Alice Schwarzer: Eine kleine Presseschau

Eine kleine Presseschau anlässlich des 70. Geburtstags von Alice Schwarzer:

Überschwänglich ist man in der FAZ:

Wie gratuliert man Alice Schwarzer angemessen zum Geburtstag? Mit einem Artikel? Oder besser mit einer Festschrift? Oder am besten mit der Gründung eines nach ihr benannten Instituts – zur Erforschung der Geschichte der Frauenbewegung? Übertrieben wäre das nicht, denn kaum eine einzelne Person hat in der Geschichte der Bundesrepublik so viel bewegt, verändert und erreicht wie Alice Schwarzer. Und wenn man umgekehrt den Geburtstagsgruß so knapp wie möglich halten müsste und nur ein einziges Wort zur Verfügung hätte, um die herausragendste Eigenschaft von Schwarzer zu benennen, dann brauchte man nicht mehr als drei Buchstaben: Mut. Denn das ist die andere Seite ihres Erfolgs. Kaum eine einzelne Person in der Geschichte der Bundesrepublik wurde so geschnitten, ausgegrenzt, ignoriert, beschimpft und beleidigt wie Schwarzer.

Im Tagesspiegel wird es schon etwas kritischer: Sie stehe für einen heute nicht mehr zu vertretenen Feminismus:

Wir, das sind aber auch die Verräterinnen. Machen wir uns nichts vor, wir sind keine Freundinnen. Das liegt nicht nur daran, dass du letzthin zu oft mit den falschen Leuten falsche Sachen gemacht hast (mit Sarkozy gegen das Kopftuch, mit „Bild“ gegen Kachelmann). Ihr, die Feministinnen der ersten Stunde, seid uns fremd. Eure Lieder, eure Klamotten, das Vermessen der Schwellkörper der Klitoris, das Herbeidichten eines historischen Matriarchats, überhaupt das ganze Pathos, all das geht uns, postideologisch wie wir sind, gegen den Strich.

Wir sehen uns nicht als Opfer. Wir vertrauen Männern. Ihr habt sie als „Zipfelträger“ bezeichnet. Vielen von uns, die wir unsere Männer und Freunde und Söhne lieben, widerstrebt die Herabwürdigung. Rechtlich und materiell gestärkt, nehmen wir Männer als Partner wahr, auch im Kampf gegen die Verhältnisse.

Nadine Lantzsch mag sie gar nicht:

Vor kurzem wurde mir während eines Vortrages wieder einmal vorgehalten, dass ich Alice Schwarzer nicht dankbar bin. Wieso auch? Sie vertritt ein Lebensmodell, das nicht meines ist. Politiken, die ich ablehne. Ihr Feminismus ist androzentrisch, heterosexistisch, sexarbeitsfeindlich, transphob und rassistisch. Die von ihr initiierte PorNo-Kampagne kann ich historisch einbetten, um sie nachzuvollziehen, muss mich aber nicht automatisch ihrer Position anschließen, wenn ich Machtgefälle und Frauenfeindlichkeit in der Pornoindustrie anprangern will. Abgesehen davon kann ich mir ebenso andere feministische Perspektiven auf Porno anlesen, um mich zu vergewissern, dass es mehr gibt als diese Binaritäten, die weder von Schwarzer noch vom Mainstream jemals als solche markiert und hinterfragt werden. Ohne mich anschlussfähig zu machen für den Diskurs der lust- und sexfeindlichen Emanze. Wieso muss ich denn einen Personenkult befördern, der nicht viel mehr bringt, als Feminismen und ihre Vertreter_innen unsichtbar zu machen?

Wo wir gerade bei dem Artikel von Nadine sind: Interessanterweise scheint Lantzschi auch eher an andere Feministinnen erinnern zu wollen:

Ich bin dankbar, dass es widerständige Aktivist_innen, Theoretiker_innen, Feminist_innen, feministische Bewegungen einen Teil dazu beigetragen haben, dass ich heute Freiheiten genieße, die andere vor mir nicht hatten (…) Übrigens: Valerie Solanas wäre letztes Jahr 75 geworden

Die Süddeutsche stellt eine kleine Zitatesammlung zusammen, darunter auch:

„Eine der enervierendsten Frauen der Gegenwart“, „Sie hat wirklich keine Ahnung. Sie spinnt.“

(Journalist Kay Sokolowsky in seinem Buch „Who the fuck is Alice“ 2000)

„Wie immer schließt Schwarzer alle aus, die sich arrangieren. Doch ist ihre unzeitgemäße Erinnerung an eine Struktur, die das postmoderne Spiel mit den Rollen unterläuft, notwendig. Wer sonst würde fragen, warum bei Gewaltpornos eigentlich so selten Männer zerstückelt werden?“

(Heide Oestreich am 24. Oktober 2000 in der taz über Schwarzers „Der große Unterschied“)

Bei der Mädchenmannschaft sieht man in der Gleichsetzung von Schwarzer mit dem Feminismus eine fiese Strategie um die anderen Feminismen auszublenden:

Doch welchen besseren Anlass hätten die Medien finden können als den Geburtstag “der deutschen Feministin”, um alle anderen Feminist_innen wegzuschreiben und wegzureden. Eine Taktik, die ja sowieso nicht unbeliebt ist: Alice Schwarzer wird zu einem Thema interviewt und schon ist die feministische Perspektive da.

DRadio schreibt etwa über das Buch von Miram Gebhardt:

Das Manko des deutschen Feminismus im 20. Jahrhundert im Vergleich etwa zu den einflussreichen französischen oder amerikanischen Emanzipationsbewegungen sieht die Historikerin vor allem in der Trennung zwischen akademischer und politischer Bewegung. Während an Universitäten theoretische Seminare über „Gender Studies“ abgehalten würden, werde in der Öffentlichkeit undifferenziert gegen das Patriarchat polemisiert – hauptsächlich von Alice Schwarzer. Frauenrechtlerinnen wie Simone de Beauvoir oder Susan Sontag, die sowohl akademisch als auch öffentlich wirkten, gäbe es nicht. Dem Feminismus in Deutschland fehle es deshalb an Breite und vor allem an Vielstimmigkeit. Alice Schwarzers stets gleiche Kritik etwa an der Pornografie befremdet, so Gebhardt, gerade junge Frauen zunehmend. Und die eigentlichen Probleme, etwa die Tatsache, dass Deutschland im internationalen Vergleich in vielen Bereichen, etwa beim Anteil der Frauen an Universitäten, in Medien oder in wirtschaftlichen Führungspositionen, weit hinten steht, würden damit nicht angegangen. Miriam Gebhardt fordert deshalb eine Abkehr vom „Schwarzer-Feminismus“ und plädiert dezidiert für eine echte Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Problemen.

The European kritisiert die Vorherrschaft von Schwarzer mit einem weiteren Zitat von Gebhardt:

Es gibt nur eine Alice Schwarzer. […] Allerdings gefährdet die Nach-mir-die-Sintflut-Rhetorik ihre Lebensleistung. Schwarzer legt die (klassisch männliche) Einstellung eines Familienpatriarchen an den Tag, der die Früchte seines Lebenswerks opfert, nur um sie keinem Jüngeren zu überlassen.

Und weiter:

Einerseits behauptet Schwarzer, sie sei nicht die „Präsidentin der deutschen Frauenbewegung“, schließlich habe sie niemand gewählt. Andererseits verhält sie sich aber faktisch so – eine Haltung, die den Feminismus in Deutschland blockiert und ihm nachhaltig schadet. Das liegt in der Art von Feminismus begründet, die Schwarzer vertritt. Miriam Gebhardt bezeichnet ihn als „Ändere dich gefälligst“-Feminismus: Frauen müssen zu „Menschen“ werden, indem sie sich von den Männern emanzipieren. Die konträre Position, der „Werde, die du bist“-Feminismus, verlangt hingegen von den Frauen, zu ihrer wahren Weiblichkeit zu finden. Gebhardt, das macht sie deutlich, hält von beiden Positionen nicht viel. Dadurch, dass Schwarzer sozusagen das Feminismus-Monopol in Deutschland hält, wird ihre Art des Feminismus als universell empfunden.

Dort findet sich auch noch ein Schwarzer Zitat zu dem Verhältnis von Männern und Frauen:

Mann-Frau-Beziehung (sic!) sind – unabhängig vom Willen des einzelnen Individuums – qua Funktion in dieser Gesellschaft Herrschaftsverhältnisse. Frauen sind unterlegen, Männer überlegen. Diese Machtstrukturen spiegeln sich in der Sexualität. Die herrschenden sexuellen Normen, und damit die Sexualität selbst, sind Instrument zur Etablierung dieser Machtbeziehung zwischen Mann und Frau.

Bettina Röhl schildert noch einmal genau den David Reimer Fall und hält dazu fest:

Die aberwitzigen Thesen von Money, Schwarzer und Schmidt sind durch David Reimer nicht bewiesen worden, sondern endeten in der Katastrophe eines Selbstmordes, Endpunkt eines Lebens, das 38 Jahre lang Folter und Seelenqual bedeutete.

(…) Weder die Feministin Alice Schwarzer noch der beliebte und von vielen Mainstream-Medien gern zitierte Hamburger Sexologe Schmidt haben ihren Irrtum öffentlich zugegeben. Damit verweigern sie uneinsichtig einem Opfer ideologischer Verblendung ihre letzte Ehre.

Der Stern verweist unter anderem auch auf Kritik an ihr:

Es gibt aber auch das andere, wenig schmeichelhafte Bild: Schwarzer als autoritäre Figur, besserwisserisch, machtbesessen – ein weiblicher Macho. Zu ihren Kritikern gehören die frühere „taz“-Chefredakteurin Bascha Mika oder auch die Journalistin Lisa Ortgies, die im Jahr 2008 kurz als „Emma“-Chefredakteurin amtierte, dann aber schnell wieder den Posten räumte. Viele junge Autorinnen wie Charlotte Roche oder Forscherinnen halten Schwarzers Themen für nicht mehr aktuell, manche meinen, es sei Zeit abzutreten.

Schwarzer selbst in der Frankfurter Rundschau zu ihren Zielen:

Ich möchte, dass Emma so lebendig und aktuell bleibt, wie sie in ihrem 35. Jahr ist. Und ich hoffe, dass irgendwann auch in Deutschland jeder und jede begreift, dass Prostitution kein „Beruf wie jeder andere“ ist und dass es Männern peinlich ist, sich für ein paar Scheine den Körper und die Seele einer Frau zu kaufen, und Kölner Taxifahrern, mit einer Werbung fürs Pascha durch die Stadt zu fahren. Auch möchte ich den Musliminnen in Deutschland und der Welt beistehen, damit sie nicht von den Islamisten, die den Glauben für ihre Machtstrategien missbrauchen, zurück ins Mittelalter getrieben werden.

Die Gelegenheit nutzt Schwarzer auch gleich um gegen den neuen Feminismus zu wettern:

Muss der Feminismus heute nicht notwendig anders sein als früher? Braucht es nicht den von Ihnen gegeißelten „neuen Feminismus“?

Geißeln? So als wäre der Feminismus eine Sünde? Nein, ich erlaube mir lediglich, eine gewisse Variante des Feminismus zu kritisieren.

Nämlich welchen?

Den, der sich mit der eigenen Karriere begnügt. Es gibt Millionen Frauen in Deutschland und auf der Welt, denen es bedeutend schlechter geht als diesem Dutzend „neuer Feministinnen“ in den Medien – und die wollen wir doch nicht vergessen. Wir müssen auch den Feminismus nicht alle 30 Jahre neu erfinden. Der Kerngedanke – gleiche Chancen und Rechte sowie Pflichten für Frauen wie Männer – muss einfach angepasst werden an die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung.

Das Schwarzer und der „neue Feminismus“ nicht zusammenpassen ist recht klar – beide sind Dogmatikerinnen, die keine Abweichung von der jeweiligen Meinung dulden. Während Schwarzer eher an Beauvoir orientiert ist und insoweit noch einen tatsächlichen Kampf Männer gegen Frauen vor Augen hat, bei dem die Männer als Gruppe die Frauen unterdrücken ist dies bei dem neuen Feminismus nunmehr etwas weniger unmittelbar, Geschlechterrollen sind der Feind und Männer nur Nutznießer dieser. Während sich der „alte Feminismus“ auf den Geschlechterkampf konzentriert, sieht der neue Feminismus überall Normen, die zu einem bestimmten Verhalten führen und bekämpft werden müssen., wobei Selbstbestimmung der Opfer eine große Rolle spielt. Deswegen wird dort Schwarzers Kampf gegen den islamische Männlichkeit als Eingriff in fremde Kulturen gedeutet, während Schwarzer es als Ausbremsen des Kampfes gegen patriarchische Strukturen deutet. Deswegen kann Schwarzer Pornos nicht differenziert sehen, sondern nur als Machtmittel im Kampf Männer gegen Frauen, während Teile des neuen Feminismus eben betonen, dass es auch eine Selbstbestimmung in der Sexarbeit geben kann.

Auch wenn es die Mädchenmannschaft nicht einsehen wird: Ihre Seite ist in der allgemeinen Bevölkerung nicht bekannt, die von ihnen veranstalteten feministischen Konzerte, Demonstrationen und sonstigen Aktionen werden nicht wahrgenommen. Wenn jemand in einer Talkshow eine feministische Perspektive haben möchte, dann lädt er Schwarzer ein, weil ihre Bekanntheit sehr hoch ist. Andere Meinungen spielen in der öffentlichen Wahrnehmung quasi keine Rolle.

Weil Schwarzer ein Machtmensch ist, wird sie auch nicht daran arbeiten können, eine Frau als Nachfolgerin auszubauen. Nach ihr wird also ersteinmal ein Vakuum vorhanden sein.

Ich bin gespannt, ob man es füllen kann.

Maskulismus in der Emma

Die Emma hat Maskulismus als Thema. Überraschenderweise kommt der Maskulismus nicht gut dabei weg, wenn man die Vorankündigung liest, in der Maskulismus mit dem radikalen Maskulismus und mit Frauenhass gleichgesetzt wird.

Durchgeknallte Sprüche durchgeknallter Frauenhasser im Internet? Mitnichten. Diese Zitate stammen von Journalisten und Wissenschaftlern und werden in geachteten Blättern verbreitet. Sie sind – in dieser Reihenfolge – von dem Ressortleiter Politik der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), Volker Zastrow; dem Ex-Ressortleiter Kultur der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Patrick Bahners; dem Ressortleiter des Focus, Michael Klonovsky; dem emeritierten Soziologie-Professor aus Bremen, Gerhard Amendt; dem Ex-Spiegel-Ressortleiter Matthias Matussek und dem Militärhistoriker Martin van Creveld. (…)

Es scheint widersprüchlich, doch ist nur logisch, dass einerseits die Männer, die die Frauen verstehen und an Beziehungen auf Augenhöhe interessiert sind, immer mehr werden – und andererseits die angezählten Helden, die ihre Machtfantasien aus der Unterwerfung der Frauen beziehen, immer lauter. Denn in der Tat, ihre Macht ist in Gefahr. Um sie zu halten, scheinen sie zu allem entschlossen.

Rosenbrock wird als „Der Experte“ zitiert, ansonsten konnte ich aber nicht viel lesen, weil in der Vorschau die Schrift zu undeutlich wurde (die Emma leidet ja eh an sinkenden Verkaufszahlen, da will man wohl nicht zuviel vorwegnehmen.)

Die Emma scheint mir, da es ja nur um Macht geht, alles unter Backlash einzuordnen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist natürlich nicht gewünscht.

Was haltet ihr von dem Artikel?

Feminismus, Alice Schwarzer und Transsexualität

Im Rahmen des Diskussion zum Artikel „Bundesverfassungsgericht, Transsexualität und Geschlecht“ ging es um die Einstellung des Gleichheitsfeminismus zur Transsexualität:

Ich meinte (es ging um Butler):

Sie sagt ja gerade, dass es keine Dualität gibt, weder bei den Geschlechtern noch zwischen Körper und Geist. Alles ist Gesellschaft, nichts Natur.

Sinn des Kampfes ist es den Leuten die Natürlichkeit der Geschlechter als Konstruktion vorzuführen und damit letztendlich die Konstruktion aufzulösen. In der Gesellschaft bestimmen ja die Herrschenden die Regeln, die sie gleichzeitig als Instrument so gestalten, dass die Beherrschten sich an sie halten wollen, es also selbst quasi nicht erkennen können. Sie müssen demnach den Irrweg vor Augen geführt bekommen.

Dabei sind Transsexuelle eigentlich hinderlich, denn diese wollen ja gerade nur von einer auferlegten Rolle in die andere springen und damit diese Rolle indirekt bestätigen.

Wenn eine Transsexuelle sagt, dass sie sich als Frau fühlt und daher eine Frau sein will, obwohl dem Phänotyp nach männlich, dann denkt sie schon in den falschen Kategorien. Sie sollte einfach sein wollen und nicht weiblich sein wollen.

Kommentatorin Andra meinte ein paar Kommentare später:

Transidente Menschen haben natürlich eine Geschlechts-identität! Diese ist „zufällig “ genau entgegen ihrem Hebammengeschlecht. Das wird inzwischen auch Feministinnen klar.

Auf meine Nachfrage hierzu verwies Andra auf einen Beitrag von Alice Schwarzer zu Transsexuellen:

Schwarzer schreibt an eine befreundete Feministin, nach dem diese sich über eine transsexuelle Kontaktanzeige in der EMMA aufregte, weil „die“ dort nicht reingehören, weil sie keine Frauen sind. Alice sah dies anders.

Sie verwies zunächst darauf, dass man „nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird“, also die zentrale Aussage von Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht

Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht. Beauvoirs Credo bleibt Kern jeder feministischen Analyse.

Da würde man einem Nichtfeministen zwar vorhalten, dass er verkennt, dass es keinen einheitlichen Feminismus gibt, aber da der Gleichheitsfeminismus die überwiegende Strömung ist, passt es durchaus.

Wollen wir sozial oder erotisch oder intellektuell oder psychisch ausbrechen aus der Frauenrolle, stoßen wir auf Widerstand, Spott und Gewalt. Wer weiß das besser als du und ich, als wir Feministinnen?

Erst einmal noch die Opferrolle betonen und schön abstrakt bleiben. Das dies für die Männerrolle durchaus auch gelten kann (Schwule werden wahrscheinlich häufiger zusammengeschlagen als Lesben) kann man hier erst einmal ausblenden, weil es ja um Mann –> Frau Transsexuelle geht.

Unser Ziel ist, in aller Schlichtheit und Vermessenheit, die Menschwerdung von Frauen und Männern. Endlich männlich und weiblich sein können und dürfen! Dafür kämpfe ich.

Die „Menschwerdung von Frauen und Männern“ meint hier, dass die Menschen aus den jeweiligen Rollen ausbrechen können und nicht mehr als Männer oder Frauen leben müssen, sondern einfach als Menschen. Also eine geschlechtsneutrale Welt gewissermaßen. Es ist allerdings etwas günstiger als eine allgemeine moralische Formel formuliert.

Nicht immer geht unsere Auflehnung gegen die Halbierung von Menschen in Männer und Frauen (und gegen die Herrschaft der einen über die anderen) nur über den Kopf. Oft haben wir ausbrechenden Frauen selbst Biographien, die es uns erleichtern, das Aufgesetzte der Rollenzuweisung zu erkennen, an den Stangen des Käfigs der Weiblichkeit zu rütteln.

Wieder die Kampfrhetorik, man darf vermuten, dass die Herrschaft hier klassisch über das Patriarchat ausgeübt wird.

Nun gibt es aber darüber hinaus Lebensläufe und -bedingungen, die einen sehr frühen, sehr tiefen Zweifel in bezug auf die geforderte Geschlechtsidentität pflanzen. Irgendeine Weiche ist „falsch“ gestellt worden.

Die Weiche hat meist die Form von zuviel oder zuwenig Testosteron im richtigen Moment. Schwarzer hält sich hier sehr vage, sie sieht aber nach dem, was sie zuvor darstellt, wohl eher eine gesellschaftliche Weiche in der Biographie. Transsexuelle werden demnach nicht als Transsexuelle geboren, sondern zu Transsexuellen gemacht, durch die Gesellschaft?

Resultat: ein biologisch „männliches“ Wesen mit einer „weiblichen“ Seele. Oder ein biologisch „weibliches“ Wesen mit einer „männlichen“ Seele. Menschen also, die in ihrem Körper eine „falsche“ Seele haben, die zwischen den Geschlechtern sind, Transsexuelle.

Schwarzer kommt letztendlich zum gleichen Ergebnis wie die Biologie, auch wenn diese nicht von der Seele, sondern eher von einer anderen Geschlechteridentität im Rahmen des Gehirngeschlechts sprechen würde. Welche Vorstellungen Frau Schwarzer von der Arbeitsweise des Gehirns hat – edler Wilder, unbeschriebenes Blatt oder Geist in der Maschine? – macht sie zwar nicht deutlich, aber ob sie unter der Seele das nun beschriebene Blatt versteht oder eher den Geist in der Maschine, macht letztendlich ja auch keinen Unterschied.

 

In dieser Gesellschaft gibt es eine Schublade „Frau“ und eine Schublade „Mann“, dazwischen nichts. Darunter leiden nicht nur die Transsexuellen. Darunter leiden die meisten Frauen (und einige Männer). Für Transsexuelle aber eskaliert der Konflikt bis zur Neurose: sie wenden sich selbstzerstörerisch gegen den eigenen Körper.

Das die Schubladen häufig zu klein bemessen werden und man mehr darauf hinweisen sollte, dass die Ausprägung bestimmter Fähigkeiten bei Mann und Frau zwar verschieden ist, es sich aber um zwei Normalverteilungen mit unterschiedlichen Mittelwert, handelt, deren Träger überlappen, und nicht um Unterschiede, die immer zwischen jeder Frau und jedem Mann bestehen., würde ich auch so sehen. Das darunter die meisten Frauen (und nur einige Männer) leiden allerdings nicht. Viele Frauen mögen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern durchaus und würden nicht tauschen wollen. Sie sind lieber Frau als Mann und würden sich als Mann eben genau so unwohl fühlen wie Transsexuelle sich in ihrem eigenen Körper unwohl fühlen. Das eine ist in diesem Fall die Kehrseite des anderen.

Die Existenz des Transsexualismus beweist: Die Seele ist stärker als der Körper – sie bestimmt die Geschlechtsidentität. Der Körper ist nur Vorwand für diese Zuweisung.

Da müsste man erst einmal definieren, was eigentlich Seele und was Körper ist. Ist Frau Schwarzer eigentlich religiös oder verwendet sie den Begriff eher unbedarft? Die Seele ist in biologischer Hinsicht eben auch Körper. Ein bestimmter Teil des Körpers, und von diesem eben wieder ein bestimmter Teil, eben der passende Gehirnabschnitt, der die Geschlechteridentität speichert hat, entscheidet über unser Empfinden. Meiner Meinung nach lässt sich allerdings die Wahrnehmung eines Körpers auch nicht so einfach von dem Geschlecht, dass man ihm gedanklich zuweist, trennen. Viele unser biologischen Reaktionen auf das andere Geschlecht erfolgen eben auf diesen Körper. Und da wir dazu neigen, in Kategorien zu denken, legen wir auch automatisch gewisse Ordner für Mann und Frau an und sind bei einem starken abweichen hiervon überrascht, was eben bei Transsexuellen gerade zu den Problemen führt.

Dass den meisten Transsexuellen der neue Ausweis nicht genügt, sondern dass sie auch einen „neuen“ Körper wollen, ja ihnen das Voraussetzung zum Weiterlebenkönnen scheint – das ist schlimm.

Hier kommt dann der Unterschied, den ich schon oben angesprochen habe. In einer gleichheitsfeministischen Welt brauchen Transsexuelle keine Geschlechtsumwandlungen mehr. Das sie sie brauchen liegt nur an der Gesellschaft, die sie nicht leben lassen will, wie sie sind, nämlich als Männer, die sich eben weiblich benehmen (bei Mann –> Frau Transsexuellen). Sie wären insoweit so etwas ähnliches wie sich sehr weiblich verhaltene Schwule, die ja auch ein sehr weibliches Verhalten zeigen, ohne das sie eine Geschlechtsanpassung durchführen lassen. Mit einer fortschreitenden Toleranz in der Gesellschaft würde daher Transsexualität als „Problem“ verschwinden.

Das betont Schwarzer im nachfolgenden Absatz auch gleich noch einmal:

In einer vom Terror der Geschlechtsrollen befreiten Gesellschaft wäre Transsexualismus schlicht nicht denkbar. Transsexualismus scheint mir der dramatischste Konflikt überhaupt, in den ein Mensch auf dem Weg zum „Mannsein“ oder „Frausein“ in einer sexistischen Welt geraten kann. In diesem Konflikt haben die Transsexuellen selbst keine Wahlmöglichkeit mehr: ihr Hass auf den „falschen“ Körper ist weder durch Argumente noch durch Therapien zu lösen. Transsexuelle sind zwischen die Räder des Rollenzwangs geraten. Einziger Ausweg scheint ihnen die Angleichung von Seele und Körper. Preis: die Verstümmlung des Körpers. Und: die Zerschlagung aller sozialen Zusammenhänge.

Also: Transsexuelle (Mann –> Frau) sind keine geistigen Frauen, sondern einfach Menschen, die auf eine bestimmte Art leben wollen. Warum dies gerade innerhalb des Rollenklischees des anderen Geschlechts erfolgt liegt nicht an der Biologie, sondern am gesellschaftlichen Zwang.

(…)Oft sind sie engagierte Feministinnen. Was mich nicht überrascht. Wer schließlich hätte schmerzlicher am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, „keine richtige Frau“ zu sein?

Mich überrascht es eigentlich schon. Auch wenn es vordergründig nicht verwundert, dass jemand, der das Geschlecht wechselt, für dieses bestimmte Vorteile erreichen will und Nachteile abbauen will, passen die Theorien eher nicht zusammen. Dies ist bei Schwarzer, die weniger auf Dekonstruktion abzielt, vielleicht noch nicht so deutlich wie bei Butler, aber dennoch treten bei einer genaueren Beschäftigung doch deutliche Unterschiede in der Theorie hervor. Bei einer Erreichung des einer gleichheitsfeministischen Ordnung hätten Mann –> Frau Transsexuelle eher eine schlechtere Position. Die Abneigung wird auch im folgenden von Schwarzer selbst noch einmal beschrieben:

In den Frauenzentren, vor allem in den Lesbengruppen, reagierten viele abwehrend auf die Transsexuellen. Nein, „solche“ hätten in der Frauenbewegung nichts zu suchen, das wären ja gar keine richtigen Frauen, die hätten schließlich Jahrzehnte männlicher Sozialisation hinter sich… Das war der Tenor heftiger, interner Debatten Anfang der 80er Jahre.

Schwarzer Gegenplädoyer lautet wie folgt:

Siehst du denn nicht, dass Carmen nicht nur eine Schwester ist wie alle anderen, sondern sogar eine, die zu uns herabgestiegen ist? Denn ein Mann, der Frau wird, hat einiges zu verlieren in einer Männergesellschaft, das weißt du doch nur zu genau. Und eine biologisch männliche Transsexuelle ist dann auch objektiv Frau, wenn sie Körper und/oder Pass geändert hat. Sie kann ihr Frausein von nun an ebenso wenig aufkündigen wie du und ich. Und wenn du sie nun zurückstößt, machst du genau dasselbe wie der Rest der Gesellschaft: du denkst in den unerbittlichen Kategorien „Mann“ und „Frau“.

Wie die Transsexuelle ja in der Regel auch. Schließlich will sie ja gerade Frau sein und nicht die Grenzen aufweichen.

Schön finde ich das „Herabsteigen“, das wieder dem Opferfeminismus entspricht. Sie steigt als Paria herab, zu der Schar der Verdammten, den Ausgestoßenen der Gesellschaft, kurz: den Frauen. Es ist ein solidarischer Akt, in dem sie alle Vorteile des Mannseins aufgibt und sich in den dunklen Pfuhl des Frau seins begibt. Interessant aber, dass sie nicht darauf eingeht, dass Männern hier die Frauenrolle verboten ist. Oben hatte sie ja noch erklärt, dass Frauen eher unter ihrer Rolle leiden als Männer, so dass dies zunächst ein kleiner Widerspruch ist

Es erstaunt auch vor diesem Hintergrund eigentlich, dass mehr Männer diesen dunklen Weg nach unten gehen als Frauen den hellen Weg nach oben (das Verhältnis ist laut Wikipedia 3:1), denn im umgekehrten Fall würden ja nach dieser Logik ein paar Frauen den Weg ans Licht antreten und in das herrschende Geschlecht aufsteigen. Es wäre demnach davon auszugehen, dass diese Überläufer oder Kriegsgewinnler, die Frau-Mann-Transsexuellen, einfach nur aufsteigen wollen.

Schwarzer zur Problemen von Jungs in der Schule und zu Männerbildern

Die Äußerungen der Familienministerin, die eine Auseinandersetzung mit dem Feminismus und auch gerade mit Schwarzer enthielten haben Schwarzer zu einem eigenen Blogbeitrag, einem offenen Brief, inspiriert.

Dieser enthält interessante Aussagen zu Problemen von Jungen in der Schule und zum Männerbild:

Ja, es stimmt, dass wir es mit einer rasanten „Feminisierung“ der pädagogischen Berufe zu tun haben. Aber warum? Weil die Männer einfach nicht mehr Kindergärtner oder Lehrer sein wollen! Zu schlecht bezahlt und gesellschaftlich nicht anerkannt. Das ist das Problem.

Das die Bezahlung der Kindergärtner abschreckt würde ich auch vermuten. Lehrer werden nach meiner Ansicht gar nicht so schlecht bezahlt. Die gesellschaftliche Anerkennung des Lehrerberufs scheint mir weit über anderen Männerberufen zu liegen, aber es ist vielleicht auch die falsche Art der Anerkennung. Interessant wäre es, wenn Frau Schwarzer darauf eingegangen wäre, warum Männer Statusberufe und gut bezahlte Berufe wählen. Dann wäre man wohl schnell bei den Frauen und dem Wunsch nach einem männlichen Haupternährer gewesen.

Nein, es stimmt nicht, dass die Überrepräsentanz weiblicher Pädagogen schuld ist an den Problemen der Jungen. Dafür gibt es, wie Sie als Ministerin wissen sollten, null wissenschaftliche Beweise (siehe dazu auch http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2010/herbst-2010/arme-jungs/).

Lustiger Weise heißt es dann in eben dem zitierten Bericht in der Emma: „Ein Problem? Ja, sagen ErziehungswissenschaftlerInnen, BildungspolitikerInnen und auch Eltern. Sie reden von einer „Feminisierung“ der Schule und schlagen dabei einen bedrohlichen Unterton an. Sie fürchten, dass zu viele Frauen in den Klassenzimmern schädlich für die Jungen sind. Durch die Übermacht der Frauen in Krippen, Grundschulen und inzwischen sogar an Gymnasien entstehe, so die heute gängige These, ein Umfeld, das die Bedürfnisse der Jungen missachte.“

„Null Beweise“ bedeutet in der Emma also, dass Wissenschaftler es als Problem ansehen. Die Emma zitiert dann 3 Wissenschaftler, die sagen, dass noch nichts bewiesen ist. Daraus zieht Frau Schwarzer dann den Schluss, dass es falsch sein muss. Das ist aber ein Denkfehler, der auch als Gegenargument zur Biologie gerne gebracht wird „Ihr könnt die Gesellschaft nicht ausschalten, also könnt ihr nicht beweisen, dass es Biologie ist, also ist es nicht Biologie, sondern Gesellschaft“. Eine noch nicht bewiesene Theorie kann natürlich trotzdem richtig sein. Das sie richtig ist, kann eben nur noch nicht bewiesen werden.

„Schuld“ ist eher ein verunsichertes Verständnis von „Männlichkeit“, eine Männerrolle, bei der es als uncool gilt, zu lernen, und als cool, zu pöbeln – und Pornos zu konsumieren.

Da haben wir es dank Schwarzer: Die Schüler gucken einfach zu viele Pornos. Hier wird meiner Meinung nach eher deutlich, warum ein fehlendes Verständnis für die Unterschiede der Geschlechter schwerwiegende Folgen hat. Jungs haben einen natürlichen Trieb sich zu beweisen, sich untereinander herauszufordern, in der Gruppenhierarchie aufzusteigen und sich zu messen. Hierfür muss man ihnen die Möglichkeiten bereitstellen und eben auch Themen behandeln, die aus ihrer Sicht „cool“ sind, damit sie dort Interesse haben, in diesen zu glänzen. Oder man muss ihnen andere Möglichkeiten bereit stellen, cool zu sein, so dass sie die Rebellion gegen die Autorität des Lehrers oder der Lehrerin nicht mehr benötigen. Man muss natürlich auch ihren Geschlechtstrieb akzeptieren und nicht zum Übel dieser Welt erklären.

„Schuld“ ist auch der Zuzug von Menschen aus Kulturen nach Deutschland, die eben leider nicht durch den Feminismus gegangen sind, wie die ex-sozialistischen Militärdiktaturen Osteuropas oder die muslimischen Länder. Deren Söhne geraten nun mit ihrem vormodernen, archaischen Männlichkeitsbild in unsere moderne Welt. Da liegt in der Tat reichlich Konfliktstoff und vieles im Argen.

Das Feinbild Schwarzers ist komplett: Die Muslims und die Pornos. Die Frage wäre, wie die Mädchen in der Klasse auf Söhne reagieren, die ein „archaisches Männlichkeitsbild“ herrscht. Aber das passt eben nicht so gut ins Feindbild.