Gruppenselektion bzw Multilevel Selektion: Besprechung zweier dazu diskutierter Beispiele

Gruppenselektion oder Multilevelselektion stützt sich immer wieder auf ein paar Beispiele, die aber tatsächlich nicht sehr überzeugend sind.

1. eine Gruppe löscht eine andere aus.

Das eine Beispiel – auch in einem von Elmar verlinkten Video gebracht – ist eine Gruppe A und eine Gruppe B, bei der beide eine bestimmte Selektionen unterlaufen, plötzlich gegeneinander antreten und dann die eine die andere besiegt. Hier wird angeführt, dass dies eine weitere Selektionsebene wäre, eben weil sich eine Gruppe gegen die andere durchgesetzt habe, vielleicht weil sie stärker oder schlicht weil sie mehr waren.

Die Selektionsebene sei hier die Gruppe, denn auch jemand mit „schlechten Genen“ könne in einer starken Gruppe erfolgreich jemand anderen als Teil einer Gruppe verdrängen, der eigentlich „bessere Gene“ hat.

Tatsächlich ist das aus meiner Sicht kein Fall der Gruppenselektion, sondern schlicht natürliche Selektion, die immer einen Anteil von Glück oder Pech hat und nicht beinhaltet, dass „gute Gene“ immer erfolgreich sind.

Würde man dies als eine eigene Form der Selektion anerkennen, dann müsste man auch „Ortsselektion“ anerkennen. Denn wenn eine Gruppe  neben einem Vulkan lebt, der dann ausbricht und die andere Gruppe im weiten Abstand davon, dann überlebt auch der mit „schlechteren Genen“, schlicht weil er sich nicht in der Nähe des Vulkans aufgehalten hat.

Vulkan und größere Stämme sind aus der Sicht der Selektion schlicht Umwelt.

Innerhalb der Gruppe, die überlebt, findet insoweit mit dem Element des Auslöschens des anderen auch keine einheitliche Selektion statt, die besondere Gene innerhalb dieser Gruppe anreichert. Sie reichert sie dann vielleicht in dem bestehenden neuen Terretorium am, dass hat aber nichts mit Selektion zu tun. Die Selektion innerhalb der Gruppe verläuft nach wie vor nach den Regeln über das Gen statt, bleibt also schlicht genzentriert.

2. Selektion durch die Gruppe

 

Wilson führt dazu sein Hühnerbeispiel an:

Wilson beschreibt an einem anderen Beispiel, wie man ein Gehege von 20 Hennen erhält, die in der Summe die meisten Eier legen (Wilson 2007,33f). Früher suchten Züchter die produktivsten Hennen aus einer größeren Gruppe heraus, selektierten wiederholt die Auswahl der ein oder zwei Dutzend besten Legehennen einige Generation lang bis nach einer Reihe von Generationen die besten bestimmt waren. Dies hatte jedoch den unter Züchtern bekannten unliebsamen Effekt, dass die verbleibenden besten Legehennen in der Gruppe keinerlei Konkurrenz duldeten und sich töteten. Die Zusammenhänge hat der Amerikaner William Muir [4] entdeckt: Wenn jeder sein Bestes gibt im Staat, dann ist das nicht zwingend das Beste für alle.

Dazu hatte ich auch schon einmal eine Diskussion mit Roslin geführt, der als Anhänger der Gruppenselektion eben dieses Beispiel brachte:

Im Übrigen gibt es etliche Laborversuche, die Gruppenselektion in ihrer Wirksamkeit belegen, etwa das Hühnerzuchtexperiment von David Muir.

In einer Versuchslinie wählte er immer nur die Henne mit der höchsten Legeleistung aus einem Käfig mit mehreren Hennen aus und machte sie zur Urmutter der nächsten Generation.

In einer parallelen Versuchslinie wählte er alle Hennnen aus dem Käfig mit der höchsten Legeleistung aus.

Nach 6 Generationen war die Käfigselektion erfogreich – Legeleistung um 160 % höher als in der Ausgangspopulation.

Im anderen Fall (Auswahl nur der besten Henne) war die Legeleistung gesunken.

Er hatte einen Käfig voller psychopathischer Chicks vor sich, die sich gegenseitig halb zu Tode pickten und ihr bestes taten, um die Konkurrenz am Eier legen zu hindern.

Er hatte also immer nur die egoistischste Henne ausgewählt, die ihre Mithennen am erfolgreichsten am Eier legen hatte hindern können und deren Persönlichkeitsmerkmale hochgezüchtet mit fatalem Ergebnis.

Meine Antwort dazu war:

Da herrschten ja vollkommen verschiedene Selektionsdrücke.

In der „Gruppengruppe“ wurden die Individuen gefördert, die andere Hühner förderten. Die Interessen des egoistischen Gens waren damit identisch mit dem Legeerfolg der Gruppe. Denn das ein Huhn weniger legt als eine hochmotiverte Gruppe sollte klar sein

In der „Egoistengruppe“ war es nicht nur das Interesse des Huhn möglichst viele Eier zu legen, sondern auch noch die anderen daran zu hindern, damit es weitergeht. Demnach bestand ein Selektionsdruck dahingehend seine Legeleistung zur Verbreitung der eigenen Gene zu erhöhen und die der anderen Abzusenken.

Demnach sagen egoistische Gene genau dieses Ergebnis voraus.

Und auch übertragen auf Wilsons Beispiel ist es kein Nachweis dafür, dass eine über das egoistische Gen hinausgehende Selektion in der Gruppe stattfindet, es ist vielmehr ein Beispiel dafür, dass das Abstellen auf nur ein Zuchtkriterium schnell unangenehme Nebenfolgen haben kann, wenn man die Begleitfaktoren nicht bedenkt.

Das ist auch etwas, was im Sozialdarwinismus gerne falsch verstanden wird. Dort soll ja auch eine Form der Gruppenselektion stattfinden, „die Arier“ etwa gegen „die Untermenschen“.

Ich schrieb dazu bereits:

Zuallererst ist der Sozialdarwinismus ein naturalistischer Fehlschluß. Weil in der Biologie eine Selektion erfolgt, ist sie nicht gut und hieraus ergibt sich insbesondere auch kein Grund, sie auf andere Lebensbereiche zu übertragen.

Des weiteren geht der Sozialdarwinismus unzutreffenderweise davon aus, dass es eine „Höherentwicklung“ gibt, dass also die Evolution ein Ziel hat, welches man erreichen muss.

Es wird zudem verkannt, dass es in der Evolution nicht auf eine Auslese der Besten ankommt, sondern um eine Anpassung an Gegebenheiten. Eine Evolution stellt zwar häufig einen Wettbewerb dar, dieser kann aber auch dazu führen, dass sich soziale Wesen entwickeln, die dann eben den anderen helfen.

Zudem wird nicht erkannt, dass Evolution als Ansatzpunkt nicht das Individuum oder das Volk hat, sondern Gene, die untereinander darum konkurrieren, wer sich die besseren Fortpflanzungsmaschinen baut. Nicht wer überlebt „gewinnt“ in der Evolution, sondern wessen Gene sich im Genpool anreichern.

Es stimmen zudem zumeist die Kriterien für eine echte „Bestenauslese“ nicht. Wer tatsächlich auf bestimmte Gene selektieren will, der muss die Startbedingungen mit einbeziehen und schauen, ob Erfolge aus eigener Kraft erreicht worden sind. Eine echte sozialdarwinistische Selektion würde kaum vor Familien, Völkern oder Ständen halt machen und ein Aussortieren über all diese Ebenen hinweg verlangen.

Zudem wird übersehen, dass der Genpool unter verschiedensten Gesichtspunkten Vorteile bringen kann. Eine Fixierung auf eine Eigenschaft kann dazu führen, dass andere Eigenschaften, die eigentlich gewünscht und benötigt werden, verschwinden. Wer auf Wettbewerb selektiert, der läßt eben auch gleichzeitig viele soziale Eigenschaften wie Altruismus etc verschwinden.

Wer etwa nur die besten Soldaten zur „Zucht“ benutzt, der erhält vielleicht das Äquivalent der herausgepickten Hühner: Psychopathen, die wenig Skrupel haben zu töten, aber Einzelgänger sind. Und wer  nur auf „blaue Augen, blonde Haare“ geht, der kann andere negative Eigenschaften mitschleifen, die er eigentlich gar nicht wollte.

 

 

„Das egoistische Gen“ vs „Gruppenselektion“

Zu dem Thema „egoistisches Gen“ als Metapher dafür, dass bei der Selektion nicht auf die Gruppe abzustellen ist, sondern immer darauf, dass ein bestimmtes Gen selektiert werden muss, habe ich bereits einiges geschrieben, es wird aber immer wieder kritisch diskutiert. Daher noch einmal etwas dazu. Die bisherigen Artikel:

Ein passender Wikipediaartikel dazu wäre:

Ich halte das Konzept der genzentrischen Selektion für einen der absolut wichtigsten Grundsätze, die man verstehen muss, wenn man evolutionäre Biologie verstehen will:

  • In die nächste Generation weitergeben werden nur unsere Gene.
  • Veränderungen (=Mutationen) erfolgen nicht über eine Spezies, sondern immer nur über einzelne Gene.
  • Gene, die dem Träger Nachteile bringen, aber der Gruppe Vorteile. werden damit nicht selektiert
  • Wann immer etwas nur der Gruppe einen Vorteil bringt, werden gleichzeitig auch Mutationen darauf selektiert, dass man die Vorteile mitnimmt, aber die Nachteile nicht trägt.

Das zweite, was man verstehen muss, ist, dass Evolution keinen Plan haben kann. Sie kann nicht darauf schauen, was für die Spezies insgesamt gut ist und dann bestimmte Gene „fördern“, die der Gruppe bzw der Spezies helfen. Alle Erwägungen, die darauf abstellen, dass damit die Spezies an sich doch besser gestellt wäre, können sich nur evolutionär auswirken, wenn sie zumindest gleichzeitig einen Vorteil, der größer ist als die Kosten, für die Anreicherung der Gene des Einzelwesens haben. Zudem darf es auch keinen noch größeren Vorteil bringen, dass System dahingehend auszunutzen, dass man die eigenen Gene noch stärker weitergibt.

Meist ist damit eine „Gruppenselektion“ nur möglich, wenn sie über eine Verwandtenselektion läuft. Einzelwesen Gruppen mit einer relativ hohen Verwandtschaft können durch die Förderung und den Schutz von Gruppenmitgliedern Kopien ihrer Gene schützen, so dass diese sich anreichern können.

Mich würde hier einfach mal der Meinungsstand interessieren:

Ich würde mich freuen, wenn ihr in den Kommentaren dazu ein paar Angaben machen könntet:

  • Wie habt ihr abgestimmt
  • Habt ihr Bücher wie zB „Das egoistische Gen“ gelesen?
  • Wenn ihr zustimmt: Was überzeugt euch?“
  • Wenn ihr unsicher seid oder dagegen seid: Was erscheint euch nicht logisch/Welche Theorie findet ihr besser?

Richard Dawkins und Steven Rose

Zu Steven Rose und seiner Kritik an Dawkins:

Steven Rose seems to have a rather different worry about neo-Darwinism. The main message discernible through his polemic is that thinkers like Dawkins fail to appreciate the complexity of biological processes. Rose, a biochemist who works on memory, describes some of the intricate chemical arrangements by which strings of DNA influence the development of adult organisms. In particular, he gives us an idea of the elaborate feedback mechanisms that allow our bodies to develop and maintain stable structures.

Much of this is of interest in its own right, but it is hard to see why Rose thinks it amounts to an objection to neo-Darwinism. It is scarcely as if his opponents deny that genes work through complicated mechanisms. The reason they skip the chemical details is simply that they don’t think they are crucial to our understanding of natural selection. You don’t need to know about gasoline molecules to be a good car mechanic. Rose seems to be missing his target. It is one thing to argue, as Gould does, that neo-Darwinism fails in its ambitions. But Rose is pointing to ambitions his opponents never had.

A rather different reason for caring about biochemical complexity emerges in his penultimate chapter, where Rose takes issue with public announcements that scientists have now identified the gene “for“ criminality, or homosexuality, or alcoholism, or what you will. He is rightly outraged by the moronic political thinking that normally accompanies these declarations. He knows that the influence of DNA chemistry is far too fragile and environmentally mediated for any simple gene-character determinism. However, this point again misses his ostensible opponents. While there are too many vulgar sociobiologists ready to hold forth about “criminal genes“ and so on, it is striking that no leading neo-Darwinian theorist is quoted by Rose as doing so. This is no accident. Dawkins and his associates are not genetic determinists, nor does their theory require that they be. But the fervor of Rose’s political commitments makes him impatient with such nice distinctions. “Genes bad, environment good“ seems to be the slogan, and anybody who thinks that genes matter to evolution is lumped together with Nazi eugenicists.

Perhaps there is another reason for Rose’s antipathy to the neo-Darwinians. Theoretical biologists sometimes seem to be divided by esthetic considerations as much as scientific ones. Where purists like Dawkins thrill to the cold logic of mathematical rigor, pluralists like Gould get their pleasures from the tangled bank of biological diversity. I suspect this is why the debate often seems so intangible. They aren’t arguing about the facts, but about which is more fun — the ingenious equations of population genetics or the curious contrivances of the flamingo’s beak and the panda’s thumb. Given this, it is not surprising that the two sides can’t agree. Who is to say if there is more value in the lucidity of mathematics or in the variety of nature?

Even though he earns his living as a hard scientist, Rose is clearly not someone who is inspired by mathematical lucidity. Halfway through the book he explains, in presumed sympathy with his readers, that he is among those who “hate equations and find these algebraic representations hard to follow.“ A number of other comments confirm his aversion to mathematical science. High school students may well be puzzled by his claim that it has only recently become possible to model mathematically “what might be happening when several variables alter at the same time,“ or by his assertion, three pages later, that “today both heat and light are seen as forms of electromagnetic radiation.“

In the end it may be this impatience with mathematical abstraction, rather than his political commitments, that explains Rose’s antagonism to the neo-Darwinians. He repeatedly starts off toward some technical issue, only to veer away as the crucial point looms near, as if it would be improper to allow mathematical niceties to cloud our judgment. Some readers may sympathize. But those who find pleasure in mathematical clarity as well as in biological oddity are likely to find this a frustrating book. If you want to find out about the logic of modern Darwinian theory, you will do better to look elsewhere.

Und zu seinem Buch „Darwins gefährliche Erben

Als der Abt Gregor Mendel seine revolutionären Kreuzungsexperimente machte, hatte er wohl nur eines im Sinn: die Evolutionstheorie zu widerlegen. Die Grundeinheiten der Vererbung, auf die er dann stieß, hielt er fälschlich für unveränderliche Teilchen, von denen jedes für die Ausprägung eines einzigen Merkmals zuständig sein sollte.

Heute gibt es Biologen, die alles auf das Wirken bestimmter Gene zurückführen – von Gewalttätigkeit und Drogensucht bis hin zu Homosexualität und politische Gesinnung. Der englische Neurobiologe Steven Rose macht hierfür eine Ideologie des Reduktionismus und Ultra-Darwinismus verantwortlich. Für ihren rigorosesten Verfechter hält er Richard Dawkins: „Johannes der Täufer der Soziobiologie“.

In Dawkins‘ Soziobiologie dreht sich alles um das isolierte, „ egoistische“ Gen: der Organismus als Überlebensmaschine, die dazu dient, die Reproduktion der Gene zu gewährleisten. In allem, was er ist und tut, zeigt sich, daß er der Diktatur der Gene unterworfen ist.

Für Steven Rose hingegen ist nicht das Gen, sondern der Organismus die elementare Einheit des Lebens. Und für den Organismus ist charakteristisch, daß er permanent auf seine Umgebung einwirkt, sich dadurch selbst formt und verändert. Dabei lassen ihm seine Gene durchaus einen Freiheitsspielraum. Den gesteht Dawkins nur dem Menschen zu. Er beruft sich dabei auf eine Metaphysik des freien Willens, die jedoch nach Auffassung von Rose in der Biologie nichts zu suchen hat.

Hier wird eigentlich schön deutlich, dass er gar nicht versteht, warum das egoistische Gen so elementar ist: Einwirkung auf die Umwelt durch den Organismus ist bei evolutionärer Betrachtung unwesentlich, weil diese Informationen nicht langfristig an die nächsten Generationen weitergegeben werden, weitergegeben werden eben nur die Gene. Allenfalls wird die Veranlagung auf die Umwelt weiterzugeben, soweit sie auf Genen beruht, in die nächsten Generationen übertragen. Die Idee des egoistischen Gens ist eigentlich recht einfach zu verstehen, scheint aber für einige Leute schlicht nicht ins Weltbild zu passen. Sie verschließen sich damit selbst dem Verständnis dieses Konzepts. Notgedrungen muss ihre Kritik daran entsprechend schwach ausfallen.

Evolutionäre Theoriewoche: Das egoistische Gen (1. Tag)

Dieser Beitrag ist Teil der evolutionären Theoriewoche

Das heutige Thema ist

Das egoistische Gen

Dabei handelt es sich um eine der von Kritikern wohl am häufigsten falsch verstandenen Theorien, die nicht eine Selektion auf Egoismus beinhaltet, sondern die Weitergabe von Genen in den Mittelpunkt setzt.

Dazu aus einem Artikel:

  • Evolution erfolgt über Mutation von Genen und deren Selektion
  • Eine Mutation, die nicht über Fortpflanzung weitergegeben wird, kann sich evolutionär nicht auswirken.
  • Jede Veränderung einer Spezies kann nur über die Veränderung von Einzelwesen dieser Spezies erfolgen und nur von Generation zu Generation, eine Spezies an sich kann sich nicht verändern bzw. nur als Summe der Änderungen innerhalb der Einzelwesen von Generation zu Generation
  • eine Gruppenselektion findet nicht statt. Ein Gen kann langfristig nur selektiert werden, wenn es dem Einzelwesen Vorteile bringt (“egoistisches Gen”), Vorteile für das einzelne Wesen können allerdings auch Vorteile der Gruppe sein, wenn diese auf das Einzelwesen zurückschlagen und diesem mehr bringen als sie das Einzelwesen kosten. Ansonsten droht eine Freeriderproblematik, da sich deren Gene durchsetzen.

Und aus der Wikipedia:

Dawkins geht von der Überlegung aus, dass in der Evolutionsforschung eine Zeit lang Arten als Einheit der Selektion angesehen wurden (Arterhaltung). So heißt es in älteren Dokumentationen oft: Tiere „opfern sich zum Wohl der Art“. Inzwischen geht die allgemeine Tendenz jedoch eher in die Richtung, einzelne Individuen und ihre Konkurrenz um Ressourcen in den Vordergrund zu stellen. Dawkins denkt diesen Ansatz radikal weiter: Warum sollten nicht die Genabschnitte einzelner Chromosomen selbst mit den gleichen Genabschnitten anderer Chromosomen miteinander „im Wettstreit stehen“? Denn zumindest Lebewesen, die sich sexuell vermehren, können ja nicht als ganze Individuen in die nächste Generation weitergegeben werden, sondern nur eine mehr oder weniger willkürliche Auswahl ihrer Gene. Insofern besteht eine Konkurrenz der Gene um ihre Verteilung in der nächsten Generation, an den jeweils entsprechenden Stellen im Chromosomensatz.

Besonders allele Gene stehen in direkter Konkurrenz, also solche, die an der gleichen Stelle im Genom sitzen können und die gleiche Aufgabe erfüllen, sich aber darin voneinander unterscheiden können, wie sie diese Aufgabe erfüllen. Gene müssen deshalb immer „egoistisch“ sein, das heißt in diesem Zusammenhang ihre Verbreitung auf Kosten von anderen Genen vergrößern (wobei der „Egoismus“ der Gene sich freilich nur als anschauliches Bild versteht – Gene haben weder Gefühle noch Absichten). Es lässt sich nur auf die Vergangenheit schauend erklären: Ist ein Allel heute noch vorhanden, folgt daraus, dass es sich egoistisch (hier im Sinne von darwinistisch evolutionär) gegen andere durchgesetzt hat. Andere Allele, mögen sie noch so funktionell für ihre Träger gewesen sein, sind unterlegen und verschwunden – entweder aufgrund ihrer eigenen evolutionären Unterlegenheit oder jener der sie begleitenden Allele.

Wer nicht versteht, dass die Weitergabe und die Selektion bestimmter Gene der entscheidende Punkt innerhalb der Evolutionsbiologie ist, der hat die gesamte Theorie aus meiner Sicht nicht verstanden. Deswegen sollen diese Theorien den Anfangspunkt bilden.

Mit „Genmathematik“ meine ich eben genau dieses Abstellen auf das Gen und den Verweis darauf, dass sich etwas durchsetzt, wenn dadurch die dafür verantwortlichen Gene zahlreicher werden. Das spielt insbesondere bei Verwandtenselektion aber auch bei Konzepten wie „Vaterschaftssicherheit“ für das Verständnis eine Rolle.

Robert Trivers zur Selbsttäuschung

LoMi hatte neulich etwas über „Selbstbestimmung vs. Biologismus“ geschrieben:

Das Unbehagen an solchen Theorien rührt daher, dass Experten sich anmaßen, alles über mich, meine Motive und mein Handeln zu wissen. Sie meinen es sogar besser zu wissen als ich. Wenn ich mich anders beschreibe, gilt das aus Sicht der Evolutionisten und Ökonomisten als “Rationalisierung” und “Selbstbetrug”. Man will mir also einreden, dass ich generell mich über meine Absichten täusche. Prinzipiell gehört es zu unserer Kultur, anzunehmen, dass man Selbsttäuschungen erlegen ist. Aber niemand würde behaupten, dass er sich in allem täuscht. Jeder nimmt letztlich für sich in Anspruch, doch auch einen authentischen Kern zu besitzen und sich selbst angemessen beschreiben zu können. Auch verteidigt letztlich Jeder seine eigene Selbstbeschreibung gegen Fremdbeschreibungen.

Zeitgleich habe ich in einem Buch einige interessante Passagen dazu gelesen, dass eine Evolution dahin, dass man aus anderen Gründen handelt als man es wahrnimmt, durchaus wahrscheinlich ist.

Eine Passage aus der Wikipedia zur Selbsttäuschung gibt das grundsätzliche dazu wieder:

Trivers‘ theory of self-deception
It has been theorized that humans are susceptible to self-deception because most people have emotional attachments to beliefs, which in some cases may be irrational. Some evolutionary biologists, such as Robert Trivers, have suggested[7] that deception plays a significant part in human behavior, and in animal behavior, more generally speaking. One deceives oneself to trust something that is not true as to better convince others of that truth. When a person convinces themself of this untrue thing, they better mask the signs of deception.

This notion is based on the following logic: deception is a fundamental aspect of communication in nature, both between and within species. It has evolved so that one can have an advantage over another. From alarm calls to mimicry, animals use deception to further their survival. Those who are better able to perceive deception are more likely to survive. As a result, self-deception evolved to better mask deception from those who perceive it well, as Trivers puts it: „Hiding the truth from yourself to hide it more deeply from others.“ In humans, awareness of the fact that one is acting deceptively often leads to tell-tale signs of deception, such as nostrils flaring, clammy skin, quality and tone of voice, eye movement, or excessive blinking. Therefore, if self-deception enables someone to believe her or his own distortions, they will not present such signs of deception and will therefore appear to be telling the truth.

Self-deception can be used both to act greater or lesser than one actually is. For example, one can act overconfident to attract a mate or act under-confident to avoid a predator or threat. If a person is capable of concealing their true feelings and intentions well, then they are more likely to successfully deceive others.

It may also be argued that the ability to deceive, or self-deceive, is not the selected trait but a by-product of a more primary trait called abstract thinking. Abstract thinking allows many evolutionary advantages such as more flexible, adaptive behaviors and innovation. Since a lie is an abstraction, the mental process of creating a lie can only occur in animals with enough brain complexity to permit abstract thinking.[citation needed] Self-deception lowers cognitive cost; that is to say, it is less complicated for one to behave or think in a certain manner that implies something is true, if one has convinced oneself that that very thing is indeed true. The mind will not have to think constantly of the true thing and then the false thing, but simply convince itself that the false thing is true.

 

Der Grundgedanke ist, dass bestimmte Handlungen aus bestimmten Gründen vorteilhaft sein können, es aber besser sein kann, wenn die Leute meinen, dass man nicht aus diesen Gründen, sondern aus „moralisch besseren“ Gründen handelt. Oder das es günstiger sein kann, sich zB für etwas besser zu halten als man ist, damit man auch etwas mehr versucht. Andere Beispiele sind etwa der Umstand, dass wir Versagen in einem Bereich gerne auf Pech zurückführen, Erfolg aber auf unsere Leistung (und bei Gegnern umgekehrt). Wir schützen insofern unser Ego.

Es ist zum Beispiel  günstiger, wenn jemand einfach davon ausgeht, dass man ihn als Freund mag und eine Bindung zu ihm aufgebaut hat als wenn die unterbewußte Kalkulation des gegenseitigen Gebens und Nehmens im Sinne eines reziproken Altruismus und die potentielle Nützlichkeit als Verbündeter offen dargelegt würde und das ganze als ein reines Geschäft erscheinen lässt, dass man abbricht, wenn es ungünstig ist. Tatsächlich führen wir aber durchaus Buch auf eine gewisse Weise uns sind beleidigt, wenn der andere zu wenig gibt, etwa wenn sich ein Freund davor drückt einem beim Umzug zu helfen, obwohl man dies und jenes für ihn gemacht hat.

Es ist hier noch einmal wichtig, sich bewußt zu machen, dass unser Gehirn nicht per se darauf optimiert ist, logisch, ehrlich und frei zu sein. Es ist – nach dem Prinzip der egoistischen Gene – das Produkt eines Selektionsvorganges, in dem die Gene übriggeblieben sind, die mittels des Baus von Körpern als Genvehikel für eine Anreicherung von Kopien ihrer selbst im Genpool gesorgt haben. Es gibt keinen darüber hinausgehenden Sinn und auch kein Ziel der Evolution oder ein Bestreben eine höhere Entwicklungsstufe der Freiheit zu erreichen.

Wenn eine höhere Selbsterkenntnis oder ein freierer Wille dazu führt, dass die Gene, auf denen diese Fähigkeiten beruhen, seltener weitergegeben werden, dann verschwindet mit den Genen auch diese Fähigkeit aus dem Genpool bzw. fasst dort erst gar nicht Fuß.

Die Fähigkeit, selbst etwas zu glauben und sich damit nach außen gut darzustellen, während man unterbewußt nach anderen Kritierien arbeitet, kann dabei durchaus einen evolutionären Vorteil bieten.

Selbsttäuschung ist also insbesondere in den Bereichen zu erwarten, wo eine Interaktion stattfindet, bei der egoistische Motive Nachteilhaft für den anderen sind und diesen damit abschrecken könnten, hingegen ein positiveres Bild von einem selbst diesen verleiten könnten, eher mit einem zu Interagieren.

Ein Gebiet, indem diese eine große Rolle spielen kann, ist auch die Partnerwahl. Denn hier besteht ein potentielles Prisoners Dilemma, in dem beide Geschlechter darauf angewiesen sind, dass der andere kooperativ spielt und nicht einfach nur seinen eigenen Vorteil wahrnimmt. Beispielsweise muss die Frau befürchten, dass er sie schwängert und dann verläßt, der Mann muss befürchten, dass sie ihn nur als Versorger will, und sich evtl Genmaterial bei einem anderen holt. Beide müssen also befürchten, dass der andere eine Langzeitstrategie vortäuscht und eine Kurzzeitstrategie fährt. Weswegen sich vielleicht Männer teilweise nicht bewusst sind, wie leicht sie mit Sex zu ködern sind, weil sie es mit Liebe verwechseln und Frauen sich nicht bewußt sind, wie stark sie auf Status und Ressourcen anspringen können, sondern eher davon ausgehen, dass diese Kriterien für sie gar nicht interessant sind.  Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Dämonisierung des männlichen Sexualtriebs und das auf ein Podeststellen der Frau aus nichtsexuellen Gründen so einfach ist: Es passt gut zu der Selbsttäuschung, dass wir „mehr“ wollen, dass wir die guten sind, weil wir nicht nur Sex wollen. Dass wir Frauen aus noblen Gründen helfen und sie unterstützen und beschützen wollen, und nicht, weil wir bei ihnen landen wollen.

 

Nochmal zum egoistischen Gen

Djadmoros schreibt in einem Kommentar:

Der von Christian favorisierte evolutionspsychologische Ansatz mit seiner starken, »dawkinsschen« Betonung des »egoistischen Gens« ist ja auch nicht das einzige Modell einer verallgemeinerten Evolutionstheorie, das zur Debatte steht, und einen biologischen Reduktionismus wird auch eine Soziologie, die für biologisch-anthropologische Forschungen aufgeschlossen ist, zu Recht nicht mitmachen.

Die „starke Betonung des egoistischen Gens“ ist gegenwärtig – abgesehen von einigen wenigen, die Gruppenselektion als Theorie diskutieren – aus meiner Sicht in der Evolutionstheorie absolut vorherrschend. Und das mit gutem Grund. Ich würde soweit gehen zu sagen, dass jemand, der nicht versteht, warum das „egoistische Gen“ so wichtig ist, die Evolutionstheorie schlicht nicht verstanden hat.

ich füge hier noch einmal einen Text aus der Wikipedia ein:

Dawkins geht von der Überlegung aus, dass in der Evolutionsforschung eine Zeit lang Arten als Einheit der Selektion angesehen wurden (Arterhaltung). So heißt es in älteren Dokumentationen oft: Tiere „opfern sich zum Wohl der Art“. Inzwischen geht die allgemeine Tendenz jedoch eher in die Richtung, einzelne Individuen und ihre Konkurrenz um Ressourcen in den Vordergrund zu stellen. Dawkins denkt diesen Ansatz radikal weiter: Warum sollten nicht die Genabschnitte einzelner Chromosomen selbst mit den gleichen Genabschnitten anderer Chromosomen miteinander „im Wettstreit stehen“? Denn zumindest Lebewesen, die sich sexuell vermehren, können ja nicht als ganze Individuen in die nächste Generation weitergegeben werden, sondern nur eine mehr oder weniger willkürliche Auswahl ihrer Gene. Insofern besteht eine Konkurrenz der Gene um ihre Verteilung in der nächsten Generation, an den jeweils entsprechenden Stellen im Chromosomensatz.

Besonders allele Gene stehen in direkter Konkurrenz, also solche, die an der gleichen Stelle im Genom sitzen können und die gleiche Aufgabe erfüllen, sich aber darin voneinander unterscheiden können, wie sie diese Aufgabe erfüllen. Gene müssen deshalb immer „egoistisch“ sein, das heißt in diesem Zusammenhang ihre Verbreitung auf Kosten von anderen Genen vergrößern (wobei der „Egoismus“ der Gene sich freilich nur als anschauliches Bild versteht – Gene haben weder Gefühle noch Absichten). Es lässt sich nur auf die Vergangenheit schauend erklären: Ist ein Allel heute noch vorhanden, folgt daraus, dass es sich egoistisch (hier im Sinne von darwinistisch evolutionär) gegen andere durchgesetzt hat. Andere Allele, mögen sie noch so funktionell für ihre Träger gewesen sein, sind unterlegen und verschwunden – entweder aufgrund ihrer eigenen evolutionären Unterlegenheit oder jener der sie begleitenden Allele.

Meine Ausführungen dazu finden sich hier.

Nur mit dem Verständnis, dass das Gen das wichtige Element ist, und das die Gene im Genpool bleiben, deren Auswirkungen dazu beitragen, dass möglichst viele weitere Kopien des Gens im Genpool bleiben, kann man die Gedanken der Evolutionstheorie nachvollziehen. Nur so erklären sich Verwandtenselektion und viele andere Vorgänge, die vielleicht sogar schädlich für einen der Genträger sind (zB Warnrufe beim Auftauchen von Fressfeinden). Nur so wird einem auch deutlich, dass so etwas wie das „Glück“ der Person oder sein Überleben nur eine sehr untergeordnete Rolle als Wert an sich spielen.

„Zum „biologischen Reduktionismus“: Wer die besseren Argumente hat wird sich eben durchsetzen. Ob eine Forschungsrichtung das dann mitmachen möchte sagt über die diesbezüglichen Wahrheiten der Theorie wenig aus. Bisher können die biologischen Theorien denke ich vieles am menschlichen Verhalten gerade in Kombination mit Spieletheorie am besten erklären – nicht einzelne Handlungen oder Personen in der Geschichte, aber menschliches Verhalten an sich.

„Beim Theoretisieren auf der Grundlage evolutionsbiologischen Halbwissens kann man alles “beweisen”“

Bei Achdomina gab es gestern einen längern Artikel zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Danish. Dort war auch eine kurze Abhandlung zu evolutionären Erklärungen vorhanden, die ich kurz besprechen möchte

Das Hauptproblem mit dem Theoretisieren auf der Grundlage evolutionsbiologischen Halbwissens, das im Gefolge von Richard Dawkins populär geworden ist, besteht darin, dass man damit alles “beweisen” kann. Natürlich ist es richtig, dass Organismen letztendlich einfach aufs Überleben ausgerichtet sind, weil Organismen, die das nicht sind, eben langfristig nicht überleben.

Organismen sind nicht auf das Überleben ausgerichtet, sondern auf langfristige Fortpflanzung, also Weitergabe ihrer Gene in möglichst viele Nachfolgegenerationen. Überleben ist dabei nur insoweit interessant, wie es der Umsetzung dieser Fortpflanzung dient. Diese genzentrische Betrachtung klingt nach einem kleinen Unterschied, ist aber tatsächlich sehr bedeutsam

Wenn das aber das einzige ist, was man an empirischem Wissen berücksichtigt, kann man sich damit alles zusammenspinnen.

Es gibt schon gewisse Einschränkungen, welche Adaptionen (1, 2) wie erfolgen können. Zudem kann man auch einiges spieltheoretisch ausschließen. Hier habe ich auch noch einen Text zur Kritik an evolutionärer Psychologie.

Man kann zum Beispiel sagen, Vergewaltigung ist evolutionär sinnvoll (habe mal irgendwo gelesen, dass jemand das behauptet), weil damit die Männer eine möglichst große Streuung ihrer Gene erreichen. Man kann aber auch sagen, Vergewaltigung ist evolutionär schädlich, weil sie die Frau traumatisiert, die dadurch außerdem ein gestörtes Verhältnis zum Kind entwickelt, das dadurch wiederum nicht zu voller Stärke heranwachsen kann, oder auch weil durch Vergewaltigung Feindschaften entstehen, die den Gruppenzusammenhalt bedrohen.

Hier zeigt sich auch der Vorteil bzw. die höhere Genauigkeit der genzentrierten Betrachtung: Es kann für die Weitergabe von Genen vollkommen aus Sicht der Gene, die in einem Männerkörper landen, egal sein, ob die Frau traumatisiert wird oder das Kind nicht zur vollen Stärke heranwächst. Solange ein Kind heranwächst, welches sich potentiell fortpflanzen kann und dies zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit macht (zur Not über Vergewaltigung) kann es eine erfolgreiche Strategie sein. Ein Gen kann dabei immer nur Auswirkungen auf den jeweiligen Körper haben und Vorteile müssen bei diesem oder dessen Verwandten eintreten. Ob eine nichtverwandte Frau vergewaltigt wird spielt insofern genetisch für die Frage ob sich eigene Gene, die so etwas begünstigen, durchsetzen schlicht keine Rolle. Es würde reichen, wenn eine Vergewaltigung der eigenen nahen Verwandten ausgeschlossen ist. Die Folgekosten, etwa Bestrafung durch andere oder Feindschaften sind entsprechend zu kalkulieren, wenn sie sich auf die eigenen zukünftigen Fortpflanzungseigenschaften auch in Hinblick darauf, wie man zB im Falle eines Weiterlebens Verwandte hätte unterstützen können, zu berücksichtigen und es ist eine Gesamt-Kosten-Nutzen-Rechnung bezüglich der Weitergabe eigener Gene (über einen selbst oder Verwandte) vorzunehmen. Im Gegenzug können (und das auch im gleichen Genom für den Fall, dass die Gene in einem Frauenkörper landen) Abwehrmaßnahmen entwickelt werden: Etwa verstärkte Vorsicht, Gruppenzusammenhalt, Vergewaltigungsangst, aber auch schlicht eine erhöhte Feuchtigkeitsprodkution bei irgendwie gearteten sexuellen Situationen zur Vermeidung und Reduzierung von Verletzungen. Dann kann das ganze eben noch situationsbedingt modifiziert sein, biologische Regeln müssen nicht einfach sein. Etwa kann eine Regel entstehen, nach der man, wenn man sich im feindlichen Kriegsgebiet befindet und droht in einem Kampf zu sterben, eher bereit ist zu vergewaltigen, weil es die letzte Chance sein kann und die Gefahr von Rache bei einer Frau des Feindes eh nicht wesentlich erhöht wird, wenn der einen eh schon töten will. Man kann also nicht einfach in eine oder die andere Richtung diskutieren, sondern man muss schlicht alle Richtungen betrachten und dies teilweise für die Geschlechter  und Situationen getrennt.

Natürlich kann man sich dann über die evolutionär entstehenden Kosten streiten, die jeweils zu erwarten sind und vielleicht sind hier bei der Vergewaltigung zu viele ungewisse Parameter vorhanden, um eine klare Zuordnung vornehmen zu können. Das ist dann bei zB Vaterunsicherheit schon wieder etwas anderes: Die Regel, dass sich Investitionen in Kinder nur lohnen, wenn die Vatersicherheit hoch ist (sofern man damit nicht schlichte Brautwerbung betreibt) führt dazu, dass Völker mit geringer Vatersicherheit üblicherweise auch eine geringe Investition in spezielle Kinder haben, sofern dies nicht eigentlich der Bindung der Mutter dient, sondern dann eher in die Kinder der Schwester. Hier kann man mit recht simpler Genmathematik und Spieltheorie bestimmen, inwieweit sich der Einsatz lohnt.

Man kann sagen, es ist evolutionär sinnvoll, wenn Sippen erst mal alle Früchte probieren, so dass zwar einige an den giftigen Früchten sterben, dafür aber die Gruppe über alle Früchte bescheid weiß und somit ihre Ernährungsmöglichkeiten maximiert, oder, es ist evolutionär sinnvoll, wenn Sippen bei dem bleiben, was sie kennen, weil alles andere unwägbare Gefahren bedeutet.

Da regt die Gruppenselektion wieder ihr in der Laeinvorstellung zur Selektion immer wieder nachwachsendes Haupt. Die Gene der Gruppe können – abgesehen von Gruppen hoher Verwandschaft dem einzelnen Genvehikel relativ egal sein. Eine Selektion darauf, dass man innerhalb der Gruppe eher die ungefährlichen Beeren probiert oder andere probieren lässt würde solchen Gruppenprozessen schnell den Garaus machen. Wenn dann müsste ein Selektionsvorgang stattgefunden haben, der es für den Einzelnen, nicht die Gruppe, sinnvoll macht, der Vorkoster zu sein. Etwa wenn er hierfür mit Status (und damit verbesserten Fortpflanzungsmöglichkeiten) größere Anteile an den Beeren, die das Risiko aufwiegen oder anderen Vorteilen belohnt wird. Um so höher die Wahrscheinlichkeit giftiger Beeren ist, um so schneller würde eine Selektion verlaufen, zusammen mit einer Selektion darauf, nichtgiftige Beeren zu erkennen und diese heldenmutig für die Gruppe zu testen.

Man kann sagen, feste Paarbindungen sind evolutionär sinnvoll, weil sie ständige Konkurrenzkämpfe um die Weibchen vermeiden und eine kontinuierliche Versorgung des Nachwuchses sicherstellen, oder man kann sagen, feste Paarbindungen sind evolutionär schädlich, weil sie einer möglichst breiten Durchmischung der Gene entgegenstehen.

Allerdings muss man eben nicht einfach nur evolutionäre Vorteile in den Raum werfen. Man kann beispielsweise bei der Paarbindung auch darauf verweisen, dass es eine umfangreiche Bindungschemie gibt, die zwangsläufig zu einer Bindung führt. Man kann ergänzend die Besonderheiten im Paarungsverhalten der Menschen und der dabei anfallenden Kosten berücksichtigen: Außergewöhnlich unselbständige Babys, die sehr unfertig geboren werden und auf sehr viel Pflege angewiesen sind, dadurch hohe Kosten, dadurch ein Interesse an Kostenbeteiligung oder guten Genen. Dazu eine verdeckte Ovulation, die die Möglichkeiten einschränkt den Partner nur an einigen wenigen Tagen zu überwachen. Hinzu kommt, dass die Kinder auch sehr langsam aufwachsen und das üblicherweise bedeutet, dass Qualität vor Quantität geht, sich also eine Förderung besonders lohnen kann. Hinzu kommt die Möglichkeit innerhalb der Gruppe Status aufzubauen und diese an seine Kinder weitergeben zu können. Auch hier gilt aber, dass man beide Seiten durchdenken muss, eben Kurzzeitstrategie und Langzeitstrategie, diese stehen nicht gegeneinander, sondern nebeneinander. Je nach Situation und Geschlecht kann sowohl Paarbindung als auch Sex ohne Bindung eine gute Strategie sein. Welche Bedingungen das sind kann man beispielsweise in der Sexual Strategies Theory nachlesen

So kann sich jeder seine Lieblingstheorie zusammenschnitzen. Aber das ist alles fiktiv, solange man nicht irgendwie Informationen darüber heranschafft, wie es denn nun wirklich war, statt sich mit den eigenen Fantasien darüber zu begnügen, wie es gewesen sein könnte.

ich bleibe dabei, dass es schwieriger ist, als man denkt, sich eine stimmige evolutionäre Theorie – also Benennung des Selektionsdrucks und dessen Folge – auszudenken. „Frauen tragen Handtaschen, weil Evolution“ ist keine evolutionäre Theorie, sondern schlicht eine Behauptung. Man müsste schon einen Selektionsdruck genannt haben, der zu einer bestimmten Entwicklung führt, die heutige Frauen dazu veranlasst, dass sie heute eher Handtaschen tragen als Männer.

Das Erkennen von Häufungen und Mustern und die Unterscheidung der Gruppe von einem Selbst

Eine wichtige Fähigkeit aus evolutionärer Sicht ist das Erkennen von Mustern und Systemen. Zum einen erleichtert das Einordnen in ein System und das Erkennen von Mustern ein besseres Verständnis, zum anderen reduziert dies auch die Rechenleistung des Gehirns erheblich.

Es verwundert daher nicht, dass unserer Gehirn recht gut darin ist Muster zu erkennen und entsprechende Einordnungen vorzunehmen. Das Erkennen von Mustern ist dabei auch im menschlichen Verhalten wichtig. Wer wichtig wie beispielsweise bestimmte Menschengruppen, etwa ein bestimmter Stamm, sich verhält oder reagiert, der kann mit diesen besser interagieren bzw. kann sich auf deren Verhalten besser einrichten.

Dabei gilt bei Menschen die Besonderheit, dass sie üblicherweise nicht starren Regeln folgen, sondern nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine bestimmte Weise reagieren. Dennoch kann auch hier das Erkennen gewisser Muster und Handlungsspannen, die etwa eine bestimmte Kultur vorgibt, sehr hilfreich sein. Die Aufnahme der Regel muss also auf eine Weise erfolgen, die diese Handlungsspanne und auch die Möglichkeit, dass derjenige sich vollkommen anders verhält beeinhaltet. Insbesondere ist es auch wichtig entweder bestimmte Untergruppen zu erkennen oder zu erkennen welche für einen selbst wichtigere Mitglieder der Gruppe gruppenuntypisches Verhalten in bestimmten Bereichen zeigen.

Ein solches Muster oder eine solche Häufung kann beispielsweise über eine positive Verstärkung herausgearbeitet werden, indem man jedesmal, wenn man ein Verhalten richtig erkennt ein positives Ergebnis hat, weil man sich dadurch besser auf deren Verhalten einstellen kann.

Das man solche Stereotypen entwickelt ist auch im täglichen Leben gut zu beobachten. Wir haben jede Menge Vorstellungen davon, wie sich bestimmte Gruppen typischerweise verhalten und wie nicht. Die einen sind dabei auf einer besseren und die anderen au einer schlechtern Grundlage gebildet oder teilweise auch einfach nur aus den Erfahrungen anderer übernommen.

Das gilt natürlich auch für die Geschlechter. Auch bei diesen ist es ebenso sinnvoll wie  bei jeder anderen Gruppe sich bestimmte Muster und Häufungen bewusst zu machen und in sein Verhalten gegenüber diesen und deren Verhalten einem gegenüber einzuplanen. Diese folgen den gleichen Regeln wie die Regeln, die man für andere Gruppen erkennt: Auch sie sind nicht absolut und erlauben Abweichungen auch bezüglich bestimmten Mitgliedern der Gruppe.

Ebenso gilt dies für bestimmte Gruppen, denen man selbst zugehört. Auch hier ist es wichtig die Elemente zu erkennen, die das Zusammenleben innerhalb der Gruppe und die Erwartungen anderer an das eigene Verhalten bestimmen zu erkennen.

Daraus folgt aber nicht, dass man diese Regeln als für sich verbindlich ansehen muss. Es reicht, wenn man die Regeln kennt und weiß, wann man gegen sie verstoßen darf und wann nicht bzw. was die Konsequenzen eines solchen Verstoßes sind. Das zwangsweise befolgen solcher für die Gruppe wirksamer Regeln hingegen kann einem bestimmte Vorteile nehmen. Das ist uns auch in vielen Fällen bewusst: Wir wissen, dass bestimmte Regeln für die Gruppe wichtig und gut sind, wir wissen aber auch, dass es vorteilhafter sein kann, in bestimmten Fällen gegen sie zu verstoßen. Jeder mag zB sichere Straßen, aber schneller zu fahren als erlaubt kann dennoch aus der eigenen Sicht vorteilhafter sein. Genug Deutsche sind unpünktlich und unordentlich, um mal ein beliebiges Stereotyp zu wählen.

Wir folgen auch in diesem Bereich eher der Spieltheorie und bewerten nicht, wie wir uns Verhalten müssten, sondern was für uns vorteilhaft ist, wobei die Gruppenzugehörigkeit insoweit schon deswegen eine Rolle spielt, weil es vorteilhaft sein kann, sich gruppenkonform zu verhalten. Ebenso können hier Gewohnheiten etc mit hineinspielen.

Die Betrachtungsweise bei Foucault oder dem Feminismus nach Butler geht hingegen davon aus, dass Regeln durch die Mächtigen vorgeben sind und die jeweiligen Machtverhältnisse wiederspiegeln. Weil sie dazu dienen, Macht durchzusetzen sind sie so konzipiert, dass man ihnen folgen will, weil sie eben die Regeln sind, nach denen man sich richten soll und die für die Gruppe vorgeben sind.

Die Zuordnung, welche Regeln verbindlich für eine Gruppe vorgeben sind, erscheint mir dabei gar nicht so einfach. Es sind aus meiner Sicht jedenfalls nicht mehr die starren Geschlechterrollen. Vielmehr wird auch eine Karrierefrau inzwischen durchaus geschätzt und entspricht einem weiblichen Rollenbild. Die emanzipierte Frau ist heute ein gängige Rollenzuweisung. Ebenso entspricht dem eine gute Ausbildung auch für Frauen und eine Berufstätigkeit. Das klassische Rollenbild der ungebildeten Hausfrau hingegen wird so ganz überwiegend nicht mehr vertreten.

Hinzu kommt der oben angesprochene Effekt, dass wir durchaus zwischen uns und der Gruppe unterscheiden können. Leute erkennen ihre individuellen Stärken und ordnen sich entsprechend ein. Eine Frau beispielsweise, die gut in Mathematik ist und dies merkt muss sich deswegen nicht für unweiblich halten oder meinen, dass sie es trotz ihrer anscheinend Fähigkeiten doch nicht kann. Sie kann vielmehr einfach zu dem Entschluß kommen, dass viele Mädchen zB Mathe nicht interessiert, sie selbst aber schon. Diese Unterscheidung kommt aus meiner Sicht im Feminismus deutlich zu kurz. Wer bestimmte Regeln nicht mag, der kann sie durchaus auf die Grupp, aber nicht auf sich selbst beziehen.