Antje Schrupp: „Was sind schon wissenschaftliche Beweise gegen einen tiefen Glauben?“

Antje Schupp sieht Kritik an Gender Studies aus unterschiedlichen Lagern:

Die Angriffe gegen die Gender-Studies kommen von ganz unterschiedlichen Seiten.
Oft widersprechen sich die Vorwürfe sogar gegenseitig. Rechtspopulisten und Maskulinisten werfen dem Fach vor, eine feministische Agenda zu betreiben, also nicht wissenschaftlich objektiv zu sein, sondern eine Ideologie zu verfolgen.
Andere beschuldigen die Gender-Theoretikerinnen, nicht feministisch genug zu sein, sondern sich in akademischen Spitzfindigkeiten zu verheddern und die wirklichen Anliegen von Frauen aus dem Blick zu verlieren. Beide Argumente stehen einander zwar diametral entgegen, können im konkreten Fall aber Hand in Hand gehen.

Und sie hat recht, wenn sie sagt, dass diese wenig miteinander zu tun haben:

Der erste Vorwurf bezieht sich darauf, dass Gender Studies Axiome voraussetzen, die sie nicht mehr hinterfragen, die aber falsch sind. Ausgangspunkt aller Fragen ist eine „gefühlte Wahrheit“ der Unterdrückung, die absolut gesetzt wird, so wie in der Theologie die Existenz Gottes absolut gesetzt wird.  Sicherlich kann man auf dieser Aussage eine „Wissenschaft“ aufsetzen, genauso wie man auf Literatur eine Wissenschaft aufsetzen kann, die sich mit der Analyse eines fiktiven Geschehens beschäftigt. Das macht dieses nicht wahr, es bildet nur den Ausgangspunkt für weitere Überlegungen.

Und der zweite Vorwurf erfolgt üblicherweise aus einer anderen feministischen Richtung, es ist ein innerfeministischer Streit zwischen dem „alten“ und dem „Neuen Feminismus“, dem Feminismus, dem es an Beauvoir orientiert um den Kampf Männer gegen Frauen um Macht geht und dem intersektionalen Feminismus, der möglichst viele Gruppen von Privilegierten und Unterdrückten finden will unter denen Frauen nur eine unter vielen und auch nicht die wichtigste sind und die in eine Hierarchie und einen Ausgleich gebracht werden sollen damit man alle Diskriminierungen abbauen kann.

Schrupp schreibt:

Am Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit gegenüber den Gender-Studies wird deutlich, wie stark auch in unserer Kultur, die doch so stolz auf ihren Rationalismus ist, die Widerstände dagegen sind, sich von wissenschaftlicher Forschung von Vorurteilen abbringen zu lassen. Da mögen Myriaden von Studien mehr oder weniger zu dem Ergebnis kommen, dass es in der typischen Unternehmens- und Organisationskultur starke Verzerrungen in der Wahrnehmung von Frauen und Männern gibt und dass deshalb Männer strukturell bevorzugt werden und Frauen weniger Chancen haben: Die meisten Menschen sind trotzdem der felsenfesten Überzeugung, sie behandelten Frauen und Männer objektiv und unparteiisch gleich. Was sind schon wissenschaftliche Beweise gegen einen tiefen Glauben? Nichts. Daran hat sich seit den Zeiten Galileos leider nicht viel geändert.

Ein schöner Strohmann: Tatsächlich gibt es tausende Studien für das Gegenteil. Weswegen Schrupp auch vorsichtshalber gar keine für ihre Behauptung zitiert. Die meisten werden auch nicht unbedingt davon ausgehen, dass sie Leute gleich behandeln, weil sie davon ausgehen, dass Männer und Frauen im Schnitt anders sind und man daher auch im Schnitt anders auf sie reagiert. Die meisten Frauen wären empört, wenn man sie so wie Männer behandelt, nicht begeistert. Und sie verhalten sich auch nicht wie Männer und sind gerne Frauen. Es ist geradezu bizarr, dass Schrupp hier tatsächlich meint, dass die wissenschaftlichen Beweise für ihre Sicht sprechen. Welche denn Frau Schrupp?

Interessant ist noch der folgende Abschnitt:

Der Fokus auf „Gender“ hat die Akzeptanzprobleme des Feminismus keineswegs gelöst. Die allermeisten Männer interessieren sich für „Gender-Kram“ ganz genauso wenig wie für „Frauenkram“ – auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt (und gar nicht mal so wenige), gerade unter jüngeren Männern.

Ein kleiner Erfolg mag also zu verbuchen sein, aber der Feminismus hat einen viel zu hohen Preis für die vermeintliche Einbeziehung aller Geschlechter in seine politische Agenda bezahlen müssen. Im Zuge dieses Paradigmenwechsels wurden Frauen nämlich von Subjekten des Handelns zu Objekten des Erforschtwerdens. „Frauenforschung“ hatte sich noch dafür interessiert, was Frauen taten und sagten. „Gender-Forschung“ hingegen erforscht, was über Geschlecht gesagt wird. „Frauenbeauftragte“ versuchten, der weiblichen Perspektive und den Wünschen von Frauen in traditionell männlich dominierten Institutionen Gehör zu verschaffen. „Gleichstellungsbeauftragte“ messen Frauen wieder am Maßstab von Männern oder zumindest an dem von Geschlechtlichkeit. Der Fokus auf „Gender“ hat dazu geführt, dass der Aspekt des Gender-Seins überdimensional aufgeblasen wurde, während die Originalität einzelner Frauen in den Hintergrund gedrängt wurde. In krassen Fällen hatte er sogar zur Folge, dass Gleichstellungsbeauftragte (m/w) die Interessen von Männern gegen den Willen und die Interessen von Frauen durchsetzen. Wenn Männerrechtler die Logik der Gleichstellung für ihre Interessen kapern, ist das nur folgerichtig.

Da spricht sie eigentlich recht offen aus, dass für sie zwei Sachen nicht richtig sind:

  • Frauen am Maßstab von Männern zu messen, obwohl sie oben angeführt hat, dass es ein Unding ist, dass Frauen anders behandelt werden
  • Das Interessen von Männer umgesetzt worden sind um mehr Gleichberechtigung zu erreichen statt nur auf Frauen abzustellen.

Sie hat meiner Meinung nach aber Unrecht, wenn sie das auf dem erstarken von „Gender statt Frauen“ herleitet. Es ist eine Folge davon, dass Gleichberechtigung eben abseits der Gender Studies tatsächlich häufig so verstanden wird, dass dann Nachteile für beide Geschlechter abgebaut werden. Es ist insbesondere eine Folge davon, dass Gesetze üblicherweise neutral formuliert werden und damit auch Männer sich bei Benachteiligung darauf berufen können.

„Männer sind es gewohnt, nur von Gleichrangigen kritisiert zu werden, nicht von Frauen“

Antje Schrupp bespricht ein Bild von Facebook:

 

Männer anschreien

Männer anschreien

Dazu merkt sie an:

Das Plakat ist interessant, weil es ja tatsächlich von vielen Männern (nicht nur von Strache) als wahr empfunden wird.

Dass die objektive Realität messbar eine andere ist, weil ja weiße Männer unvergleichlich viel mehr Redezeit haben als andere Menschen, weil sie viel, viel seltener angeschrien, unterbrochen, beschimpft usw. werden als jede andere demografische Gruppe, weil im Gegenteil ja Menschen wie sie selbst es sind, die andere am allerhäufigsten anschreien, unterbrechen, beschimpfen (wie man in jedem Thread und in jeder Talkshow sieht) tut da nichts zur Sache.

 Ich finde es ja immer wieder erstaunlich, wie einfach das Weltbild vieler Feministinnen ist: In ihnen gibt es keine schreienden. meckernden, keifenden oder ungerechtfertigt Anschuldigungen vorbringenden Frauen und wahrscheinlich sogar noch weniger Feministinnen, die so etwas machen würden.  Das wäre ja sogar unabhängig davon, ob Männer in Talkshows eher unterbrechen oder Männer an sich häufiger anschreien: Das wäre dann eben schlechtes Benehmen der betreffenden Männer und würde Frauen nicht berechtigen, sich ebenfalls schlecht zu benehmen. Ich würde das Plakat auch losgelöst von der Person Strache sehen, er hat es selbst nur aus dem Internet, wo es vorher schon auftauchte. Es ist eine erstaunliche Perspektive, denn natürlich werden Männer von Müttern, Freundinnen, Lebensgefährten, Ehefrauen, Chefinnen etc auch angeschrien, unterbrochen, beschimpft.
Hier geht es aber um etwas ganz anderes: Es geht darum, wie bestimmte Meinungen gerade von radikalen Linken empfunden werden, die ihre Meinung absolut setzen und dabei eine Einteilung in absolute Opfer- und absolute Tätergruppen vornehmen und jede Kritik als Hochverrat und Tabubruch ansehen. Diese Meinung wird hier von einem Typ symbolisiert, der dies besonders häufig praktiziert, der Feministin. Denn diese steht in der „linken Unterdrückungshierarchie“ eben besonders hoch und das gibt ihr eine bestimmte Macht, Leute abzuwerten. Das gerade der Feminismus auch für „Shitstorms“ durch das Anfachen moralischer Entrüstung bekannt sind zeigen eine Vielzahl von Fällen.

Worum es geht ist nämlich tatsächlich „Entitlement“: Menschen reagieren emotional nicht einfach auf die realen Verhältnisse, sondern auf die Differenz zwischen den realen Verhältnissen und dem, worauf sie glauben, einen Anspruch zu haben. Und weiße, bürgerliche Männer glauben (so ist weiße Männlichkeit ja konstruiert), einen Anspruch darauf zu haben, dass sie nur von „Gleichrangigen“ kritisiert werden dürfen, nicht aber von „anderen“. Sie glauben, einen Anspruch darauf zu haben, dass ein Argument nicht als im öffentlichen Diskurs legitim gilt, solange sie es nicht verstehen und teilen. Sie empfinden es als übergriffig, wenn andere Menschen, auch noch solche, die „unter“ ihnen stehen, eine andere Meinung haben als sie und sich um ihre Meinung auch gar nicht scheren.

Das muss man wohl denken, wenn man Teil dieser Ideologie ist, in der der Mann Täter ist. Dass Männer sich als gleichrangig ansehen und deswegen aus ihrer Sicht natürlich das Recht haben ihrerseits zu kritisieren oder auf Kritik zu reagieren und sich gegen Abwertungen zu wehren, dass sie natürlich das Recht haben, bestimmte Positionen nicht zu teilen und daher auch nicht zu akzeptieren, dass sie natürlich eine Meinung, die sie als Täter ansieht und sie abwertet, weil sie weiß, heterosexuell und männlich sind, als Angriff auf sie sehen und das diese Ansichten nicht als von unten kommend, sondern von oben aufgedrückt wahrgenommen werden, das kann einem dann wohl gar nicht in den Sinn kommen.

Die schlechte Nachricht: Diese Auseinandersetzung um gesellschaftliche Hegemonie wird nicht ohne Schmerzen abgehen. Und zwar eben tatsächlich Schmerzen auf Seiten derjenigen, die von den weißen bürgerlichen Männern jetzt als ihre Gegner_innen definiert werden, so wie die Frau auf dem Plakat: Denn da sie ja subjektiv das Gefühl haben, ungerecht behandelt zu werden, fühlen sie sich umso mehr berechtigt, jetzt ihrerseits zuzuschlagen. Ihre Gewalt ist reine Notwehr, sozusagen.

Es ist auch erstaunlich, dass sie anscheinend gar nicht wahrnehmen will, dass weiße, bürgerliche, heterosexuelle Männer nicht die Frau als Gegner auserkoren haben, sondern das sie bereits seit langem das Feindbild dieser Frau sind. Da braucht man gar nicht groß suchen, es reicht in Google „weiße heterosexuelle Männer“ als Suchbegriff einzugeben und der Hass auf diese ist gut zu erkennen.

Die gute Nachricht: Es scheint sich tatsächlich etwas zu ändern. Denn während sie Emanzipation und Gleichstellung noch ignorieren konnten, weil sie dachten, das betrifft sie ja nicht, merken sie nun so langsam, dass es tatsächlich auch um sie geht. Dass die Welt, so wie sie sie sich bisher zurechtphantasiert haben, nicht die ganze Realität ist. Dass es da noch andere gibt, die ihren Platz behaupten.

Was wir hier erleben ist das Ende des Patriarchats. In einem intakten Patriarchat wäre so ein Plakat völlig undenkbar.

Mit dem letzten Satz hat sie Recht. Nur ist es eben nicht das Ende des Patriarchats, weil es kein Patriarchat gibt. Frauen sind nicht unterdrückt. Sie interessieren sich nur weniger für Macht und Status, weswegen sie in entsprechenden Positionen auch seltener zu finden sind.

Was Antje auch ausblendet: Es sind nicht nur Männer, die das so erleben. Eine der 53% der weiblichen Wähler in den USA würde ebenso beschimpft werden oder überhaupt eine Frau, die den modernen radikalen Feminismus nicht akzeptiert. Der moderne Feminismus verbietet sich per se Kritik und reagiert aggressiv, weil er argumentativ seine Position kaum verteidigen kann.

Der NSA-Skandal lenkt Männer nur davon ab, kritisch über ihre Privilegien nachzudenken

Kerstin Ludwig von Tante Jays Café hat einen Artikel mit Feminismuskritik bei Carta eingestellt. Dabei beschwert sie sich:

Eines stört bei vielen Feministinnen sehr: Der Drang, wirklich *jedes* Thema in die Fem-Ecke zu ziehen.

Als Beispiel nimmt sie Bezug auf einen Artikel bei den Fuckermothers:

Dort heißt es in einem Artikel zu Snowden und Co:

Meine These ist, dass bei der Ikonographisierung von Snowden und Co. ein Bedürfnis nach (klassischerweise männlichen) Helden mitschwingt. Eine diffuse Sehnsucht nach ein bisschen Action, nach einer mutigen Männlichkeit, die zwar nicht wie früher für „Haus, Frau und Nation“ in den Krieg zieht, dafür aber ihr Leben im Namen einer digitalisierten Zivilcourage aufs Spiel setzt. Diese Männlichkeit steht dabei für nichts Geringeres als für die Grundrechte der gesamten westlichen Welt ein. Snowden und Co. – das sind die Helden der digital Bohème, der Netzaktivisten, der Breaking-News-Blogger und der Investigativjournalisten. Die Daten-Cowboys stehen für die Forderung nach einer freien Meinungsäußerung, die alles sagen wollen darf, ohne je wirklich darum gekämpft zu haben. Sie sind bei genauer Betrachtung die Helden einer Elite, die trotz des Überwachungs-Gaus das Privileg hatte und auch zukünftig haben wird zu definieren, welche Themen relevant sind, ohne über dieses Privileg selber kritisch nachdenken zu müssen.

Es ist erstaunlich, dass man eine Sehnsucht nach Männlichkeit schaffen muss, wenn es recht nahe liegend ist, warum diese gefeierte werden. Sie haben unter hohen persönlichen Opfern gegen einen starken Gegner gegen den Bürger gerichtete Machenschaften aufgedeckt und sich insoweit in den Dienst der Gemeinschaft gestellt. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass dies in einer sehr gruppenbezogenen Spezies wie der unseren als lobenswert angenommen wird. Ihr Verdienst ist groß, weil sie Risiken eingegangen sind, um dunkle Machenschaften aufzudecken.

Assange kommt dabei der Verdienst zu, eine Plattform gegründet zu haben, die dies ermöglicht, Manning hat ebenfalls erhebliches aufgedeckt und Snowden ebenso.

Ich will nicht sagen, dass männliche und und weibliche Heldenrollen gleich geschrieben werden, aber Heldenrollen können bei Männern sicherlich besser ausgebaut werden. Eine mutige Frau, die entsprechende Daten freigegeben würde und verfolgt würde, würde vielleicht eher eine Heldenrolle bekommen, die ihre Taten betont, aber auch auf Schutz und Unterstützung ausgerichtet sind. Manning schwebt hier mit seiner Ankündigung vielleicht etwas zwischen den Stühlen, weil sich seine Rolle weniger klar zeichnen lässt, aber ich habe ihn durchaus als Helden in der Presse erlebt.

Dann heißt es weiter bei den Fuckermothers:

Anders gesagt beinhaltet der Staat-Bürger_innen-Antagonismus die Idee, dass bestimmte Instanzen sich doch bitte ethisch und moralisch richtig verhalten mögen, und dann ist alles gut. Dieser Wunsch nach der „guten Regierung“ oder der „ethischen Marktwirtschaft“ hat aber oft zur Folge, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse ausgeblendet werden. Und das bedeutet letztlich, dass die eigenen Anteile an dieser Gesellschaft verschleiert werden können.

Wirklich interessant würde es doch, wenn Leute wie Sascha Lobo einmal darüber nachdenken, welche Privilegien der (Überwachungs)Staat Menschen wie ihm bisher auch gesichert hat. Für Leute, die ihre Stimme in der wichtigsten Newseite Deutschlands erheben dürfen, läuft es doch nicht so schlecht mit der freien Meinungsäußerung, oder?

Also letztendlich ein: Ist doch alles nur eine Maßnahme, mit der sich die Privilegierten die Welt schön reden um das eigentliche Problem, nämlich ihre Privilegierung besser ausblenden zu können. Schon ein sehr starker Bogen, der aus meiner Sicht auch an der Sache vorbeigeht: Zum einen wegen der Schwächen der Privilegientheorien, zum anderen aber auch, weil eine Aktion wie die NSA-Affaire aufzudecken richtig und gut war und nicht nur eine Verschleierungsaktion war. Man muss schon eine unglaubliche Selbstzentrierung, eine Art Narzismus haben, um alle wichtigen Probleme dieser Welt nur bei der eigenen Gruppe zu verordnen.

Tante Jay dazu:

Es sind ja nicht nur die Fuckermothers, deren Twist in Richtung Realitätsverweigerung und Genderwahnsinn man erst mal hinbekommen muss, ohne sich dabei schwerste Verletzungen zuzuziehen. Die Rassismus-Schiene bitte nicht überbewerten. Sie dient nur der Untermauerung der eigenen Position und ist kein eigenständiges Argument.

Die Fuckermothers haben dabei die eingesprungene Schraube mit doppeltem Flip und Spagat geschafft: Marginalisierung der Abhöraktionen bei gleichzeitiger Maximierung des eigenen Stellenwerts, garniert mit einer Sprache, bei der mein Sozialpädagogen-Radar auf Vollanschlag geht.

Die Kernaussage der Fuckermothers ist, wenn man mal das Spießbürgerbildungstum abzieht: Hätte man vor 10 Jahren schon alles wissen können, wenn man die richtigen Bücher gelesen hätte.

Harte Worte. Aber durchaus treffen. Die Abhöraktion wird in der Tat fast für unbedeutend erklärt, zu einem Problemchen, welches nur der Nabelschau des Patriarchats dient und das eigene Problem wird aufgeblasen und zur absolut wichtigsten Frage erklärt – ohne das tatsächliche Probleme konkret benannt werden.

Des weiteren greift sie auf, dass der Text dann erst bei der Mädchenmannschaft erschienen ist, dann aber gelöscht (aber verlinkt) und durch einen erklärenden Text ersetzt wurde, der sich im wesentlichen darauf beruft, dass man den Namen Assange nicht aussprechen darf ohne darauf hinzuweisen, dass er ein Vergewaltiger ist (ohne das es bisher ein Urteil gab und bei einigen offenen Fragen). Die Mädchenmannschaft:

Wir halten es jedoch für problematisch und auch widersprüchlich, in einer solchen Analyse nicht auf die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Julian Assange und deren zutiefst sexistische mediale Rezeption zu verweisen. Wenn Assange sich als Whistleblower betätigt, wird das als politisch wahrgenommen und er zum Helden erklärt – auch in besagtem Blogbeitrag. Wenn er sexualisierte Gewalt ausübt, wird dem ganzen seine politische Dimension aberkannt und das Helden-Narrativ bleibt unangetastet.

Ich kann mir gut vorstellen, dass man erst einen schönen Text gehabt zu haben glaubte, der den feministischen Opferanspruch selbst in der Abhöraffaire verteidigte bis dann irgendjemand damit anfing, dass jeder, der Assange ohne Vorwurf der Vergewaltigung nennt selbst zum Helden macht, der Heldengeschichte Raum gibt, also das Patriarchat unterstützt. IDPOl schlug mal wieder zu, man hatte sich nicht genug identifiziert und der Text musste daher weg.

Weiter bei der Mädchenmannschaft:

In diesem Zusammenhang kann es auch nicht unerwähnt bleiben, dass der Heldinnenstatus hier wenn dann viel eher der im Text gänzlich entwähnten Chelsea Manning zukäme, die die fraglichen Daten gesammelt und Wikileaks/Julian Assange zur Verfügung gestellt hat. Chelsea Manning wurde gerade zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt und wird während ihrer Haft umso mehr Gewalt und Übergriffen ausgesetzt sein, während Julian Assange, der Mannings Materialien lediglich veröffentlicht hat, glorifiziert und protegiert wird (u.a. erhält er Schutz in Botschaften), auf seine Staatsbürgerrechte pochen kann und sich offenbar relativ unangefochten und sicher zu fühlen scheint.

Es war schon klar, dass Manning mit dem Wunsch, eine Geschlechtsumwandlung durchzuführen, und seinen Vornamen in Chelsea zu ändern nunmehr aus Sicht des Feminismus eine Sonderrolle einnehmen musste und mehr Opfer und weniger geachtet sein muss als die anderen.

Dass Assange den weiteren Vorwürfen dieser Art nur ausgesetzt sein könnte, weil die USA seine Auslieferung will und Manning nicht unanfochten sein konnte, weil die USA ihn bereits in den Fingern hatten, dass scheinen Fakten zu sein, die keine große Rolle spielen. Dass das Urteil gegen Manning großes Interesse hervorgerufen hat und seit seiner Entscheidung als Frau zu leben schlicht nichts mehr passiert ist, was man besonders berichten könnte: Dahingestellt.

Tante Jay dazu:

Der ganze Text ist ein wirres Konglomerat von kruden Behauptungen, dummen Wertungen, unzusammenhängenden Tatsachen – um den Mangel eigener Einsichtsfähigkeit zu kaschieren, wird dann mal ein wenig geschwurbelt.

Und die Ergänzung der Mädchenmannschaft negiert (mal wieder) rechtsstaatliche Grundsätze, indem sie die Vorwürfe als bewiesen annimmt und die kritische Rezension als “sexistisch” brandmarkt.

Das ist Feminismus, Marke Bahntheorie: Rechts und links der Schienen, auf denen man rennt, darf es nichts geben. Die Bahn bestimmt, wo wir auszusteigen haben. Doch der Mensch ist keine Bahn, Gleichberechtigung keine Einbahnstraße, und die Unschuldsvermutung nicht eine Frage des Straftatbestands. Aber mach DAS mal einem dort drüben klar.

Das Bahnschienengleichnis finde ich durchaus passend: Für jede Feministin gibt es eben nur einen richtigen Weg und dieser muss gegangen werden, Abweichungen sind nicht zugelassen. Da darf man das Rechtsstaatsprinzip ruhig mal links liegen lassen.

Soviel Kritik liegt aber eben auch nicht auf dem feministischen Gleisbett und über Tante Jay brach daher ein Shitstorm zusammen. Neben allerlei Protest erklärte beispielsweise Antje Schrupp:

Seit einer Weile werden ab und zu Texte von mir auch auf carta.info veröffentlicht, worüber ich mich immer sehr gefreut habe. Doch nach diesem Text, in dem zwei feministische Blogs auf eine für mich inakzeptable Weise niedergemacht werden, werde ich keine Texte mehr für Carta zur Verfügung stellen.

Es geht mir dabei nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung mit den in Frage stehenden Texten und den darin vorgebrachten Argumenten. Da kann man mit guten Gründen Einwände haben und die Dinge anders sehen. Mehr noch: Es hätte mich sogar interessiert, wenn eine inhaltliche und ruhig auch scharfe Auseinandersetzung darüber stattgefunden hätte.

Doch dieser Text stellt eben gerade keine inhaltliche Auseinandersetzung dar, sondern baut einfach nur auf den plumpen Mainstream-Reflex, wonach Feministinnen, sobald sie mehr und Radikaleres wollen als eine bloße Gleichstellung mit den Männern, ja sowieso eine Schraube locker haben.

Ein plumper Mainstream-Reflex, wonach man „bloße Gleichstellung“ schon nicht zulässt. Bei einem Text, der die NSA-Affaire als unwichtiges Geplänkel ansieht, welches von Frauenproblemen ablenkt. Und überhaupt: „Bloße Gleichstellung“. Wo wird diese in den beiden Texten überhaupt gefordert? Ich würde sie eher als klassische Beispiele eines gynozentrischen Feminismus sehen

Anatol Stefanowitsch legt auch noch mal nach:

Die Frage ist, warum, und vor allem, warum ein relativ sichtbares Medium wie CARTA einen solchen Text veröffentlichen sollte. Natürlich ist es wichtig, die Enthüllungen und deren Konsequenzen für die Whistleblower und für die Öffentlichkeit zu diskutieren. Niemand bestreitet das, und gefühlte neunundneunzig Prozent aller Medien tun genau das, und nur das. Aber Feminismus ist kein Spartendiskurs. Feminismus beschäftigt sich mit der alle Gesellschaftsbereiche durchziehenden Ideologie geschlechtlicher Rollenbilder und der Unterdrückung bestimmter Geschlechter zugunsten anderer. Zu fordern, dass die Feministinnen sich oder den Feminismus aus bestimmten Themen herauszuhalten hätten, zeugt nur von einer Ignoranz gegenüber den Inhalten des Feminismus, und einem Wunsch, unangenehme Diskurse an den Rand zu drängen und aus ganzen Gesellschaftsbereichen herauszuhalten.

Frauen und/oder Feministinnen können und müssen es aushalten, dass ihre eigentlich so selbstverständlichen Anliegen im öffentlichen Diskurs, und erst recht in den großen Medien, so gut wie nie auch nur Erwähnung finden. Warum können Vertreter/innen der Mehrheitsgesellschaft es umgekehrt nicht aushalten, das zwei kleine bis mittelgroße Blogs, zu deren zentralen Themen der Feminismus gehört, sich überall dort mit feministischen Fragestellungen befassen, wo diese auftreten (also überall)?

Schön durchgeführt: Der Feminismus wird UNTERDRÜCKT. Er soll sich RAUSHALTEN. Er ist ein Opfer, obwohl dort nur berechtigte Interessen vertreten werden.

Dass niemand behauptet hat, dass sich der Feminismus zu solchen Themen nicht äußern soll, sondern nur, dass es hier auf eine sehr dumme Weise erfolgte, dass niemand außer Frau Schrupp selbst erklärt hat, dass sie ihre Texte nicht mehr veröffentlichen wollen, dass bestimmte Punkte keine Erwähnung finden, weil diese Sparte des Feminsmus gynozentrisch ist und in allem eine Benachteiligung von Frauen sieht, das kann ihm gar nicht in den Sinn kommen.

Wie auch?

Es ist mit der feministischen Theorie nicht vereinbar.

Und damit darf es nicht sein.