Gastartikel: Gibt es Rassismus ohne Kontext?

Gastartikel von Bean

Dieser Beitrag beginnt mit einem Bild – einem Bild, das vor einigen Tagen auf TikTok einen kollektiven Wutausbruch ausgelöst hat, als eine vermutlich US-amerikanische Nutzerin es in einem kurzen Video postete und kommentierte: „Das hier habe ich gerade in einem deutschen Buchladen gefunden. Und da behauptet man, Deutschland hätte kein Rassismusproblem!“

Wer das Problem nicht versteht: Es geht um die Darstellung von Jim Knopf, zu dessen Figur und Abenteuern eigentlich schon alles gesagt wurde. Es gibt in der deutschsprachigen Literatur wohl kaum einen sympathischeren farbigen Helden als ihn, und sein Autor hat ihn ganz bewusst als antirassistische Figur angelegt. Schon sein Name ist ein Bezug auf Jemmy Button, einem Findelkind, das Charles Darwin von seiner Galapagos-Reise mit der Beagle mit nach Hause brachte und das der Liebling der ganzen Schiffsbesatzung war. Jim Knopf besiegt im Buch rassistische Drachen, die ihr „reines Blut“ schützen wollen, rettet Prinzessinnen, hilft Meermenschen und schafft es sogar, die bösesten Piraten der Welt im Alleingang erst zu besiegen und dann zum Guten zu bekehren.

Das Buchcover zeigt ihn nun als stark stilisierten Schwarzen – mit wortwörtlich schwarzer Haut, dicken roten Lippen und krausem Haar. Die TikTok-Nutzerin sah in dem Bild eindeutige Parallelen zur Darstellung von Schwarzen in den sogenannten „Minstrel Shows“, in denen sich Weiße das Gesicht schwarz schminken und mit übertriebenem Gehabe das Benehmen von Schwarzen verulken. Und aufgrund dieser Ähnlichkeit – so die Nutzerin – sei das Buchcover ebenso rassistisch wie die Minstrel Shows.

Jetzt hatten wir in Deutschland natürlich bereits erkleckliche Diskussionen zu Mohrenstraßen, Mohren-Apotheken sowie dem Hotel Zu Den Drei Mohren, um zu wissen, dass manche Wörter Emotionen auslösen, und Bilder dementsprechend natürlich auch. Und dass es jemanden eventuell emotional erregen könnte, auf einem Buch ein Bild zu sehen, das ihn an eine rassistische Bühnenshow erinnert, wird wohl auch niemand ernsthaft bestreiten wollen. Gefühle sind subjektiv, und natürlich kann man sie auch unabsichtlich verletzen.

Aber machen verletzte Gefühle bereits Rassismus aus?

Genau hier war nämlich der Punkt in der Diskussion auf TikTok erreicht, bei dem meine Emotionen ein bisschen erregt waren. Der Konsens der weitaus meisten Kommentare ließ sich nämlich so zusammenfassen: Dieses Bild ist eindeutig rssistisch, weil es an etwas anderes erinnert, das auch eindeutig rassistisch ist, nämlich Minstrel Shows. Es spielt keine Rolle, ob die Intention dahinter rassistisch ist oder nicht (bei Minstrel Shows ist sie es – die Abwertung von Schwarzen und das Lächerlichmachen ihres Aussehens und Benehmens) – der äußere Anschein ist genug für die Einordnung als Rassismus.

In meinen Augen ist das eine absolut idiotische Definition. Es besteht für mich ein himmelweiter Unterschied zwischen jemandem, der aus einer Laune der Natur heraus dem deutschen Kanzler der Jahre 1933ff sehr ähnlich sieht und jemandem, der sich bewusst wie dieser stylt, um damit seine Vorliebe für dessen politische Ziele kundzutun. Die Intention spielt in meinen Augen die entscheidende Rolle für die Frage, was rassistisch ist und was nicht, und ich glaube nicht, dass es einen absichtslosen Rassismus gibt. Für mich war die Definition von Rassismus immer, Menschen anderer „Rasse“ auf Basis eben dieser „Rasse“ anders zu behandeln als andere bzw. mit meinem Handeln das Ziel zu verfolgen, diese Menschen in irgend einer Weise bewusst in ein schlechtes Licht zu rücken.

Eine Minstrel Show aufzuziehen und dafür Werbeplakate zu zeichnen ist Rassismus. Das Cover eines Kinderbuchs zu zeichnen, ist in meinen Augen keiner. Der rassistische Kontext fehlt, die Intention fehlt.

Der weitaus größte Teil der Diskussionsteilnehmer sah das anders. Egal, was im Buch steht – wenn das Cover so aussieht, ist es rassistisch. Punkt. Weil es aussieht, als wäre es rassistisch. Und was genau „rassistisches Aussehen“ ist, das wird dadurch definiert, dass Menschen der entsprechenden ethnischen Herkunft es als rassistisch definieren.

Letzteres ist meines Erachtens nach nicht diskutabel. Wenn man einer Ethnie das alleinige Definitionsrecht zugesteht, was rassistisch ist und was nicht und zugleich den so erkannten Rassismus mit aller Härte bekämpft, gesteht man dieser Ethnie zu, alles zu verfolgen und auszumerzen, das ihr nicht in den Kram passt. So erzeugt man keine Gerechtigkeit, so erzeugt man nur eine Herrenrasse, und das hatten wir hier schon mal.

Was ich zur Diskussion stellen möchte, ist das hier: Gibt es tatsächlich Dinge – Bilder, Wörter, irgend etwas, das befreit von jedem Kontext rassistisch ist? Ich tue mir damit sehr schwer. Aber ich habe nur meinen eigenen Blick auf die Dinge. Und der weicht ja offensichtlich mindestens mal von dem Standpunkt von etwa 3.000 TikTok-Nutzern ab. So was bringt mich schon zum Nachdenken.

Wie seht ihr das?

B E A N