Many Shades of Gender (18): Die GS werden doch politisch alimentiert.

Paula-Irene Villa Braslavsky, Genderprofessorin, hat ein FAQ zu Mythen über die Gender Studies erstellt. Ich wollte sie nach und nach hier besprechen:

Heute:

Die GS werden doch politisch alimentiert.

Mal sehen, was kommt.

 

Das Argument einer ‘politischen Alimentierung’ bzw. der Gender Studies als Lobbyismus ist zwar politisch als ein böser Vorwurf gemeint, der vor allem von den selbsternannten Gegnern und Gegnerinnen der Geschlechterforschung gemacht wird. Nimmt man die Polemik heraus, ist er jedoch durchaus korrekt. Er gilt aber dann: für genau alle Disziplinen, Fächer und Lehr- sowie Forschungsformen in öffentlichen Einrichtungen. Alle Wissenschaften sind (auch) politisch alimentiert, denn in einer rechtsstaatlichen Demokratie entscheiden Bundes- und Landesregierungen zumindest weitestgehend darüber, wie (gut) ihre Hochschulen finanziert, welche Themenbereiche fokussiert werden und wie die Ausbildung der Studierenden aussehen soll. Wenngleich Hochschulen in diesem Rahmen frei operieren (was sehr wichtig ist, um kreative, exzellente, bahnbrechende Forschung nach eigenen, also wissenschaftlichen Standards, zu ermöglichen), so gibt es immer wieder Themen, die politisch für besonders relevant befunden werden (etwa die Heilung bestimmter Krankheiten, Stadtplanung, Migration, Klimakrise etc.). Dann wird unter Umständen entsprechend entschieden, bestimmte Schwerpunktprogramme auf diese Themen zu legen – und damit auch nicht auf andere. Das geschieht allerdings immer entlang der Empfehlungen der scientific community und unter Einhaltung derer Standards.

Das ist natürlich ein schwieriges Thema. Der Vorwurf ist ja nicht, dass die Gender Studies wie jeder andere Wissenschaftsbereich mit Geldern unterstützt werden, sondern das sie aus ideologischen Gründen und nicht wegen ihrer Wissenschaftlichkeit unterstützt werden.

Und der Vorwurf scheint mir auch zu sein, dass sie finanziell unterstützt werden ohne das man wirklich hinterfragt, ob sie wissenschaftlich arbeiten, weil einem das Ergebnis gefällt.

Einen entsprechend gestalteten starken Fokus auf die Gender Studies gab es in der Bundesrepublik bisher nicht. Zwar haben einzelne Bundesländer manche Professur für Frauen- oder Geschlechterforschung mit-finanziert oder die Vernetzung bereits bestehender Stellen/Professuren/Zentren unterstützt (so etwa in NRW https://www.netzwerk-fgf.nrw.de/das-netzwerk/das-netzwerk/  oder in Berlin https://www.berlin.de/sen/frauen/oeffentlichkeit/frauenpolitische-netzwerke/afg/artikel.29327.php), aber tatsächlich haben sich die Gender Studies aus den Forschungskontexten und den einzelnen Disziplinen heraus, also wissenschaftsimmanent, entwickelt. Dabei hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Geschlechterfragen bei vielen Forschungs-Themen eine Rolle spielen, nicht zuletzt auch in Medizin (z.B. https://www.dgesgm.de), Wirtschaft (z.B. am DIW Berlin https://www.diw.de/de/diw_01.c.364695.de/forschung_beratung/forschungsgruppen/gender_studies/gender_studies.html), Jura (zB Univ. Wien; https://rechtsphilosophie.univie.ac.at/team/holzleithner-elisabeth/). Die Nachfrage nach Gender Studies ist also gestiegen und viele dem Vorurteil nach eher “konservative” Wissenschaften integrieren die Gender-Perspektive in ihren Kanon.

Sie haben sich ideologisch entwickelt und ignorieren einen Großteil anderer Forschung. Aber da muss man aufpassen, dass die Kritik nicht selbst ideologisch wird.

Ich vermute mal niemand hätte das geringste Problem damit, wenn Sonderlehrstühle für Informatik, Physik, Maschinenbau, also „härte“ und wirtschaftsnahe Wissenschaftsbereiche eingerichtet werden.

Gender Studies sind aber immer noch ein vergleichsweises kleiner Forschungs- und Lehrzusammenhang an deutschen Universitäten (ca. 0,4% aller Professuren an Universitäten im deutschsprachigen Raum haben eine Voll- oder Teildenomination; vgl. https://www.mvbz.org/anmerkungen-zur-datensammlung.php). Da die Gender Studies darüber hinaus – anders als bahnbrechende Forschungen der Biophysik, der Neurologie oder des Geo-Engineering – ohne teure Studien an Menschen, besondere Technik oder zusätzliches Personal auskommen, wäre ihre vermeintliche “Alimentierung” tatsächlich recht günstig.

Vielleicht kann man den Vorwurf so fassen, dass es im wesentlichen Gesinnungslehrstühle sind, die einer ganz bestimmten Ideologie folgen und auch deswegen eingerichtet werden. Und das auch gerade der daraus folgende ideologische Einfluss gewünscht ist.

Oder so, dass sie sich selbst von einer Vielzahl sonst geltender wissenschaftlicher Vorgehensweisen freisprechen und dennoch finanziert werden.