Religion als gutes Meme

Als Atheist und jemand, der davon ausgeht, dass die Evolutionstheorie keinen Raum für einen Gott lässt, der die Welt und den Menschen geschaffen hat, und der auch davon ausgeht, dass alle „Wunder“ eine rationale Erklärung haben, würde ich dennoch vertreten, dass Religion häufig sehr gute Memes bietet.

Damit meine ich nicht entsprechende Bilder sondern eher etwas auf der Grundlage der Memetheorie von Dawkins:

Religionen passen sehr zu unserem Denken und sind damit sehr verführerisch, was ihnen eine hohe Haltbarkeit gibt.

Zum einen geben einem Religionen einen festen Halt, ein Gut und Böse, wobei das Gute meist auf der eigenen Seite ist, wenn man nicht einer Religion folgt, die weniger auf Moral als auf Macht abstellt, die dann auch aus der „Bösen“ Seite folgen kann (aber natürlich damit gerechtfertigt werden kann, dass man überlegen ist).

Sie bedient häufig unser Bedürfnis Gründe zu erkennen, Sachen einen Sinn zu geben, sie erlaubt ein Verhandeln und Zwigespräche, wenn es eigentlich nichts zu verhandeln gibt („Bitte Gott, lass mich diese Klausur bestanden haben, dann werde ich in Zukunft ein guter Mensch sein.“)

Sie ordnet einen in eine Hierarchie ein, in der man über anderen steht, aber gleichzeitig auch einen „guten Herrscher“ hat, der an dem wohl von einem interessiert ist. Früher mögen sie auch die Bildung einer einheitlichen Meinung erleichtert haben und Regeln absolut gesetzt haben und Strafen für einen Verstoß gegeben haben, eine Instanz, die alles sieht und Fehlverhalten teuer macht. Dieser Prozess spielt denke ich in der heutigen Welt häufig eine geringere Rolle, aber im persönlichen mag die Vorstellung vielen helfen solches Verhalten für sie selbst lohnender zu machen und sich gut dabei zu fühlen.

Sie erlauben zudem ein gewisses Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

Momentan treten immer mehr Funktionen von Gott zurück, weil die Wichtigkeit verschiedener Memes in ihrer Funktion zurückgeht. Wir haben eine vergleichsweise sichere Welt, die ihre eigenen Regeln vorgibt und umsetzen kann, ohne das wir einen strafenden Gott glauben.

Aber auch viele Atheisten werden in passenden Stunden schon mal den Gedanken an einen „Handel“ im Kopf gehabt haben, ein „Lass das gut gehen und ich werde dann was für dich/die Gesellschaft  tun“ an eine imaginäre Person oder ins nichts gesprochen. Es beruhigt einen vielleicht einfach, wenn man das Gefühl hat, dass man da noch etwas machen kann, dass es dann irgendwie ja gut gehen muss, weil man ja auch ein Gegenangebot dafür gemacht hat.

Das bedeutet nicht, dass ich Religionen plötzlich gut finde. Es erklärt aber, warum der Gedanke an etwas Übergeordnetes eine hohe Widerstandskraft hat

 

Bergpredigt von Jesus

Die Bergpredigt: Die Rede von der wahren Gerechtigkeit

1 Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.1
2 Dann begann er zu reden und lehrte sie.

Die Seligpreisungen
3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.2
4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
5 Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.3
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
7 Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.
Vom Salz der Erde und vom Licht der Welt
13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.
14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.
15 Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.4
16 So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Vom Gesetz und von den Propheten
17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.
18 Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.5
19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.
20 Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Vom Töten und von der Versöhnung
21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.
22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.6
23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,
24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.
25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen.
26 Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.7

Vom Ehebruch
27 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen.
28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.
29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.
30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt.

Von der Ehescheidung
31 Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben.
32 Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.
Vom Schwören
33 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast.
34 Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron,
35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs.
36 Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen.
37 Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.8

Von der Vergeltung
38 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.
39 Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.
40 Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel.
41 Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.
42 Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.

Von der Liebe zu den Feinden
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
45 damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?
47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?
48 Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.

Und aus der Wikipedia:

Seligpreisungen
Die Bergpredigt beginnt mit einer Reihe von neun Seligpreisungen (Makarismen) in Mt 5,3-12 EU. Der Form nach stehen sie in der Tradition der Weisheitsliteratur („Wohl dem, der …“). Jesus verknüpft sie mit Armut, Trauer, Demut, Sanftmut, Gerechtigkeitssuche, Barmherzigkeit, reinem Herzen, Friedensstiftung und Leidensbereitschaft wegen Verfolgung. Die Seligpreisungen zu Beginn der Bergpredigt unterscheiden sich von denen des Alten Testaments in mehrfacher Hinsicht:

Ihre Häufung ist hervorstechend. Während im Alten Testament selten mehr als zwei von ihnen aufeinander folgen, sind es hier neun an der Zahl.
Während das Alte Testament fast ausnahmslos sachlich in der dritten Person („Selig ist, wer …“) formuliert, stehen Jesu Seligpreisungen in der direkten Anrede der zweiten Person.
Im Gegensatz zum Alten Testament, welches in Nebensätzen Bedingungen für den Status der Seligkeit definiert, sind Jesu Worte kurz und eindeutig.
Jesus weitet im Gegensatz zum Alten Testament das Heil schon für die Jetztzeit und unbeschränkt für alle aus.[2]
Die sogenannten Antithesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Es folgen die Gleichnisworte vom „Salz der Erde“ und vom „Licht der Welt“ 5,13-16 EU, die den Anhängern auferlegen, auf sichtbare Wirkungen zu achten („Licht nicht unter den Scheffel stellen“).

Daran schließen sich Ausführungen über Jesu Verhältnis zu „Gesetz und Propheten“ an (5,17-20 EU): nicht Aufhebung, sondern Erfüllung, die den Wortlaut achtet (und von einigen Interpreten als buchstabengetreue vollständige Beachtung geachtet wird).

Dies wird im folgenden Hauptteil, den Antithesen, an verschiedenen Themen gezeigt: Töten und Versöhnung 5,21-26 EU, Ehebruch und Ehescheidung 5,27-32 EU, Eid und Wahrhaftigkeit 5,33-37 EU, Vergeltung und Feindesliebe 5,38-48 EU. Jedes Mal stellt Jesus einem (frei zitierten) Gebot der Tora ein „Ich aber sage euch“ gegenüber. Da Jesus aber als Rabbi und Pharisäer die Gebote erklärt, kann nicht von Antithesen gesprochen werden. Als Gelehrter hatte er das Recht dazu, seine Auslegung zu Torazitaten zu bringen. Mit seiner Auslegung befindet er sich fest auf jüdischem Glaubensboden, was daran zu sehen ist, dass seine Auslegungen mit Aussagen im Talmud übereinstimmen.

Die Idee der Antithesen entsteht im Kontext der Übersetzung des hebräischen Originals. Da Jesus selber die Gültigkeit der Tora betont, kann er dieser keine Antithesen entgegensetzen. In der, zur Zeit um 30 n. Chr. nur mündlich vorhandenen, Mischna sind zu jeder Mitzwa auch drei konträre Meinungen von drei sehr verschiedenen rabbinischen Rechtsschulen aufgeführt. Somit waren die Antithesen in rabbinischen Kreisen nichts Neues. Man benennt sie aber als rabbinische Diskussion und nicht als Antithesen.

Das sechste Kapitel enthält Warnungen vor Veräußerlichung und Heuchelei („dein Vater, der das Verborgene sieht“; 6,1-8;14-18), und im Zentrum der gesamten Komposition eingefügt das Vater unser als „kindliches“ Gebet der neuen Gerechtigkeit (6,913). Daran schließen sich Mahn- und Gleichnisworte gegen den Reichtum, die „Sorge“ und mangelndes Vertrauen in die Gottesherrschaft an.

Das siebte Kapitel beginnt mit dem Verbot des Richtens (7,1––5) (Zum im Rahmen der Aufklärung formulierten Verbot des Richtens und der religiösen Implikationen siehe auch Moses Mendelssohn: Es kam zu einer Erosion rabbinischer Autorität). Es folgt ein Einzelwort über die Entweihung des Heiligen (7,6), aus dem das geflügelte Wort „Perlen vor die Säue werfen“ stammt. Der Sinn dieser Aussage gilt als rätselhaft.[3] Ein weiteres Gleichniswort vom Gebetsvertrauen (7,7-11) sowie die „Goldene Regel“: Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten. (7,12)

Den Abschluss der Bergpredigt bilden das Mahnwort vom „engen Tor“ (7,13 f.), die Warnung vor heuchlerischen Glaubenslehrern (7,15-23) und das Gleichnis vom Hausbau auf Felsen oder auf Sand für ein Leben mit den Grundsätzen der Bergpredigt oder gegen sie (7,24-27).

Der Einleitung entspricht ein ebensolcher Schluss: Als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten. (7,29 f.)

Ja irgendwie der Kern des Christentums.

Dennoch nur sehr selektiv angewendet. Auf die Vorschriften zur Scheidung legt kaum noch einer Wert. Nächstenliebe wird hingegen als Ideal in den Vordergrund gestellt, aber wohl kaum in diesem Sinne gelebt

Ich finde es interessant, den Text mal als solchen hier als Atheist zur Diskussion zu stellen.

Burkaverbot: Ja oder nein

Gerade wieder in den Medien : Das „Burkaverbot“. Dazu auch aus atheistischer Sicht sowie aus der Sicht der Geschlechterthemen ein kurzer Text:

1. „Burka“

Verschiedentlich taucht in der Diskussion auf, dass es in Deutschland kaum eine Burka gäbe, was dann unter Verweis darauf, was eine Burka genau ist, begründet wird:

Stufen der Verschleierung

Stufen der Verschleierung

Ein Burka sei demnach nur eine Vollverschleierung mit Gittern vor den Augen, in Deutschland würde man allenfalls eine Nikab sehen.

Das ist ein Spiel mit Worten, weil sich eben in Deutschland eine andere Bezeichnung durchgesetzt hat und Burka einen Oberbegriff bedeutet, der weit weniger einschränkend ist.

Wo genau die Abgrenzung eigentlich verlaufen soll ist dabei durchaus interessant, Tschador und Chimar sind ja nicht weit von der Vollverschleierung entfernt, erlauben aber zumindest einen Identifizierung.

2. Religiöse Regeln

Ich zitiere einfach mal eine entsprechende Seite zunächst zur Hischab:

Es gibt unzählige Gründe warum, doch die einfache Antwort in einem Satz ist, weil sie glauben, dass Gott es den gläubigen Frauen zur Pflicht gemacht hat.  Im Qur´an sagt Gott zu den gläubigen Männern und Frauen,  dass sie ihre Blicke niederschlagen und sich anständig bekleiden sollen.  Er (Gott) spricht besonders Frauen an, wenn er sagt, sie sollen ihren Schmuck nicht zur Schau tragen, außer dem, was offensichtlich ist, und sie sollen ihre Tücher über ihre Körper ziehen. (Quran 24:30-31)

Diese Verse des Qur´an sind bekannt als die Verse des Hijab, und die islamischen Gelehrten sind sich darin einig, dass sie das Tragen des Hijabs zur Pflicht machen.  Einige Länder wie Saudi Arabien und Katar bestehen auf einer Kleiderordnung.  Von Frauen wird erwartet, dass sie ihre Haare bedecken und ein lockeres, weites, bis zum Boden reichendes Übergewand über ihrer Kleidung tragen.  Für die Mehrheit der muslimischen Frauen auf der ganzen Welt ist es allerdings ihre eigene freie Entscheidung, ob sie sich bedecken oder nicht bedecken.  Gott verlangt von muslimischen Frauen, sich anständig zu bekleiden und das Hijab in der Öffentlichkeit zu tragen und in der Gegenwart von Männern, die keine nahen Verwandten sind.

Obwohl das englische Wort für Kopftuch  und der arabische Begriff Hijab austauschbar geworden sind, muss angemerkt werden, dass Hijab mehr ist als nur ein Kopftuch.  Es ist ein Begriff, der eine Reihe von Kleidungsstücken umfasst einschließlich dem Kopftuch, aber auch eine Menge unterschiedlicher Kleidungsstile auf der ganzen Welt.  Viele haben einen kulturellen Beigeschmack, wie das pakistanische Shalwar khamis oder die afghanische Burqa, aber immer wenn eine muslimische Frau „ihren Schmuck“ bedeckt, wird gesagt, sie trägt Hijab.

Die wörtliche Bedeutung von Hijab ist zu verschleiern, zu bedecken oder abzuschirmen.  Der Islam ist bekannt als eine Religion, die sich um den Zusammenhalt der Gemeinschaft und moralische Grenzen kümmert und deshalb stellt das Hijab einen Weg dar, um sicherzustellen, dass die moralischen Grenzen zwischen nicht verwandten Männern und Frauen respektiert werden.  In diesem Sinne umfasst der Begriff Hijab mehr als ein Kopftuch und mehr als eine Kleiderordnung.  Es ist ein Begriff, der eine anständige Bekleidung und anständiges Verhalten anzeigt.  Wenn eine muslimische Frau beispielsweise ein Kopftuch trägt, aber gleichzeitig Schimpfwörter benutzt, dann erfüllt sie nicht die Erfordernisse des Hijab.

Die Mehrheit der muslimischen Frauen tragen Hijab, um Gott zu gehorchen und um als ehrbare Frauen erkannt zu werden. (Quran 33:59)  In den vergangenen 30 Jahren jedoch hat sich das Hijabals ein Zeichen islamischen Bewusstseins abgezeichnet.  Viele Frauen sehen das Tragen des Hijabs als Zeichen ihres Wunsches an, Teil einer islamischen Wiederbelebung zu sein, insbesondere in Ländern, in denen vom Praktizieren des Islam abgehalten oder sogar verboten wird.    

Während die einen versuchen, das Hijab als Symbol geschlechtsspezifischer Unterdrückung zu verbieten, legen die Frauen ein Kopftuch an oder tragen die Frauen ein Hijab im breitesten Sinne des Wortes, weil sie die persönlicher Entscheidung dazu treffen und dies unabhängig wählen.  Sie sehen es als ein Recht an und nicht als eine Bürde.  Diese Frauen betrachten das Hijab nicht als Zeichen der Unterdrückung.  Frauen, die Hijab tragen, beschreiben oft, dass sie sich „befreit“ fühlen von der unrealistischen Modekultur der Gesellschaft.   

Das Hijab befreit die Frauen davon, als Sexualobjekte der Begierde betrachtet zu werden oder davon nach ihrem Aussehen oder ihrer Körperform eher beurteilt zu werden als nach ihrem Geist oder Verstand.  Nie wieder Sklaven des Konsums sein, das Hijab befreit Frauen von der Notwendigkeit, unrealistischen Stereotypen und Bildern zu entsprechen, die von den Medien diktiert werden.  Frauen, die Hijab tragen, haben festgestellt, dass sich anständig bekleiden und die Haare zu bedecken, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz vermindert.  Die Aura der Privatsphäre, die durch das Hijab geschaffen wird, ist ein Zeichen für den großen Wert, den der Islam den Frauen gibt.

Es ist wahr, dass in manchen Familien und in manchen Kulturen Frauen gezwungen werden, Hijab zu tragen, aber das ist nicht die Norm.  Der Qur´an stellt deutlich fest, dass es keinen Zwang im Glauben gibt (2:256).  Frauen, die sich entschließen, Hijab zu tragen, machen diese Entscheidung nicht leichtfertig.  Tatsächlich bezeugen viele Frauen, dass ihnen große Feindseligkeit von ihren muslimischen und nicht-muslimischen Familien entgegen gebracht worden ist, als sie sich entschlossen haben, sich zu bedecken. Auf der ganzen Welt gab es Beispiele dafür wie Frauen ihr Recht auf das Tragen des Hijabs verteidigt haben.

Das Hijab kann ein Symbol der Frömmigkeit sein, und es kann ein Zeichen großer innerer Stärke und Kraft sein.  Eine Frau, die Hijab trägt, wird zu einem sehr sichtbaren Zeichen des Islam.  Während muslimische Männer leicht mit jeder Gesellschaft verschmelzen können, werden muslimische Frauen oft an die Frontlinie gestellt und gezwungen, nicht nur ihren Entschluss, sich zu bedecken, zu verteidigen, sondern auch ihre Religion.  Nichtsdestotrotz bestehen Frauen, die Hijab tragen, darauf, dass die Vorteile jegliche Nachteile bei weitem überwiegen, die durch die Voreingenommenheit der Medien oder die allgemeinen Unwissenheit heraufbeschworen werden.

3. Funktion der Verhüllung

Damit hätten wir eine Doppelfunktion:
  • Minderung sexueller Reize, sei es als Zeichen der Anständigkeit oder zur Abwehr entsprechendes Verhalten
  • Zeichen einer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft.

Ich denke beides ist auf die Vollverschleierung übertragbar und insoweit auch in vielen anderen Religionen zu finden: Das Absenden möglichst wenig sexueller Reize hat viele Vorteile, zum einen erlaubt es Virtue Signalling, zum anderen reduziert es intrasexuelle Konkurrenz sowie die Werbung mit sexuellen Reizen für potentiell interessante Partner und erleichtert auch Mate Guarding und eine Beschränkung der weiblichen Sexualität.

Es verwundert daher auch nicht, dass auch andere Religionen entsprechende Verhüllungen entwickelt haben, die sexuelle Signale reduzieren:

Nonnen vs. Burka

Nonnen vs. Burka

Gerade dann, wenn das Kopftuch im wesentlichen als Signal zur Zugehörigkeit gesehen wird, werden die eigentlichen Bedeutungen, nämlich die „Anständigkeit durch Aussendung möglichst wenig sexueller Signale“, gerne umgangen, weswegen man dann stark geschminkte Frauen mit Kopftuch sieht, deren Kleidung zwar verhüllt, aber nicht weit ist, sondern den (attraktiven) Körper durchaus erkennen lässt:

Sexy mit Kopftuch und Schminke

Sexy mit Kopftuch und Schminke

Es ist natürlich auch schwieriger in einer intrasexuellen Konkurrenz mit anderen Frauen, die sich nicht an diese Regeln halten, zu bestehen, was eine Umgehung sicherlich attraktiver macht. Hier wird mitunter auch schlicht ein Kompromiss gesucht werden, was einerseits zuhause und bei der Aufsicht durch Verwandte und deren Bekannte noch durchgeht und was man dennoch machen kann, um zu zeigen, dass man schön ist.

Natürlich funktioniert der Wettbewerb auch auf einer anderen Ebene: Intrasexuelle Konkurrenz bewegt sich sowohl auf der Ebene „Vorhandensein von körperlicher Attraktivität“ als auch „keine Schlampe sein“, also Sexualität zu billig abzugeben. Der Vorwurf, dass die andere eine Schlampe sei, dürfte wohl gerade unter Frauen der beliebteste Vorwurf sein. Eine „Verhüllung“ enthält dabei diesen Vorwurf, was man ja auch schon in dem obigen Text sieht: Die Frauen, die die Kleidervorschriften umsetzen, sind „anständig“, die anderen also unanständig. Es ist also auch ein „wir sind besser als ihr“ und „wenn ihr keine Schlampen sein wollt, dann zieht euch anständig an“ welches das Verhalten von Frauen untereinander betrifft.

4. Pro-Burkaverbot

Ein Spiegelartikel fasst gängige Pro-Burka-Verbot-Argumente ganz gut zusammen:

Alle drei Argumente haben erhebliche Schwächen.

  • Erstens: Burka oder Nikab sind kein Ausdruck von Religiosität. Vielmehr ist der Vollschleier ein Herrschaftsinstrument, um Frauen zu unterdrücken und ihnen in der Öffentlichkeit Gesicht und Freiheit zu nehmen. Burka und Nikab sind allein Merkmale eines radikalen Islam. Diese radikalen Muslime aber lehnen so ziemlich alles ab, was das Grundgesetz als Wert definiert, übrigens wohl auch die Religionsfreiheit.Es ist fatal, alles, was vorgeblich im Namen der Religion getan wird, auch unter den Schutz der Religionsfreiheit zu stellen. Dafür, was eine liberale Gesellschaft aushalten muss, gibt es überdies Grenzen, spätestens wenn seelische oder körperliche Gewalt ausgeübt wird.Und selbst wenn mit der Religionsfreiheit gegen ein Burkaverbot argumentiert wird: Die Menschenwürde hat in unserem Grundgesetz durch Artikel eins den höchsten Verfassungswert. Die Vollverschleierung aber nimmt Frauen die Würde, weil sie durch sie letztlich nicht mehr als Mensch erkennbar sind und kaum mehr in den Lage sind, grundlegende, menschliche Aktivitäten auszuführen – zu essen, zu trinken oder auch Gefühle zu zeigen.
  • Zweitens: In Deutschland treten nur wenige Musliminnen vollverschleiert auf die Straße. Das ist kein Grund, darüber hinwegzusehen. Wenn etwas gegen die Menschenwürde oder Freiheit und Gleichheit verstößt, dann tut es das auch, wenn es nur selten vorkommt.
  • Drittens: Die Behauptung, ein Verbot führe automatisch dazu, dass die normalerweise vollverschleierten Frauen gar nicht mehr nach draußen gehen und in ihren Wohnungen wie in einem Gefängnis sitzen, ist zunächst einmal nur das: eine Behauptung. Es ist genauso denkbar, dass die Männer der ehemals Burka tragenden Frauen keine Lust haben, selbst einkaufen zu gehen. Dass wir Verstöße gegen unsere Werte hinnehmen mit der sehr theoretischen Begründung, wir müssten die Frauen davor schützen, ansonsten im eigenen Zuhause regelrecht eingesperrt zu sein, ist jedenfalls absurd.Im Übrigen ist auch der Vollschleier ein Gefängnis. Gesellschaftliche und soziale Teilhabe, Interaktion – ja Integration – sind unter dem Stoff kaum vorstellbar.

Schließlich heißt es auch immer wieder: Viele Frauen tragen den Gesichtsschleier freiwillig. Weil aber kaum jemand Zweifel daran hat, dass die meisten Frauen Burka oder Nikab eben nicht aus eigener Entscheidung tragen, und der Gegenbeweis nicht verlässlich angetreten werden kann, könnte man mit einem Verbot eben jenen Frauen, die die Vollverschleierung als Ausdruck der Selbstbestimmung postulieren, signalisieren: Deutschland ist dann vielleicht nicht das Land, in dem ihr leben solltet. Auch dann nicht, wenn ihr Deutsche seid.

Da geht es also im wesentlichen um das transportierte Bild: Eine Verschleierung der Frau, damit diese Anständigkeit signalisieren kann, ist ein veraltetes Bild, welchem man Einhalt gebieten will.

Der Widerstand gegen die Burka nach den obigen Argumenten entzündet sich also im wesentlichen daran, dass man hier die Freiwilligkeit nicht gegeben sieht und damit natürlich gleichzeitig ein Befreiungsszenario eröffnet: Die armen Frauen befreien von den feindseligen sie unterdrückenden Werten und dagegen kämpfen, dass andere Frauen (gerne auch: „Schwestern, Töchter, Ehefrauen“) sich diesen Regeln unterwerfen müssen. Das passt auch gut in eine konservative Agenda. Gleichzeitig ist es natürlich auch ein „wir gegen die“, bei der es um einen Wettbewerb der Kulturen geht und man die als falsch angesehenen Regeln aus der anderen Kultur einschränken möchte.

5. Contra Burkaverbot

a) Allgemein

Das wichtigste Gegenargument gegen ein Verbot (abseits der religiösen Gebote aus der Gruppe, die diese Bekleidungsvorschrift vorsieht) ist: Liberalität.

Das Argument ist dabei simpel:

Es geht den Staat nichts an, welche Kleidung ich trage

Wie immer bei liberalen Ansätzen muss man sich dabei die Frage stellen, ob es höhere Werte gibt, die man mit einem solchen Verbot schützen muss und ob man dabei einen allgemeinen Grundsatz aufstellen kann, der diese höheren Werte betrifft oder ob man eine bestimmte Meinung/Verhaltensweise verbieten will, weil sie einem nicht passt, andere gleichartige aber zulassen möchte, obwohl sie die gleichen Werte betreffen.

Dabei ist zunächst festzuhalten: Weder der Wunsch wenig Haut zu zeigen noch der Wunsch eine Zugehörigkeit zu einer Religion auszudrücken sind dem Grunde nach zu beanstanden.

Von dieser Position ausgehend muss man erst einmal einen Grund finden, der es einem erlaubt, hier die allgemeine Handlungsfreiheit einzuschränken.

Dabei könnte man anführen, dass es ein Interesse daran gibt, dass man eine Person, die sich in der Öffentlichkeit bewegt, am Gesicht identifizieren kann. Aber auch ansonsten gilt das Vermummungsverbot lediglich bei Versammlungen und müsste dann allgemein ausgeweitet werden, was es schwierig macht: Der Hoodie mit verspiegelter Sonnenbrille? Mütze und dicker Schal im Winter? Was genau würde alles unter das Verbot fallen? Hier wäre immerhin ein Ansatz vorhanden, der eine Einschränkung möglich machen würde. Aber er wäre schwer umzusetzen

Sofern man über eine Position im Staat nachdenkt, etwa Richter oder sonstige Tätigkeiten, könnte man sicherlich anführen, dass der Staat aus seiner Neutralitätspflicht heraus bestimmte religiöse Bekleidungsvorschriften oder solche, die eine Zugehörigkeit zu einer gewissen Gruppe, einschränken kann. Eine Richterin mit Burka wäre sicherlich einschränkbar. Eine Rechtsanwältin mit Burka wäre da schon ein interessanterer Fall.

Ein Verbot, weil einem die konservative Einstellung hingegen nicht passt, wäre ein tiefer Einschnitt in die jeweiligen Rechte. Er würde einer umfassenden Einflussnahme des Staates Tür und Tor öffnen.

Hier kann man allenfalls aus gewissen sittlichen Grenzen heraus die „Verhüllung“ bestimmter Körperteile mit besonderer sexueller Bedeutung verlangen, aber auch das betrifft wohl eher nur die  auch heute üblicherweise bedeckt zu haltenden Partien.

Ein weiteres Argument ist, dass diese religiösen Frauen (und die Männer der Familie) ihre Haltung nicht einfach ändern werden. Sie müssten dann schlicht im Haus bleiben. Sie könnten ohne „Burkini“ eben nicht mehr baden gehen. Man würde diese Frauen faktisch einsperren. Bei diesem Argument kann man natürlich streiten, was besser ist: Die sehr religiöse Frauen und Männer müssen sich entscheiden, ob sie in einem Land leben wollen, wo sie sich und ihre Kinder nicht verhüllen können auf der einen Seite, auf der anderen Seite müssten alle, die dennoch weiter am Leben teilnehmen wollen, eben ihre strikte Haltung aufgeben und es würde zu einer Auflockerung kommen.

b) feministische Argumente

Theoretisch richtet sich der Widerstand gegen die Burka gegen eine Bekleidungsvorschrift für Frauen aus dem radikalen Islam. Das Burkaverbot will letztendlich die Bekleidungsvorschrift für Frauen verbieten.

Das ist so formuliert eine klassisch feministische Forderung, die auch sofort aktiviert wird, wenn sich entsprechende Kleidungsgebote in westlichen Kulturen zeigen: Das reicht von dem Kampf dafür, barbussig in der Öffentlichkeit sein zu dürfen bis zu dem „Hotpantsverbot“ in der Schule. jede nicht eher mit PoCs (People of Color) assozierte Gruppe, die anführen würde, dass „Frauen sich anständig, also verhüllt kleiden sollten“ würde sofort einen feministischen Shitstorm gegen sich haben. Denn es handelt sich hier recht klar um religiös abgesicherte institutionelle Absicherungen gesellschaftlicher Normen, die Frauen einschränken. Das in diesem Fall so zu sehen verbietet aber eben die intersektionale Theorie im modernen Feminismus soweit ein Bezug zu einer „rassistisch betroffenen Minderheit“ vorliegt.

Glücklicherweise kann man das mit einem zweiten feministischen Grundsatz verbinden: Einer Frau darf nichts verboten werden, was sie gerne machen will. Schon gar nicht Kleidung irgendwelcher Art anzuziehen. Die Freiwilligkeit muss dann eben unterstellt werden.

Ein Beispiel, wie man aus intersektionaler Perspektive argumentiert findet sich zB hier:

„Islam“ und „Feminismus“ werden in der weißen Mehrheitsgesellschaft als Widerspruch wahrgenommen. Denn Emanzipation und Religion- insbesonderes Islam, schlössen einander aus. Ich sehe das anders.

Der behauptete Gegensatz dient zur pauschalen Abwertung muslimischer Frauen, nicht zuletzt durch weiße Feminist_innen. „Die“ muslimische Frau wird damit zum negativen Spiegelbild „der“ weißen Feministin. In dieser Darstellung wird sie entweder zum Opfer eines muslimischen Patriarchen, sei es ihr Mann, Vater, Bruder oder andere Familienmitglieder degradiert, die es zu befreien gelte. Besonders dann, wenn sie das Kopftuch trägt. Dieses Kleidungsstück, so die FEMEN-Aktivistin Shevchenko sei vergleichbar mit einem „Konzentrationslager“ (Akyol 2013). Und wenn ihr nicht der Opferstatus zugesprochen wird, ist sie eine Komplizin des politischen Islam, da das Kopftuch ein „Symbol für die Geschlechter-Apartheid“ sei, „die den Islam für ihren politischen Kreuzzug missbrauch[e]“ (Schwarzer 2015).[2]

Beiden Abwertungen gemein ist die Annahme, dass zur Emanzipation nur ein Weg führe: Frau muss sich von der patriarchalen Religion distanzieren und möge bitte das Unterdrückungsmerkmal Kopftuch ablegen.

Das von vielen weißen Feminist_innen wahrgenommene Emanzipationsdefizit setzt allerdings einen kolonialen Diskurs fort, in dem der Schleier für imperiale Zwecke als Zeichen der Rückständigkeit instrumentalisiert wurde. So beschreibt der französische Schriftsteller und Vordenker postkolonialer Theorien Franz Fanon in seinem Buch A Dying Colonialism (1967), dass die Entschleierung der Frau ein integrales Kolonialprojekt war, um die algerische Frau vor einer muslimisch-patriarchalen Gesellschaft zu „befreien“: „(…) [the colonialist] must conquer the women; [they] must go and find them behind the veil where they [the Algerian women] hide themselves and in the houses where the men keep them out of sight” (Fanon 1967: 37ff). Aus der kolonial-männlichen Perspektive wird die Frau, zumal die nicht-weiße Frau, nicht als Subjekt betrachtet. Ihr Wert bemisst sich vor allem daran, inwiefern sie oder ihr Körper für den Mann dienstbar gemacht werden kann. „[T]he representation of the veil is]] a negative mirror for the norms of womanhood and gender that this vision assume (…) the veil as obstacle or limit allows the general desirability [Hervorhebung im Original] of unveiling to be posited“(Al-Saji 2010:886), so die Professorin für  Philosophie Alia Al-Saji. Sie  forscht zum kulturellen Rassismus.

Viele weiße Feminist_innen verkennen, dass sie in ihrem eindimensionalen und exklusiven Emanzipationsverständnis lediglich ein rassistisches, sexistisches und patriarchales Gedankengut fortlaufend reproduzieren und wieder einfordern. Damit marginalisieren sie zugleich jene Stimmen, die ihre Religion nicht als Quelle des Patriarchats sehen und die andere Frauen und ihre Differenzen nichtdisqualifizieren, um sich selbst als frei, emanzipiert und mündig zu portraitieren. „Mislabling Muslim women in this way not only denies the specifity, autonomy, and creativity of their thought, but it also suggests, falsely that there is no room from within Islam to contest inequality or patriarchy” (Barlas 2002:xii).

Denn das Patriachat respektiert keine Religion. Es ist eine Weltanschauung, die sexuelle Differenzen zu Gunsten des Mannes aufruft und ihn als Maßstab setzt, um Frauen qua Biologie als das “Andere” abzuwerten: „Are women the same as men; different or distinct from, alike and unequal? (…) Each so these questions rest on a single rhetorical flaw-that women must be measured against men- that (…) reinforces the erroneous notion that men are the standard-bearers, which by extension means, that only men are fully human”, so die Islamwissenschaftlerin Amina Wadud “(Wadud 1999:xi).

Auch religiöse Texte und Traditionen sind von diesen Lesarten, die eine männliche Überlegenheit von Frauen deuten, nicht ausgeschlossen und müssen als solche markiert und dekonstruiert werden. (…)

Muslimische Feminist_innen stehen vor zweierlei Herausforderungen: Zum einen müssen sie sich von patriarchal-dominanten Lesarten innerhalb des islamischen Diskurses befreien. Zum anderen müssen sie sich von einem hegemonialen Feminismus auf gesamtgesellschaftlicher Ebene entkolonialisieren und damit Feminismen insgesamt erneuern. Denn „die Vielzahl von Möglichkeiten, Feministin zu sein, (…) die sich in andere Referenzregistern artikulieren und herausbilden, die möglicherweise religiös und aus einem anderen Kulturerbe (…), [verleihen] dem Feminismus an Stärke (…)“ (Ali 2014:208).

Hier wird also ein recht einfacher Trick bemüht:

Weil hier eine andere Gruppe und deren kulturelle Praktiken kritisiert werden, dazu noch eine Gruppe, die historisch unterdrückt war, ist die Kritik ein Zeichen von Machtausübung, die der „privilegierten“ weißen Gruppe nicht zusteht.
Es muss in diesem Fall den Frauen in der Gruppe zugestanden werden, dass kulturelle Zeichen selbst neu zu besetzen und es seiner von Männern oder dem Patriarchat zugewiesenen Bedeutung zu entkleiden und es nur noch als Zeichen einer Religion zu sehen, die aber umgewandelt wird in eine weibliche oder feministische Version der heutigen Religion.
Das ist ein interessantes Konstrukt, weil es alles beliebig werden lässt. Man kann diesen Kniff jederzeit anwenden, auf wohl alle Formen von kulturellen Praktiken, die eigentlich zB Zeichen einer Unterdrückung sind, die man aber bewahren will.

Weibliche Beschneidung? Den jeweiligen Frauen steht es frei das nicht mehr als ein Zeichen einer sexuellen Einschränkung zu sehen, sondern in einen neuen feministischen Kontext einzuordnen, den man gegenwärtig noch nicht einmal benennen muss.

Frauen als Hausfrauen die keiner Erwerbsarbeit nachgehen soltlen? Den jeweiligen Frauen steht es frei das nicht mehr als ein Zeichen einer Abhängigkeit oder des ungenutzten Potentials  oder des Ausschlusses der Frauen von Führungspositionen zu sehen, sondern in einen neuen feministischen Kontext einzuordnen, den man gegenwärtig  noch nicht einmal benennen muss.

Es ist interessant, dass hier der Hinweis darauf, dass „ein kolonialer Diskurs“ fortgesetzt wird als ausreichend angesehen wird, die Frage, ob die „Kolonialisten“ hier vielleicht tatsächlich eine gute Idee hatten, die tatsächlich der Befreiung der Frau diente, darf dort wohl nicht gestellt werden.

Es wird auch nicht weiter hinterfrage, was die weitere Bedeutung einer Verhüllung ist, und ob das mit anderen feministischen Ideen in einem Widerspruch steht. Das Potential einer Umdeutung irgendwann mal durch Femnistinnen wird anscheinend für ausreichend gehalten um generell eine Argumentation gegen die Verhüllung als sexistisch und rassistisch abzutun.

Ein Bild, welches ein ähnliches Argument enthält, ist dieses hier:

Kopftuch Sexobjekt

Kopftuch Sexobjekt

Das wäre das Argument, dass die „Desexualisierung“ eben nichts damit zu tun hat, dass eine Frau unterdrückt sein muss. Und das ist in der Tat richtig: Ich kenne einige sehr willensstarke Kopftuchträgerinnen, die in der Beziehung recht eindeutig die Hosen anhaben und mit denen man sich besser nicht anlegt. Aus konservativen Geschlechterrollen muss, selbst wenn konservative Rollen das teilweise vorsehen, in der Realität keine Unterwürfigkeit der Frau folgen, es kann vielmehr aus er Rolle heraus eben eine ganz klare Positionierung erfolgen, nach der sie bestimmte Aufgaben hat und der Mann gefälligst ebenso seine eigenen zu erledigen hat und dies beinhaltet auch gerne, dass der häusliche Bereich ihr Machtbereich ist, in dem er wenig mitzureden hat. Das Argument, dass mit der Bekleidung „die Sexualität der Frau privatisiert wird“ kann man natürlich auch umdrehen: Soll das etwa heißen, dass alle anderen Frauen ihre Sexualität in die Öffentlichkeit stellen, quasi als öffentliches Gut? Das macht deutlich, dass es sich hier teilweise um einen Strohmann handelt bzw. es eben sehr vom Blickwinkel abhängt.

5. Wertung

Ich muss sagen, dass es mir persönlich  sehr sympathisch wäre, wenn man alle religiösen Verhüllungen verbieten würde und eine strikte Neutralitätspflicht in der Öffentlichkeit einführen würde. Kopftücher, Nonnenuniformen, sonstige Zeichen einer Religionsgemeinschaft, es wäre aus meiner Sicht um nichts davon schade.

Ich glaube auch, dass es eine große Chance für den Islam wäre, moderat zu werden und sich von den radikaleren Schichten zu lösen. Das es in vielen Gemeinden nach wie vor so ist, dass die Priester und Imane aus anderen Ländern kommen und hier radikale Ideen predigen können behindert einen dringend notwendigen Modernisierungseffekt. Und wenn alle Personen, die es nicht ertragen könnten, dass Frauen kein Kopftuch tragen, das Land verlassen, dann würde ich es auch nicht schade finden, weil ich es für überkommene Regeln halte, die viele Frauen unnötig einzwängen. Ich glaube, dass es gar nicht so viele wären und auch in genug muslimischen Ländern tragen oder trugen Frauen kein Kopftuch.

Ein Beispiel, welches ich da anführen würde, ist, dass in Russland wohl die Beschneidung von Jungs auch aus religiösen Gründen verboten war. Deswegen sind russische Juden eben häufig nicht beschnitten und werden sich entsprechend damit arrangiert haben.

Allerdings ist das aus meiner Sicht mit einem liberalen Staat, wie ich ihn will, nicht zu vereinbaren. Ein Staat muss seinen Bürgern Freiheiten lassen und auch gerade dafür eintreten, dass sie an Kleidung wählen können, was sie wollen. Wenn eine Frau ein Kopftuch tragen will, dann ist das ihr gutes Recht. Es greift nicht in Rechte anderer ein und ein Verbot wäre aus meiner Sicht ein Einfallstor für fast beliebige Verhaltenskontrolle.

Deswegen lehne ich ein tatsächliches Verbot ab. Allenfalls könnte ich mir vorstellen, dass man bei Kindern ein Verbot für eine vollständige Gesichtsverhüllung aus religiösen Gründen erlässt was Schule etc betrifft, was mit einem Schutzauftrag für Minderjährige durch den Staat noch eher vereinbar ist. Bei Volljährigen muss es aber in ihrer Freiheit stehen, dass sie sich kleiden, wie sie es wollen, zumindest in Rahmen allgemeiner Gesetze. Wer ein umfassendes Verhüllungsverbot erlassen will, der kann es nicht auf ihm unliebsame politische Kleidung beschränken, er müsste ein allgemeines Gesetz machen, welches dann durch gute Gründe gerechtfertigt sein müsste.

10 Angebote aus „Manifest des Evolutionären Humanismus“

Vorbemerkung: Diese zehn „Angebote“ wurden von keinem Gott erlassen und auch nicht in Stein gemeißelt. Keine „dunkle Wolke“ sollte uns auf der Suche nach angemessenen Leitlinien für unser Leben erschrecken, denn Furcht ist selten ein guter Ratgeber. Jedem Einzelnen ist es überlassen, diese Angebote angstfrei und rational zu überprüfen, sie anzunehmen, zu modifizieren oder gänzlich zu verwerfen.

1. Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“ (die bei genauerer Betrachtung nichts weiter als naive Primatenhirn-Konstruktionen sind), sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern! Diejenigen, die behaupteten, besonders nah ihrem „Gott“ zu sein, waren meist jene, die dem Wohl und Wehe der realen Menschen besonders fern standen. Beteilige dich nicht an diesem Trauerspiel! Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion!

2. Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten! Du wirst nicht alle Menschen lieben können, aber du solltest respektieren, dass jeder Mensch – auch der von dir ungeliebte! – das Recht hat, seine individuellen Vorstellungen von „gutem Leben (und Sterben) im Diesseits“ zu verwirklichen, sofern er dadurch nicht gegen die gleichberechtigten Interessen Anderer verstößt.

3. Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Bedenke, dass die Stärke eines Arguments völlig unabhängig davon ist, wer es äußert. Entscheidend für den Wahrheitswert einer Aussage ist allein, ob sie logisch widerspruchsfrei ist und unseren realen Erfahrungen in der Welt entspricht. Wenn heute noch jemand mit „Gott an seiner Seite“ argumentiert, sollte das keine Ehrfurcht, sondern Lachsalven auslösen.

4. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen! Wer in der Nazidiktatur nicht log, sondern der Gestapo treuherzig den Aufenthaltsort jüdischer Familien verriet, verhielt sich im höchsten Maße unethisch – im Gegensatz zu jenen, die Hitler durch Attentate beseitigen wollten, um Millionen von Menschenleben zu retten. Ethisches Handeln bedeutet keineswegs, blind irgendwelchen moralischen Geboten oder Verboten zu folgen, sondern in der jeweiligen Situation abzuwägen, mit welchen positiven und negativen Konsequenzen eine Entscheidung verbunden wäre.

5. Befreie dich von der Unart des Moralisierens! Es gibt in der Welt nicht „das Gute“ und „das Böse“, sondern bloß Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Lernerfahrungen. Trage dazu bei, dass die katastrophalen Bedingungen aufgehoben werden, unter denen Menschen heute verkümmern, und du wirst erstaunt sein, von welch freundlicher, kreativer und liebenswerter Seite sich die vermeintliche „Bestie“ Homo sapiens zeigen kann.

6. Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest. Durch solche Kritik hast du nicht mehr zu verlieren als deine Irrtümer, von denen du dich besser heute als morgen verabschiedest. Habe Mitleid mit jenen Kritikunfähigen, die sich aus tiefer Angst heraus als „unfehlbar“ und ihre Dogmen als „heilig“ (unantastbar) darstellen müssen. Sie sollten in einer modernen Gesellschaft nicht mehr ernst genommen werden.

7. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Was uns heute als richtig erscheint, kann schon morgen überholt sein! Zweifle aber auch am Zweifel! Selbst wenn unser Wissen stets begrenzt und vorläufig ist, solltest du entschieden für das eintreten, von dem du überzeugt bist. Sei dabei aber jederzeit offen für bessere Argumente, denn nur so wird es dir gelingen, den schmalen Grat jenseits von Dogmatismus und Beliebigkeit zu meistern.

8. Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst! Du verfügst als Mensch über ein außerordentlich lernfähiges Gehirn, lass es nicht verkümmern! Achte darauf, dass du in Fragen der Ethik und der Weltanschauung die gleichen rationalen Prinzipien anwendest, die du beherrschen musst, um ein Handy oder einen Computer bedienen zu können. Eine Menschheit, die das Atom spaltet und über Satelliten kommuniziert, muss die dafür notwendige Reife besitzen.

9. Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben! Sei dir deiner und unser aller Endlichkeit bewusst, verdränge sie nicht, sondern „nutze den Tag“ (Carpe diem)! Gerade die Endlichkeit des individuellen Lebens macht es so ungeheuer kostbar! Lass dir von niemandem einreden, es sei eine Schande, glücklich zu sein! Im Gegenteil: Indem du die Freiheiten genießt, die du heute besitzt, ehrst du jene, die in der Vergangenheit im Kampf für diese Freiheiten ihr Leben gelassen haben!

10. Stelle dein Leben in den Dienst einer „größeren Sache“, werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en! Eine solche Haltung ist nicht nur ethisch vernünftig, sondern auch das beste Rezept für eine sinnerfüllte Existenz. Es scheint so, dass Altruisten die cleveren Egoisten sind, da die größte Erfüllung unseres Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf Andere liegt. Wenn du dich selber als Kraft im „Wärmestrom der menschlichen Geschichte“ verorten kannst, wird dich das glücklicher machen, als es jeder erdenkliche Besitz könnte. Du wirst intuitiv spüren, dass du nicht umsonst lebst und auch nicht umsonst gelebt haben wirst!

(Aus :„Manifest des Evolutionären Humanismus“, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2005, S.156-159)

Was einen zu den Fragen bringt:

  • Ist ein moralisches Leben ohne Religion möglich?
  • Ist eine moralische Gesellschaft ohne Religon möglich?
  • Welche Regeln sind für das heutige Leben besser geeignet: Die zehn Gebote oder die obigen zehn Angebote?

Meine Antworten wären:

  • Natürlich. Man kann aus humanistischen Erwägungen ein „guter Mensch“ sein. Natürlich kann sich beim Atheist eher der Gedanke einschleichen, dass es keine göttliche, allwissende Instanz gibt, die ihn für unbeobachtete Taten zur Verantwortung zieht. Allerdings unterliegt er gleichzeitig einer geringeren Gefahr Regeln als göttlichen Befehl umzusetzen, die gegenwärtig nicht mehr sinnvoll sind.
  • Eine atheistische Gesellschaft hat den Nachteil, dass sie sich ebenfalls nicht mehr auf eine strafende und allwissende Instanz berufen kann, die dem Leben einen übergeordneten Sinn gibt. Allerdings kann sie sich hierauf eben auch nicht im Schlechten berufen und eine Moral über weltliche Strafen sicherstellen. Die meisten Menschen haben durchaus eine gewisse Einsichtsfähigkeit darin, dass gesellschaftliche Regeln auch ohne göttliche Absicherung sinnvoll sind. Die die dies nicht haben, werden sich auch nicht unbedingt durch ihren Glauben abhalten lassen.
  • Die Angebote sind flexibler und moderner.