Transmann zu männlichen Privilegien bzw Nachteilen

Arne hat den Bericht eines F->M Transsexuellen übersetzt und ich klaue mir (leider ja schon in alter Tradition, danke Arne) seine Übersetzung, allerdings lediglich auf den Teil bezogen, in dem er nicht seine Transition behandelt, sondern direkt auf die Nachteile/Veränderungen eingeht:

Das erste, was mir auffiel, war, dass das Hinterherrufen aus den Autos aufhörten, als ich die Straße entlangging. Dass ich mich nicht mehr sexuell bedroht fühlte, war eine große Erleichterung, führte mich aber auch zu einer anderen, sehr interessanten Beobachtung. Ich fragte mich, ob ich einen hässlichen Jungen abgab, da mir nicht mehr täglich versichert wurde, dass ich sexuell begehrenswert sei. Es dauerte tatsächlich eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte, nicht als das körperlich attraktive Geschlecht angesehen zu werden. Mein Gewinn wurde zu einem unerwarteten Verlust, und ich begann zu begreifen, dass es auf der anderen Seite des Zauns Dinge gibt, die man nicht sehen kann, bis man hinübergeht und dort steht.

Setz natürlich ein gewisses Passing voraus, aber ich kann mir vorstellen, dass es eine große Umstellung ist.

Wenn man dort steht, wie ich es jetzt tue, hat man einen ganz anderen Blick auf das Leben und auf die Männer, als ich ihn je hatte. Bis ich hierher kam, war mir vieles nicht bewusst, wie zum Beispiel die bis dahin unbemerkte Objektivierung meines Körpers als Apparat.

Ich brauchte eine Weile, um das zu begreifen. Ich war angenehm überrascht, als eine Freundin mich bat, ihr beim Möbelrücken zu helfen, kurz nachdem ich mit der Hormontherapie begonnen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich meine Muskeln als Reaktion auf das Testosteron etwas entwickelt, aber ich lag immer noch im weiblichen Kraftbereich. Trotzdem war ich in der Lage, die Möbel zu bewegen (obwohl sie das sicher auch selbst hätte tun können). Ich fühlte mich sehr männlich und stark. War es nicht wundervoll, dass die Leute jetzt davon ausgingen, dass ich stark und fähig war und nicht mehr schwach und schutzbedürftig?

Ich war glücklich und feierte die Tatsache, dass ich nicht mehr nur als ein Stück Fleisch angesehen wurde – obwohl mir später klar wurde, dass die Gesellschaft mich jetzt entweder benutzt oder ignoriert, weil ich nicht attraktiv genug bin, um ein Stück Fleisch zu sein. Stattdessen bin ich nur ein hässliches, haariges Biest mit einer Brieftasche und einem Paar muskulöser Arme. Oder, so könnte ich mit einer gewissen Ironie sagen, ein Stück Fleisch, das nicht einmal Hinterher-Pfeifen verdient.

Auch etwas übertrieben, was vielleicht auf den Gegensatz zurückzuführen ist. So häufig ist es ja auch nicht, dass man etwas tragen muss bzw dafür „mißbraucht“ wird. Und natürlich hat man einen Wert darüber hinaus, die meisten Leute in einem normalen Umfeld behandeln einen eben als typischen Menschen. Wobei das vielleicht so erscheint, wenn man vorher eine attraktive Frau war.

Ich habe mich auch nur sehr schwer daran gewöhnen können, immer handeln und Entscheidungen treffen zu müssen. Von Männern wird erwartet, oder besser gesagt, sie werden dazu gezwungen, die aktiven Akteure der Gesellschaft zu sein. Wenn es ein Problem gibt, wird von Männern erwartet, dass sie die Initiative ergreifen, um es zu lösen, anstatt Hilfe oder Rat zu suchen oder soziale Dienste in Anspruch zu nehmen.

Ich kann mir schon vorstellen, dass Frauen in vielen Bereichen passiver sein können, wobei das vielleicht auch gerade das Flirten etc betrifft.

In heterosexuellen Beziehungen wird vom Mann erwartet, dass er sich der Frau nähert, ein Gespräch beginnt und die Beziehung in die von ihm gewünschte Richtung lenkt, während er gleichzeitig äußerst vorsichtig auf ihre unausgesprochenen Signale achtet, um sicherzustellen, dass er nicht übergriffig oder furchteinflößend wirkt (und wenn er diese Signale nicht richtig deutet, riskiert er, ins Gefängnis zu kommen und selbst vergewaltigt zu werden).

Selbst in schwulen Männerbeziehungen übernimmt kein Partner die „weibliche“ Rolle: Von beiden wird erwartet, dass sie sich einander nähern, die Initiative ergreifen, die Verantwortung übernehmen und mindestens die Hälfte der Zeit Entscheidungen treffen.

Rund um die Uhr aktiv zu sein, ist kein Privileg, sondern eine sehr mühsame und stressige Verantwortung. Dass mir das plötzlich aufgezwungen wurde, ohne dass ich von Geburt an dafür ausgebildet war, war seelisch und körperlich anstrengend.

Männer sind ja gerade auch nicht von Natur dazu ausgebildet. Viele haben keine Ahnung wie es läuft und es ist natürlich auch bei unterschiedlichen Frauen eine ganz unterschiedliche Sache. Der Unterschied zwischen nicht „weit genug gehen“ und „zu weit gehen“ kann bei verschiedenen Frauen weit auseinander liegen.

(…)
Aufgrund von College-Stress und Mobbing (das seltsamerweise nur aus der LGBT/feministischen Gemeinschaft auf dem Campus kam) musste ich letzten Sommer für kurze Zeit in eine psychiatrische Klinik. Ich war an einem Tiefpunkt angelangt und begann während der Aufnahmeuntersuchung zu wimmern, woraufhin der Arzt zu mir sagte: „Sie sind ein Mann, richtig? Dieses Weinen ist erbärmlich. Stehen Sie Ihren Mann!“

Das hat tatsächlich noch niemand zu mir gesagt, vielleicht war es auch dem Transsein geschuldet? Aber vielleicht weint man mit einer weiblichen Sozialisation auch eher.

Steh deinen Mann. Plötzlich wurde mir klar, dass die meisten Männer diesen Satz im Verlauf ihrer Kindheit wahrscheinlich Hunderte von Malen zu hören bekommen. Früher hätte ich alles dafür gegeben, dass man mich ermutigt, so hart zu werden wie Xena. Jetzt wurde mir klar, dass sich Männer, genau wie Frauen, manchmal einfach nicht stark fühlen und die gleiche Liebe und Fürsorge brauchen wie Frauen, wenn sie verletzt sind. Warum ist das für die Gesellschaft so schwer zu akzeptieren? Sowohl Männer als auch Frauen können die meiste Zeit über stark sein, aber jeder hat Phasen in seinem Leben, in denen er die Fürsorge anderer braucht.

Welcher Mensch braucht keine Fürsorge. Wobei das aus meiner Sicht unabhängig davon ist, dass man sich nicht stark fühlt. Dass sich ein Partner oder ein Freund oder wer auch immer um einen kümmert und sich sorgt ist ja nicht verkehrt.

Trotzdem hörte ich sofort auf zu weinen (was durch das Testosteron körperlich leichter fällt), nachdem ich daran erinnert worden war, dass es heute gesellschaftlich inakzeptabel ist, seine Gefühle zu zeigen, selbst wenn man in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Das hat mich nicht sonderlich gestört. Schließlich ist es die Aufgabe eines Mannes, immer stark und leistungsfähig zu sein, nicht wahr? Ich war ein Mann, verdammt noch mal, und ich schämte mich zu Recht dafür, dass ich mich nicht wie ein Mann verhalten hatte.

Na, da scheint der Hinweis ja sogar geholfen zu haben.

Aber es scheinen mir die typischen Punkte zu sein, die auch in anderen Berichten auftauchen.

Was hat Antifeminismus mit Rechter Ideologie zu tun? | Y-Kollektiv

Aus den Kommentaren darunter:

Fußball-Frauen-WM

Die Frauen-Fußball-WM hat das Achtelfinale hinter sich gebracht und bisher hatte ich außer der Nachricht, dass Deutschland in der Vorrunde raus ist und die USA sich auch nicht mit rum bekleckert hat und es dort wohl gewisse Konflikte um die bereits bekannten woken Spieler gegeben hat, nicht viel davon mitbekommen.

Man wird im Gegensatz zur Fußball-WM der Männer nicht auf Spiele angesprochen etc

Wie war euer bisheriges Frauen- WM-Erlebnis?

Selbermach Mittwoch

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Der Barbie Film ist sehr erfolgreich – woran liegt es?

Der Barbie Film ist sehr erfolgreich. Er steht gegenwärtig an Platz 2 der jährlichen Box-office Charts mit einem Einspielergebnis von 1 Millarde:

Das bringt ihn (nicht inflationsbereinigt) sogar auf Platz 45 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten . 

Die einen sagen, dass es eben ein Barbie-Film ist und ihn sich viele Leute anschauen, weil sie eine gewisse Beziehung zu Barbie als Spielzeug haben, sich mit Freundinnen verabreden, vielleicht noch passende Sachen anziehen und das Spass an sich ist. Die (feministische) Story  sei dabei nicht der ausschlaggebende Punkt.

Andere werden natürlich sagen, dass gerade das der entscheidende Punkt für den Erfolg war und Frauen quasi nach solchen Botschaften dursten und gerade deswegen in den Film gegangen sind.

Einige sehen sogar eine positive Botschaft für Männer: I am Kenough

Etwa hier:

I am Kenough
„maybe it isn’t Barbie and Ken. Maybe it’s Barbie and it’s Ken.“

Südländerin hat auch schon Interesse an dem Film angemeldet, bei der momentanen Betreuungssituation werden wir aber wohl nicht ins Kino kommen. Wir sehen ihn dann vielleicht eher, wenn er anderweitig verfügbar ist.

 

„Frauen sind im höchsten Einkommenssegment stark unterrepräsentiert“

Ein interessanter Artikel im IAB-Forum zu Teilhabe an hohen Einkommen bei Mann und Frau:

Von denjenigen Personen, deren monatliches Nettoeinkommen 5.500 Euro übersteigt, ist nur jede siebte eine Frau. Auch auf der Haushaltsebene scheint die Lohnlücke in diesem Einkommenssegment besonders groß. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen und deren Überwindung sind schon länger Gegenstand intensiver politischer und gesellschaftlicher Debatten. Im Fokus steht dabei häufig die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern. Für Stundenlöhne betrug sie im Jahr 2022 laut Statistischem Bundesamt unbereinigt, also ohne Berücksichtigung der Unterschiede in entlohnungsrelevanten Faktoren, etwa 18 Prozent.

Soweit nichts Neues. Woran das liegt ist hier in dem Block ja wiederholt Thema gewesen. Der Gender Pay Gap lässt sich inzwischen fast vollständig bereinigen und soweit noch ein kleiner Rest verbleibt ist dies nicht der Nachweis einer Diskriminierung, sondern eine ungeklärte Differenz

Dieser Durchschnittswert kaschiert jedoch die erheblichen Unterschiede in der geschlechtsspezifischen Lohnungleichheit zwischen verschiedenen sozio-ökonomischen Gruppen. Hier lohnt unter anderem ein Blick auf die Gruppe der Spitzenverdienenden. Sie werden im Folgenden definiert als Personen und Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen (aus allen Quellen) von mindestens 5.500 beziehungsweise 7.500 Euro. Gerade diese Gruppe befindet sich häufig in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Schlüsselpositionen – mit entsprechend weitreichenden Gestaltungsmöglichkeiten.

Spitzenverdiener werden also definiert als:

  • Einzelpersonen mit mehr als 5.500 € netto
  • Haushalte mit 7.500 € netto

So haben Martin Gilens und Benjamin J. Page in einer 2014 erschienenen Studie gezeigt, dass die Präferenzen ökonomischer Eliten in den USA die dortige Politik maßgeblich beeinflussen. Dies dürfte in Deutschland nicht grundsätzlich anders sein. So betrachtet, spiegelt auch die Debatte um die Einführung einer Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte von börsennotierten Unternehmen, wo Frauen bislang stark unterrepräsentiert sind, die hohe gesellschaftliche Relevanz dieser Gruppe wider. Dass Frauen an der Spitze der Einkommenspyramide die Ausnahme sind, zeigt auch eine aktuelle Studie des Autors dieses Beitrags, deren Ergebnisse hier zusammengefasst werden.

Der Beitrag ist insoweit wahrscheinlich eine gewisse Werbung für die eigene Studie, aber das ist ja vollkommen legitim. Aus dem Abstrakt:

Gender differences in economic outcomes are important topics in social science research. However, the study of gender differences among economic elites—“the top one percent”—has received surprisingly little attention, likely also due to a lack of empirical data. This paper investigates gender differences in individual and household income among the top one percent of individual monthly net incomes and top two percent of net household incomes using data from the German Microcensus from 2006 to 2016 covering more than 3.3 million individuals. I find that women account for only around 14% of the one percent in individual incomes. Additionally, regarding the household level, women’s incomes are sufficient to achieve two percent status in fewer than 10% of all households. Both numbers did hardly change over the decade from 2006 to 2016. Furthermore, women’s pathways to belonging to a high-income household are far more dependent on their partner’s education and employment status than men’s. Overall, the findings thus show dramatic gender differences among the German economic elite that do not narrow over time.

Quelle: Gender inequality in the one percent: A look under the hood of high incomes in Germany

Nur ein Bruchteil der Topverdienenden sind Frauen

Die Studie nutzt Daten des Mikrozensus von 2006 bis 2016. Der Mikrozensus ist eine Befragung deutscher Haushalte, der jährlich vom Statischen Bundesamt erhoben wird. Er sammelt Informationen zu Haushalten und Haushaltsmitgliedern, unter anderem (in Kategorien) zu individuellen Nettoeinkommen und zu Haushaltsnettoeinkommen. Die Gruppe, die zunächst betrachtet wird, sind Personen, die netto über 5.500 Euro (nominal) monatlich verdienen. Sie gehörten im Zeitraum von 2006 bis 2016 zu den oberen 1,4 Prozent der Einkommensbezieher*innen in Deutschland und können somit als die „ökonomische Elite“ betrachtet werden (dieser Anteil schwankt, da die Einkommen nur nominal vorliegen, zwischen etwa 1 Prozent 2006 und 1,9 Prozent in 2016).

Unter denjenigen, die mehr als 5.500 Euro netto im Monat verdienen, waren im Untersuchungszeitraum nur etwa 12 bis 14 Prozent Frauen (siehe Abbildung 1). Sie sind also im obersten Einkommenssegment stark unterrepräsentiert. Die Tatsache, dass der Anteil der Frauen über die Zeit praktisch unverändert geblieben ist, deutet darauf hin, dass Frauen unter den Topverdienenden auch heute die Ausnahme sein dürften.

Abbildung 1 zeigt den Anteil der Männer und Frauen an den Topverdienern in Deutschland in den Jahren 2006 bis 2016. Diese Anteile haben sich in zehn Jahren kaum verändert. Während 2006 etwa 11,6 Prozent der Topverdienenden (mit mindestens 5.500 Euro monatlichem Nettoeinkommen) Frauen waren, waren es im Jahr 2016 13,7 Prozent. Quelle: Mikrozensus 2006-2016, eigene Berechnungen.

Interessanterweise eine relativ geringe Steigerung über immerhin 10 Jahre, gerade mal 2 Prozentpunkte. Aber natürlich sind hohe Einkommen in vielen Fällen auch mit erheblicher Arbeit und Stress verbunden. Und oft eben auch mit einem Risiko in der Selbständigkeit, die es wiederum schwierig macht für die Kinder kürzer zu treten oder auszusetzen.

Bildung und Selbstständigkeit erhöhen die Wahrscheinlichkeit, zu den Topverdienenden zu gehören

Vor allem ein hohes Bildungsniveau und berufliche Selbstständigkeit scheinen den Aufstieg in die Gruppe der Topverdienenden zu begünstigen: So haben je 17 Prozent der Frauen und Männer, die zu den Topverdienern gehören, einen Doktortitel, während der Anteil der Promovierten bei Personen mit niedrigeren Einkommen nur 1 Prozent beträgt.

Interessant wäre auch die jeweiligen Fächer, in denen sie ihren Abschluss bzw ihren Doktortitel gemacht haben. Ich vermute mal, dass die Fächer mit einem sehr hohen Frauenanteil in einem geringeren Maße vertreten sind. Man wird mit Lehramtsstudium eben seltener selbständig.

44 Prozent der Frauen und 42 Prozent der Männer im obersten Einkommenssegment sind selbstständig, während das nur bei 8 Prozent der Männer und 4 Prozent der Frauen im niedrigeren Einkommensbereich der Fall ist. Zudem sind 67 Prozent der Frauen und 74 Prozent der Männer mit sehr hohen Einkommen Führungs- oder Aufsichtskräfte, also Personen mit Weisungsbefugnis. In den anderen Einkommensbereichen trifft das nur auf 14 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer zu.

Das finde ich ganz interessant. In der Selbständigkeit sind Frauen seltener vertreten, allein das dürfte bereits einiges erklären. Und natürlich gilt nach wie vor der alte Grundsatz, dass der Selbständige oft selbst und ständig arbeitet.

Auch das die besser bezahlten Posten eher mit Führungs- und Aufsichtspositionen verbunden sind ist wenig erstaunlich.

Insgesamt zeigt sich also, dass Frauen unter den Topverdienenden deutlich unterrepräsentiert sind und sich hier keine Trendumkehr abzeichnet. Die Charakteristika, die mit hohem Einkommen korrelieren, sind für Männer und Frauen jedoch die gleichen.

Frauen und Männer werden also auf die gleiche Art und Weise reich, aber Frauen wählen diesen Weg seltener (oder werden in ihn nicht hereingelassen oder anderweitig abgeschreckt). Der Zusatz in Klammern ist das eigentlich interessante, was oft bei „unterrepräsentiert“ mitschwingt, aber letztendlich nicht belegt wird bzw argumentativ nicht begründet wird.

Bestimmte Merkmale treten im höchsten Einkommenssegment auch auf Haushaltsebene stark gehäuft auf

Der Mikrozensus erlaubt es, neben der Individual- auch die Haushaltsebene zu betrachten. Die zugrundeliegende Studie konzentriert sich auf Haushalte, die in den Jahren 2006 bis 2016 über 7.500 Euro netto pro Monat verdient haben. Dies entsprach in diesem Zeitraum 2,09 Prozent aller Haushalte. Dabei wird hier nicht nach der Zusammensetzung der Haushalte unterschieden, also etwa zwischen Single-Haushalten und Haushalten mit Kindern.

Die Analyse auf Haushaltsebene ist insofern wichtig, als Individuen ihre Entscheidungen oft in Abhängigkeit von anderen Haushaltsmitgliedern treffen. So erfolgt etwa die Entscheidung, erwerbstätig zu sein, häufig in Abstimmung mit dem Partner oder der Partnerin. Gerade in Familien mit Kindern strebt nicht selten der Mann eine berufliche Karriere an, während die Frau ihre beruflichen Ambitionen zurückstellt. Dies haben beispielsweise Thomas J. Cooke und andere in einer 2009 erschienenen Studie für die USA und Großbritannien untersucht.

Auch wieder keine neutrale Wortwahl. Die Frau stellt nicht unbedingt ihre Karriere zurück. Sondern sie wählt ganz bewusst mehr Zeit mit ihren Kindern statt der (oft harten und risikoreichen) Karriere.

Bei der Betrachtung auf Haushaltsebene zeigt sich ebenfalls, dass bestimmte Merkmale im höchsten Einkommenssegment stark gehäuft auftreten. So sind Personen in Hocheinkommenshaushalten im Durchschnitt in 91 Prozent aller Fälle verheiratet, aber nur in 62 Prozent der Haushalte mit einem monatlichen Einkommen unter 7.500 Euro. Das ist allerdings wenig überraschend, da das Durchschnittseinkommen von Single-Haushalten deutlich niedriger liegt als das von Paar-Haushalten, wo häufig beide zum Haushaltseinkommen beitragen.

Interessanterweise stellen die Männer eher den Großteil des Einkommens bereit und sind dazu noch in aller Regel verheiratet. Das passt ja auch in die evolutionären Theorien.

Der Anteil der Haushalte mit Kindern ist im höchsten Einkommenssegment ebenfalls überproportional hoch (54% versus 30%). Dieses Muster ändert sich auch nicht signifikant, wenn man Haushalte ausschließt, in denen beide Partner 60 Jahre und älter sind. Das liegt allerdings teilweise daran, dass Kinder wegen des Kindergelds und der Kinderfreibeträge das Nettohaushaltseinkommen signifikant erhöhen.

Da wäre es interessant, wie viele aus der Sparte rausfallen, wenn man das Kindergeld (250 € im Monat) bzw den Kinderfreibetrag (6024 Euro im Jahr auf die das Kindergeld verrechnet wird) rausnimmt. Das wäre natürlich auch bei der Ehe interessant.

Ähnlich wie bei der Betrachtung auf individueller Ebene zeigt sich außerdem, dass Menschen in Hocheinkommenshaushalten deutlich häufiger selbstständig sind (30% versus 6%) und häufiger eine Promotion abgeschlossen haben (12% versus 1%).

Männer tragen in Hocheinkommenshaushalten überproportional zum Gesamteinkommen bei

Es stellt sich zudem die Frage, ob das Einkommen von Frauen notwendig ist, damit ein Haushalt zu den hoch verdienenden Haushalten zählt, oder ob es sogar alleine ausreicht, um diesen Status zu erlangen. Beide Kennziffern sind ein Indiz dafür, wie stark Frauen in Hocheinkommenshaushalten zum gesamten Haushaltseinkommen beitragen.

Es zeigt sich, dass das Einkommen der Frauen in gut 50 Prozent der Fälle notwendig ist, um zu den Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von mehr als 7.500 Euro zu gehören. Bis 2016, also bis zum Ende des Beobachtungszeitraums, stieg dieser Anteil auf 60 Prozent. In rund 40 Prozent reichte also schon das Einkommen der Männer aus, um in dieser Einkommensgruppe zu sein. Das Einkommen der Frauen allein reichte dagegen hierfür nur in weniger als 10 Prozent der Fälle aus. Dieser Anteil ist über die Zeit praktisch nicht gestiegen.

Also die Männer verdienen das Geld, die Frauen eher weniger (vermutlich auch bedingt durch Aussetzen und Teilzeit).

Bei der Interpretation dieser Ergebnisse ist allerdings zu erwähnen, dass der Anteil des Einkommens der Frauen tendenziell unterschätzt wird, da sie bei ihrem monatlichen Einkommen durch das Ehegattensplitting und die unterschiedlichen Steuerklassen eventuell benachteiligt sind.

Abbildung 2 zeigt auf, ob das Einkommen von Frauen notwendig oder ausreichend ist, um zu den Top verdienenden Haushalten zu gehören. 2006 war für etwa acht Prozent der top verdienenden Haushalte das Einkommen der Frau alleine ausreichend, um zu den top verdienenden Haushalten zu zählen. Dieser Anteil ist bis 2016 nahezu gleichgeblieben. Quelle: Mikrozensus 2006-2016, eigene Berechnungen.

Das könnte sich auswirken, aber gerade bei einem Selbständigen wird ja der Lohn nicht nach Steuerklasse, sondern nach einer Schätzung anhand des letzten Jahres mit Vorauszahlungen alle 4 Monate gezahlt. Insofern muss man nicht die 5 nehmen, damit der andere die 3 nehmen kann.

Fazit

Die Gleichstellung von Männern und Frauen ist ein erklärtes Ziel deutscher Politik. Dazu gehört, dass Frauen in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen ebenso stark vertreten sein sollten wie Männer. Dass dies bislang nicht oder nur teilweise der Fall ist, dürfte auch der Tatsache geschuldet sein, dass Frauen es nur selten bis an die Spitze der Einkommenspyramide schaffen. Doch gerade Spitzenverdiener haben nicht selten einen besonders starken ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Einfluss.

Es ist interessant, dass es immer eher als Hindernis formuliert wird und nicht auf unterschiedliche „Leistungsbereitschaft“ im Schnitt abgestellt wird

Die Ergebnisse der hier betrachteten Studie zeigen, dass Frauen in dieser Gruppe immer noch stark unterrepräsentiert sind, ohne dass eine Trendwende sichtbar wäre.

Müsste das der Fall sein nach feministischer Theorie? Müsste es nicht dann etwas steiler bergauf gehen? Oder ist das Patriarchat einfach noch zu stark

Aus dem gleichen Grund hängt die Wahrscheinlichkeit, zu den Topverdiener-Haushalten zu gehören, immer noch sehr viel stärker von Männern als von Frauen ab. Die Geschlechterungleichheiten innerhalb der Gruppe von Menschen mit hohen Einkommen sind somit weiterhin erheblich.

Univariante Erklärungen sind eben schnell falsch. Sie hätten hier und haben ja sogar andere Faktoren aufschlüsseln können. Etwa anführen können, dass Frauen eher Selbständig werden müssen und vermutlich auch andere Fächer studieren müssen. Es einfach auf das Geschlecht zu schieben ist billig-

Da in der Studie Nettoeinkommen betrachtet werden, könnte ein Grund für die Ergebnisse auch im Ehegattensplitting liegen, das in seiner aktuellen Ausgestaltung das Arbeitsangebot verheirateter Frauen reduzieren dürfte (lesen Sie dazu einen 2021 erschienenen Beitrag von Bachmann und anderen). Eine politische Maßnahme, die insbesondere im Haushaltskontext die Arbeitsmarktpartizipation und somit das Einkommen von Frauen steigern könnte, wäre daher eine Reform des Ehegattensplittings.

Da man bereits jetzt 4 mit Faktor nehmen kann wäre vielleicht einfach eine bessere Beratung über die Möglichkeiten wichtig. Aber ich glaube auch der Faktor wird überschätzt. Denn letztendlich kommt es darauf an, ob man mehr Familieneinkommen haben will und wie man seine Kinder erziehen will. Da ist die Steuerklasse 5 dann eher eine gewisse Ausrede.

Der Ausbau der Kinderbetreuungsangebote wäre ebenfalls hilfreich, da insbesondere Paare in Hocheinkommenshaushalten überdurchschnittlich oft Kinder haben und Frauen sich nach wie vor mehr um die Kinderbetreuung kümmern als Männer. Entsprechend höher fällt daher die Teilzeitquote der Frauen aus.

Wäre interessant wie sich die Löhne bei mehr Kinderbetreuungsangeboten entwickeln. Ich vermute mal, dass gerade viele mit einem sehr guten Einkommen des Mannes nicht unbedingt das Recht auf einen Kindergartenplatz ab dem 1.Jahr des Kindes in Anspruch nehmen.

In aller Kürze

  • Nur 14 Prozent der Personen mit einem Nettoeinkommen von über 5.500 Euro im Monat sind Frauen.
  • Der Anteil an Frauen unter den Spitzenverdienenden ist von 2006 bis 2016 praktisch nicht gestiegen.
  • Ob ein Haushalt zu den Hocheinkommenshaushalten mit über 7.500 Euro netto monatlich gehört, hängt sehr viel stärker von dem Einkommen der Männer als dem der Frauen ab.

Literatur

Bachmann, Ronald; Jäger, Philipp; Jessen, Robin (2021): A Split Decision: Welche Auswirkungen hätte die Abschaffung des Ehegattensplittings auf das Arbeitsangebot und die Einkommensverteilung? Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, Band 70, Heft 2, S. 105–131.

Collischon, Matthias. (2023): Gender inequality in the one percent: A look under the hood of high incomes in Germany. The British Journal of Sociology, Jg. 74, H. 3, S. 501–519.

Cooke, Thomas J.; Boyle, Paul; Couch, Kenneth; Feijten, Peteke (2009): A longitudinal analysis of family migration and the gender gap in earnings in the United States and Great Britain. Demography, Vol. 46, Issue 1, S. 147–167.

Gilens, Martin; Page, Benjamin I. (2014): Testing theories of American politics: Elites, interest groups, and average citizens. Perspectives on Politics. Vol. 12, Issue 3, S. 564–581.

DOI: 10.48720/IAB.FOO.20230804.01

Ich bin nicht dazu gekommen mir die Studien anzuschauen. Wer es schafft und etwas interessantes findet: Gerne in den Kommenataren

Wer ist das beste moderne Vorbild, das Männer derzeit für ihre Männlichkeit haben?

Auf Twitter gab es eine interessante Frage:

Who is the best modern role model men have for masculinity right now?

oder übersetzt:

Wer ist das beste moderne Vorbild, das Männer derzeit für ihre Männlichkeit haben?

Die Antworten darunter sind zu einem großen Teil eher spaßhaft, von Spongebob bis Dylan Mulvaney (die Transfrau, die einen Werbespot für Bud Light gemacht hat, der den Kurs ungemein ins wanken brachte). Zu finden ist natürlich auf Andrew Tate, Trump, Jordan Peterson etc

Etwas ernster sind Antworten wie „Ihr jeweiliger Vater“

Wer wäre aus eurer Sicht ein gutes Vorbild für Männlichkeit? Und braucht es das überhaupt?

„BIDA weil ich Kollegen nicht als erstes nach Pronomen gefragt habe?“

Auf Reddit gibt es eine Gruppe, in der man einen bestimmten Sachverhalt daraufhin bewerten kann, ob man sich wie ein Arschloch verhalten hat. (daher da Name: r/BinIchDasArschloch). Der Fall hier passt zum Inhalt des Blogs:

BIDA weil ich Kollegen nicht als erstes nach Pronomen gefragt habe?

Ich bin eigentlich ein sehr offener Mensch (zumindest denke ich es von mir) und jeder soll meiner Meinung nach leben/lieben wie und wen er möchte. Ich lehne eigentlich nur das Gendern sprachlich ab oder wenn sich Leute in der Öffentlichkeit austoben (auch bei Heteros). War mit einem homosexuellen Kollegen auch schon 2x auf einer LGBTQ+/Pride Veranstaltung.

Folgende Situation: Neuer Arbeitskollege fängt bei uns an. Ich hole ihn am Eingang ab, sag ihm, dass wir uns freuen auf die Unterstützung. Dann halt ein normaler Tag, mit Laptop Überreichung, Zugänge beantragen und Einarbeitung. Der Tag drauf ist After-Work wo ich ihn eingeladen habe. Nach dem dritten (etwas stärkeren) Gin Tonic hat er gemeint, das Team sei cool. Ihn hätte es aber gestört, dass ich ihn (und die Kollegen auch) nicht vor der Begrüßung nach seinen Pronomen gefragt habe. Darüberhinaus hat er alkoholisiert dann fast ausschließlich über LGBTQ+ Themen gesprochen, obwohl ich ihn darauf hingewiesen habe, dass wir in der Runde eigentlich nicht über politische, gesellschaftliche oder religiöse Themen sprechen.

Hab kein Problem Leute mit entsprechenden Pronomen anzusprechen, wenn ich aktiv darüber informiert werde. Finde nur die Erwartungshaltung sehr hoch.

Den letzten Job und den Ersten nach dem Studium hat er einen Monat gemacht. Er hat gemeint, das Arbeitsklima war schwierig. Haben uns nicht viel dabei gedacht, da Gen Z insgesamt ja höhere Ansprüche hat. Inzwischen gehen wir davon aus, dass er gekündigt worden ist.

BIDA wenn ich dafür sorge, dass er während der Probezeit gekündigt wird, wenn er sich weiter so aufspielt?

Edit:

Ein Kommentar hat mich zum Nachdenken angeregt. Nämlich, dass er uns gelobt hat… hatte ich persönlich komplett ausgeblendet… und ein schlechtes Gewissen.

Ich rede jetzt mit dem Team, dass alle offen sein sollen für einen Neubeginn. Also alle Uhren werden wieder auf den Anfang zurückgestellt. Er persönlich hat ja nichts davon mitbekommen. Wir schauen, wie es sich entwickelt. Ich werde mir außerdem Tipps von der hauseigenen Queer-Community holen bzw. von einem Ansprechpartner dort holen.

Habe mitbekommen, dass er gerne kickt. Lade jetzt ihn und das restliche Team zum Bubble-Fußball kommende Woche ein.

Die Meinungen sind sich größtenteils einig, dass jemand, der meint, dass er nach Pronomen gefragt werden will, erst einmal eher Probleme verspricht.

Zumal er selbst ja nicht nach Pronomen gefragt hat.

Eingewandt wird, dass er zum einen alkoholisiert war und vorher nicht zu negativ aufgefallen ist,

Und das es etwas unfair wäre allein aufgrund dieser alkoholisierten Aussagen zu kündigen.

Wie man im Edit sieht will er dann wohl dem Neuen auch erst einmal eine Chance geben.

Was würdet ihr sagen?

 

Selbermach Samstag

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema oder für Israel etc gibt es andere Blogs

Zwischen einem Kommentar, der nur einen Link oder einen Tweet ohne Besprechung des dort gesagten enthält, sollten mindestens 5 Kommentare anderer liegen, damit noch eine Diskussion erfolgen kann.

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, auch gerne einen feministischen oder sonst zu hier geäußerten Ansichten kritischen, der ist dazu herzlich eingeladen

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Beatrice Frasl: „Das Patriarchat macht krank“

Die Feministin Beatrice Frasl hat ein Buch über das Patriarchat geschrieben zu dem es einen Artikel in der Emma gibt (was nahelegt, dass sie keine intersektionale Feministin ist, sondern eher eine „Klassischere“ Feministin)

Ich habe nicht Rücken, ich habe auch nicht Kopf, ich habe nicht mal Knie. Ich habe Patriarchat. Diese Selbstdiagnose könnte sich wohl so ziemlich jede Frau stellen.

Wohl zumindest die meisten feministischen Frauen. Wobei das nicht bedeutet, dass die Diagnose richtig ist.

Wie ein Tumor strahlt das Patriarchat in alle Bereiche des täglichen Lebens von Frauen. Es verweigert ihnen alles, was mit Macht, Prestige und Reichtum zu tun hat. Es sorgt dafür, dass sie weniger Geld verdienen, dass ihre Arbeit keine Anerkennung findet, dass sie sich Schönheitsnormen unterwerfen und mit ihrem Körper unzufrieden sind, und dass sie aus der Geschichte ausradiert werden. Und es gibt ihnen zeitlebens das allgegenwärtige Gefühl, immer ein bisschen weniger wert zu sein als ein Mann.

Das ist ja das klassische feministische Märchen: Alle Unterschiede beruhen lediglich auf dem nebulösen Patriarchat, welches irgendwie alle Bereich durchsetzt hat und Frauen unterdrückt. Das Frauen etwas anderes machen müssten, etwa andere Berufe wählen, mehr Überstunden machen, sich Partner mit geringeren Einkommen suchen oder einfach akzeptieren, dass nicht jeder schön sein kann, bzw das Männer selbst auch einen erheblichen Druck aufgrund intrasexueller Konkurrenz und intersexueller Selektion erleben, die man genau so gut als Matriarchat bezeichnen könnte, kommt da gedanklich nicht vor.

Das Wissen darum frisst sich durch ihren Körper, nagt an ihrer Würde, ihrem Stolz und an ihrer Psyche. Es ist gefährlich, eine Frau zu sein. Flankierend dazu hat das Patriarchat eine Kultur des Wegschauens installiert. Das erhält ohne große Anstrengung die Macht.

Die Frau ist ausschließlich das passive Opfer – und dabei erstaunlich gebrochen. Das ist dann in gewisser Weise das Gegenstück zur starken unabhängigen Frau. Und gleichzeitig dann wahrscheinlich auch die „Entschuldigung“ dafür, dass die Frau nicht mehr macht: Wer starke Frauen will, der muss eben das Patriarchat beseitigen. Und man kann auch nicht, zb als Arbeitgeber, einwenden, dass Frauen schwächer sind, weil sie eben Opfer des Patriarchats sind.

Aber was wäre, wenn frau das Patriarchat nicht als gottgegebene Gewaltenteilung in der Welt hinnehmen, sondern als eine durch Männer entstandene Krankheit erkennen würde?

Männer quasi also der Virus bzw der Krankheitserreger oder zumindest Verursacher. Das würde natürlich gleich nach „Gottgegebene Gewaltenteilung“ die beste Lösung sein.

Diese Frage stellt die Österreicherin Beatrice Frasl in ihrem Buch „Patriarchale Belastungsstörung“. Die Kulturwissenschaftlerin plädiert dafür, Gesundheit genau wie Kapital, Raum oder Zeit nicht als Privatsache, sondern als Politikum zu begreifen. Geschlecht, Klasse und Psyche stehen in direktem Zusammenhang. Zwangsläufig ist im Patriarchat auch die Gesundheit nicht fair verteilt. Die muss man sich schließlich leisten können. Wer immer stärker belastet wird als der andere, der erkrankt höchstwahrscheinlich auch früher.

Abgesehen davon, dass Männer die meisten gefährlichen Arbeiten machen, auch die Arbeiten mit den den meisten Überstunden/Zeiteinsatz und oft auch dem größten finanziellen Risiko und auch abgesehen davon, dass Männer früher sterben als Frauen ist die Gesundheit natürlich absolut unfair zu Lasten der Frauen verteilt.

Frasl: „Frauen führen zwangsläufig die belasteteren Leben. Und neben den sozioökonomischen Faktoren kommt auch noch Gewalt hinzu, von der Frauen in viel höherem Maß als Männer betroffen sind. Wir werden schon allein durch das Gefühl sozialisiert, Opfer werden zu können“, sagt Beatrice Frasl. Das präge die Psyche grundlegend mit.

Es ist natürlich immer etwas unfair ein Buch nach einem kurzen Ausschnitt oder einem Artikel über das Buch zu besprechen, aber hier klingt es sehr als seien es die üblichen Vorhaltungen, die lediglich aus Unterschieden im Ergebnis Benachteiligungen schlussfolgern. Ein wirklicher Kausalzusammenhang wird da selten ermittelt.

Verkürzt gesagt, macht das auch die Ehe zwischen Frau und Mann. Dutzende Studien zeigen, dass die Institution Ehe Männer psychisch gesünder, Frauen aber kränker macht.

Das wäre ja interessant. Wobei da ja auch noch wenig dazu gesagt wird, dass es „Das Patriarchat“ ist. Vielleicht werden eben nur gesündere Männer geheiratet oder verheiratete Frauen haben eher Kinder, was ja aufgrund der Geburt etc verschiedenste Probleme mit sich bringen kann.

Martin Schröder hatte Studien dazu zitiert, dass Frauen genau so glücklich sind wie Männer und sich im übrigen in den Beziehungen sogar freier fühlen als die Männer.

„Paarbeziehungen und die Dynamiken in ihnen sind ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung von Depressionen, Schizophrenie, Anorexie, Angsterkrankungen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Ehen mit Männern sind für Frauen also echte Risikofaktoren“, schreibt die Kulturwissenschaftlerin. Sie hat aufwendige Recherche betrieben, Statistiken, Studien, Fallzahlen zusammengetragen. Es schockiert, so geballt mit Zahlen untermauert vorgelegt zu bekommen, wie wenig in Österreich (in Deutschland ist es nicht anders) für die psychische Gesundheit von Frauen getan wird.

Es wird allgemein wenig für psychische Gesundheit getan. Es gibt nicht mehr Psychologen für Männer als für Frauen. Aber klar: Wenn man davon ausgeht, dass das Patriarchat die Frauen geradezu vorsätzlich und in einer weitaus höheren Anzahl krank macht, dann kann man daraus natürlich ein Frauenproblem machen.

Die Idee, dass Paarbeziehungen und Dynamiken die Leute depressiv oder Schizoprene machen oder zu Borderline etc führen, scheint mir auch gewagt zu sein. All das macht allerdings natürlich Beziehungsprobleme. Meines Wissens nach ist man Borderliner oder man ist es nicht. Sicherlich kann eine ungesunde Dynamik die Symptome deutlich machen, aber die kann dann eben auch durch die Borderlineerkrankung entstehen.

Damit muss Schluss sein.

Ich habe sie mal angeschrieben ob sie mir ein Besprechungsexemplar übersendet. Dann werde ich ausführlicher berichten.