Hörsaalbesetzung in Jena um Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte zu retten

Arne berichtet über eine Aktion an der Uni Jena:

Ab 2025 will die Jenaer Friedrich-Schiller-Universität den deutschlandweit einmaligen Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte streichen. Studierenden haben dagegen eine Petition gestartet und demonstriert. Geholfen hat es bislang nichts. Nun sind die jungen Menschen auf eine radikalere Protestform ausgewichen und haben Jenas größten Hörsaal besetzt – auf unbestimmte Zeit.

So wie es aussieht, werden sie eine Weile bleiben. Um die 50 Studierende halten seit Mittwochabend den Hörsaal 1 am Jenaer Ernst-Abbe-Platz besetzt. Zwei Dutzend schlafen sogar dort. Der Hörsaal der Uni Jena ist für etwa 800 Menschen ausgelegt. Jetzt hängen Transparente mit Forderungen an den Wänden, Matratzen liegen dort, wo normalerweise Professorinnen und Professoren für ihre Vorlesungen stehen.

(…) Die Hauptforderung der Besetzer: Der Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte, seit 2010 unter der Leitung von Professorin Gisela Mettele, darf nicht wegfallen. Mettele geht 2025 in den Ruhestand. Danach soll es keine Nachfolgerin, keinen Nachfolger geben. So der Plan der Uni. Ein Plan, der aus finanzieller Not heraus gefasst werden musste, sagt Professor Christoph Demmerling, Dekan der Philosophischen Fakultät.

Mettele ist ganz interessant: Ihr Thema scheint einmal Religion und dann Geschlechtergeschichte zu sein, also je nach Standpunkt zwei Religionen.
Ihre Forschung wirkt noch relativ unintersektional. Aber ich vermute die Chance auf eine Neubesetzung ist dort doppelt interessant: Einmal ist es schlicht eine Stelle mehr für Gender Studies Studierende. Dann kann man sie auch noch radikaler neu besetzen

Voraus ging die Verpflichtung, die bisher extern finanzierte Junior-Professur „Digital Humanities“ aus eigenen Mitteln zu bezahlen, und zudem der Wunsch, diese auch noch zu einer ordentlichen Professur aufzuwerten. Das kostet viel Geld. Heißt, an anderer Stelle muss gespart werden.

Zwei Streichkandidaten standen zur Wahl: Geschlechtergeschichte und Mittellatein. Der Fakultätsrat habe sich für ersteren entschieden, weil, wie Demmerling betont, Geschlechterthemen auch an anderen Professuren mitverhandelt und gelehrt werden.

Ich gebe zu, bei der Wahl zwischen Geschlechtergeschichte und Mittellatein würde ich persönlich einfach beide streichen. Und das ohne mich zu informieren, was Mittellatein überhaupt ist.

Das reiche aber nicht aus, finden die Studierenden im Hörsaal 1. Es sei wichtig, dass es für die Geschichtswissenschaft mit Genderperspektive eine zentrale Institution gebe. Nur so könne sichergestellt werden, dass der Ansatz auch umfassend fortentwickelt werde. Zufrieden geben wollen sich die Studierenden mit Geschlechtergeschichte in zufällig abfallender Häppchenform nicht.

Zudem sei die Entscheidung gegen den Lehrstuhl Geschlechtergeschichte undemokratisch und intransparent gefallen. Eine nicht demokratisch legitimierte Kommission – besetzt mit Nicht-Historikern – habe eine Vorauswahl getroffen. Im Fakultätsrat, der die endgültige Entscheidung getroffen hat, hatten die Studierenden nur eine von 17 Stimmen. Sie wünschen sich nun einen deutlich basisdemokratischeren Mitbestimmungsprozess in derartigen Fällen.

Natürlich ist es das gute Recht von Studenten sich gegen eine Streichung einer aus ihrer Sicht wichtigen Stelle auszusprechen. Aber letztendlich sind es aus meiner Sicht Scheinargumente, sie wollen halt eine andere Entscheidung.

Dekan Demmerling sieht das anders. Von undemokratisch könne keine Rede sein. Das Verfahren sei sehr „kleinteilig begutachtet“ worden. Das Rechtsamt habe es ausgeleuchtet – die Strukturkommission dann eine Empfehlung ausgesprochen. Zuvor gab es an der Universität äußerst kontroverse Diskussionen zum Thema.

(…) Nicht alle Jenaer Studierenden sind mit der Besetzung des größten Hörsaals einverstanden. Laut einem Uni-Sprecher gebe es einigen Unmut unter den Kommilitoninnen und Kommilitonen. Vorlesungen anderer Fächer fielen entweder aus oder werden in kleinere Räume verlegt. Das ist auch den Besetzern bewusst. Sie wollten keine Bildung verhindern, sagen sie. Aber sie sähen auch keine andere Möglichkeit, mehr Gehör zu finden. In den kommenden Tagen wollen sie mit der Uni verhandeln.

Das ist einer der großen Vorteile der Gender Studies: Sie sind bereit zu kämpfen und sie haben die Leute dafür, die so etwas machen, weil es eben eine Ideologie mit einer gewissen Fanatisierung ist. Das bringt Vorteile, einfach weil man Widerstand befürchten muss, wenn man etwas in diese Richtung macht. Man weiß eigentlich schon, oder zumindest weiß man es beim nächsten Mal, dass es Ärger geben wird.

Im Prinzip können sie sich überlegen, wie lange sie ohne ihren Hörsaal auskommen, ob sie sich trauen gewaltsam mit Polizei zu räumen oder eben klein bei zu geben.

41 Gedanken zu “Hörsaalbesetzung in Jena um Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte zu retten

  1. Wenn der Niedergang voll durchschlägt bin ich gespannt, welche der nutzlosen, nein: schädlichen Studiengänge überlebt.

    Vielleicht können sich die Genderisten ja durchsetzen und Genderismus bleibt in Amt und Würden, während um sie herum die ganze Gesellschaft auseinanderfällt. Dann werden die Scharen von Niedriglöhnern mit der einschlägigen Laberei aus dem Elfenbeiturm beglückt.

  2. Da hat man kurz den Gedanken „Ich bin für deftige Studiengebühren ohne Chance auf Privatinsolvenz“ und dann schaut man über den Teich und sieht: Solche Menschen kann auch ein Markt nicht regeln.

    • Studiengebühren für alle Sozial- und Geisteswissenschaften.
      Streichung sämtlicher Frauenförderung.
      Abschaffung des zwangsfinanzierten ÖRR.
      Streichung des NetzDG.
      Qualifizierte Einwanderung von Fachkräften unter Berücksichtigung kultureller Normen.
      Verbot des Fraktionszwangs und von Parteilisten.

      Mir fällt bestimmt noch mehr ein.

      • Kürzlich gelesen:

        „Der Kollege schreibt, dass Hochverrat nur bei Gewalt oder Drohung mit derselben vorliegt, jedoch der einfache Missbrauch des Regierungsamtes straflos sei. Das hat einen Grund, nämlich die Abschaffung des ‚Verfassungsverrats’ im Jahre 1968 durch die damalige GroKo und SPD-Justizminister Gustav Heinemann ([hier](https://lexetius.com/StGB/89,5)). Auf den sog. ‚Putsch von oben’ stand bis dahin nämlich in besonders schweren Fällen die lebenslange Freiheitsstrafe.

        Testfrage: Wie viele Strafnormen kennen Sie sonst noch, wo ‚lebenslang’ in ’straflos’ umgewandelt wurde? Meine Vermutung lautet: Keine! Dazu noch eine Frage: Was beabsichtigt eine Bundesregierung eigentlich so alles, wenn sie den Verfassungsverrat durch sich selbst abschafft?”

        Der Paragraph:

        § 89. (1) [1] Wer es unternimmt, durch Mißbrauch oder Anmaßung von Hoheitsbefugnissen
        1. den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen oder
        2. einen der in § 88 bezeichneten Verfassungsgrundsätze zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen,
        wird wegen Verfassungsverrats mit Zuchthaus bestraft. [2] In besonders schweren Fällen kann auf lebenslanges Zuchthaus erkannt werden.

        Und jetzt noch mal die Frage, wer deine Vorschläge umsetzen soll und wie…

        ¯\_(ツ)_/¯

    • Bei der Studienwahl erkennt man schon den Narzissmus.
      Anstatt sich zu fragen „Was wird gebraucht“, und dann nützliche Fächer wie etwa MINT zu wählen um später einen Mehrwert für die Gesellschaft zu bringen, wählen die Narzissten sogenannte Gerechtigkeitsfächer, durch die sie dann _andere_ ändern, beschämen, anschwärzen können.

      • Naja es bringt ja auch nix wenn dann sojemand der kein Bock auf ein Mint Studienfach hat das trotzdem studiert und nur einem anderen, der das wirklich Studieren will, den Platz wegnimmt.
        Aber innerhalb der Geisteswissenschaft könnten diese Personen ja was sinnvolles Studieren, also was das nichts mit Gender u.ä. zu tun hat.

        • Normalerweise wird man für etwas bezahlt, wofür kein anderer Bock hat, es gratis zu machen.
          Die meisten Aktivitäten, die Spass machen kosten meist Geld.

        • In MINT nimmt keiner irgendwem Studienplätze weg. Zugangsbeschränkungen gibt es nur für so Brotlose-Kunst-Statussymbol-und-will-nicht-arbeiten-Studiengänge und Lehramt und Medizin.

      • „Bei der Studienwahl erkennt man schon den Narzissmus.
        Anstatt sich zu fragen „Was wird gebraucht“, und dann nützliche Fächer wie etwa MINT zu wählen um später einen Mehrwert für die Gesellschaft zu bringen…“

        Jetzt pflegst Du aber Dein Feindbild. Als ob irgendjemand seine Studienfachwahl unter dem Aspekt, was seine Wahl der Gesellschaft nützt, treffen würde. „Was wird gebraucht“ ist auch nur eine Chiffre für „Was bietet die besten Jobaussichten (für mich)?“

        Wenn Dein Nickname Programm ist, hast Du einfach Glück gehabt, dass Deine Talente und Neigungen zu einem Beruf geführt haben, der auf Deiner eigenen Nützlichkeitsskala hoch rangiert. Aber ich wage zu behaupten, dass es eigentlich so ist, dass Du Deinen Neigungen gefolgt bist, und jetzt im Nachhinein das Ganze für nützlich hältst.

        So, wie die Genderisten ihre eigene Wahl auch sehen.

        • Ob nun „Was bietet die besten Jobaussichten (für mich)?“ oder „Was wird gebraucht“, welches die selbe Medaillie ist, hat ein MINTler eine Antwort auf die Frage, ob sich die Investition in sein Studium lohnt.
          Fast alle Geisteswissenschafftler kommen gedanklich nicht weiter, als Empörung über die Frage zu empfinden.
          Eine Uni, die die Frage nicht stellt: „Was soll das? Wieso studierst du das? Warum sollte irgendjemand Geld aufbringen, dass du hier sitzt?“ und selbstverständlich eine plausible Antwort erwartet, muss auf dem absteigenden Ast sein.

          Und Frauen, deren Neigung nicht mehr hergibt, als Genderaspekte in der Poesie des 17. Jh unter feministischem Gesichtspunkt zu diskutieren, sind als Erdbeerpflückerin oder Stay-at-Home-Mom vermutlich besser aufgehoben.

          • So ähnlich wollte ich auch antworten.
            MINT-fächer sind unbestritten nützlich. Nicht-Mint-Fächer können durchaus nützlich sein, nur ist das nicht immer klar, sondern erst auf dem zweiten Blick. Wenn ein Studium aber auf einer Ideologie basiert, dann ist es relativ wahrscheinlich, dass es nicht nützlich, sondern destruktiv ist. Natürlich gibt es ein paar wenige Leute, die reich geboren sind, und deshalb sich auch keine Gedanken machen müssen, wie sie zwischen Studium und Rente etwas durch die Kiemen bekommen. Aber die meisten genannten Narzissten mit ausgeprägtem Unrechtsbewusstsein und missionarischem Eifer starten mit einer Ideologie, die keinen wissenschaftlichen Fuß haben und versuchen sich die Welt so zurechtzubiegen, wie es dem Weltbild passt. Dadurch kommen soviele Verschwörungstheorien wie das Patriarchat heraus. Mit wissenschaftlichen Standards wäre das nicht möglich. Sie suchen also überall verkrampft nach Rassismus, Sexismus, xyz-Phobien. Um es irgendeinem wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen, fälschen sie Statistiken, framen was das Zeug hält, canceln alle, die da widersprechen oder auf die Fehler hinweisen. bishin zu Morddrohungen.
            Nach dem Studium, überleben einige dieser Leute wirtschaftlich dank staatlicher oder staatlich geförderter Stellen, NGOs usw. Oder sie heuern in der Personalabteilung an oder kreieren eine destruktive Industrie wie die DEI. Eine Industrie, die niemals vorhat ein Problem zu lösen – und auch nicht lösen kann, da nicht existent -, was sie sehr wohl wissen.

          • Dass MINT nützlich ist und Gender Studies es nicht sind, sehe ich auch so. Dass Gender Studies-Absolventen das anders sehen, war aber nur der bedeutend kleinere Teil meines Posts. Der Hauptteil war Kritik an dem Anspruch, jemand – bzw. hier: Gender Studies-Studenten – sollten gefälligst ihre Studienwahl nach Nützlichkeitsaspekten für die Gesellschaft treffen.

            Dazu steht in Euren beiden Antworten herzlich wenig.

          • „Dazu steht in Euren beiden Antworten herzlich wenig.“

            Also Nützlichkeit kann nicht subjektiv sein.

            Und ich dachte, das wäre klar.
            Also Nützlichkeit erkennt man daran, dass Studierte in der Wirtschaft nachgefragt werden. Kann man vor der Studienwahl in den Stellenanzeigen nachlesen.
            Für den akademischen Bereich wäre es die Anzahl der Zitierungen der Arbeiten eine gute und einfache Metrik, wenn möglichst aus anderen Disziplinen.
            Und falls gender studies, crt o.ä. als Wissenschaft anerkannt werden will, dann sollen die auch gefälligst wissenschaftliche Standards einführen. Machen die aber nicht, denn sonst könnten die ja nichts mehr schreiben.

          • @Mathematiker

            Ich glaube, Du verstehst noch nicht, was ich kritisiere. Du sagst: „Bei der Studienwahl erkennt man schon den Narzissmus“ und begründest das mit „Anstatt sich zu fragen „Was wird gebraucht“, und dann nützliche Fächer wie etwa MINT zu wählen um später einen Mehrwert für die Gesellschaft zu bringen…“ (kursiv von mir).

            Mit dieser Begründung, speziell dem kursiven Teil davon, Narzismus zu diagnostizieren, halte ich für verfehlt. Erläuterung s.o.

            Übrigens halte ich auch den Restsatz „…wählen die Narzissten sogenannte Gerechtigkeitsfächer, durch die sie dann _andere_ ändern, beschämen, anschwärzen können“ für viel zu pauschal.* „Sogenannte Gerechtigkeitsfächer“ – nie gehört, Google liefert für „Gerechtigkeitsfächer“ schlappe neun(!) Ergebnisse, davon acht nur als Wortkombination „Gerechtigkeit Fächer“. Den „Sogenannt“-Teil hast Du Dir also schonmal ausgedacht. Gut, ich tippe, Du hast bloß ungeschickt formuliert – macht ja jeder mal – und meintest „Fächer, die ich mal als „Gerechtigkeitsfächer“ bezeichnen will“. Fair enough, nur ist die Unterstellung, auch nur eine Mehrheit der Studenten dieser Fächer würde sie aus den von Dir genannten Gründen wählen – andere ändern, beschämen, anschwärzen zu können – eben genau das: Eine Unterstellung. Der simple Drang, mehr zu erfahren über etwas, was einen brennend interessiert, verstehen zu wollen, ist sicherlich auch ein wichtiger Faktor (unterstelle ich jetzt einfach mal).

            *Du sollst ja nicht glauben, ich würde Deinen Kommentar selektiv und damit sinnentstellend lesen. Ich versuche wirklich, den Sinn zu erfassen 😉

          • P.S.:
            „Also Nützlichkeit kann nicht subjektiv sein.“

            Nee, aber die Bewertung, was nützlich ist, ist es. Wer Gender Studies als Hilfe ansieht, das ungerechte Patriarchat(tm) zu überwinden, wird sie sicherlich als nützlich für die Gesellschaft ansehen. Dagegen lässt sich mancherlei argumentieren, nur ist das leider nicht so simpel wie „Da 2+2=4, sind zwei Bananen und zwei Bananen insgesamt vier Bananen“.

          • Das ein Abiturient nicht nach der Nützlichkeit sein Studium auswählt, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen.
            Früher war es üblich, sich eine Studien-/Berufswahl-Beratung angedeihen zu lassen. Die haben mir seinerzeit ganz klar gesagt, dieses zu studieren, ist ein direkter Weg in die Arbeitslosigkeit. Ich glaube sogar mit diesen Worten.
            Und tut es die Beratung nicht, sollten es wenigstens die Eltern machen.

  3. Thüringen ist halt nicht Bayern. „Zwei Einsatz-Hundertchaften brauchten fast 20 Minuten, um 50 linksradikale Terroristen in Vorsorge-Gewahrsam zu nehmen“ wäre ist ja schon vollkommen inakzeptables Staatsversagen.

  4. Sich Unsinn ausdenken kann man eigentlich auch in seiner Freizeit. Einen Studiengang braucht es dafür nicht. Allerdings macht es natürlich mehr Spaß, seinen Unsinn den Anschein der seriösen Forschung zu geben. Was sollen denn die ganzen jungen Frauen ohne überflüssige Studiengänge machen? Mutter werden vielleicht?

    • „Was sollen denn die ganzen jungen Frauen ohne überflüssige Studiengänge machen? Mutter werden vielleicht?“

      Na ja, aber man wünscht zwar jeder Feminisin einen Sohn, aber keinem Sohn eine Feministin als Mutter… Hab ich mal gehört/gelesen.

  5. So ein Unsinn, warum macht man den Studiengang nicht einfach kostenpflichtig und setzt einen Honorarprofessor als freien Mitarbeiter ein. Solange bezahlt wird, und das willen die Buchstabenmenschen ja, bleibt er bestehen. Generell halte ich das in solchen Dingen eh für die demokratischste aller Lösungen.

      • In diesem Punkt ja, genau wie bei der Flüchtlingsdebatte oder bei den Öffentlich Rechtlichen Sendern sehe ich das so, dass derjenige der bestellt, das auch zu bezahlen hat. Das der Allgemeinheit aufzubürden sehe ich als ziemlich undemokratisch an, vor allem wenn die Allgemeinheit das nicht möchte.

        • „wenn die Allgemeinheit das nicht möchte“

          Genau, das ist ein demokratisches Prinzip. Also sollte man nach dem Willen der Allgemeinheit verfahren und nicht nach dem Geldbeutel der Studenten.

          Ich vermute, Du hältst es für ausgemacht, dass die Allgemeinheit den besagten Studiengang nicht will, und dass deshalb einfach nur die Möglichkeit bestehen sollte, sich den Studiengang selbst „kaufen“ zu können. Ich sehe dann aber das Problem darin, dass der Wille der Allgemeinheit sich nicht durchsetzt. Dafür sollten wir sorgen, und anschließend können irgendwelche Philantropen (oder im Falle des Feminismus: Menschenfeinde) an Privatunis Bezahlstudiengänge einrichten, für die die Allgemeinheit nichts übrig hat.

          • „dass deshalb einfach nur die Möglichkeit bestehen sollte“ -> „dass deshalb einfach nur darüberhinaus die Möglichkeit bestehen sollte“

      • Dass Geld im Rahmen marktwirtschaftlichen Wettbewerbs die Entscheidungen trifft, ist vielleicht nicht die demokratischste, aber der am wenigsten autoritäre Mechanismus. Denn die Alternativen wären Volksabstimmungen über den persönlichen Lebensweg jedes Einzelnen, sowie geldwerte Umverteilung vom produktiven zum unproduktiven Teil der Bevölkerung.

        • Die freie Wahl des Studiengangs nicht nur nach gesellschaftlicher Nützlichkeit, sondern auch nach persönlichen Neigungen abseits von Jobchancen, und die Finanzierung dieser Möglichkeit durch die Allgemeinheit, halte ich für ein hohes Gut. Eine private, gebührenfinanzierte Uni könnte das nicht leisten, dafür braucht man schon eine staatliche ohne Gebühren.

          Voraussetzung ist Finanzierung durch die Öffentlichkeit, und folglich u.a. auch eine starke Volkswirtschaft (ein weiterer von vielen anderen guten Gründen gegen den Öko- und Klimawahn, die all das schwächen).

          Aber eine Forderung die die Gesellschaft aufstellen muss ist dass da nur tatsächliche Wissenschaften nach Popperscher Definition betrieben wird. Es muss nicht unbedingt unmittelbaren Profit abwerfen, aber es muss weltanschaulich neutral sein und mit sauberer Methodik neues Wissen geschaffen werden. Und deshalb hat die Gesellschaft – und nur diese – das Recht, hineinzubestimmen welche Fächer da gelehrt und geforscht werden, und welche nicht.

          Weil die Allgemeinheit diese Fragen nicht unbedingt versteht, sollte die Auswahl allerdings einem Gremium unterstellt sein, das zwar gewählt ist, aber zu dem nur Personen mit der entsprechenden Bildung und ohne politische Vorbelastung angehören können.

          • die Wissenschaftlichkeit ist der entscheidende Punkt. Bias, politische (oder weiter gefasst weltanschauliche) Voreingenommenheit wird man nicht völlig eliminieren können, das scheitert schon daran dass die meisten gar nicht genug Selbstreflektion haben um zu erkennen, das Ihre Vorstellungen und Überzeugungen die Dinge beeinflussen.
            Das ist halt auch fürchterlich schwer, das bekommen nur ganz wenige Leute hin. Deshalb würde ich als zweiten wichtigen Punkt neben der Wissenschaftlichkeit die funktionierende Kritik innerhalb des Fachbereichs hinzufügen. Peer Review ist heute in den meisten Fällen ein schlechter Witz, das wissen wir nicht erst seit den Grievance Studies, und das ist auch keinesfalls auf die Sozial- oder Geisteswissenschaften beschränkt, die „harten“ Naturwissenschaften stehen da noch halbwegs gut da, weil man da noch relativ gut den Bullshit rausfiltern kann, ob das jetzt Antigravitonen oder andere lustige Sachen sind.

  6. „Eine nicht demokratisch legitimierte Kommission – besetzt mit Nicht-Historikern – habe eine Vorauswahl getroffen. Im Fakultätsrat, der die endgültige Entscheidung getroffen hat, hatten die Studierenden nur eine von 17 Stimmen.“

    Pure Bigotterie.
    Ich unterstelle einfach mal, dass die gleichen Leute kein Problem damit haben, wenn eine einzelne Gleichstellungsbeauftragte, meinetwegen eine studierte Philosophin, einen männlichen Physiker ablehnt, obwohl der Fakultätsrat aus Physikerinnen (sic!) ihn vorher einstimmig angenommen haben.

    Wie stellen die sich das vor? Basisdemokratie an jeder Ecke?
    Übrigens gibt es im Bundestag zur Zeit nur eine Partei, die bundesweite Volksentscheide fordert. Fängt mit „A“ an.

  7. Ich hör hier eine gewisse generelle Abneigung gegen die Geisteswissenschaften heraus .. kann ich gar nicht verstehen 😂

    Ja, unsere (also die Jenaer) Philosophie Fakultät ist immer für ’nen Aufreger gut, und nicht erst seit kurzem, und man kann im voraus meist schlecht sagen in welche Richtung es diesmal geht. Ich erinnere mich noch gut an den Zoff in den 90ern, wegen Marx. Wir haben hier in der Innenstadt den Fürstengraben, entlang der ehemaligen Stadtmauer, an ein paar Unigebäuden und am Botanischen Garten mit Goethes Gartenhaus vorbei, und die straße wird auch schon mal „via triumphalis“ genannt, wegen der vielen Büsten, die da stehen. Da gibts Unbekanntere wie den Juristen Anselm Feuerbach, der das Prinzip „Keine Strafe ohne Urteil“ einführte und damit de facto vor 200 Jahren in Deutschland die Folter abschaffte und in Jena lehrte, gleich daneben der große Hegel, der ja auch nicht unumstritten war und ist, und zusammen mit Fichte und Schelling den „Deutschen Idealismus“ hier begründete, und viele andere … und hier stand eben auch Marx, der an der Jenaer Uni promovierte. Das war kein riesiges Büstenungetüm wie in der Stadt mit den 3 „O“s (Gorl-Morx-Stodt), einfach einer in der langen Liste von Geisteswissenschaftlern die eine Verbindung zu Jena haben. Und der musste weg, der war in den 90ern nicht mehr tragbar, weil: Marx. Und so kommt da alle Jahre wieder was hoch, vor nicht allzu Langem kochte die Diskussion um Jakob Fries hoch, einen der Gedankengeber der Urburschenschaft, die hier gegründet wurde. Da kommen unsere Nationalfarben her, in Anlehnung an die Uniformen des Lützowschen Freikorps, schwarz eingefärbt mit roten Aufschlägen und „goldenen“ Messingknöpfen .. und so sieht dann auch die Fahne der Urburschenschaft aus, Schwarz-Rot mit goldenem Eichenlaub, hängt heute im Stadtmuseum. In der Aula an der Wand findet sich das Gemälde „Auszug der Jenenser Studenten in den Freiheitskrieg 1813“. Frag mich was Hegel „einen Hörsaal weiter“ dazu gesagt hat, der war ja ein großer Napoleon-Fan, hat den Einmarsch der Franzosen seinerzeit ausdrücklich begrüßt. Naja und der Fries war da mitten drin, gegen den Adel und das Kleinstaatentum, für Republik, Demokratie, ein geeintes Deutschland und andere lustige Ideen, die die „Progessiven“ von damals so hatten. Der Mann war aber eben auch ein glühender Antisemit, hat Polemiken wie „Über die Gefährdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch die Juden“ (1816) verfasst. Naja, jetzt hat er eine Büste, aber im Hörsaal, nicht auf der Straße.

    Und so kann man den Faden noch weiterspinnen .. ein paar Straßenzüge weiter steht das Phyletische Museum (Abstammungslehre), und sein Gründer Ernst Haeckel hat da ne große Gedenktafel, ich bin mir sicher da hat schon der eine oder andere Woke Schnappatmung bekommen beim vorbeilaufen, Haeckel kann man recht einfach mit den Rassengesetzen der Nazis, Sozialdarwinismus und anderen netten Sachen in Verbindung bringen, der gilt den heutigen „Progressiven“ als völlig untragbar. Die Büste ist strafversetzt, in den Garten vom Haeckelhaus.

    Worauf ich hinaus will .. kippt das Kind nicht mit dem Bade aus. Die Geisteswissenschaften einfach mal samt und sonders zu verdammen, hohe Studiengebühren zu verlangen oder ähnliche Aktionen sind nicht zielführend. Es geht schon genug kaputt im Moment, nicht nur, aber auch im universitären Bereich.

    • Mich wundert eher, dass die Auwahl zwischen zwei halbwegs nachvollziehbaren Cancelkandidaten stattfand statt zwischen Maschinenbau und Informatik oder Medizin. Kann mir nicht vorstellen, dass das überall so läuft. An manchen Unis werden sie garantiert die Mint Fächer soweit einstampfen wie es geht um jede Stelle im Sozialen zu erhalten. Jena als linksversiffte Hochburg hätte ich für so einen Kandidaten gehalten.

  8. Das eigentliche Problem sehe ich hier:

    Aber sie sähen auch keine andere Möglichkeit, mehr Gehör zu finden.

    Diese Default-Legitimation trifft man zur Zeit an jeder Ecke, vor allem bei den Klima-Fanatikern.

    Die meinen aber „Gehör“ nicht im klassischen, sondern im feministischen Sinne. Nämlich dass man etwas bestimmt, und wenn es nicht wunschgemäß realisiert wird, hat man einen beliebigen Freibrief für alles, weil man eben „kein Gehör“ gefunden hat. Dieses Gehör meint nicht eine pluralistische Diskussion bei den Zuständigen, sondern nackte Herrschsucht.

    Natürlich können die an den Dekan schreiben, eine Petition starten und sich an alle Verantwortlichen wenden. Dort werden die Aktivisten aller Wahrscheinlichkeit klassisches Gehör finden. Aber eben auch eine abschlägige Antwort erhalten.

    Das neuartige „nicht Gehör finden“ hingegen legitimiert zu fast allem. Die könnten die ganze Uni lahmlegen, Jena vom Stromnetz abkoppeln, Museen verwüsten oder sich auf die Zufahrt zum Notfallkrankenhaus kleben.
    Weil sie es für das in den Augen der Mehrheit Richtige tun. Und dazu gehören halt auch die Studiengänge zur Geschlechterspaltung.

  9. Lol. Deren Tagesordnung ist ja auch sehr, äh interessant.

    1) Entscheidungsfindung
    2) Updates AG
    3) Infos generell
    4) Kommunikation
    5) Selbstverständnis
    6) Plenum

    Also eigentlich nur labern bzw. nichts tun. Später dann auch ein Job mit labern und nichts tun, nur dass man dafür bezahlt werden will. Ein Staat, der sich sowas leistet, ist echt im Niedergang begriffen.

  10. „Das ist einer der großen Vorteile der Gender Studies: Sie sind bereit zu kämpfen und sie haben die Leute dafür, die so etwas machen, weil es eben eine Ideologie mit einer gewissen Fanatisierung ist.“

    So haben sich in der Geschichte viele Religionen und Ideologien durchgesetzt eine unnachgibige Minderheit hat die tolerante Mehrheit terrorisiert und mal langsam und mal schneller die Macht übernommen.

    Daher darf man diesen Spinnern nicht nachgeben,
    deswegen Auffordern den Saal zu verlassen, wenn dem nicht nachgekommen wird,
    Anzeige wegen Hausfriedensbruch und den Saal durch die Polizei räumen lassen.

    • Die Opferbereitschaft für die Klima/Gendersekte dürfte recht gering sein insbesondere im Vergleich zu stabileren Ideologien, wie dem Islam, für den Leute bereit sind zu töten und sterben.
      Erkennt man daran, das viele beim geringsten persönlichen Risiko keine Opferbereitschaft mehr haben. Solange es Gratismut ist, ist es ok, weil es Gutmenschenpunkte gibt, evtl. bei Promis sogar neuer Werbevertrag.
      Die Aktivisten nehmen sich das in den Hörsälen raus, weil sie wissen, dass es kaum/keine ernsthaften Konsequenzen haben wird. Ganz im Gegenteil dürfte es sich bei der Parteikarriere sogar als förderlich erweisen mal „an der Widerstandsfront“ :D:D gewesen zu sein. Wenn man dagegen die Eltern finanziell haftbar machen würde, wäre das ganze schnell vorbei.

  11. Den Teufel mit dem Beelzebub … entweder sie hocken demonstrierend im Hörsaal, oder sie kleben halt auf der Straße. Das ist nicht die letzte Generation, sondern das sind die, die sich eines Moralismus befleißigen, der darauf setzt, dass ihr Blödsinn grundsätzlich von den anderen bezahlt wird. (Also das Gegenteil von Moral). Eine Mehrheitsgesellschaft, die noch einen Funken Arsch in der Hose hätte, würde dem Spuk ein Ende bereiten mit allen ihren Einflüsterern und woken Ideologen in Schulen und anderen *Bildungs-*-stätten samt ihren Unterstützern in der Journaille. Eine Hochschule lässt sich von 50 (!) Kasperl an der Nase herumführen. Wo sind wir denn!

  12. Systemkritik für Paranoiker – Verschwörungstheorien operieren mit dem Werkzeug der Aufklärung und stillen die Sehnsucht nach Vereindeutigung in einer komplexen Welt

    https://www.nzz.ch/meinung/systemkritik-fuer-paranoiker-es-bluehen-die-verschwoerungstheorien-ld.1701826

    Auch in der einigermassen rational aufgestellten modernen Welt lässt sich nicht alles, was geschieht, begründen und erklären. Genau dies aber tun zu können, ist die Behauptung von Verschwörungstheorien. Wahn wird hier zu Aufklärung und Aufklärung zu Wahn.

    Wenn nichts mehr zu glauben ist, dann ist auch alles irgendwie möglich. Die gut begründete Selbstkritik der Aufklärung mündete im Postulat, dass die Vernunft auch nur eine Illusion sei. Medien wiederum, die sich als Blödmaschinen betätigen, machen Fakten fragwürdig. Es könnte schliesslich das eine oder das andere wahr sein, und eine Politik als Show-Politik, in der Spin-Doktoren die Realität zu einem für sie günstigen Narrativ hinbiegen, hat längst schon jeden darauf trainiert, allen Aussagen zu misstrauen, auch den wahrhaftigen.

    Erst hat das Fernsehen die Welt in ein Simulacrum verwandelt und dann das Internet in ein Geschichten-Tohuwabohu, an dem alle mitstricken können, mit deutlichen Vorteilen für Lügner und Manipulatoren. Wer noch auf die Wahrheit, Fakten und auf den Sinn für Komplexitäten setzt, ist ein naiver Trottel, der mit den Richtigstellungen nicht mehr nachkommen wird.

    Wir sind angeschlossen an eine grosse Maschine, und, wie Pasolini in einer Art witternden Vorgefühls vor 37 Jahren sagte, selbst «nurmehr komische Maschinen, die aufeinanderprallen». Eine solche Situation ist den groteskesten Behauptungen günstig. Die Verschwörungstheorien schiessen ins Kraut. Dieses Problem wird regelmässig in aufklärerischer Absicht behandelt. Aber selten wird nach der sozialpsychologischen Eigenheit von Verschwörungstheorien gefragt, danach, was sie so attraktiv macht.

    Heute sind Verschwörungstheorien meist mit politischem Extremismus verbunden, vornehmlich mit rechtem Extremismus, manchmal mit einem ideologisch unklaren Extremismus des Dagegenseins, der rechten und linken Jargon verbindet, seltener mit linkem Extremismus.

    Dabei müssen Verschwörungsmythen gar nicht notwendigerweise mit Radikalisierung einhergehen. In den siebziger Jahren waren Ufo-Sichtungen beliebt, garniert mit Konspirationsgeraune («Die Mächtigen halten die Informationen vor uns geheim»), ebenso wie die vielen Enthüllungen darüber, wer Kennedy wirklich ermordet haben soll (CIA, Mafia, der militärisch-industrielle Komplex, Castro, der Kreml . . .). Doch nicht der Radikale war einst der paradigmatische Verschwörungsgläubige, sondern eher der Verschrobene. Überschneidungen waren möglich, aber nicht zwingend.

    Manche versimpelten Dummheiten werden auch von Menschen geglaubt, die sonst Verschwörungstheorien leidenschaftlich ablehnen.

    «Das Entlastende» an Konspirationstheorien sei, sagt Ulrike Schuster, «dass es keinen Zufall mehr gibt». Schuster wirkt in Österreich in der Bundesstelle für Sektenfragen, einer Beratungsstelle, die Angehörigen hilft, wenn die Nächsten abdriften. Wer in einen Tunnel gerät, dessen Denken nurmehr obsessiv um eines kreist, der wird den anderen fremd, auch jenen, die ihm am nächsten stehen. Die Selbstbestärkung-Feedback-Schleifen der Verschwörungstheorie-Milieus sind den psychologischen Spiralen im Sektenwesen durchaus ähnlich. Opium fürs Volk sind sie dennoch nicht, sondern eher das Aufputschmittel.

    Verschwörungstheorien sind auch Formen, mit einer komplexen, unübersichtlichen Welt umzugehen. Was immer geschieht, es lässt sich zumindest erklären. Es gibt Täter, Hintermänner, die die Fäden ziehen. Wer in der realen Welt «nicht weiss, wie ihm geschieht», der weiss in der Phantasiewelt der Konspirationstheorie genau, was geschieht – und wo das Böse sitzt, gegen das vorgegangen werden müsste. Verständlich, dass das attraktiv sein kann. Komplexität macht leicht handlungsunfähig, Komplexitätsreduktion kann zumindest das Gefühl der Handlungsfähigkeit zurückgeben.

    Rein phänomenologisch faszinierend ist, wie Verschwörungserzählungen Elemente des kritischen Denkens und des aufklärerischen Geistes gekapert haben. Etwa den Gestus des detektivischen Enthüllens. Den gesunden Verdacht gegenüber der Macht. Nüchtern gesehen ist es erstaunlich, wie gut es gelingt, Motive des Aufklärerischen, des Emanzipatorischen in den Dienst der Verblendung und des Fanatismus zu stellen.

    Der Systemkritiker hat die Eliten und ihre Herrschernetzwerke unter Generalverdacht, und er macht sich, von diesem Verdacht ausgehend, auf Entdeckungstour. Er recherchiert, stöbert in den unterdrückten Nachrichten, kommt unbekannten Verbindungen auf die Spur, verdeckten Geheimnissen, die von der herrschenden Macht unterdrückt werden. Er sieht, wie das alles zusammenhängt, wie die Etablierten ihre Macht absichern, die normalen Menschen ausbeuten, er entschliesst sich, ihre Machenschaften aufzudecken.

    Der Systemkritiker ist erregt ob seiner Entdeckungen, fühlt sich aber auch erhaben, weil er ein Wissen hat, das die anderen nicht haben, die Angepassten, die von der Macht gegängelt sind, die in einem raffinierten Kokon von Komplizenschaft gefangen sind, der die Unterdrückten noch zu Kumpanen ihrer eigenen Unterdrückung macht. Ein bisschen ist der Systemkritiker wie ein Detektiv, der Puzzlesteine zusammenfügt, eine Art Hercule Poirot, insofern ist das Systemkritisieren auch eine äusserst lustvolle, geradezu unterhaltsame Tätigkeit.

    Dass die Täter unentdeckt bleiben, ist übrigens gänzlich ausgeschlossen, was ein glückliches Ende der Unternehmung von vorneherein garantiert. Die Täter werden immer entlarvt. Dass V den W kennt, der wiederum den X kennt, der an einer Firma beteiligt ist, die einstmals Geschäfte mit einer Firma machte, an der neuerdings auch der Y beteiligt ist – so etwas lässt sich immerzu beweisen. Und schon ist alles geklärt.

    Leicht nachvollziehbar ist, dass Verschwörungstheorien an die psychische Gesamtverfassung der paranoiden Person famos anzudocken verstehen. Die bewunderungswürdigsten und zugleich bemitleidenswertesten Paranoiker können zugleich anprangern, wie Putin den Westen unterwandert hat und wie der Westen konspirativ eine Weltherrschaft etablierte, die Putin in ein armes Opfer verwandelt.

    Der paranoide Stil der Politik mit Verschwörungserzählungen ist evident, zugleich aber auch sonderbar, insbesondere dann, wenn sich die Verschwörungstheorie mit faschistischen, rassistischen, autoritären Ideologien paart. Letztgenannte sind ja immerhin auch durch Gigantomanie, Superioritätsgefühle, die Überzeugung von der Überlegenheit einer Kultur oder einer Rasse begleitet.

    Aber die Kehrseite der Gigantomanie ist ihr Gegenteil, nämlich die permanente Angst, existenziell bedroht zu sein. Von Feinden umzingelt. Die widersprüchliche Realität wird zu einer Fiktion und wird in Eindeutigkeit verwandelt, in der der Verschwörungsgläubige tatsächlich fürchtet, er werde ausgerottet, wie in der Fiktion vom «grossen Austausch», die in die Paranoia eines Genozids an den Autochthonen mündet.

    Bemerkenswert ist nicht, dass solche Wahnideen existieren. Bemerkenswert ist vielmehr, dass heute zumindest Teile solcher Postulate auch von Populisten, autoritären Konservativen, ja sogar besonnenen Leuten übernommen werden, während sie früher nur in harten neonazistischen Kreisen verbreitet waren.

    Ebenso bemerkenswert: Es gibt in den Kreisen, die für Verschwörungstheorien ansprechbar sind, sowohl antiautoritäre Grundempfindungen als auch einen Hang zum Autoritarismus. Beide können authentisch, also echt empfunden sein. Ein ferner Autokrat kann zum Widerstandskämpfer gegen eine Weltherrschaft verklärt werden, während man daheim jeder kleinen Amtsperson misstraut. Man kann sich sogar im Widerstand gegen die Macht wähnen und einen Autokraten gross machen.

    «Nichts ist, wie es scheint», «Alles ist geplant», «Alles ist miteinander verbunden», das sind für Michael Butter ein paar Grundpostulate der Verschwörungserzählung («Nichts ist, wie es scheint», Suhrkamp-Verlag). Astrid Séville, Professorin an der Münchener Ludwig-Maximilian-Universität, sieht die Attraktivität von Verschwörungserzählungen auch in der Sprache der Macht und einer «verarmten Debattenkultur». Wenn die Vernunft sich zum grossen Konsens in die Mitte drängt, dann ist der Irrsinn die einzige kompromisslose Opposition. Das macht dann Systemkritik anfällig für die Überspanntheiten der Verschwörungsszene.

    Klar, all das ist nie ohne Komik. Man denke nur an die Menschen, die handtellergrosse Hochleistungscomputer vor sich haben, mit Touchscreen, Display, unglaublicher Rechenleistung und Speicherkapazität, eine Gerätschaft, die auch noch über Mobilfunk mit einem internationalen Datennetz verbunden ist, und die dieses Ding dann dazu nutzen, um hinauszuposaunen, dass sie der modernen Wissenschaft nicht glauben. Es ist natürlich zum Schreien komisch.

    Viele Verschwörungserzählungen sind völlig abgedreht, andere wiederum operieren mit Elementen des Realen, die sie mit Fiktion vermischen und denen sie mit der paranoiden Deutung den richtigen Dreh verleihen. Es gibt auch Verschwörungstheoriepotenzial in der linken und ökologischen Alternativkultur. Die Grenze zwischen der Verschwörungstheorie und der bloss etwas unterkomplexen, versimpelten Gesellschaftskritik ist leider nicht völlig trennscharf.

    Dass «neoliberale» Eliten bei sinistren Treffen von Wirtschaftsführern planmässig den Betrug der armen, einfachen, normalen Menschen verabreden und die globale Politik am Gängelband haben – ist das eine Verschwörungstheorie? Oder gar die Wahrheit? Oder irgendetwas dazwischen? Klar ist, dass manche versimpelten Dummheiten auch von Menschen geglaubt werden, die sonst Verschwörungstheorien leidenschaftlich ablehnen.

    Man fühlt sich hier an eine Episode aus dem Leben des grossen österreichischen Sozialistenführers Victor Adler erinnert, der sich vor bald 130 Jahren bei einem Vortrag über das Parteiprogramm «in eine Wut» hineinredete, einige «Generalisierungen» auseinandernahm, zeigte, dass die Dinge nicht so einfach sind «wie bei der Äpfelfrau», und sich dann von den eigenen Anhängern anhören musste, er habe jetzt aber nicht über seine Politik, sondern gegen seine Politik gesprochen.

    Passt zu 100% auf alle feministischen Aktivitäten.

    Für mich ist Feminismus eine der größten Verschwörungstheorien des 20 Jhd., inkl. der fantastischen Erfindung des Patriarchats. Was mich immer wieder fasziniert, dass auch in diesem Beitrag der NZZ es hauptsächlich um rechte Verschwörungstheorien geht und linke oft nur am Rand erwähnt werden.

    Die Hörsaalbesetzung ist genau das Ergebnis solcher mittlerweile etablierter Halbwissenschaften, die sich im universitären Bereich breit gemacht haben. Ich kann nur hoffen, dass die Univerwaltung sich hier nicht erpressen lässt.

  13. „Zudem sei die Entscheidung gegen den Lehrstuhl Geschlechtergeschichte undemokratisch und intransparent gefallen.“

    Blabla. Dem liegen wie immer keine Prinzipien zugrunde. Das Feminismusgeschwür frisst sich nämlich überhaupt erst undemokratisch und intransparent in unsere Gesellschaft.

    „Eine nicht demokratisch legitimierte Kommission – besetzt mit Nicht-Historikern – habe eine Vorauswahl getroffen. Im Fakultätsrat, der die endgültige Entscheidung getroffen hat, hatten die Studierenden nur eine von 17 Stimmen.“

    Ah und, liebe Studenten, wenn ihr etwas entscheidet, ist es auch undemokratisch und intransparent. Ihr seid nämlich nicht das Volk.

  14. Mittellatein ist das Latein, welches im Mittelalter gesprochen wurde, das sich nicht unwesentlich vom klassischen Latein der Römer unterscheidet. Thomas von Aquin und Johannes Buridan haben z.B. in Mittellatein geschrieben. Halte ich für wesentlich wichtiger und legitimer als den feministischen Quatsch.

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