Kritik am Kommunismus

Kommunismus

Der Kommunismus ist in der Wikipedia wie folgt definiert:

Kommunismus (vom lateinisch communis ‚gemeinsam‘) bezeichnet politische Lehren und Bewegungen, die zuerst die Gütergemeinschaft zum Ziel haben, im weiteren Sinne die klassenlose Gesellschaft, in der das Privateigentum an Produktionsmitteln aufgehoben ist und die Produktion des gesellschaftlichen Lebens rational und gemeinschaftlich geplant und durchgeführt wird.

Meiner Meinung nach stehen diesem Gesellschaftssystem einige Bedenken entgegen:

– unbedingter Altruismus ist keine evolutionär stabile Strategie, Alturismus beim Menschen ist im Rahmen der Durchsetzung eigener Interessen, der Interessen von Verwandten und der Interessen einer In-Group im Rahmen einer (vermutete, indirekten) Reziprozität entstanden.

Wettbewerb erzeugt Wohlstand, was aus dem oben genannten folgt.

– Menschen wollen einen hohen Wohlstand. Ein System, dass ihnen dies nicht bietet, erscheint damit zunächst weniger begehrenswert

– Der Gegensatz von Privateigentum=Ausbeutung, Arbeiter=Ausgbeuteter ist heute nicht mehr haltbar. Die Abgrenzung wird theoretisch und beliebig, Armutsverhältnisse verlaufen nicht anhand dieser. Durch die Möglichkeit für gute Ideen Finanzierungen zu erhalten verwischen die Grenzen immer mehr. Ein Angestellter kann sehr reich werden, innerhalb eines Unternehmens aufsteigen, sich dort ein gutes Einkommen verdienen. Der Staatsdienst, obwohl weniger ausbeuterisch, zahlt häufig schlechter und bietet andere Vorteile wie sichere Arbeitsplätze etc.

– Eine Verteilung von Gütern ohne Markt scheint nicht zu klappen. Märkte können nicht geplant werden, sondern entstehen. Eine Planwirtschaft wird daher immer eine Mangelwirtschaft sein.

– Persönliches Interesse am Erfolg ist ein hoher Motivationsfaktor, der ohne Privateigentum schnell verschwindet.

– Viele Leute wollen sich selbst ausbeuten

– Ebensoviele Leute wollen gerne Luxusgegenstände, die ihnen der Kapitalismus bietet. Luxusgegenstände sind neben ihrer Nutzungsfunktion auch Costly Signals, die etwas über uns aussagen und werden deshalb begehrt. Im Kommunismus sind Luxusgüter üblicherweise nicht die Güter, die selbst hergestellt werden, sondern die kapitalistischen Güter

– Die Menschen sind nicht gleich. Einige haben Fähigkeiten, die andere nicht haben. Für Personen mit besonderen Fähigkeiten ist der Kommunismus kein attraktives System. Sie geben mehr auf als die anderen, ohne dadurch etwas zu gewinnen. Dies führt zu Demotivation oder einer Schattenwirtschaft bzw. Korruption

– Wir sind Hierarchietiere. Der Mensch neigt dazu Hierarchien zu bilden, was der Kommunismus nicht hinreichend anerkennt. Die Menschen, die im Kommunismus am oberen Ende der Hierarchie stehen wollen werden daher um höherwertige Postionen ebenso kämpfen wie in jedem anderen System. Wenn ihnen Regeln dies nicht in einem offenen Wettbewerb ermöglichen, dann wird ein inoffizieller Wettbewerb geführt.

– Der Kommunismus ist nicht gegen Ausbeutung und Parasitentum abzudecken.

– Der Kommunismus muss all diese Unzulänglichkeiten überdecken, wenn das System funktionieren soll. Dazu muss entweder ein besonderes Gemeinschaftsgefühl erzeugt werden, dass zugleich Ausgrenzung anderer voraussetzt und starke Regeln zum wohle der Gemeinschaft oder durch Zwang ein Einsturz des Systems verhindert werden. Die starken Regeln führen wiederum dazu, dass der Kommunismus schnell intolerant wird oder einen Lebensstil erzwingt.

Interessant auch die Rubrik in der Wikipedia zur „Kritik am Realsozialismus“

– fehlende Basisdemokratie: Das von Lenin verhängte Partei- und Fraktionsverbot lähme die notwendige gesellschaftliche Partizipation und Eigeninitiative der Arbeiter und gefährde so den Aufbau des Sozialismus (Rosa Luxemburg).

– Bürokratie: Durch die Isolierung Sowjetrusslands konnte eine neue Bürokratenschicht die „Macht an sich reißen“, was zu einer „Entartung“ des Arbeiterstaates führte (Leo Trotzki).

– Zentralismus: Die von oben nach unten aufgebaute sowjetische Kaderpartei sei strukturell unfähig, die Wirtschaftsprobleme des Landes zu lösen (Wolfgang Leonhard).

-Ideologische Manipulation: Stalins und Maos „Marxismus-Leninismus“ sei ein Bruch mit den ursprünglichen Ideen von Marx, Engels und Lenin und pervertiere sie (George Orwell, Oskar Negt, Iring Fetscher).

– Totalitarismus: Die Herrschaftsform der Sowjetunion lasse strukturell keine Demokratisierung zu und schalte die freie Entfaltung der Menschen ähnlich total aus wie der Faschismus (Hannah Arendt).

– die Gesellschaftsformation der Sowjetunion und Chinas sei kein Sozialismus/Kommunismus, sondern eine bürokratisch erstarrte Form des asiatischen Despotismus (August Wittvogel, Rudolf Bahro, Rudi Dutschke),

– Imperialismus: Die innerstaatliche Diktatur und ökonomische Schwäche der Sowjetunion führe zu äußerem Expansionsdrang und Hegemonialansprüchen, die den Weltfrieden gefährden (Konsens von Reformkommunisten, Antikommunisten und manchen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt)

Meiner Meinung nach passen diese Schwierigkeiten des „Realsozialismus“ genau zu der angesprochenen Kritik. Es sind keine Umsetzungsschwierigkeiten, sondern Folgen des Fehlers im System. Sie ergeben sich wie daraus, dass Basisdemokratie dazu führen würde, dass Leute ihre Interessen und nicht mehr die Gemeinschaftsinteressen durchsetzen wollten und interne Spannungen darüber, was nun eigentlich richtig ist und wie man als Gesellschaft leben will täglich ausgetragen werden müßten.

Basisdemokratie müßte ja, wenn man das System beibehalten würde , den Vorbehalt haben, dass nicht über den Kommunismus an sich entschieden wird. Das keine Öffnung hin zum Kapitalismus eintritt etc. Sieht man sie nur auf einer unteren Ebene, dann verzögern sie eben dort den Entscheidungsprozess, sind langsamer als Hierarchien und erfordern schlichte „Wahlwerbung und Beeinflussung“, weil sich immer Lager bilden werden, die die Interessen ihrer Seite durchbringen wollen.

Zentralismus ist ebenfalls ein Problem, welches genau daraus folgt, dass man im Kommunismus soviel steuern muss, was sonst der Markt erledigt. Es ist kaum zu umgehen, dass dies in einer planenden Stelle zusammenlaufen muss und sich daher ein Machtapparat ausbildet.

Ideologische Manipulation folgt schlicht daraus, dass man eh einen Apparat schaffen muss, der ein starkes „Wir-Gefühl“erzeugt. Uneigennützigkeit ist in unserer Spezies an einem In-Group Out-Group-Modell entwickelt worden (uneingeschränkte Uneigennützigkeit ist keine evolutionär stabile Strategie, da sie zu leicht ausgenutzt werden kann). Nicht umsonst hat der Osten gegenwärtig starke rechtsradikale Tendenzen, weil die praktische Umsetzung der Einigkeit und Wohltätigkeit genau diese Manipulation erfordert. Auch aus China und Russland habe ich durchaus vergleichbares gehört. Der heutige weltweite Kapitalismus kann in übrigen wesentlich einfacher darauf abstellen, dass zwar jeder Konkurrent, aber auch jeder Handelspartner, Zulieferer und Kunde ist. Es muss sein In-Gouping wesentlich weniger vor Ausbeutung schützen, weil jeder jeden ausbeutet aber auch jeder mit jedem zusammenarbeitet und kann daher leichter eine tolerante Gesellschaft aufbauen (toleranter in dem Sinne, dass es nicht darauf abstellen muss, dass andere schlechter sind, es lohnt sich so gesehen nicht rassistisch zu sein (es kann sich natürlich trotzdem lohnen Leute auszubeuten, aber das ist erst einmal unabhängig von ihrer Rasse oder Herkunft). Wenn man also eh eine Propagandaabteilung unterhalten muss, damit alle auf die eigene In-Group eingeschworen werden, dann liegt ein Machtmittel offen dar, welches man auch für Ideologisierung und Führerkult nutzen kann. Weil man den Leuten verklickern muss, dass sie Teil etwas besonderes sind, für das sich die Zurückstellung eigener Interessen lohnt, muss man ihnen auch erzählen, dass die Führung, der sie vertrauen sollen, ebenfalls die eigenen Interessen zurückstellt, weil sonst der Glaube an eine große Gruppe kaum möglich ist. Deswegen ist jedes Vorgehen gegen die Führung auch ein Vorgehen gegen die In-Group-Effekte und damit eine Schwächung der kommunistischen Idee. Es bietet sich an gegenwärtige Führer zu ideologisieren und abgesetzte Personen als Verräter, als Ausnahmen, darzustellen. Eine starke Förderung der In-Group ist mit offener Kritik an dieser in einem Konflikt. Abweichler auszusortieren und mittels der Propaganda zu Verrätern zu erklären ist damit ein guter Weg, das System zu sichern. Auch sicherlich ein Grund, warum der „Urkommunismus“ eher atheistisch war: Religionen bieten Platz für gesonderte Normen, unterschiedliche Religionen betonen Verschiedenheit.

Totalitarismus setzt ebenfalls an diesem Problem an. Wer Einheitlichkeit vorgibt muss Freiheit beschneiden. Wer dabei ist Freiheit zu beschneiden, der kann sie auch noch etwas mehr beschneiden, um sich selbst etwas dadurch zu sichern. Wenn zudem die Führung zwangsläufig als gut und gerecht dargestellt werden muss, dann ist Kritik an ihr eine Schwächung der In-Group, also der Gemeinschaft und natürlich auch eine Gefährdung der Führung an sich, denn der Vorwurf, sich nicht schlicht am Gemeinschaftsinteresse ausgerichtet zu haben, ist der sicherste Weg die Macht zu verlieren. Das muss aber nicht zu einer strikten, freiheitlichen Umsetzung der Gruppeninteressen führen, da diese eh nicht perfekt sein kann. Man kann das Gruppenwohl immer noch selbstloser, noch besser, noch unverschnörkelter fördern, so dass man fast zwangsläufig bei Immunisierungstendenzen ankommt. Das kann man durch Wahlen ändern. Allerdings hat ein „demokratischer Kommunismus“ eben das Problem, dass er erst einmal erklären muss, warum immer wieder neu gewählt wird. Wenn die Führung wegen ihrer Tendenz, statt der Gruppeninteressen ihre Eigeninteressen zu fördern, immer wieder neu gewählt werden muss, dann setzt das bereits am Grundgedanken des Kommunismus an. Ein echtes Mehrparteien- bzw. Mehrkandidatensystem hat gleiche Schwierigkeiten: Abgrenzung der Parteien oder Kandidaten untereinander erfordert die Aussage, dass man etwas anders machen würde, es also nicht nur die Linie der Gruppenförderung gibt, die sachlich und nach besten Gewissen umgesetzt wird. Eine Kandidatenfeststellung, die nur darin besteht, dass man sagt „Ich werde genau wie meine Kollegen das beste für die Gruppe machen, da wir alle den Gemeimwohl verpflichtet sind, wie unser gesamter Staat ist es eigentlich egal, wen ihr von uns wählt“ ist nicht wirklich spannend und wird daher in der Regel durch ein zumindest faktisches Einparteiensystem ersetzt, indem es kein echte Wahl gibt, sondern nur eine Bestätigung der Führung. Eine Abwahl in einem kommunistischen System würde insoweit das Zugeständnis erfordern, dass das System fehlerhaft war. Ersetzt man die Wahl durch ein Berufungssystem, dann verlagert man die Schwierigkeiten lediglich auf die Berufungskommision, die dann wieder Macht erlangt. Zudem ist ein Führerkult ein effektives Mittel der In-Group-Förderung. Es erlaubt zudem den Aufbau von Vertrauen, was ein wesentliches Mittel von Führung ist. Eine anonyme Führung ist nicht verantwortlich und wird selten akzeptiert, eine nicht anonyme Führung muss aber als gut angesehen und aufgebaut werden. Da dies durch Konkurrenz nicht geschehen kann, liegt es nahe, diesdurch Verklärung zu leisten. Anoymität an der Spitze erschwert hier wieder die Arbeit.Warum sollte man aber einen verklärten Führer ablösen und die neue Führung dann genauso aufbauen? Und warum sollte der erst einmal verklärte Führer gehen, wenn ihn alle lieben und er – wie alle wissen – perfekt für den Job ist?

Bürokratie ist ebenfalls eine Folge davon, dass alle Macht beim Staate sitzt und dieser damit der beste und sicherste Arbeitgeber ist. In einem Kommunismus müssen die besten Positionen beim Staat sein, weil alle Positionen staatlich sind. Aufgrund der Vorteile der Abschottung gegen Kritik und der Propaganda ist es zudem ein leichtes Staatspositonen attraktiv zu besetzen. Kritik an der Besetzung lässt sich so leicht unterdrücken, weil sie dem In-Group-Gedanken widerspricht und damit staatsfeindlich ist. Da zudem keine anderen Entfaltungs und Förderungsmaßnahmen möglich sind und eigentlich jede Förderung über die, die allen zukommen soll, ein verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz und das Allgemeinwohl ist, muss man eh gegen gesellschaftliche Regeln verstoßen, wenn man eine Förderung vornehmen möchte. Warum sollte das Kind des #Führungsposition eine bessere Förderung erhalten, wenn der Staat alles für eine bestmögliche Förderung macht und wir alle gleich und der In-Group verpflichtet sind? Der kommunistische Gedanke macht eine Sonderförderung direkt zu einem Verstoß gegen die Gruppeninteressen. Da aber jeder fördern will und der Staatsdienst dazu der beste Weg ist, ist das System besonders anfällig für Vetternwirtschaft und Korruption.

Der Imperialismus ist ebenfalls interessant. Kommunismus hat einen klaren Wettbewerbsnachteil. Der wirkt sich auf die Technik und den Fortschritt aus. Ein kommunistisches System muss in den Bereichen Technik und Entwicklung und auch im Bereich Luxusgüter und Lebensstil zwangsläufig hinter einem kapitalistischen System zurückbleiben. Aus Sicht des Kommunismus mag das mit der Ausbeutung der Arbeiter zusammenhängen oder unmoralisch sein, aber das ändert nichts daran, dass ein Wohlstandsgefälle besteht, das immer mehr wächst und damit auch immer deutlicher wird. Es fällt aber schwer an eine Überlegenheit des eigenen Systems zu glauben, wenn die anderen schlicht besser leben. Die meisten kommunistischen Systeme wählen die offensichtlichen Gegenmaßnahmen: Abschottung, damit das Wohlstandsgefälle nicht mehr wahrgenommen wird (über Verbot von „Westfernsehen“ und Reisen wie in der DDR oder über Internetsperren wie China) und über „Out-Grouping“ und weitere Stärkung der In-Group. Der Kapitalist muss daher böse sein, muss seinen Wohlstand nur durch Ausbeutung erlangt haben, während der Kommunist zwar etwas ärmer ist, aber dafür sozialer, menschlicher, gerechter. Das Bild wird natürlich schwerer umsetzbar, wenn man gleichzeitig Unterdrückungsmaßnahmen gegen die eigene Bevölkerung einleiten muss, damit sie nicht in den Kapitalismus abwandern oder sich zu gut über die dortigen Zustände informieren. Wer erfährt, dass der ausgebeutete VW-Arbeiter besser lebt als mancher Bonze im kommunistischen System, der fragt sich eben, ob er nicht besser im Kapitalismus lebt, selbst wenn dieser zB andere Länder ausbeutet. Das fragt er sich um so mehr um so stärker die Unterdrückung ist, die er selbst erhält, weil ihn diese gleichzeitig daran zweifeln läßt, dass das System zu seinem eigenen besten arbeiet. Es dürfte den meisten Menschen lieber sein, durch ihre Arbeit einen Kapitalisten zu mehr Geld zu verhelfen, der ihnen im Gegenzug einen guten Lohn zahlt als in einem korrupten System die Bonzen durchzufüttern und dabei noch schlechter zu leben als bei einer Ausbeutung durch den Kapitalisten. Ein Gegenmittel ist dabei dann der Imperialismus. Wenn man den anderen überzeugen kann, dass der Kapitalist es nur noch kurzzeitig besser hat, weil das eigene System noch nicht läuft, durch den Kapitalismus ausgebremst wird, es aber nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der böse Kapitalist von dieser Welt verschwunden ist, der macht ein „überlaufen“ zum Kapitalismus unlogischer und zu einem weiteren Verstoß gegen die Gruppeninteressen, denn es ist dann keine Wahl nebeneinander stehender Systeme, bei dem eben das eine Kommunistisch und das andere kapitalistisch ist, sondern ein Überlaufen zum Feind und damit eine Schädigung der In-Goup. Der Kapitalismus als Feindbild ermöglicht daher eine Ideologisierung und Verlagerung aller Fehler auf eine Outgroup. Sie präsentiert ein Ziel auf welches man zuarbeiten kann. Kommunistischer Imperialismus ermöglicht die Präsentation einer besseren Zukunft und über den Kampf ein schließen der Reihen: Wenn wir geschlossen stehen, dann werden wir eine bessere Welt schaffen. Wir sind besser, weil wir eine Gruppe bilden, während der Kapitalismus nur Eigeninteressen kennt. Wenn die Ausbeutung ein Ende hat, dann werden wir alle gleich sein und im Luxus leben. Wir müssen die anderen Arbeiter, Bestandteil unserer In-Group, nur befreien, woran sie tatkräftig mitarbeiten werden. Es hat damit die klassische Funktion, die ein Out-Grouping schon immer hatte.

Und zudem noch ein paar Argumente für den Kapitalismus /gegen die Kritik am Kapitalismus

– Der Ausbeutungsgedanke kann nicht universell gesehen werden, sondern nur im Verhältnis von Lohn und Arbeit. Wer für einen Job gut bezahlt wird, wird nicht ausgebeutet.

– Es wird sogar nicht wenigen Arbeitern lieber sein, lediglich ihre Arbeitskraft verkaufen zu können und kein Risiko für das eingesetzte Kapital zu tragen. Der Arbeitnehmer kann jeden Monat seinen Lohn verlangen, ob es dem Betrieb gut oder schlecht geht. Wenn der Betrieb den passenden Gewinn nicht erzielt oder aus anderen Gründen nicht konkurenzfähig ist, kann er schlicht den Arbeitgeber wechseln. Diese Freiheit hat ein Kapitalist häufig nicht.

– Ein Staat ist nicht in der Lage im gleichen Wege wirtschaftlich zu handeln, wie ein privater. Noch nie in der Geschichte hat ein staatlich geführtes Unternehmen mehr Gewinn und mehr Fortschritt gebracht als ein privates Unternehmen. Dies ist darin begründet, dass private Unternehmen ein interesse am Gewinn haben, den staatliche Unternehmen nicht haben.

– Der Staat kann sich selbst keine Konkurrenz machen, in einer vollständig verstaatlichten Gesellschaft existiert daher ein Monopol für eine Ware. Monopole beeinträchtigen den Wettbewerb

– Menschen mögen Freiheit und Luxus. Sie sind bereit dazu anderen Menschen mehr zuzugestehen, wenn sie selbst ebenfalls dadurch einen höheren Lebensstandard erreichen. Der Bandarbeiter in einem VW-Werk hätte sicherlich nicht mit dem Bandarbeiter in einem Wartburgwerk tauschen wollen. Weil ihm das Gemeinschaftseigentum keine bei ihm ankommenden Vorteile gebracht hätte, im Gegenteil, er hätte aufgrund der geringeren Wirtschaftsleistung für vergleichbare Arbeiten weitaus weniger erhalten und in einem Staat gelebt, der ihn wesentlich mehr einschränkt als jeder Kapitalist. Das fängt bei einfachen Sachen wie einer Banana an und geht über die Ausreisefreiheit bis hin zu dem Recht, Kritik an der eigenen Führung zu üben. In einem (modernen) kapitalistischen System kann man kommunistische Gedanken äußern. In einem kommunistischen System aber keine kapitalistischen (jedenfalls nicht offiziell).

Nepotismus in China und Verwandtenselektion

In China zeigt sich, das auch im Kommunismus Blut dicker als Wasser ist. Die Führungsstäbe lassen ihren Kindern keineswegs kommunistisch gerecht die normale Zuwendung des Staates zukommen, sondern fördern sie, so gut sie können, schicken sie ins Ausland, damit sie eine bessere Ausbildung erfahren, versorgen sie mit Posten und Staatsaufträgen

Die Karriere von Kindern hoher chinesischer Parteikader verläuft häufig äußerst erfolgreich: Zum einen können es sich ihre Eltern leisten, sie ordentlich ausbilden zu lassen: Deshalb studierten die meisten an Elite-Universitäten in den USA oder Europa. Aufgewachsen in komfortablen Funktionärswohnungen, ausgebildet in den besten Schulen, ausgestattet mit Dienstwagen und gepflegt in Sonderkrankenhäusern des Militärs haben die Prinzlinge bessere Startchancen als ihre Altersgenossen. Nicht selten besitzen sie zudem einen ausländischen Pass oder zumindest eine amerikanische Green Card.

Die Prinzlinge werden von Firmen aus dem In- und Ausland gerne angeheuert: Die Unternehmen erhoffen sich von ihnen nicht nur Insider-Wissen über Vorgänge in den oberen Etagen der Pekinger Macht, über Ausschreibungen und bevorstehende Börsengänge, sondern sie versprechen sich auch Verbindungen und Kontakte, die den Geschäften dienen.

Aus evolutionsbiologischer Sicht ein zu erwartendes Verhalten, weil der Mensch eben ein Produkt egoistischer Gene ist und die Verwandtenselektion ein guter Weg ist, diese Gene zu fördern. Ein paar Millionen Jahre später hat dieser Effekt wenig überraschend ein Lebewesen hervorgebracht, dem die Förderung seiner Kinder am Herzen liegt und das es als richtig ansieht, seine Kinder gegenüber anderen Kindern zu unterstützen.
Es ist auch wenig verwunderlich aus dieser Sicht, dass sich in einem kommunistischen System Korruption zeigt. Wenn der Staat alles in der Hand hält, dann kann man sich Eigenes nur über die Ausnutzung des Staates aufbauen. Das wird um so verlockender, um so mehr Umverteilungsmacht man hat und um so weniger man einer Kontrolle unterworfen ist. Kontrolle sinkt gleichzeitig, wenn die, die kontrollieren ebenfalls Macht haben und auch für sie Umverteilung interessant ist. Kommunismus ist in diesem Sinne sehr anfällig für klassisches Top Down Management, bei dem dann Einzelinteressen unter dem Vorwand von Gruppeninteressen einfliessen.
Und natürlich wissen das alle, wie der steigende Aktienkurs der Firma zeigt. Auch für sie ist es günstiger einfach in diesem Spiel mitzuspielen. Sind die Machtpostionen erst einmal in dieser Weise etabliert ist es schwer aus ihnen auszubrechen. Denn der Vorteil, der sich aus einem Widerstand ergibt, würde sich für die Gemeinschaft ergeben und sich auf den einzelnen damit in sehr abgeschwächter Form niederschlagen. Strafen der Mächtigen, die nicht durch einen Rechtsstaat oder entsprechende Kontrollen verhindert werden, treffen aber ungefiltert denjenigen, der sich gegen dieses System stellt (es ist eine Tragik des Allgemeingutes)

Grundregeln der Evolution

Hier mal eine Zusammenfassung einiger Punkte zum Verständnis evolutionärer Vorgänge

  • Evolution erfolgt über Mutation von Genen und deren Selektion
  • Eine Mutation, die nicht über Fortpflanzung weitergegeben wird, kann sich evolutionär nicht auswirken.
  • Jede Veränderung einer Spezies kann nur über die Veränderung von Einzelwesen dieser Spezies erfolgen und nur von Generation zu Generation, eine Spezies an sich kann sich nicht verändern bzw. nur als Summe der Änderungen innerhalb der Einzelwesen von Generation zu Generation
  • eine Gruppenselektion findet nicht statt. Ein Gen kann langfristig nur selektiert werden, wenn es dem Einzelwesen Vorteile bringt („egoistisches Gen“), Vorteile für das einzelne Wesen können allerdings auch Vorteile der Gruppe sein, wenn diese auf das Einzelwesen zurückschlagen und diesem mehr bringen als sie das Einzelwesen kosten. Ansonsten droht eine Freeriderproblematik, da sich deren Gene durchsetzen.
  • Ob ein Gen unter bestimmten Konstellationen Nachteile für die Weitergabe bringt ist unwesentlich, wenn die Vorteile für die Weitergabe in einer anderen Konstellation diese Nachteile aufwiegen. Ein Gen bleibt im Genpool vorhanden, wenn es über alle Genträger die gleiche Anzahl von Nachkommen bringt wie der Schnitt der sonstigen Individuen innerhalb dieser Spezies
  • Die Gene einer Spezies sind (auch innerhalb der Geschlechter) nicht gleich und innerhalb einer Spezies können verschiedene Strategien für die Fortpflanzung praktiziert werden.Häufig gibt es eine Hauptstrategie und verschiedene Nischenstrategien, die entweder für bestimmte Zeiten (Hunger, Krieg, Frieden) oder für bestimmte Risiken optimiert sind (zB Chance auf viele Nachkommen mit hohem Risiko, Chance auf wenig Nachkommen mit geringen Risiko).
  • Gene funktionieren in einem Zusammenspiel. Auch unterschiedlichen Optimierungen für ein Zusammenspiel unterschiedlicher Gene können sich ebenfalls Unterschiede ergeben.
  • Damit eine neue Eigenschaft sich umfassend in einer Spezies durchsetzt müssen alle Genträger, die diese Eigenschaft nicht besitzen sterben ohne die Gene, die diese Eigenschaft nicht haben, weitergegeben zu haben.
  • Neben der „natürlichen Selektion“ gibt es noch die sexuelle Selektion. Dabei ist zu unterscheiden zwischen „intrasexueller Selektion (Konkurrenz innerhalb eines Geschlechts) und intersexueller Selektion (Zucht des einen Geschlechts durch das andere zur Auswahl von Fortpflanzungspartnern).
  • bei der sexuellen Selektion wirken sich die verschiedenen Kosten des Sex aus und die Wahrscheinlichkeit sie zu tragen aus. Als Kosten sind insbesondere zu berücksichtigen: Die evolutionär relevanten Mindestkosten des Sex bzw. die Frage, ob Nachwuchsbetreuung erfolgt und wer sich dieser besser entziehen kann. Bei Menschen trägt die Frau über die Schwangerschaft die höheren evolutionär relevanten Mindestkosten, bei einem Mann betragen diese lediglich die Kosten des Sex an sich. Gleichzeitig kann der Mann, da Menschen Säugetiere sind (im Gegensatz zu bestimmten Fischen, bei denen erst die Eier abgegeben und anschließend befruchtet werden) und damit zwischen Sex und Geburt zumindest 9 Monate liegen, sich unter steinzeitlichen Bedingungen theoretisch leicht den Kosten der Schwangerschaft entziehen, während die Frau dies nicht kann und über die Stillzeit zudem noch weitere Kosten trägt.
  • sexuelle Selektion führt häufig dazu, dass das Geschlecht,welches einer AUswahl unterliegt (dies können auch beide Geschlechter sein) Eigenschaften, die günstige Faktoren für die Weitergabe der Gene sind, darstellen will. Dies kann durch Körperausformungen (Pfauenschwanz, weibliche Brüste beim Menschen) oder Ausformungen im erweiterten Phänotyp (Bieberdamm, Darstellung von Verfügugnsgewalt über Ressourcen) erfolgen oder dadurch, dass man zeigt, dass man trotz bestimmter zusätzlicher Lasten überlebt (Handicap-Prinzip; zB ebenfalls der Pfauenschwanz, Großzügiges Teilen beim Menschen). Dies kann auch zu einer Verselbständigung bestimmter Merkmale führen, die dann allein deswegen weiter entwickelt werden, weil sie attraktiv sind (Sexy Son Theorie)
  • Evolutionäre Strategien bei der sexuellen Selektion beeinflussen sich gegenseitig. Wenn Frauen aufgrund ihrer höherer Kosten im Gegenzug von Männern für die Gelegenheit zur Fortfplanzung (=Sex) eine langfristige Beteiligung an den Kosten der Aufzucht verlangen und dies über eine emotionale Bindung abgesichert sehen wollen, dann erhöhen sich die Kosten für diese Art der Bindung für Männer, was dann wieder eigene Strategien, insbesondere bei der Partnerwahl für eine langfristige Bindung ändert.
  • bei Intrasexuelle Konkurrenz geht es um den Zugang zu Ressourcen, die der Fortpflanzung dienen. Darunter kann bei abstrakter Betrachtung auch der dazu erforderliche Fortpflanzungspartner gerechnet werden. Wie dieser zu den Beschränkungen des Zugangs zu ihm steht ist dann wieder eine Frage intersexueller Konkurrenz.
  • Intrasexuelle und intersexuelle Selektion beeinflussen sich: Wenn eine Spezies eine starke intrasexuelle Selektion vornimmt, dann erlauben Gene, die in diesem Wettkampf Vorteilhaft sind, die bessere Weitergabe der eigenen Gene (Sexy Son Theorie). Die Verwertung der Faktoren, die eine Durchsetzung innerhalb der intrasexuellen Konkurrenz ermöglichen in der intersexuellen Konkurrenz durch biologisch abgespeicherte Attraktivitätsmerkmale kann also die Weitergabe der eigenen Gene erleichtern und entsprechende Gene können sich daher im Genpool anreichern. Gleichzeitig lohnt es sich dann wiederum, diese Merkmale mehr zu zeigen und auch Personen des auswählenden Geschlechts, die diese Merkmale beim anderen Geschlecht mögen zu bevorzugen, weil deren Nachkommen dann ebenfalls erfolgreiche Partner wählen werden (usw.).

Der Sinn des Lebens

In den Kommentaren hatte ich angesprochen, dass es keine Sinn des Lebens gibt:

Nach der Evolutionsbiologie dient alles der Fortpfanzung, sie ist „ultimate cause“. Das fällt uns nur nicht auf, weil wir den „proximate cause“ eher wichtig finden und der Pfad hin zur Förderung der Fortpfanzung nicht gut sichtbar ist.
Das Leben hat keinen Sinn. Wir sind nur Vehikel unser Gene, die über Fortpflanzung unsterblich werden können.

Das findet sich so in ähnlicher Form auch bei Dawkins in das egoistische Gen:

Intelligent life on a planet comes of age when it first works out the reason for its own existence. If superior creatures from space ever visit earth, the first question they will ask, in order to assess the level of our civilization, is: ‚Have they discovered evolution yet?‘ Living organisms had existed on earth, without ever knowing why, for over three thousand million years before the truth finally dawned on one of them. His name was Charles Darwin. (…) The replicators that survived were the ones that built survival machines for themselves to live in. (…) Now they swarm in huge colonies, safe inside gigantic lumbering robots, sealed off from the outside world, communicating with it by tortuous indirect routes, manipulating it by remote control. They are in you and in me; they created us, body and mind; and their preservation is the ultimate rationale for our existence. They have come a long way, those replicators. Now they go by the name of genes, and we are their survival machines.

(zugegebenermaßen ein gestrecktes Zitat  mit Zwischenräumen von 44 Seiten, aber nichts desto trotz das was er meint)

Oder bei David Geary Male, Female (S. 69):

 Have you ever pondered the reason for your existence and the reason for the many difficulties in life? When considered trough the lens of evolution, the reason ypu exist is simply to „maximize the likelihood of genetic survival through redproduction (R.D. Alexander, 1987, p. 65), and the trials of life result from pursuit of this difficult path;

Gleich darauf wurde daraus eine Lebensphilosophie gebastelt, deren Konstruktion ungefähr so ging:

 Dass du dein Leben als sinnlos empfindest und dich nur als Vehikel deiner Gene siehst, die nach Unsterblichkeit streben, erklärt zumindest deinen Enthusiasmus für Geschlechterfragen und Pickup. Du bist bestrebt, das bestmögliche Vehikel für deine Gene zu werden.

Oder noch mal kurz zusammenfasst:

Ich: Das Leben hat keine Sinn. Es sind nur Gene, die Vehikel bauen, um sich fortzupflanzen

Konstruktion: Aha! Dann ist der Sinn deines Lebens also die Fortfplanzung deiner Gene.

Dabei steht beides in keinem Zusammenhang. Denn ich habe ja nicht davon, dass meine Gene sich fortpflanzen, wie sich aus der Ansicht ergibt, dass das Leben keinen Sinn hat.

Ich würde es darauf zurückführen, dass wir ein Gehirn haben, dass aufgrund seiner Bauweise immer versucht, einen Sinn in allem zu erkennen, ein Ziel, eine Absicht. Denn das erleichtert die Einschätzung alles menschlichen Handelns und erhöht damit die Chance der Gene, weitergegeben zu werden.

Eher ließe sich dem Ganzen der Sinn entnehmen, dann das beste aus der Zeit als Vehikel zu machen, die man hat. Was dann evtl darin bestehen könnte möglichst häufig die Aktivierung des Lustzentrums des Gehirns zu ermöglichen und möchst selten dessen Deaktivierung. Das wiederum kann, muss aber nicht mit Fortpflanzung verbunden sein. Vielleicht macht mich Selbstlosigkeit glücklich, vielleicht Sex ohne Fortpflanzung, vielleicht die Illusion nicht nur ein Genvehikel zu sein sondern eine unsterbliche Seele zu besitzen oder das Wissen, dass mit meinen Genen doch ein kleiner Teil meiner Selbst wietre Genvehikel baut.

Aber all dies ist kein tatsächlicher Sinn. Denn Evolution hat eben keinen Sinn, kein Ziel, kein Ende.

Das kann man traurig finden. Ich finde es logisch.

Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins Jahr 2012!

Möge jeder von euch ein Jahr haben, in dem sein Glückszentrum möglichst häufig angesprochen wird, ob seine Gene ein Stück näher an die Unsterblichkeit rücken oder nicht!

Vaterschaft und Evolution

Verschiedene Faktoren beeinflussen, wie innerhalb einer Spezies die Vaterschaft ausgeübt wird

  • Überlebenschancen des Nachwuchs
    1. Wenn väterliche Investitionen keinen oder nur einen geringen Effekt auf die Überlebensrate oder die Qualität des Nachwuchses hat, wird die Selektion das Verlassen des Nachwuchses durch den Vater fördern, wenn ein zusätzlicher Partner gefunden werden kann (Trivers 1972; Westneat & Sherman 1993; G.C. Williams 1996)
    2. Wenn die väterliche Investition  zu einer relativen, aber nicht absoluten Verbesserung der Überlebensrate oder der Qualität führt, dann wird die Selektion Männer fördern, die eine gemischte Fortpflanzungsstrategie verfolgen. Die Männchen können sich dann in der Rate unterscheiden, in der sie sich auf Partnerwerbung oder Vaterschaft konzentrieren. Welcher Weg dabei verfolgt wird hängt von sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen ab (sozial= der männliche Status, Verfügbarkeit weiterer Fortpflanzungspartner; wirtschaftliche= zB die Verfügbarkeit von Nahrung)
  • Paarungsgelegenheiten
    1. Wenn väterliche Investitionen nicht zwingend erforderlich sind und Paarungspartner verfügbar sind, dann wir die Selektion folgendes bevorzugen:
      • das Verlassen des Nachwuchses durch den Vater, wenn väterliche Investition nur einen kleinen Effekt auf das Überleben des Nachwuchses und seine Qualität hat (Clutton-Brock, 1991) oder
      • eine gemischte männliche Fortpflanzungsstrategie wenn die väterliche Investition die Überlebensrate oder Qualität des Nachwuchses erhöht (Perrone & Zaret 1979; Wolf et al 1988)
    1. Soziale und wirtschaftliche Faktoren, die die Parungsgelegenheiten der Männer reduzieren, wie etwa weit verstreute Weibchen oder verdeckte (oder synchronisierte) Ovulation, reduzieren die Oppertunitätskosten einer väterlichen Investition. Unter diesen Bedingungen wird Selektion väterliches Investment begünstigen, wenn dieses Investment die Überlebensrate oder die Qualität des Nachwuches verbessert oder nicht aus anderen Gründen größere Kosten für den Mann auslöst (Clutton-Brock 1991; Dunbar 1995; Perrone & Zarret 1979; Thornhill 1976; Westneat & Sherman 1993)
  • Sicherheit der Vaterschaft
    1. Wenn die Sicherheit der Vaterschaft niedrig ist, wird die Selektion das Verlassen des Kindes durch den Vater fördern (Clutton-Brock 1991; Möller 2000; Westneat & Sherman 1993)
    2. Wenn die Sicherheit der Vaterschaft hoch ist, dann wird die Selektion väterliche Investitionen fördern, wenn
      1. die Investition die Überlebensrate oder Qualität des Nachwuchses verbessert und
      2. die Opportunitätskosten des Investments (insbesondere die reduzierten Paarungsgelegenheiten) niedriger sind als die Vorteile die mit der Investition verbunden sind (Dunbar 1995; Thronhill 1976; Westneat & Shermann 1993)
    3. Wenn die Sicherheit der Vaterschaft hoch ist und die Opportunitätskosten in Gestalt der Verlorenen Paarungsgelegenheiten ebenfalls hoch sind, dann wird Selektion Männchen fördern, die eine gemischte Strategie verfolgen. Also die fakultative (also mögliche, aber nicht zwingende) Ausprägung des väterlichen Investments, abhängig von sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen (Dunbar 1995; Westneat & Sherman 1993)
(Nach: David Geary, Male, Female: The Evolution of Sex Differenzes, S. 89)
Also sind die wesentlichen Kriterien, nach denen sich bestimmen lässt, wie stark der Vater in den Nachwuchs investiert, die Vorteile der Gene bei der Fortpflanzung, also so gesehen das egoistische Gen.
Die spannende Frage ist dann natürlich, wie sich der Mensch einordnen lässt.

Warum die Steuerung über Gefühle so effektiv ist, gerade bei hoher Intelligenz

Im Militär gibt es zwei Arten, Ziele zu erreichen.

  • das Führen über Befehl: Es können bestimmte Handlungen vorgegeben werden, die dann so ausgeführt werden sollen
  • das Führen über den Auftrag: Es wird ein Ziel vorgegeben und dem Soldaten überlassen, wie er es erreicht.

Das Führen über Befehl hat den Vorteil, dass man bestimmte Handlungen schnell erreicht und nicht davon abhängt, dass der Soldat die falschen Überlegungen anstellt. Das Führen durch Auftrag hat hingegen den Vorteil, dass der Soldat flexibler agieren kann und auf unvorhergesehene Umstände besser reagieren kann. Beide Prinzipien lassen sich auf die Steuerung durch Reflexe, Instinkte und Wünsche übertragen. Ein Reflex ist geeignet, wenn eine Reaktion möglichst schnell erfolgen soll. Nährt sich ein Objekt sehr plötzlich und schnell oder taucht ein anderer Mensch sehr plötzlich und schnell vor einem auf, dann ist es sicherer zunächst zurückzuzucken als die Lage zu analysieren. Wenn man nahezu alles frisst, was sich bewegt und die richtige Größe hat und vorbeifliegt, dann lohnt sich ein diesbezüglicher Schnappreflex. Das menschliche Leben erfordert allerdings wesentlich komplexere Entscheidungen. Dies dürfte auch daran liegen, dass die Gegenspieler intelligenter sind und daher ein verdrahtetes Verhalten zu schnell durchschauen und ausnutzen könnten. Wer immer gleich reagiert ist berechenbar, wer sich neue Wege ausdenken kann nicht. In dieser Hinsicht ist ein freier Wille sinnvoll. Allerdings ist es aus der imaginären Sicht der egoistischen Gene weiterhin wichtig, dass die Ziele „Weitergabe der Gene“ erhalten bleibt.

Um so komplexer die Reaktionen des anderen und um so komplizierter die Situation um so günstiger ist die „Führung über Auftrag“. Wünsche sind daher nichts weiter als eine Auftragserteilung und die Intensität der Wünsche kann steuern, welche Priorität ein Wunsch hat. Dabei sind Maßstab für die Intensität des Wunsches – die Notwendigkeit der Wunscherfüllung – die Einfachheit der Wunscherfüllung Wer seit 2 Tagen nichts gegessen hat, der wird hungriger sein als jemand, der vor einer Stunde gegessen hat. Weil die steinzeitliche Erfahrung besagt, dass die Notwendigkeit für eine Wunscherfüllung steigt. Wer gut gegessen hat, aber etwas besonders nahrhaftes sieht, was er sich einfach nehmen kann, der mag noch einmal Hunger bekommen, weil eine solch gute Gelegenheit nicht ungenutzt bleiben sollte (vielleicht der Grund, warum Nachtische meist sehr Kalorienreich sind: Sie verführen uns so eher zum Essen trotz eigentlicher Sättigung („etwas süßes geht immer“)). Die Vorgabe „Hunger“ ermöglicht uns beliebige Wege einzuschlagen, sei es Jagd, die Suche nach Früchten etc oder das Einkaufen in einem Supermarkt. Es ermöglicht uns in der heutigen Welt unsere Planung so auszurichten, dass wir einer bestimmten Tätigkeit nachgehen, die kein Essen produziert, aber über das dafür erzielte universelle Tauschmittel Geld Lebensmittel zu erwerben. Dies wäre über einen Schnappreflex natürlich nicht möglich.

Auch für andere Wünsche kann man entsprechende Betrachtungen vornehmen. Unser Sexualtrieb stellt beispielsweise einen Wunsch dar, der aber wenn keine Reize vorhanden sind, relativ niedrig gehalten werden kann, da die Notwendigkeit der Wunscherfüllung keine Frage des täglichen Überlebens ist. Bietet sich aber eine Gelegenheit dann bietet es sich gerade bei Männern an, den Wunsch recht hoch anzusetzen. Zu Bedenken ist dabei, dass der Wunsch nicht auf das tatsächliche Ziel ausgerichtet sein muss. Es reicht, wenn eine Motivation zu Handlungen besteht, die üblicherweise zu einer Zielerfüllung folgen. Bei Sex wäre es beispielsweise viel zu kompliziert das eigentlich Ziel vorzugeben, also „erreiche eine Befruchtung“. Denn die Vorgänge, die für eine Befruchtung notwendig sind, sind viel zu kompliziert und können automatisiert werden. Ebenso wie wir nicht wissen müssen, wie Sauerstoff ans Blut abgegeben wird, solange wir das Bedürfnis haben Luft in unsere Lungen zu bekommen oder genau zu verstehen, welche Muskeln wir wie benutzen müssen, um einen Arm zu bewegen, ist das Wissen um die Einzelheiten des Vorganges nicht erforderlich. Es reicht, wenn der Wunsch nach Sex entsteht. Um so unberechenbarer die Umstände, um so wichtiger ist eine Führung über Aufträge. Gerade das Leben der Menschen ist aufgrund ihrer Intelligenz besonders kompliziert. Aber auch bei einer extremen Intelligenz lohnt es sich immer noch Zielvorgaben zu haben bzw. eine Selektion gegen Zielvorgaben wie Sex, Essen etc ist wenig effektiv, weil sich diese nie geändert haben.

Oder wie Schopenhauer es ausdrückte:

Wir sind frei, zu tun, was wir wollen, aber nicht frei, zu wollen was wir wollen.“

„Egoistische Gene“ bedeuten nicht, dass man egoistisch sein muss

Ein Einwand gegen egoistische Gene ist, dass Menschen nicht egoistisch sein müßen, sondern häufig altruistisch sind.

Dabei liegt aber ein erheblicher Denkfehler vor:

Mit dem Bild der „egoistischen Gene“ ist lediglich gemeint, dass die Körper durch die Gene so gebaut werden, dass diese die Gene möglichst gut weitergeben können. Oder etwas genauer gesagt: Die Gene, die Körper produzieren, die die Gene möglichst effektiv und dauerhaft über lange Zeiträume weitergeben, reichern sich im Genpool an, während Gene, die Körper bauen, die ein „gutes Leben“ haben, die Gene aber nicht in andere Körper kopieren, aus dem Genpool verschwinden.

Davon abzugrenzen sind aber die besten Strategien, die dazu führen, dass Gene effektiv und dauerhaft weitergegeben werden. Diese Strategien können natürlich auf einen Körper ausgerichtet sein, der kooperativ ist und altruistisch handelt.

Dazu muss ein Körper, der altruistisch handelt, dafür sorgen, dass mehr Kopien der Gene, nach denen er entstanden ist, im Umlauf bleiben als wenn er nicht altruistisch handeln würde.

Dies stellt meist für tatsächlich altruistisches Handeln ein Problem dar, sofern nicht wie etwa bei bestimmten staatsbildenden Insekten die Gene auch in höher Zahl in anderen Körpern der Gruppe vorhanden sind und es daher effektiver ist, die Genkopien in anderen Körpern als dem eigenen zu fördern.

Unproblematisch ist ein Altruismus dann, wenn die Interessen der Gruppe den Eigeninteressen entsprechen. Meist wird aber irgendein Körper die Kosten für das Gruppenverhalten tragen müssen, während die gesamte Gruppe den Erfolg einheimst.

Geht es beispielsweise um die Jagd auf ein Mammut, dann ist derjenige Jäger, der an den Mammut herantritt um eine Lanze in ihn zu stechen, in extremer Gefahr, der Jäger, der abwartet und erst bei dem geschwächten Mammut die Lanze einsetzt hingegen besser dran, da er ein geringeres Risiko trägt.

Aber all dies kann sich ändern, wenn andere Belohnungen außer dem unmittelbaren Jagderfolg hinzukommen. Erhält der Jäger, der sich etwas für die Gruppe traut, ein hohes Prestige und überträgt sich dies in bessere Chancen beim anderen Geschlecht, etwa in dem das andere Geschlecht Status und Wagemut sexy findet, dann kann sich das Verhalten trotzdem lohnen, da dann eine hohe Wahrscheinlichkeit auf Weitergabe der Gene besteht. Für die Frau kann es sich widerrum lohnen ein solches Verhalten sexy zu finden (also: Gene, die ein solches Attraktivitätsmerkmal verankern reichern sich im Genpool an) wenn andere Frauen dies ebenfalls attraktiv finden. Denn das Merkmal bestätigt sich dann selbst: Weil andere Frauen es attraktiv finden, hat ein Junge, der diese Gene trägt bessere Fortpflanzungschancen. Es ist demnach günstig Sex mit jemanden zu haben, der dieses Gen an einen potentiellen Sohn weitergeben kann (gegenenfalls Hormonsensitiv, damit Töchter nicht betroffen sind).

Warum sollten es Frauen anfangs attraktiv gefunden haben? Vielleicht haben Männer, die sich mehr getraut haben, mehr Beute nach Hause gebracht oder einen größeren Anteil der Beute verlangt. Über diesen kulturellen Beginn kann sich der Vorteil dann biologisch verfestigt haben.

Altruismus für die Gruppe kann insoweit in gewissen Grenzen auch mit egoistischen Genen entstehen.

Kooperatives Verhalten und Gruppenbildung

In dem Buch „The Origins of virtue“ stellt Matt Ridley dar, wie die Tugend entstanden sind. Genauer geht es darum, wie ein selbstloses Verhalten biologisch erklärbar ist.

Das Grundproblem ist dabei, dass erste Modele immer dargelegt haben, dass es günstiger ist, nicht tugendhaft, sondern nur auf seinen eigenen Vorteil hin ausgerichtet zu sein. Fortschritte ergaben sich dann aus modernen Überlegungen zur Spieletheorie, nach der kooperatives Verhalten dann erfolgreich sein kann, wenn die Spieler das Spiel wiederholt spielen können und dabei insbesondere unkooperatives Verhalten bestrafen können. Ein Spieler, der solange kooperativ ist, wie auch der andere Kooperativ ist und evtl. sogar den ein oder anderen Fehler (also unkooperatives Verhalten) verzeiht, kann die Vorteile eines kooperativen Verhaltens nutzen, ohne sich zu sehr der Gefahr auszusetzen, dass er ausgenutzt wird.

Weitere Mechanismen, die der Herstellung eines kooperativen Verhaltens zugänglich sind, wären Entrüstung über unkooperatives Verhalten, das Schämen für solches Verhalten, die Bestrafung des unkooperativen Verhaltens bis hin zum Ausschluss aus der Gesellschaft etc. So könnte also ein „Gerechtigkeitsgefühl“ entstanden sein, dass eine Leistung auf ihren Wert hin überprüft und insbesondere auch nachhält, ob die Gegenseite Leistungen erwidert und faire Gegenleistungen bringt.

Unter diesem Gesichtspunkt wäre eine Strategie, bei der man stets kooperativ ist, auch wenn man die andere Person nie wieder sieht, eine Werbemaßnahme, die sagt, dass man so kooperativ ist, dass man selbst ohne Aufsicht entsprechendes Verhalten zeigt. Dies wäre dann eine Werbemaßnahme gegenüber anderen Personen, die dann mit einem eher selbst kooperativ sind.

Einen interessanten Ausflug macht Ridley dann in das Feld der Kooperation innerhalb der Gruppe. Bei den meisten Tieren nutzen insbesondere die Männchen Kooperation innerhalb der Gruppe aus, um in der Hierarchie aufzusteigen (etwa indem das Alphamännchen durch zwei andere Männchen gemeinsam vom Thron gestoßen wird) oder Fortpflanzung zu ermöglichen.

Bei Delphinen beispielsweise indem sie zu dritt ein Weibchen in die Enge treiben und dann im Prinzip in Geiselhaft nehmen um sie zu vergewaltigen oder bei Affen indem ein ranghöheres Männchen von einem Weibchen zu zweit weggejagd wird um sie dann zu begatten oder als große Männchengruppe für Revierkämpfe, in denen ein regelrechter Krieg gegen benachbarte Affen geführt wird, zB um deren Weibchen ins eigene Revier zu bekommen oder das Revier auszuweiten.

Zusammenarbeit auf der Gruppenebene wird also im Tierreich immer wieder beobachtet, erfordert aber nach den dortigen Beobachtungen immer wieder eine Abgrenzung der Gruppe nach einem gemeinsamen Kriterium. Ameisen mögen höchst soziale Tiere bei einer Betrachtung des eigenen Ameisenhaufens sein, aber sie arbeiten nicht mit anderen Ameisenhaufen zusammen, sondern bekriegen sie.

Ridley meint nun, dass dieser Gruppeneffekt auch bei Menschen besteht. Auch wir brauchen eine Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen und eine Gruppe, die im Gegenzug „die Anderen“ sind, damit eine Zusammenarbeit möglich ist. Ohne dieses verbindende Element der Gruppenzugehörigkeit würde Altruismus innerhalb einer Gruppe dem einzelnen keine Vorteile mehr bringen, da sie beliebig wird (das mag aufgrund der heutigen Gruppengröße zB bei einer Nationalität zwar auch ein sehr subjektiver Abgrenzungsgrund sein, aber dennoch wird die Einschätzung eines Gruppenvorteils aufgrund unserer Denkweise nach wie vor benötigt. Deswegen – so Ridley – gäbe es in allen menschlichen Gruppen Elemente um einen Gleichklang, eine Gleichheit, ein verbindendes Element herzustellen.

Ein Beispiel wäre Musik, bei der sich alle im Takt dieser bewegen, Uniformen, Märsche, alles bei der eine Synchronisation erreicht wird. Auch Religion könne diese Funktion erfüllen, indem sie eine Abgrenzung herbeiführt, etwa in Gläubige und Heiden (in einem kurzem Ausflug legt er dabei dar, dass die Regeln der meisten Religionen innere Regeln sind, die der Glaubensgemeinschaft dienen und dort Kooperation stärken sollen und nicht zwingend gegenüber „den anderen“ anzuwenden sind – etwa das christliche Gebot, dass man nicht töten soll, dass ansonsten in einem Widerspruch zu den sehr kkriegerischen Handlungen des alten Testaments und den unzähligen Tötungen dort im Namen Gottes stehen würde).

Weitere moderne Anwendungen wären die Fußballfans eines Vereins, die sich eben auch einer gewissen Gruppe zugehörig fühlen und sich so zu Fans anderer Vereine abgrenzen. Ridley stellt dar, dass jede Gruppe eine Gegengruppe braucht um sich selbst definieren zu können. Weil solche Gruppenbildung im Tierreich insbesondere bei Männern beobachtet wird, die so die Kooperation nutzen um in Hierarchien aufzusteigen oder ihre Fortpfanzungschancen zu erhöhen wäre demnach auch verständlich, warum gerade Männer solche Gruppenzugehörigkeiten benötigen. Fußballfans wären demnach nichts anderes als der Wunsch der jeweiligen Fans halt in einer Gruppe zu finden um sich nicht alleine mit anderen Gruppen messen zu müssen.

Sieht man dabei Sport als ritualisierten Wettkampf an, macht es noch viel mehr Sinn, dass überall auf der Welt Männer ein höheres Interesse daran haben sich einer der Männergruppen zuzuordnen, die diese ritualisierten Wettkämpfe austragen. Kurzum, es erklärt, warum Männerfußball ein Millionengeschäft ist während Frauenfußball im vergleich vor sich hindümpelt. Frauengruppen benötigen ihre Gruppen weniger für eine Behauptung im Konkurrenzkampf, sondern sie können von vorneherein eher auf weniger Wettbewerb ausgerichtet sein, weil sie üblicherweise keine Revierkämpfe führen müssen und auch keine Männer für die Fortpflanzung in Zusammenarbeit monopolisieren konnten (vgl. auch Sport und Konkurrenzkampf: Unterschiede zwischen Mann und Frau)

Natürlich bedeutet das nicht, dass Frauen kein biologisches Interesse an Gruppenbildung und Ausgrenzung anderer haben. Sie haben dies durchaus schon deswegen,weil ein Fremder außerhalb der Gruppe eben auch immer eine Gefahr darstellt, da Fremde weniger kooperatives Verhalten gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen zeigen müssen.

 

Das egoistische Gen

Das Bild des egoistischen Gens wird häufig falsch verstanden. Natürlich können Gene nicht egoistisch sein oder Strategien verfolgen. Es ist nur ein Bild, dass es sprachlich leichter macht bestimmte Prozesse nachzuvollziehen. Dahinter stecken folgende wesentliche Betrachtungen:

1. Was geben wir an die nächsten Generationen weiter?

Wenn ein neuer Mensch entsteht, dann aus den Genen der Mutter und des Vaters. Diese Gene sind (abgesehen von sehr geringen Mutationsraten) unveränderlich in deren Körper gespeichert. Bei der Mutter werden die Eizellen bereits im Fötus gebildet und enthalten den Gencode, den die Mutter (zuzüglich evt. Mutationen) von ihren Eltern erhalten hat. Beim Mann werden die Spermien ebenfalls mit genau diesen Geninformationen gefüttert, die auch bereits bei seiner Geburt vorhanden sind.

Ein Mann, der schwächlich geboren viel Sport macht, gibt nicht plötzlich Sportlergene an seinen Sohn weiter, sondern gegebenenfalls die Gene, die Anfangs seine schwächliche Kondition begründet haben mögen. Ein Mann, der sein Leben lang als Schmied gearbeitet hat, gibt nicht „Schmied-Gene“ an seinen Sohn weiter, sondern die Gene, die er bereits von Anfang an hatte. Es mag sein, dass dabei eine besondere körperliche Robustheit vorhanden ist, die ihm dabei geholfen hat, Schmied zu werden, aber es kann auch sein, dass sich – wenn der Beruf innerhalb der Familie weitergegeben wird – diese Robustheit und Stärke von jedem neuen Schmied erarbeitet werden muss. Es werden von den Genen keine Fähigkeiten, die während des Lebens erarbeitet wurden, weitergeben, sondern schlicht der Startpunkt.

Gene sind insoweit nicht anpassungsfähig. Sie können zwar besondere Programme für besondere Lagen vorsehen (beispielsweise: „Wenn Unterernährung vohanden ist, dann Programm X, wenn sehr gute Ernährung vorhanden ist, dann Programm Y“), aber vererbt werden kann lediglich das reine Genmaterial, nicht die weitergehende Erfahrung.

2. Wie Gene weitergeben werden

Ich hatte bereits in einem anderen Artikel dargestellt, dass Gene sich nur in Einzelwesen, nicht innerhalb der Gruppe, verändern. Wenn in einem Körper eine Mutation sagen wir für die bessere Verdauung von Milchzucker auftritt, dann „springt“ dieses Gen nicht auf andere Menschen über. Es kann sich nur dann durchsetzen, wenn der Nachfahre eines Menschen mit diesem Gen, der dieses Gen hat, mehr Nachkommen hat, als die anderen Menschen ohne dieses Gen. Damit Gene sich im Genpool verbreiten, müssen sich die Körper, in denen sie stecken, fortpflanzen.

3. Körper als Genvehikel

Wenn Gene das Einzige sind, was wir betreffend des Aufbaus des Körpers an unsere Nachkommen weitergeben, dann ergibt sich hieraus, dass die Gene, die Körper so bauen, dass diese die Gene effektiv weitergeben, zahlreicher werden.

Der Körper selbst hingegen ist bei dieser Betrachtung unwichtig. Wenn ein Körper zwar hervorragend innerhalb der Gruppe funktioniert und er großartige berufliche und private Erfolge hat (ob der Beruf dabei „Mammutjäger“ oder „Salesmanager“ ist, ist dabei unbeachtlich), er aber steril ist, dann sterben die Gene, die diesen Körper produziert haben aus.

Aus dieser Sicht ist der Körper nichts anderes als ein Überlebens- und Fortpflanzungsvehikel für die Gene. Und das dürfte auch der wesentliche grund gewesen sein, aus dem heraus sich Körper entwickelt haben. Die ersten Replikatoren haben vielleicht nur stablile Hüllen benötigt, um bestimmte chemische Prozesse ablaufen lassen zu können. Aber wenn Rohstoffe, aus denen sich diese Replikatoren gebildet haben, knapp wurden, dann konnte es sich lohnen, sich die Hüllen anderer Replikatoren zu eigen zu machen um selbst bessere Hüllen aufzubauen. Damit lohnen sich dickere Zellmembranen, die dies verhindern und Gene, die solche Hüllen bauen setzten sich durch. Damit lohnten sich vielleicht Aufbrechwerkzeuge für solche Hüllen und Gene, die so etwas bauten, setzen sich durch etc.

Dawkins schreibt dazu in „Das egoistische Gen“:

Once upon a time, natural selection consisted of the differential survival of replicators floating free in the primeval soup. Now, natural selection favours replicators that are good at building survival machines, genes that are skilled in the art of controlling embryonic development. In this, the replicators are no more conscious or purposeful than they ever were. The same old processes of automatic selection between rival molecules by reason of their longevity, fecundity, and copying-fidelity, still go on as blindly and as inevitably as they did in the far-off days. Genes have no foresight. They do not plan ahead. Genes just are, some genes more so than others, and that is all there is to it. But the qualities that determine a gene’s longevity and fecundity are not so simple as they were. Not by a long way. (S. 24)

Die Selektion führt hier zu einer gewissen „Scheinlogik“. Die Gene, die dafür sorgen, dass am meisten Kopien von sich vorhanden sind, gestalten die meisten Körper. Die Körper, die am besten an bestimmte Situationen angepasst sind, geben die meisten Kopien weiter. Gene, die Körper produzieren, die nicht auf „langfristige Weitergabe der Gene“ ausgelegt sind, haben einen Selektionsnachteil.

Das Problem dabei ist, dass „langfristige Weitergabe der Gene“ eigentlich eine Betrachtung der Zukunft erfordert, die Gene eigentlich nicht leisten können.

Dawkins beschreibt dies so:

When an embryo survival machine is being built, the dangers and problems of its life lie in the future. Who can say what carnivores crouch waiting for it behind what bushes, or what fleet-footed prey will dart and zig-zag across its path? No human prophet, nor any gene. But some general predictions can be made. Polar bear genes can safely predict that the future of their unborn survival machine is going to be a cold one. They do not think of it as a prophecy, they do not think at all: they just build in a thick coat of hair, because that is what they have always done before in previous bodies, and that is why they still exist in the gene pool. They also predict that the ground is going to be snowy, and their prediction takes the form of making the coat of hair white and therefore camouflaged. If the climate of the Arctic changed so rapidly that the baby bear found itself born into a tropical desert, the predictions of the genes would be wrong, and they would pay the penalty. The young bear would die, and they inside it. (S. 55)

Hieran sieht man auch, dass Gene eben gerade keine Strategien haben können, es uns aber so vorkommen kann. Die Gene, die zufälligerweise an eine Änderung angepasst waren, konnten weitere Genträger produzieren und sind demnach heute noch vorhanden. Sie hatten nicht die bessere Strategie, weil sie keine Strategie haben können.

Ein weiteres Beispiel sind zB die Dinosaurier. Es war keine schlechte „Genstrategie“ einen Dinosaurierkörper zu bauen, um als Gen bestehen zu bleiben. Vielmehr hatten Gene, die solche Körper bauten, einfach aufgrund der damaligen Welt bestimmte Vorteile innerhalb der Selektion, die dazu führte, dass sie weit verbreitet waren. Diese Vorteile verschwanden in einer Welt, die von einem Meteor getroffen wurde und bei der es vorteilhaft war, wenn man als Gen in einem Körper steckte, der auf ein Leben unter der Erde ausgelegt war, die mehr Schutz vor den Auswirkungen einer solch drastischen Veränderung bot.

4. Folgen

Wenn Gene von der Selektion bevorzugt werden, die Körper bauen, die auf eine Weitergabe der Gene ausgelegt sind („Wenn Gene sich Körper bauen wollen, die möglichst viele Kopien von sich selbst erzeugen können“), dann werden verschiedene Verhaltensweisen leicht verständlich.

Ein Gen, dass einen Körper baut, der eine Verbundenheit zu seinem Nachwuchs hat und diesen beim Start ins Leben hilft und versorgt, hat Vorteile innerhalb der Selektion gegenüber Genen, die dies nicht machen, zumindest, wenn der Körper hinreichend kompliziert ist, um Hilfe zu brauchen und eine Steuerung nicht genau so gut uber Instinkte etc erfolgen kann („Ein Gen, dass Kopien von sich selbst unterstützt, verbreitet sich mehr“). Damit läßt sich recht gut erklären, warum Elternliebe meist unkonditionell ist, also wenig vom Verhalten des Kindes abhängig, während Liebe innerhalb einer Paarbeziehung nicht unkonditionell ist, also von dem Verhalten abhängt: Eltern, die ein Kind nach einem wiederholten Fehlverhalten verstoßen, erscheinen uns hart und das Verhalten unmoralisch. Jemand, der einen romatischen Partner nach wiederholten Fehlverhalten nicht verstößt, erscheint uns hingegen als zu weich und ebenfalls in gewisser Weise unmoralisch.

Ein Körper, der auf unkonditionelle Bindung zu seinen „Genträgern“ gebaut ist, führt vielleicht ein schlechteres Leben, weil er sich für seine Kinder abrackert, aber er gibt Gene effektiver weiter. Was alles ist, was im Rahmen der Selektion der Gene entscheidend ist („Ein Gen, dass dafür sorgt, dass Eltern ihre Kinder lieben, ist erfolgreicher“).

Daraus lassen sich gewisse Gesetzmäßigkeiten herleiten. Ein Gen, das einen Körper so baut, dass es die theoretischen Genübereinstimmungen berücksichtigt, sollte innerhalb der Selektion gefördert werden. Es wäre demnach beispielsweise zu erwarten, dass ein Gen, dass eine stärkere Bindung des Körpers an seine Töchter und Söhne als an seine Nichten und Enkelkinder bewirkt, innerhalb der Selektion Vorteile hat, während ein Gen, dass ein stärkere Bindung an die Nichten und Enkelkinder als an die Söhne und Töchter bewirkt, innerhalb der Selektion starke Nachteile hat (es sei denn, dass es Lebensumstände gibt, die Nichten und Enkelkinder überaus stark von einer solchen Bindung profitieren lassen, während Söhne und Töchter diese nicht benötigen würden, aber es fällt mir keine Situation ein, in der dies zutreffen könnte).

Die „genzentrierte Sicht“ ist auch bei vielen anderen Betrachtungen hilfreich. Ein Gen, dass einen männlichen Körper baut, hat beispielsweise Selektionsvorteile, wenn es, da keine Schwangerschaftskosten bestehen, den Sextrieb des Körpers stärker gestaltet als ein Gen, dass einen weiblichen Körper baut. Im Gegenzug hat ein Gen, das einen weiblichen Körper baut, Selektionsvorteile, wenn es den Körper mit Wünschen nach einem Versorger und gutem Genträger und einem gegenüber dem männlichen Körper zurückhaltenderen Sextrieb baut. Deswegen hat wiederum ein Gen, das einen männlichen Körper baut, ein Interesse daran, das dieser Körper so gebaut ist, dass er ein Interesse daran hat, für weibliche Körper interessante Eigenschaften nachzuweisen. Ein Gen, das Männerkörper baut, die zwar ein gutes Leben führen, aber von weiblichen Genvehikel nicht als attraktiv angesehen werden, hat insoweit ebenfalls einen Selektionsnachteil (der aber evtl. auf anderen Wege, etwa beim Bau weiblicher Genvehikel, ausgeglichen werden kann, wo diese Bauweise dann einen Selektionvorteil bildet).

Die Idee, dass ein Gen „egoistisch“ ist, hat also seinen Ursprung darin, dass ein Gen, dass dazu führt, dass der Körper weitere Genkopien machen kann, die dann weitere Genkopien machen etc. innerhalb der Selektion vorteile hat. Aus unserer Sicht wirkt dies so als würde sich das Gen egoistisch verhalten. Aufgrund unserer Evoltuionsgeschichte sind uns Analogien zu menschlichen Verhalten leicht verständlich. Wir können uns eher vorstellen, dass sich bestimmte Atome „gerne“ an einander binden statt uns die dahinter stehenden Kräfte genau bewußt zu machen. Genauso können wir uns eher vorstellen, dass die Gene Ziele verfolgen, um sich zu verbreiten als auf die bloße ziellose Selektion abzustellen.

Richard Dawkins zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern

Ein interessanter Text in „Das egoistische Gen“:

Suppose we start with two sexes that have none of the particular attributes of males and females. Call them by the neutral names A and B. All we need specify is that every mating has to be between an A and a B. Now, any animal, whether an A or a B, faces a trade-off. Time and effort devoted to fighting with rivals cannot be spent on rearing existing offspring, and vice versa. Any animal can be expected to balance its effort between these rival claims. The point I am about to come to is that the As may settle at a different balance from the Bs and that, once they do, there is likely to be an escalating disparity between them

To see this, suppose that the two sexes, the As and the Bs, differ from one another, right from the start, in whether they can most influence their success by investing in children or by investing in fighting (I’ll use ‚fighting‘ to stand for all kinds of direct competition within one sex). Initially the difference between the sexes can be very slight, since my point will be that there is an inherent tendency for it to grow. Say the As start out with fighting making a greater contribution to their reproductive success than parental behaviour does; the 5s, on the other hand, start out with parental behaviour contributing slightly more than fighting to variation in their reproductive success. This means, for example, that although an A of course benefits from parental care, the difference between a successful carer and an unsuccessful carer among the As is smaller than the difference between a successful fighter and an unsuccessful fighter among the As. Among the Bs, just the reverse is true. So, for a given amount of effort, an A can do itself good by fighting, whereas a B is more likely to do itself good by shifting its effort away from fighting and towards parental care.

In subsequent generations, therefore, the As will fight a bit more than their parents, the 5s will fight a bit less and care a bit more than their parents. Now the difference between the best A and the worst A with respect to fighting will be even greater, the difference between the best A and the worst A with respect to caring will be even less. Therefore an A has even more to gain by putting its effort into fighting, even less to gain by putting its effort into caring. Exactly the opposite will be true of the Bs as the generations go by. The key idea here is that a small initial difference between the sexes can be self-enhancing: selection can start with an initial, slight difference and make it grow larger and larger, until the As become what we now call males, the 5s what we now call females. The initial difference can be small enough to arise at random. After all, the starting conditions of the two sexes are unlikely to be exactly identical

(…) The separation into sperms and eggs is only one aspect of a more basic separation of sexual roles. Instead of treating the sperm-egg separation as primary, and tracing all the characteristic attributes of males and females back to it, we now have an argument that explains the sperm-egg separation and other aspects all in the same way. We have to assume only that there are two sexes who have to mate with each other; we need know nothing more about those sexes. Starting from this minimal assumption, we positively expect that, however equal the two sexes may be at the start, they will diverge into two sexes specializing in opposite and complementary reproductive techniques. The separation between sperms and eggs is a symptom of this more general separation, not the cause of it.

Das die Geschlechter sich unterscheiden ist also eigentlich recht logisch.