„Junge Männer, habt ihr Angst davor, ein alter weißer Mann zu werden?“

Das SZ jetzt Magazin greift berechtigte Ängste auf:

Liebe junge weiße Männer,

wohl wirklich kaum jemand will derzeit ein alter weißer Mann sein – zumindest nicht das, wofür der Begriff steht, nämlich verkürzt gesagt die Inkarnation des ewig Gestrigen. Wegen ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe genießen alte weiße Männer von Geburt an Privilegien, die andere nicht haben – und die sie auch nicht teilen möchten. Sie stehen für eine Gesellschaft, deren Strukturen sich an den Bedürfnissen einer einzigen Gruppe orientieren und in der Frauen, queere Menschen und People of Color weniger Platz und weniger Macht haben. Lust, sich das einzugestehen, haben alte weiße Männer aber wenig.
Zum alten weißen Mann macht einen Mann vor allem die Einstellung: Es ist möglich, als 80-Jähriger für Frauenrechte zu kämpfen – oder mit 23 in jedem Gendersternchen einen Angriff auf unsere Gesellschaft zu sehen. Auch Frauen können zumindest ein kleines bisschen wie alte weiße Männer sein.
Rein von außen betrachtet werdet ihr irgendwann definitiv mal alte weiße Männer sein
Jetzt ist es ja so: Viele von euch jungen weißen Männern bezeichnen sich selbst als Pro-Feministen. Ich habe viele Kollegen, Freunde und Bekannte, die für mehr Frauen in Führungspositionen sind, sich gegen Sexismus einsetzen und auf geschlechtersensible Sprache achten. Die sich eine andere Gesellschaft wünschen. Die sich überhaupt nicht mit dem alten weißen Mann und seinen Argumentationsmustern identifizieren. Und gerade ist es für euch ja auch noch leicht, euch zu distanzieren, ihr seid ja noch nicht alt.

Trotzdem werdet ihr, zumindest rein äußerlich, irgendwann definitiv mal alte weiße Männer sein. Und wir fragen uns, wie sich das eigentlich anfühlt. Stresst euch das? Oder seid ihr euch vielleicht ganz sicher, dass ihr niemals so werdet, sondern den Typ des coolen alten weißen Mannes etabliert? Des pro-feministischen alten weißen Mannes? Oder hofft ihr einfach, dass sich in 30 Jahren niemand mehr an den Begriff erinnert?
Erzählt doch bitte mal

Eine Frage, die gleichzeitig wunderbar zeigt, wie bescheuert dieser Begriff ist und wie irreführend seine Verwendung ist.

Wie im Artikel dargelegt soll ja angeblich der „alte weiße Mann“ gar nicht ein „alter weißer Mann“ sein, sondern nur deren angeblich typisches Verhalten stellvertretender Namensgeber sein.

Aber man muss wahrscheinlich in einem relativ feministischen Zirkel sein, um da tatsächlich Ängste zu entwickeln. Zumal ja der junge weiße Mann auch weiterhin jung und weiß ist und damit genauso Angriffsziel.

Die Antwort:

Auch wir finden es sehr ermüdend, wenn sich alte weißer Männer in Talkshows angegriffen fühlen, weil sie als alte weiße Männer bezeichnet werden und dann beleidigt sind und das mit Diskriminierung verwechseln. Klar, wenn wir weiß und jung sind, werden wir auch irgendwann weiß und alt sein. Aber die allermeisten von uns haben gecheckt, dass der Begriff des alten weißen Mannes vor allem etwas mit der patriarchalen Einstellung zu tun hat und die Diskriminierungsdebatte darum eine Scheindebatte ist, die von wahren Problemen wie dem Gender Pay Gap ablenken soll.

Das scheint irgendwie eher ein verschleierter Belehrungsartikel zu sein, dass man ja gar nicht mitgemeint ist.

Tatsächlich lehnen umgekehrt auch solche Begriffe eher davon ab, dass der Gender Pay Gap ein sehr künstliches Problem ist, welches Frauen weit eher ändern könnten als Männer, es aber üblicherweise gar nicht ändern wollen.

Deshalb glaube ich persönlich, dass wir jungen weißen Männer diesen Begriff aushalten müssen. Denn er steht für etwas, das richtig ist und das man beim Namen nennen muss, um es abzuschaffen: den gesellschaftlich dominanten Mann der vergangenen Jahrhunderte. Trotzdem macht es natürlich was mit uns, dass der alte weiße Mann zum Inbegriff von Konservatismus und Antifeminismus geworden sind. Denn, wie ihr schon sagt, da ist die Biologie unerbittlich: Wir werden irgendwann, zumindest äußerlich, alte weiße Männer sein.
Das stresst zumindest diejenigen von uns, die profeministische Ansichten haben. Werden wir die auch noch haben, wenn wir älter sind? Machen wir uns dann noch die Mühe, unsere Sprache zu gendern, oder sind wir irgendwann wir zu bequem dafür? Jetzt sind wir uns noch sehr sicher, dass wir unsere Prinzipien nie ändern werden. Aber wer weiß schon, was in zwanzig Jahren sein wird. Also ja: Wir haben Angst davor, irgendwann auch alte weiße Männer zu werden.

Würde mich interessieren, wie viele Leute da so antworten würden.

 

Ich denke, dass der Begriff des alten weißen Mannes für viele junge weiße Männer eine Chance ist
Das Gute ist, dass wir aktiv etwas dagegen tun können. Die Debatte um alte weiße Männer hat uns sensibilisiert. Wir hören genauer hin, wenn jemand einen Witz auf Kosten von Frauen macht und hinterfragen diesen Witz viel mehr als früher. Wir widersprechen älteren Verwandten schneller, wenn sie sich diskriminierend äußern. Und auch uns selbst hinterfragen wir mehr. Muss dieser Spruch wirklich sein? Und wann sollte man als Mann in einer Diskussion auch einfach mal die Klappe halten?

Ich denke, dass der Begriff des alten weißen Mannes für viele junge weiße Männer eine Chance ist. Wir können es besser machen. Wenn wir mal alte weiße Männer sind, dann haben wir hoffentlich unser Leben lang dazu beigetragen, dass dieser Begriff ausgedient hat, indem wir unseren Mund aufgemacht haben, wenn jemand eine Kollegin „ermutigt“ hat, ihre Bluse noch ein Knöpfchen weiter aufzumachen oder wenn eine Frau in einer Führungsposition nicht ernst genommen worden ist, nur weil sie eine Frau ist. Wir sollten von den alten weißen Männern lernen, wie man es nicht macht. Dann hat dieser Begriff seinen Wert erfüllt.

Das Problem ist, dass der typische alte weiße Mann gar nichts besonderes falsch macht und auch kein so viel anderes Leben lebt als andere Männer.

Die wenigsten Männer dürften sich so verhalten wie in den Beispielen. Auch wenn sich sicher einige Männer, egal welchen Alters und welcher Hautfarbe, so verhalten.