Patricia Schlesinger, der feministische Kampf und die Einsicht, dass Fraue sich oft genug genauso beschissen verhalten wie Männer

Arne hat schon auf einen interessanten Artikel über die ehemalige RBB Vorsitzende Patricia Schlesinger angeführt, der insbesondere auf den Schaden hinweist, der dadurch entsteht, dass Frauen sich als gierig und auf ihren Vorteil bedacht zeigen. (Von der Autorin Silke Burmester hatte ich auch hier schon mal einen Artikel besprochen)

Zunächst zu den Vorfällen an sich aus der Wikipedia:

Der Verwaltungsrat des RBB genehmigte unter Führung von Wolf-Dieter Wolf der Intendantin 2021 eine Erhöhung ihres Gehalts um 16 Prozent auf 303.000 Euro, zusätzlich soll sie 2021 einen Bonus von „mehr als 20.000 Euro“ erhalten haben.[17] (Zum Vergleich: Die anderen ARD-Intendanten erhalten zum Zeitpunkt der Recherchen zur Affäre zwischen 281.000 Euro (Radio Bremen) und 413.000 Euro (WDR)[18] und jeweils keine Boni.[17])

Als dies im Sommer 2022 bekannt wurde, wurde Unmut unter den Freien Mitarbeitern des Senders laut, bei denen gespart worden war.[19] Außerdem wurden geschäftliche Verbindungen zwischen Schlesingers Ehemann und dem Verwaltungsratschef des RBB kritisiert und ihr Vetternwirtschaft vorgeworfen.[20]

Mitte Juli 2022 gaben die RBB-Revision und die Compliance-Beauftragte des RBB eine externe Prüfung durch die Kanzlei Lutz Abel in Auftrag. Die Landesrechnungshöfe von Berlin und Brandenburg teilten mit, dass sie beabsichtigen, den RBB gemeinsam zu prüfen. Der Rechnungshof Berlin hatte den RBB zuletzt 2018 geprüft. In dessen Jahresbericht 2018 kritisierte man den RBB unter anderem für übermäßige Gehaltserhöhungen und Sonderzahlungen.[21]

Der Hauptausschuss des Brandenburger Landtages führte am 19. Juli eine Sondersitzung mit dem Tagesordnungspunkt Beraterverträge und Spesenaffäre im Zusammenhang mit der RBB-Intendantin durch. Dazu war die RBB-Führung mit Intendantin, Friederike von Kirchbach als Vorsitzende des Rundfunkrates, Wolf-Dieter Wolf als Verwaltungsratschef bzw. Dorette König als Vizechefin des Verwaltungsrats geladen. Die RBB-Führung erschien nicht zur Sondersitzung. Dies führte zu massiver Kritik im Parlament.[22]

Kurze Zeit später wurde bekannt, dass Schlesinger einen luxuriösen Miet-Dienstwagen vom Typ Audi A8 mit Sonderausstattung wie Massagesitzen hatte – Listenpreis rund 145.000 Euro. Der Hersteller hatte ihr dafür einen Rabatt von 70 Prozent eingeräumt. Schlesinger durfte ihren Dienstwagen und die Leistungen der beiden Chauffeure auch privat nutzen; andere ARD-Intendanten hingegen nicht. Auch Freunde und Familienangehörige nutzten den Wagen. Auch die Abrechnung von dienstlichen Abendessen in ihrer Berliner Privatwohnung wird inzwischen geprüft.

Am 4. August 2022 trat Schlesinger mit sofortiger Wirkung als ARD-Vorsitzende zurück.[24] Sie hatte das Amt am 1. Januar 2022 angetreten; die Amtszeit dauert in der Regel zwei Jahre. Ihre Geschäfte übernahm vorübergehend der Intendant des WDR, Tom Buhrow.[25] Am 7. August 2022 trat sie auch als RBB-Intendantin zurück.[26][27] Am 8. August 2022 gab die Staatsanwaltschaft Berlin bekannt, dass sie Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue (§ 266 StGB) und der Vorteilsannahme (§ 331 StGB) gegen Schlesinger aufgenommen hat.[28] Am 11. August 2022 wurde gemeldet, dass die Generalstaatsanwaltschaft wegen der „Bedeutung der Sache“ die Ermittlungen übernommen habe.[29]

Nach ihrem Rücktritt ist Schlesinger nach wie vor Intendantin, ist jedoch bis zur endgültigen Beendigung des Dienstverhältnisses beurlaubt und nimmt keine Aufgaben für den Sender mehr wahr

Der RBB ist der Rundfunk Berlin-Brandenburg, eine Anstalt bei der man sich fragen kann, warum es sie überhaupt gibt und was man da leistet. Aber ich bin ja auch ein alter ÖRR-Hasser.

Nun aber zu dem Artikel:

Im Jahr 2016 wurde Patricia Schlesinger Intendantin des RBB. Sie war damit erst die vierte Frau, die einen solchen Posten übernahm, aus 92 Intendantenpositionen innerhalb der ARD seit 1947. Und die dritte Frau, die den ARD-Vorsitz führte, gegenüber 39 Männern. Pro Quote und ich haben gejubelt. Zusammen mit unzähligen anderen Frauen und Männern, die die männliche Dominanz in der Führung der Gesellschaft und der Medien für unzeitgemäß halten. Patricia Schlesinger ist eine hervorragende Journalistin, sie steht für gesellschaftliche Veränderung und erschien offen und sympathisch. Bingo.

„Die männliche Dominanz aufbrechen“ ist eben auch nur eine leere Phrase ohne wirklichen Inhalt. Leute in Machtpositionen sind eben häufig Leute in Machtpositionen.

Bereits am Freitag ist sie vom ARD-Vorsitz zurückgetreten, Sonntagabend auch als Intendantin des RBB. Sie habe in Sachen Finanzen nicht ausreichend zwischen Geschäftlichem und Privatem unterschieden, heißt es. Der Verdacht von Vetternwirtschaft liegt schwer in der Luft, am Wochenende wurde bekannt, dass sie rund 650.000 Euro für die Neugestaltung ihrer Büroräume ausgegeben haben soll. Von italienischem Parkett ist die Rede und einer begrünten Wand für knapp 8.000 Euro. Gebührengelder. Nicht ihr eigenes. Erinnerungen an den Bischof von Limburg werden wach.

Der eigentliche Skandal ist, dass sie das in Auftrag geben konnte und anscheinend so wenig Kontrolle vorhanden ist, dass sie noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen hatte. Warum muss jemand im öffentlichen Dienst überhaupt derart viel Geld dafür ausgeben? Gut, hier kennt man die Einzelheiten nicht, aber es erschreckt.

Die Frau, die so viel Richtiges für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wollte, die seine Modernisierung innen wie außen vorangetrieben hat, hat ihm den wohl größtmöglichen Bärendienst erwiesen. Eine bessere Vorlage hätte man den Zersetzern der Demokratie, den Kri­ti­ke­r*in­nen des öffentlich-rechtlichen Systems, denen, die es anfeinden und abschaffen wollen und die in „denen da oben“ ein grundsätzliches Problem ausmachen, nicht erweisen können. Sie fühlen sich in all ihrer – freundlich ausgedrückt – Abneigung bestätigt. Häme ist da noch ihr harmlosester Ausdruck.

Starke Worte. Den „Zersetzern der Demokratie“ und die „Kritiker des öffentlich rechtlichen Systems“ haben erst einmal recht, dass man da anscheinend nicht vernünftig wirtschaftet.  Aber ich finde diese Abwertungen auch immer sehr übertrieben: Viele demokratische Länder haben keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und niemand spricht ihnen ihre Demokratie ab.

Man schaut mit ungläubigem und fasziniertem Grausen auf das Debakel, auf eine Verfehlungsliste, die nach der Gier der Macht riecht. Danach, das Maß verloren zu haben, aber auch Einschätzungsvermögen und Anstand. Es ist der gleiche Ekel, der einen beschleicht, wenn man von den Millionenboni der Vorstände erfährt, die gerade ein Werk dichtgemacht haben, oder von Christian Lindner hört, der eine „Gratismentalität“ ausmacht, wenn Menschen die Fortführung des 9-Euro-Tickets fordern. Die Enthüllungen werden vermutlich die nächsten Tage weitergehen. Ebenso die Empörung.

Dabei ist Gier nach Macht doch etwas ganz männliches. Eine Frau macht so etwas auch? Wer hätte das jemals gedacht.

Es schmerzt alle, die dafür kämpfen, dass Frauen alle Positionen in diesem Land offenstehen
Und die Hassgülle wird das Netz weiter schwemmen. Was aber auch da ist, ist die Enttäuschung. Eine unglaubliche Enttäuschung über ein unglaubliches Versagen. Patricia Schlesingers falsches Handeln, das zu dem richtigen Schluss – der Aufgabe ihrer Ämter – führt, macht mehr kaputt als nur ihre Karriere. Es schmerzt alle, die seit Jahrzehnten dafür kämpfen, dass Frauen alle Positionen in diesem Land offenstehen. Die dafür kämpfen, dass Frauen an die Macht kommen. Nicht nur, weil Frauen dieses Recht zusteht, sondern auch, weil es den Gedanken gibt, Frauen würden die Gesellschaft, die Welt gerechter gestalten.

Tja schade. Da ist eine eh nicht wirklich rationale Position, der Glaube an das bessere in der Frau, dieser Essentialismus über das Gute in der Frau und das toxische im Mann nicht begründet. In der Tat ist es eines der bescheuersten Argumente für eine „Geschlechterparität“. Frauen sind nicht die besseren Menschen. Sie sind auch Menschen, mit allen Fehlern die das beinhaltet.

Was nun?
Was nun sagen, Patricia, wenn der Einwurf kommt, nein, die sind genauso gierig, egoistisch wie Männer? Kann man ein „Ja, aber …“ begründen, wenn Patricia Schlesinger Gelder, die Beitragzahler und -zahlerinnen oft mühsam erarbeiten, für ihr überbordendes Wohl verwendet?

Hat Schlesinger eine Ahnung, wie dumm wir Kämp­fe­r*in­nen jetzt dastehen, wie dünn unsere Argumente werden, wenn wir die Notwendigkeit von Frauen in Führung mit einem anderen Führungsstil und einem anderen Blick für und auf die Gesellschaft begründen?

Irgendwie ja bizarr. Da merkt sie wie schlecht ihre Argumente sind und beschwert sich, dass sie sie in Zukunft nicht mehr bringen kann. Sie sind eben schlecht. Sie waren auch schon vorher schlecht. Sie hat die Argumente nicht beschädigt, sondern nur den Schein dieser Pseudoargumente zerstört.

Was man über Patricia Schlesinger liest, ist äußerst unangenehm. Sie habe auf die Erhöhung ihres ohnehin hohen Gehaltes gedrängt, das nun bei rund 300.000 Euro liegt. Außerdem auf die heimliche Auszahlung eines Bonus. Ihren Abgang inszeniert sie als Opfererzählung. Ihre Bezüge möchte sie weiterhin erhalten.

Vielleicht ist auch das Teil des feministischen Kampfes: zu verstehen, es geht nicht nur darum, Frauen die Möglichkeit zu erstreiten, genauso scheitern zu können wie Männer. Es geht auch darum zu akzeptieren, dass sie sich oft genug genauso beschissen verhalten.

Auch lustig, dass sie ihr die Opfererzählung vorwirft, die sie mit ihrem „Frauen werden nicht nach oben gelassen“ ja auch bedient.

Das ist ja das Schöne an Frauen in hohen Positionen: Sicherlich machen auch viele ihre Sache gut, genauso wie Männer. Aber es kommen eben auch die, die deutlich machen, dass Frauen nicht besser sind.

Anne Spiegel hat uns gezeigt, dass Frauen auch meinen können alles zu schaffen, dass Spitzenjobs über die Verantwortung und den Einsatz auch große Schattenseiten haben, dass die Familie kürzer treten muss.

Patricia Schlesinger zeigt uns jetzt, dass Frauen knallhart auf ihren eigenen finanziellen Vorteil bedacht sein können und sich hemmungslos an Geldern anderer bedienen können, auch wenn sie anderen ein Sparen aufzwingen.

Mal sehen, was noch alles kommt (oder was schon gekommen ist und man hier noch aufzählen könnte, gerne ergänzen)