierbar«. Dem entsprechen Stufen der Persönlichkeitsentwicklung:

»Im strengen Sinne genetisch determiniert scheint die Persönlichkeit zu 40 bis 50 Prozent zu sein; ca. 30 bis 40 Prozent gehen auf das Konto von Prägungs- und Erlebnisprozessen im Alter zwischen 0 und 5 Jahren. Nur zu etwa 20 bis 30 Prozent scheint die Persönlichkeitsstruktur durch spätere Erlebnisse beeinflusst zu werden.« (Roth, a.a.O. S. 411)

Ich glaube, dass da nicht bedacht wird, dass die Systeme nicht vollkommen unabhängig sind, dass also quasi bestimmte Fragen allein durch „alte Gehirnbereiche“ und andere Fragen durch „neue Gehirnbereiche“ bestimmt werden. Eher halte ich das oben geschilderte Modell für realistisch, bei dem bestimmte Systeme Daten interpretieren und dann dem „Entscheidungsorgan“ vorlegen, allerdings nicht einfach zur freien Entscheidung, sondern mitunter mit einer Alarmsirene, die sich nicht einfach abschalten lässt, mit einem Hinweis „Dringend, sofortige Bearbeitung“ oder als Lagebericht, der die Entscheidung deutlich beeinflusst.

Es gibt hier das Bild von dem Elefanten und dem Reiter und in vielen Situationen ist es der Elefant schwer umzulenken:

Dort geht es unter anderem darum, ob unser logisches Denken oder unser unterbewußtes, emotionales, instinktives Denken unser Handeln beherrscht. Dazu wird die Metapher des Elefanten und seines Reiters bedient:

Der Elefant ist das unterbewußte, emotionale, instinktive Denken, der Reiter das logische Denken. Nun besteht die Möglichkeit, dass der Reiter nur auf dem großen und schweren Elefanten sitzt und all seine Bemühungen, den Elefanten in einer andere Richtung zu bewegen, egal sind, wenn der Elefant nicht in diese Richtung will oder aber der Elefant kann den Vorgaben seines Reiters willig folgen.

In dem Buch kommt Haidt zu dem Schluß, dass der Reiter einen geringen Einfluss hat, der Elefant gibt den Weg vor. Der Reiter muss sich bestimmte Schwankungen des Elefanten zu Nutze machen und ihn dann, wenn er gerade in eine bestimmte Richtung schwankt, in diese lenken. Häufig bleibe dem Reiter aber sogar nichts anderes übrig als hinterher eine Begründung dafür zu suchen, warum er ebenfalls genau in diese Richtung wollte (sprich: unser Gehirn rationalisiert nachträglich bestimmte emotionale Entscheidungen als vernünftig).

Ein anderes Interview mit einem Neurobiologen geht in eine ähnliche Richtung:

Dass es keinen freien Willen im klassischen Sinn gibt, heißt ja noch lange nicht, dass unser Gehirn so vorhersagbar ist wie ein Räderwerk. Auch die betreffenden Neurobiologen lassen etwas Freiheit und Raum für Kreativität. Nein, ich denke, das Einzige, wogegen sie zu Recht Sturm laufen, ist die dualistische Idee, derzufolge es einen von der Materie losgelösten Geist gibt, der Entscheidungen treffen kann. (…)

Die Physik weiß seit hundert Jahren, dass die Welt nicht streng deterministisch ist. In jedem System gibt es ein Hintergrundrauschen, teils durch Quanteneffekte bedingt, immer aber auch durch die thermische Bewegung. Das macht es prinzipiell unmöglich, den Lauf der Welt exakt vorauszuberechnen. Wir glauben nun, in unseren Versuchen Hinweise gefunden zu haben, dass das Gehirn dieses Hintergrundrauschen nutzt und je nach Bedarf verstärken kann. Wie das funktioniert, wissen wir bisher nicht, aber ich stelle es mir im Prinzip als eine Art Zufallsgenerator mit regelbarem Verstärker vor.(…)

Zum Zufallsgenerator kommt eine Selektionsebene hinzu. Entscheidung wäre dann ein zweistufiger Prozess: Erst werden Verhaltensoptionen generiert, dann wird mit Hilfe des Willens eine Auswahl getroffen.(…)

Studien zeigen, dass auch viele menschliche Entscheidungen hinterher vom Bewusstsein rationalisiert werden. Da wir nicht wissen, wie das Bewusstsein funktioniert, können wir auch nicht wirklich sagen, welchen Einfluss es hat. Klar ist nur, dass manches schon wegen der Laufzeiten bestimmter Nervensignale längst entschieden ist, bevor das Bewusstsein eingreifen kann. Aber hier wird nun noch mal der Unterschied von meinem Begriff und dem landläufigen Verständnis deutlich: Freier Wille nach meiner Definition ist unabhängig vom Bewusstsein!(…)

Mit der Willensfreiheit haben wir einen Begriff, der ausdrückt, dass wir Verhaltens- oder Entscheidungsoptionen haben. Andere Kollegen bezweifeln, dass das Rauschen eine zentrale Rolle spielt. Es Freiheit zu nennen, sei doch reichlich übertrieben. Ich hoffe allerdings, dass wir mit unseren Forschungen zeigen können, dass es eine zentral ins Gehirn eingebaute Funktion ist. Wenn ich neuronale Mechanismen für die Variabilitätskontrolle finde, dann wäre das ein Hinweis darauf, dass es eben kein Nebeneffekt ist, sondern ein von der Evolution selektiertes, bedeutsames Merkmal. Meine Hypothese ist sogar, dass es die Hauptaufgabe des Gehirns ist, die Balance zwischen Freiheit und Determinismus zu finden.(…)Wahrscheinlichkeiten sind äußerst selten genau null oder eins. Wie groß Ihre Chance war, hängt natürlich davon ab, ob Sie zum Beispiel schokoladensüchtig sind oder jemand mit der Pistole Sie gezwungen hat. Aber ganz auszuschalten ist die Variabilität nie.

Ich hatte es auch einem unter der Abgrenzung „Führen durch Auftrag und Führen durch Befehl“ diskutiert:

Das Führen über Befehl hat den Vorteil, dass man bestimmte Handlungen schnell erreicht und nicht davon abhängt, dass der Soldat die falschen Überlegungen anstellt. Das Führen durch Auftrag hat hingegen den Vorteil, dass der Soldat flexibler agieren kann und auf unvorhergesehene Umstände besser reagieren kann. Beide Prinzipien lassen sich auf die Steuerung durch Reflexe, Instinkte und Wünsche übertragen. Ein Reflex ist geeignet, wenn eine Reaktion möglichst schnell erfolgen soll. Nährt sich ein Objekt sehr plötzlich und schnell oder taucht ein anderer Mensch sehr plötzlich und schnell vor einem auf, dann ist es sicherer zunächst zurückzuzucken als die Lage zu analysieren. Wenn man nahezu alles frisst, was sich bewegt und die richtige Größe hat und vorbeifliegt, dann lohnt sich ein diesbezüglicher Schnappreflex. Das menschliche Leben erfordert allerdings wesentlich komplexere Entscheidungen. Dies dürfte auch daran liegen, dass die Gegenspieler intelligenter sind und daher ein verdrahtetes Verhalten zu schnell durchschauen und ausnutzen könnten. Wer immer gleich reagiert ist berechenbar, wer sich neue Wege ausdenken kann nicht. In dieser Hinsicht ist einfreier Wille sinnvoll. Allerdings ist es aus der imaginären Sicht der egoistischen Geneweiterhin wichtig, dass die Ziele “Weitergabe der Gene” erhalten bleibt.

Um so komplexer die Reaktionen des anderen und um so komplizierter die Situation um so günstiger ist die “Führung über Auftrag”. Wünsche sind daher nichts weiter als eine Auftragserteilung und die Intensität der Wünsche kann steuern, welche Priorität ein Wunsch hat. Dabei sind Maßstab für die Intensität des Wunsches – die Notwendigkeit der Wunscherfüllung – die Einfachheit der Wunscherfüllung Wer seit 2 Tagen nichts gegessen hat, der wird hungriger sein als jemand, der vor einer Stunde gegessen hat. Weil die steinzeitliche Erfahrung besagt, dass die Notwendigkeit für eine Wunscherfüllung steigt. Wer gut gegessen hat, aber etwas besonders nahrhaftes sieht, was er sich einfach nehmen kann, der mag noch einmal Hunger bekommen, weil eine solch gute Gelegenheit nicht ungenutzt bleiben sollte (vielleicht der Grund, warum Nachtische meist sehr Kalorienreich sind: Sie verführen uns so eher zum Essen trotz eigentlicher Sättigung (“etwas süßes geht immer”)). Die Vorgabe “Hunger” ermöglicht uns beliebige Wege einzuschlagen, sei es Jagd, die Suche nach Früchten etc oder das Einkaufen in einem Supermarkt. Es ermöglicht uns in der heutigen Welt unsere Planung so auszurichten, dass wir einer bestimmten Tätigkeit nachgehen, die kein Essen produziert, aber über das dafür erzielte universelle Tauschmittel Geld Lebensmittel zu erwerben. Dies wäre über einen Schnappreflex natürlich nicht möglich.

Eine andere Theorie zum Thema freien Willen stellt darauf ab, dass wir zwar meinen frei handeln zu können, aber gleichzeitig nicht auf eine Weise handeln, die wir als unlogisch ansehen.

Wenn wir auf eine bestimmte Weise handeln, dann muss uns dies zumindest logisch erscheinen oder wir müssen einen Grund, und sei es ein irrationales Gefühl, dafür erkennen können. Tatsächlich irrationales Verhalten in dem Sinne, dass wir etwas ohne Sinn machen können, kommt insofern nicht vor. Auch das würde gut dazu passen, dass wir eine Berechnungsoperation durchführen, in der wir zu einem Ergebnis auf der Grundlage bestimmter Daten gelangen, welches wir als beste Handlungsmöglichkeit bewerten.

DJAdmoros führt dann weiter aus:

Unabhängig davon, ob sich die grundsätzliche Funktionsweise neuronaler Netzwerke auf eine Computeranalogie bringen lässt oder nicht, liegt der entscheidende Unterschied in den unterschiedlichen Freiheitsgraden (in der Computermetapher: dem Grad der »Überschreibbarkeit«) der zerebralen Funktionsbereiche. Auch höhere geistige Prozesse haben ein biologisches Substrat, eine korrelierte neurophysiologische Aktivität. Aber sie unterscheiden sich von anderen neurophysiologischen Aktivität durch den Grad ihrer Offenheit für extrinsische Information, also für solche Information, die nicht von einem individuellen Gehirn, sondern von mehreren sprachlich miteinander gekoppelten, koordinierten Gehirnen erzeugt wurde.

Und Lernprozesse dieser Art haben die zusätzliche Eigenschaft, dass sie die Zeithorizonte evolutionärer Anpassung unterlaufen. Die Frage, ob diese Regeln auch durch biologische Evolution entstehen könnten, ist daher müßig und falsch gestellt. Kulturelle Regeln ermöglichen Verhaltensanpassung in Zeithorizonten, für die evolutionäre Prozesse zu langsam sind. Dieser wesentliche Unterschied wird durch eine Computermetapher des Gehirns verwischt, denn die »Software« auf dem Gehirn lässt sich nicht beliebig neu in den Speicher schreiben.

Evolutionär entstandene »Regeln« bleiben also nur in solchen Bereichen wirksam, die auch unter Bedingungen kultureller Variabilität konstant bleiben müssenund das ist primär alles, was die Fortpflanzung betrifft, denn ohne biologische Fortpflanzung stirbt notwendigerweise auch die jeweilige Kultur aus. Darüber hinaus betrifft es auch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung – aber eben nur genau soweit, wie diese Arbeitsteilung nicht von höheren Bildungsgütern abhängt. Je mehr eine Gesellschaft sich zu einer »Wissensgesellschaft« entwickelt, in der Wissen und Bildung strategische Ressourcen für den Wettbewerbserfolg einer Gesellschaft darstellen, desto stärker wird sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die kulturelle »Ordnung der Geschlechter« verwischen. Ohne dass man darum – wie das im Feminismus geschehen ist – die Erwartung ihrer vollständigen Aufhebung entwickeln müsste.

Das ist aus Sicht des Evolutionsbiologen sehr unsauber formuliert und das in doppelter Hinsicht:

  1. Evolution kann nicht planen. Regeln können also nicht vor dem Hintergrund erstellt werden, dass sie demnächst vielleicht kulturell geändert werden könnten. Sie können allenfalls vor dem Hintergrund wandelbar gehalten werden, dass sie sich bereits mehrfach und immer wieder geändert haben.
    Auf erst neuerdings eintretende Änderungen – etwa die erst in der Neuzeit auftretende Entwicklung, dass Mann und Frau wesentlich unabhängiger sind und zudem Sex und Schwanger werden strikt getrennt werden kann – kann die Evolution nur dann reagieren, wenn sich daraus ein entsprechender Selektionsdruck ergibt und ein hinreichend langer Zeitraum vergangen ist. Die „Neuzeit“ dauert aber gerade einmal selbst bei optimistischer Rechnung 6 Generationen an. Evolutionär gesehen sind das Sekunden.
  2. Nahezu alles ist von Fortpflanzung betroffen – wir sind Genvehikel, deren gesamter Aufbau nur den Zweck hat, Gene in die nächste Generation zu bekommen. Die Fortpflanzung ist in Graden in unsere Kultur eingebunden, die gerne übersehen wird – Statuserlangung, Signalling, Kooperation, alles dient der Fortpflanzung. Unsere Gesellschaft kann nicht einfach so unabhängig von unserer Biologie werden, weil Bewertungsroutinen, Attraktivitätsroutinen, Routinen für das Anzeigen von hohen Status und unsere Wünsche und Begehren in gewisser Weise biologisch selbst erhaltende Systeme sind, gegen die eine Selektion kaum möglich ist. Das mag nach einer sich selbst begründenden Regel klingen, aber das ist eben bei einem Selbstläuferprozess im Rahmen der sexuellen Selektion der Fall.

Wir werden daher allenfalls dazu kommen, dass wir die biologischen Regeln neu ausgestalten können oder neue Wege finden unsere Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen oder Werte zu signalisieren. Was früher Seidenstoffe waren mag heute das neuste Smartphone, sein, aber Signalling mit Luxusgütern an sich bleibt bestehen.

Die Routinen, nach denen unser „Biocomputer“ Bewertungen vornimmt, werden insofern mit neuen Daten gefüttert, die Routinen bleiben aber in vielen Fällen gleich.

Biologie des Denkens und Verstehens

Es überrascht mit immer wieder mit welcher Selbstverständlichkeit „Denken“ „Lernen“ und „Sozialisierung“ zugestanden werden und diese als Gegenpart zur Biologie des Menschen ausgebaut werden.

Mit einer Selbstverständlichkeit wird davon ausgegangen, dass diese klar abzugrenzen sind. Das eine ist sozial und damit beliebig komplex, dass andere ist biologisch und muss damit simple sein.

Dabei dürfte den meisten, sofern sie nicht davon ausgehen, dass diese Prozesse von einer „Seele“ übernommen werden, durchaus einleuchten, dass diese Vorgänge eine Art von „Hardware“ und eine Programmierung brauchen, die dies ermöglichen müsste.

Dabei sind „Lernen“ und „Sozialisierung“ sehr komplexe Vorgänge, die unser Gehirn in vielen Bereichen stark beanspruchen können. Ein gutes Beispiel ist der Spracherwerb.

Kleinkindern müssen dabei aus Schallwellen, die auf ihr Ohr treffen ohne weitere Informationen abseits derer, die sie genetisch erhalten haben, einen Code entwickeln, der diese zu einer Information macht, die man sinnvoll verwenden kann. Das ist eine erhebliche Leistung, die einem Erwachsenen nicht möglich ist. Die meisten Leute brauchen aktives Sprachtraining mit der Darlegung eines Schemas um eine Sprache zu erlernen, weil wir für das Erlernen einer Sprache nur eine gewisses Zeitfenster haben, in denen das entsprechende Programm aktiv ist.

Das soll aber nur ein Beispiel sein, es gibt viele andere Punkte bei denen Muster erkannt werden müssen, ob sie aufgrund von Lichtimpulsen, die auf Sehzellen oder aufgrund von Schallwellen bei uns eingehen.

Naive Vorstellungen gehen anscheinend davon aus, dass das Gehirn da schlicht ein reines „Logikprogramm“ fährt, welches ganz ohne Programmierung einfach so, quasi magisch, Regeln erkennen kann. Wie das gehen soll bleibt davon vollkommen offen. Dass eine Programmierung, die allgemein und vollkommen abstrakt Regeln aus sozialen Verhalten herleitet, durchaus ein beachtliches Wunderwerk wäre, wird schlicht damit abgetan, dass man eben denkt.

Es kommt noch ein weiterer Schritt dazu: Wenn ein Denkvorgang eine Regel erkannt hat, dann muss sie in irgendeiner Form in unserem Gedächtnis oder in unser Vorhaltung von Regeln gespeichert werden, damit sie später abgerufen werden kann, wenn man nicht schlicht auf „Magie“ abstellen möchte. Unser Gehirn muss also in der Lage sein, eine erkannte Regeln in eine Form von speicherbarer Information umzusetzen und diese im Gehirn zu hinterlegen, also in Form einer vom Gehirn abrufbaren Datenspeicherung festzulegen.

Das allein ist schon unglaublich faszinierend: Alles was wir Wissen und alles, was wir an Wissen über die Welt haben muss in in eine biologische Form von „Einsen und Nullen“ übersetzt worden sein. Wir müssen eine Einheit haben, die es schafft, alltägliche Informationen und Regeln in Daten zu übersetzen und als solche abzulegen. Wir dürfen dabei davon ausgehen, das diese nicht als Worte abgelegt werden, sondern in einem gänzlich anderen Datenformat, vielleicht sogar eher bilderähnlich.

Wir müssen des weiteren eine „Suchfunktion“ haben, die uns erlaubt Daten, die wir empfangen mit den in unserem Kopf abgespeicherten Regeln zu vergleichen und die dafür geltenden Verhaltensweisen zu aktivieren. Auch dies wird abstrakt mit „Lernen“ und „Verstehen“ bezeichnet und nicht weiter hinterfragt, was dafür überhaupt erforderlich wäre. Es wird vielmehr ein eigenständiger Raum geschaffen, in dem „Lernen“ und „verstehen“ stattfindet, und der die dafür erforderlichen Prozesse ausblendet.

Das bringt mich zu folgenden Thesen:

  • jedes Lernen erfordert das unterbewußte Übersetzen von Daten in einen abspeicherbaren Datensatz und deren biologische Hinterlegung im Gehirn und dessen biologische Einbindung in einen „Suchindex“ erfordert, um überhaupt funktionieren zu können
  • Damit muss es einen Mechanismus geben, mit dem passende Situationen erkannt, Regeln zugeordnet und diese als mögliche Handlungswege, die ggfs zu modifizieren sind, in eine Abwägung einstellt.

Desweiteren möchte ich die folgende These aufstellen:

  • Evolutionäre Vorgänge können über Mutation und Selektion unglaublich komplexe Konstrukte erzeugen (beispielsweise das Gehirn)
  • Verhaltensweisen, die biologische Ursprünge haben sind bei allen Tieren, von einfachen Reizen bis zu komplexeren Verhaltensweisen vorhanden und es wird davon ausgegangen, dass diese biologische Ursachen haben

Kombiniert man beides, dann ergibt sich:

  • Eine Regel, die biologisch abgespeichert ist, kann auch über evolutionäre Vorgänge entstehen, da durch Mutation und Selektion die entsprechenden Gehirnstrukturen enstehen könne, die auch beim Abspeichern der Daten vorliegen.
  • Es ist kein Grund ersichtlich, warum auf diese Weise entstandene Regeln nicht auch in den den „Suchindex“ aufgenommen sein sollten und insofern als „Handlungsvorschlag“ für bestimmte Situationen abgerufen werden. Damit kann Biologie unser Handeln in gleicher Weise bestimmen, wie erlernte Regeln.

Es ist sogar denkbar, dass entsprechende Regeln in „Vorrangregelungen“ eingebunden sind und zumindest dem Kern nach mit einem „Überschreibschutz“ verbunden sind oder anderweitig assoziativ auf eine bestimmte Weise eingebunden ist.

Das bedeutet in der Anwendung:

  • Wenn ein Mensch erlernen kann, was hübsch ist und die dazu gehörenden Regeln aus seiner Umwelt aufnehmen kann, dann muss er diese abspeichern können, was wiederum bedeutet, dass diese auch evolutionär entstehen können
  • Wenn ein Mensch erlernen kann, was Gerecht (zB ich bekomme für eine Arbeit eine Kartoffel, ein anderer für die gleiche Arbeit zwei Kartoffeln, wir sollten beide das gleiche bekommen) ist, dann muss er die dazu gehörenden Regeln aufnehmen und abspeichern können, was bedeutet, dass sie auch evolutionär entstehen könnte
  • etc

Dieses Modell erlaubt auch die unterbewußte Verarbeitung von Daten: Diese würde nach genau der gleichen Methode erfolgen und dann einfach nur in ein bestimmtes Signal an unser Bewußtsein übersetzt werden, etwa Angst, Hunger, Lust. Die Regel würde damit nicht in ihrer vollen Länge in unserer Bewußtsein gelangen „Kohlenhydrate sind wenig, suche Quellen für mehr“, sondern lediglich mit dem Gefühl Hunger, welches dann wiederum mit Problemlösungen verknüpft sind, etwa „Dort gibt es Essen“ oder „Das kann man Essen“.

Richtig ist, dass wir noch nicht wissen, wie das genau geht. Aber es damit abzulehnen ist ein „Argument, welches an Nichtwissen appeliert„. Vor nicht all zu langer Zeit hätte niemand geglaubt, dass man nahezu alles in Nullen und Einzen übersetzen kann und das man „Denkmachinen“ aus Silikon etc bauen kann, die damit komplexe Problem lösen. Wir sind was das Gehirn und seine genaue Arbeitsweise angeht schlicht auf dieser Stufe. Das bedeutet aber nicht, dass dies nicht geht.

Was mir in Betrachtungen zu unserem Denken insoweit oft zu kurz kommt, ist das anscheinend mit einer sehr beschränkten Komplexität gearbeitet wird. Ein Gedanke muss nicht direkt mit einer bestimmten neurolen Verknüpfung übereinstimmen. Es können verschiedene Daten auf verschiedene Weise und gleichzeitig aufgerufen, unterbewußte Berechnungen angestellt, mit anderen abgespeicherten Erfahrungen verglichen, Gemeinsamkeiten oder Assoziationen dazu ermittelt werden und dabei verschiedene Veränderungen eingeleitet werden. In einer dunklen Macht mag unsere Mustererkennung aktiver nach Augen und Gesichtern, Geräuschen von potentiellen Feinden suchen und uns ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit und Vorsicht beschleichen, dass dazu führt, dass wir unseren Kopf einziehen, den Hals schützen, möglichst wenig Angriffsfläche bieten wollen und gleichzeitig mögen Gehirnvorgänge eingeleitet werden, die Überbewertung potentieller Gefahrenquellen bevorzugen und uns schreckhafter machen.

Das wären noch recht einfache Programmierungen, die nicht per se dazu führen, dass wir nicht gleichzeitig über die Lösung hochkomplexer Probleme, die unser Frontalhirn erfordern nachdenken, wobei wir vielleicht spezielle Mathematikroutinen aktivieren um enthaltene Probleme zu lösen. Diese Lösungen werden vielleicht bewußt „Die Tragkraft der Brücke beträgt X Tonnen, die Belastung Y Tonnen“ ausgegeben werden, vielleicht auch nur unterbewußt „Träger dieser Dicke sollten eigentlich reichen“.

Aus der Fülle verschiedenster Denkoperationen kann dann an anderer Stelle ein Bild entstehen, evtl in einer Einheit, die eben die Unterberechnungen analysiert und in „bewußte Logik“ übersetzt.

Das so etwas mit Rechnenoperationen zu simulieren ist, ist uns in Anfängen auch schon bewußt. Ein sehr einfaches Beispiel wären „intelligente Computergegner“, bei denen ebenfalls eine gewisse Unberechenbarkeit und eine Reaktion auf bestimmte Handlungen simuliert wird. Dies geschieht mit einem im Vergleich zu unserem Gehirn geradezu mickrigen Code und einer noch mickrigeren Rechenleistung. Aber es ist gut vorstellbar, dass wir irgendwann Tiere damit simulieren können und irgendwann auch eine künstliche Intelligenz.

Mich würde an dieser Stelle interessieren, ob etwas so einfaches wie ein Computerspielgegner in einem modernen Egoshooter mit den Begriffen der Philosophie erklärt werden kann, wenn man ihnen nur den Computer und Szenen aus dem Spiel zur Verfügung stellt. Wäre es ein Dualismus aus Software und Hardware oder ist nicht letztendlich die Software über die Abspeicherung auf einer Festplatte auch Hardware? Wäre es die Identitätstheorie? Würde man darauf Abstellen, dass die Zustände in dem Prozessor und der Zugriff auf Festplatte und Arbeitsspeicher eine Identität zu den Handlungen enthält? Stellt sich hier ein Problem des Reduktionismus? Oder ist die Erkenntnis, dass der Umstand, dass aus Speichern zwar Nullen und Einsen abgelesen werden, aber diese in sich tiefere komplexe Regeln haben können schon eine Form der Emergenz? Wäre diese dann letztendlich nichts anderes als die simple Erkenntnis, dass komplexe Regeln gespeichert und verarbeitet werden können? Das wäre ja ein vergleichsweise banale Erkenntnis.