Selbermach Mittwoch

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Grüne Frauen, Überforderung und die Fürsorgepflicht aufgrund der Frauenquote der Partei

Ein interessanter Artikel im Spiegel:

Es ist gerade eine Woche her, da kehrte eine Bundesministerin spätabends vor laufender Kamera ihr Allerinnerstes nach außen, in 20 Jahren Hauptstadtjournalismus habe ich keinen so verstörenden wie verstörten Auftritt gesehen. Einige Stunden später trat Anne Spiegel zurück, und ihre Partei tat allen Ernstes so, als hätte sie damit nicht viel zu tun. Aus dem Auge, aus dem Sinn, bestenfalls in den gesellschaftlichen Umständen mochte die Führung der Grünen nach Ursachen für den beispiellosen Absturz suchen. So einfach kann man es sich machen. Anne, wer? Sie trägt ihr Kreuz allein.

Der Grund dafür ist natürlich auch schwer für die Grünen zu hinterfragen. Denn sie haben mehrere Dogmen, die dadurch betroffen sein können.

  • Einmal, dass Frauen an die Spitze kommen müssen und der Umstand, dass sie da nicht im gleichen Umfang vorhanden sind dem Patriarchat und dem Sexismus anzulasten sind
  • Zweitens das die Quote nicht unqualifiziertere Frauen nach oben bringt sondern nur den Nachteil der Diskriminierung ausgleicht.
  • Drittens das die Leistungsgesellschaft irgendwie doch böse ist und jeder natürlich auch als Mutter mit vielen Kindern einen Spitzenjob übernehmen kann
  • Und viertens daraus folgend das ein Angriff auf eine Frau in hoher Position böse ist

Es ist daher das Beste diesen Vorfall entweder totzuschweigen oder aber doch Sexismus dahinter zu sehen.

Genau das passt nicht zur Frauenquote, die den Grünen heilig ist, und darum geht es. Diese Quote suggeriert Fürsorge, doch das Gegenteil war der Fall.

„Die Quote suggeriert Fürsorge“ finde ich eine interessante Aussage. Sie wäre nur dann der Fall, wenn der Grundsatz Zwei nicht zutreffen würde. Die starke Powerfrau, die durch die Quote endlich die Chance erhält trotz des Sexismus nach oben zu kommen, ist mit Fürsorgepflichten nicht wirklich vereinbar. Und vermutlich ist es auch gerade deswegen schwierig sie auf Punkte, an denen sie angreifbar ist, hinzuweisen, was man ja auch an Baerbocks Lebenslauf gesehen hat.

Wenn ein Grüner sich hingestellt hätte und gemeint hätte, dass sie als 4-fach Mutter erst einmal prüfen muss, was ihr Mann leisten kann oder dies sogar nachweisen muss, damit sie das Amt schafft, der wäre einer großen Gefahr ausgesetzt gewesen als Sexist beschimpft zu werden.

Und natürlich: Wenn man eh schon wenige Kandidaten hat, die überhaupt Erfahrung in entsprechenden Ämtern haben, dann wird die Kritik an diesen noch schwieriger.

Die Führung hätte die Vorgeschichte der rheinland-pfälzischen Doppel-Landesministerin während der Flut unter die Lupe nehmen müssen, bevor sie nach Berlin ins Rampenlicht geschickt wurde. Das unterblieb, wiewohl ein identischer Fehler der Partei schon Annalena Baerbock den Wahlkampf versaut hatte. Die Führung hätte zudem den familiären Gründen der Überforderung Spiegels auf den Grund gehen müssen, die durch einen Umzug und ein Amt als Bundesministerin nicht kleiner wurde, oder? Und schließlich hätte die Führung den komplett selbstmörderischen TV-Auftritt niemals zulassen dürfen.

Hätte, Hätte. Hätte…

Es wäre interessant, ob es bei den Grünen jemanden gibt, der für solche Fragen zuständig ist. Jemanden, der ganz House of Cards mäßig ein „Vetting“ für die Kandidaten macht, in denen ihr ganzer Hintergrund überprüft wird und sie sich harte Fragen stellen lassen müssen. Nötig wäre es wahrscheinlich.

Aber auch irgendwie sexistisch. Und außerdem mütterfeindlich. Und viel zu leistungsorientiert.

Come on, das hat auch etwas mit der Frauenquote zu tun, eben weil sie der Partei so heilig ist. Eine schwache, überforderte Spitzenfrau kann es bei den Grünen nach eigenem Selbstverständnis nicht geben, weil sich die Partei als Hort und Heimat starker Frauen sieht, denen die Quote den Weg nach ganz oben bahnt. Es durfte nicht sein, was leider sehr wohl war. Pech für Frau Spiegel.

Dahinter wohnt nicht zuletzt die Überzeugung, dass idealiter niemals irgendwelche Umstände die beruflichen Chancen einer Person schmälern dürfen – was Frauen ja tatsächlich jahrhundertelang widerfahren ist. Allein: Das Amt einer Bundesministerin ist eines der wenigen, auf das diese Form von nacheilender Gleichberechtigung nicht anwendbar ist. Ämter dieser Art können nicht auf extreme Lebenssituationen zugeschnitten werden, stattdessen wird umgekehrt ein Schuh draus. Wer sie innehat, muss nahezu um jeden Preis »funktionieren«, so wie das für auch Jumbo-Piloten, die Chefärztin oder die Werkstatt gilt, die einem die Bremsen am Auto richtet. Und wenn dieses Funktionieren für eine gewisse Zeit partout nicht geht, dann ist das offenzulegen.

Da benennt er ja selbst das Dilemma, in denen sich die Grünen befinden. Starke Frauen leben damit eine gewisse „toxische Männlichkeit“, in denen sie nicht auf Probleme angesprochen werden und stark zu sein haben.

Frau Spiegel hätte – selbst kurz nach der Flut – vermutlich viel Verständnis für einen Urlaub in familiärer Not gefunden. Aber sie hat sich offenbar nicht getraut, ehrlich zu sein. Das sagt einiges über Frau Spiegel, die es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Aber es sagt mindestens so viel auch über das Klima bei den Grünen aus.

Dabei haben die 68er die zentrale Regel dieses Betriebs namens Spitzenpolitik formuliert: »Das Private ist politisch.« Mithin ist der Gesundheitszustand einer Ministerin relevant, wenn er ihre Amtsführung beeinträchtigt. Und mittelbar ist es auch der Gesundheitszustand der Kinder oder Partner, wenn der ebenfalls dazu geeignet ist. Warum hat Frau Spiegel nach dem gesundheitlichen Einbruch ihres Mannes noch zusätzliche Ämter angenommen? Wollte sie nicht Nein sagen, oder durfte sie nicht? Auch das wüsste man gern von einer Partei, die aus Prinzip jedes zweite Spitzenamt mit einer Frau besetzen will.

Ich glaube schon, dass sie wollte. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass der Gesundheitszustandes ihres Mannes besser war als sie es darstellt, aber sie braucht ja nun einmal eine Entschuldigung, denn wenn sie abstürzt, dann wird es schwierig mit dem nächsten Posten. Und dann wird das zwangsläufig zu einem sehr deutlichen Gehaltsabstieg kommen.
Ich bin tatsächlich gespannt, ob man sie irgendwo auffängt oder ob sie demnächst Sprachkurse irgendwo gibt oder einen anderen normalen Job hat.

Und wenn wir schon dabei sind: War es nicht auch parteieigene Bigotterie, die Frau Spiegel zur Strecke brachte? Die Landesgrünen in NRW hatten mit großer Lust geholfen, eine CDU-Landesministerin wegen eines ähnlichen (Fehl-)Verhaltens in den Rücktritt zu treiben. Zu deren Gunsten war vom vermeintlich frauenfeindlichen »System« aber keine Rede und von struktureller Frauenfeindlichkeit der Kritik an der Ministerin auch nicht. Ist das nur mir aufgefallen? Selten wurden die Tränenamphoren öffentlich so einseitig befüllt. Frau ist halt nicht Frau bei diesen Grünen, zumindest dann nicht, wenn Frau bei der CDU ist. Ministerin Spiegel hat es nicht zu retten vermocht, und dass die Doppelmoral nicht gesiegt hat, ist eine gute Nachricht.

Das war wirklich Pech für die Grünen. Die sonst immer ziehenden Vorwürfe des Sexismus zogen nicht, weil sie selbst gerne eine CDU-Politikerin zu Fall bringen wollten.