„Gaslighting“ und die Weigerung Fakten überhaupt zu prüfen

Ein beliebtes Gegenargument im Feminismus ist der Vorwurf, man würde sogenanntes „Gaslighting“ betreiben.

Der Begriff ist an ein Theaterstück angelehnt, in dem ein Mann heimlich Schätze im Keller des Hauses sucht und dabei Gaslichter im Keller anzündet. Dadurch kommt es zu einem leichten Dimmen der sonstigen Lichter im Haus, welches der Frau, vor der Mann dies geheim hält, abtut und sie so darstellt, als würde sie sich das alles nur einbilden, sie sei verrückt.

Es beschreibt danach den Versuch jemanden einzureden, dass er sich etwas nur einbildet um diesen dazu zu bringen, seine eigene Wahrnehmung in Zweifel zu ziehen.

Aus der englischen Wikipedia:

Gaslighting or gas-lighting is a form of mental abuse in which information is twisted or spun, selectively omitted to favor the abuser, or false information is presented with the intent of making victims doubt their own memory, perception, and sanity.[1][2] Instances may range simply from thedenial by an abuser

Ein anderes Beispiel findet sich hier:

Gas lighting ist eine Art psychologische Kriegsführung, die beabsichtigt ist, und sich mit der Zeit steigert. Menschen, die Gas lighting betreiben, beginnen mit subtiler psychologischer Kriegsführung, um das Selbstbewusstsein des Opfers zu vermindern, um dessen Sinn für die Realität durcheinander zu bringen, und um es an sich selbst zweifeln zu lassen. Sie wollen das Opfer erst klein machen, bevor sie die direkteren Attacken starten. So ist das Opfer geschwächt, weniger in der Lage zu erkennen, was vor sich geht, und kann sich deshalb nicht schützen.

Es kann zum Beispiel sein, dass du etwas erwähnst, was der Psychopath gesagt hat, und dieser streitet ab, es jemals gesagt zu haben. Oder du kannst dein Portemonnaie nicht finden, und der Psychopath hilft dir beim Suchen. Schlussendlich stellt sich heraus, dass es im Kühlschrank gelegen hat. Der Psychopath lacht und umarmt dich liebevoll. Dabei sagt er dir, dass du ziemlich gestresst sein musst. Dann, eine oder zwei Wochen später, suchst du deinen Autoschlüssel, und bist dir sicher, dass du ihn auf den Computertisch gelegt hast, weil du ihn immer dorthin legst. Nach schier unendlich langer Suche findest du ihn: Er steckte die ganze Zeit über im Zündschloss deines Autos. Der Psychopath ruft aus: „Meine Güte, jemand hätte den Wagen direkt von der Auffahrt stehlen können! Und alles nur wegen deiner Unvorsichtigkeit und Vergesslichkeit!“ Du kratzt dich am Kopf und denkstHhhmm, vielleicht werde ich vergesslich. Denn es muss ja an dir liegen, oder? Wer würde jemals jemanden, der einem seine Liebe bekräftigt, verdächtigen, einem diese Dinge mit Absicht anzutun? Psychopathen sind Meister des Gas lighting.

Die Figur an sich ist natürlich durchaus real und ein guter Hinweis darauf, dass unser Gehirn eben nicht schlicht rational arbeitet, sondern schlicht eine „Fehlerkontrolle“ über die allgemeine soziale Wahrnehmung vornimmt, die ihrerseits Möglichkeiten der Manipulation eröffnet. Und gerade Psychopathen können dies ausnutzen, aber auch andere Personen nutzen entsprechendes, von Partnern, die eine Affaire haben („Was du wieder denkst, es ist ganz normal mit einem Kollegen/einer Kollegin etwas essen zu gehen / Ich arbeite lang, um uns das alles zu ermöglichen und du verdächtigst mich, dich zu betrügen“)

„Gaslighting“ (kennt jemand ein deutsches Wort?) ist aber auch ungekehrt möglich, quasi „reverse Gaslighting“ und dürfte in dann eines der Lieblingsargumente aller Verschwörungstheoretiker sein:

„Die WOLLEN, dass wir denken, wir hätten uns geirrt, das ist ja gerade der BEWEIS dafür, dass sie hinter allem stecken. Ihr SEHT nur nicht, wie sie uns täuschen. Aber ich durchschaue es“

Ich würde sogar vermuten, dass eine gehäufte Verwendung des Gaslighting-Arguments heutzutage, insbesondere bezogen auf ein Thema an sich und nicht auf eine bestimmte Person, ein Zeichen dafür ist, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handelt und man bei den Fakten besonders vorsichtig sein sollte.

Insofern steht es allerdings in einer gewissen Verbindung zu einer „Moralischen Panik„, bei der bestimmte Anzeichen übertrieben werden und bezüglich der Faktoren, die eigentlich  ein realistischeres Bild abgegeben würden eine Form von „Gaslighting“ betrieben wird. Deswegen bietet es sich an, weil es bei moralischen Paniken ja gerade darum geht, bestimmte Anzeichen zu übertreiben und selektiv in das Blickfeld zu rücken und die Folgen zu übertragen, hier bei allen Versuchen die moralische Panik als solche darzustellen, den Vorwurf des Gaslighting zu erheben:

Er will eben die eindeutigen Zeichen und ihre Zusammenhänge, die man ermittelt hat, kleinreden und durch Ablenkungen („Derailing“) und blöde „Fakten“ (die entweder von der Regierung, dem Patriarchat oder dem Staatsfeminismus gefälscht worden sind) die eindeutigen Anzeichen dafür, dass die moralische Panik gerechtfertigt ist, unter den Tisch kehren.

Es verwundert demnach nicht, dass dieser Vorwurf gerade bei stark emotional besetzen Themen, die von ideologisierten Gruppen diskutiert werden, eine große Rolle spielt.

„Gaslighting“ ist das perfekte Gegenargument für alle, die nur eine schwache Faktenbasis haben oder sich zumindest mit diesen nicht wirklich auseinandersetzen wollen, selbst wenn sie bestehen würde, sondern Emotionalität und Gefühle in den Vordergrund setzen wollen bzw. ein Tabu um ihre Position herum errichtet haben, dass eine Diskussion verbietet.

„Umgedrehtes Gaslighting“ ist daher auch in der Geschlechterdebatte sehr beliebt und natürlich gerade in einer mit schwacher Faktenlage ausgestatteten Ideologie wie dem poststrukturalistischen Feminismus stark verbreitet.

Das Gegenmittel muss sein, sich die Fakten tatsächlich anzuschauen und eigene Argumente und Studien dagegen zu stellen. Wer seine Position in einem abstrakten Thema nicht mit Argumenten und Studien belegen kann und sich auf „Umgekehrtes Gaslighting“ zurückziehen muss, der hat eben schlicht eine schwache Position und sollte diese überdenken bzw. sich die Grundlagen und Belege bewußt machen, auf die diese Meinung und die Gegenmeinung sich stützen können und diese bewerten.

(Was allerdings meist durch die dann offensichtlich werdenden „versunkenen Kosten“ verhindert wird)

„Wer eine Meinung hat, ignoriert die Fakten“

Bei einem so hitzigen Thema wie dem Geschlechterthema ist es immer gut, sich einmal bewusst zu machen, wie schnell man Fakten ignoriert und durch seine Meinung ersetzt:

Zahlreiche Studien haben gezeigt, was für Starrköpfe Menschen sind und wie stark sie sich vor Gegenargumenten sträuben. Ist eine Meinung geformt, dient sie als Filter, durch den Informationen bewertet werden. (…)

Wenn sich Erklärungen in der Erinnerung gefestigt haben, ist ihnen kaum beizukommen. Das haben zum Beispiel die Psychologinnen Hollyn Johnson und Colleen Seifert gezeigt. Sie erzählten Probanden die Geschichte eines Lagerhausbrandes, der durch einen Kurzschluss entstanden sei. Das Feuer sei außer Kontrolle geraten, weil hochentzündliche Lacke und Gasflaschen in der Halle gelagert waren, hieß es. Diesen Teil der Geschichte widerriefen sie später und beraubten ihre Probanden damit der Erklärung für das unkontrollierte Feuer.

Als sie später direkt danach fragten, hatten sich die Probanden gemerkt, dass weder Lacke nach Gasflaschen in der Halle gelagert waren. Als die Psychologinnen aber wissen wollten, warum es bei dem Feuer eine so starke Rauchentwicklung gegeben habe, antworteten viele: „Weil Lack und Gasflaschen brannten.“ Sie wussten es besser – aber sie kamen nicht damit zurecht, dass ihnen die Erklärung für den Brand weggenommen worden war.

Die Korrektur von Fehlinformationen hinterlässt Lücken im Geist. Diese müssen geschlossen werden, damit der Glaube an widerlegten Unsinn verblasst. Es reicht nicht aus, eine Studie nur als falsch zu kennzeichnen oder zu sagen, dass die EU gar nicht daran denke, Heilpflanzen zu verbieten. Aber was tun? Der Psychologe Anderson zeigte, wie es geht: Es müssen Erklärungen geliefert werden, warum das Gegenteil der diskreditierten Informationen wahr ist. Der Brand im Lagerhaus und die Rauchentwicklung benötigen eine Ursache.

Machmittel im Diskurs: Sexistische Kackscheisse

German Psycho hat einen interessanten Beitrag zu dem Begriff der „sexistischen Kackscheiße„:

Er ermittelt deren Sinn wie folgt:

Ich verstehe nicht ganz, was der Ausdruck eigentlich bedeuten soll. Und genau darin liegt auch seine Beliebtheit. Er sagt nämlich eigentlich überhaupt nichts aus. Er vermeidet es, auf das wirkliche Problem hinzuweisen. Wenn es darum geht, daß es Frauen diskriminiert werden, dann kann das eben mit „Diskriminierung“ bezeichnet werden. Das ist keinesfalls weniger, äh, „griffig“. Genau darum geht es aber: Eine Handlung oder Sichtweise irgendwie nebulös als „sexistisch“ zu bezeichnen, ohne widerlegbar zu sein.

Das ist meiner Meinung nach sehr treffend. Es geht dabei um ein Wort, welches hauptsächlich Ablehnung ausdrücken soll, indem es durch die Doppelung ganz besonders betont, dass eben diese Kackscheisse außerhalb jeder Wertung steht.

Er erläutert dies an dem Beispiel einer Werbung, auf der ein Musikinstrument damit verkauft werden soll, dass es in eine Verbindung mit Sex gebracht wird. Würde dies lediglich als sexistische Kackscheisse bezeichnet, dann bliebe die eigentlich Kritik eben unklar, was zu folgenden führt:

Jemand, der sich nicht besonders für dieses ganze Thema Genderdings und Feminismus interessiert (…) hat ein Problem, zu erkennen, was die (gutmeinenden) Aktivisten so negativ an einer solchen Werbung empfinden. Er wird also letztlich: sich von jeglicher Darstellung weiblicher Köprer in sexuellen Anspielungen oder Darstellungen fernhalten. (…) Zurück bleiben Menschen, die verunsichert sind, was sie überhaupt noch schön finden dürfen. Dadurch, daß man ihnen nicht genau sagt, was die klare, eindeutige Definition von „sexistischer Kackscheiße“ sein soll, ist jeder angreifbar. Und das ist keine Grundlage für einen ernsthaften, nicht von Böswilligkeit getriebenen Diskurs, wie er in unserer Gesellschaft notwendig ist

In der Tat: Mit der unbegründeten Bezeichnung als sexistische Kackscheisse spart man sich die Begründung und muss auch nicht weiter hinterfragen, was nun eigentlich sexistisch ist und was nicht. Es drückt dann einfach eine Wertung aus, die dann per Deutungshoheit richtig zu sein hat.

Das ist in der Tat keine Grundlage für einen Diskurs: Aber der ist ja auch gar nicht erwünscht

Machtmittel im Diskurs: Disziplinverständnis

Die biologische und medizinische Forschung zu Geschlechterunterschieden und deren Ursachen wird im Feminismus und in den Gender Studies nahezu komplett ausgeblendet (und als Biologismus abgestempelt, der nicht diskutiert werden muss).

 Ein Mittel, mit dem dies gerechtfertigt werden soll, ist das Disziplinverständnis.

 Khaso.Kind hat dies als Argument bereits zweimal angeführt, einmal bei mir in der Diskussion um Gender Studies

Hier:

Warum schreib ich eigentlich, dass es sozialwissenschaftlich ausgelegt ist?

Natürlich ist dann nur vorwiegend die soziale Wirkmächtigkeit von Geschlecht relevant. (Und nicht etwa die biologische.)

Und hier:

Du hast es nicht verstanden, ganz einfach.

Soziolog/innenen forschen soziologisch und Biolog/innen forschen biologisch. Das in der Soziologie keine biologischen Ansätze berücksichtigt werden und in der Biologie keine soziologischen Ansätze berücksichtigt werden, macht die jeweiligen Ergebnisse nicht falsch.

Und wenn die GS in der Soziologie angesiedelt sind, wie in Wien, dann heißt das nur, dass sie keine Aussagen über biologische Komponenten des Geschlechter treffen sollten. Voss darf das, der ist studierter Biologe.

und einmal in einer Diskussion bei Onyx.

Philosophische Konzepte (von vor über 30 Jahren) müssen in ihre Darstellung nicht _heutige_ Biologieerkenntnisse einbinden. Muss es andersrum ja auch nicht und tut es auch nicht. Nennt sich nach wie vor Disziplinverständnis, das unterschiedliche Aspekte desselben Phänomens beleuchtet. Ihnen das vorzuhalten, finde ich ziemlich witzlos aber genau darauf schießt du dich ein.

 Grundlage ist also, dass jede Forschungsrichtung einen verschiedenen Blick auf ein Problem entwickelt, der seiner eigenen Fachkenntnis entspringt.

Das ist in der Tat häufig der Fall. Mit einem bestimmen Fach ist häufig eine bestimmte Denkweise verbunden und natürlich erscheinen einem Erklärungen aus seinem Fach, bei denen man die Theorien, Denkweisen und Einzelheiten umfassend kennt häufig überzeugender.

Ein Beispiel wäre zB die Frage, wie Europa die erste Welt wurde.

Ein Islamwissenschaftler mag darauf abstellen, dass Wissen aus dem Orient improtiert wurde, ein Student der römischen und griechischen Geschichte mag auf die dortigen Errungenschaften abstellen, ein Kenner der Militärgeschichte auf die diesbezüglichen vorherigen Entwicklungen, eine andere Betrachtung mag auf Geographie, vorhandene Plfanzenarten und Tierarten und deren Nutzung etc  abstellen, ein Afrikainteressierter auf die Unterdrückung afrikanischer Menschen durch Kolonisation und Sklavenhandel. Hier tragen die verschiedenen Facetten zu einem Gesamtbild bei und es wird von einem Geschichtler nicht erwartet werden, dass er sich schlau macht, welche Pflanzen wie kultiviert werden konnten.

Das kann sich auf die Sichtweise auswirken: Politikwissenschaftler sehen häufig die Handlungsspielräume der Poltik, Juristen hingegen häufig eher die Einschränkungen der Politik aus den Grundrechten heraus.

Aus der Disziplin kann auch ein anderes Verständnis menschlichen Verhaltens folgen. Sozialphädagogen neigen dazu, dass Gute im Menschen zu sehen, Wirtschaftswissenschaftler hingegen neigen eher dazu den Mensch als Egoisten zu sehen.

Und natürlich neigen Biologen eher dazu Verhalten als auf einem biologischen Ursprung beruhend anzusehen, Soziologen nehmen eher soziale Gründe an.

Aber bei letztern ergibt sich ein anderes Bild als bei der Betrachtung der Gründe für die erste Welt:

Sichtweisen können entweder ein großes Bild ergeben oder sie können sich ausschließen.

Hierzu hatte ich beim ersten Auftreten dieses Arguments das Autismusbeispiel genannt:

Ich bringe noch einmal ein anderes Beispiel:

Autismus wurde lange Zeit auf Erziehung zurückgeführt, die „Eisschrankmütter“ sollten schuld sein, die ihrem Kind nicht genug Liebe gaben. Die Sozialwissenschaften konnten es eben nicht anders erklären. Macht es dies für dich, jetzt da wir wissen, das es rein biologische Ursachen hat, zu einer neben der biologisch stehenden Erklärung für den Autismus? Oder würdest du sie aufgrund der neueren medizinisch-biologischen Studien ablehnen?

Hier können nicht beide Sichtweisen gegeneinander stehen, weil zumindest eine falsch ist. Auf seinem Disziplinverständnis zu bestehen bedeutet hier den Bereich der Forschung für ein „Na und, so sehen wir es eben nicht“ zu verlassen

In diesem Bereich steht das Disziplinverständnis dem wohl wichtigsten Prinzip der Wissenschaft entgegen:

Dem Anspruch, dass ein Verständnis für die tatsächlichen Vorgänge ermittelt werden soll.

Meiner Meinung nach kann eine wissenschaftliche Vorgehensweise bei sich widersprechenden Meinungen nur dazu führen, dass man die Argumente der Gegenseite aufgreift und sich mit ihnen auseinandersetzt. Der simple Verweis darauf, dass man eine andere Disziplin vertritt entbindet nicht von der Auseinandersetzung mit den Argumenten der Gegenseite.

Ich hatte dann bei Onyx noch weitere Beispiele angeführt, die dies verdeutlichen sollten:

  Wie will man denn verschiedene Aspekte vernünftig beleuchten, wenn man die andere Forschung komplett ignoriert.

Nach der These wäre es vollkommen okay in einem anderen Zweig weiter davon auszugehen, dass die Erde eine Scheibe und der Mittelpunkt des Universums ist – wir beleuchten das Erdkörperproblem nur aus unterschiedlichen Aspekten.

Und da soll man dann nicht einwenden können, dass sie eben eine Kugel ist und nicht der Mittelpunkt des Universums, weil es eben eine andere Disziplin ist?

Unter dem Gesichtspunkt ist Kreationismus dann immerhin eine ernst zunehmende Wissenschaft.

Würde mich interessieren, wie du dieses Verständnis am Beispiel Kreationismus durchziehst: „Sie dürfen ignorieren, dass Fossilien älter als 6000 Jahre sind, sie betreiben theologische Archäologie, dass ist ein anderer Gesichtspunkt, vollkommen seriöse Forschung“

In dem Bereich der Geschlechterdebatte verhält es sich ähnlich. Wenn die Geschlechter eine deutliche biologische Komponente haben und diese durch besondere biologische Fallkonstellationen (CAIS, CAH etc) nachgewiesen wird, dann ist eine Auffassung, nach der die Unterschiede zwischen den Geschlechtern allein durch die Gesellschaft hervorgerufen wird falsch.

Sie muss dann entweder erklären, warum die biologischen Fallkonstellationen gar kein sind, sondern allein auf der Gesellschaft beruhen oder aber es müssen die Theorien angepaßt werden, bis sie zumindest diese Fälle ebenfalls erklären können.

Der einfache Hinweis, dass man einen anderen Blickwinkel hat, ersetzt dies nicht. Er ist dann eine simple Ausrede um sich mit den Gegenargumenten nicht auseinander setzen zu müssen.

Dies gilt um so mehr, wenn die andere Auffassung nicht eine schlichte Meinung einiger Verwirrter ist, sondern innerhalb der Biologie und Medizin führend ist.

Vor diesem Hintergrund wäre der „wissenschaftliche Feminismus“ gehalten, auf diese Argumente zu reagieren.

Er kann sich nicht hinter seinem Disziplinverständnis verstecken.

Postmoderne Wissenschaft, Orgasmusfähigkeit oder „wie atmet man ohne eine Wort für Sauerstoff?“

Frans de Waal beschreibt in seinem Buch „Der Affe in uns“ ein Zusammentreffen mit Postmodernisten, einer Philosophie, die auch dem Genderfeminismus zugrungeliegt. Dabei ging es zuvor um die Orgasmusfähigkeit von Tieren, insbesondere Menschenaffen und dort insbesondere auch Bonobos, die ja Sex sehr sozial einsetzen und daran viel Spass zu haben scheinen.

Eine der merkwürdigsten akademischen Veranstaltungen, die ich je besuchte, drehte sich um das Thema Sex. Sie war von postmodernen Anthropologen organisiert, die glauben, die Realität bestünde aus Worten, und sei nicht von dem zu trennen, was wir einander erzählen. Ich gehörte zu der Handvoll Naturwissenschaftler bei der Konferenz, und per Definition vertrauen Naturwissenschaftler Fakten mehr als Worten. Es war abzusehen, dass dieses Treffen nicht gut verlaufen würde. Einen Höhepunkt erreichte die Versammlung, als einer der Postmodernen behauptete, wenn es einer menschlichen Sparache an einem Wort für „Ordgasmus“ mangele, könnten die Menschen, die diese Sprache sprächen, keinen sexuellen Höhepunkt erleben. Die Naturwissenschaftler waren sprachlos. Überall auf der Welt haben die Menschen dieselben Genitalien und dieselbe Physiologie, wie könnten also ihre Empfindungen radikal verschieden sein? Und was würde uns dies über andere Tiere lehren? Würde dies nicht implizieren, dass sie nichts empfinden? Die Vorstellung, dass sexuelle Lust eine linguistische Errungenschaft sei, regte uns so auf, dass wir uns kleine Zettel zuschoben mit gehässigen Fragen wie etwa: „Können Menschen ohne ein Wort für „Sauerstoff “ eigentlich atmen?

Und mit dieser Kritik hat er denke ich vollkommen recht. Der Gedanke, dass Sprache allein die Realtität ändert und Fakten schafft, dass die Biologie lediglich der Sprache folgt und Diskurse alles bestimmen, ist aus meiner Sicht so abstrus, dass es erstaunlich ist, dass diese Gedankenrichtungen so viele Anhänger um sich scharen können.

Es liegt denke ich daran, dass die Grundlagen zu wenig hinterfragt werdenund zu schnell bei den Gegenmeinungen auf eine Strohmannbiologie abgestellt wird, die man dann damit entkräften kann. Und natürlich sind im Geschlechterverhältnis die biologischen Unterschiede etwas schwerer zu erkennen als bei der Frage, ob ein Mensch, der kein Wort für Sauerstoff hat, atmen kann. Andererseits ist das Wissen in den Grundlagen auch nicht so kompliziert, dass man es, wenn man sich für das Thema „Geschlechtsunterschiede – wodurch entstehen sie?“ sich nicht kurz in den Grundlagen anlesen kann.

Dass der Diskurs keine Fakten hervorbringt oder ändert, sondern allenfalls die Wahrnehmung dieser verschiebt, hatte ich ja bereits in meiner Besprechung von „Making Sex revisited“ dargestellt. Der Poststrukturalismus wertet die Sprache hier zu sehr auf.

Die Menschenaffen sind auch ein Gegenargument, zu dem es bisher an postmoderner Erwiderung fehlt. Sie haben Geschlechterrollen je nach Art, sie haben Hierarchien und Strukturen, sie haben zB bei den Schimpansen Kriege, Machtspiele, Intrigen, Mord und Vergewaltigung ohne eine Sprache zu haben. Sie haben auch sehr eigene Rollen je nach ihrere Biologie, ein Schimpanse ist kein Gorilla und ein Bonobo verhält sich anders als ein Schimpanse. Aber das menschenähnliche ihres Verhaltens und der Umstand, dass sie zu einem komplexen Denken in der Lage sind zeigt auch ihre Nähe zu uns.

Haben Schimpansen eine hegemoniale Männlichkeit oder eine Phallokratie, die ihre Geschlechterrollen stützt? Wie bauen Tiere überhaupt ihre Geschlechterrollen aus und warum soll dieser Mechanismus bei Menschen nicht mehr wirken und keine Spuren hinterlassen haben? Wir befinden uns mit unseren Geschlechterrollen so ziemlich genau dort, wo ein Biologe uns aufgrund unser biologischen Begebenheiten erwarten würde und stellen insofern keine Überraschung da, wir fügen uns vielmehr sehr gut in die Gruppe der Primaten ein. Aber bei uns besteht keinerlei biologischer Hintergrund, auch wenn die Kultur ziemlich genau das imitiert, was man von eienr Biologie erwarten würde.

Wie schon bei den Attraktivitätsmerkmalen angemerkt kann eine Theorie, die auf die Kultur abstellt die folgenden zwei Fragen nicht beantworten:

  • Warum finden wir bestimmte Verhaltensweisen bei den Primaten, die stark den menschlichen ähneln ohne den gleichen Kulturüberbau zu haben?
  • Wie erklären sich, wenn man auf die Tiere biologische Prinzipien anwendet, auf den Menschen aber rein kulturelle, die evolutionären Übergänge, also wann und wie hörte die Biologie auf zu wirken?

Machtmittel im Diskurs: Themenbegrenzung

Die Themenbegrenzung ist ein gutes Mittel zur Machtsicherung im Diskurs.

Nehmen wir an, dass es einen Diskurs um das Wesen des Mondes gibt. Ein Teil vertritt hier die Auffassung, dass der Mond der Hintern einer dicken Frau ist. In dem Blog Mondmannschaft, ein Blog von Befürwortern dieser Eigenschaft betrieben wird, erscheint nun ein Artikel der sich mit der Frage beschäftigt, ob früher das Gesicht der Frau der Erde zugewandt war und diese nur das patriarische Treiben und die Objektifizierung durch männliche Teleskope nicht mehr ertragen konnte und der (patriarischen) Erde deswegen ihren Hintern zeigt oder ob sie der Erde schon immer den Hintern zeigte und was der Grund dafür sein könnte (ein galaktisches Schuhgeschäft in der Ferne?).

In den Kommentaren führt nunmehr ein Vertreter der Mond-als-Fels-These an, dass beides falsch ist, da der Mond eben ein Fels ist. Der Kommentar enthält Details zum Apolloprojekt und zu Gesteinsanalysen des Mondgesteins.

Sein Kommentar wird unter Hinweis darauf, dass man über die Objektifizierung von Frauen und Schuhe und nicht über Raketen und Gesteinsproben redet als nicht zum Thema gehörend abgelehnt.

Ein einfacheres Mittel wäre es dann, wenn man am Thema „Was ist der Mond?“ tatsächlich interessiert ist, einen Extra-Beitrag zu dem Thema zu machen, ggfs gelegentlich, und alle Kommentare in dieser Richtung darauf zu verweisen („Das ist eine Themeninterne Diskussion, diskutiere bitte in diesem Artikel weiter“).

Ganz bedenklich finde ich aber, wenn man den Extraartikel macht und dann dort die Gegenmeinung nicht zulässt.

Epistemisches Privileg

epistemisches Privileg – oder wie man vermeintliche Nachteile in Macht umwandelt

Leser IchIchIch weist in einem Kommentar auf den Begriff des epistemischen Pivilegs hin.

Der Begriff bedeutet – aus dem griechischen kommend – das „Wissensprivileg“. Gemeint ist damit, dass eine nichtprivilegierte Gruppe leichter erkennen kann, welche Privilegien bei anderen bestehen als die privilegierte Gruppe. Den wem die Privilegien verwehrt sind, wer von etwas ausgeschlossen ist, der bemerkt dies eher als derjenige, der es als selbstverständlich voraussetzt.

Aus diesem Wissensvorsprung heraus soll dann also derjenige, der nichtprivilegiert ist, die Privilegien benennen können. Er soll des weiteren auch die „Diskurshoheit“ bezüglich der Gespräche über diese Privilegien haben, da er ja die bessere Einsicht hat und der andere seine Privilegien ncith erkennt.

Das dieses Prinzip nur dann funktionieren kann, wenn alle Beteiligten absolut objektiv, ehrlich und selbstlos, jedenfalls nicht auf einen eigenen Vorteil hin ausgerichtet sind und das damit das epistemische Prinzip oder vielmehr die Berufung darauf ein Machtmittel sein kann, wie es stärker kaum sein kann, ergibt sich daraus sehr schnell: Schließlich kann man damit beliebige Einwände der Gegenseite übergehen und lediglich seinen eigenen Standpunkt als maßgeblich bestimmen, wenn man nur annimmt, dass der andere ein Privileg hat oder dies auch nur behauptet.

Ein theoretisches Gespräch zeigt dies schnell:

A: „Du hast das Privileg der Sorte 1, ich erkenne es an dir, denn ich habe es nicht“

B: „Nein, ich bin nicht Privilegiert.“

A: „Es war klar, dass du das sagst, du kannst es selbst nicht erkennen. Glaub mir du hast das Privileg“

B: Aber ich habe dadurch, dass ich dieses oder jenes mache selbst bestimmte Nachteile und ich verwehre dir ja auch nicht, dies oder jenes zu machen, du machst es nur nicht so gerne, sondern statt dessen jenes oder welches.

A: „Ach, das Privileg versperrt dir so stark den Blick, es ist beängstigend. Gut, dass ich bereits eine Vielzahl von Maßnahmen erkenne, die dir das Privileg nehmen und mir helfen.“

B: „Aber das ist ungerecht. Ich sagte ja gerade, dass ich nicht privilegiert bin, warum soll ich die Maßnahmen gegen mich ergehen lassen?“

A: „Weil ich es sage und du nichts dagegen sagen kannst, weil du das Feld nicht überblickst. Du musst akzeptieren, dass meine Meinung richtig ist“

B: „Mist“

Es ist auch ein sehr gutes Mittel um eine Immunisierung gegen Kritik zu bewirken. Denn bei kritik kann darauf verwiesen werden, dass man diese, sofern sie nicht aus der nichtprivilegierten Gruppe selbst kommt, nicht ernst nehmen muss und mit der subjektiven Erfahrung, die daraus folgt, Bestandteil der Gruppe zu sein, beiseite wischen.

Bei Kritik aus den eigenen Reihen ist wohl das übliche Mittel, dass man darauf verweist, dass diese die eigene Gruppe hintergehen. Wiederum zeigt sich, wie wichtig das Kriterium der Gruppenidentität für den gemeinsamen Kampf ist. Denn durch den Ausschluss aus der Gruppe fällt eben auch die Berufung auf das epistemische Privileg weg (obwohl dieses ja eigentlich nach wie vor zB beim Kriterium Geschlecht weiterbesteht).

Konzepte wie hegemoniale Männlichkeit gehen in die gleiche Richtung, da sie ein Privileg zuweisen und alle die dies unterstützen als Nutznießer des Systems aus der Gruppe der dagegen ankämpfenden ausschließen.

Es erlaubt zudem eine Selbstüberhöhung, weil es gerade auf die eigene Wahrnehmung ankommt. Das eigene Fühlen wird damit zum Maßstab der objektiven Welt.

Meiner Meinung nach hat das System folgende Fehler:

1. Es mag sein, dass der Nichtprivilegierte seine subjektiven Beeinträchtigungen besser beschreiben kann.

Dies bedeutet aber nicht, dass er dadurch ein besseres Verständnis dafür ausbaut, weil bei einer subjektiven Beeinträchtigung nur das eigene Denken und Fühlen zugrundegelegt wird. Auch der Nichtprivilegierte müßte zunächst abgrenzen, was tatsächlich ein Privileg des anderen und was vielleicht nur bessere Fähigkeiten oder bessere Vorgehensweisen sind. Aus seiner eigenen subjetktiven Wahrnehmung herauszusteigen kann mitunter schwieriger sein als eine Wahrnehmung von außen. Der Nichtprivilegierte müßte mit anderen Nichtprivilegierten sprechen um zu sehen, ob die Erfahrungen übereinstimmen. Damit ist er dann abgesehen von einem gewissen Anfangsvorteil in der gleichen Position, wie ein Privilegierter.

2. Wenn jemand etwas nicht macht, dann fehlt im die Sicht auf die (vermeintliche) Privilegierung.

Als Beispiel:

Ein Junge sieht Soldaten in schicken Uniformen auf einer Parade und denkt sich, dass er gerne Teil dieser aus seiner Sicht privilegierten Gruppe, die Anerkennung erfährt, wäre. Ein Soldat, der gleichzeitig das Schlachtfeld und ein danach gut gefülltes Militärhospital kennt wird hingegen die Nachteile besser erkennen.

Oder etwas weniger militärisch:

Wer nur das Gehalt und das Ansehen eines hohen Wirtschaftslenkers kennt, der wird sich in den Job wünschen und möglicherweise annehmen, dass eine Gruppe, die einen geringeren Teil dieser Wirtschaftslenker stellt, nichtprivilegiert ist, die Gruppe, die hingegen den höheren Teil stellt, privilegiert ist. Der Betrachter von außen erfährt aber nicht, wie es ist eine 70+ Stundenwoche zu haben und keine Zeit mit seinen Kindern zu verbringen, also die Kosten eines solchen Jobs, die für einige relevant sind, für die anderen nicht

Sprich: Zum Feststellen eines Privilegs gehören eigentlich zwei Sichten: Die des vermeintlich Privilegierten und die des vermeintlich Nichtprivilegierten. Den was aus der einen Sicht ein Privileg sein kann, kann aus der anderen Sicht keines sein.

3. In der Geschlechterdebatte kommt ein weiterer Punkt dazu:

Männer und Frauen sind innerhalb der Gruppen sehr heterogen. Innerhalb der Gruppe bestehen viele Unterschiede, die eine einheitliche Sicht behindern.  Es bestehen auch starke Unterschiede in den Vorstellungen bei der Lebensplanung.

Viele Männer sind beispielsweise bereit wesentlich mehr Arbeit in den Aufbau von Status zu stecken und daher auch eher an Karriere interessiert. Sie mögen Konkurrenzkampf in der Sache.

Viele Frauen hingegen bewerten Statusaufbau niedriger und sind mehr an guten zwischenmenschlichen Kontakten und Zeit mit persönlichen Kontakten sowie an einer guten Work-Life-Balance interessiert.

Hier „Karriere“ als Privileg aufzubauen, weil mehr Männer als Frauen Karriere machen, bedeutet seinen ersten Schritt nicht getan zu haben, nämlich zu ermitteln, was die angehörigen der Gruppe, die nicht privilegiert sein soll, überhaupt will und wie ihre Erfahrungen sind

4. Lösungstrategien erfordern nicht unbedingt die persönliche Erfahrung, sondern eine genaue Analyse der Ursachen und Handlungsmöglichkeiten.

Hier droht durch das Abstellen auf die eigene Person wieder eine zu kurze Betrachtung. Denn welchen Anteil andere daran haben und was sie machen müssen und wollen, um Benachteiligungen anderer abzubauen ist nicht immer leicht zu bestimmen. Gerade wenn man derjenige ist, der von einer Maßnahme die Vorteile haben soll geschieht es leicht, dass man sich mehr Vorteile zuschustert oder Maßnahmen vorschlägt, die die andere Seite nicht mittragen will, kann oder muss . Das läßt dann wieder Raum für einen umfangreichen Opferstatus des Nichtprivilegierten.

Insbesondere ist zu erwarten, dass der Nichtprivilegierte zum Ausgleich solche Maßnahmen stärker gewichtet, die von den Privilegierten zusätzliche Maßnahmen erfordert, gegenüber solchen Maßnahmen, die ihn belasten würden.

Ein Beispiel aus der Geschlechterdebatte:

Eine Frauenquote und die Forderung nach familienfreundlicheren Unternehmen macht Frauen Karriere angenehmer. Man könnte auch verlangen, dass sie andere Studienfächer studieren (Maschinenbau, Ingenieurswesen etc), verstärkt die Kinderbetreung an Dritte abgeben oder sich Partner suchen, die diese übernehmen, verstärkt Überstunden machen etc