Arne Hoffmann: Sexuelle Gewalt gegen Männer: Was wir darüber wissen und warum wir dazu schweigen

Von Amazon:

Seit einigen Jahren weist die Forschung darauf hin, dass es sehr viel mehr männliche Opfer sexueller Gewalt gibt, als man lange Zeit glaubte. Ihre Rate reicht an die Rate weiblicher Opfer heran. Wie dieses Buch zeigt, sprechen Politik und Medien in den USA diese Erkenntnisse an, während sie hierzulande ein Tabu bleiben. Aktivisten, die sich mit diesen Missständen beschäftigen, werden von Meinungsführern angefeindet und ausgegrenzt.

„Sexuelle Gewalt gegen Männer“ beleuchtet die gesamte Bandbreite dieses Problems. Dazu zählen Vergewaltigungen, Belästigungen, Kindesmissbrauch, Zwangsprostitution, Rachepornos, Stalking, Sextourismus, sexuelle Gewalt in militärischen Konflikten und andere Menschenrechtsverletzungen. Dabei ist es Hoffmann ein zentrales Anliegen, wissenschaftliche Fakten auch jenen Lesern leicht verständlich zu machen, die sich noch nie zuvor mit diesem Thema beschäftigt haben.

Männer, die sexuelle Gewalt erlitten haben, kommen in diesem Buch ebenso zu Wort wie Helfer und Aktivisten. So gehören zu Hoffmanns Interviewpartnern die Opferberaterin Deborah Neuburger, der Männerexperte und Psychotherapeut Professor Michael Klein, die feministische Kulturanthropologin Dr. Mithu Sanyal sowie Matthias Enderle, der Vorsitzende der männerpolitischen NGO Manndat, die sich seit zwei Jahrzehnten für diese Opfer einsetzt.

Ein Teil des Buches zeigt darüber hinaus, auf welche mitunter fragwürdige Weise Leitmedien Betroffene ebenso darstellen wie Menschen, die sich in diesem Bereich engagieren. Hier gewährt Hoffmann Einblicke in seine eigenen – mitunter geradezu bizarren – Erfahrungen mit vermeintlichen „Qualitätsjournalisten“, führt aber auch die Fälle auf, bei denen Journalisten ihrer Aufgabe gerecht geworden sind. Ausführlich untersucht das Buch die Gründe dafür, dass die große Zahl männlicher Opfer hierzulande verschwiegen wird.

Nicht zuletzt verdeutlicht ein eigenes Kapitel, warum auch Mädchen und Frauen davon profitieren, wenn männliche Opfer zur Kenntnis genommen werden. Auf diese Weise entsteht jener ganzheitliche Blick auf sexuelle Gewalt, der zu ihrer Bekämpfung dringend notwendig ist.

Und Arne selbst hat natürlich auch einen Artikel dazu, in dem er auch das Inhaltsverzeichnis anführt:

Vorwort

TEIL EINS: Was uns die Forschung sagt

1. „Eine Epidemie vergewaltigter Männer“

2. Sexuelle Belästigung: „Ich frage mich, ob ich Freiwild bin.“

3. „Jedes Mal definitiv verdient“: Häusliche Gewalt gegen Männer

4. „Wir erkennen immer wieder eindeutig Frauenhände“: Der Horror des sexuellen Missbrauchs

5. Massenvergewaltigungen und Zwangsprostitution: Männliche Opfer bleiben ein Tabu

6. Von Kenias Stränden bis zu Putins Gefängnissen: So weit reicht der Mantel des Schweigens

7. Die Kette der Gewalt durchbrechen: Warum es auch Frauen hilft, wenn man das Schweigen beendet

TEIL ZWEI: Wie Leitmedien beim Thema „männliche Opfer“ versagen

TEIL DREI: Ist es nicht egal, wenn „Müll“ vergewaltigt wird? – Zwanzig Gründe, warum männliche Opfer unsichtbar bleiben

TEIL VIER: Was ist zu tun? Interviews mit Opfern, Helfern und Aktivisten

Matthias Mala, Opfer sexueller Gewalt: „Ich signalisierte, dass ich nicht wollte, doch sie ignorierte es“

Johannes Busch, Opfer sexueller Gewalt: „Meiner Frau habe ich erst nach Jahren davon erzählt“

Sedrik Vold, Opfer sexueller Gewalt: „Ich leide fast täglich unter Alpträumen, Panikattacken, Schlafstörungen, depressiven Momenten und Selbsthass.“

Deborah Neuburger, Opferberaterin: „Nur zwei Männer waren in der Lage, den erzwungenen Geschlechtsverkehr als Vergewaltigung einzuordnen“

Phil Mitchell, Therapeut: „Meiner Einschätzung nach werden genauso viele Männer zum Sex gezwungen wie Frauen“

Professor Michael Klein, Therapeut: „Vertreter einer sozialen Bewegung für Männer werden stigmatisiert“

Dr. Mithu Sanyal, feministische Kulturanthropologin: „Die Medien arbeiten noch immer mit Bildern, die erschreckend an die Fünfzigerjahre erinnern“

Matthias Enderle, Vorsitzender von MANNdat: „Aus dem Feminismus lassen sich Lehren für die eigene Haltung ziehen“

Nachwort: Der Semmelweis-Reflex

Anhang: Hier erhalten männliche Opfer sexueller Gewalt Unterstützung.

Sexual Strategies Theory: Eine evolutionäre Perspektive auf die menschliche Paarung (Teil 12)

David Buss hat mit Sexual Strategies Theory eine sehr interessante Theorie entwickelt und es lohnt sich, sie hier zu besprechen.

Sexual Strategies Theory: An Evolutionary Perspective on Human Mating

Bisherige Teile finden sich hier:

Weiter geht es:

Adaptive Logic of Men Pursuing a Long-Term Mating
Strategy
Given the powerful reproductive advantages that accrue to men who pursue short-term sexual strategies, why should men pursue a long-term mate? The primary reproductive advantage to men of long-term mating is that it offers the possibility of monopolizing a woman’s lifetime reproductive resources. Additionally, it may offer benefits of prolonged economic cooperation with the woman and the development of long-term alliances with her kin (Barb Smuts, 1991, personal communication).
There are several potentially powerful reproductive reasons why men would seek long-term rather than short-term matings.

These include
(a) when long-term mating becomes necessary to obtain women of high mate value,
(b) to avoid the cost of not pursuing a long-term mate,
(c) to increase the genetic quality of children,
(d) to solve the problem of concealed ovulation in women, and
(e) to reap the benefits of mutual cooperation and division of labor.

„(a) when long-term mating becomes necessary to obtain women of high mate value,“

Wenn Frauen bei einer Kurzzeitstrategie des Mannes die Kosten der Schwangerschaft nicht mit dem Mann teilen können, sondern sie selbst tragen müssen oder andere, die ein geringeres genetisches Interesse an den Kindern haben, dazu bringen müssen sie zu tragen, dann kann es im Interesse der Frauen liegen, und zwar gerade der, die für Männer als Sexualpartner besonders interessant sind, sich nicht auf eine Kurzzeitstrategie einzulassen, sondern nach Möglichkeit den Vater der Kinder dazu zu bringen eigene Kosten zu tragen. Sie können ja nebenher auch noch die weiteren Personen, die für einen Übernahme der Kosten bereit stehen könnten, etwa Eltern oder nahe Verwandten nutzen und so weniger Ressourcen alleine tragen bzw mit höherer Wahrscheinlichkeit sicherstellen, dass immer genug Ressourcen vorhanden sind. Daraus folgt, dass sich dann, wenn genügend Frauen diesen Weg einschlagen, die Langzeitbeziehung auch für Männer interessanter wird, weil eben dort die „Guten“ Frauen zu finden sind.

Ich haue mal meine Gedanken dazu hier rein

„(b) to avoid the cost of not pursuing a long-term mate,“

Die Kosten hängen eben davon ab, welche Strategien die Frauen einschlagen. Verfolgen diese ganz überwiegend eine Langzeitstrategie, soweit sie es können, und findet der Mann keine Frau, die für eine Kurzzeitstrategie zu haben ist, dann droht er leer auszugehen.

(c) to increase the genetic quality of children,

Bessere Frauen = bessere Gene. Wenn diese aber alle auf eine Langzeitstrategie aus sind (zumindest in Bezug auf den jeweiligen Mann) dann kann er nur auf dem Weg an die „Guten Gene“ kommen.

(d) to solve the problem of concealed ovulation in women, and

Da man einer menschlichen Frau, im Gegensatz zu diversen anderen Primaten, nicht ansieht, wann sie fruchtbar ist, weiß man nicht, ob die Kurzzeitstrategie zum Erfolg geführt hat. Ist man hingegen der einzige, der mit der entsprechenden Frau schläft und „monopolisiert“ sie, dann wird man eher die fruchtbaren Tage erwischen und auch eher der Vater des Kindes sein, welches sie zur Welt bringt.

(e) to reap the benefits of mutual cooperation and division of labor.

Eltern haben den Vorteil, dass sie beide ein hohes Interesse an dem „Produkt“ haben, nämlich ihren Nachwuchs. Beide sind im Schnitt zu 50% mit ihm verwandt. Das erlaubt beiden zu kooperieren und insoweit an einem Strang zu ziehen und die Kinder damit bestmöglich zu versorgen. Keine andere Konstellation hat ein gleiches genetisches Interesse und erlaubt damit auch die gleiche Form der Kooperation.

Mal sehen, was in der Studie geschrieben wird:

Fulfilling Standards Imposed by Women
There is an asymmetrical relationship between the two components of sexual selection. The mate preferences of one sex should influence the competitive tactics used by the opposite sex, either over evolutionary time or over the course of individual development (Buss, 1988a).

Das ist spieltheoretisch klar: Welche Strategie am besten ist wird üblicherweise erst deutlich, wenn man schaut, welche Strategie die andere Seite anwenden wird, die Wahl dieser Strategie kann dann auch wiederum die Strategiewahl des anderen neu beeinflussen bis man evtl bei Strategien ankommt, die für beide jeweils unter Berücksichtigung des Handelns des anderen der beste Weg sind oder man die eigene Strategiewahl wiederum gegen den Versuch der anderen Seite absichern muss, für sich mehr rauszuholen als es die eigentlich kooperative Strategie ermöglicht.

Ganz anschaulich ist da das Prisoners Dilemma, welches  eine kooperative Strategie erlaubt, die eigentlich für beide kooperative Strategie erlaubt, aber es auch erlaubt den anderen zu „betrügen“ und damit für sich etwas besseres herauszuholen, es sei denn der andere betrügt auch.

If women require reliable signs that a man is committed to them for a long-term relationship as a prerequisite for consenting to sexual intercourse, then men will have to display signals of long-term commitment if they are to succeed in acquiring a mate (barring attempts to circumvent female choice).

Und das ist ja heute noch ein großes Thema: Viele Frauen wollen gerade eine feste Beziehung und wollen vom Mann entsprechende Zeichen, dass sie es „ernst meinen“. Und natürlich kommt es hier immer wieder zu Problemen, weil Männer diese Zeichen fälschen oder Frauen sich nicht sicher sind.
Natürlich gibt es das auch andersrum: Männer, die Zeichen für eine ernste Beziehung wollen und sich schlecht fühlen, wenn sich herausstellt, dass diese nur vorgetäuscht waren. Aber da ist es für Männer üblicherweise nicht das Problem, dass sie Sex hatten, während Frauen Sex wesentlich häufiger bedauern und Männer eher bedauern, dass sie keinen Sex hatten.

These signals, of course, can be, and sometimes are, deceptive. Men may feign long-term interest as a tactic for obtaining a short-term mate. However, women should evolve over time to combat deception in three ways:
(a) evolving psychological mechanisms that detect when deception is occurring,
(b) focusing on cues that reliably predict actual long-term commitment, and
(c) requiring increased levels of commitment that are costly

„(a) evolving psychological mechanisms that detect when deception is occurring,“

Das ist eine interessante Frage. Haben Frauen zB ein besseres Gefühl dafür, wenn etwas nicht stimmt, wenn sich zB eine Konkurrentin für ihren Mann interessiert oder wenn er sich nach anderen umschaut als Männer (die daran allerdings ja auch ein evolutionäres Interesse haben)? Können sie Bindungsbereitschaft vielleicht eher einschätzen? Mal sehen, welche Mechanismen hier diskutiert werden.

„(b) focusing on cues that reliably predict actual long-term commitment, and“

Also quasi Zeichen für Verliebtheit und eine echte emotionale Bindung. Auch da tun sich spannende Fragen auf. Wie genau erkennt man überhaupt, dass es jemand ernst meint? Wie schließt man aus, dass er nicht nur Sex will?

(c) requiring increased levels of commitment that are costly to feign before intercourse. 

Auch das dürfte ein altes Thema sein. Was wären zB höhere Level der Verbindlichkeit? Zum einen sicherlich die Verdeutlichung nach außen, also gegenüber Freunden und Familie, dass man in einer Beziehung ist, die man ernst nimmt. Da würde dann die „Soziale Überwachung“ einsetzen. Denn ein Mann, der nach außen eine Verbindung signalisiert und diese nicht einhält signalisiert eben auch, dass er nicht zu seinem Wort steht und wird damit als Partner für andere Frauen uninteressanter. Zudem signalisiert er durch das Aufzeigen einer Verbindung auch, dass er „vergeben“ ist, was es für andere Frauen mit höheren Kosten belegt mit ihm zu flirten oder ihm Signale zu senden, weil sie sich damit zum einen gegen die Partnerin stellen und evtl eine soziale Ächtung als „Schlampe“ oder zu mindestens jemand der „anderen den Partner wegnimmt“ droht. Natürlich kann man darunter auch schlicht „Brautwerbungsressourcen“ verstehen, etwa Geschenke, Essen, Aufmerksamkeiten etc für die Frau selbst oder ihre Eltern.  Auf einem ganz einfachen Level wäre es bereit Zeit, die man mit der entsprechenden Frau verbringt: In der Zeit kann man eben nicht mit einer anderen Frau flirten oder versuchen sie für sich zu gewinnen.

Thus, men may be forced de facto into long-term matings to fulfill standards imposed by women

Und damit wird es natürlich auch gleichzeitig für sie interessant Frauen ihrerseits dazu zu bringen eine Langzeitstrategie umzusetzen.

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