Was ist Biologismus?

In letzter Zeit wird ja insbesondere durch Elmar der Vorwurf des „Biologismus“ immer wieder erhoben. Es sollte daher an der Zeit sich näher mit dem Begriff zu beschäftigen. ich hatte bereits dazu kurz auf ein paar Definitionen verwiesen:

Elmar definiert Biologismus wie folgt:

Im Folgenden wollen wir Leute, die eine biologische – präziser – eine neuronale oder auch neurophysiologische Erklärung für bestimmte mentale Phänomene, für bestimmte Handlungen, Dispositionen, Gedanken oder Gefühle bzw. für soziale Phänomene vorbringen, Biologisten nennen.

Die Wikipedia definiert wie folgt:

Biologismus (gr. βíος bíos „Leben“ und logos/ismus) ist ein Begriff, der auf verschiedene philosophische und weltanschauliche Positionen angewendet wird, die menschliche Verhaltensweisen und gesellschaftliche Zusammenhänge vordringlich durch biologische Gesetzmäßigkeiten zu erklären versuchen und von denen einige als Folge hiervon auch eine entsprechende Ausgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse anstreben (…)
Da der Mensch Teil der belebten Natur ist, können Erklärungen menschlicher Wesenszüge auch Forschungsgegenstand der Biologie sein, deren Erkenntnisse folglich auch als Beitrag zum fächerübergreifenden Forschungsfeld der Humanwissenschaften verstanden werden können. Dass psychische und soziale Phänomene auf einem biologischen Substrat beruhen, wird von Kritikern des Biologismus nicht bestritten.[4] Mit dem Begriff „Biologismus“ wird jedoch versucht, einem Alleinerklärungsanspruch der Biologie wissenschaftsphilosophisch begründete Grenzen zu setzen. Dadurch wird zugleich die Eigenständigkeit einer sozial- und geisteswissenschaftlichen Methodik sowie eines ethischen Diskurses gegenüber den Naturwissenschaften verteidigt. Zugleich werden mit ihm die schwerwiegenden weltanschaulichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen betont, die aus einer unzureichend reflektierten, einseitig biologischen Betrachtungsweise erwachsen können.

Der Duden definiert wie folgt:

einseitige und ausschließliche Anwendung biologischer Gesichtspunkte auf andere Wissensgebiete

Ich selbst würde es wohl wie folgt definieren:

Biologismus ist falsch verstandene Biologie oder eine Überhöhung dieser dahingehend, dass neben der Biologie kein Raum mehr für soziale Ausformungen oder soziale Regeln gesehen wird oder aber in dem im Wege naturalistischer Fehlschlüsse aus der Biologie Forderungen für die Gestaltung der Gesellschaft hergeleitet werden.

Meiner Meinung nach hat ein „Ismus“ immer etwas ideologisches. Eine Darstellung biologischer Vorgänge und eine Erläuterung dieser erfüllt – wenn diese tatsächlich bestehen – diese Voraussetzungen nicht. Damit erhält diese Definition natürlich ein gewisses subjektives Element: Vielen werden meine Ansätze schon übertrieben erscheinen und damit tatsächlich in dem Bereich des Biologismus gehen. Aus meiner Sicht sind es eben Darstellung biologischer Vorgänge, wobei ich sie auch nicht absolut sehe, sondern eben häufig als Disposition, bei denen es biologische Grundlagen oder Figuren eines Verhaltens gibt, diese aber dann kulturell ausgestaltet werden.

Wenn ich zum Beispiel darauf abstelle, dass ein Verhalten damit zu erklären ist, dass Männer Status ansammeln wollen oder Alphamänner sein wollen, dann meine ich damit nicht, dass genau dieses Verhalten zwingend daraus folgt und nicht anders auftreten kann, sondern lediglich, dass dies aus meiner Sicht die biologische Grundlage ist, die man auch anders ausgestalten könnte, die aber hier auf eine Weise umgesetzt wurde, die zu dieser Grundlage passt. Andere werden dies schon für eine zu weitgehende Biologisierung halten.

Als ich den Blog damals erstellt habe wollte ich einfach einen Blog haben, auf dem ich frei diskutieren kann und meine Sicht darstellen kann, nachdem ich gerade auf feministischen Blogs wie der Mädchenmannschaft recht schnell gesperrt wurde, wenn ich zu häufig „Testosteron“ gesagt hatte (und naja, ich habe es recht häufig gesagt). Ich kam dann an die Stelle, an der ich mir den Blognamen ausdenken musste und ich mir habe so einige Alternativen durch den Kopf gehen lassen. „Alles Evolution“ schien mir damals einfach eine gute kurze Zusammenfassung, was den Leser erwarten würde und was mir die Gegenseite vorwerfen würde. Eine kleine Überspitzung aus meiner Sicht, auch wenn viele das vielleicht gar nicht so sehen. Ich wollte damit eigentlich nicht aussagen, dass ich keinen sozialen Anteil sehe oder wir komplett determiniert sind und uns nur innerhalb biologischer Regeln bewegen. Es war aus meiner Sicht auch eine Kurzform von „Alles über Evolution“ und auch „Alles, was man zum Geschlechterthema und Evolution so sagen kann“. Insofern sollte es keine Ankündigung eines reinen Biologismus, wie ich ihn verstehe, sein.

Ich finde die biologisch-evolutionäre Perspektive nicht nur sehr interessant, ich erlebe auch, dass sie mir viele Zusammenhänge erklärt, viel über den Menschen, was aus meiner Sicht die Philosophie nie leisten kann, wenn sie abstrakt bleibt. Ich finde es inzwischen teilweise langweilig philosophische Betrachtungen des Sinns des Lebens zu lesen, weil das Leben eben aus meiner Sicht erkennbar keinen Sinn haben kann. Alle Menschen wollen Macht? Nein, viel zu stark vereinfachend, sie wollen die Umsetzung ihrer biologischen Vorgaben und dabei auf die Gruppe bezogen eine gewisse Position in ihr, dies kann bloße Anerkennung sein, Bewunderung, Liebe, es muss aber nicht macht sein. Evolutionäre Spieltheorie erklärt aus meiner Sicht vieles am menschlichen Verhalten, Gefühle, Moral, Handeln, Altruismus, den Wunsch nach Luxus etc viel besser als alle Betrachtungen, die ohne Biologie auskommen.

Aus meiner Sicht ist die evolutionäre Perspektive ungefähr vergleichbar damit, dass wir erkannten, dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht, sondern die Erde um die Sonne. Alle verschlungenen Pfade  der Planeten machten plötzlich Sinn und bilden runde Bahnen.

Vielleicht ist das eine Art des Biologismus – ich neige sicherlich sehr schnell dazu, bestimmte biologische Konzepte zu übertragen. Wobei . Vielleicht erscheint es mir nur so logisch, weil es innerhalb meiner Ideologie logisch ist. Ich versuche mich dagegen zu wappnen, indem ich zu Kritik einlade und mich auch mit anderen Theorien etwa aus dem Feminismus beschäftige.

Ich kenne aber keine Erklärung, die so umfassend ist und alle Sonderfälle, die Häufungen und gleichzeitig die Abweichungen so gut in Einklang bringen kann. Es gibt dennoch keine Theorie, die menschliches Verhalten besser erklärt.

Nichts macht in der Biologie Sinn, außer im Lichte der Evolution.

Und alles Leben ist auch Biologie. Wie will man also diesen Anteil wegdenken?

Genderismus, Gender und Biologismus

Auf Sciencefiles versucht man sich an einer Definition des Begriffes Genderist:

“Genderist” soll dementsprechend einfach eine Bezeichnung für Personen sein, für die gilt, dass sie

  1. die soziale Konstruktion von Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit zum Ausgangspunkt aller sozialwissenschaftlich oder gesellschaftlich relevanten Beschreibungen und Erklärungen machen wollen und die Arbeit von Personen, die dies nicht tun wollen und andere Eigenschaften von Menschen (seien sie als sozial konstruiert aufgefasst oder nicht) als ebenso wichtig oder wichtiger für die Erklärung und das Verständnis sozialer Realität einschätzen, von vornherein als defizitär beurteilen, oder die
  2. Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit in eine Hierarchie bringen, wobei alles, was weiblich konnotiert ist, präferiert wird, und darüber hinaus bestimmte Konstruktionen von Weiblichkeit (z.B. Hausfrau, “Karriere”frau ohne Kinder) und Männlichkeit (z.B. “Macho”-Mann) sowie bestimmte Lebensentwürfe (z.B. “Doppelverdiener”) weniger akzeptabel gefunden werden als die so genannte “Vereinbarkeitsweiblichkeit und -männlichkeit” (oder gar nicht akzeptabel).

Also entweder das als absolut Setzen der sozialen Konstruktion (bzw. des Standard Social Sciences Model) bei gleichzeitiger Abwertung aller anderen Erklärungen oder eine Überbewertung des genehmen Weiblichen und die Abwertung des nicht gewünschten Männlichen.

Da es zumindest einem Leser Schwierigkeiten bereitet hier in Abgrenzung noch einmal die Defintion von „Gender„:

Der Begriff Gender [ˈdʒɛndɐ] bezeichnet als Konzept die soziale oder psychologische Seite des Geschlechts einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen Geschlecht (engl. sex). Der Begriff wurde aus dem Englischen übernommen, um auch im Deutschen eine Unterscheidung zwischen sozialem („gender“) und biologischem („sex“) Geschlecht treffen zu können (…) Der Begriff Gender bezeichnet zum einen die soziale Geschlechterrolle (engl. gender role) beziehungsweise die sozialen Geschlechtsmerkmale. Er bezeichnet also alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird (zum Beispiel Kleidung, Beruf und so weiter); er verweist nicht unmittelbar auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale (sex).

Demnach wird „Gender“ sicherlich häufig zu weit gebraucht, es gibt aber gleichzeitig natürlich eine soziale Ausformung der biologischen Grundlagen, die man als Gender bezeichnen kann.

Dagegen stelle ich einmal die Definition des Biologismus:

Der Biologismus (gr. βíος bíos „Leben“ und logos/ismus) ist eine philosophische und weltanschauliche Position, die menschliche Verhaltensweisen und gesellschaftliche Zusammenhänge vordringlich durch biologische Gesetzmäßigkeiten zu erklären versucht.(…) Als Erscheinungsformen des Biologismus lassen sich unter anderem anführen: (…) die moderne Soziobiologie und Evolutionäre Psychologie, soweit sie psychologische und gesellschaftliche Phänomene ausschließlich oder ganz überwiegend auf der Grundlage genetischer Faktoren erklärt.(…) Biologismus findet sich häufig auch in sozialen Erklärungsmodellen, so etwa: auf dem Gebiet der Geschlechterpolitik vorrangig durch Verweise auf biologische Verschiedenheiten zwischen den Geschlechtern, aus denen unreflektiert vermeintlich unabdingbare gesellschaftlich-kulturelle Konsequenzen gezogen werden, wodurch sexistische Auslegungen entstehen können

Das viele gesellschaftliche Zusammenhänge auf biologischen Gesetzmäßigkeiten beruhen vertrete ich hier auch. Allerdings nicht nur auf biologischen Gesetzmäßigkeiten, diese werden eben durch soziale Umstände ausgestaltet. Und natürlich haben nicht nur genetische, sondern auch hormonelle Faktoren bzw. die daraus sich ergebende Ausrichtung des Gehirn eine große Rolle. Der zweite Teile, der Bezug auf die Geschlechterpolitik nimmt, ist extrem wertend gehalten und schon eher genderistisch. Sie mag für einen Sozialdarwinismus, aber nicht für einen unessentialistischen Ansatz, der davon aufgeht, dass die meisten Unterschiede nicht absolut vorliegen, sondern es sich um Normalverteilungen mit überlappenden Trägern aber verschobenen Mittelwerten handelt.